und trat unter dem General York in die Reiterei. Zunächst gab's eine
müßige und abwartende Zeit, die gar nicht nach meinem Sinne war, bis
der alte Marschall Vorwärts des Wartens überdrüssig wurde und nun
über die Elbe vorzurücken befahl, denn alle Armeen der Verbündeten
sollten sich zusammenschließen zu einem Hauptschlage. Und am 3. Oktober
-- es war just ein Sonntag und ich werde ihn niemals vergessen --
gingen wir mit dem grauenden Morgen bei Wartenburg über die Elbe auf
Pontonbrücken, und drüben in gedeckten Stellungen stand der Feind.
Seine Geschütze warfen ihr Verderben in unsere Reihen, und im teilweise
offenen Gelände wurden unsere braven Leute zusammengeschossen wie das
Wild. Aber ein Wanken und Weichen gab es nicht. Wir haben gesungen bei
der Blutarbeit: Prinz Eugen der edle Ritter! und der alte General Horn,
dem das Pferd unter dem Leibe erschossen war, nahm eine Muskete und
schritt an der Spitze eines Bataillons voraus, und gerade hinein in
das umkämpfte Wartenburg. Da war's, wo ein paar Geschütze uns schweren
Schaden anrichteten. Unser Lieutenant rief: Kinder, die holen wir uns;
und, so schlecht das Terrain war, wir sausten mit verhängten Zügeln
vorwärts. Da stürzt der Lieutenant, mitten durch die Brust geschossen,
aber weiter ging's. Es kam manch' einer noch aus Sattel und Bügel, aber
jetzt war's alles eins. Wer kümmert sich in solchen Augenblicken um
Sterben und Verderben! Ich weiß nur, daß ich zuerst bei den Geschützen
ankam, unverletzt, wie ein Rasender in die Bedienungsmannschaft
einhieb, bis ich keinen mehr sah von derselben, dann aus dem Sattel und
nun mit einigen Kameraden die Geschütze gegen die Franzosen gerichtet.
Die waren nicht wenig verdutzt, und der General Bertrand schickte eilig
zwei Ordonnanzoffiziere, in der Meinung, daß hier württembergische
Truppen irrtümlich auf seine Leute feuerten. Der eine sah beizeiten
seinen Irrtum ein und reterierte, den andern habe ich gefangen. Dafür
aber habe ich mein Kreuz erhalten.«
Walther hatte beinahe atemlos zugehört; mit leuchtenden Augen saß er da
und nickte nur ab und zu Konrad zu, als ob er ihm sagen wollte:
»Und das ist mein Junge!«
Jetzt schenkte er die Gläser wieder voll, aufs neue klangen sie
zusammen, und der Alte sprach:
»Jetzt aber, wie war's mit Leipzig?«
»Ja, Vater, erzählen läßt sich das nicht -- das muß man mit erlebt
haben. Es war ein großes Kesseltreiben; die Nordarmee, die böhmische
und die schlesische Armee waren richtig zur Stelle, hielten Napoleon
eingeschlossen, und am 16. Oktober begann das große Schauspiel der
Völkerschlacht, von dem noch Kindeskinder und Urenkel erzählen
werden. Auf den Höhen von Wachau hatte der Franzosenkaiser eine
starke Stellung, hundert Kanonen sandten ihren Kugelregen gegen die
anstürmenden Preußen und Russen und warfen sie reihenweise nieder; in
Strömen floß das Blut, aber die Höhen wurden genommen. Wir jedoch,
die schlesische Armee, haben unsere Blutarbeit an einer andern Stelle
gethan. Wir kamen unter dem Marschall Vorwärts von Halle her und warfen
uns gegen den rechten Flügel der Franzosen. Wir Yorkschen waren in der
Vorhut, und uns vor allen lag daran, den Schlüssel der feindlichen
Stellung, das Dorf Möckern, zu gewinnen. Der Marschall Marmont war kein
schlechter Gegner, aber unser alter braver York war ihm gewachsen.
Im Sturmschritt gingen unsere wackeren Bataillone vor, doch das
Geschützfeuer der Franzosen ist zu sehr überlegen. Da läßt York, der
mitten im Kugelregen stand, seine eigene schwere Artillerie anfahren,
und nun erhub sich ein Dröhnen und Donnern, wie es selten wohl auch von
ergrauten Kriegern gehört worden sein mag. Und wieder stürmen dabei
unsere braven Leute vorwärts, und um jedes Gehöft, um jedes Haus wird
heiß und blutig gestritten; Pardon wird nicht gegeben, nicht genommen.
Aber schon ist ein Dritteil der Mannschaft erlegen, tot oder verwundet;
York bietet seine letzten Truppen auf, die wieder mit gefälltem
Bajonett, mit Todesverachtung vordringen, und die abermals von dem
furchtbaren Geschützfeuer zurückgeworfen werden. Noch standen wir
Reiter, doch die Herzen pochten uns beinahe hörbar und wir warteten mit
Aufregung aber auch mit Sehnsucht auf den Augenblick, da wir drankommen
sollten. Da kommt York mit verhängten Zügeln herangeritten. «Major von
Sohr, attackieren!» ruft er schon von weitem. «Trompeter, Trab!» ist
die Antwort des Majors. Das Signal ertönt; fest gestemmt in den Bügeln
braust das Regiment vorwärts gegen den Feind. Hurra! ruft der Major und
hebt den Säbel, eine Kugel trifft ihn in den rechten Arm, er nimmt die
Waffe in die Linke, und mit wildem, begeistertem Hurrarufen jagen wir
hinter ihm drein, hinter uns im Laufschritt das noch übrige Fußvolk mit
gefälltem Bajonett. York reitet an der Spitze der schwarzen Husaren
und nun geht es -- es lebe der König! -- vorwärts! Uns gegenüber sehen
wir die französischen Flintenläufe aufblitzen, eine Batterie rückt
von der Seite heran und ist eben daran abzuprotzen -- die nächsten
Augenblicke brachten wohl manchem sein letztes Ende -- da kracht und
dröhnt es mit einmal, als ob die Erde geborsten wäre, weißer dichter
Qualm steigt über den Franzosen empor, dazwischen fliegen Stücke von
zertrümmerten Wagen, Glieder von Menschen und Pferden, und wir ahnen
mehr die Verwirrung unter den Feinden, als wir sie sehen können.
Einige Munitionswagen waren in die Luft geflogen, und besseres konnte
in diesem Augenblicke für uns nicht geschehen. Jetzt brachen wir wie
Gottes Wetter in die bestürzten Franzosen ein, die in wilder Auflösung
zurückwichen. Hei, wie haben wir die Infanterie auseinander gesprengt,
und im Augenblick hatten wir uns der Geschütze bemächtigt -- es war
ein voller, glänzender, freilich auch blutig erkaufter Sieg, denn
das Yorksche Korps hatte etwa ein Fünftel seiner Leute verloren. Wir
Überlebenden aber haben aus dem blutgetränkten Felde beim sinkenden
Abend unsern Choral gesungen: Nun danket alle Gott! -- Das war am
16. Oktober gewesen, der 17. war im allgemeinen ein Rasttag, nur der
Vater Blücher machte eine frische Reiterattacke, der 18. Oktober aber
brachte die Entscheidung beim Dorfe Probstheida, wo der französische
Löwe seinen letzten Schlupfwinkel verzweiflungsvoll verteidigte.
Doch all' sein Ringen war vergebens, und seine eigenen Verbündeten
haben ihn im Stich gelassen. Bei Schönefeld und Paunsdorf gingen 8000
Sachsen und Württemberger mit 38 Geschützen zu uns über, nachdem beim
«Heitern Blick» zuerst zwei sächsische Reiterregimenter, den Säbel in
der Scheide, zu den Blücherschen hinüber getrabt waren. So hat Gott
uns geholfen und unsere Kraft und Einigkeit. Mich aber hat der alte
York selber belobt auf dem Schlachtfeld, hat mich zum Unteroffizier
ernannt und hat mir die Gunst gewährt, um die ich ihn gebeten habe,
die Siegeskunde weiter tragen zu dürfen, und so bin ich da -- hurra,
Viktoria!«
»Hurra, Viktoria!« riefen auch die beiden andern, und selbst der Hund
bellte laut und freudig, als verstände er, um was es sich handle. Der
Förster legte ihm die Hand auf den Kopf und sprach:
»Ja, bell' du auch immer dein Viktoria, wackrer Kerl! Du hast ein Recht
dazu und hast deine Schuldigkeit brav gethan; sollst auch zur Feier des
Tages eine große Wurst erhalten ... Aber, sprich, Jakob, der General
weiß doch schon --«
»Selbstverständlich, Vater -- erst kam die Pflicht!«
In diesem Augenblicke begann ein tiefes Summen und Tönen; die Glocken
der Stadt klangen feierlich wie zum Festgeläute, und von der Straße
her vernahm man das Geräusch lebhaft bewegter Menschen; ein Rufen ging
von Mund zu Munde. Die drei erhoben sich, traten an das Fenster und
öffneten es. Da schrie es von unten herauf:
»Hurra! Sieg, Sieg der Verbündeten bei Leipzig!« und hundert Stimmen
jubelten es nach. Nun rief auch Walther mit lauter Stimme hinab: Hurra,
Viktoria! und dann schob er seinen Sohn ans Fenster dicht heran, als ob
er sagen wollte: Seht ihr, der da war's, der die Kunde euch gebracht
hat, der ihn selber mit erfochten hat, den glorreichen Sieg, und der da
ist mein Sohn!
Konrad Schmidt duldete es nicht länger in dem Gemache. Einmal wollte
er die beiden in ihrem Glücke sich allein überlassen, und dann drängte
es ihn, Kameraden zu sehen und mit ihnen über das freudige Ereignis zu
reden.
Wie er hinunter auf die Straße kam unter die freudig bewegte Menge,
die ihm mit Hut- und Tücherschwenken zujauchzte, als müsse sie ihm den
Sieg danken, da sah er sich auf einmal ~Dr.~ Wendler gegenüber. In der
nächsten Sekunde hielten sich die beiden Männer in den Armen.
»Was macht Elise?« war Schmidts erste Frage.
»Sie befindet sich wohl und ist glücklich!«
»Und sie ist in diesen Tagen allein in Leipzig?«
»Sie ist ein starkes, mutiges Mädchen und solcher Situation gewachsen;
seien Sie unbesorgt, Konrad!«
»Und was führt Sie hierher?«
»Die Erbschaftssache der alten Tante, die gestorben ist. Kommen Sie,
lassen Sie uns in diesem Siegesjubel ein stilles Plätzchen suchen, wo
wir mitsammen das Ereignis feiern. Hei, mein Leipzig hat heute einen
guten Klang bekommen und wird genannt werden, so lange noch deutsche
Herzen schlagen.«
Er nahm den jungen Lützower unter den Arm und führte ihn nach seiner
Wohnung, und hier saßen sie, während immer noch die Glocken läuteten
und die jauchzenden Menschen auf den Straßen sich drängten.
Schon zwei Tage später verließen die Lützower die Stadt, nur eine
Abteilung Kosaken blieb zurück, um die Festungswerke zu schleifen
und so eventuell den Feind zu hindern, sich noch einmal in Bremen
festzusetzen.
Am selben Tage aber ritt auch der Kurier Jakob Walther nach herzlichem
Abschiede von seinem Vater durch das Osterthor hinaus und wandte sich
südwärts, um seinen Truppenteil wieder aufzusuchen.
[Illustration: Dekoration]
Zehntes Kapitel.
In Frankreich und wieder daheim.
Es war zu Weihnachten 1813. Das Lützowsche Freikorps lag in Holstein
gegen Dänemark zu Felde, und der Major selbst befand sich zu
Poppenbüttel an der Alster. Seine letzte Verwundung machte ihm noch
immer schwer zu schaffen, so daß er an Krücken einherhumpelte und
seinen Leuten, wenn es not that, im Wagen nachfahren mußte. Die
Stimmung des thatendurstigen Kriegsmannes war darum nicht die beste.
Und heute war er ganz aus der Fassung. Er saß in einem alten Lehnstuhl
und hatte die Krücken neben sich stehen; bei ihm befand sich der
Rittmeister von Petersdorff. Lützow hielt in der Linken ein Papier,
allem Anschein nach ein amtliches Schreiben, und mit der Rechten
zwirbelte er erregt die Enden seines Schnurrbarts.
»Na, sagt mir, Petersdorff, was das wieder für eine verd... Geschichte
ist, und wer daraus klug werden soll. Da quatschen wieder einmal die
Federfuchser dazwischen und machen einem ehrlichen Soldaten, der für
seinen König zum Krüppel geschossen worden ist, das Leben sauer. Muß
ich mir denn das gefallen lassen, Petersdorff, daß das Civil- und
Militärgouvernement in Berlin mir Verfügungen betreffs des Freikorps
schreibt, während ich doch angewiesen bin, meine Befehle von meinem
kommandierenden General von Bülow zu erhalten?«
»Verzeihen Sie, Herr Major -- ich weiß noch gar nicht, um was es sich
handelt!«
»Na, da lesen Sie diesen -- -- aber ich darf ja nicht einmal
despektierlich werden. Um was es sich handelt? -- Daß alle Inländer
sofort das Freikorps verlassen und in die reguläre Armee eintreten
sollen, widrigenfalls sie derjenigen Benefizien verlustig sein sollen,
welche die andern Unterthanen Seiner Majestät genießen. Das bedeutet
doch die Auflösung des Korps, Petersdorff. Die meisten meiner Leute
sind aus den abgetretenen Provinzen und erfreuen sich jetzt auch der
Herrschaft unseres Königs. Wenn die aber hören, daß das Korps jetzt
völlig außer dem Gesetz erklärt werden soll, so kann ich sie nicht
länger im Dienste halten. Die übrigen Ausländer aber werden des bessern
Teils ihrer Kameraden beraubt und werden die nächste beste Gelegenheit
ergreifen, sich dem Korps zu entziehen.«
Der Rittmeister gab das Schreiben zurück; auch über sein Gesicht liefen
Schatten des Unmuts, da er sagte:
»Es wird sich daran wenig ändern lassen, und wir können uns nur damit
getrösten, daß, wer zur regulären Armee übergeht, immer wieder für
dieselbe Sache steht und ficht, für König und Vaterland. Und wer ein
braver Soldat ist, geht dahin, wo ihn sein König hinstellt!«
Der Major sah seinen Kampfgefährten groß an.
»Hol' mich der Satan, Petersdorff -- Sie fassen die Sache ja recht
gutmütig auf; vielleicht gewöhne ich mich auch an diese Auffassung,
heute nur ist mir's noch nicht möglich.«
Eine Ordonnanz trat ein und brachte ein Schreiben. Lützow erbrach es
rasch; es war von dem Befehlshaber der Nordarmee, dem schwedischen
Kronprinzen Karl Johann, und lautete:
»Sobald Sie den Rhein mit Ihrer Kavallerie erreicht haben werden,
wird es Ihre Aufgabe sein, das Land von Elberfeld bis Düsseldorf
aufzuklären. Zu diesem Zwecke haben Sie Ihre Rekognoszierungen bis
Wesel, ja womöglich bis zur Yssel auszudehnen. -- Sie haben mich von
allen eingegangenen Nachrichten in Kenntnis zu setzen und werden nicht
verfehlen, dieselben auch dem General Wintzingerode mitzuteilen.«
»Hurra -- da giebt's wieder Arbeit, Petersdorff! Aber zum Henker, ich
kann doch nicht mit den Krücken zur Rekognoszierung fahren! Geht's denn
ohne die Dinger nicht?«
Er erhob sich rasch von seinem Lehnstuhl, machte, freilich nicht ohne
Anstrengung, einige Schritte, dann griff er nach den Krücken, schlug
sie auf den Boden, daß sie splitterten, und sagte:
»Petersdorff, nun thun Sie mir den Gefallen, und werfen Sie das Zeug
vor meinen Augen ins Feuer -- und Sie, Ordonnanz sagen Sie mal meinem
Burschen draußen, er soll mir mein Pferd satteln lassen!«
Petersdorff, der die zerbrochenen Krücken ins Feuer warf, machte eine
ängstlich abwehrende Bewegung und mahnte:
»Ums Himmels willen, nicht zu früh, Herr Major!«
»Ach was! Hier wird befohlen zu reiten, und nicht zu fahren! Herr
Rittmeister, treffen Sie Anstalten, daß ich morgen mit zwei Eskadronen
ausreiten kann, und lassen Sie ins Kuckucks Namen auch die Ordre
verkünden, daß die Inländer in die reguläre Armee eintreten sollen --
wir werden ja sehen, was uns übrig bleibt.«
Der Rittmeister ging, und eine halbe Stunde später konnte man den Major
im Sattel sehen, wie er gegen Langenhorn hinritt. Seine Soldaten aber,
die ihn sahen, begrüßten ihn mit freudigen Zurufen, und da ihm auch
die Wintersonne freundlich ins Herz schien, kam er in eine beinahe
behagliche Stimmung, wenn er auch seine Wunde immer noch sehr fühlte.
Die Ordre des Civil- und Militärgouvernements war verkündet worden, und
eine Anzahl Freiwilliger meldete sich, um von dem Freikorps abzugehen
und in die preußische Armee einzutreten. Auch Förster Walther sah
sich dazu veranlaßt. Ihm hatten die Franzosen in einem Gefechte vor
Lockstedt seinen Hund erschossen, und das hatte ihn einige Tage ganz
trübsinnig gemacht. In diesen Tagen hatte Elise noch mehr als vorher
sich ihm angeschlossen und war bemüht gewesen, ihn aufzuheitern, was
ihr zuletzt auch gelang. Aber auch ihm wuchs damit das tapfere, frische
Mädchen noch mehr ans Herz, und als er jetzt daran dachte, sich in die
schlesische Armee einreihen zu lassen, kam ihm der Abschied von ihr
ganz besonders hart an. Er sprach es auch ihr gegenüber aus, als sie
nahe bei Pinneberg lagerten, zu seiner Verwunderung und Freude aber
erklärte sie:
»Nein, Herr Oberjäger, wir gehen nicht auseinander -- ich trete mit
bei Blücher ein. Sehen Sie, in der Nähe Konrads kann ich ja doch nicht
sein, denn der reitet mit Lützow, während die Infanterie wohl niemals
auf den französischen Boden kommt, und das möcht' ich doch erreichen,
wenn ich schon einmal mit zu den Waffen gegriffen habe.«
»Aber Sie sind ja Sächsin?«
»Was thut das? -- Ist jetzt noch die Frage, ob Sachse, ob Preuße? Alle
deutschen Stämme haben jetzt ein und dasselbe Streben, ein und dasselbe
Ziel: das große deutsche Vaterland zu befreien und die lange Schmach
und Schande wieder gut zu machen. -- Und dann sehen Sie! Anna Lühring
hat hier beim Korps ihre alte mütterliche Freundin, die Marketenderin,
die für sie sorgt und sich ihrer annimmt, und darum wird sie auch
hier bleiben; ich habe niemanden als Sie, und in schweren und bangen
Stunden war mir's ein beruhigendes Bewußtsein, Sie an meiner Seite zu
haben als Tröster und Freund, und wenn es notthäte, als Beschützer. Ich
könnte mich, glaube ich, hier nicht mehr wohl und sicher fühlen, wenn
Sie gehen, und darum nehmen Sie mich mit und sorgen Sie dafür, daß wir
beisammen bleiben!«
Sie hatte dem Alten beide Hände hingereicht, die er mit warmem Drucke
umspannte.
»Aber wollen Sie nicht lieber zu Ihrem Vater zurückkehren -- Sie haben
mehr als nötig war fürs Vaterland gethan.«
Sie schaute ihn groß an:
»Ich habe mitgeschworen in Bremen im Dom, daß ich Blut und Leben an
die Befreiung Deutschlands setzen wolle, und so lange wir nicht einen
ehrenvollen Frieden haben, gilt der Eid. Soll ich wortbrüchig und
fahnenflüchtig werden?«
»Nun, wenn's so steht, in Gottes Namen, so gehen wir zusammen zum
alten Blücher. Was mich noch besonders hinzieht, wissen Sie wohl: Der
Gedanke, meinem Jungen nahe zu sein und mit ihm in demselben Korps
fechten zu können. Und ich denke, die Lützower verlieren wir dabei auch
nicht aus dem Gesichte, denn der Major ist nicht der Mann, der an der
Grenze stehen bleibt, wenn's erst einmal hineingeht ins welsche Land.
Also, auf treue Kameradschaft unter den Fahnen des Marschall Vorwärts!«
Ein neuer warmer Händedruck besiegelte die alte Freundschaft, und zwei
Tage, nachdem der Major mit zwei Reitereskadronen, unter denen sich
auch Schmidt und Zander befanden, von Poppenbüttel ausgeritten war,
marschierte unter Führung Walthers eine Schar bisheriger Lützower den
Fahnen Blüchers zu.
Der letzte Glockenschlag des Jahres 1813 verklang von den Türmen von
Koblenz über den Rhein hin, ein neues Jahr brach an, und in seiner
ersten Stunde marschierten die Kolonnen des alten Marschall Vorwärts
bei Caub über den ruhig fließenden Strom; die preußischen Fahnen wehten
dem Boden Frankreichs zu, und auf französischer Erde rollten nun die
eisernen Würfel weiter, bis der Thron des Emporkömmlings zertrümmert,
seine Macht vernichtet war.
Blücher war allzeit der Mann der That, er hat auch in diesem Feldzuge
die eigentliche Entscheidung gebracht, denn die andern Heere rückten,
wegen der Lauheit des Hauptquartiers, wo die Diplomaten nebst
unentschlossenen Kriegsmännern, wie Schwarzenberg, den Ton angaben, nur
sehr langsam und ohne rechten Zusammenhang vor, wodurch die Verbündeten
zum großen Teil den Vorzug ihrer Überlegenheit verloren.
Bei Brienne war der alte Marschall zum ersten Male an Napoleon geraten
auf dessen eigenem Boden und hatte ohne Entscheidung sich mit ihm
geschlagen. Das war am 29. Januar gewesen, und schon am 1. Februar
hatte er sich bei La Rothière abermals in ihn verbissen und hatte ihn
zum Rückzug gezwungen, und nun begann er, unbekümmert um die andern
zögernden Streitkräfte, seinen kühnen Vormarsch gegen die Marne.
Da tauchte in der Nähe der schlesischen Armee auch der Major von Lützow
mit seinen zwei Eskadronen auf, um vor allem Kundschafterdienste zu
thun und um die Fühlung zwischen den Teilen der schlesischen Armee
zu erhalten, und nun begann ein ebenso geschicktes als kühnes Hin-
und Herpatrouillieren, das einerseits von den Wechselfällen des
großen Kampfes abhängig war, andererseits aber oft genug selbständig
erschien, wenn es galt, den Feind irre zu führen, oder seine geheimen
Dispositionen zu durchkreuzen.
Der alte Feldmarschall hatte gegen die Mitte des Februar sein
Hauptquartier in Etoges aufgeschlagen. Hier lagerten am Abend des 13.
Februar an einem Wachtfeuer unsere Bekannten, Walther, sein Sohn Jakob
und Elise, die auch hier unter dem Namen Gotthold Schweizer Dienste
that; der Förster war froh, mit seinem Sohne, auf den er stolz war,
eine Stunde zubringen zu können, und das Gespräch betraf Märsche
und Kämpfe. Man hatte den Tag über Kanonendonner von Montmirail her
gehört, wo die Russen unter dem General Sacken standen, und war nicht
im Unklaren, daß am andern Tage auch Blücher gegen den französischen
Marschall Marmont vorgehen werde. Die Nacht war kalt, in ihre Mäntel
gehüllt, saßen sie dicht beim Feuer, und Vater und Sohn rauchten ihr
Pfeifchen. Rings war es still, nur ab und zu hörte man den Ruf der
Wachen oder das Wiehern eines Pferdes. Endlich wurden auch die drei
schweigsam, und Jakob erhob sich, um zum Lagerplatz seiner Eskadron zu
gehen.
»Also morgen mit Gott!« sagte der Alte -- »mög' Er uns allen gnädig
sein!«
Am Morgen griff Blücher an, aber er erkannte zu seiner unangenehmen
Überraschung, daß er Napoleon selbst sich gegenüber habe. Der hatte
eine fast übermenschliche Ausdauer bekundet. Die ganze Nacht hindurch
war die alte Garde auf den schlechtesten Wegen marschiert, und von
einer Blutarbeit kam sie in die andere. Aber die abgehärteten, ihrem
Kaiser fanatisch ergebenen Soldaten stürzten sich mit lautem »~Vive
l'Empereur!~« gegen Blüchers Vorhut und warfen dieselbe zurück.
Der alte Marschall hatte nicht viel Zeit, sich seine Stellung zu
überlegen, auch blieb nichts übrig der Übermacht gegenüber, als der
Rückzug nach dem Walde von Etoges, der allein Schutz und Deckung bieten
konnte. Es war für Blücher und seine braven Soldaten ein bitterböser
Tag. Seine geringe Reiterei war der französischen nicht gewachsen, und
sobald diese auf freier Ebene sich erst entfalten konnte, stürmte sie
wild und wütend gegen das preußische Fußvolk heran.
Das stand in enggeschlossenen Vierecken und erwartete die heranjagenden
Reiter mit den blinkenden Helmen. Neben Walther befand sich Elise.
Leise fragte dieser:
»Wird Ihnen bange, Schweizer?«
»Das Herz pocht mir heftiger, Furcht ist's nicht -- mit Gott!«
»Feuer!« erscholl das Kommando, Schüsse krachten, eine Wolke von
Pulverdampf hüllte die Scene ein, dann sah man gestürzte Rosse und
Reiter, aber die andern jagten unaufhaltsam heran, hinweg über die
Leiber der gefallenen Genossen. Und nun kamen Augenblicke grauenvollen
Getümmels. Elise fühlte plötzlich, wie sie heftig am Arme erfaßt
und fortgerissen wurde durch den betäubenden Lärm. Und abermals
dröhnte die Erde von Rosseshuf; die preußische Reiterei sprengte
an, um der bedrängten Infanterie Luft zu schaffen. Und während die
Kavalleriegeschwader wie zu dichtem Knäuel sich ballten, zog sich das
Fußvolk langsam gegen den Wald. Unaufhörlich wirbelten die Trommeln,
um bei der einbrechenden Dunkelheit die Bataillone zusammenzuhalten,
und das Feuer der feindlichen Geschütze brach vernichtend in die
Zurückweichenden ein.
Blücher selbst war in großer Erregung. Rings um ihn schlugen die Kugeln
ein, eine Ordonnanz sank, zum Tode getroffen, an seiner Seite zusammen,
aber mit pulvergeschwärztem Gesicht hielt der Alte und schien wohl gar
in düsterer Verzweiflung den Tod suchen zu wollen.
Schweigend und ernst blieb sein Adjutant, Graf Nostitz, neben ihm;
endlich sagte er zu dem Marschall:
»Wenn Eure Excellenz sich hier, wo noch nichts verloren ist,
totschießen lassen, so wird die Geschichte auch nicht viel Rühmliches
davon zu sagen haben.«
Blücher sah den Treuen groß an, dann erwiderte er: »Nun so lassen Sie
uns weiter reiten!«
Endlich war der Wald von Etoges erreicht; der alte Marschall fand seine
Fassung wieder, und wie er so neben seinem Pferde hinschritt, sah er
Gneisenau, der gleichfalls trüb und ernst dreinschaute. Da sagte er:
»Na, Gneisenau, nun es heute nicht mit mir zu Ende gegangen ist, hat's
damit auch noch lange Zeit; es wird nun schon wieder gehen, und wir
wollen alles noch gut machen.«
Der Unglückstag hatte von 15000 Mann nicht weniger als 6000 gekostet
und hatte den Rückzug der schlesischen Armee bis Chalons zur Folge.
Aber es war kein mutloses, geschlagenes Heer, das zeigte sich auch in
der Stimmung unserer Bekannten, die alle drei ohne jede Verwundung
davongekommen waren.
Walther aber hatte damals zu Elise geäußert:
»Mir hat's das Herz zersprengen wollen, als ich Sie so in Gefahr sah,
und ich hab' aufs neue denken müssen, daß es doch besser wäre, wenn Sie
den Rock auszögen.«