weitergehen. Die Schauer des Schlachtfeldes habe ich überwunden, und
das war mir das Schlimmste. Nicht selbst zu sterben, ist das Schwerste,
sondern hundert um sich her sterben sehen, -- aber der Gedanke an das
Vaterland hat mich stark gemacht.«
Und der Förster schwieg in Bewunderung der Heldengröße dieses jungen
Weibes, das seine Schuldigkeit that wie jeder andere Soldat der
schlesischen Armee. Die braven Truppen sahen zwar äußerlich nicht
besonders vorteilhaft aus mit ihren abgerissenen Waffenröcken, ihrem
abgeschabten Riemenzeug, ihren pulvergeschwärzten hagern Gesichtern,
ihren abgehetzten magern Gäulen, aber es lebte eine Begeisterung in
allen Herzen, die aller Anstrengungen und Entbehrungen spottete und die
bei dem »vorwärts!« des greisen geliebten Führers Gefahr und Tod für
nichts achtete.
Und Blücher drängte es, die Schlappe von Etoges wieder gut zu machen.
Am 21. Februar stand er mit 53000 Mann in Mery, um hier sich mit
Schwarzenberg zu einer entscheidenden Schlacht zu verbinden, aber
dieser kam nicht, und den Alten erfaßte bitterer Unmut. Der Feind stand
ihm gegenüber, und er sollte nicht losschlagen.
Es war ein kalter Tag, in ihren dürftigen Mänteln standen die
Vorposten, und der heftig wehende eiskalte Wind machte es unmöglich,
Wachtfeuer anzuzünden. Walther hatte das Kommando über die am weitesten
vorgeschobenen Posten, unter denen sich auch Elise befand, und der Alte
in seiner Besorgnis wich beinahe keinen Augenblick von ihrer Seite.
Sie aber war frisch und wohlgemut, und es war bewundernswert, wie
ihr Körper, auf dessen gesunde Entwickelung ihr Vater von Jugend auf
gehalten hatte, sich den schweren Strapazen gewachsen zeigte.
Mit raschem Schritte bewegten sich die Posten auf und ab, dann und wann
fielen vereinzelte Schüsse von den gegenüberstehenden französischen
Plänklern, ohne daß man sich viel darum kümmerte. Da kam der alte
Marschall daher mit seinem Adjutanten und dem General Valentini, um
selbst die Stellung des Feindes zu erforschen. Der alte Feldherr fror,
und Walther ließ auf seinen Wunsch an einer Böschung, die gegen die
Heftigkeit des Windes wenigstens einigermaßen geschützt war, ein Feuer
anzünden, freilich erlaubte er sich darauf aufmerksam zu machen, daß
hier wohl auch feindliche Kugeln einschlagen könnten.
Blücher sah ihn mit seinen klaren, blauen Augen durchdringend an:
»Kümmert Er sich um die französischen blauen Bohnen? -- Er sieht mir
nicht danach aus; nun, mich sollen sie auch nicht scheren!«
Damit ließ er sich am Feuer nieder mit seinen Begleitern und redete
ruhig weiter mit ihnen, während unaufhörlich die Schüsse knatterten. Da
ward es mit einmal lebendiger in der Vorpostenkette. Die französischen
Plänkler, welche vielleicht die höheren Offiziere bemerkt hatten,
machten einen raschen Vorstoß, Flintenkugeln schlugen in das Wachtfeuer
ein, und in demselben Augenblick, da Valentini getroffen zusammensank,
fühlte auch Blücher einen Schlag am Fuße. Da stand auch schon Walther
vor ihm:
»Verzeihung, Excellenz, wenn ich es wage -- aber Ihr Leben ist zu
kostbar für Tausende und für das Vaterland, als daß es durch eine
Vorpostenkugel -- um Gottes willen, Excellenz sind verwundet!«
»Ruhig' Blut, Mann -- das glaub' ich noch nicht; Nostitz, führen Sie
mich ein wenig seitwärts, der Mann da kann helfen!«
Und gemeinsam mit dem Adjutanten führte Walther den Marschall an eine
gedeckte Stelle. Dieser aber sagte:
»Es ist nichts, Kinder, ich kann schon wieder auftreten, aber einmal
nachsehen können wir ja!«
Da zeigte es sich, daß die Kugel den Stiefel aufgerissen hatte, und
lächelnd sagte der Alte:
»Das ist freilich schlimm, wir haben mehr Doktors als Schusters bei
uns!«
Jetzt wandte er sich zu Walther, um ihm für seinen Beistand zu danken,
und plötzlich erregt, sprach er:
»Er blutet ja selber, Mann!«
Der Förster merkte erst jetzt, daß an seinem linken Ärmel Blut war,
aber er hob den Arm, bewegte ihn im Kreise und sagte:
»Das kann nicht schlimm sein, Excellenz -- ich kann noch dreinschlagen
damit!«
»Na, da schlage Er in Gottes Namen drein, an Gelegenheit wird's nicht
fehlen. Wie heißt Er denn?«
»Oberjäger Walther, zu Befehl!«
»Na, mein lieber Oberjäger Walther -- Gott befohlen und schön' Dank!«
Er reichte ihm die Hand, steckte sein Pfeifchen in Brand und ging
mit Nostitz weiter. Der Förster aber eilte zu seinen Leuten, welche
ohne Mühe, im Verein mit herbeigeeilten Russen, den Feind wieder
zurückgedrängt hatten. Seine Augen suchten Elise, und sie leuchteten
freudig auf, als er dieselbe unverletzt sah. Auch sie kam auf ihn zu
und erschrak über das Blut an seinem Arm. Im Augenblick hatte sie mit
aller Zartheit und Vorsicht den Ärmel abgestreift, die Wunde, welche
unbedeutend war, untersucht und verbunden, und Walther sagte:
»'s ist doch schade, daß Sie nicht im Lazarett Ihre Dienste thun,
dort fehlt es wohl an solchen Händen. Soldaten haben wir brave und
geschickte, aber Pflegerinnen für unsere Verwundeten, daran fehlt's!«
Elise schwieg, aber das Wort klang ihr noch lange seltsam in der Seele
nach.
Blücher rückte nun auf eigene Faust gegen Paris vor, Napoleon stets
hinter ihm her, voll Begierde, »den alten tollen Husaren« zu schlagen,
und dieser beschloß die Schlacht anzunehmen, die auch bei Craonne und
Laon geliefert wurde.
Die Gegend war für des Marschalls Absichten günstig; auf einem hohen
Berge, der ziemlich steil aus einer weiten, freien Ebene emporragt,
liegt die von festen Mauern umgebene Stadt Laon, um den Fuß des Berges
ziehen sich wie Außenwerke vier Dörfer hin, und durch die Ebene
geht ein kleiner Bach. Alle diese Punkte hatte der alte Feldherr
wohlbesetzt, und die feste Stadt bildete das Centrum seiner Stellung.
Noch ehe die Morgennebel des 10. März sich lichteten, brachen die
Franzosen auf und stürmten sowohl gegen die Dörfer, als gegen Laon
selbst. Blücher hatte die ganze Nacht in rheumatischen Schmerzen
gelegen, und eine Augenentzündung machte ihm schwer zu schaffen, so
daß er beinahe kleinlaut wurde und Gneisenau viel zu thun hatte, ihn
zu trösten und zu beruhigen. Aber mehr als Worte that der beginnende
Kanonendonner, der wie ein Gruß seiner braven, kämpfenden Soldaten
ihm ans Ohr drang und ihm wenigstens vorübergehend Kraft und Frische
wiedergab.
Gegen Mittag stand er auf der Höhe von Laon und blickte hinaus in die
Ebene, wo sich die Nebel verzogen hatten, wo die Waffen heraufglänzten
und aufsteigender Pulverdampf die Stellungen markierte. In drei
Abteilungen rückten die Franzosen unter Napoleon selbst, unter Marmont
und Mortier heran, und der alte Feldherr beschloß, um jeden Preis die
Verbindung derselben zu hindern und den Hauptschlag auf seinem eigenen
linken Flügel zu führen, wo seine Preußen standen unter York und Kleist.
Napoleon vermochte nicht mit dem gewünschten Nachdrucke vorzugehen,
da er noch immer auf das Eintreffen Marmonts rechnete, dem er Befehl
auf Befehl sandte, seinen Marsch zu beschleunigen, ohne zu wissen, daß
seine Ordonnanzen samt und sonders von Kosaken abgefangen worden waren.
Ärgerlich und verdrossen sah er den Abend hereindämmern, ohne einen
wesentlichen Vorteil errungen zu haben, und namentlich ohne Aussicht,
den festen Stützpunkt der Blücherschen Stellung, Laon, gewinnen zu
können.
Er hoffte, am andern Morgen mit aller Macht angreifen und die
Entscheidung zu seinen Gunsten herbeiführen zu können, aber er ahnte
nicht, daß sein unermüdlicher alter Gegner noch während der Nacht einen
Hauptschlag gegen ihn führen wollte.
Tiefes Schweigen lag über der Ebene von Laon, nur vereinzelt hallte
da und dort ein Schuß, die Wachtfeuer brannten, und die rote Lohe
des brennenden Dorfes Athies leuchtete gegen den Himmel. Die Nacht
war sternklar. Da marschierten auf der Straße gegen Athies einige
preußische Bataillone in tiefer Stille, ohne Trommelschlag daher und
gelangten ohne Aufenthalt in das von den Feinden besetzte Dorf, in
welchem eben zwei Abteilungen ihr Nachtquartier suchten. Erstaunt und
erschreckt sahen diese mit einmal vor sich und neben sich feindliche
Uniformen und starrende Bajonette. Ehe sie noch Widerstand leisten
konnten, waren sie auch schon geworfen, und erst hinter dem Dorfe,
in einem kleinen Gehölz begannen sie einigermaßen sich zu sammeln
und gegen die Nachrückenden zu feuern. Die stille Nacht wurde mit
einem Male laut und lebendig, von allen Seiten erklang die preußische
Feldmusik, brausende Hurrarufe erschallten, und der nächtliche Kampf
war in vollem Gange. Es gab für die Anstürmenden kein Halten und
keinen Widerstand. Umsonst sausten die Kartätschen in ihre Reihen,
in dichtgeschlossenen Gliedern drangen sie vor, sprengten mit
Bajonettangriffen die feindlichen Bataillone auseinander, und hinter
ihnen brausten die Reitergeschwader heran und ritten ganze französische
Regimenter nieder, noch ehe diese sich zu sammeln vermochten.
Walther und Elise waren im nächtlichen Getümmel auseinander gekommen.
Hinter Athies draußen befand sich die letztere mit einem Häuflein
Kameraden auf der Verfolgung des flüchtigen Feindes. Wie einst Eleonore
Prohaska, so hatte auch sie, als neben ihr der Tambour stürzte,
dessen Trommel ergriffen und schlug unaufhörlich zur Attacke. Eine
Schar preußischer Reiter kam zur Unterstützung herbeigesprengt. Aus
einem kleinen Gehölz, in das sich französische Infanterie geflüchtet,
blitzten Schüsse, einige Pferde überschlugen sich, aber mit dem
Bajonett wurde auch das Gehölz genommen, und bald gab es keine
Franzosen mehr ringsum. In eiliger Flucht wandten sich diese in der
Richtung gegen Soissons, und nur die Reiterei blieb ihnen noch auf den
Fersen.
Elise war todmüde; jetzt erst fühlte sie die furchtbare Abspannung nach
der gewaltigen Anstrengung des letzten Tages und dieser Nacht, und
sie mußte sich einige Augenblicke niedersetzen auf einem zerwühlten
Feldrain. Der Mond war aufgegangen und leuchtete über das Gefilde,
das einen grauenhaften Anblick bot, so daß das Mädchen ein Schauer
überrieselte. In der Ferne verhallten noch Schüsse, in der Nähe aber
sah man Tote und Verwundete, Menschen und Pferde bei einander.
Da hörte sie ein tiefes Stöhnen, daß sie zusammenschrak. Unfern von ihr
erhob sich von der Erde der Leib eines Mannes, der wohl teilweise unter
seinem Pferde lag. Das Mondlicht rieselte über das bleiche Gesicht --
es war Jakob Walther. Im nächsten Augenblicke befand sich Elise an
seiner Seite. Er erkannte sie:
»Herr Schweizer -- Gott Lob, Sie sind's! -- Haben wir gewonnen?«
»Ja, wir haben gesiegt!«
»Hurra!« schrie der offenbar Verwundete laut und jauchzend -- »Hurra --
und wenn's jetzt ans Sterben gehen soll.«
»So schlimm wird's nicht werden, Kamerad. Wo sind Sie denn getroffen?«
»Ach, die Wunde thut's wohl nicht -- ich hab' einen Schuß im rechten
Bein, aber mein braves Thier, das sie mir zusammengeschossen haben,
ist auf mich gestürzt ... wenn ich nur erst darunter hervor wäre --
aber ...«
Er sank wieder erbleichend und bewußtlos zurück, Elise jedoch sprang
empor und schaute einen Augenblick ratlos umher. Sie selbst war zu
schwach, um hier helfen zu können, sie mußte Kameraden herbeirufen. So
eilte sie über das Blutfeld. Da sah sie eine kleine Schar im Mondlicht
herankommen, vielleicht eine Sanitätskolonne. Sie eilte darauf zu
und erkannte Walther. Auch der hatte sie erblickt, und sein altes,
ehrliches Gesicht glänzte vor Freude.
»Dem Himmel sei Dank, Schweizer, da sind Sie! Was hab' ich mir für
Sorgen gemacht -- --«
»O jetzt nichts von mir! Da drüben liegt einer, um den handelt sich's!«
»Wer ist's? -- Jakob!«
»Ja wohl, er liegt unter dem Pferde ...«
»Tot?«
»Gott Lob, nein -- aber verwundet am Beine!«
»Vorwärts, Kameraden -- 's ist mein einziger Junge!« sprach er mit
rührender und ergreifender Schlichtheit -- »helft mir ihn retten!«
Nach kurzer Frist standen sie bei dem Bewußtlosen. Der Vater hob ihm
das blasse Gesicht empor und horchte nach seinem Atem. Dann nahm er
seine Feldflasche und netzte ihm daraus die Schläfe und die Lippen,
die andern aber waren bereits bemüht, den Leib des getöteten Pferdes
hinwegzuheben, und eben, da ihnen dies mit großer Anstrengung gelungen
war, öffnete Jakob die Augen und sah groß und irr umher.
»Junge, mein guter Junge!« sagte der Alte, -- »wie ist dir?«
»Hurra -- wir haben gesiegt, Vater!« schrie dieser, und den Männern,
die dabei standen, rieselten bei solcher Begeisterung die Thränen
über die gebräunten Wangen. Das rechte Bein des Verwundeten war im
Unterschenkel zerschmettert, und der Förster verhehlte sich nicht, daß
sein einziger Sohn ein Krüppel geworden sei -- fürs Vaterland. Aber
jetzt galt kein Zaudern und Erwägen. Auf einige Musketen, über welche
Mäntel gebreitet wurden, legte man den Verwundeten, und so wurde er
gegen Laon getragen, wo man ihm ärztliche Hilfe verschaffen konnte.
Walther aber ging an seiner Seite, hielt ihm die Hand und führte ihm ab
und zu die Feldflasche an die Lippen, so daß der Verwundete leise sagte:
»Vater, bist du nun wieder ganz gut?«
Der drückte ihm wärmer die Hand und sprach gerührt:
»Sei ruhig davon, mein braver Junge -- du hast mehr gethan, als ich.«
* * * * *
Napoleon hatte nach der Niederlage bei Laon in Soissons seine
Streitkräfte wieder geordnet und sich gegen Rheims gewendet, wo er eine
russische Heeresabteilung unter St. Priest schlug. Von hier aus erließ
er eine Proklamation an die Franzosen, in welcher er sich den Sieger
von Laon und Rheims nannte und verkündete, daß er im Begriffe stehe,
die Verbündeten über den Rhein zu werfen. Er befahl, die Nationalgarden
zu versammeln, um die Trümmer des geschlagenen Feindes anzugreifen
und zu vernichten, wo man sie finden würde, und dieser Befehl fand
besonders in der Gegend von Rheims, wo der thatsächliche Sieg Napoleons
seinen Eindruck nicht verfehlt hatte und wo die Einwohner des
waldigen und gebirgigen Landes ohnehin leichter zum Aufstand neigten,
weitgehenden Gehorsam.
In dieser Gegend war es, wo wir Lützow mit seinen zwei Eskadronen
antreffen, der wieder die Fühlung mit der schlesischen Armee suchte.
Eines Abends kam er von Somme Py her und ritt mit seinen Leuten gegen
Vouziers. Es war bitter kalt und begann zu dunkeln. Die Straße in dem
Orte war eng und die Reiter trabten zu zweien langsam und vorsichtig
daher; Schmidt und Zander befanden sich in der Vorhut. So gelangten sie
durch die stille, menschenleere Gasse bis an die Brücke, welche über
die Aisne führt, und sahen mit einmal vor derselben ein Aufblitzen von
Waffen und eine größere Ansammlung von Menschen. Es war kein Zweifel,
daß auch hier, dem Befehl Napoleons gemäß, sich die Nationalgarden
aufgestellt hatten, um den nach ihrer Meinung versprengten preußischen
Reitern den Weg zu versperren.
Da galt kein Besinnen. Ein rasches Kommandowort erklang, und im
nächsten Augenblicke schon sprengte die Vorhut mit verhängten Zügeln
und hochgeschwungenen Waffen gegen die Franzosen. Diese warteten den
Anprall nicht erst ab, sondern stoben nach allen Seiten auseinander,
und die beiden Eskadronen passierten ohne Anstand die Brücke. Aber
nicht weit hinter derselben war die Straße durchschnitten worden
von einem ziemlich tiefen Graben, und Mann für Mann mußte seitwärts
denselben durchreiten, bis man an das Ende des Durchschnitts kam.
Die Reiter waren unmutig und müde, die Pferde abgehetzt, und Lützow
verkündete, daß man im nächsten Orte unter allen Umständen Rast halten
werde. Es war das Dorf Chêtres, das man nach ungefähr einstündigem
Ritte erreichte. Es lag auf einer Anhöhe, und in seiner Mitte befand
sich ein altertümliches, von einer Mauer umgebenes Schloß. Der ganze
Ort war still, und in dem Schlosse waren alle Fenster dunkel, die
Jalousien herabgelassen und alle Thüren geschlossen.
Die beiden Eskadronen sattelten ab, die eine rückte auf den geräumigen
Schloßhof, die andere blieb auf dem Platze außerhalb desselben.
Einige Biwaksfeuer wurden angezündet und die Pferde gefüttert, Lützow
aber rief einen Burschen in dunkler Blouse, der an der Mauer lehnte
und unverwandt das Treiben anschaute. Derselbe kam näher. Es war
ein blasses Gesicht, von wirrem Haar umgeben, mit unruhigen Augen.
In französischer Sprache gebot ihm der Major, den Maire des Orts
herbeizurufen. Der Bursche bejahte, trat dann aber noch näher an Lützow
heran und sagte erregt:
»Herr, nehmen Sie sich in acht; das Schloß gehört dem alten General
Alix; er ist drin, hat sich verbarrikadiert und wartet nur auf ein
Zeichen des Angriffs von außen, um die Feindseligkeiten zu beginnen.«
Ehe der Major noch weiter fragen konnte, war der Bursche verschwunden
unter den Lützowern. Als er an einem der Biwakfeuer vorüberkam, an
welchem Schmidt und Zander saßen, blieb er einen Augenblick stehen
und sah die beiden mit seltsamen Blicken an, im nächsten Momente aber
huschte er weiter.
Zander war eilig aufgesprungen.
»Konrad, hast du das Gesicht dieses französischen Bauernburschen
gesehen?«
»Jawohl und es hat mich beinahe erschreckt; es erinnerte ...«
»An Bastian,« fiel der andere erregt ein.
»Ja -- aber das ist doch unmöglich -- wie käme Bastian hierher?«
»Du magst recht haben, aber seltsam bleibt die Ähnlichkeit.«
In diesem Augenblicke kam Lützow heran.
»Ich höre, das Schloß ist besetzt; wir müssen rekognoszieren, ob man
nicht verstohlener Weise eindringen könnte.«
»Ich will's versuchen, wenn der Herr Major es gestatten,« sagte Zander.
»So thun Sie's in Gottes Namen, aber vorsichtig.«
»Ich gehe mit!« sagte Konrad, und der Major fügte bei:
»Nehmen Sie für alle Fälle noch zwei oder drei von der Mannschaft mit
sich!«
Schon nach kurzem umgingen fünf Männer leise das Schloß von allen
Seiten. An der hintern Front desselben trafen sie zusammen, und hier
öffnete einer unbemerkt ein Fenster, das ganz im Schatten lag. Sie
stiegen vorsichtig ein, schlichen sich lautlos durch einen Korridor
und standen dann vor einer verschlossenen Thür. Sie rüttelten daran,
aber vergebens. Da befahl Konrad, mit aller Vorsicht ein Fach der
Thürfüllung auszubrechen, was mittels der Waffen bald geschehen
war. Einer von den Reitern schickte sich an, durch die Öffnung
hineinzukriechen, aber mit einem Aufschrei fuhr er wieder zurück:
»Ich bin gestochen!«
Eine Sekunde lang erwog Schmidt, was zu thun sei -- ob man die Thür
einschlage und den Kampf aufnehme, aber dazu hatte er keine Ordre, und
rasch gebot er den Rückzug. Ein Schuß hallte durch den Korridor ihnen
nach, aber ohne zu treffen, und glücklich kamen alle fünf wieder ins
Freie. In diesem Augenblicke begann durch die Jalousieen ein heftiges
Flintenfeuer und schreckte die Reiter in ihrem Biwak auf.
Lützow stand mit dem eben eingetroffenen Maire auf der Freitreppe des
Schlosses und geriet in Zorn und Unmut; er befahl der Eskadron, die im
Schloßhofe lag, gegen das Gebäude vorzugehen, was auch unverzüglich
geschah, aber das Fenster an der Rückseite war wie alle andern
jetzt fest verschlossen und die Schüsse der Verteidiger krachten
unheimlich durch die Nacht, während diesen selbst nicht beizukommen
war. Schon hatte Lützow befohlen, Äxte herbeizuschaffen, um das Thor
einzuschlagen, als die ausgestellten Feldwachen eilig die Nachricht
brachten, daß starke Nationalgardenabteilungen heranrückten. Da blieb
nichts übrig, als den Platz zu räumen.
Die Eskadron vor dem Schlosse draußen war schon bei dem ersten Schusse
aufgesessen, sie ließ die andere aus dem Schloßhofe jetzt an sich
vorbei und folgte als Arrieregarde. Es war völlig dunkel geworden, und
unheimlich blitzten aus verschiedenen Fenstern Schüsse auf, hinunter in
die enge Dorfgasse und auf die in raschem Trabe hinziehenden Reiter.
Da erfaßte den Major der Zorn und er gebot, einige Häuser in Brand
zu stecken, was auch trotz der Bitten des Maires, den man als Führer
mitgenommen hatte, geschah.
Unheimlich loderte der Feuerschein auf, aber es war nicht der einzige,
der nächtlicher Weile die Gegend erhellte. Kaum hatten die Reiter das
Dorf hinter sich, als sie es auf allen Höhen ringsum aufleuchten sahen
und erkennen mußten, daß die Bevölkerung der ganzen Gegend sich erhoben
habe, um ihnen den Fortmarsch unmöglich zu machen. Der Weg, auf dem
sie ritten, war enge, rechts stieg eine steile Bergwand empor, links
zogen sich dichte Hecken hin, so führte er hin nach dem Dorfe Chesnes.
Am Eingange der Dorfgasse sperrte ein Verhau von gefällten Bäumen und
Geröll den Pfad, und Lützow hielt einen Augenblick an, um den Maire zu
fragen, ob man nicht einen andern Weg einschlagen könne. Da dieser es
verneinte, so wurde mit Säbelhieben die Hecke links durchbrochen, und
durch die Öffnung ritten die Reiter zu zweien, um von der Seite her
wieder in die Dorfstraße zu gelangen. Man war auf weichen Wiesengrund
geraten, mußte über einen morastigen tiefen Graben, über den die
Brücke abgebrochen war, erst einen Übergang mit in der Nähe gefundenen
Brettern herstellen, und konnte sich jetzt erst der Dorfstraße nähern.
Schon aus den ersten Häusern krachten Schüsse, und Lützow kommandierte
raschen Trab, so daß er mit seiner Eskadron ziemlich gut davon kam.
Schlimmer ging es der nachfolgenden, bei welcher sich unsere Freunde
befanden. Es war, als hätten die ersten Schüsse nur das Signal zum
Angriff gegeben, denn rascher und dichter folgte nun das Feuern, eben
als diese Eskadron sich in einem mehrere Fuß tiefen Hohlwege befand.
In den Häusern, die an dem Rande desselben standen, waren alle Fenster
beinahe unheimlich erhellt, so daß man die Gestalten mit den Büchsen
an der Wange überall sehen konnte und der Lichtschimmer auch die unten
hinziehenden Reiter traf. Einige Pferde stürzten getroffen zusammen,
der ohnehin enge Weg ward noch mehr verengt, die ganze Kolonne kam ins
Stocken, und was noch schlimmer war, sie verlor die Fühlung mit der
vorausziehenden Eskadron.
Zum Unglück teilte sich im Dorfe der Weg, und während Lützow mit seiner
Abteilung nach links abgebogen war, hielt sich die nachfolgende gerade
aus. So kamen beide immer mehr auseinander. Die letztere hatte endlich
mit einigen Verlusten den Ausgang des Dorfes erreicht. Hier ward Halt
gemacht, Signale riefen durch die Nacht, einige Patrouillen wurden
vorsichtig ausgeschickt, aber in der Finsternis war alles vergebens.
Da hoffte man durch starken Trab die Eskadron Lützows zu erreichen,
entfernte sich aber, da man eine ganz andere Richtung eingeschlagen
hatte, immer mehr von derselben.
In tiefem Schweigen ritt die kleine Schar, nur einzelne redeten
halblaut, wie sie, Pferd an Pferd gedrängt, dahinzogen. Schmidt und
Zander hielten sich treu beisammen. Mutlosigkeit kannten sie nicht,
und der gefährliche Streifzug durch insurgiertes Land hatte für die
jungen, kecken Reiterherzen gerade einen besondern Reiz. Das Gelände,
durch welches man ritt, war für die Kavallerie durchaus ungünstig. Bald
ging es hinein in tiefe, enge Schluchten, bald empor an bewaldeten,
steilen Berglehnen, bald hemmte ein Graben, bald hohe Hecken die
Pfade, und dazu kam die Dunkelheit. Den Feuerschein der angezündeten
Häuser von Chêtres, der den Himmel färbte, mußte man benutzen, um sich
über die einzuschlagende Richtung zu orientieren, und der Führer der
Eskadron -- Lieutenant Beczwarzowski -- beschloß, sich gegen die Maas
zurückzuziehen, um aus dem aufständischen Ardennengebiet zu entkommen.
Endlich kam der Morgen und gestattete wenigstens einen Überblick. In
einer abseits der Straße gelegenen Schlucht wurde jetzt Rast gehalten
und gefüttert; am Rande der letzteren wurden Wachen aufgestellt, da man
beständige Beunruhigung seitens der Nationalgarden zu fürchten hatte.
Plötzlich tauchte trotz der Wachsamkeit der Posten mitten unter den
Lützowern wieder die Gestalt jenes Bauernburschen aus Chêtres auf, der
dort bereits Schmidt und seinem Freunde aufgefallen war. Sie bemerkten
ihn auch hier wieder zuerst, und unter einem und demselben Antrieb
eilten sie auf ihn zu und riefen wie aus einem Munde:
»Bastian!«
Der Mann kehrte sich um und zeigte ihnen ein bleiches, entstelltes,
verzerrtes Gesicht mit den Augen eines Irrsinnigen, dann rief er: