Mein erster Blick war des Morgens nach dem Wetter, -- ach! es war so wie
gestern, und die erfahrnen Bauersleute prophezeiten mir, daß es auch so
bleiben würde. Umkehren, oder hier einige Tage auf besseres Wetter warten
wollte ich nicht, und so blieb mir nichts anders übrig, als mein Boot
wieder zu besteigen, meinen ganz durchnäßten Mantel umzuhängen, und muthig
weiter zu schiffen.
Schon das Schlußbild des See's, das sich uns bald zeigte, entschädigte mich
zum Theil für meine bewiesene Ausdauer. -- Ein hoher Berg stellt sich
der Breite nach dem See entgegen, der sich beiderseits an seinen Abhängen
verläuft, und zwei überaus reizende Buchten bildet. Wir lenkten in die
linkseitige, und landeten bei dem Oertchen _Mael_, das an der Mündung des
Flusses Rykaneß liegt. Die Entfernung von Haukaneß bis hieher beträgt eine
halbe Meile.
Ich mußte nun ein Pferd besteigen, um zu dem noch 2½ Meilen entfernten
Wasserfalle zu gelangen. Der Weg führt durch ein schmales Thal, das immer
enger und enger wird, und bald blos dem Strome Raum gibt, so daß man die
Höhen ersteigen, und sich an den Abhängen der Berge fortwinden muß. Man
sieht dann unten im Thale nur den Schaum der Wellen, die sich an den
Klippen und Felsen brechen; -- gleich einem Silberfaden erglänzt ihr Band
in der finstern Tiefe. Oft führt der Weg so hoch an den Bergen, daß man
weder den Strom selbst sieht, noch sein Rauschen vernimmt. -- Die letzte
halbe Meile muß man zu Fuß machen. Da gelangt man an Stellen, die wirklich
gefährlich zu passiren sind; zahlreiche Wasserfälle, die man auf Stegen von
zusammen gelegten Baumstämmen umgehen muß, stürzen von den Bergen und kaum
fußbreite Wege führen an schwindelnden Alpenwänden vorüber. -- Doch
kann man sich furchtlos auf den Arm des Führers stützen, der noch Jeden
glücklich an das ersehnte Ziel geleitete.
Diese Partie von Haukaneß bis an den Wasserfall müßte an einem
freundlichen, sonnenhellen Tage das schönste sein, was man sich wünschen
könnte; denn selbst trotz dem beständigen Regen trotz meinen von
Nässe triefenden Kleidern, ward ich begeistert von der mich umgebenden
wildromantischen Natur, und hätte um keinen Preis meinem vorgesteckten
Ziele entsagt. Leider nahm das Unwetter immer mehr zu, und dichte Nebel
wälzten sich von allen Seiten dem Thale zu. Das Wasser rieselte überall von
den Bergen herab, und verwandelte unsern Gehsteig oft in einen förmlichen
Bach, dessen Wasser uns hoch über die Knöchel ging. -- Endlich gelangten
wir an die Stelle, von welcher der Fall am besten übersehen werden konnte.
Noch war er nebelfrei, und es war mir vergönnt, die außerordentliche
Schönheit seines Sturzes und seines Wasserreichthumes zu bewundern. Ich sah
den ungeheuern Felsberg, der das Thal schließt, die ungeheure Wassersäule,
die über ihn rollt, und in der Mitte des Falles an den vorragenden Felsen
anprallend, und das ganze Thal mit Schaumwolken erfüllend, kaum die
Tiefe erkennen läßt, in die sie hinabstürzt. -- Ach! ich sah eines der
seltensten, eines der herrlichsten Naturwunder, aber ich sah es nur -- auf
einen Augenblick; ich hatte nicht einmal Zeit, mich von der Ueberraschung
des ersten Anblicks zu erholen. Es war mir nicht vergönnt die einzelnen
Großartigkeiten des Falles oder seiner Umgebung anzustaunen, -- ich mußte
mit _einem_ Bilde, mit _einem_ Blicke zufrieden sein. Undurchdringliche
Nebel senkten sich von allen Seiten in die wilde Schlucht herein, und
hüllten Alles in völlige Nacht. Ich setzte mich auf einen Felsblock,
und starrte zwei Stunden lang auf den Ort hin, wo der Fall kaum in den
schwächsten Umrissen durch den Nebel zu erkennen war; oft aber gingen sogar
diese verloren, und dann erkannte ich seine Nähe nur an dem fürchterlichen
Tosen des Sturzes, und an dem Erzittern der Felsen unter meinen Füssen.
Nachdem ich so lange geschaut und gehofft, und meinen Blick vergebens, nur
um einen einzigen Sonnenstrahl flehend, zum Himmel erhoben hatte, mußte
ich mich endlich doch zur Rückkehr entschließen. Beinah mit Thränen im Auge
verließ ich meinen Standpunkt, und hatte im Vorwärtsschreiten den Kopf
mehr rück- als vorwärts gewendet. Hätte sich der Nebel nur etwas zerstreut,
gleich würde ich wieder umgekehrt sein.
Leider entfernte ich mich immer mehr und mehr davon, bis zu dem Oertchen
_Mael_, wo ich betrübt mein Boot wieder bestieg, und ohne Unterbrechung
nach dem Oertchen Tindosoe fuhr. -- Erst gegen 10 Uhr Abends kam ich da
an. -- Die schreckliche Nässe, die Kälte, der gänzliche Mangel an
Nahrungsmitteln, und vor allem Andern meine durch die getäuschte Hoffnung
etwas getrübte Gemüthsstimmung hatten mich so angegriffen, daß ich mich mit
leichten Fieberanfällen zu Bette legte, und schon glaubte, meine Reise
des andern Tages nicht fortsetzen zu können. -- Doch meine kräftige Natur
besiegte Alles, und um 5 Uhr Morgens war ich schon wieder bereit meine
Reise zu Pferd nach Bolkesoe anzutreten.
Ich mußte so eilen, um die Abfahrt des Dampfschiffes von Christiania
nicht zu versäumen. -- Man hatte mir die Reise nach Delemarken viel kürzer
angegeben, als ich sie in der Wirklichkeit fand; auch nimmt das ewige
Warten auf Pferde, Boote, Führer u. s. w. sehr viele Zeit in Anspruch.