»Wo ist der General?« schrie er deutsch und französisch und hielt

dabei die Kuriertasche hoch in der Hand. Man ließ ihn durch, und so

kam er bis zu Tettenborn, dem er seinen Raub übergab. Der öffnete

gewaltsam die Tasche und entnahm ihr ein Schreiben, das er bei der

schlechten Beleuchtung einer Wagenlaterne, die herbeigeschafft worden

war, mühsam entzifferte. Es enthielt eine Mitteilung an den Oberst

Thuillier, den französischen Kommandanten von Bremen, betreffs des

geplanten Überfalls dieser Stadt und stammte von dem Befehlshaber eines

französischen Postens in Ottersberg.

Tettenborn ließ sogleich eine Abteilung Kosaken gegen diesen Ort

aufbrechen, um sich dieses Postens zu bemächtigen (was auch durch

glückliche Überrumpelung gelang), dann wollte er dem Burschen, der die

wichtige Botschaft in seine Hände gebracht, danken, aber Bastian war

wie in die Erde versunken. An den Kosakenpferden vorbei war er in die

Nacht hinausgeeilt, und bald folgte er wieder wie ein treuer Schatten

dem Zuge der kleinen Armee.

Um sieben Uhr morgens kam diese vor Bremen an. In der Vorstadt vor

dem Osterthore und im Dorfe Hastede waren zwei feindliche Kompagnien

untergebracht. Mit lautem Hurra brachen die Lützower Reiter über

dieselben herein, ehe sie noch ihre Sammelplätze erreichen konnten, und

hieben die meisten nieder; nur wenige retteten sich in die Stadt und

zogen hinter sich die Zugbrücke auf, welche über den ziemlich tiefen

und mit Wasser gefüllten Wallgraben führte. Es war hohe Zeit, denn auch

die Lützower Infanterie war zur Stelle und setzte sich in den Häusern

der Vorstadt fest, von wo aus gegen die Besatzung auf dem Stadtwall

ein lebhaftes Feuer eröffnet wurde, das bald auch die geschickt

postierten Kanonen unterstützten. Und während die Kartätschen unter die

feindlichen Truppen einschlugen, sausten in die Stadt hinein beinahe

unaufhörlich die aus zwei Haubitzen geworfenen Granaten; da und dort

aufleuchtender Feuerschein verkündete den Erfolg der Beschießung.

Die Bürgerschaft Bremens geriet in Aufregung; ihr Herz schlug den

Belagerern entgegen, und viele waren nicht abgeneigt, dieselben durch

eine Erhebung ihrerseits zu unterstützen.

Im Hause des Zimmermeisters Lühring hatte sich etwa ein Dutzend Männer

zusammengefunden, darunter angesehene Leute, Patrioten von reinster

Gesinnung, welche beratschlagten, was man am besten thun könne, um

die Stadt schnell und sicher in die Hände der Angreifer bringen zu

können. Unter den Männern befand sich auch ~Dr.~ Wendler, der nach

Bremen gekommen war, um die Erbschaft seiner verstorbenen Verwandten zu

regeln. Hier erst hatte er durch Lühring erfahren, daß seine Tochter

mit ihrer Freundin die Stadt verlassen habe, zweifellos, um in das Heer

einzutreten, aber wohin sich die beiden Mädchen gewendet, wußte auch

er nicht zu sagen.

~Dr.~ Wendler hatte die Mitteilung mit männlicher Ruhe und Festigkeit

aufgenommen; war's auch nicht nach seinem Sinne, daß seine Tochter

sich den Gefahren des Krieges und den mannigfachen Unannehmlichkeiten,

welche das Verbergen ihres Geschlechts mit sich brachte, aussetzte, so

war er doch andererseits so voll heißer Vaterlandsliebe, daß er dem

patriotischen Zuge seines Kindes gegenüber nicht zürnen konnte. Der

Himmel hatte ihm einen Sohn versagt, so gab er dem Vaterlande, wenn es

sein mußte, seine Tochter.

Auch in dem Kreise, der sich bei Lühring zusammenfand, war er es, der

den Ton angab und die andern mit seiner Begeisterung fortriß und mit

seiner ruhigen Art stark machte. Eine Handvoll tapferer, braver Männer

konnte nach seiner Meinung unter den gegebenen Verhältnissen viel

erreichen. Wenn jeder von den Anwesenden rasch und heimlich unter den

Gutgesinnten warb, so daß zu einer bestimmten Zeit, während ein Angriff

von außen her erfolgte, zugleich der Kampf in den Straßen aufgenommen

wurde, konnte der Erfolg nicht zweifelhaft sein.

Die Männer leisteten sich mit ineinander geschlagenen Händen den festen

Eidschwur, Blut und Leben einzusetzen, um die Stadt von den Feinden zu

befreien, und begannen über die Einzelheiten ihres Planes zu beraten.

Spätestens am nächsten Morgen müßte die Erhebung geschehen. Zuerst

mußte der Posten an der Kaserne überwältigt werden, damit es nicht an

Waffen fehle, dann aber galt es sich des Osterthores zu bemächtigen, um

dort die Freunde einzulassen.

Während dieser Beratungen dröhnte das dumpfe Geroll des Geschützes

dazwischen und erregte die Gemüter noch mehr, so daß die Männer sich

um nichts weiter kümmerten. Keiner wußte, daß bereits die Eingänge

des Hauses besetzt waren, daß es auch in Bremen Verräter gab, und

entsetzt fuhren sie alle auf, als mit einmal auf dem Flur vor dem

Zimmer niedergesetzte Gewehrkolben klirrten und fast in dem gleichen

Augenblicke die Thür geöffnet ward. Ein französischer Offizier

mit gezogenem Säbel stand im Rahmen derselben, hinter ihm wurden

französische Uniformen sichtbar, und er rief:

»Sie sind Gefangene! Versuchen Sie keinen Widerstand!«

~Dr.~ Wendler hatte am raschesten seine Fassung; er trat einen Schritt

vor:

»Mit welchem Rechte geschieht diese Verhaftung?« fragte er.

»Auf Verfügung des Stadtkommandanten, der einen Verrat in Bremen nicht

dulden kann!« war die Antwort.

»Wir protestieren gegen diese Behandlung!«

»Das mögen Sie vor dem Obersten Thuillier thun; jetzt zwingen Sie mich

nicht, Gewalt zu gebrauchen!«

Die Männer sahen einander an; in den meisten Augen leuchtete der Zorn

und die Fäuste waren geballt; ~Dr.~ Wendler aber sagte:

»Meine Herren -- wir sind die Unterdrückten, aber Gott wird uns helfen!

Kommen Sie!«

Damit trat er hinaus in den Flur, die andern folgten stumm. Ein

Kommandowort erschallte, die Soldaten nahmen von zwei Seiten ihre

Gefangenen in die Mitte, und so ging es durch die Gassen. Diese

waren menschenleer infolge der Beschießung, aber bleiche, angstvolle

Gesichter zeigten sich überall an den Fenstern und sahen den Braven

nach, die einem zweifelhaften Schicksal entgegengingen.

Man führte sie vor den Obersten. Der war ein alter, finsterer Soldat,

der sie zornig empfing:

»Man wird Sie lehren, zu konspirieren! Wissen Sie, daß das Hochverrat

ist? -- Ich werde Sie erschießen lassen, sobald auf den Wällen wieder

Platz dazu sein wird, und ich hoffe, daß dies bald ist, denn dies

Häuflein da draußen nimmt uns Bremen nicht weg!«

»Das wäre der großen französischen Nation wenig würdig, mein Herr

Oberst!« sagte ~Dr.~ Wendler ruhig, der Franzose aber sah ihn einen

Augenblick groß an, dann erwiderte er:

»Darüber habe ich keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten, und Ihre

Meinung ist weder mir noch meiner Nation maßgebend!«

Er gab Befehl, die Männer in das Gefängnis in den Kasematten

abzuführen, und kaum eine Viertelstunde später wurde unter

Trommelwirbel in den Straßen verkündet, daß, wer immer nur das

Geringste thue, um mit dem Feinde in Beziehung zu treten oder gar ihm

förderlich zu sein, dem Standrecht verfallen sei.

In finsterm Schweigen ward die Kunde entgegengenommen, aber die Herzen

brannten, und als die Nachricht von dem Gewaltakt gegen ein Dutzend

ehrsame und brave Mitbürger bekannt wurde, erreichte der Ingrimm seinen

Höhepunkt. Von dem Walle her aber dröhnten unaufhörlich die Geschütze

und das Kleingewehrfeuer, und in den Gassen explodierten noch immer

Granaten.

So kam der Abend. Der eherne Mund der Kanonen verstummte, General

Tettenborn ließ das Feuer einstellen. Gegen den Wall heran ritt Konrad

Schmidt, den Säbel in der Scheide, ein weißes Tuch auf einem Stabe

in der Linken, neben ihm ein Trompeter. Er kam, um im Auftrage des

Generals zu verhandeln und Thuillier zur Übergabe aufzufordern. Der

Trompeter blies, als sie beide hart an dem Graben standen, sein Signal,

und Schmidt begehrte als Parlamentär sicheren Eingang in die Stadt.

Zur Antwort krachten von dem Walle einige Flintenschüsse, deren einer

den linken Arm des Trompeters streifte. Schmidt riß sein Pferd herum,

und während er mit seinem Genossen zurückjagte, sausten ihnen die

französischen Kugeln nach.

Die Nacht brach ein, Dunkelheit lag über der Stadt, nur die Wachtfeuer

brannten hüben und drüben, und man hörte durch die Stille den Schritt

der Posten und deren Anrufen. Da war eine Gestalt leise hinabgeglitten

in den Stadtgraben. Geräuschlos mit geducktem Kopfe schlich sie gegen

die Mauer und kam ungesehen bis an diese heran. Ebenso langsam kehrte

sie zurück. Es war Walther, der die Tiefe des Grabens untersuchen

wollte, und nun die Meldung machte, daß dieselbe höchstens 2--3 Fuß

betrage. Da beschloß Tettenborn, den Sturm auf die Stadt zu wagen.

Aber er wollte den Feind erst einigermaßen sicher machen. Er ließ

darum, als der Morgen angebrochen war, die Geschütze abfahren und zog

die am Graben aufgestellte Tirailleurkette zurück, um die Franzosen

glauben zu machen, daß er die Belagerung aufgebe. Da sich aber die

Feinde auf dem Walle zeigten, so konnte es der General nicht hindern,

daß beinahe plötzlich wieder ein heftiges Tirailleurfeuer begann. Unter

den Franzosen erschien auch die Gestalt eines höheren Offiziers, der

allerdings vorsichtig sich zurückhielt und immer eine Deckung zu suchen

bemüht war, aber der scharfe Blick Walthers hatte ihn schnell gefunden,

und nun ließ er ihn auch nicht mehr aus den Augen. Wie der Jäger auf

seine Beute, so lauerte er auf das Aufglänzen der goldenen Tressen,

und während ringsum die Schüsse krachten, hielt er mit kaltblütiger

Ruhe seine Büchse bereit zur That. Jetzt erschien für einen Augenblick

wieder die Gestalt des Offiziers auf dem Walle, in ziemlicher

Entfernung freilich, aber sofort hatte Walther die Waffe an der Wange,

der Schuß krachte, und aus der lebhaften Bewegung, die an der Stelle

entstand, wo der Franzose verschwunden war, konnte der Förster wohl

schließen, daß er sein Ziel nicht verfehlt habe.

Die Bestätigung dafür blieb gleichfalls nicht aus. Gegen Mittag

erschien bei den Lützowern ein wassertriefender Mann, der durch den

Graben geschwommen war; er brachte die Nachricht, daß der Oberst

Thuillier gefallen sei und der Major de Vaillant, ein Schweizer, das

Kommando in Bremen übernommen habe, der wenig geneigt sein dürfte, den

Kampf fortzusetzen. Auch davon unterrichtete der Ankömmling, daß man

eine Anzahl patriotischer Bürger gefangen genommen habe und in den

Kasematten festhalte, und daß dieselben bedroht seien, wenn ihnen nicht

bald Hilfe käme.

Tettenborn war angesichts dieser Mitteilungen zum Sturme entschlossen

und wollte eben die nötigen Befehle erteilen, als ein Parlamentär aus

der Stadt erschien, welcher das Anerbieten einer Übergabe zu machen

beauftragt war. General Tettenborn schickte den Obersten von Pfuel zu

dem Stadtkommandanten zu weiteren Verhandlungen, und in Bremen sowohl

wie bei den Belagerern sah man mit Unruhe und Aufregung dem Ausgang

derselben entgegen.

Der Major de Vaillant verlangte einen Aufschub von 24 Stunden, Pfuel

aber die Öffnung der Thore und Unterzeichnung der Kapitulation binnen

einer Stunde. Die Verhandlungen zogen sich ungebührlich in die Länge

und es ward allmählich Abend, so daß Tettenborn für diesen Tag vom

Stürmen absehen mußte. Aber am nächsten Morgen ließ er von mehreren

Seiten die Sturmkolonnen heranrücken -- die Trommeln wirbelten, die

Hörner riefen ...

Da erschien auf dem Stadtwalle die weiße Fahne. Eine Viertelstunde

später war die Kapitulation unterzeichnet. Die Besatzung erhielt

gegen die Verpflichtung, ein Jahr lang nicht gegen die Verbündeten

zu kämpfen, freien Abzug mit Waffen und Fahnen, die Sieger aber

gewannen bedeutende Magazine mit Munition, große Niederlagen an Tuch

und Lebensmitteln, eine Kasse mit 260000 Francs, 200 Pferde und 16

Geschütze.

Um die zehnte Morgenstunde hielt Tettenborn mit seiner kleinen Armee

seinen Einzug in die Stadt. Von den Türmen läuteten die Glocken, in

den Gassen drängte sich die jubelnde Bevölkerung. Aus den Fenstern

wehten Tücher, und Blumen regnete es nieder auf die Einziehenden.

Besonders aber waren die Lützower Gegenstand der Aufmerksamkeit und

der Begeisterung. Wohl waren ihre Uniformen meist abgenützt und

unansehnlich geworden, ihre Pferde sahen durch den aufreibenden

Vorpostendienst heruntergekommen aus, aber aus den Gesichtern all

dieser Männer leuchtete eine Freudigkeit und ein Kampfesmut, der etwas

hinreißendes hatte.

Eine Abteilung der Infanterie unter Oberjäger Walther war nach den

Kasematten geschickt worden, um die dort gefangen gehaltenen Bürger

zu befreien. Aus den geöffneten Kerkern traten die Männer, die nahe

daran waren, Märtyrer ihres Patriotismus zu werden, und streckten ihren

Befreiern die Hände entgegen.

Da stand ~Dr.~ Wendler plötzlich vor einem ihm bekannten Antlitz, und

er schrak wie vor einer Erscheinung davor zurück. Der junge, frische

Lützower aber, dem das Gesicht gehörte, war nicht minder erschrocken.

»Vater!« stammelte er -- »verrat' mich nicht!«

Wendler war nicht der Mann, der so leicht die Fassung verlor; zudem war

er nicht unvorbereitet, und so reichte er seinem Kinde schweigend die

Hand; das aber sank ihm, überwältigt von diesem Augenblicke, an die

Brust. Erstaunt sahen das seine Kameraden, Walther aber sagte laut: »Es

ist sein Vater!« und zu Elise gewendet fügte er bei:

»Schweizer, ich gebe Ihnen bis morgen früh Urlaub, um das Wiedersehen

feiern zu können ...«

»Und darum wage ich gleichfalls zu bitten!« sagte Eduard Krause, neben

welchem mit Thränen in den Augen der Zimmermeister Lühring stand.

»Ist bewilligt!« erwiderte Walther, dann trat er an Wendler wie an

Lühring heran, denn unwillkürlich hatten sich die beiden kleinen

Gruppen gegenseitig genähert, und reichte den beiden Männern die Hände:

»Sie haben sich gehalten und geschlagen wie jeder andere Brave --

seien Sie ihnen nicht böse. Ihr Geheimnis kennt außer mir niemand. Was

Sie weiter thun wollen, steht bei Ihnen!«

Sie drückten fest die Hand des wackeren Försters, und Lühring lud ihn

in sein Haus. Walther versprach auch zu kommen, wenn es der Dienst

erlaube, und während die Befreiten bereits davon eilten zu ihren

besorgten Familien, marschierte der Oberjäger mit seiner kleinen Schar

durch die belebten Gassen, durch welche immer neue Jubelrufe erklangen,

nach dem Dome.

Dort hatten sich die Sieger zu einem Dankgottesdienst zusammengefunden.

Die Hallen des ehrwürdigen Gotteshauses vermochten sie kaum alle zu

fassen. Vornan standen die Lützower Reiter, dann die übrigen vom

Freikorps, und hinter ihnen drängten sich die bärtigen, gebräunten

Gesichter der Kosaken. Die Orgel brauste in kräftigen Akkorden zu

dem »Herr Gott, Dich loben wir!« und dann sprach vom Altare aus der

Prediger in kräftigen und erhebenden Worten. Als er endete, traten zu

seinen beiden Seiten die Rittmeister Fischer und von Petersdorff hin.

Der alte Offizier mit seinem weißen Barte und seinem wetterbraunen

Gesichte mit den vielen Runzeln und Falten reckte seine Gestalt hoch

empor; in seinem Antlitze zuckte es seltsam, man merkte, daß er sehr

erregt war, und jetzt klang mit einmal seine Stimme, rauh, heiser und

doch vernehmbar bis in den letzten Winkel der Kirche, über welcher ein

tiefes Schweigen lagerte:

»Kameraden! Ich weiß zwar nicht, ob ich hier reden darf, aber das Herz

ist mir zu voll, und was ich sagen will, ist auch zur Ehre Gottes. Er

hat es uns vergönnt, diese gute deutsche Stadt dem Feinde abzugewinnen,

und wir haben nur wenige brave Mitstreiter dabei verloren. Kameraden,

laßt uns bei diesem Erfolge an unseren Anfang denken in der Dorfkirche

zu Rogau, und laßt uns noch einmal vor Gott den Eid erneuern, daß wir

nicht weichen wollen von der Sache des Vaterlandes, daß wir Blut und

Leben daran setzen wollen, es frei zu machen. Kameraden, hebt eure

Hände: Gott strafe den Schuft, der seinem Eide treulos wird!«

Der Alte hatte sein breites Schlachtschwert gezogen, der Rittmeister

von Petersdorff kreuzte damit seine Waffe, und wer immer herantreten

konnte, legte seine blanke Klinge darauf, die andern aber hoben

ihre Hände, und in das tiefe, heilige Schweigen klang die Stimme des

Predigers:

»Der Herr hat's gehört, der Herr sei mit Euch und mit Euren Waffen

jetzt und immerdar, der Herr sei mit allen braven Streitern und mit dem

lieben Vaterlande -- Amen!«

Auch Elise und Anna Lühring waren mit ihren Vätern im Gottesdienste

gewesen, dann aber waren sie nach des Zimmermeisters Hause gegangen,

dessen Frau sich vor Freude kaum zu fassen wußte, wenn sie auch über

das seltsame Aussehen ihres Kindes noch ganz verwundert war.

Vergnügt saß man bei Tische -- man hatte sich ja so viel zu erzählen

-- das Mutterherz aber hing doch nur einem Gedanken nach: die Tochter

wieder aus diesen unweiblichen Verhältnissen herauszubringen, und sie

sprach das endlich auch in rührenden Worten aus. Ein Augenblick des

Schweigens folgte, die beiden Väter mochten ja das Berechtigte und

Wahre dieser mütterlichen Bitte anerkennen, aber Anna Lühring sprach

mit gesenktem Haupte:

»Mutter, sollen wir fahnenflüchtig werden -- heute, da wir im

Gotteshause erst die Hände mit zum Schwur erhoben haben, dem Vaterlande

Blut und Leben zu weihen?«

Auch Elise sagte:

»Tausend Eltern bringen ihre Kinder dem Vaterlande in diesen Tagen,

sollen wir zurückstehen müssen, nur weil der Himmel es uns versagt

hat, Jünglinge zu sein? Denn wenn wir das wären, würdet Ihr uns da

zurückhalten wollen?«

»Der Kampf ist aber einmal nicht Sache der Frauen und Jungfrauen,«

sprach die Mutter -- »es giebt für diese noch ein anderes Feld, ihre

Vaterlandsliebe zu zeigen; sie gehören in die Spitäler, an die Betten

der Verwundeten.«

»Ihnen fehlt es nicht an Händen,« erwiderte Elise -- »aber Krieger

können nicht genug ins Feld gestellt werden, und wenn Gott uns den Mut

zum Kampf ins Herz gelegt hat -- warum sollen wir seinem Drange nicht

folgen dürfen? -- Vater, rede du! Du hast mich so erzogen wie ich bin,

gesund an Leib und Seele, und hast's nicht beklagt, daß ich kein Sohn

war, weil ich dir einen solchen stets zu ersetzen bemüht war -- Vater,

soll ich mit meinem heißen, begeisterten Herzen vergehen, während

hunderte von Braven verbluten?«

~Dr.~ Wendler atmete tief, dann sprach er:

»Einem jeden weist Gott sein Schicksal zu. Dich hat er auf ungewohnten,

aber nicht schlechten Pfad geführt, und wenn das Vaterland in schweren

Zeiten besonders große Opfer verlangt, so will ich solche bringen. Man

hat eine Eleonore Prohaska nicht als unweiblich verworfen, man hat sie

gefeiert als eine Heldin, drängt dich's in ihre Spuren, so geh' mit

Gott, der dir auch die rechte Stunde zeigen wird, in welcher du diesen

Rock ausziehen sollst.«

Schweigend lehnte sich Elise einen Augenblick an des Vaters Brust, der

Zimmermeister aber sah sein Weib an, fragend und ernst. Sie verstand

ihn und sagte leise:

»So mag's in Gottes Namen sein -- was andere Mütter können, muß ich

auch tragen lernen!«

Lühring gab ihr die Hand, dann reichte er sie seiner Tochter, und ein

Augenblick heiliger Stille ging durch den Raum; da erschien Walther mit

seinem treuen Hunde und ward freundlich und freudig begrüßt.

An Stoff zum Gespräch war kein Mangel, und daß gleich anfangs auch

Konrads gedacht wurde, ist selbstverständlich. Er war gleichfalls mit

in Bremen eingezogen und hatte bei dem Eide sein Schwert auf jenes

Fischers gelegt. Walther hatte auch eben erst mit ihm gesprochen und

ihn darüber klagen hören, daß er so lange nichts von seiner Braut

vernehme. Alle wurden beinahe von Rührung erfaßt, daß die beiden

Menschen einander so nahe waren, ohne daß Konrad das ahnte, und es

wurde besprochen, daß ~Dr.~ Wendler ihn aufsuchen und ihm Grüße von

seiner Braut bringen sollte, die für Schmidt freilich nach wie vor

in Leipzig war. Eine Begegnung mit dieser ließ sich ziemlich sicher

vermeiden, da er ja keine Ahnung hatte, in welchem Gewande er sie

suchen müsse, da außerdem der Aufenthalt der Lützower in Bremen nur

wenige Tage dauern konnte, und da Elise diese Zeit im Hause Lührings zu

bleiben gedachte, wo jeder Verdacht leichter vermieden werden konnte,

als im Hause der Großtante.

Erst gegen Abend trennte sich Walther von den lieben Menschen, um nach

seinem Quartier zu gehen.

Als er hier ankam, wurde er mit der Nachricht empfangen, daß er schon

seit einiger Zeit erwartet werde. Er trat in seine Stube ein und sah

Konrad Schmidt und neben diesem seinen Sohn. Jakob trug die Uniform der

preußischen Reiter und hatte auf der Brust das eiserne Kreuz.

»Vater, darf ich kommen?« rief er, und die Stimme zitterte ihm, der

Alte aber breitete, ohne ein Wort zu sagen, seine Arme aus, preßte ihn

an seine Brust, und die Thränen rollten ihm nieder in den Bart. In

stummer Ergriffenheit stand Schmidt daneben, und ihm wandte sich jetzt

der Förster zu; während er mit dem linken Arme den Sohn umschlungen

hielt, reichte er die Rechte dem jungen Freunde.

»Konrad, siehst du, daß er das Kreuz hat? -- Konrad, nicht wahr, er

muß brav gewesen sein, er muß treu für sein Vaterland und seinen König

gestritten haben, sonst hätte der es ihm nicht gegeben -- Konrad, ich

habe meinen Jungen wieder!«

Auch der treue Hund schien sich dieses glücklichen Augenblickes zu

freuen; er sprang unablässig an Jakob empor, der gar nicht Zeit fand,

ihn zu liebkosen, denn sein Vater zog ihn jetzt ganz nahe an das

Fenster, wie um ihm recht ins Gesicht schauen zu können, und dabei

redete er in einem fort:

»Wenn das deine gute Mutter noch erlebt hätte! Aber sie hat's gewußt,

Jakob, sie hat's gewußt, daß du nicht schlecht warst, sie hat mir's

sterbend gesagt, daß du wiederkommen würdest, und nun bist du

wiedergekommen, und mit _Dem_ da!«

Er strich mit den Fingern über das eiserne Kreuz, wie liebkosend, und

redete immer fort:

»Und wie er aussieht! So frisch und stattlich und männlich, so ganz

anders, als wie ich ihn zuletzt gesehen habe. Aber daran wollen wir

auch nicht denken -- gar nicht mehr denken -- nicht wahr, Konrad, nicht

wahr, Flott? -- Aber so rede doch, Junge, du hast ja noch kein einziges

Sterbenswort gesagt, wie du herkommst und wo du zu dem Kreuze gekommen

bist ...«

Er drängte ihn zu dem alten Sofa, das in einer Ecke stand, und setzte

sich neben ihn, und Konrad zog er auf den Stuhl an seiner andern Seite.

»So, und nun erzähle! Aber vorher, Wein her, Wein -- Konrad, thu' uns

den Gefallen, wenn du auch Offizier bist ... schaffe Wein, denn diese

Stunde muß doch gefeiert werden -- ich habe meinen Jungen wieder!«

Lächelnd und mit feuchten Blicken -- denn er dachte auch an seinen

eigenen Vater -- erhob sich Schmidt, um das Gewünschte zu versorgen,

und als er wiederkam, fand er die beiden in inniger Umarmung, und Jakob

war im besten Erzählen.

»Vater, vor allem eins: Napoleon ist in einer großen dreitägigen

Schlacht bei Leipzig vollständig geschlagen worden, und seine

Herrschaft in Deutschland ist aus. Und ich hab' mitgefochten, und das

ist mein Stolz und ich werd's mein Lebtag nicht vergessen, und ich hab'

brav gefochten, Vater, und dafür hab' ich mir die Gunst ausgebeten,

Kurierdienst thun zu dürfen und die Siegesbotschaft nach Norden tragen

zu können, zu dir! Ich wollt' der erste sein, der die Freude dir melden

würde, und das, hofft' ich, sollte mir deine Liebe wiedergewinnen.«

»Die hast du, mein Junge! Gott segne dich!«

»Und ich bin geritten Nacht und Tag, daß mir der Gaul unter den

Schenkeln zuletzt zusammenbrach ... und nun bin ich da -- Hurra!

Viktoria!«

»Hurra, Viktoria!« schrie der Förster mit dröhnender Stimme.

Der Wein war gekommen; er blinkte in den Gläsern goldhell, und es klang

zusammen wie das Läuten von Glocken.

»Und nun eins nach dem andern, mein Junge! Nun erzähle ordentlich, wie

sich's begeben hat!«

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 14 / 18 段