Theodor Körner aber saß etwas abseits, mit dem Rücken an eine

stattliche Föhre gelehnt, und schrieb eifrig mit dem Bleistifte in

seinem Notizbuche. Als ihn der Major erblickte, wollte er seitwärts

treten, um ihn nicht zu stören, aber schon hatte der junge Dichter ihn

gesehen und sprang auf, ihn militärisch zu grüßen.

»Guten Morgen, lieber Körner! Sie haben wohl schon in aller

Herrgottsfrühe die Muse bei sich zu Gaste?«

»Bin eben in Gnaden von ihr entlassen worden, Herr Major!«

»Na und was für ein Gastgeschenk hat sie denn Ihnen und uns gespendet?

Geheimnis ist's doch keins und ganz gewiß für die «Schwarzen» in erster

Reihe bestimmt.«

»Es ist ein Schwertlied!«

»Bravo! -- Das können wir brauchen, und ein prächtigeres Frühstück

giebt's nicht, als wenn Sie uns das zum besten geben. Kommen Sie,

Kamerad! Die dort drüben wittern lange schon etwas und sind nicht

minder begierig wie ich -- Kommen Sie!«

Er nahm seinen jungen Adjutanten jovial unter den Arm und zog ihn mit

fort zu dem nächsten Feuer, um das sich beinahe augenblicklich eine

größere Zahl von Lützows Reitern scharte.

»Körner hat etwas neues!« rief der Major, und während noch mehr heran

eilten, stand der jugendliche Tyrtäus mit seinen leuchtenden Augen da,

und seine frische, tönende Stimme klang in den hellen Augustmorgen:

Du Schwert an meiner Linken,

Was soll dein heit'res Blinken?

Schaust mich so freundlich an,

Hab' meine Freude dran.

Hurra!

»Mich trägt ein wack'rer Streiter,

Drum blink' ich auch so heiter,

Bin freien Mannes Wehr;

Das freut dem Schwerte sehr.«

Hurra!

Ja, gutes Schwert, frei bin ich

Und liebe dich herzinnig,

Als wärst du mir getraut

Als eine liebe Braut.

Hurra!

»Dir hab' ich's ja ergeben

Mein lichtes Eigenleben.

Ach, wären wir getraut!

Wann holst du deine Braut?«

Hurra!

Zur Brautnachtsmorgenröte

Ruft festlich die Trompete;

Wenn die Kanonen schrein,

Hol' ich das Liebchen ein.

Hurra!

»O seliges Umfangen!

Ich harre mit Verlangen.

Du, Bräutigam, hole mich,

Mein Kränzchen bleibt für dich.«

Hurra!

Was klirrst du in der Scheide,

Du helle Eisenfreude,

So wild, so schlachtenfroh?

Mein Schwert, was klirrst du so?

Hurra!

»Wohl klirr' ich in der Scheide;

Ich sehne mich zum Streite,

Recht wild und schlachtenfroh.

Drum, Reiter, klirr' ich so.«

Hurra!

So komm denn aus der Scheide,

Du Reiters Augenweide.

Heraus, mein Schwert, heraus!

Führ' dich ins Vaterhaus.

Hurra!

»Ach herrlich ist's im Freien,

Im rüst'gen Hochzeitsreihen!

Wie glänzt im Sonnenstrahl

So bräutlich hell der Stahl!«

Hurra!

Wohlauf, ihr kecken Streiter,

Wohlauf, ihr deutschen Reiter!

Wird euch das Herz nicht warm?

Nehmt's Liebchen in den Arm!

Hurra!

Erst that es an der Linken

Nur ganz verstohlen blinken;

Doch an die Rechte traut

Gott sichtbarlich die Braut.

Hurra!

Drum drückt den liebeheißen

Bräutlichen Mund von Eisen

An eure Lippen fest.

Fluch! wer die Braut verläßt!

Hurra!

Nun laßt das Liebchen singen,

Daß helle Funken springen!

Der Hochzeitmorgen graut. --

Hurra, du Eisenbraut!

Hurra!

Die Begeisterung, die aus den Worten des Dichters glühte, übertrug

sich in das Herz der Hörer; mutig blitzten die Augen in den gebräunten

Gesichtern, die Schwerter klirrten bei jedem Hurra!, und als Körner

geendet, mußte der Major mit aller Energie einer lauten Ovation wehren,

die angesichts der Nähe der Feinde hätte nicht unbedenklich sein

können. Aber er selbst umarmte den jungen Dichter und sprach:

»Wer das kann, ist mehr wert, als wir andern alle. Wir geben jeder sein

bischen Blut für König und Vaterland, Sie aber begeistern Tausende.

Gott erhalte Sie, Körner!«

Dann schritt er langsam weiter ... die Reiter aber lagerten sich wieder

und saßen in gehobener Stimmung bei ihrem einfachen Frühmahl.

Um die siebente Stunde sprengten einige Kosaken heran, die dem Major

eine Meldung brachten, und gleich darauf kam der Befehl zum Aufsitzen.

Es war die Kunde gekommen, daß ein französischer Wagentransport, von

Infanterie begleitet, auf der Straße herankomme, und Lützow sah darin

eine gute Beute. Er verfügte sofort, daß die Kosaken denselben an der

Spitze und an den Flanken angreifen sollten, während er selbst mit 50

Reitern in den Rücken der Kolonne einbrechen wollte und die anderen

50 im Gehölze bleiben sollten als Nachhut und für den Fall, daß dem

Wagentransport noch eine Reiterabteilung folge.

Es regte sich nichts; keine Waffe klirrte, auch kein Pferd wieherte,

und mit beinahe nachlässiger Sicherheit rückten die Feinde heran:

Hochbeladene Wagen, und ihnen voran und zur Seite französische und

westfälische Soldaten. Lützow ließ sie ruhig näher kommen, dann erklang

ein Trompetensignal und mit lautem Hurra brachen die Reiter hervor.

Hei, Lützow's wilde, verwegene Jagd! Das war sie wieder, rasch und

kraftvoll, zusammenwirkend und sicher war der Anprall. Aber auch die

Lenker der Transportwagen peitschten auf ihre Pferde ein, so daß

diese wild auf der Straße hinjagten, ihnen zur Seite die Kosaken, die

infolgedessen nicht rasch genug die Spitze der Kolonne zu erreichen

vermochten.

Einige von den Wagen gewannen den Wald, der zu beiden Seiten der Straße

sich hinzog, die Bedeckung sprang von diesen herab und schwärmte am

Rande des Gehölzes aus. Schüsse krachten, Geschrei, Fluchen, Aufstöhnen

klang durcheinander, und während ein Teil der feindlichen Infanterie

die Waffen wegwarf, flüchtete oder sich ergab, versuchten andere noch

einen vergeblichen Widerstand zu leisten. In dem kleinen lichten

Gehölze waren mit diesen eine Anzahl Reiter in einen kurzen erbitterten

Kampf geraten.

Mit hochgeschwungenem Säbel war Erich herangesprengt gegen einen

feindlichen Offizier, aber wie er die Klinge gegen ihn hob, erkannten

sich beide: Es war sein Bruder Karl! Gleichzeitig ließen beide die

Waffen sinken, in diesem Augenblicke aber traf ein wuchtiger Säbelhieb

die Stirn des westfälischen Offiziers, so daß er zusammenbrach. Erich

jedoch sprang, unbekümmert um alles andere, aus dem Sattel und kniete

bei dem Bewußtlosen nieder.

Ringsum knatterten die Schüsse weiter, die Eisenbräute jauchzten und

klirrten und frohes »Hurra!« erschallte. Hinter einem Gebüsche lag

Bastian. Ihm war es unheimlich, und am liebsten wäre er entflohen,

denn in die Hände der Lützower durfte er nicht fallen im Rocke des

Königs von Westfalen. Der Elende zitterte und bebte, und doch wagte

er nicht aus seinem Versteck zu gehen. Da sah er seine früheren

Kameraden in das Strauchwerk und Gebüsch hineinsprengen. Er sah allen

voran Theodor Körner, die herrliche Jünglingsgestalt, auf seinem

Schimmel, und gleich neben ihm Konrad Schmidt. Da faßte ihn eine

blinde, unaussprechliche Wut. Er war zunächst sich selbst nicht klar

über sein Thun; er riß seine Flinte an die Backe, um den Verhaßten zu

töten; der Schuß krachte, aber in demselben Augenblicke hatte Körners

Roß einen Seitensprung gemacht, so daß dieser Schmidt verdeckte und

die Kugel ihn traf. Bastian sah noch, wie er im Sattel wankte und

augenblicklich zurücksank -- dann warf er sein Gewehr fort, schleuderte

den Rock von sich, welchen er trug, und wie von den Furien gejagt floh

er waldeinwärts.

[Illustration: Zu Seite 137.]

Die Lützower Trompeter riefen zum Appell, der kurze Kampf war vorbei,

aber um Körner mühten sich noch die treuen Genossen. Sie machten ihm

die Füße frei aus den Bügeln, sie hoben ihn vom Pferde und betteten

ihn auf den Rasen, sie öffneten ihm den Waffenrock, um nach der Wunde

zu sehen, und erkannten zu ihrem Schmerze, daß der Tod augenblicklich

eingetreten war. Ernsten, festen Männern liefen die Thränen über die

Wangen, und der Major von Lützow drückte, stumm in seinem Schmerze, die

Hand des lieben Toten. Der kurze Kampf hatte noch mehr Opfer verlangt,

auch der junge Graf Hardenberg war gefallen.

Erich hatte den Ruf zum Sammeln wohl gehört, aber er vermochte den

todwunden Bruder nicht im Stiche zu lassen, und bat, daß man ihm

erlaube, für denselben zu sorgen. Kameraden waren ihm zur Hand, und

als nach kurzer Frist einige Wagen beschafft waren, um die Toten

wegzuführen, wurde auf einen derselben auch Karl gehoben, dem seine

schwere Wunde notdürftig verbunden worden war, und neben ihm auf dem

Stroh saß sein Bruder und hielt den wunden Kopf des Bewußtlosen auf

seinem Schoße. In dem ersten Wagen aber, weich gebettet, lag die Leiche

Theodor Körners, und mit andern ritt auch Konrad ihr zur Seite.

Es war ein unendlich trauriger Zug, der sich da gegen Wöbbelin

hin bewegte. Dorthin ging auch der gewonnene Wagentransport und

die Gefangenen. Zu deren Begleitung war unter andern auch Zander

kommandiert. Er war von dem Tode Körners gleichfalls tief erschüttert

und saß, teilnahmlos gegen alles andere, im Sattel. Nur einmal ließ

er gleichgültig seinen Blick über die Reihen der Gefangenen gleiten,

die meist stumpf und ruhig, teilweise sogar lustig einhertrotteten, was

namentlich bei den Westfalen der Fall war. Da zuckte Zander plötzlich

auf -- -- da war ein Gesicht, das er kannte! Das war ja der erbärmliche

Bursche, der damals im Hause von Erichs Vater ihn und seinen Freund

verraten hatte, den wollte er im Auge behalten: Der Schurke sollte

nicht, wie es sonst Brauch war, entlassen werden, sondern der Strafe

für seine Gemeinheit nicht entgehen.

Der Zug kam gegen Wöbbelin heran. Auf freier Feldflur draußen sah man

zwei einzelne hohe, stattliche Eichen stehen, und einer sprach zu dem

andern:

»Dort müßten wir ihn begraben! Er hat die Eiche so oft besungen und das

schöne Wort gesprochen:

Wachse du Freiheit der deutschen Eichen,

Wachse empor über unsern Leichen,

Vaterland, höre den heiligen Eid!«

Daraufhin ritten einige hinüber, um die letzte Ruhestätte für Theodor

Körner auszuwählen, und einer von ihnen schnitt seinen Namen ein in den

Stamm des Eichbaumes. Indes war der Leichnam in ein Trauerhaus gebracht

worden in der Nähe der Landstraße. Man hatte einen Arzt gerufen, der

freilich nichts weiter als den freundlichen Trost geben konnte: »Es

war ein selig Sterben!« Unter der Herzgrube war die Kugel ihm in das

Rückenmark gedrungen.

Nun wurde er aufgebahrt, und neben ihm die andern Gefallenen.

Ein einfacher Sarg war rasch beschafft worden, der ward auf Stühlen

aufgestellt und Eichenlaub ward rings umwunden.

Auch um die Stirne des edlen Toten lag ein Eichenkranz.

So fand ihn Zander, der jetzt an Konrad Schmidt herantrat, dem die

Thränen aus den Augen rannen und dem er stumm und herzlich die Hand

drückte. Ein wunderbarer Friede ruhte auf den Zügen des Entschlafenen,

dessen Antlitz kräftig und jugendlich-schön aus dem Eichenlaub

hervorsah, als ob er schliefe.

In demselben Gemache hatte man vorübergehend auch den bewußtlosen

westfälischen Offizier untergebracht, und der Arzt hatte seine Wunde

untersucht. Er mußte dem tieferregten Bruder mitteilen, daß sie tödlich

sei, und daß er sich wundere, daß das matte Lebensflämmchen noch so

lange geflackert habe. Da raffte sich mit einem Male der Todwunde

empor auf seinem Strohlager. Mit großen Augen sah er umher, dann ließ

er die Blicke auf dem eichenlaubumkränzten Paradebette haften und

sah das bleiche Antlitz mit dem Kranz um die Stirne. »Fürs Vaterland

gestorben!« stammelten die bleichen Lippen, und die Hände faßten nach

jenen des Bruders:

»Vergebt mir -- auch der Vater ...«

Mehr konnte er nicht sprechen, ein Blutstrom brach aus seinem Munde,

und wie er die Arme des Bruders um seinen Nacken fühlte, ging ein

milder Glanz über sein Gesicht, er sank zurück, und in dem niedrigen

Bauerngemache war ein Toter mehr.

Zander aber zog den Freund mit sich hinaus, hinüber, wo man die

Gefangenen einstweilen untergebracht hatte, und zeigte ihm Jakob.

Schmidt zuckte zusammen und erblaßte.

»Ludwig, weißt du, wer das ist? -- Bis heute hab' ich dir's

verschwiegen, um seines Vaters willen, der hier im Lager bei Wöbbelin

liegt -- --«

»Walther?!« schrie der andere auf, und Konrad nickte.

»Ja, Walther, unser alter Freund! Jetzt ist die Stunde gekommen, um ihn

vielleicht zu gewinnen. Laß uns zuerst sorgen, daß er dem Begräbnis

Körners beiwohnt und sieht, wie man treue und brave Helden ehrt.

Vielleicht klopft das an sein Herz ... und dann will ich ihn zu seinem

Vater führen -- ich hoffe, der Major hat nichts dagegen.«

Zander war von dieser Neuigkeit erschüttert und drückte zustimmend des

Freundes Hand.

Am andern Tage wurden die Gefallenen beerdigt. Auf Bahren von

Baumstämmen und Wagenleitern lagen sie, geschmückt mit grünen Reisern

und Eichenkränzen, und so trug man sie bei gedämpftem Trommelschall

hinüber nach den beiden Eichen, wo die Gräber bereit waren.

In ruhiger, stummer Trauer standen ringsum die schwarzen Gesellen; in

jedem Auge schimmerte es feucht. Eine Ehrensalve konnte nicht abgegeben

werden wegen der Nähe der Feinde, aber stärker, dumpfer wirbelten die

Trommeln, als der Sarg Körners niedergesenkt ward. Dann trat Friesen

hervor aus der Schar, die herrliche Siegfriedsgestalt mit dem blonden

Gelock um das edle Gesicht, und laut und feierlich sprach er Körners

schönes »Gebet vor der Schlacht«:

Vater, ich rufe Dich!

Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze,

Sprühend umzucken mich rasselnde Blitze,

Lenker der Schlachten, ich rufe Dich!

Vater Du, führe mich!

Vater Du, führe mich!

Führ' mich zum Siege, führ' mich zum Tode:

Herr, ich erkenne Deine Gebote;

Herr, wie Du willst, so führe mich.

Gott, ich erkenne Dich!

Gott, ich erkenne Dich!

So im herbstlichen Rauschen der Blätter,

Als im Schlachtendonnerwetter,

Urquell der Gnade, erkenn' ich Dich!

Vater Du, segne mich!

Vater Du, segne mich!

In Deine Hand befehl ich mein Leben,

Du kannst es nehmen, Du hast es gegeben;

Zum Leben, zum Sterben segne mich!

Vater, ich preise Dich!

Vater, ich preise Dich!

's ist ja kein Kampf für die Güter der Erde,

Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte;

Drum fallend, und siegend, preis' ich Dich:

Gott, Dir ergeb' ich mich!

Gott, Dir ergeb' ich mich!

Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,

Wenn meine Adern geöffnet fließen:

Dir, mein Gott, Dir ergeb' ich mich!

Vater, ich rufe Dich!

Dann sprach einer das Gebet des Herrn -- wiederum wirbelten die

Trommeln, und dabei fielen die Schollen nieder auf den Sarg. Gar

mancher Kamerad aber warf ein Eichenzweiglein hinab und ließ dabei

eine Thräne mit hineinfallen in die Grube. Als jedoch der Hügel sich

gewölbt hatte, da standen sie alle, die braven Reiter, fest und ruhig,

und manche Hände vereinigten sich wie zu stillem Gelöbnis. Dann aber

erklang es wie zum Abschiedsgruße:

Die wilde Jagd und die deutsche Jagd

Auf Henkersblut und Tyrannen!

Drum, die ihr uns liebt, nicht geweint und geklagt;

Das Land ist ja frei und der Morgen tagt,

Wenn wir's auch nur sterbend gewannen!

Und von Enkeln zu Enkeln sei's nachgesagt:

Das war Lützow's wilde, verwegene Jagd.

Seitwärts stand ein kleines Häuflein gefangener Westfalen. Sie sahen

mit ernsten Gesichtern drein, denn sie waren von deutschem Blute, und

mit Absicht hatte man sie zu dieser Totenfeier herangeführt, und nicht

ohne Erfolg. Als das letzte Lied der Lützower verklungen war, riß einer

von ihnen, ein älterer Mann und Sergeant, den westfälischen Rock von

seinem Leibe und rief:

»Strafe mich Gott, wenn ich noch eine Stunde länger in welschem Solde

bleibe! Ich bin ein Deutscher und will es zeigen, nehmt mich auf bei

Euch!«

Die anderen alle folgten dem erhebenden Beispiele. Sie hoben ihre

Hände wie zum Schwure auf gegen das Grab Theodor Körners und schrieen:

»Laßt uns mit Euch ziehen!« Nur einer war stehen geblieben; er schlug

die Hände vor das Gesicht und schluchzte, daß es seinen Körper

erschütterte. Ihm rief Schmidt zu:

»Nun, Jakob Walther, und du bleibst zurück?«

Da ließ der Bursche, erschrocken darüber, daß er seinen Namen aus

dem Munde eines Lützowers hörte, seine Hände sinken und starrte mit

fassungslosen Augen umher. Jetzt erkannte er Konrad, und eine tiefe

Blässe flog über sein Gesicht, dann schrie er plötzlich auf:

»Laßt mich erschießen, denn ich bin ein Schuft! Die alle hier dürfen

noch den deutschen Ehrenrock anziehen, ich darf's nicht -- ich habe

Verrat um Verrat auf meine Seele geladen -- hier, nehmt mich hin --

erschießt mich!«

Er riß sich Rock und Hemde auf und zeigte seine nackte Brust, und alle,

die ihn hörten, standen tief erschüttert. Konrad aber trat auf ihn zu

und erfaßte ihn am Arme.

»Komm Jakob -- ich will dich zu deinem Vater führen!« sagte er ruhig

und ernst. Da lief ein Zittern durch die Glieder des Burschen, und

er senkte tief den Kopf. So zog ihn Konrad mit sich fort durch die

schweigenden und verwunderten Kampfgefährten, vorbei an dem mit

Eichenlaub bedeckten Grabhügel des jungen Helden und Dichters.

Willenlos folgte Jakob, aber auf der Landstraße drüben, die gegen

Wöbbelin führte, blieb er plötzlich stehen und sagte:

»Herr, ich hab' Ihnen Schlimmes angethan und bin elend bis in den Grund

meiner Seele hinein, wie ich jedoch die begeisterten Gesichter und die

leuchtenden Augen Ihrer Kameraden sah bei dem Grabe da drüben, da hat

es mein verlottertes Herz zusammengeschüttelt, ich weiß aber auch, daß

ich ein Auswurf bin und bei ehrlichen Leuten nichts zu suchen habe.

Herr, ich kann meinem Vater nicht unter seine braven Augen treten! Und

wie kommt er hierher aus seinem Walde? Hat auch er etwa ...«

»Ja, er trägt den Rock seines Königs und bringt sein graues Haar und

sein Herzblut dem Vaterlande!«

Da schlug der Bursche wieder die Hände vors Gesicht und schluchzte:

»Und ich bringe ihm solche Schande -- -- nein, nein, ich kann ihn nicht

sehen -- lassen Sie mich erschießen, Herr!«

»Auch _dein_ Blut gehört dem Vaterlande, und wenn dein Vater deine Reue

sieht, wird er glücklich sein. Von dem, was hinter dir liegt, soll er

nichts erfahren. Komm!«

Jakob atmete tief und schwer.

»Ja, kommen Sie! -- Ich will ihn wenigstens sehen, den alten Mann, dann

wird geschehen, was sein muß!«

Sie gingen schweigend weiter; da kam ihnen bei einer Biegung des Weges

ein ergrauter Kriegsmann entgegen und ihm zur Seite trottete ein Hund.

Das Tier hob jetzt den Kopf und gleich darauf kam es in langen Sprüngen

heran und strebte an Konrad herauf. Da lief ein Zittern dem Burschen

durch den Leib.

»Flott!« sagte er halblaut, der Hund stutzte einen Augenblick, dann

wedelte er mit dem Schweife und drückte den Kopf an das Bein des

Burschen, der ihn streichelte, indes ihm dabei die hellen Thränen

über die Wangen liefen. Walther -- denn er war es -- kam rasch näher;

plötzlich blieb er stehen, sein Gesicht wurde fahl und fast zornig rief

er:

»Flott, herein! -- Der dort ist nicht wert, daß ein braver Hund ihn

anwedelt!«

Das Tier folgte beinahe traurig, mit gesenktem Schweife, dem Befehl,

der Förster wollte sich umwenden, aber schon war Konrad neben ihm und

hielt ihn am Arme:

»Nicht so, Freund! Er kommt als Reuiger, als Gebesserter, er bringt

sich dem Vaterlande!«

»In _diesem_ Rocke?« sagte verächtlich und finster der alte Mann, und

nun erst dachten die beiden andern selbst daran, daß Jakob noch in der

westfälischen Uniform steckte, und mit einem hastigen Rucke riß dieser

sie ab und warf sie weit von sich, dann sank er auf der Straße auf die

Knie und rief flehend:

»Vater -- laß mich an deiner Seite kämpfen und sterben!«

»Mit ehrlichen, unbescholtenen Männern? -- Daß mir's jeden Tag aufs

neue die Schamröte ins Gesicht jagte --« sagte zornig der Alte, dann

übermannte ihn ein anderes Gefühl und schmerzlich stöhnte er:

»Habe ich denn noch einen Sohn?«

Schmidt hielt ihn noch immer am Arme fest, und mit inniger Wärme sprach

er:

»Ja, Freund, du hast einen! Vom Grabe des bravsten Kameraden, unseres

Theodor Körner, bringe ich ihn dir, er hat ihn im Tode noch geworben

für unsere Sache! Stoße Jakob nicht zurück, ich bin überzeugt, daß er's

ehrlich meint; willst du's auf dich laden, daß das Vaterland diesen Arm

und dieses Herz, das sich ihm mit verdoppelter, reuiger Wärme zuwendet,

wieder verliert?«

»Vater!« stöhnte Jakob, der sich langsam erhob und einige Schritte

näher trat, und mit einem langen, tiefen Blicke sah ihn der Förster an.

»Die Hand kann ich dir heute noch nicht geben -- aber ich will

versuchen, ob ich noch einmal glauben kann, ich hätte einen Sohn. Und

deine Mutter ist hingegangen und hat daran geglaubt!«

»Meine Mutter ist -- tot?« schrie Jakob auf, und nun schluchzte er

wortlos wie ein Kind. Erschüttert stand Konrad neben ihm, und nach

einer Weile sprach der Alte wieder:

»Diese Thränen sollen dir gutgeschrieben sein. Ganz schlecht bist du

nicht, wenn du noch um deine Mutter weinen kannst ... Aber den Rock,

welchen ich trage, kannst du nicht anziehen. Suche dir einen andern

Fleck in Deutschland, wo du dein Blut für's Vaterland verspritzen

kannst, neben mir kann dein Platz nicht sein. Erst muß ich sehen, daß

dir's ernst ist. -- Geh!«

Langsam, mit gesenktem Kopfe schritt der Bursche dahin, der Förster

aber trat an Konrad dicht heran, und indes ihm die Augen feucht wurden,

fragte er bewegt:

»Hab' ich's so recht gemacht?«

Stumm drückte ihm der Gefragte die Hand, dann ging er dem Burschen

nach, um ihm mit Rat und That weiter zu helfen.

Der Alte jedoch stand mit seinem Hunde noch lange auf derselben Stelle

und schaute den beiden nach. Als sie hinter einem Gehölz verschwanden,

atmete er auf und blickte mit gefalteten Händen zum Himmel empor.

»Ich habe noch einen Sohn!« sprach er leise, innig, dann wendete er

sich zu seinem Hunde:

»Flott, braver Kerl! Wir haben ihn wieder, wir haben ihn wieder, den

Jungen! Allons, Flott, freue dich!«

Und das treue Tier sprang lustig in die Höhe und bellte jauchzend

seinen Herrn an.

Da riefen Trompeten und Hörner -- das Signal Alarm! Und raschen

Schrittes, hoch aufgerichtet ging der Förster hinüber, wo seine

Kompagnie stand, um mit einem seltsam freudigen Bewußtsein in der Seele

wieder dem Feinde entgegen zu ziehen.

[Illustration: Dekoration]

Achtes Kapitel.

Frauenmut.

Die Franzosen hatten ihre Stellung bei Schwerin aufgegeben und sich

über Gadebusch nach der Stecknitz zurückgezogen. Lützow war ihnen

gefolgt, war am 4. September früh über das Schaalflüßchen gegangen

und hatte in einem raschen und kühnen Angriff sie gegen Mölln

zurückgedrängt.

Dann nahm er festere Fühlung mit dem Korps des Generals Wallmoden, und

erhielt den Auftrag, mit diesem über die Elbe zu gehen. So rückten die

Lützower -- etwa 500 Mann Infanterie und 500 Reiter -- über Lübtheen

und Dömitz bis Dannenberg, wo sie in der Nacht des 15. September den

Strom übersetzten. Es war ein angestrengter Marsch gewesen, so daß nur

ein kleiner Teil der Infanterie mit fortgekommen und am Morgen beim

Biwak war. Unter ihnen war auch Walther, der sich kräftig und gehoben

fühlte, wie seit langem nicht. Er sehnte sich nach Kampf und Streit,

und wenn er heute an die Franzosen kam, dann gnade ihnen Gott.

Neben ihm beim Biwakfeuer lagerte August Renz mit seinem frischen,

blanken Gesicht, und die Augen fielen ihm beinahe zu.

»Armer Junge!« sagte der Alte, und reichte ihm seine Feldflasche. »Es

war ein bischen viel diese Nacht, und Stärkere als Sie haben's nicht

ausgehalten.«

Renz wies die Flasche zurück und lächelte.

»Alles fürs Vaterland!« sagte er mit seiner merkwürdig weichen und

sanften Stimme -- »aber wenn ich ein halb Stündchen jetzt schlafen

könnte, Herr Oberjäger, sollt' mir's gut thun.«

»Schlafen Sie, Kamerad -- so eilig werden's die Franzosen wohl nicht

haben, an uns heran zu kommen!«

Und der Junge legte sich auf die Seite und war auch vor Ermüdung im

nächsten Augenblick eingeschlafen. Den Förster aber trugen seine

Gedanken fort zu seinem Sohne. Erst da er ihn wieder hatte von sich

gehen lassen, fühlte er, wie seine ganze Liebe zu ihm aufs neue

erwachte, und während rings um ihn reges Leben war, saß er in sich

gekehrt und still.

Da rief ihn eine Stimme an: »Was träumt Ihr denn, Kamerad?«

Als er aufblickte, sah er einen Offizier, den Lieutenant Staak, vor

sich stehen, und wollte sich erheben. Der andere aber ließ sich bei ihm

nieder:

»Sitzen bleiben, Kamerad, ein klein wenig Ruhe thut uns allen not!«

Damit saß er breit und behäbig beim Feuer, den Säbel zwischen den

Beinen. Er war eine kräftige, starkknochige Erscheinung, von derbem

Wesen, aber trefflicher Art.

»Wißt Ihr, Oberjäger Walther, Ihr gefallt mir! Ihr habt so etwas

Ehrliches und Grades, wie ich selber, und -- hol mich der ... -- es war

mir schon lange, als wenn ich mich um Eure Freundschaft bemühen müßte.«

»Sehr schmeichelhaft, Herr Lieutenant!«

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 11 / 18 段