Konrad war aufgestanden und hatte ihn unterbrechen wollen, aber nun

war das verräterische Wort heraus, und Walther, der sich gleichfalls

erhoben hatte, stand bleich und tief atmend da.

»Der ist's wohl, der damals den Burschen -- den -- den Jakob faßte?«

stammelte er.

»Jawohl, Herr Oberjäger ...«

»Walther!« rief Konrad, dann umschlang er mit beiden Armen den alten

Mann, während Friedel verdutzt dabeistand und nicht recht wußte, wie er

sich verhalten sollte. Der Förster schluchzte, und wie er jetzt sein

Gesicht hob, rannen ihm die hellen Thränen in den Bart.

»Du hast's thun müssen? -- Und doch, es war brav von dir, ich hätt's

auch gethan!«

»Ruhe, Ruhe, alter Freund!« tröstete Konrad, zu Friedel aber sprach

er: »Der Oberjäger ist nicht wohl -- laß uns jetzt -- ich suche dich

demnächst auf!«

Der Bursche salutierte und ging dann kopfschüttelnd weiter, die zwei

andern aber hielten sich noch eine Weile schweigend umschlungen. Dann

riß sich Walther los:

»Sieh -- das ist mir altem Bären nicht passiert, seit ich ein Junge war

-- 's ist aber auch unendlich bitter. Aber nun ist's mir, als hätt'

ich an seinem Grabe gestanden und mein letztes Restchen Liebe ihm

nachgeweint. Wenn er mir vor Augen kommt in diesem Leben -- ich kenne

ihn nicht! So -- aus ist's -- nun bin ich fertig!«

Mit einer heftigen Gebärde fuhr er sich über die nassen Augen, nahm

dann seine Büchse, warf sie nach Jägerart über die Schulter und sprach:

»Komm, laß uns ein wenig gehen -- damit ich mir die dumme

Weichmütigkeit verlaufe -- hinüber dort nach dem Walde! 's ist zwar

kein rechter Wald wie daheim bei mir, aber es sind doch Bäume! Nach

meinem Walde sehn' ich mich manchmal, Konrad, und einmal möcht' ich ihn

auch noch wiedersehen. Am liebsten wär' ich darin begraben, wenn mich

nicht eine Franzosenkugel mitnimmt! Komm!«

Sie gingen langsam durch den sinkenden Nachmittag und lustig sprang der

Hund hinterdrein. Die Kühle des Waldes, das leise Rauschen in demselben

that dem alten Förster wohl. Ein Rehbock brach an ihnen vorbei, er

lachte hinter ihm drein: »Bist heute sicher, Braunrock -- wir sind noch

versehen!« -- Er rief auch den Hund, dem die Jagdlust aus den braunen

Augen leuchtete, und der nur widerstrebend ruhig hinter den beiden

herschritt.

Ein wunderbarer Friede kam in die Seele des alten Mannes; er träumte

sich hinein, als ginge er durch sein Revier und hätte seinen eigenen

Jungen bei sich, und erst als es anfing, dämmerig zu werden, suchten

sie den Rückweg. Sie hatten schon beinahe die Grenze des Waldes

erreicht, als ein Schuß krachte und eine Kugel hart an beiden

Gesichtern vorüber fuhr, so daß sie das Pfeifen derselben hören

konnten. Im nächsten Augenblicke rauschte es seitwärts in dem von

Abendgrauen umhüllten Buschwerk, und auch der Förster hatte sein Gewehr

an die Wange gerissen. Aber schon war der Hund vorgesprungen in wilden,

zornigen Sätzen, laut bellend, und nach wenigen Augenblicken folgte

ein Aufschrei. Die beiden Männer eilten heran und sahen, wie Flott auf

einem mit dem Gesicht zur Erde gestürzten Manne stand und ihm die Zähne

in den Nacken schlug. Der Mann aber trug die Uniform der freiwilligen

Jäger.

Walther rief den Hund zurück, und nun hob sich ein bleiches, verzerrtes

Gesicht aus dem Farnkraut -- das Bastians. Konrad Schmidt war

tieferschüttert, der Förster empört und erregt.

»_Sie_ sind's?« fragte er grollend und voll zorniger Verachtung. »So

weit sind Sie gesunken? Zum Meuchelmord an einem Kameraden? Mit dem

Gewehrkolben wie einen tollen Hund müßt' ich Sie niederschlagen -- --«

»Ruhig, Freund!« sagte Konrad, der sich mit größter Mühe bezwang.

»Bastian hat jagen wollen und aus Versehen geschossen. Dessen ist er

nicht fähig, was du aussprichst!«

»Jagen, wo nichts zu jagen ist? -- Ich alter Waidmann hätt' wohl

auch das Wild gespürt, und Flott wäre der elendeste Köter und wert

erschossen zu werden, wenn er's nicht gewittert hätte -- nein, die

Giftkröte hat das Verderben nach dir spritzen wollen. Sieh ihn an, den

Jammerkerl -- dem ist's eine Wohlthat, wenn seine Schande nicht erst an

die große Glocke und vor's Kriegsgericht kommt.«

»Das soll's auch nicht, Walther! -- Bastian, sprich: Es war so, wie ich

sage: Du hast geschossen in übereilter Jägerhitze ...«

Der Mensch stand bleich da, und sein Verbrechen stand in seinen Zügen;

er stotterte hervor:

»Gewiß -- ja, so ist's!«

»Dann ist die Geschichte abgethan! -- Walther, du versprichst mir,

davon zu schweigen!«

»Herrgott in deinem Reich! Was bist du für ein guter Junge, Konrad.

Gut, ich will's für mich behalten bis auf weiteres, aber ein Auge will

ich haben auf ihn, und dir rat' ich's auch. -- Geh, Schuft, und sieh

dich nicht mehr um -- es könnt' mich doch gelüsten, dir eine Kugel

nachzuschicken. Dein Gewehr laß hier -- denn einem Meuchelmörder trau'

ich nicht -- morgen soll's einer von den Unsrigen dir wiederbringen.«

Wie ein gepeitschter Hund schlich Bastian davon durch die Büsche, und

heftig spuckte der Förster aus.

»Pfui -- und so ein verlumpter Gesell darf noch den Rock des

Vaterlandes tragen? Mir wendet sich die Seele um vor Gift und Galle,

und das ganze bischen Frieden, das mir der Wald ins Herz gebracht hat,

ist wieder heraus. O wenn's doch bald mit dem Waffenstillstand aus wär'

-- daß man auf andere Gedanken käme! -- Konrad, du bist ein ... nein,

du bist zu gut für all' das Lumpenpack auf der Welt, und gerade du mußt

mit allen zusammentreffen, wie's scheint!«

Der Alte war in fürchterlicher Laune, und Konrad bemühte sich

vergebens, dieselbe zu verbessern. Freilich war auch ihm das Herz

schwer. Da kannte er nun zwei brave, tüchtige deutsche Väter, und von

beiden die bis ins Mark verlotterten Söhne. Woher nur kam es, daß der

Apfel so weit vom Stamme fiel?

Zuletzt waren beide schweigsam geworden und schritten in Gedanken

nebeneinander hin, bis sie an die Kantonierungen kamen. Da wurden sie

mit dem Rufe empfangen: »Morgen marschieren wir aus!« und überall

zeigte sich ein so munteres, frisches Treiben, überall Zurüstungen,

als ob es morgen schon zum Kampfe gehen sollte, daß es auch den beiden

Freunden wieder freier ums Herz und wohler ward.

Es war in der That der Befehl gekommen, daß das Freikorps sofort nach

Schwerin zu marschieren und dort und in der Umgebung Kantonnements zu

beziehen habe. Dort sollte es weitere Befehle des Generals von Vegesack

erwarten, der eine Division des Armeekorps des Generals von Wallmoden

befehligte.

Am nächsten Morgen klangen die Hörner, die Trommeln rasselten,

Marschlieder erschollen, und frohgemut rückten die Schwarzen aus ihren

bisherigen Kantonierungen und zogen über Kyritz, Pritzwalk und Neustadt

gegen Schwerin, wo sie am 9. August eintrafen. Kurz vorher aber war

ein Reiter bei den freiwilligen Jägern eingeritten, dessen Ankunft

allgemeine Freude und Begeisterung hervorrief -- Theodor Körner. An

einem Mittag war er da gewesen, frisch und kräftig, und alle hatten

sich um ihn gedrängt. Er aber rief immer wieder: »Kameraden -- aus

ist's mit dem Waffenstillstand! Krieg wird's wieder, und Österreich

geht mit uns! Noch in diesen Tagen werdet ihr die Feuerzeichen von den

Bergen leuchten sehen! Hurra!«

»Hurra, hurra!« brauste es, wohin er kam, und er konnte nicht genug der

Hände drücken. Lützow war hocherfreut, da er seinen Adjutanten wieder

hatte, und noch begeisterter, gleichwie eine Ovation für den Dichter,

erklangen jetzt seine herrlichen Lieder sowohl des Tags über beim

Marschieren, als am Abende um die Wachtfeuer.

Körner aber hatte besonders herzlich Schmidt begrüßt, und in Neustadt

hatte der Kreis der Besten wieder einmal beisammen gesessen und der

junge Dichter hatte berichtet, wie er in geschickter Verkleidung aus

Leipzig und aus dem gastlichen Hause Wendlers entkommen und glücklich

nach Karlsbad gekommen war. Die Heilquellen Böhmens hatten das Ihrige

gethan, aber die Sehnsucht nach seiner lieben »wilden Jagd« hatte

ihn dabei beinahe verzehrt. Nun brachte er heile Knochen wieder und

frisches Blut, das er, wie vordem, bereit war für das Vaterland zu

opfern.

Und die Feuerzeichen stiegen auf von den Bergen, zuerst von jenen an

der böhmischen Grenze, dann loderten sie empor überall in Deutschland,

und alle patriotischen Herzen schlugen höher, und alle wußten, was das

zu bedeuten habe: Krieg, Krieg bis zum Äußersten und Letzten für die

heiligsten Güter des deutschen Volkes. Im Lager der Lützower war ein

Freuen, ein Umarmen und Händedrücken, und der Major, der an den Fronten

seiner Leute hingeritten war und dem überall die Begeisterung in

stürmischen Zurufen entgegenbrauste, rief mit aufleuchtenden Blicken,

immer wieder im Sattel sich hebend: »Kinder -- diesmal gilt's! Siegen

oder sterben fürs Vaterland!«

»Siegen oder sterben!« riefen sie alle, und als erst einige die letzte

Strophe von Körners Reiterlied angestimmt hatten, da brauste es von

tausend Stimmen:

Und wenn uns Gott den Sieg gewährt,

Was hilft euch euer Spott?

Ja! Gottes Arm führt unser Schwert,

Und unser Schild ist Gott!

Schon stürmt es mächtig rings umher,

Drum edler Hengst, frisch auf!

Und wenn die Welt voll Teufel wär',

Dein Weg geht mitten drauf.

Am 16. August um Mitternacht ging der Waffenstillstand zu Ende. Zu

dieser Zeit standen zwei Bataillone Lützower Fußvolk bereits in

Lauenburg, mit ihnen ein Häuflein Reiter, Lützower und Kosaken.

Unter der Infanterie befand sich Walther, bei den Reitern Konrad

Schmidt, Zander und Bastian. Die kleine Schar hatte Befehl, gegen die

vordringenden Truppen des französischen Generals Davoust Lauenburg

so lange zu halten, als es die Klugheit erlaube, dann das Flüßchen

Stecknitz zu passieren und sich auf Gresse zurückzuziehen.

Lauenburg liegt an der Straße, die von Hamburg ins Mecklenburgische

führt, und baut sich in freundlichen Terrassen auf in dem Winkel

zwischen dem rechten Ufer der Elbe und zwischen der Stecknitz. Schon

während des Waffenstillstandes waren westwärts von der Stadt zwei

Redouten errichtet worden, die eine an der Elbe, und zwischen ihnen

lief die Landstraße. Sie waren beide schwach und unvollendet. Über sie

hinaus senkt sich das Terrain, das von Gräben und Hecken durchzogen

ist, bis es allmählich wieder zu mäßigen, von Wald bekränzten Höhen

emporsteigt. Aus dem Walde aber mußten die Franzosen kommen, wenn sie

sich Lauenburgs bemächtigen wollten.

Auf der Straße gegen Hamburg waren 50 Mann Infanterie vorgeschoben. Die

lagerten Artlenburg gegenüber und hatten einige bespannte Wagen bei

sich, um sich im Notfalle rascher zurückziehen zu können. Noch weiter

vorgeschoben auf der Straße war eine kleine Reiterabteilung, meist

Kosaken, dazwischen einige Lützower unter Führung Schmidts.

Es war um Mittag des 17. August. Der Tag war wenig freundlich, und auf

den Gemütern der Soldaten lag eine bange, erwartungsvolle Schwüle.

Man wußte, daß die Franzosen sofort nach Ende des Waffenstillstands

die Feindseligkeiten wieder aufnehmen und von Hamburg her anrücken

würden. Man hatte bei Zeiten abgekocht und die Reiter standen bei

ihren Pferden, schweigend und erwartungsvoll. Jetzt kamen zwei Kosaken,

die als Posten aufgestellt waren, herangejagt. Durch Zeichen gaben sie

schon von weitem zu verstehen, daß Truppen hinter ihnen herzogen. Im

nächsten Augenblicke folgte ein Kommando, und die Reiter saßen in den

Sätteln und zogen sich in ein kleines Gehölz an der Straße, während

einer weiter jagte, um das Infanteriepiket zu verständigen.

Die Vorhut eines französischen Regiments erschien. Man sah sie

deutlich, jeden einzelnen Mann, da auf der feuchten Straße kein Staub

von ihren Tritten aufwirbelte.

»Wir halten sie auf, um der Infanterie Zeit zu schaffen,« sagte Konrad

zu Zander. Gleich darauf rückte die kleine Schar dichter aneinander,

alle Säbel waren gezückt, alle Herzen pochten. Die Franzosen kamen

näher, und nun brach es über sie herein wie Gottes Wetter. Aber sie

waren nicht unvorsichtig und unvorbereitet. Im Laufschritt rückten

schon die nächsten nach, starrende Bajonette streckten sich den Reitern

entgegen, Schüsse krachten und zornige Rufe erklangen. Aber die ersten

Reihen der Vorhut wurden doch zersprengt und eine kleine Verwirrung

unter die Nachrückenden gebracht, die auf der Straße sich nicht frei

entfalten konnten, und ehe die Ordnung wieder hergestellt war, stoben

die Reiter bereits windschnell davon, verfolgt von den nachsausenden

Kugeln.

Da auch die Infanterieabteilung sich mittels ihrer Wagen eilig

zurückgezogen hatte, besetzten die Franzosen den Wald und warfen auch

die Tirailleurkette zurück, welche den trockenen Abzuggraben, der durch

das Gelände lief, innegehabt hatte. Aber schon rückten die Schwarzen

aufs neue vor. Sie schossen nicht, sondern im Sturmlauf kamen sie

heran an den Graben mit zornigem, jauchzendem Hurra! und ob ihnen

auch die Schüsse der Franzosen entgegenknatterten und mancher Brave

getroffen zusammenbrach, sie griffen mit blanker Waffe, mit dem Kolben

des Gewehres die Feinde an und jagten sie heraus aus dem Rinnsal. Sie

flüchteten die Höhen hinan und nahmen dort Stellung, aber der Mut der

Lützower wagte sich auch an diese Position.

»Wollen wir denn müßig zusehen, wie unsere brave Infanterie streitet?«

rief Zander, und schon im nächsten Augenblicke kommandierte Schmidt:

»Abgesessen! Vorwärts zur Attacke!«

Das kleine Häuflein Lützower Reiter kam sofort dem Befehl nach, nur

die Kosaken blieben zu Rosse, und flüchtigen Fußes jagten sie über das

Wiesengelände hin durch den Graben. Da sah Zander, wie hart neben ihm

Bastian niedersank. Eine Kugel konnte den Burschen nicht getroffen

haben, denn man war noch nicht so nahe an die Feinde heran, darum

kehrte er sich um zu dem Gefallenen:

»Was ist dir?«

»Ich bin verwundet! Laßt mich liegen!« stöhnte dieser, Zander aber riß

ihn empor.

»Wo ist die Wunde?« schrie er -- und da der andere in seiner

Verlegenheit keine Antwort gab und sich nur dem Griffe Zanders zu

entwinden suchte, rief dieser:

»Verlogener Bube! Feiger Schuft! Wer ists, der sich salvieren will?

-- Vorwärts mit dir, oder ich trete dich mit den Füßen zusammen,

Niedertracht! Vorwärts mit dir, und wenn du nicht deine Schuldigkeit

thust, schieße ich selber dir die Kugel durch den Kopf!«

Er riß den schlotternden Gesellen mit sich fort in rasendem Laufe und

erreichte rasch die Gefährten.

»Thu deine Schuldigkeit, wenn ich schweigen soll!« raunte er Bastian

zu, dann knatterten die Schüsse und die Eisen klirrten im wütenden

Handgemenge zusammen. Der Anprall der Lützower war so heftig, daß

die Franzosen geworfen wurden, aber am Rande des Waldes entwickelten

dieselben eine sehr bedeutende Streitmacht -- 5 Bataillone und 5

Eskadronen -- und auf der Straße fuhren Geschütze auf, die es unmöglich

erscheinen ließen, die Höhen zu halten. So gingen die Lützower zurück,

um neuerdings den Abzugsgraben zu besetzen. Aber auf der Höhe, der

linken Redoute gegenüber, fuhren jetzt zwei Kanonen und zwei Haubitzen

auf, und während aufs neue um den Graben gestritten wurde, griffen auch

zwei eiserne Kanonen der Lützower in den Kampf ein.

Das Gefecht wogte den ganzen Nachmittag, und als die Dämmerung

einsank, war es noch nicht entschieden. Aber die Schwarzen hatten den

umstrittenen Abzugsgraben behauptet.

Am Abend saßen sie um die Wachtfeuer, still, aber nicht mutlos. Draußen

am Graben standen die Vorposten, hier aber zählte man die Toten und

Verwundeten; man hatte deren mehr als 40. Man hörte durch die Nacht

das Wiehern von Pferden und sah den Schein der feindlichen Biwakfeuer.

Schlaf kam auf wenige Augen, da man eines Überfalls gewärtig sein

mußte. Die Lützower Reiter saßen beisammen, auch sie hatten ihre

Verluste, aber das Gespräch war ruhig und mutig. Bastian lag in seinen

Mantel gehüllt da -- er schlief oder schien zu schlafen.

»Er thut doch seine Schuldigkeit!« sagte Konrad zu Zander, »und ist im

Kern besser als er scheint!«

Der Angeredete spuckte seitwärts in die Glut des Feuers, daß es

aufzischte, und antwortete nicht; erst nach einer Weile sprach er:

»Wenn ich seinem Vater nicht zu Dank verpflichtet wäre und der Mann mir

nicht leid thäte -- --«

Bastian regte sich im Schlafe, und Zander brach ab.

Die Nacht war still, dunkel und kühl; ab und zu rieselte gegen Morgen

ein dünner, nebelartiger Regen nieder. Da knatterten Schüsse. Die

Vorposten waren angegriffen und geworfen worden, und nun begann der

Streit um den Graben aufs neue. Wiederum dröhnten die tiefen Stimmen

der Geschütze, denn auch die dritte eiserne Kanone war in die linke

Redoute gebracht worden, und der Feuerwerker Gärtner übernahm die

umsichtige und wirksame Bedienung. Abermals drangen die Lützower vor,

warfen den Feind aus dem Graben, und trotz des Geschützfeuers ging

es stürmend die Höhen hinan. Zander hatte Bastian am Morgen wieder

beiseite genommen und ihn im Namen seines Vaters beschworen, sich und

dem Korps keine Schande zu machen; stumm, mit verbissenem Groll hatte

dieser ihn angehört, dann war er, bleich wie ein Toter, von Zander mit

fortgerissen worden. Im Vorwärtsstürmen traf Schmidt auf den Förster;

der Alte rief ihm zu: »So gefällt mir's! Vorwärts mit Gott!« Dann

trabte er weiter und mitten im Gewühle jagte auch der Hund einher,

bellend, als habe er die Pflicht, die Säumigen anzufeuern.

Es war ein hartnäckiges Handgemenge auf der flachen Höhe, die ganze

Mannschaft der Lützower stand im Kampfe, und wie auch die Franzosen

sich wehren mochten, sie wurden endlich doch geworfen, nachdem sie ihre

Geschütze noch auf eine weiter rückwärts liegende Höhe gerettet hatten.

Aber auch dahin stürmte ein Teil der Lützower nach, voran der Hund, der

die Gegner wütend niederriß, ob er selbst auch blutete, hinterdrein

Walther mit dem wackern Oberjäger Stargardt, mit Schmidt und Zander und

August Renz. Bastian war nicht unter ihnen. Zander hatte ihn im Gewühl

verloren. Ein leichter Streifschuß an der Stirn, nicht mehr als ein

Hautritz, ließ ihn niedersinken und dann zurückkriechen, bis er die

Redoute erreichte. Mit verbundenem Kopfe blieb er hier liegen, während

es oben auf der Höhe heiß und blutig herging. Schwer getroffen sank

Stargardt nieder, und Walther und Schmidt übernahmen die Führung der

kleinen mutigen Schar, in welcher jeder ein Held war. Aber sie standen

gegen die gewaltige Übermacht, und ihr Bemühen, diese zurückzudrängen,

war umsonst. Da fühlte Schmidt plötzlich, wie es vor seinen Augen

dunkelte und wie die Kräfte ihn verließen.

»Ich falle!« rief er, und der Förster, der das Wort hörte, wendete sich

ihm zu. Er sah ihn wanken, und im Augenblicke hatte er auch schon den

Arm um ihn geschlungen, um ihn zu stützen, und dabei fühlte seine Hand

etwas Feuchtes. Das war Blut, das den linken Ärmel bedeckte, welcher

ausgerissen war wie von einem Säbelschnitt. Da galt es kein Überlegen.

Der Kampf war nicht zu halten; Walther befahl das Signal zum Rückzug zu

geben, und während er selbst den Verwundeten schleppte, drängten sich

die andern Genossen um die beiden, wie um sie besonders zu schützen,

und so kamen sie wieder zurück bis an den Abzuggraben, den die Lützower

besetzt hielten. Der letzte war der Hund, welcher verwundet, aber mit

hochgetragenem Kopfe herankam. Das Geschützfeuer der Feinde verstummte;

sie nahmen auch nicht mehr den vorliegenden flachen Höhenzug ein, und

um die Mittagszeit war eine Unterbrechung des Kampfes eingetreten.

Freilich an einen Rückzug der Franzosen war nicht zu denken, man konnte

sie höchstens im Vormarsch gegen Berlin um einige Tage aufhalten.

In der Redoute lag noch immer Bastian mit verbundenem Kopfe, als man

Konrad brachte und neben ihn niederlegte. Unter den Bemühungen Walthers

und Zanders schlug dieser jetzt die Augen auf und schaute verwundert

umher. »Was ist's denn mit mir?« fragte er.

»Du hast eins abbekommen, armer Junge!« sagte Zander.

»Ach Thorheit! Das ist ja nicht möglich!«

»Na, das ist doch Blut, und ein ganz tüchtiger Aderlaß!« erwiderte

Zander.

»Aber mir ist schon wieder wohl -- und ich schäme mich wahrhaftig,

daß ich schwach geworden. Bindet mir irgend einen Lappen um den Arm

-- seht ihr, wie ich ihn heben kann, da ist nichts zerschmettert und

zerbrochen ...«

Er machte eine Bewegung, aber sein Gesicht wurde doch wieder fahl und

vom Ärmel tropfte das Blut, so daß Walther sagte:

»Jetzt hältst du Ruhe, Konrad! Und wenn's auch wohl nichts gefährliches

ist, so hast du doch viel Blut verloren, brauchst einen richtigen

Verband und ein paar Stunden volle Rast. Wir bringen dich nach

Lauenburg hinein zu einem Chirurgus, und du ruhst dich bis morgen

wenigstens aus. -- Rede nicht erst, so ist's am besten!«

Schmidt fühlte doch wohl seine Schwäche und fügte sich. Während ihm

aber Walther einen Notverband anlegte, wobei es sich zeigte, daß es

sich doch wohl nur um eine Fleischwunde von einem Säbelhieb handelte,

wandte sich einer der andern Lützower Reiter zu Bastian:

»Was ist denn dir passiert, Kamerad? -- Eine kleine Trepanation des

Schädels? -- Siehst mir nicht aus, als wenn du viel von dem «ganz

besondern Saft» verloren hättest. Zeig' mal her!«

Er riß dem Überraschten die Binde ab, welche um seine Stirne lag, und

rief lachend:

»Was, und wegen des kleinen Ritzes kriechst du hinter die Verschanzung?

Ist kein altes Weib da, das den hier mit einem Sympathiespruche

kuriert? -- Pfui Teufel ... und das nennt sich einen von Lützow's

wilder, verwegener Jagd?«

Spott und Verachtung stand auf allen Gesichtern, und keiner kümmerte

sich mehr um Bastian, der mit verbissenem Ingrimm, mit Scham und Zorn

zugleich in einem Winkel lag, während Konrad in Begleitung Zanders sich

gegen Lauenburg aufmachte, und Walther seinen braven Hund verband.

Die Kämpfe um den Graben nahmen nachmittags wieder ihren Anfang, aber

es gelang den Franzosen nicht, die wackeren Lützower zum Weichen zu

bringen, und selbst ein noch am Abend von ihnen unternommener heftiger

Bajonettangriff hatte keinen Erfolg.

Wieder senkte die Nacht ihren Mantel über das Kampfgefilde, eine

dunkle, unfreundliche Regennacht, die mitunter selbst die Biwakfeuer

verlöschte. Die Leute waren müde und mancher sank in tiefen Schlaf,

aus dem er nur mühsam aufgeweckt werden konnte. Aber es war keine Spur

von Mutlosigkeit in den Herzen. Zander lag neben Walther, zwischen

beiden der Hund, den ein Streifschuß nicht bedeutend verletzt hatte,

der aber doch ab und zu im Schlafe stöhnte, und Zander erzählte, wie er

Konrad gleich bei einem Arzte untergebracht habe und wie dessen Wunde

durchaus nicht bedenklich sei. Er berichtete aber auch weiter, daß der

Major von Lützow und der General von Tettenborn wohl von Boitzenburg

her eingeritten seien, daß der erstere ihn an sein Pferd herangewinkt

und den Bericht wegen Schmidt sehr teilnahmsvoll entgegengenommen habe.

Während sie noch plauderten, kam an Walther der Befehl, mit 20

Mann aufzubrechen und eine rechts von der Landstraße in ziemlicher

Entfernung postierte Abteilung abzulösen.

Unverzüglich brach der Wackere auf, verabschiedete sich mit warmem

Händedruck von Zander, dem er auch den Hund zurücklassen wollte, aber

dieser hatte sich schon erhoben und schritt hinter seinem Herrn drein

in die Nacht.

Und immer noch rann der Regen, und man hörte sein Rieseln durch die

fast unheimliche Stille. Da meldeten die Vorposten das Heranrücken des

Feindes, und der Kommandant der ganzen Abteilung, Premierlieutenant von

Heyde, ging sogleich mit einer Kompagnie des 1. Bataillons vor, um den

an dem Graben gelagerten Tirailleuren zu Hilfe zu kommen. Daß er einer

beträchtlichen Übermacht gegenüber stand, konnte ihm nicht zweifelhaft

sein, doch suchte er die Franzosen wenigstens so lange aufzuhalten, bis

der mittlerweile eingetroffene Befehl zum Rückzug über die sogenannte

Palmschleuse oder bei Lanz von den andern Abteilungen ausgeführt

wäre. So entbrannte hier aufs neue ein nächtlicher Kampf, der mit

um so größerer Erbitterung geführt wurde, als infolge der Nässe die

meisten Gewehre versagten und nur mit der blanken Waffe und dem Kolben

gearbeitet wurde.

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 9 / 18 段