vergessen sein, Hähnchen ... ja alles ... vergeßt auch Ihr alles! Wißt
Ihr's denn nicht? Seht Ihr's nicht, daß mich der Geist Theodor Körners
hinter Euch hertreibt, damit ich Euer Schutzgeist sei? -- Ja, ja -- das
allein kann's wieder gut machen! Laßt mich -- wo ist der Kommandant --
ich habe Eile!«
Sie führten ihn zu dem befehlenden Lieutenant, und er trat an diesen
heran und meldete in beinahe militärischer Haltung:
»Mein Herr, Sie sind versprengt und überall von Feinden umgeben. Die
Richtung Ihres Marsches führt Sie auf Stenay, wo 5000 Nationalgarden
Sie erwarten. Als Sie gestern Abend durch Vouziers marschierten,
sind Sie nur durch ein Glück entkommen. Der Unterpräfekt hat darauf
19 reitende Boten abgeschickt, um die Nationalgarden des Bezirks
aufzubieten, und alle Dörfer zu verbarrikadieren befohlen, damit der
Sieg des Kaisers bei Rheims durch Ihre Gefangennahme gefeiert werde.
Wenn Sie sich mir anvertrauen wollen, ich will Sie führen.«
Verwundert hörte der Lieutenant dies Anerbieten und nahm auch die
Spezialkarte der Gegend, die der Mensch ihm bot, mit großem Vergnügen
entgegen, aber er hatte doch ein gewisses Mißtrauen; da sagte Schmidt:
»Herr Lieutenant, ich bürge für den Mann, denn ich kenne ihn!«
Ein seltsamer, großer, aufleuchtender Blick aus den Augen Bastians traf
den Sprecher, und Konrad verstand ihn, aber er schwieg.
Nicht lange danach brach die Eskadron auf und folgte nun dem
eigentümlichen Führer, der sie von der großen Straße weg, durch
Hohlwege und Schluchten an den Dörfern außen herum in nördlicher
Richtung weiterführte. Trotzdem fast alle Defiléen von Nationalgarden
besetzt waren, und selbst größere berittene Abteilungen sie verfolgten,
gelang es doch, am Nachmittage eine abseits liegende Meierei zu
erreichen, wo Fourage und Proviant requiriert werden konnte, obwohl
auch da nicht an längere Rast zu denken war, weil sich, noch ehe fertig
gefüttert war, bereits wieder bewaffnete Banden zeigten.
Die Nacht wurde in einem Walde seitwärts der Straße, die von Rocroy
nach Mézières führt, einige Stunden geruht, da man aber des Morgens
wieder aufbrach, war der Führer ebenso plötzlich verschwunden, wie er
aufgetaucht war. Der Kommandant der Eskadron ward unruhig und teilte
Schmidt seine Besorgnisse mit. Dieser aber sagte:
»Ich kann Sie völlig beruhigen. Der Mann ist kein Franzose, sondern ein
Deutscher, ja noch mehr, er ist ein ehemaliger Lützower. Im Feldzug
in Mecklenburg haben ihn die Kameraden als feige ausgestoßen, aber
er heftete sich jetzt an unsere Fersen und tauchte da und dort auf,
und man erzählte Unheimliches von ihm. Er soll sich anklagen, die
mörderische Kugel auf unseren Körner abgeschossen zu haben -- -- wie
dem auch sei, sein Geist ist nicht klar, nur eine Idee scheint hell in
demselben zu leben, die, daß er an dem Korps etwas gut zu machen hat.
Wie er hierher kommt, weiß Gott; daß er da ist, spricht aber dafür, daß
er, wie er sich selbst nennt, der Schutzgeist der Lützower sein will.«
»Nun denn, in Gottes Namen, bis hierher hat er uns gut geführt, und die
ganz genaue Karte, die er in meiner Hand ließ, setzt uns in den Stand,
unsern Weg mit der nötigen Vorsicht auch selber weiter zu finden.«
Und vorwärts ging der Ritt über Omont und Mondigny, welche Orte
geschickt umgangen wurden gegen Rouvroy, wo das Flüßchen Andry zu
passieren war. Man gedachte nicht über die Brücke zu reiten, die
vor dem Orte war, sondern bei einer nach der Karte etwa 600 Schritt
oberhalb liegenden Furt den Übergang zu bewerkstelligen. Das Terrain
war ungemein ungünstig für Reiterei, zerrissen von Schluchten, bedeckt
mit Gehölz, sodaß ein freier Überblick nirgends möglich war. Die
Eskadron rückte nur ganz langsam vorwärts, und Schmidt, der den
Vortrab führte, spähte, soweit es möglich war, scharf aus.
Jetzt ging es ins Thal des Andry hinab durch einen Hohlweg, der in
einigen Krümmungen sich wand, so daß der freie Ausblick nach vorn
beinahe fortwährend verschlossen schien. Da tauchte plötzlich zur
Linken auf einem Vorsprung eine Gestalt auf -- Schmidt erkannte
Bastian. Dieser winkte lebhaft einige Male, dann schrie er mit lauter
Stimme:
»Zurück! Feinde! Ein Hinterhalt!«
Im nächsten Augenblicke schon krachten einige Schüsse, die Gestalt
auf der Höhe griff mit den Händen in die Luft, that dann einen Sprung
vorwärts, überschlug sich und stürzte schwer in den Hohlweg herab.
Nur eine Sekunde durchfuhr Schmidt ein Erschrecken; er kommandierte
sofort den Rückzug auf die Eskadron, aber da tauchten von vorn
bereits dicht gedrängt französische Nationalgarden auf, die den
Hohlweg sperrten, und Kugeln sausten pfeifend heran gegen die Reiter.
Aber auch die Nachrückenden hatten die Schüsse gehört und kamen nun
herangesprengt.
»Hier ist nicht durchzukommen!« rief Schmidt ihnen entgegen.
»Eskadron halt! Kehrt!« kommandierte der führende Lieutenant, und so
gut es in dem engen Passe gehen mochte, suchte man sich wieder nach der
Seite hin, woher man gekommen war, emporzuarbeiten. Im Sturmschritt
aber kamen die Franzosen hinterdrein und ihre Schüsse knatterten
unaufhörlich. Und auch auf den Höhen zu beiden Seiten war es lebendig,
auch von dort her blitzte es unheimlich auf, und die Lützower sahen mit
Schrecken, daß sie hier in einen Hinterhalt geraten waren.
Die ermüdeten, halbverdursteten Pferde wurden zu wilder Eile gespornt,
und so erreichten die Reiter endlich mit verhältnismäßig geringen
Verlusten das Hochplateau und eine Straße, aber zu ihrem neuen
Schrecken sahen sie eine Abteilung französische Reiter heransprengen,
die ihnen den Weg zu verlegen gedachte. Hier galt es sich
durchzuschlagen.
Es war eine verzweifelte Situation. Mit lautem »~en avant!~« jagten die
Feinde auf ihren offenbar frischen Pferden heran, ihre Helme blitzten
im Sonnenschein, und festgestemmt in den Bügeln, eng geschlossen
erwartete sie die deutsche Eskadron. Der erste Ansturm mußte
ausgehalten werden, sie durften sich nicht auseinander sprengen lassen.
Schon hörte man das Schnauben der französischen Pferde, noch einige
Augenblicke, dann war das Ganze ein wirrer, wilder, dunkler Knäuel,
gleich einer schweren Gewitterwolke, aus der die zischenden Säbelblitze
zuckten. Aber nun zog auch die Nationalgarde im Laufschritt heran, das
Bajonett gefällt, um in den Kampf einzugreifen, als mit einmal aus
einem seitwärts gelegenen Gehölz eine neue Reiterabteilung hervorbrach
und sich mit voller Wucht auf die überraschten Gardisten warf und sie
im Augenblick auseinander sprengte.
Es waren Kosaken, die unmittelbar darauf auch in das Reitergefecht
eingriffen und mit ihren langen Lanzen manchen Franzmann aus dem
Sattel holten. Sie waren von Chimay hergekommen, das in russischen
Händen war, und kamen zu rechter Zeit. Zur selben Stunde aber zog
auch von Montcornet, wo gleichfalls Kosaken lagen, eine größere
Infanterieabteilung heran. Es waren preußische Uniformen, auf die der
Nachmittagssonnenschein fiel, und gebräunte, trotzige Gesichter. Ein
Transport von Verwundeten, die sich auf mehreren Wagen, in Stroh und
Betten hineingelagert, befanden, sollte auf sicheres Gebiet geleitet
werden. Da hörte man das Schießen. Der Befehlshaber der Abteilung ließ
sofort halten, die Wagen seitwärts von der Straße fahren, und nachdem
eine kleine Bedeckungsmannschaft dabei zurückgeblieben, rückte er mit
den andern eilig vorwärts, um, wenn es notthäte, bedrängten Kameraden
beizustehen.
Die französische Reiterei, die den vereinigten Lützowern und Kosaken
nicht gewachsen war, blies ihre Rückzugssignale, aber sie eilte,
verfolgt von den Lützowern, gerade den von Montcornet heranrückenden
Preußen entgegen. Diese empfingen sie mit festgeschlossenen Gliedern.
Das erste hatte sich auf ein Knie niedergelassen, das zweite legte
die Flintenläufe auf die Schultern des ersten, das dritte auf jene
des zweiten, und wie die Chasseurs heranjagten, dröhnte ihnen eine
volle Salve entgegen, daß Pferde und Reiter sich wild und grauenhaft
im Staube der Straße wälzten. Die ganze Kolonne war in Auflösung, und
was noch standhalten wollte, wurde von den nachjagenden Lützowern und
Kosaken vollends auseinander gesprengt.
Jetzt erst begrüßten sich die Sieger, und die brave Lützowsche
Eskadron, die seit einigen Tagen aus Gefahr und Not nicht
herausgekommen war, konnte endlich wieder frei aufatmen. Da sah Zander
ein bekanntes Gesicht unter der preußischen Infanterie.
»Oberjäger Walther!« rief er freudig, und der Alte, dessen ehrliches,
pulvergeschwärztes Antlitz vor Freude strahlte, reichte ihm die Hand
aufs Pferd hinauf.
»Wo ist Konrad?« war des Försters erste Frage.
»Herrgott -- Konrad! Schmidt! -- Wo ist Lieutenant Schmidt?« rief
Zander erregt.
»Den sah ich stürzen, Herr Oberjäger, bei der Reiterattacke; ich wollt'
ihm helfen aus den Bügeln zu kommen, aber bei dem Getümmel war's
unmöglich!« sagte einer der Reiter.
»Heiliger Himmel -- dann lassen Sie uns suchen!«
Er spornte sein Pferd und jagte zurück, und so hastig als es nur gehen
mochte, eilte der Förster und noch ein anderer junger Soldat ihm nach.
Es war Elise, die neben Walther stehend jedes Wort gehört hatte, und
der es mit einmal das Herz zusammenkrampfte. Sie lief dem Alten jetzt
voraus, und mit den Augen der Liebe suchte sie.
[Illustration: Zu Seite 208.]
Zander war bereits vom Pferde gestiegen und hatte dessen Zügel um einen
Baum geschlungen, und wo das Kampfgetümmel am dichtesten gewesen,
wo Freund und Feind am meisten nebeneinander lag, begann er seine
Forschungen, und sah jedem Lützower, den er hier fand, ängstlich in das
bleiche Gesicht.
Da klang vom Rande eines kleinen Gehölzes her ein lauter Ruf. Dort
kniete der junge Soldat, der mit Walther gekommen war, und hielt ein
bleiches und blutiges Gesicht in den Händen. Als Zander herankam, hörte
er die Worte:
»Konrad, lieber, lieber Konrad -- thu' die Augen auf -- ich bin's ja
-- ich!« und in heißer Erregung küßte der junge Soldat die Lippen des
wunden Mannes.
Der Lützower stand einen Augenblick starr, dann trat er dicht heran:
»Um Gottes willen, Sie -- Fräulein Wendler?«
Elise hob das Gesicht empor, und die Thränen liefen ihr über die
Wangen:
»Ja, Herr Zander -- aber nun fragen Sie nicht -- kommen Sie, ihm zu
helfen!«
Jetzt war auch Walther zur Stelle und kniete an des Verwundeten Seite.
Dem rann das Blut aus dem Arme und von der Stirn, der Alte aber
überzeugte sich bald, daß die Kopfwunde eine ganz unbedeutende war,
und daß vor allem der Blutverlust aus dem Arme den Verwundeten des
Bewußtseins beraubt hatte. Er verband ihn mit Hilfe der Freunde, und
Elise war wieder das starke, thatkräftige Weib, das mit geschickter
Hand zugriff. Walther und Zander aber hoben Konrad auf und trugen ihn
vorsichtig nach dem Lagerplatz des Verwundeten-Transports; gesenkten
Hauptes ging sie zur Seite und hielt Schmidts herabhängende Hand.
Keines sprach ein Wort, der Förster aber wußte, was jetzt in der Seele
des Mädchens vorging.
Am Ziele angelangt, wurde Konrad auf weichen Waldgrund gebettet, und
ein Arzt der Sanitätskolonne untersuchte ihm die Wunden. Im linken
Arme saß ein Säbelhieb, der freilich bis auf den Knochen hindurch
geschnitten und diesen selbst noch gesplittert hatte, aber eine Gefahr
war für den Wunden nicht vorhanden. Da atmete Elise auf, ergriff innig
des Arztes Hand und sagte herzlich:
»Ich danke Ihnen!«
Der Mann schaute sie beinahe befremdet an und fragte:
»Er geht Sie wohl nahe an?«
»Ich bin seine Braut,« erwiderte sie mit heißem Erröten, und während
sie wieder um den Verwundeten sich bemühte, erzählte Walther den andern
flüchtig und kurz die näheren Umstände und bat zugleich, ihr Geheimnis
zu ehren, wie er es bisher gethan habe.
»Das ist nicht nötig, denn von heute an bin ich wieder Weib und weiß,
wohin ich gehöre -- an sein Schmerzenslager!« sagte sie, und in diesem
Augenblicke schlug Schmidt die Augen auf. Er sah in das über sich
geneigte Gesicht, das aus der dunkeln Uniform herausschaute, und wußte
offenbar nicht, ob er träume oder wache.
Da scholl es an sein Ohr: »Konrad!« mit einem Klang, der keine
Täuschung war. Er wollte sich aufrichten, aber mit einem Stöhnen sank
er zurück, und der rasch herzutretende Arzt bat dringend, daß er sich
nicht errege. Da sprach er nur zweimal ihren Namen, aber aus seinen
Augen leuchtete eine Fülle des Glücks.
Nun bettete man ihn auf einen der Wagen, neben Jakob, dem das Bein
abgenommen worden war und der, erschöpft von Blutverlust, in tiefem
Schlafe lag. Zwischen die beiden hinein aber setzte sich Elise. Sie
hatte Walther gebeten, daß er dem kommandierenden Offizier die nötigen
Mitteilungen mache und um seine Diskretion bitte, und nun entfaltete
sie die ganze Sorgfalt des Weibes in der Pflege der beiden Verwundeten.
Die Transportkolonne aber, begleitet von den Lützowern und den
Kosaken, wendete sich gegen Chimay, das man ungefährdet erreichte. Das
insurgierte Ardennendepartement lag hinter den gehetzten Reitern, und
die Lützower Eskadron vereinigte sich in Verviers mit ihren Kameraden,
die der Major selbst unter ähnlichen Gefahren und Beschwerden hierher
geführt hatte. Unter denen, die in diesem Streifzuge das Leben
verloren, war auch der herrliche Friesen.
* * * * *
In einem Hospital an der deutschen Grenze finden wir in der ersten
Hälfte des April unsere Freunde wieder. Mildes Sonnenlicht webt seine
lichten Schleier durch den einfachen aber freundlichen Raum, in welchem
sich durchaus Rekonvaleszenten befinden. An einem Fenster in bequemem
Stuhle lehnt Konrad Schmidt, der vor kurzem erst das Lager verlassen
durfte, den linken Arm in der Binde, eine nahezu verharschte Narbe auf
der Stirn, aber die Augen in dem bleichen Gesichte strahlen, und sie
ruhen mit inniger Hingabe auf der lieblichen Mädchengestalt, die ihm
gegenüber sitzt. Immer wieder finden sich beider Hände, und die Lippen
haben sich viel zu erzählen.
In einer andern Ecke des Gemaches aber liegt auf seinem Lager Jakob
Walther. Das verlorene Bein ist ihm ersetzt worden durch ein hölzernes,
und er hat noch immer Schmerzen, so daß er das Lager wenig verläßt,
aber auch sein Gesicht zeigt ein sonniges Behagen. Auch er hat eine
Pflegerin gefunden, wie er sie besser sich nicht wünschte, und sie saß
auch jetzt an seiner Seite, und da er frägt:
»Und du hast nun alles Schlimme und Schlechte vergessen, Käthe, und
machst dir auch nichts daraus, daß dein Mann ein Krüppel ist?« da
nickte sie, lächelnd unter Thränen, und hielt seine Hand.
Es war des Gärtners Häußer Tochter, die ehedem Zander und Körner
gepflegt hatte, und die auch ihren Teil von Vaterlandsliebe
bekunden wollte und mit ihres Vaters Genehmigung zu den freiwilligen
Krankenpflegerinnen gegangen war. Hier fand sie den Burschen wieder --
und anders, als er ihr in der Erinnerung gewesen war, und daß er sein
Bein fürs Vaterland gegeben, das machte sie ihm rasch geneigt, ebenso
wie sein eisernes Kreuz sie selbst mit Stolz erfüllte.
Und der sonnige Tag brachte noch eine angenehme Überraschung. Draußen
vor dem Hospitale fuhr ein Wagen vor, und zwei Männer stiegen aus. Die
beiden jungen Menschen am Fenster sahen es.
»Mein Vater!« rief Elise, und sprang auf.
»Der Gärtner Häußer!« sagte Konrad Schmidt, und sein Blick streifte
nach dem andern Paare hinüber.
Die beiden Männer kamen in der That, um nach ihren Kindern zu sehen,
und das allseitige Wiederfinden war ein ergreifendes.
»Kinder, wir bringen den Frieden!« sagte ~Dr.~ Wendler nach den ersten
Begrüßungen. »Der Mann des Jahrhunderts ist abgethan; am 11. April
hat Napoleon zu Fontainebleau für sich und seine Erben auf die Krone
Frankreichs verzichtet und wird Fürst von der kleinen Fischerinsel
Elba.«
Er hatte es laut gesprochen, daß alle Anwesenden es vernehmen konnten,
und die Männer, welche ihr Blut für das Vaterland gegeben hatten,
standen und lagen mit feuchtschimmernden Augen und drückten sich wohl
auch, soweit sie sich erreichen konnten, die Hände; als aber Jakob
Walther laut rief:
»Hurra, Viktoria!«, da riefen es alle in aufjauchzender Begeisterung
nach. Und während es wie heilige Schauer den Raum der Krankheit
durchwehte, legte ~Dr.~ Wendler wie zu stillem Segen die Hände Konrads
und Elisens zusammen und hielt die beiden verschlungenen stumm in den
seinen. An anderer Stelle aber wischte sich der wackere Häußer etwas
Nasses aus den Augen und sagte:
»Gott hat's gut gemacht ... und meinen Segen habt ihr. Besser mit einem
Bein in Ehren, als mit gesundem Leib und in Schande. Das eiserne Kreuz
aber bleibt der schönste Besitz in unserm Hause.«
* * * * *
Und wieder wenige Wochen später schritt ein Wanderer von der Höhe
herab, die in das freundliche Thüringer Dorf führte, in welchem
Konrads Vater Pastor war. Er trug ein leichtes Gewand, ein Ränzel
auf dem Rücken und den Stock in der Hand, wie ein fahrender Schüler.
Auf der Höhe hatte er ein Weilchen stillgestanden, die Augen mit der
Rechten beschattet und hinabgeblickt auf die kleinen Häuser und hinüber
nach der Kirche. In junges Frühlingsgrün hineingebettet lag das Dorf
und grüne, blühende Büsche verdeckten die Grabkreuze des Friedhofs,
nach denen sich wehmütig der Blick des jungen Wanderers richtete.
Es war Konrad, und langsam, mit bewegter Seele schritt er nun abwärts
und dachte an seinen Vater und an seine Mutter. Wie er in die
Kastanienallee einbog, die nach dem Gutshofe führte, kamen ihm mit
langsamem Schritte zwei alte Herren entgegen. Er erkannte sogleich den
einen, ja er sah nur diesen einen, mit seinem milden, gütigen Gesicht
und dem weißen Haarkranz, der aus dem dunkeln Hute sich hervordrängte,
und beflügelten Fußes eilte er ihm entgegen.
Da er nahe war, sah ihn auch der alte Herr.
»Konrad, mein Junge!« rief er, und wenige Augenblicke später hielten
sich Vater und Sohn umschlungen. »Ich hab' dich wieder, mein Junge,
heil und gesund -- der Herr segne deinen Eingang!« sagte der Pastor an
der Brust seines Sohnes, dann tastete er an dessen linkem Arm herum:
»Ist er auch ganz gesund und brauchbar wieder, Konrad?«
»Ganz geheilt, Dank der trefflichen Pflege meiner Braut, und der König
hat mir ein herrlich Pflaster für die Wunde gegeben -- das eiserne
Kreuz!«
»Das eiserne Kreuz! Wie mich das freut -- o daß deine Mutter dich
sähe! Aber sie sieht's, sie sieht's mit ihren verklärten Augen aus
himmlischen Höh'n! ... Aber willst du nicht auch Herrn Bastian
begrüßen?«
Jetzt erst sah Konrad den Begleiter seines Vaters näher an. Er hätte
in dem greisenhaften, zusammengebeugten Manne nicht den frischen,
stattlichen Gutsherrn von ehedem erkannt. Wie gebrochen stand derselbe
da und wischte sich mit seinem Taschentuche die Thränen aus dem
vergrämten Gesicht.
Konrad reichte ihm tief ergriffen, schweigend die Hand; jener aber
sprach:
»O daß mir eine solche Stunde im Leben beschieden gewesen wäre; ich
wollte mit Freude zur Grube fahren -- jetzt aber muß ich verzweifeln
und muß mich schämen, wenn jemand nach meinem Sohne frägt!«
Heftiges Schluchzen erschütterte den Leib des Mannes, um dessen
Schulter der Pastor tröstend seinen Arm schlang. Konrad aber sprach:
»Dann will ich Ihnen einen Trost bringen. Auch _Ihr_ Sohn ist gefallen
im Dienste des Vaterlandes. Er war wie der treue Eckart der Lützower
Reiter in Frankreich, er hat sie geführt in schweren Tagen und hat sie
gewarnt in Gefahr, auch wenn er ihren Rock nicht mehr trug. Bei Rouvroy
fiel er, von französischen Kugeln durchbohrt, und um sein Grab standen
brave, deutsche Soldaten und haben ihm die letzten Ehren erwiesen.«
Da richtete sich die erschlaffte Greisengestalt Bastians auf, ein
Leuchten ging über das Gesicht.
»So darf ich von ihm reden und um ihn trauern wie hundert andere Väter
um ihre Heldensöhne?«
»Das dürfen Sie, und für seinen braven Tod bin ich nicht der einzige
Zeuge!«
»Gott sei gelobt -- Sie wissen nicht, wie wohl Sie meinem Herzen thun,
Herr Schmidt -- ich danke Ihnen! Und nun lassen Sie mich zu meinem
Weibe gehen und ihm sagen, daß unser Junge kein Verlorener, kein
Verstoßener, kein Vergessener ist!«
Er reichte den beiden die Hand, und hoch aufgerichtet ging er nach dem
Gutshofe zu, während Konrad und sein Vater ohne jede Verabredung ihre
Schritte nach dem stillen Grabe hinlenkten, darunter das Mutterherz
schlief, das auch ein Opfer für das Vaterland geworden war.
* * * * *
Zwei Jahre später zog ein junger Pfarrer in das alte Pfarrhaus ein, an
der Seite seines Weibes. Die Thüren waren geschmückt mit Eichenlaub,
und an der Schwelle begrüßte das Paar der silberhaarige Geistliche, der
sein Amt in seines Sohnes Hände übergab. Der trug an seinem Gewande das
eiserne Kreuz, und wie sein Weib mit Stolz darauf hinblickte, sprach er:
»Und du hast es ebenso verdient wie ich!«
»Der Herr segne euern Eingang!« sprach der Mund des greisen Pastors,
und mit beiden Armen umschlang er seinen Sohn und dessen Weib Elise. --
[Illustration: Zu Seite 214.]
Zur selben Zeit aber saß in Großzschocher der Gärtner Jakob Walther
neben seinem jungen Weibe. Ringsum blühte der Frühling, fernher tönte
ein verschwimmendes Glockenläuten, und der junge Mann, den Stelzfuß
gerade vor sich hingestreckt, rauchte sein Pfeifchen und las aus einem
Briefe, der eben angekommen war, dann sagte er schmunzelnd:
»Das freut mich mehr als alles, Käthe, daß mein Vater kommen will, um
seinen ersten Enkel zu sehen. Denn wenn der aus seinem Walde gehen
soll, muß es um etwas ganz besonderes sein. Möge der Junge werden wie
sein Großvater, so treu und bieder, so stark und gesund, so voll Liebe
für König und Vaterland!«
»Und wie sein Vater!« sprach lächelnd das frische Weib, -- der Mann mit
dem Stelzfuß aber zog sie an sich und küßte sie innig.
Und noch immer läuteten die Glocken.
[Illustration: Dekoration]
Verlag von Abel & Müller in Leipzig.
Zum 300jährigen Jubiläum
haben wir eine von =Friedrich Meister= bearbeitete und von =Ernst
Zimmer= illustrierte Ausgabe des altberühmten
Don Quixote
für die Jugend und die Familie veranstaltet.
[Illustration]
Der »Don Quixote« ist ein Buch, wie es in der gesamten Weltliteratur
kein zweites gibt.
Es steht in seiner wunderbaren Eigenart einzig und unerreicht da.
Unsere gesunde deutsche Jugend hat von jeher für dieses Werk des
großen Spaniers und seinen Helden geschwärmt, und mit Recht, denn
»Don Quixote« ist eine höchst sympathische Figur, voll Ehrgefühl und
Begeisterung für alles Edle und Gute, voll Mut und Tapferkeit, Würde
und Haltung. Er vereinigt in sich alle Tugenden jener heldenhaften
Ritter, von denen Uhland, Schiller und andere deutsche Dichter uns
gesungen haben, =sein Grundsatz ist, das Böse zu bekämpfen, wo er
es auch finden mag, den Schwachen und Notleidenden zu helfen, allen
Menschen nur Gutes, keinem etwas Böses zu tun=.
Pracht-Ausgabe M. 2.50; Volks-Ausgabe M. 1.50.
Dieses prächtige Buch bedarf keiner weiteren Empfehlung.
[Illustration]
Coopers Lederstrumpf-Geschichten.
Original-Bearbeitung v. =Friedrich Meister=. Illustr. v. _E.
Klingebeil_.
~A.~
_Pracht-Ausgabe._
Mit 20 Buntbildern und 60 Text-Illustr.
=Elegant gebunden= in Leinen mit =7farbiger Deckelpressung=.
M. 7.--.
(4. Auflage.)
~B.~
_Volks-Ausgabe._
Mit 5 Buntbildern und 60 Text-Illustr.
=Elegant gebunden= in Leinen mit =2farbiger Deckelpressung=.
M. 5.--.
(4. Auflage.)
Der textliche Inhalt ist bei Ausgabe ~A~ und ~B~ der gleiche.
Das Werk ist auch in
_5 Einzelbänden ~à~ M. 2.--_
zu beziehen und zwar:
1. =Der Wildtöter= oder Der erste Kriegspfad.
2. =Der Letzte der Mohikaner.=
3. =Der Pfadfinder= oder =Das Binnenmeer=.
4. =Lederstrumpf= oder =Die Ansiedler am Otsego-See=.
5. =Der alte Trapper.=
Jeder dieser 5 Bände enthält 4 Buntbilder und 12 Text-Illustrationen.
Das =Neue Wiener Journal= bespricht unsere Ausgaben wie folgt:
Der Lederstrumpf hat schon viele Bearbeitungen erlebt, doch darf
die vorliegende als =eine der besten= bezeichnet werden. =Der Text
ist sorgfältig redigiert= worden und die =Illustrationen=, die den
=hübsch ausgestatteten= Büchern beigegeben sind, =übertreffen= die
»Indianerbilder«, wie sie in vielen anderen Jugendbüchern zu sehen
sind, durch =geschmackvolle Ausführung bei weitem=.
[Illustration]
Burenblut.