Erst heute bei Tage konnte ich die Lage des Oertchens Bolkesoe besehen;
gestern war sie mir durch das Dunkel der Nacht verborgen. Es liegt in einem
niedlichen Waldthale, auf einem kleinen Hügel, zu dessen Füssen sich ein
artiger See gleichen Namens ausbreitet.
Von hier bis _Tindosoe_, 3½ Meile ist der Weg nicht mehr fahrbar, man muß
seine Zuflucht zum reiten nehmen; ich ließ also mein Carriol zurück und
stieg zu Pferde. -- Die Gegend wird nun immer unbewohnter und stiller, und
die Thäler werden zu förmlichen Schluchten. Um so überraschender ist der
Anblick zweier Seen, die in ziemlicher Ausdehnung zwischen den Bergen
liegen. Der größere davon, der Foelsoe, hat eine ziemlich regelmäßige Form,
mag eine halbe Meile im Durchmesser haben, und ist von schönen Gebirgen
kreisförmig umgeben. Besondern Effect machen die düstern Schatten, die die
nadelbewachsenen Spitzen der Berge auf seine spiegelglatte Fläche werfen.
Ich ritt über eine Stunde an seinen Ufern, und hatte überhaupt während
dieser ganzen Partie Zeit genug, Alles genau zu besehen und zu betrachten,
denn das Reiten geht hier zu Lande höchst langsam von statten. Der
Begleiter hat kein Pferd, und geht nebenher zu Fuß, und zwar meist auf
etwas schläfrige Weise; das Pferd kennt durch mehrjährige Erfahrung die
Eigenschaft seines Herrn, und ist nur zu bereitwillig, ihn dabei durch
einen ebenfalls langsamen, schwerfälligen Gang zu unterstützen. -- Ich ritt
über 5 Stunden bis nach dem Oertchen Tindosoe. -- Von hier muß man, um nach
dem berühmten Wasserfalle des _Rykanfoß_ -- meinem dießmaligen Ziele -- zu
gelangen, über einen großen See schiffen. -- Obwohl der Regen bereits seit
der letzten Meile mein unzertrennlicher Begleiter gewesen war, und der
Himmel von allen Seiten höchst melancholisch auf mich herab blickte,
miethete ich doch augenblicklich ein Boot mit zwei Ruderern, um meine Reise
alsogleich fortzusetzen. Ich befürchtete nämlich einen Sturm, und würde
dann keinen Schiffer gefunden haben, der es gewagt hätte, die 4 oder 5
Stunden lange Fahrt auf diesem gefährlichen See zu unternehmen. -- Nach
zwei Stunden war schon Alles in Ordnung, und unter heftigem Regen fuhr
ich ab. -- Ich mußte mich noch glücklich schätzen, doch wenigstens keine
starken Nebel zu Begleitern zu haben, denn dadurch wären mir die großen
Schönheiten der mich umgebenden Natur verborgen geblieben. -- Der See ist
bei 4 Meilen lang, jedoch nur an manchen Stellen eine halbe Meile breit. Er
ist von allen Seiten von Bergen umgeben, die zum Theil sich terassenförmig
erheben, und auch nicht den kleinsten Ausschnitt zu einer Fernsicht bilden.
In Folge dieser Gebirge, die größtentheils mit finstern Tannenwaldungen
bedeckt sind und vermöge der nicht sehr bedeutenden Breite des See's ihn
ganz überschatten, sieht sein Wasser vollkommen dunkel, ja beinahe schwarz
aus. -- Dieser See ist sehr gefährlich zu befahren wegen der vielen
Felswände, die senkrecht aus dem Wasser steigen. Ueberfiele den Fahrenden
in ihrer Nähe ein Sturm, so würde sein Boot an ihnen zerschmettert, und er
in der Tiefe des See's sein Grab finden. -- Wir hatten zwar auch ziemlichen
Wind, er war uns aber günstig, und trieb uns rasch unserm Ziele zu. -- An
einer dieser Felswände bildet sich ein starkes Echo.
Dieser See hat eine Insel, an der man gleich nach der ersten Meile vorüber
kömmt; sie ist höchstens eine viertel Meile lang, und scheidet ihn in
zwei ganz gleiche Theile. -- Nunmehr gestalten sich die Gebirge ganz
eigenthümlich. Ein Berg scheint dem andern vortreten zu wollen, und schiebt
seinen Fuß tiefer in den See hinein; es bilden sich dadurch viele liebliche
kleine Buchten, deren Mehrzahl aber weder zum Landen noch zum Einfahren
geeignet ist, da überall gefährliche Klippen und Felsen aus dem Wasser
hervorragen.
Wunderbar nehmen sich die kleinen Fleckchen Wiesen oder Felder aus, die wie
an den Wänden zu schweben scheinen, so wie die bescheidenen Häuschen der
Bauern, die oft an den gefährlichsten Abhängen stehen, und über die sich
Felsmassen und Trümmer zu Bergen thürmen. Die fürchterlichsten Blöcke
hängen hie und da darüber, und drohen den baldigen Einsturz, der freilich
Hütte und Felder mit in den See reißen würde. Man weiß da wahrlich nicht,
ob man die Wahl solcher gefährlicher Wohnplätze mehr der Tollkühnheit oder
der Dummheit der Bauern zuschreiben soll.
Von den Bergen stürzen sich viele Flüsse in den See, die wunderschöne,
wasserreiche Fälle bilden. Freilich mag dieß auch nur jetzt der Fall
gewesen sein, weil es unaufhörlich regnete, so daß von allen Seiten
Wasser herabrieselte, und die Berge und Felsen wie mit zarten Silberfäden
durchwirkt erschienen. Es war ein schöner Anblick; ich würde ihm aber gerne
entsagt, und dafür lieber die Sonne gesehen haben. Sich einem so heftigen
Gebirgsregen von Früh bis Abends Preis zu geben, ist denn doch keine
Kleinigkeit. -- Ich war durch und durch naß, und hatte keine Aussicht auf
besseres Wetter, da der Himmel auf allen Seiten finster, und mit Wolken
bedeckt war. Bald wäre sogar meine Beharrlichkeit erschüttert worden, und
ich war schon deßhalb im Begriffe umzukehren, und dem Ziele meiner Reise,
dem Anblicke des höchsten norwegischen Wasserfalles zu entsagen; -- --
da fiel mir ein, daß dieses schlechte Wetter meinem Zwecke gerade günstig
wäre, daß mit jedem Tropfen die Schönheit des Wasserfalles gesteigert
würde, -- und ich ließ vorwärts rudern.
Nach vierthalb Stunden erreichten wir _Haukaneß am See_, an welchem Orte
man gewöhnlich über Nacht zu bleiben pflegt, da man hier einen recht netten
»Hof« findet, und die Entfernung des Falles doch noch bedeutend ist.