Am andern Elbufer zeigten sich im Dämmerlicht des Morgens Truppen, und

wenn nicht alles täuschte, lagen einige große Fähren bereit. Walther

überlegte nicht lange; er riß sein Gewehr von der Schulter und gleich

darauf krachte ein Schuß durch den stillen Morgen.

»Das wird unsere Leute schneller munter machen, und die Schelme da

drüben sollen wissen, daß wir nicht unvorbereitet sind. Knallen Sie

auch los!«

Elise folgte dem Geheiß; ihre Wangen brannten, ihr Herz schlug rascher,

und eine merkwürdige Kampfesfreudigkeit überkam sie. Noch zweimal hatte

sie, dem Beispiele ihres Gefährten folgend, geladen, noch vier Schüsse

waren nach der Elbe zu gefallen, von der Schanze her aber wurde es

lebendig. Im Laufschritt kam es heran und bald war Graf Nostiz bei den

zweien und übersah die Lage der Dinge. Es war kein Zweifel, daß die

Franzosen einen stärkeren Angriff gegen Hohnsdorf unternehmen wollten.

Am jenseitigen Ufer setzten sich jetzt einige Fähren in Bewegung, und

gleichzeitig dröhnten die dumpfen Grüße der aufgestellten Geschütze.

Das Wetter hatte sich völlig verzogen, es war klar geworden, und man

erkannte beinahe die Gesichter der Feinde, als sie in der Mitte des

Flusses waren. Hinter kleinen Erdwällen, die schon vordem aufgeworfen

waren, flach auf dem Boden, lagen die Lützower Jäger, und die

feindlichen Geschosse sausten im Bogen über sie hin, wühlten sich in

die Erde und sprangen meist, ohne einen Schaden zu thun. Als die erste

Fähre in den Schußbereich kam, eröffneten die Lützower ihr Feuer, und

nun krachte und knatterte es unheimlich durch den Oktobermorgen.

Der ersten Fähre folgte eine zweite und eine dritte, und es mochten

wohl gegen 400 Mann sein, die gegen das kleine Häuflein in Hohnsdorf

heranrückten. Die erste Fähre kam dem Ufer unaufhaltsam näher. Auch

ihre Besatzung lag flach auf dem Boden des Fahrzeuges, aber da sie

landen wollte, und ihre Mannschaft sich erhob, schlugen die Kugeln

der Lützower so dicht und sicher ein, daß eine Verwirrung entstand,

ein Drängen und Stoßen, wobei mancher hinabstürzte in die Fluten. Die

erste Fähre war unschädlich gemacht, und indem sie zurückwich, wurden

auch die andern zurückgedrängt. Am Lauenburger Ufer ordneten sich die

Franzosen aufs neue und hatten zweifellos die Absicht, den Angriff zu

wiederholen. Wiederum donnerten ihre Geschütze, Granatsplitter flogen

umher und verletzten einige Leute, darunter den Grafen Nostiz, das aber

entflammte erst recht den Mut des kleinen Haufens.

Nur Walther war es nicht behaglich; nicht um seinetwillen, sondern des

jungen Blutes wegen, das er nicht von seiner Seite ließ und mit seinem

eigenen Leibe zu decken bemüht war. Manchmal warf er einen Blick auf

Elise, aber er schaute in leuchtende Augen und auf heiße Wangen, und

zuletzt zog es doch beinahe wie Freude und Begeisterung in sein eigenes

Herz ein, wenn er sah, wie furchtlos und mutig die Vaterlandsliebe auch

ein schwaches Weib machen konnte. Gott würde sie schon in seinen Schutz

nehmen -- das war's, womit er zuletzt sich getröstete, als eben wieder

die französischen Fähren herannahten und das Geschützfeuer heftiger

wurde.

Wiederum krachten die unermüdlichen Büchsen der Lützower, aber trotz

alledem hatte die erste Fähre beinahe das Hohnsdorfer Ufer erreicht,

da erkannte Walther auf dieser die Abzeichen eines höheren Offiziers.

Er behielt sie scharf im Auge, und wie der Träger derselben sich

bewegte und das Haupt ein wenig hob, krachte der sichere Schuß des

Försters. Der Erfolg zeigte sich beinahe augenblicklich. Der Getroffene

sprang auf, that einen Satz zur Seite, überschlug sich und stürzte

in die Wellen. Mit seinem Falle kam Entsetzen über die andern. Wie

in einem aufgescheuchten Ameisenschwarme wimmelte es auf der Fähre

durcheinander, alle stießen und drängten, und in den dichteren Knäuel

schlugen die Kugeln vom Ufer her ein. Die meisten Franzosen sprangen in

das Wasser und suchten schwimmend die nächste Fähre zu erreichen, aber

sie trugen auch dorthin Erregung und Verwirrung, und zum zweiten Male

wendete man sich zurück gegen Lauenburg.

Ein fröhliches, begeistertes Aufjauchzen, ein lautes, helles Hurra

klang den Franzosen nach, die trotz alledem noch einen dritten

Angriff versuchten, aber auch dieser ward durch das wirksame Feuer

der Angegriffenen zurückgeschlagen. Da verstummten endlich auch die

Geschütze von der Lauenburger Höhe; die Sonne, welche sich aus dem

zerstreuten Gewölk herausgewunden, leuchtete milde über die Hohnsdorfer

Schanze, hinter der sich die tapfern Verteidiger jetzt behaglich

gelagert hatten und ihres Sieges sich freuten.

»Nun, hab' ich's brav gemacht, Herr Oberjäger?« frug Elise den Förster,

der mit Wohlgefallen ihr frisches Gesicht betrachtete.

»Ja, das haben Sie, und Gott erhalte Ihnen Kraft und Mut und -- Glück,«

sagte beinahe wehmütig der Alte.

»Aber nun versprechen Sie mir auch eins: Daß Sie gegen jedermann

schweigen wollen von dem, was Sie wissen -- hören Sie, gegen

_jedermann_? -- Ja?«

Sie reichte ihm die schmale Hand hin, die er zwischen seine beiden

braunen Hände nahm:

»Was will ich denn machen? -- Ich hab' die Prohaska sterben sehen, und

es war ein schöner, glücklicher Tod, und ich hab' dabei vergessen,

daß es ein Weib war. Ich will's auch diesmal vergessen und will eben

meinen, ich hätt' einen braven, jungen Kameraden, den ich freilich

nicht von meiner Seite lassen darf, denn seit ich ihn kenne, bin ich

für ihn verantwortlich, und wenn etwas schief geht, habe ich's mit

Konrad Schmidt zu thun.«

»Er vor allem soll keine Ahnung haben davon, daß seine Braut ihr Blut

nicht höher achtet, als er das seine. Also abgemacht, Herr Oberjäger!«

»Nun, in Gottes Namen -- abgemacht. Aber sagen Sie mir -- der andere,

mit dem Sie gekommen sind, der ... der Krause -- ist wohl auch

eigentlich kein Student?«

»Nein! _Sie_ sollen auch das noch wissen; es ist meine Freundin Anna

Lühring aus Bremen, und was für mich gilt, das gilt auch für sie.«

Der Förster brummte etwas vor sich hin, aber zu antworten fand er

eigentlich nicht Zeit, denn eben kam eine kleine Schar von Reitern von

Bleckede her angesprengt. Walther und Elise hatten sich etwas seitab

von den andern gelagert und mußten sie zuerst kommen sehen. Es waren

Lützower, daran konnte kein Zweifel sein, und als der Förster schärfer

hinsah, sprang er mit einmal auf.

»Das ist Konrad Schmidt! Nun sehen Sie, daß Sie weiter kommen, sonst

stehe ich für nichts, und drehen Sie ihm hübsch den Rücken, wenn er

vorüberkommt -- das heißt, wenn Sie's übers Herz bringen.«

Elise fühlte, wie das Herz ihr erregter schlug, aber ohne eine

Erwiderung huschte sie fort und hielt nicht eher an, als bis sie unter

einer abseits lagernden Gruppe von Kameraden sich befand. Walther aber

war den Reitern entgegengetreten, und Konrad schwang sich, als er ihn

erkannte, aus dem Sattel. Gleich darauf drückten sich beide Männer

herzlich die Hände.

»Was führt dich denn her, Konrad?« fragte der Förster, indem er neben

dem Freunde, der sein Pferd am Zügel führte, herging.

»Ein Rekognoszierungsritt. Wir kommen von Boitzenburg, sind bei

Bleckede über die Elbe gegangen, und da wir hier schießen hörten,

wollten wir sehen, was es gegeben hat.«

»Eine kleine Morgenarbeit. Die Franzosen haben uns einen Besuch machen

wollen auf einigen Fähren, aber wir haben dankend abgelehnt. Wie

steht's bei dem Korps?«

»Soweit gut, und müßig sind wir auch nicht; man munkelt jetzt von

einem Plane des Generals Tettenborn, an die Weser vorzudringen und den

Marschall Davoust von seinen Verbindungen mit Bremen abzuschneiden,

ja eventuell einen Handstreich gegen letztere Stadt zu unternehmen --

freilich geht das alles ja im Geheimen. -- Nun, und Ihr?«

»Ja, wir und die Franzosen gucken einander, so zu sagen, in die Fenster

-- 's ist mitunter etwas langweilig, und eine kleine Abwechslung, wie

heute morgen, thut ordentlich wohl. Aber wenn man uns eine Handvoll

Leute zur Verstärkung schicken wollte, könnten wir sie brauchen, das

kannst du wohl an gelegenem Orte anbringen!«

»Das soll geschehen! -- Aber weißt du, alter Freund, daß du frischer

und vergnügter aussiehst? ... Hast du von Jakob Nachricht?«

»Bis jetzt keine, aber ich habe eine Ahnung, daß er's ernst meint und

mir fürder keine Schande machen will, wie dieser Kerl, der Bastian,

seinem braven Vater thut!«

»Ja, der Bastian! ... Weißt du auch, daß er sich noch immer in der

Gegend aufhält und sich benimmt wie ein Verrückter? Er ist bald da,

bald dort gesehen worden, am meisten bei Wöbbelin, und soll wunderliche

Reden führen, so daß man meinen könnte, er habe die Kugel gegen unsern

Körner abgeschossen ...«

»Um Gottes willen -- so weit wird's mit ihm doch nicht gekommen sein?«

Konrad senkte den Kopf und schwieg. Sie waren auch bei den andern

angekommen, die einigermaßen verwundert die Reiter anschauten, und

Schmidt kommandierte seine Leute zum Absitzen und zur Rast. Dann

meldete er sich bei dem Befehlshaber der Hohnsdorfer Schanze, und

nachdem dies geschehen, suchte er wieder den alten Freund auf, an

dessen Seite zu traulichem Plaudern er sich niederließ. Auch von Elise

sprach er, und wie er schon längere Zeit nichts von ihr gehört habe;

er nahm ein vertrocknetes Zweiglein aus seiner Brieftasche, schaute es

an mit Wehmut und Freude, ahnte aber nicht, daß zur selben Zeit ein

leuchtendes Augenpaar glücklich und sehnsüchtig an ihm haftete.

Im Laufe des Nachmittags kam noch eine andere Reiterschar von

Artlenburg her. Die Leute waren nur teilweise uniformiert, aber

sämtlich bewaffnet, und an ihrer Spitze auf einem starkknochigen

Pferde ritt ein grauhaariger Mann. Es hatte nichts Befremdliches, und

jeder wußte, daß es Freiwillige waren, oder Leute, die ein vermögender

Mann, ein Grundbesitzer, für seinen König auf eigene Faust angeworben

hatte. Als die Reiter an Walther und Schmidt vorüberkamen, sprang der

Letztere plötzlich auf, und ein Erbleichen flog über sein gebräuntes

Gesicht:

»Herr Bastian!« schrie er auf; der andere aber hielt seinen Gaul an,

und da er Konrad erkannte, rief er:

»Gott zum Gruß, Herr Lieutenant, und da komm' ich selber mit meinen

alten Knochen und bringe meinem König noch ein Dutzend brave Burschen

mit; ich denke, daß man uns wird brauchen können. Ich hab's daheim

nicht mehr ausgehalten, zumal ich von meinem Jungen nichts mehr gehört

habe. Er lebt doch ... oder ist ihm etwas Menschliches passiert?«

Der alte Herr war im nächsten Augenblicke von seinem Gaul gestiegen,

und sein frisches Antlitz war fahl geworden.

»Walther, bringe die Leute einstweilen unter!« bat Konrad, und der

Förster verstand ihn. Er selber nahm die Zügel von Bastian's Pferde

und forderte die andern auf, ihm zu folgen, Schmidt aber stand einige

Sekunden schweigend vor dem Gutsherrn. Dieser stieß jetzt erregt hervor:

»Er ist tot! Sagen Sie mir's ruhig, Konrad, und Sie sollen sehen, daß

ich's wie ein Mann trage -- ich hab' ihn ja fürs Vaterland gegeben und

für meinen König. Freilich die Alte -- die Mutter -- wie sie's tragen

wird! -- Nun, wo ist er geblieben?«

Schmidt griff tiefbewegt nach den Händen des alten Herrn und zog ihn

sachte beiseite unter einen dichten überhängenden Strauch; dort sprach

er dumpf und schweratmend:

»Ihr Sohn lebt!«

»Er lebt? -- Aber was ist's mit ihm? -- Um Gottes willen, was ist's? --

Denn es muß etwas sein -- es muß etwas Schreckliches sein, was Ihnen

nicht über die Zunge will. Hat er eine Schlechtigkeit begangen?«

»Fassen Sie sich, Herr Bastian. Man hat ihm Feigheit vorgeworfen im

Gefechte bei Göhrde, und die Kameraden haben nicht mehr mit ihm dienen

wollen.«

Der Gutsherr wankte und Konrad mußte ihn stützen; sein Atem ging

keuchend:

»Als Feigling ausgestoßen? -- Tierschinder -- Feigling -- mein Sohn!«

Er ließ das Haupt sinken, und Thränen rollten ihm jetzt über die

Wangen. Konrad that der Jammer des braven Mannes in tiefster Seele weh,

und er suchte ihn zu beruhigen. Jener aber sprach:

»Sie meinen es gut, recht gut -- aber was nützt das mir? -- Sehen Sie,

ich kam her mit der Freudigkeit eines Jünglings und wollte nun Seite an

Seite mit meinem Jungen kämpfen und, wenn es sein müßte, bluten, und

mein Weib hat mich gehen lassen mit schwerem Herzen, aber doch als ein

echtes, braves, deutsches Weib -- und nun darf ich nicht eintreten in

ein ehrliches Korps, denn mein Name ist beschimpft, und jeder von den

wackern Burschen, die ich mitgebracht habe, kann mich über die Achsel

ansehen ... o mir bleibt nichts übrig, als eine Kugel in den Schädel,

denn so kann ich nicht heimkehren ... ich müßte mich schämen mein Leben

lang.«

In seiner Erregung riß er ein Pistol heraus und wendete es gegen sich,

aber Schmidt fiel ihm in den Arm.

»Da sei Gott vor! So liegen die Dinge nicht, und daß Sie ein Ehrenmann

sind, daran hat keiner ein Recht zu zweifeln. Aber auch Ihr Sohn ist

nicht verloren. Wir haben's erlebt in diesen Tagen, daß der Sohn eines

braven Kameraden, der noch viel tiefer gesunken war, als der Ihrige,

sich wiederfand und nun im treuen Dienste des Vaterlandes steht ... und

man darf in unsern Tagen an keinem verzweifeln, so lang er noch lebt.«

Bastian steckte das Pistol beiseite, und kleinlaut fragte er:

»Und wo ist der Junge?« --

»Ihn zieht's, wie es scheint, zu seinem alten Korps. Er ist wiederholt

gesehen worden in der Gegend, verstört und krank ...«

Da erfaßte den alten Mann ein anderes Gefühl, das der Vaterangst und

der Vaterliebe.

»Krank, sagen Sie? -- Wäre es möglich, daß die Krankheit ihn ängstlich,

feige gemacht hätte? -- Glauben Sie das, daß es möglich sei -- dann

könnte ja alles noch gut werden.«

Schmidt wollte dem erregten Vater nicht das letzte Fünkchen eines

freundlichen Hoffens rauben; er bestätigte gern die Frage, und nun litt

es Bastian nicht länger mehr, er wollte fortreiten und überall fragen

nach seinem Jungen und ihn überall suchen. Seine Gefährten sollte

Konrad mitnehmen und sie dem Major von Lützow zuführen. Nur mit Mühe

konnte der Gutsherr bewogen werden, sich an einem einfachen Imbiß zu

beteiligen. Dann stieg er in den Sattel, reichte mit stummer Innigkeit

Konrad die Hand und trabte davon.

Er ritt die Nacht beinahe bis an den Morgen, dann gönnte er sich

erst einige Stunden Rast, aber bald begann er auf's neue seine

Nachforschungen. Ja, man hatte seinen Sohn da und dort gesehen, überall

hatte er verwirrte, sonderbare Reden geführt, überall getrunken und

-- gebettelt: Dem Vater wollte es das Herz zerreißen bei solcher

Nachricht, und das Mitleid überwog bei ihm noch den Abscheu. Die

letzten Nachrichten, die er in Kraak erhielt, deuteten darauf, daß

er gegen Wöbbelin sich gewendet habe, und dahin wandte sich auch der

Gutsherr.

Der Abend war bereits hereingebrochen und der Mond war aufgegangen,

der mit seinem milden Lichte die Gegend überflutete, als er an

Wöbbelin herankam. Er sah den Ort drüben an der Straße liegen, still

und friedlich, aber seitwärts von seinem Wege erblickte er auch zwei

einsame Eichen, und er wußte, daß dort in deren Schatten sich einige

Heldengräber befanden. In einer beinahe wehmütigen Stimmung ritt er

darauf zu. Als er fast ganz herangekommen war, sah er, wie es sich

im Schatten bei einem der Hügel regte, und er vermochte jetzt einen

Menschen zu erkennen, der an einem Grabe wühlte und arbeitete. Eine

seltsame Aufregung überkam Bastian, zumal jener, der auf dem weichen

Grunde den Hufschlag des Pferdes nicht hören konnte, sich gar nicht

stören ließ. Er stieg ab, schlang den Zügel seines Pferdes um einen

Strauch, kam noch näher, und plötzlich, wie von einer schlimmen Ahnung

ergriffen, rief er den Namen seines Sohnes. Da schreckte der Mensch auf

dem Hügel auf, that einen lauten Schrei und wandte sein Gesicht her;

dann sank er auf die Kniee und rief mit aufgehobenen Händen:

»Vater!«

Bastian war tief erschüttert.

»Hermann, du? -- Was machst du hier?« fragte er, indem er ganz nahe an

den Knieenden herantrat. Dieser aber zeigte auf den zerwühlten Hügel

und sagte irr und hastig:

»Den da wieder herausholen! Weißt du, wer hier schläft? -- Theodor

Körner, der die schönen Lieder gemacht hat -- -- Das ist Lützow's

wilde, verwegene Jagd ... ja, er war unser Stolz, er war ein prächtiger

Junge ... und -- aber sprich's nicht weiter, hörst du! -- und ich bin's

gewesen, der ihn erschossen hat!«

Und der Unselige heulte auf wie in tiefen Schmerzen, der Alte aber

wurde von Grauen und Mitleid durchschüttert.

»Steh auf, Hermann, du bist krank ... komm, das alles ist ja nicht

wahr, was du sprichst -- komm zu deiner Mutter!«

Unheimlich lachte der Bursche auf:

»Nicht wahr? -- O, es ist wahr -- bei Gadebusch ist's geschehen, aber

ich hab's nicht gewollt, bei Gott, das hab' ich nicht gewollt! Warum

haben sie mich weggestoßen wie einen Hund -- warum? -- Das Hähnchen,

ja, das Hähnchen ... ihn hat's treffen sollen ... aber der Teufel hat

die Kugel gelenkt ... der Teufel!«

Den Gutsherrn überrieselte ein kalter Schauer; daß etwas Fürchterliches

geschehen sein mußte, war ihm ebenso klar, als daß sein Sohn krank war,

und das stand fest, er mußte ihn mit sich nehmen, er durfte ihn hier

nicht verkommen lassen in Irrwahn und Elend. So erfaßte er ihn am Arme,

aber der Bursche riß sich los, und mit dem Schrei: »Ich lasse mich

nicht fangen!« rannte er in wilden Sätzen davon.

Der Vater eilte hinterdrein, fortwährend rufend und bittend. Da erst

erinnerte er sich seines Pferdes; mit keuchender Brust lief er zurück,

schwang sich in den Sattel und jagte dem Flüchtigen nach. Er hatte

nur seinen Schatten noch gesehen, aber bald schien er ihn erreichen

zu können. Da durchschnitt ein breiter, steil abfallender Graben das

Gelände. In demselben verschwand Hermann, aber bald darauf kletterte

er an der andern Seite empor und rannte mit wildem Hohngelächter

einem nahen Walde zu. Der alte Herr jedoch erkannte, daß er hier die

Verfolgung aufgeben müsse, und todestraurig ritt er langsam wieder

zurück.

Bei den zwei Eichen hielt er an. Er stieg ab und trat an den Hügel

Theodor Körners. Der Mondschein sickerte durch die Zweige und streute

silberne Flocken über das Grab des jungen Helden, und Bastian wurde

es wehmütig zu Sinne. Warum konnte sein Sohn nicht dieses Schicksal

haben? -- Er hätte um ihn geweint, aber Thränen des Schmerzes und des

Stolzes zugleich! Er stand lange in tiefer Bewegung, dann brach er

einen Eichenzweig und legte ihn auf den Hügel nieder, auf dem er die

Erde wieder geglättet hatte, schwang sich auf das Pferd und ritt nach

Wöbbelin, um dort Nachtrast zu halten.

Am andern Morgen begann er wieder die Nachforschungen nach seinem

Sohne, aber er vermochte seine Spur nicht mehr zu finden.

[Illustration: Dekoration]

Neuntes Kapitel.

Siegesfreuden.

Nebel wogten über das Elbthal und das Thal der Boitze, und der

Oktobermorgen brach grau und kühl an. Hornsignale und Trommelklang

gingen durch das Lager des Generals Tettenborn bei Boitzenburg, und

die hier gesammelten Truppen stellten sich in Marschordnung. Jetzt

setzte sich der General an die Spitze der etwa 800 Kosaken, die den Zug

eröffneten, und nun ging es hinein in den grauenden Tag. Hinter den

Kosaken ritt der alte Rittmeister Fischer, der ab und zu sich vergnügt

den weißen Bart strich, denn wenn es zu einem frischen, waghalsigen

Handstreiche ging, war er stets guter Dinge, und mit den 400 braven

Reitern hinter sich, unter denen auch Schmidt und Zander sich befanden,

fürchtete er sich vor dem Satan nicht; es steckte in dem Alten etwas

vom Blute des wackeren Marschall Vorwärts, des prächtigen Blücher.

Dann marschierten etwa vierthalbhundert Mann Lützower Infanterie unter

Lieutenant Müller. Unter ihnen war Walther und die beiden Freundinnen,

denn das Hohnsdorfer Kommando war teilweise abgelöst und durch andere

Truppen ersetzt worden. Den beiden Mädchen aber schlug das Herz

höher, denn es sollte ja gegen Bremen gehen und dieser Stützpunkt den

Franzosen entrissen werden. Das Reichesche Jägerbataillon und einige

reitende Geschütze vervollständigten die kleine Armee, die frohgemut,

wenn auch mit großer Vorsicht ihres Weges zog gegen Bleckede, wo sie

die Elbe übersetzte, und dann in Eilmärschen weiter über Bienenbüttel

und Soltau nach Visselhövede.

Der Weg war nichts weniger als gut. Stundenlang ging es durch pfadlose

Heide, dann wieder durch sumpfiges Moorland, und dazu kam, daß es

regnerische Tage waren, so daß besonders die Geschütze nur mit den

größten Schwierigkeiten weitergebracht werden konnten, und daß die von

der Infanterie requirierten Wagen auf den grundlosen Wegen teilweise

stecken blieben.

So hatte man Verden erreicht, aber trotz aller Ermüdung ward doch nur

eine kurze Rast von drei Stunden gegönnt und noch in der Nacht sollte

der Marsch gegen Bremen fortgesetzt werden. Walther sorgte in dieser

kleinen Frist nicht für sich, sondern für die beiden Mädchen, um die er

manche Sorge schweigend trug; er verschaffte ihnen ein gutes Abendbrot,

ein bequemes Lager, während er selber mit seinem treuen Hunde selbst

in diesen Raststunden den Schlaf nicht suchte. Bald erklangen auch die

Signale wieder, und der Marsch ging hinein in die rauhe, nebelfeuchte

Nacht.

An demselben Abend aber hatte an der Straße nach Bremen in einem Gehölz

ein verwildert aussehender Bursche gelegen. Er war hinter Tettenborns

Schar gekommen, die er nicht aus den Augen verlor, und war derselben

auch ab und zu vorausgeeilt, sie umschwärmend wie ein Hund die ihm

anvertraute Herde. Es war Bastian. In seiner gestörten, erregten Seele

lebte ein wunderlicher Zug, der ihn immer wieder hindrängte zu den

Lützower Reitern; es war wie Haß und Anhänglichkeit zugleich. Er konnte

von den Spuren derer nicht weichen, die ihn von sich gestoßen hatten,

und an denen er andererseits nach seinem Empfinden wieder gut zu machen

hatte, was er ihnen angethan, indem er einen der besten ihnen raubte.

So hatte er die Truppen auch diesmal umschwärmt und war ihnen gegen

Bremen zu vorausgeeilt. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, den Anschlag

dem französischen Kommandanten in jener Stadt zu verraten, aber Bastian

haßte die Franzosen heißer, als er es sonst gethan, weil sie nach

seinem Glauben die Ursache waren, daß Körner durch seine Kugel gefallen

war, und so that er ohne Auftrag lieber Spionendienste im Interesse

Tettenborns und der Lützower.

Wie er so dalag und wie in wirren Träumen die seltsamsten Bilder an

sich vorübergleiten ließ, hörte er durch die Nacht Hufschlag. Er

lauschte, woher er kam, stützte sich auf den Arm und spähte. Jetzt sah

er den Reiter, der in der Richtung gegen Bremen sprengte, und wie er

sich näherte, erkannte er auch die französische Uniform. Es war ein

Chasseur, der offenbar Kurierdienst that, und in die Seele Bastians

schoß mit einem Male der heiße Haß. Er wußte zunächst selbst nicht, was

er wollte, aber er griff nach einem großen Feldsteine, der neben ihm

lag, und seine Augen glühten unheimlich auf.

Der Kurier kam rasch daher, ohne zur Rechten oder zur Linken zu sehen.

Da traf der Steinwurf sein Pferd, das bäumte sich hoch auf, warf den

überraschten Reiter aus dem Sattel und jagte wild davon, in die Nacht

hinein. Auf den Chasseur, der halbbetäubt am Boden lag, stürzte sich

ein Mensch gleich einer wilden, zornigen Katze und umklammerte den Hals

des Mannes, der vergebens sich bemühte, von seiner Waffe Gebrauch zu

machen. Der Angreifer sprach nicht, aber er knirschte wie in rasender

Wut mit den Zähnen, und seine Fäuste umklammerten mit Riesenkraft den

Franzosen. Der fühlte, wie seine Kräfte erlahmten, wie die Sinne ihm

schwanden, und als er zurücksank, riß ihm sein Gegner den Säbel aus der

Scheide und bohrte ihn mit einem wollüstigen Grimme zwei-, dreimal in

den Leib des Unglücklichen.

Ein triumphierendes Lächeln ging über das Gesicht Bastians; er horchte,

ob der Franzose noch atme, und dann fühlte er an dessen Leibe herum,

bis er die kleine Ledertasche fand, welche wohl wichtige Nachrichten

bergen mochte. Er riß sie an sich, erhob sich, warf noch einen Blick

nach seinem Opfer und eilte nun in die Nacht hinein in der Richtung

gegen Verden.

Er mochte mehr als eine Stunde gelaufen sein, als er das Geräusch

herannahender Pferde vernahm; er wußte, es waren Tettenborns Kosaken,

und in einer Aufregung, die ihn fast alle Vorsicht vergessen ließ,

rannte er ohne weiteres in deren Vortrab hinein.

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 13 / 18 段