siebenjährigen Krieg angefangen und war dann lange genug ein braver,
altpreußischer Unteroffizier. Ich habe unter Schill und Gneisenau
mitgefochten in Kolberg, und die Franzosen haben mir dort auch eins
ausgewischt, daß ich vermeinte, ich müßte draufgehen, aber der
Feldscher hat mich wieder zusammengeflickt, und nun bin ich zu Euch
gekommen. Ein braves Korps, die Lützower, und so recht nach meinem
Herzen. Kein groß' Überlegen, ein frisches, resolutes Dreinschlagen
-- -- na, was ich noch an Rippen habe, will ich gerne unter unserm
braven Major mit dransetzen.«
»Ist's denn wahr, Herr Lieutenant, was man so sagt, Sie hätten anstatt
Fleisch und Knochen eine Metallplatte auf der linken Brustseite?«
»Das ist so, Freund, und wenn's Euch Spaß macht, mögt Ihr's sehen!«
Er öffnete Rock und Hemd und zeigte das blanke Metall oberhalb des
Herzens, und Walther überlief ein gelinder Schauer.
»Ja« -- sagte Staak -- »ein Spaß war's just nicht, als mir die
Kartätsche die Rippen über dem Herzen wegriß, und ich mußte ganz
besonders kunstreich wieder zusammengeleimt werden, aber -- wie gesagt
-- ich hab' noch mehr Rippen für's Vaterland! -- Was habt Ihr denn da
für einen Milchbart liegen?«
Er zeigte auf den schlafenden Renz und Walther sagte:
»Das ist ein kreuzbraves, junges Blut, sieht schwach aus, ist aber von
einer heldenhaften Ausdauer.«
»Ja, die Zeit macht Kinder schnell zu Männern -- -- aber holla, was
giebt's schon wieder?«
Die Hörner bliesen Alarm, mit raschem kräftigen Händedruck eilte Staak
fort, und Walther weckte Renz. Es that ihm leid um den müden Jungen.
Der aber war sofort auf den Beinen, und binnen kurzem stand er wieder
in Reih und Glied mit den andern.
Es war Befehl gekommen vom General Wallmoden, vorzurücken gegen den
französischen General Pecheux, der von Lauenburg aus herankam, und um
Mittag war das Gefecht im Gange.
In einem Gehölz lagen französische Tirailleurs, und ihre Schüsse
knatterten den Anrückenden entgegen. Lieutenant Staak war nicht der
Mann, sich vor einigen blauen Bohnen zu fürchten.
»Vorwärts Kinder« -- rief er -- »wenn's auch ein Loch in die Haut
giebt!« und mit zornig begeistertem Hurra brach seine kleine Schar,
unter welcher auch Walther und Renz sich befanden, vor. Nach kurzem
Kampfe waren die Franzosen aus dem Gehölze hinausgedrängt, aber jenseit
desselben formierten sie sich aufs neue, und nun griff zu ihrer Deckung
auch Artillerie ein. »Die Sache wird unbehaglich, wenn erst diese
Baßstimmen zu brummen anfangen. Es hilft aber nichts -- immer vorwärts,
Kinder!« mahnte Staak, und trotz des fußhohen Heidekrautes, welches das
Fortkommen ungemein erschwerte und die ohnedies Erschöpften noch mehr
ermattete, ging es weiter. Immer lebhafter wurde das Feuer der Feinde,
bis man endlich einen Graben erreichte, der wenigstens einigermaßen
Deckung gab.
Hier zu rasten war dem unermüdlichen Staak zuwider. Er erhob sich aus
seiner gebückten Stellung, in demselben Augenblicke aber fühlte er
einen heftigen Schlag an seiner Schulter, und da er hinfaßte, spürte er
das quellende Blut. Walther, der in seiner Nähe war, sah ihn wanken und
sprang hinzu, der Lieutenant aber sagte beinahe barsch:
»Scheren Sie sich zum T... und machen Sie keine Umstände -- ich will
mich ein wenig verbinden lassen. Nur immer vorwärts« -- schrie er
lauter -- »wir sehen uns bald wieder.«
Dann biß er die Zähne zusammen, mehr noch vor Zorn als vor Schmerz,
doch wie er nach dem Walde zurückging, hörte er noch das laute Hurra
der Seinen, und ein Lächeln ging über das verwetterte Gesicht.
Nun aber begann erst das eigentliche Gefecht. Unaufhaltsam drang die
brave Infanterie vor, stürmte mit dem Bajonett einige Hügel, die der
Feind besetzt hatte, nahm diesem eine tapfer verteidigte Haubitze,
und brach nun in die Ebene vor auf die in Karrees hier aufgestellten
Franzosen.
Gegen diese hatte Wallmoden seine Reiterei geworfen, und es war ein
wildes, zorniges Durcheinander. Die Schüsse knatterten unheimlich,
durch Staub und Dunst sah man sie aufblitzen, und vom Rosseshuf ging
ein Dröhnen durch den Erdboden.
Der Major Lützow, bei dem sich Schmidt und Zander befanden, war gegen
die französische Kavallerie, die auf der Straße gegen Lüneburg Stellung
genommen hatte, mit seinen Reitern angestürmt, und hatte die Feinde auf
ihre Infanterie geworfen. Gegen diese jagten die Lützower jetzt heran.
Aber fester schloß sich deren Karree hinter den eben durchgejagten
Reitern, und mit unheimlicher Entschlossenheit standen die Soldaten;
die vorderste Reihe kniete und drohend starrten die Flintenläufe den
Heranstürmenden entgegen. Aber da gab es kein Halten. Lützow selbst
ritt seinen Leuten voran; seine Augen flammten, sein hochgeschwungener
Säbel blitzte, und die Sporen in den Weichen seines Tieres, sprengte er
vorwärts. Eine Kugel verwundete ihn am Schenkel, er spürte es nicht;
schon war er hart heran an das feindliche Karree, da traf ihn ein
zweiter Schuß am Unterleibe, so daß er im Sattel wankte.
»Ich bin verwundet -- aber vorwärts, drauf und drein!« rief er. Einige
seiner Reiter, auch Konrad, griffen zu und suchten ihn aus dem
Gefecht zu bringen, aber es ließ sich nicht hindern, daß dadurch auch
eine kleine Verwirrung entstand, und daß die Lützower, gefolgt vom
feindlichen Feuer, wieder zurückjagen mußten.
Lützow war außer sich. Er wollte sofort zu neuem Angriff übergehen und
schwur, daß er den Tod suchen wolle, wenn seine Reiter ihn im Stiche
ließen. Mit Mühe war er zu beruhigen, und Rittmeister von Bornstedt
erhielt Befehl, sofort aufs neue zu attackieren.
Wiederum brach mit zornigem Hurra das Reitergeschwader gegen den Feind;
gleichzeitig aber stürmte auch vom rechten Flügel die Kavallerie
Wallmodens heran. Wieder krachten und knatterten die Salven, Mann und
Roß wälzten sich durcheinander, verwundet sank Bornstedt vom Pferde,
aber diesmal gab es kein Weichen. Über die Köpfe der entsetzten Feinde
sprangen die Rosse hinein in das Karree, vom Rücken der Franzosen
heraus hieben die braven Reiter sich Bahn, bis sie den Gegner völlig
in Verwirrung gebracht und seine Reihen zersprengt hatten. Der alte
Rittmeister Fischer hatte das Kommando übernommen; mit seinem breiten
Henkerschwerte mähte er die Feinde nieder und schlug sich Bahn in ihre
dichtesten Kolonnen.
Wohl war die Niederlage der Franzosen entschieden, aber es ward noch
gekämpft um den Rückzug. Die Dämmerung brach herein und ihre ersten
Schatten legten sich über das zerstampfte Gefilde. Walther drang bei
Verfolgung des Feindes noch energisch vor, Renz folgte ihm auf dem
Fuße. Die Augen des Jünglings leuchteten, seine Wangen brannten. Er
hatte die Trommel eines gefallenen französischen Tambours ergriffen und
schlug, immer vorwärts eilend, ununterbrochen zur Attacke. Da brach
er plötzlich zusammen. Eine Kugel hatte ihn in die Brust getroffen.
Erschrocken beugte sich der Förster zu ihm nieder, dann hob er den
Leblosen auf und in seinem Arm trug er ihn heraus aus dem langsam
verhallenden Gefechte. An einem Feldrain legte er ihn nieder und rief
nach einem Arzte, inzwischen wollte er selbst nach der Wunde sehen und
öffnete den Waffenrock. Da prallte er zurück, erschreckt, erstaunt --
ihm blieb kein Zweifel: August Renz war ein Weib.
Sie selbst berichtete das, als sie aus ihrer Bewußtlosigkeit erwachte,
in kurzen, matten Worten. Sie hieß _Eleonore Prohaska_ und war die
Tochter eines Musiklehrers aus Potsdam, welche die Begeisterung für
die Sache des Vaterlands in die Reihen der Lützower geführt hatte, und
-- zum Heldentode.
Sie wurde nach Dannenberg gebracht, und zwei Tage später starb sie mit
der Festigkeit und Fassung des tapfern Mannes unter unsäglichen Leiden.
Man begrub sie mit militärischen Ehren, und Walther war es, als hätte
er ein Kind verloren. So griff es dem alten Manne an das Herz, daß
selbst ein Weib ihres Geschlechts vergaß und an Mühsal, Entbehrung und
Ausdauer die Männer übertraf. Durch das ganze Freikorps ging ein Hauch
der Bewunderung und der Ergriffenheit, und der Heldentod des Mädchens
steigerte noch mehr die vaterländische Begeisterung: Hier durfte keiner
zurückbleiben und ärmer erscheinen an heiliger Glut, als die Jungfrau.
Die Kunde aber davon, daß ein Weib im Kampfe bei Göhrde mitgefochten
habe und gefallen sei, ging durch ganz Deutschland und ward gefeiert
als ein würdiges Zeichen einer großen Zeit.
In jenen Tagen war es, daß in einem freundlichen Hause in der alten
Hansestadt Bremen Elise Wendler an dem Totenbette ihrer Großtante
stand. Sie hatte ihr die letzten Tage erheitert und ihr Siechtum
erleichtert, und die alte Frau, die ihre Schmerzen mit großer Geduld
ertrug, war glücklich in ihrem Umgange. Jetzt lag sie im Sarge und das
gute, alte Gesicht sah so freundlich aus, als ob sie schliefe. In ihren
letzten Stunden noch hatte sie von der Not des Vaterlandes geredet und
beklagt, daß sie keinen Sohn und keinen Enkel habe, der mit hinausziehe
in den heiligen Streit, und dann war die Nachricht von dem Heldentode
der Eleonore Prohaska eingetroffen.
Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, in die welken Lippen schoß ein
helles Rot, und sie hatte gesagt:
»Kind, wenn ich jung wäre, ich thäte desgleichen.«
Dabei hatte sie Elisens beide Hände gehalten und gedrückt, so daß ein
seltsam heißes Empfinden das Mädchen mit einmal durchzuckte ... und nun
war sie so still, die alte Frau.
Elise weinte nicht, obwohl sie den Tod der Guten schmerzlich empfand,
aber sie wollte etwas thun, was der Verblichenen würdig wäre und
ihr noch im Jenseits Freude machen könnte. So saß sie, als die alte
Dienerin, die mit ihr sich in die treue Pflege der Verstorbenen geteilt
hatte, sich entfernte, allein am Sarge. Durch das offene Fenster
spielte ein lauer Hauch, und müde Sonnenstrahlen vergoldeten das Gemach.
So traf sie ihre Freundin _Anna Lühring_, die Tochter des angesehenen
und wackeren Zimmermeisters. Sie war jeden Tag gekommen, und die alte
Dame hatte an dem frischen Mädchen jederzeit ihre Freude gehabt und
gestern noch ihr freundlich zugelacht. Anna umarmte schweigend die
Freundin, setzte sich dann neben sie und einige Zeit blieben sie beide
stumm. Dann sprachen sie von den letzten Stunden der Entschlafenen,
und nun ging Elise das Herz auf und sie redete von der warmen
Vaterlandsliebe der alten Frau, und fügte wie unter einem plötzlichen
Impulse hinzu:
»Und weißt du auch, Anna, was ich nun thue? -- Wenn eine Eleonore
Prohaska ihr Blut fürs Vaterland geben konnte, kann ich's auch. Die
Lücke, die durch ihren Tod in Lützow's Freischaren geworden ist, will
ich ausfüllen.«
Sie war mit leuchtenden Augen aufgestanden und sah prächtig aus,
wie sie den feinen Kopf in den Nacken zurücklegte und sich stolz
emporrichtete. Auch die Freundin erhob sich und reichte ihr jetzt beide
Hände hin:
»Das soll ein Wort sein! Und ich gehe mit. Mich zieht es lange schon
hinaus aus der Enge des Vaterhauses, jetzt, da alle Hände gebraucht
werden gegen den Feind. Ja, Elise, laß uns zusammen gehen!«
»Und laß uns das geloben hier am Totenbette unserer alten, lieben
Freundin, die uns hört und segnet!«
Die Mädchen traten zu beiden Seiten des Sarges und reichten sich über
demselben die Hände; Elise aber sprach mit flammenden Wangen:
»So helf uns Gott, daß wir brave Streiter werden für Gott und
Vaterland!«
»Amen!« sprach ernst die andere, dann küßten sie sich stumm über die
Tote hinweg, und nun setzten sie sich wieder nebeneinander, Schulter
an Schulter gedrängt, und flüsternd und mit hastigen Worten redeten
sie von ihrem Plane. Heimlich mußten sie gehen, das war klar, denn
weder der ehrsame Zimmermeister Lühring, noch ~Dr.~ Wendler würden ohne
weiteres einverstanden sein mit diesem Entschlusse ihrer Töchter,
und die Uniform mußten sie sich in einer andern Stadt unverfänglich
erwerben. Anna wußte auch noch weitern Rat. Eine ehemalige Magd ihres
Hauses war an einen Hornisten verheiratet und als Marketenderin bei
den Lützowern. An die wollten sie sich wenden und vor allem auch sich
anschließen. Eintreten wollten sie beide bei den Fußjägern, denn da
hoffte Elise ihrem Verlobten nicht zu begegnen, der vielleicht ihr
Vorhaben mißbilligt hätte. Auch andere Namen mußten sie wählen, und
sie kamen überein, daß Anna als Eduard Krause und Elise als Gotthold
Schweizer eintreten sollte; beide wollten vorgeben, Studenten zu sein.
Immer mehr redeten sie sich in die Einzelheiten ihres Vorhabens hinein,
und ehe sie auseinander gingen, wiederholten sie noch einmal angesichts
der Toten ihren Schwur. Mit freudiger, stolzer Seele blieb Elise
zurück, und die Dienerin, welche sie am Abend noch immer zur Seite des
Sarges fand, wunderte sich über ihre Ruhe und Seelenstärke. Sie aber
wußte, daß sie bald andere, minder friedliche Bilder des Todes schauen
werde.
Am andern Tage wurde die alte Frau begraben. ~Dr.~ Wendler konnte der
Entfernung wegen und da er außerdem sich nicht ganz wohl fühlte, der
Beerdigung nicht beiwohnen, und Elise war die einzige Verwandte, welche
eine Handvoll Erde in die Gruft fallen ließ.
Wiederum zwei Tage später verließen die zwei Mädchen die Stadt, als
ob sie einen Spaziergang unternähmen, aber sie kehrten nicht zurück.
Die besorgten Eltern Annas, sowie die alte Dienerin waren in größter
Erregung, bis letztere ein Briefchen Elisens entdeckte, welches
mitteilte, daß sie mit ihrer Freundin ausgezogen sei in den Dienst
des Vaterlands, und daß man sie beide nicht hindern möge in ihrem
patriotischen Vorhaben.
Der wackere Zimmermeister war sich zwar nicht ganz klar über die
Bedeutung der Worte, aber er kannte sein Kind, das nichts schlechtes
thun konnte; ihm schlug selbst das Herz warm für die deutsche Sache,
und so beruhigte er sein weinendes Weib -- -- die Zeit war eben groß
und außergewöhnlich, und man faßte Außergewöhnliches auch ruhiger
und verständiger auf, als in andern Tagen. Die beiden Mädchen aber
erreichten Rotenburg, wo sie einige Uniformstücke sich zu verschaffen
wußten, und wanderten nun weiter gegen Lauenburg.
Sie mußten mit Vorsicht wandern, um streifenden Franzosenpatrouillen
nicht in den Weg zu kommen, aber der Mut verließ sie niemals, und beim
Volke fanden sie überall freundliche und fördernde Aufnahme.
Sie hatten in der Schenke eines abgelegenen Dorfes Rast gehalten. Der
gutmütig-geschwätzige Wirt setzte sich zu ihnen und frug nach dem und
jenem, woher sie kämen und wohin sie zu gehen gedächten. Sie erzählten
ihm, daß sie Lützow aufsuchen wollten, den sie in der Nähe von
Lauenburg zu finden hofften. Da erhob sich in einem dunkeln Winkel der
Stube ein Mensch, der bis jetzt ruhig dort gesessen und um den sie sich
gar nicht gekümmert hatten. Er hatte ein geleertes Branntweinglas neben
sich stehen.
Nun kam er an den Tisch heran. Seine ländliche Kleidung war schmutzig
und verlottert, sein Gesicht blaß, nur die Augen brannten in
unheimlichem, unruhigem Feuer und die Haare lagen verworren um seine
Stirne. Er begann mit erregtem Pathos zu deklamieren:
Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?
Hör's näher und näher brausen.
Es zieht sich herunter in düsteren Reih'n
Und gellende Hörner schallen darein
Und erfüllen die Seele mit Grausen.
Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd!
»Es ist gut, Bastian!« unterbrach ihn der Wirt, der andere aber stand
jetzt ganz an dem Tische, stützte seine schmutzigen Fäuste darauf, sah
den beiden mit seinen unstät flackernden Augen ins Gesicht und sagte
heiser, erregt:
»Zu den Lützowern wollt ihr, ihr Gelbschnäbel? Können euch nicht
brauchen, sag' ich euch -- ich weiß -- sie haben mich auch nicht
brauchen können. Laßt's bleiben, rat' ich euch. 's war auch nur einer
darunter, der war etwas wert -- die andern sind Hähnchen, Hähnchen ...
und der eine liegt bei Wöbbelin unter einer Eiche. Ich wollt', ich
könnt' ihn herausscharren mit diesen Nägeln da ... und ich scharre ihn
noch heraus, denn ich -- ich war's ...«
Der Mensch fing plötzlich an zu schluchzen, schlug beide Hände vors
Gesicht und rannte hinaus. Verdutzt und aufgeregt sahen die beiden
Freundinnen ihm nach, der Wirt aber sprach:
»Er ist verrückt und erzählt, er habe Theodor Körner bei Gadebusch
erschossen. Es wird berichtet, daß er zur Nachtzeit immer auf dessen
Grabe sitze, und am Morgen war die Erde wirklich öfters aufgewühlt. Er
ist ein unheimlicher Geselle, ein versoffener Bursche ...«
Den beiden grauste es, und bald brachen sie auf. Vor dem Dorfe draußen,
an einem Waldrande im Graben lag der Bursche, mit seinen irren Augen
starrte er ihnen entgegen, so daß sie beinahe sich gefürchtet hätten,
und da sie herankamen, stand er auf, zog die Mütze ab und trat ihnen in
den Weg.
»Sagt's keinem, daß ich ihn erschossen habe« -- sagte er flüsternd --
»ich hab's auch nicht gewollt, die Kugel ging daneben ... schenkt mir
etwas, schenkt mir etwas!«
Sie gaben ihm einige Münzen; er sah dieselben an, nickte wie zum
Danke, dann schwenkte er seine Mütze, schrie jauchzend: »Branntwein!
Branntwein!« und rannte spornstreichs wieder dem Dorfe zu.
Die beiden ergriff ein Gefühl des Ekels, stumm faßten sie einander an
der Hand und setzten ihren Weg fort. Als sie näher gegen Lauenburg
herankamen, erfuhren sie, daß die Stadt von Franzosen besetzt sei,
während zwei Meilen davon, um Lüneburg, der General Tettenborn
lagerte, bei dessen Korps sich die Lützower befanden, daß aber eine
Infanterieabteilung der letzteren bei dem Fährplatz Hohnsdorf,
Lauenburg gegenüber, am andern Elbufer liege in einer befestigten
Schanze, um den Feind zu beobachten.
Dahin wendeten sie sich und meldeten sich bei dem Kommandierenden, dem
Grafen Nostitz, der sie sofort annahm und die weitere Meldung an das
Oberkommando veranlaßte. So waren die beiden Mädchen Lützower geworden
und sahen sich freundlich und herzlich von ihren Kameraden begrüßt. Im
Anfange war es ihnen seltsam unter den fremden Männern, aber das war
rasch genug überwunden, und wie sie sich in ihre männliche Tracht und
ihre männlichen Namen gefunden, fanden sie sich auch bald in das neue
Leben und Treiben. Waren es doch zumeist nicht ungebildete Leute, die
hier beisammen waren und die trotz des Kriegslärms nicht die Künste und
die Heiterkeit des Friedens vergaßen. In müßigen Stunden konnte man es
sehen, wie der eine sein Tagebuch führte, der andere zur Laute sang,
ein dritter wohl gar Verse machte, und mitunter geschah es auch, daß,
wenn die Mädchen aus dem Orte sich sehen ließen, ein heiterer Tanz auf
einer Tenne improvisiert wurde.
Dann gab es freilich wieder Stunden, in welchen das Pfeifen der
französischen Flintenkugeln die unheimliche Musik machte, denn zwischen
Lauenburg und Hohnsdorf war die Elbe nur auf Fähren zu passieren, und
diese Fähren waren in der Hand des Feindes, der mehrmals Versuche
machte, den Posten der Lützower zu vertreiben. Als zum ersten Male die
Schüsse um die beiden Mädchen knatterten, war es ihnen doch etwas bange
und wunderlich zu Mute, aber sie sahen einander ermutigend an, bissen
die Zähne aufeinander und Gotthold Schweizer sprach zu Eduard Krause:
»Denk' an Eleonore Prohaska!«
Da traf eines Tages eine Verstärkung von etwa 20 Mann ein, geführt von
dem Oberjäger Walther, der wie immer seinen Hund zur Seite hatte, und
Flott hatte sich sein Ansehen im ganzen Korps erworben. Als Elise --
oder Gotthold Schweizer -- ihn sah, erschrak sie, denn sie erkannte
sofort den Freund ihres Bräutigams, den sie im Rosenthal in Leipzig an
seiner Seite gesehen hatte. Auch er schaute sie lange an und sagte dann:
»Ich weiß nicht, an wen Sie mich erinnern, aber Ihr Gesicht muß ich
schon einmal gesehen haben. Na, Gott willkommen, so junges, frisches
Blut können wir wohl brauchen!«
Der Alte hatte von der ersten Stunde ab ein seltsames Interesse für die
beiden Neulinge gewonnen, die er in der Führung der Waffe unterwies,
und mit denen er in müßigen Stunden gern plauderte. Dabei sah er
Schweizer immer wieder an und schien in seinem Gedächtnisse zu wühlen,
daß es dem jungen Blute dabei manchmal unbehaglich wurde.
So war der 9. Oktober gekommen. In der Nacht zum 10. sollten die beiden
Neulinge zum ersten Male auf Vorposten stehen und waren hinausgerückt
an die Elbe. Die Nacht war schwül und dunkel gewesen und Wetterwolken
deckten den Himmel, so daß kein Sternlein sich herauswinden konnte
aus dem düstern Mantel. Gegen Morgen begann es zu blitzen und
grollende Donner dröhnten. Da standen die zwei jungen Menschenkinder
und fühlten sich von einem heimlichen Grausen erfaßt. Über ihnen der
Aufruhr des Himmels, dem sie stand halten mußten, und jenseits der
Elbe der Feind. Wie, wenn derselbe die Wetternacht benutzte zu einem
Überfalle? Der Wind fauchte, die Wellen der Elbe rauschten, sonst war
nichts zu vernehmen, und die Augen vermochten nicht die Dunkelheit zu
durchdringen.
Da flammte ein Blitz auf, und in seinem Lichte stand beinahe hart vor
ihnen eine hohe Gestalt. Die beiden schraken zusammen, aber im nächsten
Augenblicke standen sie mit erhobener Waffe und riefen die Erscheinung
an.
Eine ernste Stimme sagte das Paßwort und fügte bei:
»Oberjäger Walther! Alles in Ordnung auf Vorposten?«
»Jawohl, Herr Oberjäger, nichts neues vor dem Feinde!« erwiderte Elise,
der Alte aber sagte:
»Das ist ein unheimliches Wetter, solch' Stürmen und Blitzen und
Donnern und dabei kein Tropfen Regen! In solchen Stunden stumm und
müßig hart vor dem Feind zu liegen, ist unbehaglich, und ein Mann
mehr in solcher Lage nicht zu verachten. Ich will euch ein wenig
Gesellschaft leisten, Kinder.«
Den beiden konnte es recht sein, und während sie alle drei nun
unverwandt in das Dunkel hinaus spähten, gegen Lauenburg hinüber,
gingen leise Worte hin und her. Es waren indes einige Regentropfen
gefallen, und dann schien es, als ob die schweren Wolken weiter zögen
nach Süden zu. Die Posten vermochten wieder freier Ausschau zu halten,
und der Oktobermorgen graute.
Walther mit seinem scharfen Jägerauge schien Befremdliches zu bemerken.
Er ging bis hart an das Ufer des Flusses vor, kehrte dann rasch zurück
und sagte:
»Wenn nicht alles trügt, so fahren die Schelme auf der Höhe da drüben
Geschütze auf, und dann dürfen wir eines harten Angriffs gewärtig sein.
Krause, eilen Sie nach der Schanze und machen Sie dem Grafen Nostiz
Meldung; ich will indes mit Schweizer hier bleiben.«
Anna Lühring eilte von dannen, der Förster aber trat jetzt dichter
an seinen jungen Gefährten heran und sagte, indes ihm die Stimme vor
Erregung bebte:
»Nun weiß ich, wer Sie sind. Als der Blitz vorhin aufzuckte und Ihr
Gesicht erhellte, da hat er mich einen Augenblick erinnert an Eleonore
Prohaska, und ich wußte, daß auch Sie ein Weib sind -- Elise Wendler.«
Die so Angeredete griff nach der Hand des Alten:
»Um Gottes willen, schweigen Sie! Lüften Sie nicht den Schleier von
dem, was verborgen bleiben soll, wahren Sie mein Geheimnis!«
»Ja, aber ich habe die Verantwortung für Sie und für Ihr Leben gegen
Konrad Schmidt, er würde mir's niemals verzeihen, wenn Ihnen ein
Unglück passierte, nachdem ich weiß, wer Sie sind. Kind, Kind -- alle
Achtung vor Ihrem Mute, aber Weibersache ist's eigentlich nicht, sich
herumzuschießen und herumzuschlagen, und daß ich mit Angst und Bangen
einem Kampfe entgegensehe, solange Sie neben mir in diesem Rocke
stecken, das dürfen Sie mir glauben.«
»Ist denn unser Blut zu schlecht fürs Vaterland?« sagte lauter, in
aufwallender Begeisterung das Mädchen.
»Herrgott, nein -- aber so lang' es noch Männer giebt, bedarf es nicht
der Weiber im Streite!« erwiderte beinahe unwirsch der Alte, indes er
unausgesetzt nach den Lauenburger Höhen hinüberschaute.
»So denken Sie, der August Renz, die Eleonore Prohaska, wär' noch neben
Ihnen, und was Sie der gegönnt haben, das gönnen Sie mir auch. Sie
schweigen und lassen mich gewähren, ja?«
Sie hielt ihm die Hand hin, und grollend beinahe sprach er:
»Was will ich machen? -- 's ist auch jetzt nicht Zeit, weiter davon zu
reden. Da drüben wird's unheimlich munter. Sehen Sie?«