»Bei Gott nicht!« erwiderte dieser, und wieder stiegen sie auf ihre

Warte, um noch einmal die Welt zu sehen. Am Mittag brachte der

Schließer ihnen Wein und eine reichlichere Mahlzeit, und sie aßen mit

ruhiger Heiterkeit und dachten an Sokrates, wie er mit seinen Jüngern

sich unterhielt, ehe er den Giftbecher trank.

Langsam verging der Nachmittag und doch schnell für die beiden, die

jeder Pendelschlag rascher dem frühen Ende entgegenführte. Langsam

dämmerte der Abend, und in ihre enge, kleine Zelle kam er früher noch,

ehe er sich auf die Welt draußen niedersenkte. Der Schließer hatte

das Abendbrot gebracht, hatte sie auch mit unverkennbarer Teilnahme

gefragt, ob er ihnen noch irgend etwas zu Gefallen thun könne, und da

sie ihn baten, einige Grüße, die sie auf Blätter ihrer Taschenbücher

an ihre Angehörigen und Freunde geschrieben, zu bestellen, war er dazu

bereit, und jeder händigte ihm zugleich den Rest seines Geldes ein.

Es kam die Nacht, die letzte, und sie hatten sich nebeneinander

gebettet, unausgekleidet ... da ging noch einmal die Thür auf.

Der Schließer, der eine Laterne trug, öffnete einem Offizier in

westfälischer Uniform und hieß ihn eintreten. Die Lützower erhoben sich

und erkannten bei dem müden Lichtschimmer den Lieutenant Karl ...,

der sie hierher eskortiert hatte. Er sagte mit einer seltsam bewegten

Stimme, die einen ganz andern Klang als vorher hatte:

»Meine Herren, Ihre Unschuld hat sich herausgestellt, und ich komme im

Auftrage des Generals, um Sie noch einmal zu ihm zu führen und Ihnen

die Freiheit zu verkünden.«

Überrascht, erstaunt sahen die Freunde erst den Sprecher, dann sich

selbst an; der erste aber sprach:

»Ich bitte ohne Verzug mir zu folgen.«

Aber auch der alte Schließer trat jetzt heran:

»Verzeihen Sie, Herr Lieutenant! Die Herren hatten mir Grüße zu

bestellen gegeben; soll ich das noch besorgen?«

»Nein, braver Alter!« sagte Zander -- »ich hoffe, das können wir nun

selbst besorgen.«

»Aber das Geld?« sprach verlegen der Mann.

»Ach so! -- Ja, etwas davon werden wir wohl nun brauchen. Wir haben dem

wackern Mann unsere Barschaft gegeben!« fügte Konrad erläuternd bei.

»Mag er es behalten!« sprach der Lieutenant; »für Ihre Weiterreise wird

gesorgt werden. Doch nun rasch. Der General wartet.«

Die beiden reichten dem Schließer die Hand, dann gingen sie mit dem

Offizier durch den Korridor, vorbei an den salutierenden Wachen, und

traten hinaus in die Nacht. Der Offizier wendete sich schweigend nach

einer engen, dunklen Gasse, und hier erst sagte er halblaut, rasch:

»Kennen Sie mich wirklich nicht? -- Ich bin nicht Karl ..., sondern

Erich ...«

Überrascht sahen ihn die Freunde an und wollten sprechen, er aber fuhr

fort:

»Still, um Gotteswillen! Sehen wir, daß wir die Stadt hinter uns

lassen, dann sollen Sie alles erfahren. Wir sind bald am Thore, und die

Offiziere sind heute beim General geladen, so daß wir wohl ohne Gefahr

entkommen!«

Schweigend, mit rascheren Schritten eilten sie fort. Der Wache, die am

Stadtthore stand, gab Erich das Paßwort, und nach wenigen Augenblicken

waren sie im Freien. Noch immer schwiegen sie, bis sie nach etwa

zehn Minuten langem Wandern einen Wagen fanden, in welchen Erich sie

einzusteigen einlud. Sie folgten der Aufforderung, die Pferde zogen

an, und in raschem Trabe ging es die Straße entlang, hinein in die

Sommernacht.

Jetzt reichte Erich den Freunden seine Hände.

»Gott Lob, wir kommen hoffentlich in Sicherheit und über die Grenze,

ehe der Morgen tagt.«

»Aber sprechen Sie um Himmelswillen -- das ist ja wie ein Wunder, daß

Sie uns das Gefängnis öffnen, hart bevor es zu Ende gehen sollte,«

sagte Konrad, und Zander fügte bei: »Und noch dazu in diesem Aufzuge.«

»Das alles geht ganz natürlich zu; ein wenig Mut und ein wenig mehr

Glück -- das ist alles. Als Sie verhaftet wurden, stand es bei meinem

Vater und bei mir fest, daß wir alles daran setzen wollten, Sie zu

retten. Daß Sie am nächsten Morgen und zwar durch meinen Bruder hierher

eskortiert würden, war in der kleinen Stadt, wo man alles sieht und

wo außerdem ein gesunder Haß gegen die Fremden vorhanden ist, bald

bekannt; was Ihnen hier von Garnier drohte, konnte nicht zweifelhaft

sein. Mein Plan war jetzt rasch gefaßt. Ich wußte von dem Burschen

meines Bruders, einem gutmütigen beschränkten Menschen, mir unter dem

Vorwande einer Reparatur eine Uniform des Letzteren zu verschaffen, und

habe mich niemals so gefreut, daß wir beide einander täuschend ähnlich

sahen. Dieselbe führte ich wohl verpackt bei mir, als ich hierher

fuhr, und bei einem Freunde meines Vaters, der nahe dem Thor wohnt,

das auf die Straße nach meinem Heimatsorte führt, abstieg. Ihn weihte

ich in die ganze Sache ein, und er hat auch den Wagen beschafft. In

seinem Hause lagen wir ununterbrochen auf der Lauer, bis wir sahen, daß

mein Bruder heute früh die Stadt verließ. Nun zog ich seine Uniform

an, fest überzeugt, daß der Schließer, an welchen er Sie gestern

übergeben hat, mich für ihn ansehen werde. Ich ließ es Abend werden,

begab mich dann zu ihm, meldete ihm, daß der General Sie zu sehen

wünsche, weil Ihre Sache sich anders herausgestellt habe, und der alte

gutmütige Bursche, dem jedenfalls nichts Schlimmes widerfahren wird,

war nicht schwer zu täuschen. Das heutige Paßwort erfuhr ich durch

meinen Wirt, der Beziehungen zu Offizieren hat, die nicht besonders dem

König von Westfalen gewogen sind und es darum mit ihrer Pflicht ihm

gegenüber nicht ernst nehmen, und so sind wir glücklich heraus aus den

gefährlichen Mauern. Und nun fahren wir zu Lützow -- denn ich bin der

Eure!«

Kräftig fügten sich die Hände der jungen Männer ineinander. In

herzlichen Worten dankten die beiden Lützower dem prächtigen Menschen,

der seinerseits glücklich war über ihre Befreiung, und den sie warm als

einen der Ihrigen begrüßten.

Mild und weich lag die Sommernacht über dem Lande, der Mond glänzte,

und die Bäume, unter denen sie hinfuhren, rauschten leise -- den drei

Menschen aber war es zu Mute als wären sie nie so selig gewesen. Als

sie gegen Morgen in die Nähe der Grenze kamen, verließen sie den

Wagen, um nicht am Grenzpfahl angehalten zu werden, und dieser fuhr

leer weiter nach dem nächsten preußischen Städtchen, wo er sie wieder

erwarten sollte. Erich aber, der die Gegend kannte, führte die Freunde

auf geheimen Wegen glücklich hinüber auf sicheres Gebiet, und als der

Morgenschimmer die verjüngte Erde küßte, waren alle drei im Hause eines

Vetters Erichs auf preußischem Boden geborgen. Hier legte dieser seine

Uniform ab und schickte sie mit einigen Worten an seinen Bruder, dem er

mitteilte, daß er seinen schlechten Streich wieder gut gemacht habe in

seinen Kleidern und daß er um deswillen ihm selbst vergeben wolle.

Der Kutscher sollte Wagen und Pferde auf anderem Wege zurückbringen,

aber der brave Bursche wollte nichts wissen vom König »Alleweil

lustick!« sondern wollte auch unter die Waffen des Königs von Preußen

treten, und gern nahmen ihn die andern mit sich, um ihn gleichfalls

Lützow zuzuführen. Wagen und Pferde brachte Erichs Vetter selbst an Ort

und Stelle und berichtete dabei sowohl dem wackern Eigentümer wie dem

erfreuten Vater Erichs, daß die Flucht wohlgeglückt war.

Zu viert setzten die jungen Männer ihren Weg fort, und Erich, der wohl

mit Geldmitteln versehen war, machte den Zahlmeister. »Er lieh es den

Freunden und dem Vaterlande,« wie er sagte.

In Brandenburg hielten sie einen Tag Rast, und da sie eben in ihrem

Gasthause beim Mittagessen saßen, fuhr ein Reisewagen vor. In

unbewußter Neugier schauten sie zum Fenster hinaus und sahen einen

älteren Herrn und eine junge Dame aussteigen. Im nächsten Augenblicke

aber war auch Schmidt aufgesprungen und hinaus geeilt. Gleich darauf

sahen die Zurückgebliebenen, wie er den beiden Reisenden die Hand

reichte und wie das schöne Mädchen auf freier Straße ihn küßte.

Jetzt erkannte Zander die beiden: Es waren ~Dr.~ Wendler und seine

Tochter. Sie traten ein, und das Gesicht Konrad Schmidts strahlte vor

Glück und Freude.

»Meine Braut -- ~Dr.~ Wendler!« und dann stellte er die andern vor,

auch den braven Kutscher, den man nicht aus der Gesellschaft lassen

wollte, und dann saßen alle sechs um den runden Tisch, und da niemand

sonst in der Stube war, mochten sie frei und nach Herzenslust erzählen.

Auf die Frage, wie ~Dr.~ Wendler mit seiner Tochter hierhergekommen,

berichtete dieser, daß er im Begriffe sei, Elise zu einer Großtante

nach Bremen zu bringen, die sehr an dem Mädchen hänge, zur Zeit schwer

krank sei und dasselbe vor ihrem Ende dringend zu sehen verlange.

Die Familie schulde der alten braven Dame viel, und so seien sie ihr

auch diesmal zu Willen gewesen trotz der Beschwerden der Reise und

der unruhigen Zeit. In Potsdam bei einem Oheim hätten sie zuvor Rast

gemacht, und dadurch seien sie auch zu dem Umwege über Brandenburg

veranlaßt worden.

~Dr.~ Wendler wußte auch zu erzählen von dem immer lebhafter werdenden

Herzenswunsche des deutschen Volkes, daß der Waffenstillstand, der

bis Anfang August geschlossen war, kein Frieden werden möge, und wie

zu einem solchen, allem Anscheine nach, auch keine Aussicht vorhanden

sei. Mit Freuden nahmen die jungen Männer diese Mitteilung auf, und

die Sehnsucht nach den lieben »schwarzen Genossen« wurde zumal bei den

beiden Lützowern noch lebhafter.

So wurde der Tag in schöner Gemeinschaft verlebt, und Konrad war vor

allen glücklich. In Elisens Seele aber loderte eine Begeisterung,

die eines Mannes wert gewesen wäre, und am liebsten wäre sie selbst

mitgegangen, um ihr Herzblut der Sache des Vaterlands zu weihen.

Schmidt war stolz auf seine Braut.

Am andern Morgen schied man nach herzlichem Abschiede und mit

beiderseitigen Segenswünschen. Dann wendete sich der Reisewagen, aus

dem noch lange das weiße Tüchlein Elisens grüßend wehte, auf die Straße

gegen Magdeburg, während die vier Genossen den Weg nach Rathenow

einschlugen. Vor der Stadt draußen in einem Eichenhaine rissen sie

kleine Zweige von den Bäumen und schmückten sich damit, und hell in den

sonnigen Morgen hinein klang es:

Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?

Hör's näher und näher brausen.

Es zieht sich herunter in düsteren Reih'n,

Und gellende Hörner schallen darein

Und erfüllen die Seele mit Grausen.

Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:

Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd.

Sechstes Kapitel.

In Kampf und Drang.

In der Nähe von Havelberg, da wo die Havel in die Elbe läuft, stand

das Lützowsche Freikorps in den Julitagen des Jahres 1813. In den

Kantonierungen herrschte ein reges Leben und Treiben, und über die Muße

des Waffenstillstandes suchte man sich, so gut es irgend gehen mochte,

wegzuhelfen. Die nach der Affaire von Kitzen gedrückte Stimmung war

allmählich gewichen, und zumal die Lücken wieder ergänzt waren, wuchs

auch die Kampfesfreudigkeit und der Thatendrang.

An einem schwülen Nachmittage, just als im Westen ein Wetter

aufzuziehen schien, kamen unsere vier Genossen bei den äußersten

Kantonierungen an, und Schmidt und Zander schlugen die Herzen höher,

als sie von weitem schon die ersten dunklen Uniformen sahen. Es war

Infanterie, welche hier lagerte und deren Lagerwache sie anhielt, aber

sogleich passieren ließ, als Schmidt berichtete, wer sie seien. So

gingen sie mitten durch die im Sonnenschein sich tummelnden Leute. Eine

kleine Gruppe derselben erweckte ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie

kamen näher an diese heran und sahen, wie ein kräftiger älterer Mann,

die Pfeife im Munde, die Uniform mit den Oberjägerschnüren aufgeknöpft,

damit beschäftigt war, einen Rehbock auszuweiden. Er kniete bei dem

Wilde, und andere waren ihm behilflich oder sahen behaglich zu in

angenehmer Erwartung des Schmauses, der hier winkte. Ein schöner

Jagdhund stand zwischen den Männern, deren heiteres Plaudern man schon

weithin hörte.

Über Konrad kam eine seltsam-freudige Erregung. »Flott!« rief er laut,

und das schöne Tier wendete den Kopf und spähte nach der Richtung,

woher der Ruf kam. Als dieser zum zweiten Male näher klang, machte der

Hund einige Schritte vorwärts, dann aber kam er in langen Sätzen heran,

lustig bellend, mit dem Schweife schlagend, und sprang hoch an Konrad

hinan, der ihn freudig und freundlich liebkoste, aber nun rascher noch

der Gruppe zuschritt.

»Holla, Kameraden, fällt da auch etwas für uns ab?« rief er, da er nahe

kam, und bei diesem Worte ließ der Oberjäger sein Weidmesser fallen und

sprang auf.

»Konrad!« -- »Walther!«

Und wie Vater und Sohn hielten die beiden sich umschlungen, dann gab

der wackere Förster Zander die Hand und begrüßte auch die beiden andern.

Bald waren die vier Ankömmlinge im Mittelpunkte des Interesses; man

drängte sich um sie, sie mußten erzählen und sich manches erzählen

lassen, und als erst das Wetter mit Blitz und Donner niederging, und

man genötigt war, ein schützendes Dach zu suchen, da rückte man noch

näher zusammen, ein frischer Trunk ging im Kreise, und Erich und der

brave Kutscher Barthel fühlten sich binnen kurzem hier völlig heimisch.

Da klang die allgemeine Begeisterung, in die man allgemach sich

hineingeredet hatte, aus in Theodor Körners prächtigem Reiterliede:

Frisch auf, frisch auf mit raschem Flug!

Frei liegt vor dir die Welt,

Wie auch des Feindes List und Trug

Uns rings umgattert hält.

Steig', edles Roß, und bäume dich,

Dort winkt der Eichenkranz!

Streich' aus, streich' aus, und trage mich

Zum lust'gen Schwertertanz!

Da stand mitten unter den Singenden die Gestalt des Majors von Lützow,

ohne daß er sogleich beachtet wurde. Erst als er den regentriefenden

Mantel abnahm und näher trat, brach das Singen ab und die Leute erhoben

sich, er aber rief:

»Bleibt sitzen, Kinder, laßt euch nicht stören, und reicht auch mir

einen Trunk und laßt mich ein wenig trocken werden!«

Jetzt traten Schmidt und Zander in militärischer Haltung vor ihn hin:

»Volontäroffizier Schmidt und Oberjäger Zander melden sich gehorsamst

wieder zum Dienst!«

Lützow fuhr überrascht zurück:

»Heidenelement -- ihr Schwerenöter, seid ihr endlich wieder da? -- Na,

brav gehalten habt ihr euch, und das Freikorps ist euch Dank schuldig,

habt auch manchen braven Burschen geworben, aber am meisten freut

mich's, daß ich euch selber wieder habe.«

»Wären aber beinahe nicht wieder gekommen, Herr Major!« sagte Zander.

»Donnerwetter -- habt doch nicht desertieren wollen?«

»Behüte Gott, aber die Welschen wollten uns füsilieren und hätten's

auch besorgt, wenn der da nicht war!«

Schmidt zog Erich herbei und stellte ihn vor; dann erzählte er, wie es

ihnen ergangen. Lützow hatte sich mittlerweile mit an einen der Tische

gesetzt, und als es Abend ward und er von Walther zu frischem Rehbraten

eingeladen wurde, nahm er gern an, und der ganze Verkehr zeigte, wie

sehr der Führer und sein Freikorps miteinander verwachsen waren.

Das Wetter war lange verrauscht, eine angenehme Kühle lag über Feld und

Flur, da schritt der Major, von Schmidt, Zander und Erich begleitet,

gegen Havelberg; Barthel war zurückgeblieben bei dem Förster, um in

die Infanterie eingereiht zu werden. Noch am Abend aber suchten die

Zurückgekehrten ihre eigentlichen Genossen auf, die sie mit großer

Freude begrüßten; Friesen stellte ihnen auch eine Anzahl neue vor,

darunter manchen, den sie selbst geworben, und in allen Herzen loderte

dieselbe Begeisterung, die gleiche Kampfesfreudigkeit.

Als man schon auseinander gehen wollte, kam Bastian. Er sah, daß

Konrad der Mittelpunkt war, um welchen alles sich drehte, und die alte

Gehässigkeit schoß ihm ins Blut; auch schien er nach seiner Gewohnheit

nicht ganz nüchtern zu sein.

»He, Hähnchen, haben dich die Welschen nicht gebraten? -- Na, du

verstehst ja, dich zu salvieren!«

So rief er, und der Ton war so hämisch und spöttisch bitter, daß Konrad

seine gewohnte Ruhe vergaß, von seinem Sitze aufsprang, den andern an

der Brust packte und erregt sagte:

»Was willst du damit behaupten? Ich verbitte mir alle gehässigen

Anzüglichkeiten.«

»Oho, das Hähnchen will hacken -- gieb acht, daß du nicht eins auf den

Schnabel erhältst!«

Konrad versetzte dem andern einen Stoß vor die Brust, daß er taumelte,

aber im nächsten Augenblicke hatte dieser seine Waffe blank gezogen

und drang auf den Wehrlosen ein, ehe jedoch noch die andern zuspringen

konnten, war schon Zander dem Erregten in den Arm gefallen und hatte

mit raschem, kräftigem Griff ihm den Säbel entwunden.

Es herrschte allgemeine Aufregung, keiner war auf seinem Sitze, alle

schrieen durcheinander, die beiden Gegner aber standen jetzt wie

festgebannt. Zanders laute, zornig erregte Stimme klang durch den Lärm:

»Soll ich ihm die Waffe zerbrechen, nachdem er sie so unehrlich gezogen

hat?«

Er stemmte bereits den Fuß gegen die Klinge, während Bastian todbleich

und regungslos darauf hinstarrte, da sprang Konrad vor:

»Halt ein! -- ich bin die Veranlassung gewesen zu der häßlichen Scene!

Ich mußte Bastians Worte nehmen für das, was sie sein sollten -- für

Scherz! Gieb ihm die Waffe wieder, Zander!«

Schweigend, unmutig reichte sie dieser Bastian, der finsteren Blicks

und schnell danach griff; Schmidt aber trat an diesen heran und sagte:

»Entschuldige, wenn ich heftig war -- mir liegt wahrlich nicht daran,

den Frieden und die gute Kameradschaft zu stören, noch weniger aber,

den neuen Kameraden zu zeigen, daß wir hier nicht eins sind!«

Er reichte dem andern die Hand, der aber nahm sie nicht und schritt

finster und wortlos hinaus. Konrad stand bleich vor Erregung, Zander

aber, Friesen und andere traten auf ihn zu und faßten nach seinen

Händen.

»Bist ein braver Kerl -- ein goldiger Junge -- ein famoses Haus!« klang

es durcheinander, und Zander fügte bei:

»Laß dich's nicht grämen, Konrad! Wir wissen's alle: der Bursche,

der da gegangen, ist eine Eiterbeule an unserem gesunden Leibe, die,

sobald es gehen wird, weggeschnitten werden muß. Wär's ein anderer

Kerl, so würd' ich sagen: Nimm ihn vor die Klinge, weil's gerade

Waffenstillstand ist, und ich wollte das Gleiche thun, obgleich zwei

Gegner viel zu viel für ihn sind, aber solch' Gelichter straft man

mit stiller Verachtung. Schad' drum, und der Kerl hat einen so braven

Vater. Prosit, Konrad!«

Alle drängten heran, um mit Schmidt anzustoßen, und von der Thür her

rief eine gröhlende Stimme:

»Heiliger Fridolin! -- Was feiert ihr denn da für ein Jubiläum -- bin

auch dabei!«

»Rittmeister Fischer -- hurra!« schrie Zander, und während die andern

vorschriftsmäßig grüßten, trotzdem der alte Offizier energisch

abwinkte, sprang er schon auf ihn zu.

»Ach, mein verpfuschter Theologe -- na Gott Lob, daß Ihr da seid!«

sprach der Rittmeister jovial, indes er ihm die Hand drückte.

»Ja, 's wär doch schade um mich gewesen, wenn ich bei Kitzen hätte

daran glauben sollen.«

»Redet mir nicht von der verfl... Affaire! Wenn ich dran denke, krieg'

ich das Gliederreißen -- -- ah, da ist ja auch Schmidt ... na, ich

konnt' mir's denken -- ihr seid doch wie -- -- na, wie die beiden ollen

Griechen ...«

»Philemon und Baucis,« rief einer.

»Das müssen wieder andere sein« -- sagte Fischer gutmütig; »na,

egal, weil ihr nur wieder da seid, denn los geht's doch wieder.

Ich hab' heut so ein Vöglein pfeifen hören. Der Major hat eben

jetzt eine Allerhöchste Kabinetsordre erhalten, daß wir an das 3.

Armeekorps attachiert werden und unter dem Generallieutenant von

Bülow stehen werden. Das ist ein ganzer Mann, Gott schütz' ihn! Und

das Faullenzerleben hier bei Havelberg hört auf, wir marschieren

gegen Nauen und gehen ins Mecklenburgische. Also, hübsch die Klingen

gepflegt. Der Waffenstillstand geht bald zu Ende und dann hurra, mit

Gott für König und Vaterland! So, jetzt hat euch der alte Fischer eine

Rede gehalten, und jetzt gebt mir was zu trinken!«

Laute Hurrarufe durchbrausten den Raum und die Gläser klangen.

Schon in den nächsten Tagen steckten sie in der lieben schwarzen

Uniform; auch Erich fühlte sich in derselben außerordentlich wohl

und glücklich. Sie tummelten sich zu Roß unter den treuen Gefährten,

die frisch darauflos exerzierten, als ob es jeden Tag wieder angehen

müßte. Nur einer war darunter, dem man die Verdrossenheit und das

Unbehagen anmerkte -- Bastian. Seit jenem Abend wichen ihm die meisten

seiner Kameraden aus, wo es möglich war, und er verkehrte nur mit

einigen wenigen, die nicht viel anders geartet waren als er, und die

der Umstand bei ihm hielt, daß er ihnen stets eine reich gefüllte und

offene Hand zeigte und sie am Wirtshaustische freihielt.

In ihrem Kreise machte er auch kein Hehl aus seinem blinden Hasse gegen

Schmidt und that Äußerungen, die Schlimmes fürchten ließen. Zander

hatte durch Zufall davon gehört und seinem Freunde gesagt:

»Nimm dich in acht vor der Canaille, Konrad, daß sie dir nicht einmal

heimtückisch und meuchlerisch kommt. Ich will mit aufpassen, und Gnade

ihm Gott, wenn ich ihn bei Unrechtem erwische; ich zertrete ihn wie

einen Wurm.«

Schmidt hatte den Aufgeregten beruhigt und war an demselben Nachmittag

nach dem Lagerplatze der Infanterie gegangen, um seinen Freund Walther

aufzusuchen. Er traf denselben, wie er eben sein Gewehr putzte. Es war

im Freien, im Schatten einer Buche, und neben dem Alten beschäftigte

sich in gleicher Weise ein junger Jäger, ein hübsches, frisches Blut

mit einem weichen, beinahe mädchenhaften Gesicht.

»Kamerad _August Renz_,« stellte ihn der Alte vor, und Konrad reichte

ihm die Hand. Da die beiden Freunde bald in ein wärmeres Gespräch

gerieten, entfernte sich der junge Mann mit freundlichem Gruße, und der

Förster sagte:

»Das ist ein prächtiger Mensch, Konrad, so ruhig und so brav. Er liebt

nicht die Gesellschaft, aber wenn's gilt, steht er seinen Mann. An mich

hat er sich besonders angeschlossen, und ich hab' ihn auch herzlich

lieb gewonnen. O daß mein Junge so wäre!«

Ein tiefer Seufzer schwellte dem Alten die Brust und Flott kam heran

und leckte ihm die Hand. Der Förster lehnte seine Büchse an den

Baumstamm und sagte wieder:

»Komm, laß uns sitzen! Hier ist's ruhig -- und ich sehne mich nicht

nach Gesellschaft, zumal seit ich weiß, daß mein Junge nicht da steht,

wo er sein müßte, und ich hier so viele herrliche Menschen um mich

sehe.«

»Hast du denn irgend eine Nachricht von ihm?«

»Ja -- aber nichts schönes. Da ist aus der Altmark ein Bursche bei

den Husaren, ein Bauernsohn. Ich weiß nicht, wie ich ins Gespräch mit

ihm gekommen ... genug, er hat mir erzählt, daß ein Jakob Walther als

Knecht im Hause seines Vaters gewesen und von ihm davongejagt worden

sei. Aus Rache habe er einen verruchten Baumfrevel verübt, wobei ein

Lützower Reiter ihn festgenommen habe. Aus dem Keller, in welchen man

ihn eingesperrt hatte, war er entwischt -- wohin? wer weiß es!«

Konrad fühlte, wie das Blut aus seinen Wangen wich, und er rang mit

Mühe nach Fassung: Der verlotterte Bursche, der erbärmlich schuftige

Verräter, der jetzt noch dazu die Uniform des Königs Jerôme trug,

sollte der Sohn dieses grundbraven, herrlichen Alten sein -- es war

kaum glaublich! Er wagte nicht zu sagen, daß er selbst jener Lützower

war, den der junge Bauer erwähnt hatte, und suchte den wackern Förster

zu beruhigen mit dem Hinweis, daß ja eine Täuschung vorliegen könne,

daß die Namensgleichheit noch nichts beweise, aber mit gesenktem Haupte

sprach der Alte:

»Der ganzen Beschreibung nach ist er's -- und er kann's wohl sein!«

Dann raffte er sich auf, schüttelte sich, als ob er eine Last von sich

werfen wolle, streichelte den Kopf seines Hundes, der sich neben ihn

gelagert hatte, und sagte:

»Ich hab' ja dich, Konrad, und manchen braven Jungen -- Gott erhalt'

euch!«

Dann begann er von anderem zu reden, von der verunglückten Expedition

gegen Leipzig und von dem Leben im Feldlager.

Wie die zwei so beisammen saßen, kam ein Husar den Feldweg her; sie

achteten wenig auf ihn, bis er nahe war und nun grüßte. Da erkannte ihn

Konrad Schmidt -- das war der Bauernbursche aus der Altmark, Friedel.

Dieser stutzte einen Augenblick, dann kam er voll freudiger Erregung

ganz heran:

»Sind Sie's, Herr Lieutenant? -- Ach Gott, wie oft ich schon nach Ihnen

gefragt habe ... und mein Vater läßt auch grüßen!«

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 8 / 18 段