3. Juli.

Nahe an Reikum setzten wir über ein Bächlein, das all diese heißen Quellen

aufnimmt, und da einen artigen Fall bildet. Wir stiegen hierauf den daran

stoßenden Berg hinan, und ritten dann gute zwei Stunden in einer Hochebene

fort. Die Hochebene selbst bot, da sie nur mit Lavagerölle und Moos bedeckt

war, einen sehr einförmigen Anblick, -- dagegen war aber die Aussicht

desto abwechselnder und schöner. Thal und Meer lagen ausgebreitet vor den

Blicken, und ich sah, was mir auf dem Hekla die Wolken neidisch

verborgen hatten, -- in weiter Ferne eine schöne Gebirgskette, die

_Westmanns-Inseln_. Zu meinen Füßen lagen einige Häuschen, der Hafenort

_Eierbach_, und unweit davon strömen die Wasser der Elvas in jene des

Meeres.

Am Ende dieser Hochebene lag ein Thal, das zwar auch nur wieder mit Lava

ausgefüllt war, aber mit jener schwarzen, zackigen, die einen so überaus

schönen Anblick gewährt. Mächtige Ströme dieser Lavaart durchzogen es von

allen Seiten, so daß es beinahe einem schwarzen See glich, der durch eine

Reihe ebenfalls schwarzer Berge von dem Meere abgedämmt war.

Ueber Lava-Trümmer und Schneeflächen mußten wir uns in dieses finstere Thal

hinab den Weg bahnen, und dann ging es fort durch Thäler und Schluchten,

über Lavafelder und Wiesenflächen, an dunkeln Bergen und Hügeln vorüber,

bis zur Hauptstation meiner isländischen Reisen, -- bis nach Reikjavik.

Das ganze Land zwischen Reikum und Reikjavik ist größtentheils unbewohnt.

(Eine Strecke von 10 Meilen). Nur hie und da sieht man in den Lavafeldern

kleine Pyramiden von Lavasteinen aufgeschichtet, die als Wegweiser dienen,

und an zwei Stellen sind Häuschen errichtet für jene Reisende, die da im

Winter durchmüssen. -- Wir trafen aber dennoch sehr viel Leben auf den

Straßen, und überholten häufig Caravanen von 15-20 Pferden. -- Es war

nämlich jetzt Anfangs Juli, die Zeit des Verkehres und Handels in Island.

Da ziehen die Landleute 20 und noch mehrere Meilen weit nach Reikjavik,

um ihre Erzeugnisse und Produkte theils gegen Geld, theils gegen andere

Bedürfnisse umzusetzen. -- Die Kaufleute und Faktoren haben dann nicht

Hände genug, die Waaren umzutauschen, oder die Rechnungen zu schließen, die

der Bauer für das oft schon während des Jahres Genommene berichtigen will.

Um diese Zeit herrscht in und um Reikjavik eine Lebendigkeit sonder

gleichen. Ueberall sieht man zahlreiche Gruppen von Menschen und Pferden.

Hier werden Waaren auf- oder abgeladen, dort begrüßen sich Freunde, die

sich schon ein ganzes Jahr, oder noch länger nicht gesehen haben. Da nehmen

Andere von einander Abschied; hier sieht man einzige Zelte[4] errichtet,

vor welchen sich Kinder herum tummeln, dort sieht man Betrunkene taumeln,

oder wohl gar zu Pferde heran sprengen, daß Einem angst und bange wird, und

man jeden Augenblick fürchtet sie stürzen zu sehen u. s. w.

[4]: Jeder nur etwas wohlhabende Bauer, der sich mehrere Tage von

seinem Hause entfernt, führt ein kleines Zelt bei sich, das er überall

aufschlagen kann. Diese Zelte sind höchstens 3 Fuß hoch, 5 bis 6 Fuß

lang und 3 Fuß breit.

Leider währt diese Lebhaftigkeit höchstens 6-8 Tage. Für den Bauer ist

die Heuernte vor der Thüre, und der Kaufmann muß eilen seine eingelösten

Produkte und Waaren zu ordnen, und seine Schiffe damit zu befrachten, um

absegeln zu können, und noch vor den Stürmen des herbstlichen Aequinoctiums

seinen Hafen zu erreichen.

Von Reikjavik bis Thingvalla 10 Meilen.

Von Thingvalla bis an den Geiser 8 "

Vom Geiser nach Skalholt 6 "

Von Skalholt bis Sälsun 8 "

Von Sälsun bis Struvellir 2 "

Von Struvellir bis Hjalmholm 6 "

Von Hjalmholm bis Reikum 7 "

Von Reikum bis Reikjavik 10 "

-------------

57 Meilen.

Fernere Bemerkungen über Island und seine Bewohner.

Durch meine Reisen in diesem Lande hatte ich natürlich Gelegenheit, seine

Bewohner, und deren Thun und Treiben kennen zu lernen. Ich muß gestehen,

daß ich von dem Bauernstande einen höhern Begriff gehabt hatte. Wenn man in

der Geschichte ihres Landes liest, daß die ersten Bewohner dieser Insel von

aufgeklärten Staaten ausgewandert waren, daß sie Gesittung und Kenntnisse

mitgebracht hatten; wenn man in den Schilderungen früherer Reisenden stets

von dem einfach gemüthlichen Volke, von seiner wahrhaft patriarchalischen

Lebensweise sprechen hört; wenn man endlich weiß, daß fast jeder Bauer

Island's lesen und schreiben kann, daß man in der ärmsten Hütte wenigstens

die Bibel, und noch andere Bücher religiösen Inhaltes findet; so ist man ja

freilich geneigt, dieß Volk für das beste und gebildetste von ganz Europa

zu halten. -- Die Gesittung desselben dachte ich mir auch hinlänglich

verwahrt und gesichert durch den wenigen Verkehr mit Fremden, durch das

vereinzelte Leben, und durch die Armuth des Landes. Da gibt keine große

Stadt Gelegenheit zu Putz und Unterhaltung, zur Erzeugung geringerer oder

größerer Laster. -- Nur selten betritt ein Fremdling die Insel, deren große

Entfernung, deren rauhes Clima, Unwirthlichkeit und Armuth zu abschreckend

sind. -- Was allein sie interessant macht, Großartigkeit und Seltsamkeit

der Natur, genügt dem großen Haufen nicht.

Ich hielt daher Island, in Bezug seiner Bewohner, für ein wahres

Arkadien, und freute mich innig ein solch idyllisches Leben doch zum Theil

verwirklicht zu sehen. -- Ich fühlte mich so glücklich, als ich dieses Land

betrat, -- ich hätte alle Menschen an mein Herz drücken können, -- -- --

Aber bald ward ich eines Andern belehrt.

Oft schon zürnte ich dem Mangel an Begeisterung, der bei mir sehr arg sein

muß, da ich leider immer Alles viel prosaischer sehe, als andere Reisende.

Ich bin auch weit entfernt zu behaupten, daß ich _recht_ sehe, -- höchstens

habe ich die gute Eigenschaft, das Gesehene so darzustellen, wie ich es

sah, und nicht Andern nachzuplaudern.

Die Unhöflichkeit und Herzlosigkeit der sogenannten »gebildeten Klasse«

habe ich bereits geschildert. Von dieser verlor ich sehr bald die

vorgefaßte gute Meinung. Nun kam die Reihe an die Arbeitsleute in der Nähe

Reikjavik's. -- Wie das Sprichwort von den Schweizern sagt: »Kein Geld,

kein Schweizer«, -- so kann man von diesen sagen: »Kein Geld, kein

Isländer.« -- Hier nur einige Beispiele:

Kaum erfuhren sie, daß ich, eine Fremde, angelangt sei, so kamen sie auch

schon häufig und alle Augenblicke zu mir, und brachten mir Gegenstände ganz

gewöhnlicher Art, wie man sie in Island überall findet; die sollte ich nun

theuer bezahlen. Anfangs kaufte ich Manches aus Mitleid, oder um nur Ruhe

zu haben, und warf es gewöhnlich wieder weg; bald aber mußte ich damit

aufhören, ich wäre sonst den ganzen Tag von Groß und Klein umlagert

gewesen. Die Sucht sich auf leichte Art etwas zu verdienen, nahm ich ihnen

dabei noch weniger übel, als die Unverschämtheit, mit der sie die Preise

machen und den Fremdling zu prellen suchen. -- Für einen Käfer, den man

unter jedem Steine finden konnte, begehrten sie 5 kr. C. M., für eine

Schnecke, von deren Art Tausende an der Küste lagen, eben so viel, und für

ein Vogelei, ganz gewöhnlicher Art 10 bis 20 kr. Zwar ließen sie dann,

wenn ich nichts kaufen wollte, oft zwei Drittheile der Forderung nach;

sicherlich war dieß aber keine Folge ihrer Redlichkeit. Ein anderes

Beispiel des Eigennutzes dieser Leute, erlebte der Bäcker, bei dem ich

wohnte. -- Er hatte einen armen Taglöhner aufgenommen, um sein Haus mit

Theer bestreichen zu lassen. Mitten in dieser Arbeit begriffen, kam dem

Manne ein anderer Verdienst vor. Da fand er es nicht einmal der Mühe werth,

den Bäcker zu fragen, ob er einige Tage bei ihm aussetzen dürfe; er ging

fort, und kam erst nach acht Tagen wieder, um die unterbrochene Arbeit

fortzusetzen. Um so schändlicher war dieß Benehmen von ihm, da seine Kinder

vom Bäcker wöchentlich zweimal Brod, und auch noch Butter dazu bekamen.

Auch ich war so glücklich, Aehnliches zu erfahren. Herr Knudson hatte für

mich einen Führer gedungen, und in einigen Tagen schon sollte die Reise

angetreten werden. Da wollte zufälliger Weise auch der Stiftsamtmann einen

Ausflug machen, und schickte um meinen Führer. Dieser hoffte da mehr zu

verdienen, und sagte zu, kam aber nicht zu mir, um sich zu entschuldigen,

sondern ließ mir blos am Vorabend der Reise sagen, daß er krank geworden

sei, und folglich nicht mit mir gehen könne. -- Und solche Beispiele, die

dem Isländer gerade nicht zum Lobe gereichen, könnte ich noch gar viele

aufzählen.

Ich tröstete mich, Einfalt und Redlichkeit in den entfernteren Gegenden zu

finden, und freute mich deßhalb doppelt auf meine Reisen in das Innere

des Landes. -- Da fand ich wohl manches Gute, doch leider auch so viele

Schattenseiten, daß ich weit entfernt bin, die isländischen Bauern als

Muster aufzustellen.

Die vorzüglichste ihrer guten Eigenschaften ist die Ehrlichkeit. -- Ich

konnte meine Sachen überall liegen lassen, und stundenlang davon entfernt

bleiben, -- nie mangelte mir das geringste, ja sie erlaubten sogar weder

sich noch ihren Kindern auch nur etwas davon in die Hände zu nehmen. In

diesem Punkte sind sie so gewissenhaft, daß wenn z. B. ein Bauer aus einem

entfernteren Orte kömmt, und in eine Kothe treten will, er gewiß nicht

unterläßt, vorher an die Thüre zu klopfen, selbst wenn sie offen steht.

Sagt Niemand »herein«, so betritt er sie nicht. -- Man könnte ohne Furcht

und Sorge bei unverschlossener Thüre schlafen.

Ueberhaupt sind Verbrechen hier so selten, daß das Gefängnißgebäude zu

Reikjavik schon seit vielen Jahren in das Wohnhaus für den Stiftsamtmann

umgewandelt wurde. -- Kleine Vergehungen werden gleich bestraft, entweder

in Reikjavik selbst, oder an dem Orte, wo der Sysselmann seinen Sitz hat.

-- Große Verbrecher werden nach Kopenhagen geschickt und dort verurtheilt

und bestraft.

Mein Hausherr zu Reikjavik, der Bäckermeister Bernhöft, erzählte mir,

daß seit den 13 Jahren, die er in Island ansässig ist, nur ein großes

Verbrechen begangen worden sei. -- Ein verheiratheter Bauer hatte mit

seiner Magd ein Kind gezeugt, und es gleich nach der Geburt verbrannt. --

Die kleineren Verbrechen bestehen meistens aus Vieh-Diebstählen.

Was die Kenntnisse der Isländer anbelangt, so sah ich wirklich mit

Erstaunen, daß fast Alle lesen und schreiben konnten; Letzteres war unter

dem weiblichen Geschlechte etwas seltener. Jünglinge und Männer aber hatten

oft recht gute und feste Schriften. -- Bücher fand ich in jeder Hütte,

wenigstens die Bibel, oft aber auch Gedichte und Erzählungen, manchmal

sogar in dänischer Sprache.

Ihr Begriffsvermögen ist ebenfalls sehr gut. Wenn ich in ihrer Gegenwart

meine Landkarte aufschlug, verstanden sie so ziemlich, was sie vorstellte,

und begriffen schnell und leicht deren Gebrauch und Nutzen. -- Diese

Bildung ist doppelt überraschend, wenn man bedenkt, daß jeder Familienvater

seine Kinder, und allenfalls auch die nachbarlichen Waisen selbst

unterrichtet. -- Zwar geschieht dieß nur im Winter, doch der dauert acht

Monate, und ist folglich dazu lange genug.

Schule besteht im ganzen Lande eine einzige, in Bessestadt -- vom Jahre

1846 an in Reikjavik. -- In dieser Schule werden nur Jünglinge aufgenommen

die bereits lesen und schreiben können. -- Sie können hier entweder zu

Priestern gebildet werden, oder auch die Vorkenntnisse zu den juridischen

Studien erhalten. -- Jene, die sich dem Priesterstande widmen, können

allda ihre ganzen Studien beendigen; Jene aber, die Aerzte, Apotheker oder

Sysselmänner werden wollen, müssen nach Kopenhagen gehen.

Außer den theologischen Wissenschaften werden auf der Schule zu Reikjavik

auch Geometrie, Geographie und Geschichte gelehrt, so wie mehrere Sprachen,

als: lateinisch, dänisch und vom Jahre 1846 auch deutsch und französisch.

Die Hauptbeschäftigung der isländischen Bauern besteht im Fischfange,

welcher am stärksten in den Monaten Februar, März und April betrieben wird.

Da kommen die Bewohner der innern Gegenden des Landes in die Hafenorte,

verdingen sich den Strandbewohnern, den eigentlichen Fischern, als

Gehilfen, und nehmen dafür einen Antheil an den Fischen. Außer dieser

Zeit wird der Fischfang wohl auch betrieben, aber mehr nur von den

Strandbewohnern. -- In den Monaten Juli und August gehen wieder Viele von

diesen in das Innere des Landes, und helfen da bei der Heuernte, wofür sie

Butter, Schafwolle und gesalzenes Lammfleisch erhalten. -- Andere besteigen

die Gebirge, und sammeln das isländische Moos. Von diesem machen sie

entweder einen Absud, der dann mit Milch gemischt, getrunken wird, oder sie

zerreiben es zu Mehl und backen flache Kuchen daraus, die ihnen statt des

Brodes dienen.

Die Arbeit des weiblichen Geschlechtes besteht in der Zurichtung der Fische

zum Trocknen, Räuchern oder Einsalzen, in Abwartung des Viehes, im Stricken

und wohl auch in Moossammeln. -- Im Winter weben und stricken beide

Geschlechter.

Was die Gastfreundschaft der Isländer betrifft, so glaube ich nicht, daß

man sie ihnen zu einem sehr großen Verdienste anrechnen darf. Es ist wahr,

Priester und Bauern nehmen jeden europäischen Reisenden gerne auf, und

bewirthen ihn mit Allem was in ihren Kräften steht, -- aber Beide wissen,

daß _der_ Reisende, der _ihr_ Land besucht, gewiß weder ein Abentheurer

noch ein Bettler ist, und ihnen daher auch erkenntlich sein wird. -- Mir

kam kein Priester und kein Bauer vor, der nicht die gebotene Gabe ohne die

geringste Widerrede angenommen hätte. -- Von den Priestern muß ich jedoch

zu ihrem besondern Lobe bemerken, daß sie überall sehr dienstfertig und

gefällig, und mit jeder Gabe zufrieden waren. Auch ihre Forderungen,

wenn ich Pferde zu meinen Excursionen nahm, waren immer sehr bescheiden

gestellt. -- Den Bauer hingegen fand ich nur in jenen Gegenden weniger

eigennützig, wo beinah nie ein Reisender hinkam. An Orten aber die schon

mehr besucht werden, waren seine Forderungen oft unverschämt.

Für Ueberfahrten über Flüsse z. B. mußte ich 20 bis 30 kr. zahlen, und da

wurden ich und mein Führer in einem Kahn übergeschifft, die Pferde mußten

schwimmen. -- Der Führer, welcher mich auf den Hekla begleitete, forderte

gar 5 fl. 20 kr. CM. und ließ sich ordentlich noch dazu bitten. Er wußte,

daß ich gezwungen war, ihn zu nehmen, denn Auswahl an Führern hat man

nicht, und unverrichteter Sache will man auch nicht zurückkehren.

Aus diesem Benehmen aber sieht man, daß der Charakter der Isländer gerade

nicht zu den trefflichsten gehört, und daß sie ihren Vortheil von den

Reisenden so gut zu ziehen wissen, wie die Wirthe und Lohnbedienten auf dem

Continente.

Eine große Leidenschaft der Isländer ist das Trinken. Ihre Armuth wäre

gewiß nicht so groß, wenn sie weniger dem Brandweine zusprächen, und dafür

fleißiger arbeiten würden. Aber so ist es heillos zu sehen welch tiefe

Wurzel dieses Laster hier gefaßt hat. -- Nicht nur an Sonntagen, auch an

Wochentagen begegnete ich Bauern, die so berauscht waren, daß es mir noch

heute ein Räthsel ist, wie sie sich auf den Pferden erhalten konnten. --

Vom weiblichen Geschlecht kam mir, Gott sei es gedankt, nie ein Exemplar in

diesem Zustande vor.

Eine zweite ihrer Haupt-Leidenschaften ist das Tabakschnupfen. -- Sie kauen

und schnupfen den Tabak mit derselben Lust, mit der man ihn bei uns rauchen

sieht. Ihre Art aber, wie sie den Tabak zu sich nehmen, ist so eigen, daß

ich sie unmöglich übergehen kann. Die meisten Bauern, ja selbst viele

der Priester haben keine eigentliche Dose, sondern eine Büchse aus Bein

gedrechselt, in Gestalt eines kleinen Pulverhornes. -- Wenn sie nun

schnupfen wollen, so neigen sie den Kopf zurück, stecken die Spitze dieses

Hornes in die Nase und schütteln eine Dosis Tabak hinein. -- Und so

gar nicht ekel sind diese liebenswürdigen Naturmenschen, daß sie dieß

Tabak-Horn ihrem Nachbar reichen, dieser wieder dem seinigen und so fort

-- -- von Nase zu Nase, -- ohne es je zu reinigen oder abzuwischen.

Ueberhaupt glaube ich, daß, was Unreinlichkeit anbelangt, die Isländer

den Grönländern, Eskimos oder Lappländern nicht viel nachstehen werden. --

Wollte ich beschreiben, was ich in der Art alles sah, meine guten Leserinen

würden mitten auf dem festen Lande seekrank werden, oder doch wenigstens

mich sehr arger Uebertreibungen beschuldigen. Ich sage daher nur: Man denke

sich von Unreinlichkeiten, von ekelhaften Handlungen so viel die kräftigste

Fantasie zu erfinden vermag, ich unterschreibe es unbedingt als bei den

Isländern zu Hause.

Neben diesen gar nicht rühmlichen Eigenschaften besitzen sie auch eine

große Trägheit. Etwas entfernt von den Küsten liegen unübersehbare

Wiesenthäler, die aber alle so versumpft sind, daß man sie stets mit Furcht

durchreiten muß. Die Ursache hiervon liegt weniger am Boden als an den

Menschen. -- Man dürfte nur Gräben ziehen, und die Wiesen auf diese Art

trocken legen, um das herrlichste Gras zu erhalten; denn daß dieses in

Island gedeiht, beweisen die vielen kleinen Anhöhen, die in solchen Thälern

aus den Sümpfen ragen, und mit Gras, Futterkräutern und wildem Klee üppig

bewachsen waren. -- Eben so kam ich über große Stellen, die schöne Erde

hatten, und über andere, auf denen Erde mit Sand gemischt lag.

Ich sprach öfter mit einem Herrn Boge, der bereits vierzig Jahre in Island

ansässig ist und nicht geringe landwirthschaftliche Kenntnisse besitzt, ob

es denn nicht möglich wäre, durch Fleiß und Arbeit da bedeutende Feld- und

Wiesenkultur zu erzielen? Herr Boge gab dieß zu, und meinte selbst, daß

nebst schönen Wiesen auch wohl ergiebige Kartoffelfelder erzweckt werden

könnten, wenn nur das Volk nicht so träge wäre und lieber Hunger litte, und

allen Bedürfnissen der Reinlichkeit und Annehmlichkeit entsagte, ehe es zur

Arbeit greift. Was ihm die Natur freiwillig bietet, ist ihm genug; --

ihr etwas abzuringen, fällt ihm gar nicht ein. -- Ich wünschte nur einige

deutsche Bauern hierher versetzt zu sehen, wie manche Stelle würde bald

ganz anders aussehen!

Der beste Boden Island's soll auf dem Norderlande sein. Da sieht man sogar

einige Kartoffel-Aeker und auch Bäumchen, die ohne Hilfe und Pflege eine

Höhe von 7-8 Fuß erreichen. Herr Boge, welcher bei dreißig Jahre dort

etablirt war, hatte einige Vogelbeer- und Birken-Bäumchen gepflanzt, die

bis zu 16 Fuß empor gewachsen waren.

Im Norderlande, so wie überhaupt etwas entfernter von der Küste, leben die

Leute von der Viehzucht. Mancher Bauer besitzt da 2-400 Schafe, 10-15 Kühe

und 10-12 Pferde; freilich gibt es so reiche nicht viele, aber jedenfalls

sind sie besser daran, als die armen Küstenbewohner. -- Die haben meist

schlechten Grund und Boden und sind daher größtentheils auf den Fischfang

angewiesen.

* * * * *

Noch muß ich, bevor ich Island verlasse, einer Sage erwähnen, die mir von

vielen Seiten erzählt wurde, und die nicht nur von Bauern, sondern auch von

Leuten der sogenannten »bessern Klasse« für Wahrheit gehalten wird.

Man behauptet nämlich, daß das innere unwirthbare Land ebenfalls bevölkert

sei. Es sei von einer ganz eigenen Menschenklasse bewohnt, der allein die

Pfade in diesen Wüsteneien bekannt wären. Diese Wilden hätten aber während

des Jahres gar keinen Verkehr mit ihren Landsleuten, und kämen nur Anfangs

Juli, höchstens auf einen Tag an einen der Hafenorte, um verschiedene

Lebensbedürfnisse zu erhandeln, die sie alsogleich mit baarem Gelde

auszahlen. Hierauf verschwinden sie plötzlich, ohne daß man weiß, wohin sie

ihren Weg genommen haben. -- Niemand kennt sie, nie bringen sie Frauen oder

Kinder mit, und nie beantworten sie die Frage, woher sie kämen? -- Auch

ihre Sprache soll etwas schwerer zu verstehen sein, als jene der bekannten

Einwohner Island's.

Ein Herr -- den ich aus Achtung nicht nennen will -- äußerte mehrmals den

Wunsch, 20 oder 25 gut bewaffnete Soldaten zu haben, und mit ihnen diese

wilden Menschen aufzusuchen.

Die Leute, welche jene Naturmenschen gesehen haben wollen, behaupten: daß

sie größer und stärker seien als die andern Isländer, daß ihre Pferde,

statt mit eisernen Hufen -- mit Hufen aus Horn beschlagen wären, und daß

man sehr viel Geld bei ihnen sähe, welches sie wohl nur durch Raub erlangen

könnten. Als ich aber frug, _wer_ von den _rechtlichen Bewohnern_ Islands,

_wann_ und in _welchen_ Gegenden er von dieser wilden Menschenrace beraubt

worden wäre, wußte mir Niemand eine andere Antwort zu geben als: _das

wisse man nicht_. -- Ich glaube aber kaum, daß in Island eine Person, viel

weniger ein ganzer Stamm vom Raube leben könnte.

Abreise von Island; -- Fahrt nach Kopenhagen.

Ich hatte jetzt alles Merkwürdige in Island gesehen, alle meine Reisen in

diesem Lande glücklich beendet, und erwartete nun mit unaussprechlicher

Sehnsucht das Absegeln eines Fahrzeuges, das mich meiner theuern Heimat

wieder etwas näher bringen sollte. Ach, ich mußte noch 4 ewig lange Wochen

in Reikjavik bleiben, täglich meine Geduld auf die Probe stellen, und

selbst dann, nach so langem Harren, mit der ersten besten Gelegenheit

vorlieb nehmen.

Freilich segelten auch unter dieser Zeit einige Schiffe ab, und auch Herr

Knudson, mit dem ich die Herüberfahrt von Kopenhagen gemacht hatte, lud

mich ein, Theil an seiner Rückreise zu nehmen, -- aber da ging Alles

nach England oder Spanien, und diese Wege wollte ich nun einmal nicht

einschlagen. -- Ich wünschte eine Gelegenheit nach Scandinavien, um auf

diese pittoresken Länder wenigstens einige Blicke werfen zu können.

Endlich fanden sich zwei Schaluppen, die gegen Ende Juli in die See zu

stechen gedachten. Die Eine davon, die bessere, ging nach Altona, und die

andere nach Kopenhagen. Ich wollte mit der Ersteren gehen, allein da hatte

schon ein Kaufmann von Reikjavik den einzigen Platz -- mehr gibt es auf

so kleinen Fahrzeugen selten -- gemiethet, und so mußte ich mich noch

glücklich schicken, auf der zweiten einen Platz zu erhalten. Herr

Bernhöft meinte freilich, das Schiff könnte zu erbärmlich sein, um eine so

bedeutende Reise darauf zu machen, und er wollte es doch wenigstens vorher

in Augenschein nehmen und mir einen Bericht darüber erstatten. Allein da

ich _fest_ entschlossen war, nach Dänemark zu gehen, so bat ich ihn, die

Untersuchung zu unterlassen und mit dem Kapitain auf dem _Lande_ für meine

Ueberfahrt zu unterhandeln. -- Würde er, wie ich gleich voraus vermuthete,

das Fahrzeug gar zu schlecht gefunden haben, so hätten seine Warnungen

vielleicht meinen Vorsatz erschüttern können, und das wollte ich vermeiden.

Zuletzt erfuhren wir noch, daß auch eine Dänin, die hier im Dienste stand,

sich auf diesem Fahrzeuge einzuschiffen wünsche. -- Sie war so vom Heimweh'

erfaßt worden, daß sie um jeden Preis ihr geliebtes Vaterland wieder sehen

wollte. Nun, dachte ich mir, ist bei diesem Mädchen das _Heimweh_ stark

genug, sie gegen Gefahr gleichgiltig zu machen, so wird dieß bei mir die

_Sehnsucht_ thun, und ich werde ihr nicht zurück stehen.

Unsere Schaluppe führte den beruhigenden Namen »Haabet« (die Hoffnung) und

gehörte dem Kaufmanne Fromm in Kopenhagen.

Die Abfahrt war für den 26. Juli bestimmt. -- Von diesem Tage an durfte

ich mich kaum vom Hause entfernen, und mußte jeden Augenblick die Botschaft

erwarten gleich an Bord zu kommen. -- Leider verhinderten heftige Stürme

unser Auslaufen, und ich wurde erst am 29. Juli an Bord geholt. -- Nun hieß

es Abschied nehmen.

Von dem Lande that ich es leicht. -- Hatte ich gleich wirklich viel

Wunderbares, Neues und Interessantes gesehen, -- ich sehnte mich doch

wieder nach den heimatlichen Fluren, in denen man zwar nicht so großartige,

ergreifende, aber desto heitrere, lieblichere Bilder findet. -- Schwerer

ward mir die Trennung von Herrn Knudson, und von der Familie Bernhöft.

Alles Gute, das mir in diesem Lande erwiesen wurde, jede Anleitung und

Erleichterung meiner Reisen habe ich nur ihnen zu verdanken. -- Nie wird

aber auch mein Dank, mein Andenken an diese guten Menschen in meiner Brust

ersterben.

Um Mittag also befand ich mich bereits auf der Schaluppe, und konnte mit

Muße all' die schönen Flaggen und Fähnlein betrachten, mit welchen die

französische Fregatte, die hier vor Anker lag, geschmückt war, um das

Andenken der Juli-Revolution zu feiern.

Ich suchte meine Aufmerksamkeit so viel als möglich von meinem Schiffe

abzulenken, denn nach Allem, was ich bereits unwillkührlich davon gesehen

hatte, ließ es sehr viel zu wünschen übrig. -- Auch die Kajüte nahm ich

mir vor, nicht eher zu betreten, als bis wir in offner See wären, und die

Lootsen unsere Schaluppe verlassen hätten, damit mir dann jede Möglichkeit

einer Rückkehr abgeschnitten sei.

Unsere Mannschaft bestand aus dem Kapitain, dem Steuermann, zwei Matrosen

und einem Schiffsjungen, der den Titel eines Koches hatte; wir fügten ihm

auch noch den eines Kammerdieners bei, da er zu unserer Bedienung bestimmt

war.

Als uns die Lootsen »Lebewohl« gesagt hatten, suchte ich den Eingang der

Kajüte, des einzigen, und daher gemeinschaftlichen Gemaches. -- Er bestand

aus einem ungefähr 2 Fuß breiten Loche, das sich gähnend zu meinen Füßen

öffnete, und in welches eine Leiter von fünf Sprossen senkrecht hinab

führte. -- Ich stand lange sinnend davor, und überlegte, auf welche Art

am Besten da hinab zu kommen sei. -- Endlich wußte ich mir nicht anders zu

helfen, als daß ich beschloß unsern Hausherrn, den Schiffskapitain,

darum zu fragen. -- Er zeigte es mir gleich, indem er sich an den Eingang

niedersetzte und die Füße hinab ließ. -- Man denke sich nun eine solche

Expedition mit unsern langen Kleidern, und noch dazu bei schlechtem Wetter,

wenn das Schiff von Stürmen tüchtig herum geworfen wird! -- Aber der

Gedanke, daß es viele Menschen noch viel schlechter treffen, und dennoch

fortkommen, war bei dergleichen Unannehmlichkeiten immer der Ankerstab des

Trostes, an dem ich mich festhielt. Ich stellte mir gleich vor, daß ich ja

aus demselben Teige gemacht sei, wie meine Nebenmenschen, nur verzärtelter,

verwöhnter, und daß ich dasselbe ertragen könne, wie sie. In Folge dieser

Vorstellungen setzte ich mich augenblicklich nieder, versuchte die neue

Rutschbahn und langte glücklich in der Tiefe an.

Vor allem andern mußte ich meine Augen an das hier herrschende Halbdunkel

gewöhnen, denn die Lucken (Schiffsfensterchen) ließen die Tageshelle nur

gar zu spärlich ein. -- Leider sah ich aber bald nur zu viel. -- Diese

trostlose Erbärmlichkeit, dieser Schmutz, diese Unordnung, die ich da

fand! -- -- Doch ich will Alles nach der Ordnung, und zwar noch dazu recht

ausführlich beschreiben, denn ich schmeichle mir, daß manche meiner lieben

Landsmänninen im Buche diese Reise mit mir machen wird, und da Viele unter

ihnen wahrscheinlich noch nie Gelegenheit gehabt hatten, ein Seefahrzeug

zu sehen, so dürfte eine solche ausführlichere Beschreibung hier nicht

überflüßig sein. -- Daß ich der Wahrheit getreu bleiben werde, mögen ihnen

alle Jene bezeugen, die mit dem Seewesen vertraut sind. -- Kehren wir also

wieder zu meiner geliebten Schaluppe zurück. -- An Alter wetteiferte

sie mit mir, -- wir Beide stammten aus dem vorigen Jahrhundert.

Unglücklicherweise wurde damals bei Schiffsbauten wenig Rücksicht auf die

Bequemlichkeit der Menschen genommen, und aller Raum nur für die Fracht

bemessen; -- eine Sache, über die man sich eben nicht wundern darf, da

des Schiffers eigentliches Leben nur auf dem Deck ist, und das Schiff für

Reisende nicht gebaut wurde. -- Die ganze Länge der Kajüte maß von einer

Koje zur andern 10 Fuß, die Breite 6 Fuß. Letztere ward noch überdieß auf

der einen Seite durch einen Kasten, auf der andern durch ein Tischchen

und zwei Bänkchen dermaßen eingeengt, daß gerade nur so viel Raum blieb,

durchgehen zu können.

Beim Diner oder Souper saßen wir Damen -- die Dänin und ich -- auf dem

Bänkchen, wo wir so eingepreßt waren, daß wir uns kaum rühren konnten; --

die beiden Cavaliere -- der Kapitain und der Steuermann -- mußten aber vor

dem Tischchen stehen, und in dieser Stellung ihr Mahl einnehmen. -- Das

Tischchen war so klein, daß sie ihre Teller in den Händen halten mußten.

Kurz man sah aus Allem, daß die Größe der Kajüte blos auf den Schiffsstand,

nicht aber auf Passagiere berechnet war.

Die Luft in diesem Gemache war auch nicht die allerbeste, denn außerdem,

daß es unsern Speise-, Schlaf- und Empfangssalon bildete, ward es noch als

Vorrathskammer verwendet, und in den Seitenschränken lagen Lebensmittel

aller Art, Oelfarben, und eine Menge anderer Sachen. -- Ich zog es vor, auf

dem Verdecke zu sitzen, und lieber Sturm und Kälte zu ertragen, oder mich

von einer Woge überschütten zu lassen, als da unten halb zu ersticken.

Manchmal mußte ich aber doch hinab, theils wenn es gar zu sehr regnete und

stürmte, theils wenn das Schiff von Gegenwinden erfaßt, und von den hohen

Wellen derart herumgeworfen oder geschlungen[5] wurde, daß man auf dem

Verdecke nicht sicher war. -- Das Rollen und Werfen des Schiffes war oft

so arg, daß wir -- die Dänin und ich -- nicht einmal sitzen, viel weniger

stehen konnten, und manchen langen Tag in der erbärmlichen Koje liegen

bleiben mußten. -- Ich beneidete da meine Gefährtin, die konnte Tag und

Nacht in einem fort schlafen. -- Mir ging es nicht so gut, -- ich wachte

immer, und empfand dabei viel Langeweile und Unbehagen, denn die Lucken,

der Eingang, Alles war bei Regenwetter verschlossen, und in dem Gemache

herrschte nebst einer athembehemmenden Luft auch noch eine wahrhaft

egyptische Finsterniß.

[5]: »Schlingen«, nennen die Schiffer, wenn die Segel schlaff hängen,

der Wind stoßweise kömmt, und so das Fahrzeug von den plötzlich

angeschwellten Segeln fürchterlich herumgeworfen wird.

Was die Kost betraf, so speiste Alles, Passagiere, Kapitain, Steuermann und

Matrosen aus einem und demselben Topfe. -- Den Anfang machte des Morgens

ein erbärmlicher Thee, oder besser gesagt, ein übelschmeckendes Wasser,

das eine Theefarbe hatte. Die Matrosen tranken es ohne Zucker, der Kapitain

aber und der Steuermann nahmen dazu ein kleines Stückchen Kandiszucker --

dieser Zucker zerfließt weniger schnell als der raffinirte -- in den

Mund, schlürften eine Tasse Thee nach der andern, und aßen dazwischen

Schiffszwieback mit Butter.

Die Mittagskost wechselte von einem Tage zum andern. Den ersten Tag bekamen

wir gesalzenes Fleisch, das schon immer den Abend vorher in Seewasser

geweicht, und am folgenden Tag in Seewasser gekocht wurde. Es war so

übersalzen, hart und zähe, daß wohl nur ein Matrosen-Gaumen daran Behagen

finden konnte; als Suppe, Gemüse und Mehlspeis kam dazu Gerstengrütze,

die ganz einfach, ohne Salz und Butter in Wasser gekocht, und Mittags bei

Tische mit Syrup und Essig gemischt wurde. -- Alle fanden dieses Gericht

sehr leckerhaft, und konnten sich, als ich es für ungenießbar erklärte,

nicht genug über meinen verdorbenen Geschmack wundern.

Der zweite Tag brachte uns ein in Seewasser gekochtes Stück Speck, und dazu

abermals die Gerstengrütze. -- Der dritte Stockfische mit Erbsen. Letztere

waren zwar etwas hart gekocht und ohne Butter, doch fand ich sie unter

allen Gerichten noch am genießbarsten. -- Am vierten Tage bekamen wir

wieder die Speisen des ersten, und so ging es regelmäßig fort; -- den

Schluß jedes Diner's machte schwarzer Kaffee. -- Der Abend bot die

Morgenkost, Theewasser, Schiffszwieback und Butter.

Ich hätte mich gerne in Reikjavik mit einigen Hühnern, Eiern und Kartoffeln

versehen, allein ich konnte keinen dieser Artikel bekommen. Hühner werden

nur wenig gehalten, höchstens von den Beamten oder Kaufleuten; -- Eier

bekömmt man zwar ziemlich häufig von Eidergänsen und andern Vögeln, aber es

werden nur so viele gesammelt, als man zum täglichen Gebrauche benöthiget,

und das nur im Frühjahre zur Brütezeit dieser Thiere; -- für die Kartoffeln

war es noch zu früh an der Zeit. -- Man denke sich nun das üppige Leben,

daß ich auf diesem Schiffe führte. -- Hätte ich das Glück gehabt auf ein

besseres Fahrzeug zu kommen, wo man doch bequemer wohnt, und schmackhaftere

Speisen erhält, würde mir die Seekrankheit dießmal gewiß nichts angehabt

haben; -- so aber in Folge der dunstigen Kajüten-Luft und der schlechten

Nahrung litt ich doch den ersten Tag daran. Aber schon am zweiten Tage ward

ich gesund, der Hunger stellte sich wieder ein, und ich speiste ein Stück

Salzfleisch, Speck und Erbsen u. s. w. so gut wie ein Matrose; nur den

Stockfisch, die Grütze, den Kaffee und Thee ließ ich unberührt.

Ein echter Schiffsmann trinkt nie Wasser. Ich machte diese Bemerkung auch

an unserm Kapitain und Steuermann; in Ermangelung des Weines oder Bieres

tranken sie stets Thee, und zwar außer den Mahlzeiten meistens kalten Thee.

Sonntag Abends war großes Souper, da ließ der Kapitain für uns vier

Personen acht Stück Eier kochen, die er noch von Dänemark mit sich führte.

Die Mannschaft bekam in den Thee einige Gläschen Punsch-Essenz.

Da ich nun meine lieben Leserinen mit dem kostbaren Speisenwechsel auf

solch einem Schiffe bekannt gemacht habe, muß ich auch noch sagen, wie die

Tischwäsche und das Reinigen derselben beschaffen war. -- Erstere bestand

blos aus einem Stücke altem Segeltuche, das über den Tisch gebreitet wurde,

und so beschmutzt und unrein aussah, daß ich mir dachte, es wäre gewiß

besser und appetitlicher den Tisch gar nicht zu decken -- _appetitlicher_?

Ja! aber _besser_?? Nein! -- Doch so geht es den naseweisen Leuten, die

immer klüger sein wollen, als Andere; -- bald sollt' ich erfahren, wie

wichtig dieses Tuch sei. -- Ich sah nämlich eines Tages unsern Kammerdiener

ein Stück Segeltuch gar mörderisch bearbeiten; er hatte es auf dem Boden

ausgebreitet, stand mit den Füßen darauf, und fegte es von allen Seiten mit

dem Schiffsbesen rein. -- Nur bald erkannte ich an den manigfaltigen Fett-

und Schmutzflecken unser Tischtuch, -- und richtig fand ich Abends den

Tisch ungedeckt. Nun sah ich aber auch die Folgen davon. Kaum hatte der

Junge die Theekanne auf den Tisch gestellt, als sie schon in demselben

Augenblick zu gleiten anfing. Glücklicherweise erfaßte sie der gewandte

Kapitain noch am Henkel, sonst wäre sie zu Boden gestürzt, und hätte unsere

Füße mit ihrem Inhalte überschüttet. -- Und so ging es mit Allem; man

konnte nichts auf dem glatten Tische stehen lassen und ich bedauerte den

Kapitain recht sehr daß er kein zweites hatte.

Alles bisher Gerügte wäre, wie jeder meiner Leser einsehen wird, gewiß

schon hinreichend gewesen, den Aufenthalt auf diesem Schiffe sehr

unangenehm zu machen; nun kam aber noch ein Umstand dazu, durch welchen

er sogar beunruhigend ward. Ich entdeckte nämlich nach mehreren Tagen, daß

unser Schifflein fortwährend eine tüchtige Portion Wasser einließ, die alle

6-8 Stunden ausgepumpt werden mußte. Der Kapitain suchte mich zu beruhigen,

indem er behauptete, daß jedes Schiff Wasser einließe, und das unsere nur

etwas mehr, weil es schon alt sei. Ich mußte mich damit zufrieden geben;

denn es zu ändern wäre ich doch nicht im Stande gewesen. -- Glücklicher

Weise bekamen wir keinen bedeutenden Sturm, und liefen daher weniger

Gefahr.

Unsere Reise dauerte 20 Tage; 12 Tage sahen wir kein Land; der Wind

trieb uns zu viel östlich und so bekamen wir weder die Farroäer noch die

Schettlands-Inseln zu Gesichte. -- Daraus würde ich mir nun eben nicht viel

gemacht haben, hätte ich dafür einige Seeungeheuer, schäckernde Wallfische,

bescheidene Haie oder so etwas dergleichen gesehen. -- So aber sah ich von

allen diesen Merkwürdigkeiten nur sehr wenig. Von einem Wallfische nahm ich

nur die Strahlen des Wassers wahr, die er aus seinen Nasenöffnungen in die

Höhe warf, und die vollkommen den Strahlen eines Springbrunnens glichen.

Das Thier selbst war leider von unserm Schiffe zu weit entfernt, als daß

man das Geringste von seinem Körper hätte sehen können. -- Da war ein Hai

schon etwas galanter; der schwamm doch wenigstens einige Minuten hindurch

so nahe an unserm Fahrzeuge, daß man ihn vollkommen gut betrachten konnte;

er mochte gewiß 16 bis 18 Fuß lang sein.

Eine schöne Vorstellung gaben uns während zwei Abenden die sogenannten

Springer oder fliegenden Fische. Die See war so ruhig, als sie es nur sein

konnte, die Abende mild und vom Mondlichte glänzend erleuchtet, und so

blieben wir lange auf dem Decke und sahen dem heitern Spiele dieser Thiere

zu. -- So weit wir sehen konnten, war die Wasserfläche von ihnen bedeckt.

Die jüngeren Fische erkannte man gleich an ihren höheren Sprüngen; sie

mochten 3-4 Fuß lang sein und erhoben sich 5-6 Fuß über die Meeresfläche.

Das Springen selbst sah aus wie ein Versuch des Fliegens, wobei ihnen

jedoch ihre Flossen schlechte Dienste erwiesen, und sie augenblicklich

wieder zurückfallen ließen. -- Die Alten schienen nicht mehr die

Schwungkraft zu besitzen, sie beschrieben nur ähnliche Bogen wie die

Delphine, und erhoben sich nur so viel über das Wasser, daß man den

Mitteltheil ihres Körpers sehen konnte.

Diese Springer werden nicht gefangen, sie haben wenig Thran und schmecken

sehr schlecht.

Am dreizehnten Tage erblickten wir endlich wieder Land. Wir waren in

das _Skaggerakk_ gekommen, und sahen die Halbinsel _Jüttland_ nebst dem

Städtchen _Skaggen_. Die Halbinsel sieht von dieser Seite sehr öde aus; sie

ist flach und mit viel Sand bedeckt.

Am sechzehnten Tage liefen wir in das _Kattegat_ ein. -- Wir hatten in

letzterer Zeit fast immer entweder Windstille oder Gegenwinde, und trieben

uns in Skaggerakk, Kattegat und Sund beinah 8 Tage herum. Manchen Tag

kamen wir kaum 15 bis 20 Seemeilen vorwärts. -- An solch windstillen Tagen

vertrieb ich mir manche Stunde mit dem Fischfange, allein die guten

Fische, obwohl man sie dumm schilt, waren doch so verzweifelt klug, an

der Lockspeise meiner Angel nicht anzubeißen. Ich hoffte täglich auf eine

Mahlzeit von Makarelen und fing im Ganzen -- eine einzige.

Größere Unterhaltung gewährte mir der Anblick der vielen Schiffe, die von

allen Seiten in das Kattegat segelten; ich zählte ihrer über 70. Je

näher wir der Einfahrt des Sundes kamen, desto imposanter wurde dieses

Schauspiel, desto näher drängten sich die Schiffe an einander. --

Glücklicherweise begünstigte uns eine prachtvolle Mondnacht; -- in

einer finstern Gewitternacht wäre wohl mit der größten Vorsicht und

Geschicklichkeit ein Zusammenstoßen nicht zu vermeiden gewesen.

Von der außerordentlichen Klarheit und dem Schimmer einer nordischen

Mondnacht haben wir südlich Gelegenen keinen Begriff; es ist gerade als ob

ein Theil des Sonnenlichtes sich mit dem nächtlichen Gestirne vereinte. Ich

habe herrliche Nächte an den asiatischen Küsten, auf dem mittelländischen

Meere erlebt, -- ich fand sie aber hier an den Gestaden Skandinaviens

heller und schimmernder.

Die ganze Nacht blieb ich auf dem Verdecke. Eine solche Masse von Schiffen

zu sehen, die sich hier zusammen drängten, und gleichzeitig die Einfahrt

in den Sund erstürmen wollten, war für mich ein seltenes Schauspiel. Ich

konnte mir nun einen deutlichen Begriff von einer Flotte machen, denn

ich glaube nicht zu irren, wenn ich diese Masse von Schiffen mit einer

Kauffarthei-Flotte vergleiche.

Am zwanzigsten Tage unserer Reise um drei Uhr Morgens liefen wir in den

Hafen von _Helsingör_ ein. Man muß hier den Sund-Zoll entrichten, oder wie

der Schiffer es nennt: »das Schiff klar machen.« -- Es ist dieß eine

sehr lästige Unterbrechung, und das Anhalten und wieder Weiterfahren des

Schiffes macht sehr viele Umstände. Da müssen die Segel eingeräfft, die

Anker ausgeworfen, die Jolle ausgesetzt und der Kapitain an das Ufer

gerudert werden. Meist vergehen viele Stunden bis er abgefertigt ist. --

Kehrt er endlich an das Schiff zurück, muß die Jolle wieder aufgewunden,

müssen die Anker wieder gelichtet, die Segel entfaltet werden. -- Oft

hat unterdessen der Wind umgeschlagen, und man verdankt es nur diesen

Plackereien, daß man den Hafen von Kopenhagen viel später erreicht, als man

gehofft hat.

Ist man erst so unglücklich, in einer finstern Nacht in die Nähe von

_Helsingör_ zu kommen, so darf man, um mit andern Schiffen nicht zusammen

zu stoßen, gar nicht einlaufen; man muß im Kattegat vor Anker gehen, und

somit zwei Unterbrechungen erleiden. -- Kömmt man in der Nacht vor vier

Uhr nach Helsingör, so muß man warten, da erst um diese Zeit das Zollamt

eröffnet wird.

Freilich steht es dem Schiffer frei, hier _nicht_ anzuhalten und gleich

nach Kopenhagen zu fahren, allein diese Freiheit kostet ihm 5 Thaler. --

Kann nun aber der Zoll auf diese Art auch in Kopenhagen entrichtet werden,

so ist dann die Forderung des Anhaltens bei Helsingör eigentlich nichts als

eine Finte, um dem Schiffer eine höhere Taxe zu entlocken, denn hat dieser

große Eile, oder einen gar zu herrlichen Wind, so läßt er in Gottesnamen

diese 5 Thaler fahren und segelt unaufgehalten bis Kopenhagen.

Unser guter Kapitain berücksichtigte weder Zeit noch Arbeit, er machte das

Schiff hier klar, und so begrüßten wir erst um 2 Uhr Nachmittag die liebe

Stadt Kopenhagen, die mir beinahe heimatlich vorkam, und so schön und

herrlich, als ob ich in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches gesehen

hätte. Man muß aber auch bedenken, woher ich kam, und wie lange ich an ein

Fahrzeug gebannt war, auf dem ich mich kaum bewegen konnte. -- Als ich

die Erde wieder betrat, ging es mir beinahe wie Columbus, ich wäre bald

niedergesunken und hätte sie geküßt.

Abreise von Kopenhagen. -- Christiania.

Am 19. August -- den folgenden Tag nach meiner Ankunft von Island -- um

zwei Uhr Nachmittag saß ich schon wieder zu Schiffe, und zwar auf

dem schönen königlichen norwegischen Dampfer »_Christiania_« von 170

Pferdekraft, um nach der 304 Seemeilen entfernten Stadt _Christiania_ zu

segeln. -- Bald hatten wir den Sund durchschnitten und gelangten glücklich

in das Kattegat, in welchem wir uns jetzt mehr rechts hielten, als auf

der Reise nach Island, denn dießmal war es uns nicht genug Schweden und

Norwegen nur von der Ferne zu sehen; wir wollten auch daselbst Anker

werfen, und zwar an der schwedischen Küste schon den folgenden Morgen.

Wir sahen vollkommen gut die schöne Gebirgskette, welche rechts das

Kattegat begrenzt, und deren äußerste Spitze, die _Kulm_, sich derart in

das Meer verläuft, daß sie eine lange Erdzunge bildet. -- Sowohl hier, als

an allen andern gefährlichen Stellen, deren es eine Menge gibt, sowohl an

der dänischen als schwedischen Küste, stehen Leuchtthürme, deren Lichter

uns Abends von allen Seiten entgegen schimmerten. Diese Lichter sind theils

beweglich, theils unbeweglich, um dem Schiffer in finsterer Nacht die

verschiedenen Stellen anzuzeigen, die er zu vermeiden hat.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Zweiter Band. · 第 22 / 57 题