Indes stand weit vorgeschoben seitwärts der Straße Walther mit seinem

kleinen Pikett. Durch das nächtliche Dunkel war nichts zu erkennen,

aber das Ohr vernahm doch den Marschschritt, das Klirren von Waffen und

endlich auch Schüsse. Dem Förster war es klar, daß ein neuer Angriff

der Franzosen stattfand, daß es aber nicht möglich sein werde, länger

demselben standzuhalten. Er hatte seine Posten vorsichtig ausgestellt,

und schweigend harrte das kleine Häuflein dessen, was nun kommen werde.

Das dumpfe Knattern der Schüsse in der Nacht hatte etwas Unheimliches,

das schien selbst der Hund zu empfinden, der leise winselte. Da kam ein

Reiter heran -- es war eine Ordonnanz, die den Befehl brachte, sich bei

der Palmschleuse über die Stecknitz zurückzuziehen, und die sogleich

weiter jagte, um die Ordre auch andern Abteilungen zu überbringen.

Eben wollte das Pikett abmarschieren, als noch ein zweiter Reiter kam;

es war Bastian. Er trug noch immer die Binde um die Stirne, aber man

schien seiner Verwundung wenig genug zu achten und gebrauchte ihn als

Ordonnanz.

»Befehl des Herrn Lieutenants von Heyde, die Stellung hier auf das

Äußerste zu behaupten, bis zur Gegenordre!« sagte er, und Walther sah

ihn einigermaßen verdutzt an, auch die andern Soldaten standen erregt

in Marschordnung.

»Herr Bastian -- ist das kein Irrtum?« rief Walther, und jener

erwiderte: »So war mein Auftrag!«

»Nun denn, Kameraden -- so bleibt nichts übrig, als ehrlich

auszuhalten!«

In diesem Augenblicke machte das Pferd Bastians eine kurze heftige

Bewegung, und der Reiter rutschte dabei aus dem Sattel.

»Was ist Ihnen?« fragte der Förster besorgt, aber einer der Leute,

welcher hinzugesprungen war, sagte beinahe verächtlich: »Er ist

betrunken!«

So war es auch, und dem Eindruck konnte sich auch Walther jetzt nicht

verschließen; zugleich war es ihm klar, daß von den beiden Ordonnanzen

Bastian zuerst abgeschickt worden war, aber infolge seines Zustands

sich verspätet hatte, so daß der zuerst erhaltene Befehl zum Rückzuge

zweifellos der richtige war. Er sprach das auch dem Elenden gegenüber

aus, dem man wieder in den Sattel half und der in seinem unwürdigen

Zustande sich gar nicht bemühte, zu leugnen. Er ritt, so eilig er

konnte, von dannen, die kleine Abteilung aber marschierte jetzt im

Geschwindschritt, um, während die braven Genossen von der 2. Kompagnie

sich noch mit dem Feinde schlugen, die Palmschleuse zu erreichen,

was ihnen auch glücklich gelang. Von allen Seiten kamen die auf dem

Rückzug befindlichen Lützower, um den Übergang über die Stecknitz zu

gewinnen, und nachdem auch die letzte Kompagnie über die Brücke sich

zurückgezogen hatte, wurde dieselbe in Brand gesteckt.

Nun rückten die Franzosen in Lauenburg ein, eben als der Augustmorgen

erwachte. Konrad Schmidt hatte davon keine Ahnung. Er lag im

Obergeschoß eines Hauses, das einem Arzte gehörte, einem alten braven

Junggesellen, der sich seiner warm und herzlich angenommen hatte, und

schlief, da der Blutverlust ihn doch geschwächt und sich zudem ein

leichtes Fieber am Abend eingestellt hatte.

Da kam sein freundlicher Wirt in das Gemach. Er sah einige Augenblicke

besorgt den Schlafenden an und wollte sich eben wieder entfernen, als

von der Straße herauf Trommelwirbel und Marschschritt klang. Konrad

wachte auf, sah einen Augenblick starr und verdutzt umher, und indem er

sich aufrichtete, fragte er den Arzt: »Was bedeutet das?«

»Die Franzosen rücken in Lauenburg ein,« sagte dieser. Da sprang

Schmidt mit einem raschen Satze aus dem Bette und griff nach seinen

Kleidern.

»Bleiben Sie ruhig liegen, es ist das Beste -- Ihre Uniform verstecken

wir -- ein Entkommen ist auch unmöglich,« -- mahnte eindringlich der

brave Mann und suchte ihn auf das Lager zurückzudrängen, aber Konrad

stieß ihn in seiner Erregung zurück:

»Wie, ich sollte nicht wenigstens versuchen, zu meinen braven Kameraden

zu kommen? Soll ich mir nachsagen lassen, daß ich ein Feigling bin und

mich wegen des kleinen Hautritzes da versteckt habe, wie ein altes

Weib? -- Nein -- nein!«

Und hastiger noch warf er sich in die Kleider, indes er einen Blick

durch das Fenster that. Unten zog eben eine Kolonne französischer

Infanterie vorbei. Die Leute sahen abgemüdet aus und kümmerten

sich nicht um die Neugierigen, die überall an Fenstern und Thüren

sich zeigten. Da beschloß er mit kaltblütiger Kühnheit, sich ihnen

anzuschließen. Er drückte den Tschako auf den Kopf, nahm den blanken

Säbel unter den Arm, reichte seinem entsetzten Wirte, der noch einmal

nach dem Verbande gefühlt hatte, mit einem herzlichen Dankesworte die

Hand, und eilte die Treppe hinab. Der erschrockene Arzt sprang an das

Fenster und blickte hinaus. Er sah Schmidt zur Thüre heraustreten

und wie er kaltblütig jetzt neben den Franzosen hermarschierte, als

ob er dazu gehöre. Ihm schlug das Herz vor Angst und Erregung, und

unwillkürlich hatte er seine Hände gefaltet wie zu einem stillen Gebet.

Konrad pochte freilich das Herz nicht minder, und ihm erschien

es beinahe wunderbar, daß die französischen Soldaten sich um ihn

nicht kümmerten. Er mochte so hundert Schritte hart neben ihnen

einhermarschiert sein, als eine enge, stille Seitengasse abbog. Mit

schnellem Entschlusse trat er beim Vorüberkommen in dieselbe ein, die

Leute, die auch hier sich angesammelt hatten, machten ihm Platz, ohne

wohl im Augenblicke auch sich darüber klar zu sein, daß dies kein

Franzose, sondern ein Lützower sei, hinter ihm schloß sich wieder ihre

Reihe, und unaufgehalten ging er nun weiter. Das ganze Städtchen war

mit Ausnahme der Straße, durch welche die Truppen marschierten, wie

ausgestorben, und so kam er bis an das Thor, das gegen Boitzenburg

hinführte.

Da stand ein französischer Posten -- die Feinde waren also durchaus

vorsichtig -- aber nur eine Sekunde schwankte Konrad, ob er umkehren

solle. Er faßte nach dem Griff seines Säbels, den er unter dem Arme

trug, und schritt ruhig weiter. Der Franzose sah ihn kommen und war

zunächst, als er die preußische Uniform erkannte, ganz verblüfft, so

daß Konrad völlig an ihn herankam.

Nun klang ihm erst das »~Qui vive!~« des Postens entgegen, aber im

nächsten Augenblicke hatte er denselben, der wohl einen Angriff nicht

erwartet haben mochte, niedergeschlagen und eilte nun, so schnell es

seine Kräfte erlaubten, zum Thore hinaus. Ihm war's, als höre er hinter

sich Geschrei, aber er sah sich nicht um, er blickte nur vorwärts, wo

er auf der Straße einige Reiter merkte; das waren wohl die Kosaken und

seine Kameraden, die mit vor Lauenburg gefochten hatten, und er rief

sie an. Jetzt wendete sich einer um, und Konrad erkannte Bastian. Auch

dieser schien ihn zu erkennen, und ohne ihm zu Hilfe zu eilen, drängte

er sein Pferd vorwärts. Aber schon ritt ein anderer eilig heran. Es war

Zander.

»Gelobt sei Gott -- Konrad!« rief er. -- »Dich hielten wir schon für

verloren. -- Rasch zu mir aufs Pferd!«

Nach wenigen Augenblicken war Schmidt neben dem treuen Gefährten,

dessen Roß sie beide trug. So kamen sie mit den andern an die

Palmschleuse. Einige versprengte Infanteristen halfen sich, da die

Brücke schon zerstört war, hinüber an langen Stangen, welche je zwei

auf ihren Schultern über dem Bette des Flüßchens hielten und an denen

die andern mit den Händen sich fortgriffen. Die Reiter aber gingen mit

den Rossen durch das Gewässer.

Zwischen Boitzenburg und Gresse fand sich die ganze Abteilung wieder

zusammen und hielt hier Rast. Hier erst kam manche brave, tapfere

That ans Licht und weckte Beifall und Begeisterung, aber hier zeigte

sich auch der strenge, ehrenfeste Geist, der in dem Korps waltete und

der auch über die Feigheit Gericht hielt. Zwei Soldaten von der 3.

Kompagnie des 1. Bataillons wurden von ihren Kameraden ausgestoßen

aus ihren Reihen, weil sie ohne ihre Gewehre sich eingestellt hatten.

Vergebens erklärten dieselben, daß ihre Waffen in dem sumpfigen Boden

an der Stecknitz stecken geblieben seien, umsonst verwendete sich

selbst ihr Offizier für sie, die Kompagnie litt nicht, daß sie länger

den schwarzen Rock trügen, den sie nach der Meinung der Kameraden

entehrt hatten.

In finsterem Schweigen gingen die beiden von dannen, unter den Truppen

aber herrschte nach ihrem Abgange noch eine heftige Erregung. Vor

allem aber stand die kleine Reiterabteilung, die Konrad geführt hatte,

beisammen, und Stimmen wurden allmählich laut, die da riefen:

»Sind wir schlechter als die Infanterie? -- Ist unsere Ehre geringer?

-- Fort mit Bastian!«

Konrad war die Angelegenheit peinlich -- er suchte zu beschwichtigen,

aber er goß damit Öl ins Feuer.

Einer der Reiter sagte:

»Verzeihen Sie, Herr Lieutenant, das ist nicht mehr Ihre, sondern

unsere Sache. Wenn Sie ihm all das vergeben, was er Ihnen angethan,

so mag es dabei sein Bewenden haben, obwohl auch das dem Korps nicht

zur Ehre ist. Hier liegt die Sache aber doch noch anders. Wir wissen

alle, daß Bastian ein erbärmlicher Feigling ist, der mit einem kleinen

Hautritz hinter die Front lief -- wir wissen aber noch mehr. Es wird

überall davon gesprochen, daß er diese Nacht betrunken gewesen und

eine Ordre unrichtig hinterbracht habe, so daß ein ganzes Pikett

darüber Gefahr lief, vom Feinde abgeschnitten zu werden, wenn nicht der

kommandierende Oberjäger nach besserem Ermessen gehandelt hätte!«

»Ruhig Blut, Kameraden -- und keine Übereilung!« mahnte Schmidt

abermals; »wo ist der betreffende Oberjäger?«

»Der Förster Walther!« riefen einige Stimmen, und in diesem Augenblicke

kam der Genannte, als ob er gerufen worden, herbei.

»Walther!« rief Konrad ihn an -- »du sollst Zeugnis geben! Bastian ist

angeklagt der Trunkenheit und der Fahrlässigkeit!«

»Daran ist nichts zu deuteln! -- Meine ganze Abteilung giebt Zeugnis

dafür und keiner ist's, der nicht empört wäre über den Menschen, der

schon lange kein ehrlicher Reiter mehr ist!«

»Walther!« rief Schmidt mahnend und bittend; der Alte aber war in

Erregung und sagte mit grollender Stimme:

»Nein Konrad -- Herr Lieutenant -- das ist das ganze Korps sich

schuldig, daß es den Burschen nicht mehr unter sich duldet, der selbst

vor ...«

»Walther!« schrie heftiger Schmidt, aber Zander nahm jetzt das Wort:

»Hier hilft kein Vertuschen und Verbergen! das Maß ist voll, und wenn

die Infanterie zwei Männer ausschließt um eines geringen Vergehens,

dürfen wir nicht zögern. Ein Feigling ist Bastian ...«

»Und ein Schurke dazu!« rief Walther, und derjenige, welcher vorhin

schon den Sprecher der Lützower Reiter gemacht, sagte ernst:

»Herr Lieutenant, ich habe in unser aller Namen zu erklären, daß wir

sämtlich diesen Rock, den wir bisher für ein Ehrenkleid gehalten haben,

ausziehen, wenn Bastian ihn auch nur eine Viertelstunde länger trägt.

Wir wissen genug, und der Oberjäger Walther nennt ihn nicht bloß

einen Feigling, sondern auch einen Schurken dazu, und wir haben nicht

Ursache, an der Wahrheit des Wortes zu zweifeln -- mit einem Schurken

aber sind wir alle verschimpfiert.«

Auch die andern stimmten mit lautem Rufe bei und Konrad sagte:

»Es ist nicht Brauch, zu urteilen ohne zu hören. Laßt Bastian in den

Ring treten!«

Schweigend waren die andern einverstanden und schlossen einen Kreis.

Der Angeschuldigte, der mit bleichem Gesicht fern gestanden, wurde

herbeigerufen, und Konrad, selbst bleich, hielt ihm ruhig vor, wessen

man ihn beschuldige, dann schloß er:

»Bastian, hast du zu deiner Verteidigung, zur Beruhigung der Kameraden

etwas zu sagen?«

Einige Augenblicke schwieg der Angeredete; er ließ die Augen

ängstlich und scheu im Kreise herumgehen und begegnete lauter kalten,

verachtungsvollen Gesichtern, nur in jenem Konrads stand stille

Teilnahme und Mitleid. Gerade das aber reizte ihn. Er wollte von

diesem einen gerade kein Mitleid. Eine heiße Blutwelle schoß ihm jetzt

ins Gesicht, zornig bäumte er sich auf, dann aber riß er mit einem

plötzlichen Ruck sich den Rock vom Leibe, warf ihn vor Konrads Füße und

schrie:

»Ich selber will nichts mehr von euch -- verflucht sei die

Gemeinschaft, die ich mit euch gehabt, die ihr den Menschen nur nach

schönen Worten meßt! dafür ist der Predigerjunge euch gut ...«

Er wollte noch mehr sagen, aber mit erhobenen Fäusten drangen einige

auf ihn ein, und während Konrad »um der Ehre des Standes willen« bat,

ruhig zu bleiben, entfernte sich Bastian schimpfend und höhnend. Noch

fern auf der Landstraße sahen sie ihn, wie er die geballten Fäuste

drohend hob nach den Zurückgebliebenen.

Konrad blieb ernst und stumm, Zander aber, der seine Hand ergriffen

hatte, sagte:

»Mir ekelt vor dem Gesellen -- eine widerwärtige Bestie! Gräme dich

nicht -- ich weiß, was in dir vorgeht -- und sieh dich um. Hier sind

lauter brave Burschen, und alle hängen an dir, ist das nicht ein

reicher Ersatz?«

Und die andern kamen, und jeder wollte ihm stumm die Hand drücken, auch

Walther trat heran und sagte:

»Er war mehr als ein Feigling -- er war heruntergekommen bis zum

Meuchelmörder ...«

»Walther, um seines ehrlichen Vaters willen!« rief Schmidt und legte

dem Förster die Hand auf den Arm; der ließ plötzlich den Kopf sinken

und murmelte müde vor sich hin:

»Er hat einen ehrlichen Vater!«

Dann seufzte er tief auf und ging langsam, von seinem Hunde gefolgt,

von dannen.

[Illustration: Dekoration]

Siebentes Kapitel.

Heldentod.

Das Herz erfüllt von Zorn und Scham und Rachbegier hatte Bastian mit

eiligen Schritten sich entfernt, und schlug einen Feldweg ein, der

nach dem Orte Zarensdorf führte. Auf einer kleinen Erhöhung, wo zwei

Bäume standen, hielt er an, warf sich in den Schatten und starrte mit

finsteren Blicken hinüber gegen Gresse, wo er die lagernden Lützower

schauen konnte. Hätte er sie jetzt alle vernichten können, die dort

unten, es wäre ihm eine teuflische Freude gewesen. Was sollte nun mit

ihm werden?

Das war die Frage, welche er vor allem erwog. Nach Hause konnte er

nicht zurückkehren; Scham und Furcht vor seinem Vater machten ihm das

unmöglich; sich eine Stellung suchen, sich verdingen als Arbeiter

... dazu konnte er sich nicht entschließen, wer hätte auch in diesen

Zeitläufen ihn annehmen mögen? -- Würde nicht jeder ihm ins Gesicht

gesagt haben, ein Bursche wie er gehöre jetzt unter die Fahnen seines

Königs?

Er war augenblicklich noch nicht ganz ohne Mittel, freilich lange

konnte er damit nicht aushalten, und was dann? Er schüttelte sich,

als wollte er die unmutigen und unangenehmen Gedanken los werden, und

wandte den Kopf von dem Lager der Lützower da unten weg nach der andern

Seite, wo unter ihm Zarensdorf und weiter nach Osten Vellahn mit ihren

friedlichen kleinen Häusern aus der grünen Landschaft winkten. Fürs

erste wollte er einen Anzug, wie ihn das Landvolk trug, kaufen und sich

in eine bessere Stimmung hinein essen und trinken. Langsam erhob er

sich, und ohne den Kopf noch einmal zurückzuwenden, schritt er hinab

gegen Zarensdorf.

Bei der Schenke hielt er an und sah durch die Fenster hinein. Einige

Bauern saßen an dem rohen Tische und rauchten und tranken. Er trat ein

und setzte sich zu ihnen. Sie schauten ihn mit einiger Verwunderung an,

und einer fragte ihn beinahe mißtrauisch, wo er seinen Rock gelassen

habe.

Er erzählte, daß er der Wärme wegen denselben ausgezogen und neben

sich gelegt habe in dem kleinen Gehölz, wo er Rast hielt. Dort sei

er eingeschlafen und währenddessen habe man ihm das Kleidungsstück

gestohlen, ebenso seine Mütze. Es klang nicht besonders glaubhaft, aber

in jenen Tagen passierten absonderliche Sachen, und man hatte sich

daran gewöhnen müssen, noch ganz andere Geschichten für wahr zu halten.

Die Bauern redeten darüber auch nicht weiter, und der Wirt verkaufte

ihm eine getragene Jacke und eine Mütze um einen geringen Preis, und da

er unmittelbar vor dem Orte auch von seinen Beinkleidern die wenigen

militärischen Abzeichen losgetrennt hatte, mochte er jetzt wohl für

einen Bauernburschen gehen.

Er erzählte, daß er nach Schwerin wolle, wo er Verwandte habe, und

erfuhr dabei, daß dort der französische Marschall Davoust sich befinde,

der sich entweder gegen Berlin oder gegen Stralsund wenden werde.

Auch die Bauern waren erbittert gegen das fremde Volk und sprachen in

ihrer Weise warm von dem heldenhaften Kampfe des Lützower Häufleins

bei Lauenburg. Bastian redete nichts dazu, aber es überkam ihn einmal,

als müsse er in einer Anwandlung von Stolz erklären, er sei auch dabei

gewesen, doch er unterdrückte die Regung; er hätte ja nicht gewußt, was

er sagen solle, weshalb er die Fahne verlassen.

So verhielt er sich im Ganzen schweigsam, aß, was der Wirt ihm

vorgesetzt hatte und begann, nach seiner Art, viel zu trinken. Das

stimmte ihn lustiger, und als erst am Abende noch mehr Bauern in die

Schenke kamen, begann er Schnurren zu erzählen und Possen zu treiben,

so daß sich alle über ihn ergötzten und er selbst sich behaglich

fühlte, wie seit langem nicht, denn er war einmal der Mittelpunkt, um

den sich alles drehte, ja dem eine Art naiver Bewunderung nicht fehlte.

Am andern Morgen hatte er einen schweren Kopf wie nach einer wüsten

Nacht, und die ganze Welt sah ihn so grau an, zumal ein leichter Regen

niederging. Trotzdem zog er weiter, denn die leere Schenke mit ihrem

muffigen Tabaksdunst widerte ihn an. Er wanderte gegen Kammin und von

da gegen Wittenburg. Da traf er lustige Genossen und blieb drei Tage.

Allgemach aber ging sein Geld zur Neige, und in Wittenburg verkaufte

er um einen Spottpreis seine wertvolle Uhr und verlebte nun noch zwei

lustige Tage in einem nahen Dorfe. Es war, als ob der Grundsatz des

Königs Jerôme von Westfalen auch ihm in Fleisch und Blut übergegangen

wäre.

Aber die Ernüchterung konnte nicht ausbleiben, und als erst sein Säckel

wieder leer war, überkam ihn beinahe die Verzweiflung. Er hatte sich

gegen Schwerin zu gewendet, und wie er durch einen Wald hinschritt,

überfiel ihn ein entsetzliches Gefühl seiner Verlumptheit, eine

innerliche Öde, ein Widerwillen vor sich selbst, und er hielt Umschau

unter den Bäumen, welcher wohl am besten geeignet sein könnte, um sich

daran zu erhängen. Unter einem Eichbaum hielt er Rast; er legte sich

platt auf den Boden und sah empor nach dem grünen Geäst und ließ sein

Leben an sich vorübergehen. Da ward er sich selber zum Ekel. Was waren

seine Lützower Kameraden für Burschen ihm gegenüber! Die Eichenzweige,

die über ihm rauschten, erinnerten ihn daran, daß es der deutsche Baum

Wodans sei, mit dessen Laub sich die deutschen Streiter schmückten,

die ihn ausgestoßen aus ihrer Mitte, sie erinnerten ihn an den Schwur

in Rogau in dem kleinen Dorfkirchlein, wo auch er das grüne Symbol an

seinen Tschako gesteckt und etwas von dem Wehen des guten deutschen

Geistes gefühlt hatte.

Er suchte in seinen Taschen; er wußte, daß er einen Strick in einer

derselben gehabt hatte, und nun zog er ihn hervor. Mit seltsamen

Blicken sah er ihn an, da er ihn durch seine Finger gleiten ließ, und

dann begann er eine Schlinge zu knüpfen. Er legte sie um den Hals und

zog sie zusammen, aber da sie ihm die Kehle leicht schnürte, überlief

ihn ein Schauer und er befreite sich wieder von derselben. Abermals

lag er jetzt eine Weile träumerisch, und Erinnerungen aus seinen

Jugendtagen gingen ihm durch die Seele. Als aber unter diesen auch die

Gestalt Konrad Schmidts erschien, und als er an die Züchtigung dachte,

die er einst um dessenwillen erhalten, da erfaßte ihn Haß und Ingrimm

gegen den Jugendgenossen, gegen seinen Vater, gegen alle Welt, und mit

einem raschen Entschlusse riß er sich empor, kletterte an dem Stamme

des Baumes hinan und wand das Ende des Strickes um einen Ast. Dann

zog er die Schlinge heran, um den Kopf hindurchzustecken, da hörte er

plötzlich eine Stimme:

»Halloh, Geselle, was für Dummheiten treibst du denn da?«

Bastian erschrak, daß er von dem Aste herabtaumelte auf die Erde, und

dabei kollerte er zwei Soldaten vor die Füße, welche die westfälische

Uniform trugen und völlig ausgerüstet waren.

»Eine wunderliche Frucht, die da von dem Eichbaume fällt,« spottete der

eine, und der andere stieß ihn mit dem Fuße an und sagte:

»Steh' auf, Bursche! Wenn dir dein Leben so feil ist, so besorgt das

eine Kugel viel sauberer, als der Strick. Schäm' dich -- in solchen

Zeitläufen sich aufhängen wollen! Tritt unter die Fahnen des Königs

Jerôme -- da lebt sich's alleweil lustick!«

Die Leute sprachen deutsch trotz der fremden Uniform; sie sahen auch

ganz gutmütig aus, und Bastian überwand rasch seinen Schrecken und

seine Verlegenheit. Vielleicht war's just gut so, daß er die da traf

in seiner größten Not, da er nicht wußte wo aus noch ein, und rasch

erklärte er, er sei König Jerômes Mann, wenn sie ihn brauchen könnten.

Da forderten ihn die Soldaten auf, bei ihnen zu bleiben, bis sie

abgelöst würden; sie seien hier als vorgeschobener Posten einer kleinen

Infanterieabteilung in den Büschen versteckt. Der eine reichte Bastian

seine Feldflasche, und dieser stieß an auf gute Kameradschaft.

Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei andere Soldaten, um ohne viele

Formalitäten die ersten abzulösen, und diese schritten nun mit Bastian

durch den sinkenden Augustabend im Walde hin. Am Waldsaume, seitwärts

der Straße, lagerten etwa 100 Mann Infanterie, Franzosen und Westfalen,

um eine Anzahl schwerbepackter Wagen her. Ihre Wachtfeuer leuchteten

gastlich in der Dämmerung, und ihre Pferde grasten friedlich auf dem

Anger.

Bastian wurde vor einen Offizier geführt, dem er ein Märchen vorlog und

der ihn gegen Handgeld aufnahm unter die Truppen, auch Sorge tragen

ließ, daß er einige Uniformstücke und ein Gewehr erhielt. So saß er am

Abend unter seinen neuen Kameraden, wie Tags zuvor unter den Bauern,

und da es nicht an guter Atzung und einem Trunke fehlte, fühlte er sich

bald wieder wohl. Doch galt es bei Zeiten zur Ruhe zu gehen, da der

Transport am frühen Morgen gegen Gadebusch aufbrechen sollte. -- --

An demselben Abend aber lagerten südwärts von der Straße, die von

Schwerin gegen Gadebusch führt, in einem Gehölze bei Rosenhagen

Lützowsche Reiter und Kosaken unter Führung des Majors selbst. Sie

hatten ihre Abendmahlzeit in einem Orte eingenommen, wo für eine

französische Einquartierung gedeckt worden war, und saßen nun vergnügt

um die Wachtfeuer. An einem derselben lagerten Theodor Körner, Konrad

Schmidt, Zander, Erich und ein junger Graf Hardenberg. Sie plauderten

von der Zukunft und von den Tagen der Freiheit, nur Körner zeigte sich

schweigsamer als es sonst seine Gewohnheit war.

»Er ist in Wien bei seiner Braut Toni,« sagte gutmütig spottend

Hardenberg, und der junge Dichter fuhr auf:

»Das ist's wahrhaftig gewesen, Kameraden, und ich weiß nicht, warum ich

heute gerade mit so vieler Wärme und gar so lebhaft an meine Lieben

denken muß! Sollte das auch eine Ahnung sein? Weißt du noch, Schmidt,

wie ich bei Großgörschen mit dem Pferde in ein Grab einsank, und dann

kam die dumme Geschichte von Kitzen?«

»Aber Körner,« -- riefen die andern -- »das sind ja thörichte

Anwandlungen, Zufälligkeiten, und daß es Stunden geben kann, da wir im

Geiste lebhafter bei den Unsrigen sind, das wissen wir alle.«

»Und das sind gute Stunden!« sagte Zander.

»Ganz gewiß,« erwiderte Körner, »und mir ist's auch, als sei ich vom

Hauche der Liebe umweht, und ich fühle mich ja wohl und gewiß nicht

bange. Ihr wißt es alle, daß ich mich nicht vor dem Tode fürchte, wenn

auch das Leben noch manches Schöne für mich in hoffnungsvoller Ferne

zeigt. Ich bin müde und will meinen Traum weiter träumen. Gute Nacht,

Kameraden!«

Er hüllte sich in seinen Mantel, schob einen Tornister unter den Kopf

und wandte sich mit dem Rücken gegen das verflackernde Feuer. Die

andern erwiderten seinen Nachtgruß; eine Weile ging noch ihr Flüstern

hin und her, dann legten auch sie sich auf das Moos und den Rasen, und

allgemach ward es ringsum stille, und nur die ausgestellten Posten und

die ewigen Sterne hielten ihre Wacht.

Am frühen Morgen begann wieder ein geschäftiges Leben. An den Feuern

wurde das frugale Frühmahl bereitet, einzelne Reiter machten ihre

Morgentoilette, andere putzten an ihren Waffen, andere versorgten die

Pferde, und Major von Lützow ging durch das kleine Lager, überall hin

freundlich winkend und grüßend.

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 10 / 18 段