das Napoleon auf deutschem Grunde errichtet und über das er seinen
Bruder Jerôme als Herrscher gesetzt hatte. Der gesunde, deutsche Stamm,
der hier saß, hatte sich mit Zähneknirschen gefügt, aber wie man
spottete über den König »Alleweil lustick!« der in Kassel saß und in
schwelgerischen Hoffesten das Mark des Landes verpraßte, so brannte man
vor Sehnsucht, daß die deutschen Waffen dem unwürdigen Treiben ein Ende
bereiten würden.
Den beiden Lützowern war es wunderlich, am Grenzpfahl das fremde Wappen
zu sehen, und auf deutschem Boden von französisch redenden Gendarmen
nach ihren Pässen befragt zu werden. Aber die letzteren waren in
Ordnung, und ob man auch da und dort sie mißtrauisch betrachtete, man
vermochte von Rechtswegen ihnen nichts anzuhaben. Vorsicht bei ihrem
»Geschäft« galt es freilich zu üben, denn es gab auch feiles Volk, das
dem neuen Regimente sich verkaufte, und die Stimmung mußte peinlich
sondiert werden, um so größer aber war die Freude, wenn es auch hier
gelang, Streiter für die deutsche Sache und das Freikorps zu werben.
Solche Erfolge machten sie kühner, so daß sie fast unter den Augen der
westfälischen Gendarmen ihre agitatorische Thätigkeit übten und nicht
mehr bloß auf dem Lande, sondern auch in den Städten auftraten.
So waren sie eines Tages in eine freundliche Landstadt gekommen und
hatten in einem Gasthause ihr Quartier aufgeschlagen. Schon als sie
zum Thore herein passiert waren, hatten sie gemerkt, daß hier eine
größere Garnison lag und daß sie darum besonders vorsichtig sein
müßten. Der Wirt des Gasthauses hatte sich auch sogleich nach ihren
Pässen erkundigt und schien, nachdem er Einblick in dieselben genommen,
durchaus befriedigt zu sein. Er setzte sich selbst zu ihnen in der
Gaststube, wo sie Speise und Trank sich bestellt hatten, und ließ sich
mit ihnen in ein Gespräch ein, nachdem er vorsichtig sich nach allen
Seiten umgeblickt.
»Was meinen die Herren mit dem Waffenstillstand? Wird ein Friede draus
werden?«
»Der Himmel weiß es -- nun, der Friede thäte endlich einmal not,«
sprach Zander, der Wirt aber sagte hastig und leise:
»Nur kein schimpflicher Friede, nur ein Friede, der uns wieder deutsch
sein läßt!«
Die beiden sahen verwundert und beinahe mißtrauisch den grauhaarigen
Mann an, aber aus seinen Augen leuchtete ein warmes Feuer, und seine
Stimme klang bewegt, da er fortfuhr:
»Ja, ja, 's ist mein voller, heiliger Ernst. Sie sind Preußen, Sie
verstehen mich, und mir thut's wohl, einmal darüber reden zu können.
Die Verhältnisse hier sind jetzt schmachvoll und erbärmlich, und die
Wirtschaft in Kassel und auf der Wilhelmshöhe zerreißt jedem ehrlichen
Manne, der an seinem angestammten Landesherrn hängt, das Herz. Das
Schlimmste aber ist, daß die Landeskinder selber sich herandrängen
in den fremden Dienst und mit dem welschen Anzuge prunken und
zusammengehen mit dem verlaufenen Gesindel, das sonstwo ausgeworfen
worden und das der reichliche Lohn und das lustige Leben hier lockt.
Meine Herren, ich habe zwei Söhne, Zwillinge, die ich selber manchmal
nicht recht unterscheiden konnte; heute kann ich's, denn der eine trägt
die königl. Westfälische Offiziersuniform, und hat sich ködern lassen,
daß mir das Herz darüber blutet, der andere aber vergeht vor Sehnsucht
nach der Befreiung Deutschlands. Er hat schon einige Male einen Anlauf
genommen, unter die Lützower zu treten, und ich glaube, wenn es wieder
losgeht, kann ich ihn nicht mehr halten, und ich will's auch nicht!«
Die beiden sahen einander verständnisvoll an, dann sprach Konrad:
»Wenn's so liegt in Ihrem Hause, haben wir nicht Ursache, unser wahres
Gesicht zu verstecken. Wir sind beide Lützower, und suchen Leute für
unsere Schar zu werben. Lassen Sie Ihren Sohn seinem Herzen folgen!«
Überrascht sah der Mann seine beiden jungen Gäste an, dann griff er
rechts und links nach ihren Händen, umspannte sie mit warmem Drucke und
sagte:
»Das soll ein Fingerzeig des Himmels sein -- ich will ihn rufen!«
Er stand auf, und ehe noch die beiden Freunde halblaut ihre Meinung
über den Vorfall ausgetauscht, kehrte er mit einem hochgewachsenen
jungen Mann mit frischen Zügen und leuchtenden Augen zurück.
»Hier ist er« -- sprach er --, »Erich, das Lützowsche Freikorps grüßt
dich in den beiden Herren!«
Zweifelnd, fragend sah der Angesprochene nach seinem Vater, dann nach
den Fremden. Diese aber erhoben sich, und Zander sprach halblaut:
»Das Vaterland braucht Arme, und die deutsche Freiheit warme Herzen und
starke Hände!«
»Und ihr seid wahrhaftig Lützower?« fragte der andere erregt.
»Wir sind's,« erwiderte Konrad.
»Hier habt ihr mich!« sagte Erich fest und reichte den beiden seine
Hände, dann aber jubelte er auf in freudiger Begeisterung: »das ist
Lützow's wilde, verwegene Jagd,« so daß der Vater ihn erschrocken am
Arme faßte und ein warnendes Pst! hören ließ, dem er sofort beifügte:
»Und nun wollen wir anstoßen auf das freie Vaterland und auf seine
ehrlichen Streiter!«
Gleich darauf saßen die vier Menschen um den Tisch in der stillen,
leeren, schwülen Gaststube, und der beste Wein, den der Keller bot,
perlte in den Gläsern; die beiden Lützower aber erzählten von ihren
Kämpfen und ihren Fahrten, und Erichs Augen leuchteten dabei in mutigem
Glanze auf.
Da klang das Klirren eines Säbels auf dem Flur, und schon im nächsten
Augenblicke trat ein junger Offizier in der westfälischen Uniform ein,
der dem Wirtssohne am Tische außerordentlich ähnlich sah.
Über das Gesicht des Hausherrn flog ein Schatten, als der Lieutenant
näher trat und, nachdem er einigermaßen verwundert die kleine
Tafelrunde betrachtet hatte, grüßte und sprach:
»Ist's erlaubt, hier Platz zu nehmen?«
Der Wirt stellte ihn als seinen Sohn Karl vor und nannte die Namen der
Fremden, dann fügte er bei:
»Die Herren haben ein gut Stück Deutschland gesehen und wir hören auch
gern, was jenseits des neuen Staats Westfalen geschieht.«
Das Gespräch nahm eine völlig harmlose Wendung, aber das eigentliche
Behagen fehlte dem Kreise; ein fremder, kühler Hauch war über die
patriotischen Herzen hingehuscht, und die beiden Lützower hatten mit
einem Anfluge der Verachtung zu kämpfen gegen den jungen stattlichen
Offizier, der in seiner Seele vergaß, wohin er gehörte.
Nach einiger Zeit erschien in der Thür ein Soldat, der, wie es schien,
eine dienstliche Meldung zu machen hatte. Er ließ seine Blicke über
den Tisch fliegen, und da er Konrad erblickte, der das Gesicht, hell
beleuchtet, ihm voll zuwendete, zuckte er leicht zusammen, und faßte
auch Zander schärfer ins Auge. Die am Tische Sitzenden kümmerten
sich nicht weiter um ihn, nur der Wirt hatte seinen Sohn aufmerksam
gemacht, und dieser erhob sich und kam nach dem Soldaten heran, um
dessen Meldung entgegenzunehmen. Dieser hatte sich indes so gestellt,
daß er dem Tische halb den Rücken kehrte, und nun, nachdem er seinen
eigentlichen Auftrag erfüllt hatte, stieß er leise flüsternd hervor:
»Herr Lieutenant, ich möchte Ihnen noch eine heimliche, dringende
Mitteilung machen.«
Der Offizier stutzte, dann winkte er dem Burschen hinauszugehen und
folgte ihm nach. Im Hausflur aber sprach der erstere hastig:
»Herr Lieutenant, die beiden, die da drin sitzen, sind Spione; ich
kenne sie alle zwei. Es sind Lützower Reiter; der eine ist mir ganz gut
bekannt, und auch den zweiten hab' ich in der Uniform gesehen.«
Auch der Offizier wurde erregt.
»Täuschest du dich nicht, Jakob?«
»Nein, Herr Lieutenant; ich habe gute Ursache, mir besonders den einen
zu merken, und es thät mir leid, wenn sie entwischten.«
Der Offizier kannte seinen Vater und seinen Bruder; ihr Zusammensitzen
mit den beiden erschien ihm mit einem Mal bedeutsam. Einen Augenblick
schwankte er, denn er sah sich in die Wahl gestellt vor dem Zorne,
ja der Verachtung seiner Angehörigen, und andererseits vor einer
Anerkennung und vielleicht einer Beförderung, und der Ehrgeiz, den er
in seinem Gewissen mit dem Pflichtgefühl maskierte, siegte. Er befahl
dem Soldaten, sofort nach der Wache zu eilen und eine bewaffnete
Patrouille herbeizuholen, dann kehrte er in das Wirtszimmer zurück und
setzte sich mit möglichster Ruhe wieder an den Tisch, wo das Gespräch
sich noch immer um ganz gleichgültige Dinge drehte.
Es währte indes nicht lange, als man auf dem Flur das Geräusch von
Waffen vernahm, und als die Thür sich öffnete, sah man vor derselben
vier Soldaten, die Gewehre bei Fuß, während ein Unteroffizier eintrat,
begleitet von Jakob, und dem Offizier die Meldung machte, daß er zur
Stelle sei. Dieser war mit einem Male bleich geworden, aber er erhob
sich und sprach, zu den beiden Lützowern gewendet:
»Meine Herren, darf ich um Ihre Pässe ersuchen?«
Wie ein Blitzstrahl fuhr das Wort in die am Tische Sitzenden. Der Wirt
und Erich waren aufgesprungen und machten eine Bewegung, als wollten
sie schützend sich vor die beiden Gäste stellen, diese aber hatten
rasch ihre Fassung wieder und überreichten die gewünschten Papiere. Der
Lieutenant durchflog dieselben.
»Die Pässe sind formell in Ordnung,« sagte er -- »aber Sie sind nicht,
was hier angegeben ist.«
»Wie können Sie das behaupten?« fragte Konrad -- »mein Name ist Konrad
Schmidt, der meines Gefährten Ludwig Zander --«
»Und wir reisen in Geschäften,« fügte dieser bei. Da rief der Offizier
den Soldaten heran, der sie verraten hatte.
»Kennen Sie den Mann?«
Jetzt erst betrachteten die Lützower denselben und Schmidt erkannte nun
in der westfälischen Uniform den Gärtnergehilfen aus Großzschocher, den
Baumfrevler aus der Altmark. Ihn überkam Zorn und Entrüstung, so daß
er, jede Vorsicht vergessend, rief:
»Der Mann ist ein Schurke, dem jeder ehrliche Deutsche ausweichen muß
wie dem Aussatz.«
Jakob zuckte wie unter einem Schlage, der Offizier aber sprach:
»Dann hat es wohl seine Richtigkeit, daß Sie dem Lützowschen Freikorps
angehören?«
»Sie sehen ja, daß wir in Civilkleidung sind,« brauste Zander auf.
»Das schließt nicht aus, daß Sie dem erwähnten Korps angehören und für
dasselbe Spion- oder andere Dienste thun. Jedenfalls erachte ich es für
meine Pflicht, Sie zu verhaften.«
Mit Blicken unaussprechlicher Verachtung sahen die beiden den
Offizier an, der jetzt seine Augen niederschlug, indes sein Bruder in
zorniger Aufwallung an ihn herantrat und ihm zuraunte: »Das ist ein
Schurkenstreich!«
Wie von einem Peitschenhiebe getroffen fuhr der Lieutenant auf, aber er
sah in das von einem heiligen Zorne lodernde Gesicht Erichs, sowie in
das tiefblasse seines Vaters, der erregt sprach:
»Und das in deinem Elternhause? -- Fühlst du denn nicht, daß von dieser
Stunde an eine Schmach auf diesem Dache, in diesen Räumen ruht, die
uns alle erdrücken muß? Entarteter -- verhafte doch auch mich und
deinen Bruder, wenn du schon überhaupt den traurigen Mut hast, auf die
Denunziation eines Schurken hin brave Männer ins Elend zu bringen!«
Der Offizier war totenblaß geworden, dann preßte er hervor: »Ich thue
nur meine Pflicht!«
»Pflicht!« sagte der Wirt und seine Stimme klang heiser vor Erregung.
»Weißt du, was deine Pflicht wäre? -- O daß du es wüßtest, aber die
Stunde wird kommen, wo du in Scham erröten und vergehen wirst, weil du
nicht gethan hast, was deine Pflicht war. Von diesem Augenblicke habe
ich nur noch einen Sohn!«
Der tief erschütterte Mann trat zu den beiden Lützowern:
»Meine Herren, rechnen Sie mir nicht an, was dieser Verlorene thut, der
sein Mutterhaus entehrt!«
Sie reichten dem braven Manne die Hand, ebenso Erich, der kein Wort zu
sprechen vermochte. Der Unteroffizier stand dabei und in dem Gesichte
des alten Kriegers arbeitete es seltsam, aber er hatte zu schweigen,
der Blick jedoch, den er dem Verräter zuwarf, der jetzt den Kopf
gesenkt hatte, redete seine deutliche Sprache.
»Komm!« sagte Konrad zu dem Freunde -- »ich hoffe, man wird uns nicht
richten ohne eine Untersuchung.«
»Pah, französische Gerechtigkeit!« lachte Zander bitter -- »ich
gratuliere zur Beförderung, Herr Lieutenant!«
Da bäumte sich Erich wild auf -- er sprang gegen seinen Bruder vor,
erfaßte ihn am Halse und begann ihn zu würgen, stumm, wortlos -- der
Vater aber trat dazwischen und riß die beiden Brüder auseinander.
»Ruhig, Erich, -- der ist nicht wert, daß eine deutsche Hand ihn
berührt!« sprach er -- dann schritten die Lützower hinaus, gefolgt von
dem Unteroffizier und Jakob; der Offizier aber wankte wie ein Trunkener
hinterdrein.
Der Zug ging durch die Gasse; hochaufgerichtet und stolz schritten
die beiden Freunde daher inmitten der Soldaten, der Offizier aber
hielt sich seitwärts hinter ihnen, als ob er den Schein vermeiden
wollte, daß er zu der Eskorte gehöre. An allen Thüren und Fenstern
erschienen Leute, und die Kinder liefen dem Zuge nach. Manches ehrliche
Mannesgesicht verfinsterte sich, und manche Faust ward geballt, denn es
konnte niemandem unklar sein, um was es sich handle -- um verratenes,
preisgegebenes deutsches Blut. Als der Zug an einer Schmiede
vorüberkam, aus deren dunklem Hintergrunde der rote Feuerschein
leuchtete, trat der Meister heraus, der noch ein glühend Eisen in der
berußten Hand hielt. Auch er wußte, was es hier gebe, und als der
Lieutenant an ihm vorüberkam, spuckte der brave Handwerksmann mit einem
lauten Pfui auf das glühende Metall, daß es zischte, und trat in seine
Schmiede zurück; der junge Offizier aber biß die Zähne zusammen vor
Unmut und Scham.
Die beiden Lützower wurden vor den Obersten des in dem Städtchen
garnisonierenden Militärs gebracht. Auch er war ein Westfale. Der
Lieutenant rapportierte, und mit finsterem Blicke durchflog der Oberst
die Pässe.
»Die Pässe sind in Ordnung,« sprach er, da fiel sein Blick auf den
Soldaten, der mit dem Lieutenant gekommen war, und der ihn seltsam
lauernd ansah. Er wendete sich zu diesem.
»Was hast du zu melden?«
»Zu Befehl, Herr Oberst -- die beiden sind Lützower Reiter. Den einen,
Konrad Schmidt, habe ich in der Altmark getroffen, wo er im Schlosse
des Generals Sebastiani zwei Chasseurs niedermachte ...«
»Das ist eine infame Lüge!« brauste Zander auf.
»Sind Sie Konrad Schmidt?« fragte der Oberst.
»Nein, Ludwig Zander!«
»Wie kommen Sie dazu, die Anschuldigung zurückzuweisen?«
»Weil ich dabei war, Herr Oberst! -- Konrad, was wollen wir hier
Versteckens spielen und uns wie Verbrecher inquirieren lassen? --
Wir sind ehrliche Leute und verbergen unser deutsches Herz nicht und
verkaufen es nicht, brauchen auch vor niemandem schamrot zu werden ...«
Auch Schmidt wurde von den Worten des Freundes fortgerissen; er
unterbrach ihn:
»So ist's, Herr Oberst, und mein Freund und ich, wir haben auf dem
Schlosse des Generals Sebastiani als Lützower Reiter zwei Chasseurs
gefangen genommen. Das war im ehrlichen Kriege, und den Gefangenen
ist kein Übel widerfahren; wir haben auch bei Kitzen mitgefochten,
wo man uns verräterisch trotz des Waffenstillstands überfiel, und
da ich mich gerettet in das Haus eines braven Mannes, der mich und
einen verwundeten Kameraden aufnahm, sah uns dieser Bursche dort, der
als Gärtnergehilfe im Hause lebte, und der mir in der Altmark eine
wohlverdiente Tracht Prügel verdankt, weil ich ihn bei einem empörenden
Baumfrevel festnahm. Das Königreich Westfalen mag stolz auf diesen
Lumpen sein, für das deutsche Volk ist er ein Schandfleck.«
Der Oberst hatte den erregten jungen Mann sprechen lassen; er stand
da, mit gekreuzten Armen, das Gesicht bleich, und nagte an seinem
Schnurrbart; ein Blick unsäglicher Verachtung traf den Soldaten, der
anfangs mit wilder Wut nach Konrad geblickt, dann aber plötzlich die
Augen niedergeschlagen hatte.
Zander hatte seinem Freunde die Hand gereicht und so standen die
beiden Lützower fest und ruhig da. Es herrschte einige Augenblicke
eine peinliche Stille in dem Gemache, nur der Säbel in der Hand des
Lieutenants, der in dienstlicher Haltung dastand, klirrte leise und
zeugte von der Erregung des jungen Offiziers.
Nun sagte der Oberst:
»Und was führt Sie jetzt auf westfälisches Gebiet?«
»Unsere Pässe besagen das: wir reisen in Geschäften!« sagte Zander
rasch.
»Hm! Und Sie gehören dem Freikorps Lützows nicht mehr an?«
Einige Sekunden schwiegen die Freunde, sie tauschten einen Blick des
Einverständnisses und jedem war es klar, wenn es auch mehr ehrlich als
klug schien, die Fahne nicht zu verleugnen, der sie angehörten. Konrad
Schmidt sprach:
»Wir haben Waffenstillstand, und da man meint, daß der Friede darauf
folgen werde, haben wir Urlaub genommen, um die Geschäfte des Friedens
zu betreiben. Spione sind wir nicht.«
»Und wenn kein Friede wird?« fragte der Oberst.
»So kehren wir zu Lützow zurück als ehrliche Soldaten und sind dann
Ihre ehrlichen Gegner.«
»Und glauben Sie, daß der Friede kommt?«
»Wir wünschen nur einen solchen, der uns Deutsche nicht schamrot werden
läßt, einen Frieden, der ehrenvoll ist für unser Vaterland und es
frei macht von jedem fremden Fuße,« sprach Konrad -- »und ich meine
das sagen zu dürfen, weil in diesem Raume Keiner ist, den nicht eine
deutsche Mutter geboren.«
Der Oberst und der Lieutenant wechselten einen seltsamen scheuen Blick,
dann folgte wieder ein kurzes Schweigen, bis der erstere sagte:
»Solche Äußerungen darf ich hier nicht hören ... In Ihrer Sache aber
mag ich nicht entscheiden. Herr Lieutenant, Sie werden selbst morgen
früh die beiden Gefangenen nach ... (er nannte den Namen der nächsten
größeren Stadt) geleiten und dem General Garnier rapportieren; den Mann
dort -- er zeigte auf Jakob -- mögen Sie mitnehmen; ich will niemanden
um eine Anerkennung oder Belohnung bringen.«
Es lag ein kalter Ton der Verachtung in diesen Worten, das fühlte
zumal der junge Offizier, der mit blutleerem Angesicht dastand, und
nachdem er eine Bewegung, als wollte er abwehren, unterdrückt hatte,
hervorpreßte:
»Zu Befehl!«
Der Oberst aber trat an die beiden Lützower.
»Meine Herren, denken Sie nicht zu schlimm von uns; die Verhältnisse
sind oft stärker als wir! Ich wünsche Ihnen glückliche Heimkehr!«
Er wollte ihnen die Hände reichen, aber keiner von den beiden nahm sie
an; sie wendeten sich schweigend ab; der Oberst aber biß die Zähne
aufeinander und winkte stumm, sich zu entfernen.
Am andern Morgen ging ein ähnlicher Zug, wie er Tags vorher durch die
Gasse gekommen, zum Thor des Städtchens hinaus und auf der Straße nach
der Kreisstadt. Die zwei Lützower schritten ungefesselt zwischen den
Soldaten, und einige Schritte hinterdrein kam der Lieutenant. Der ganze
Auftrag hatte etwas Beschämendes und Demütigendes für ihn, dessen war
er sich wohl bewußt, und wo man durch ein Dorf kam, ging er auf einem
andern Wege als die Soldaten und die Gefangenen.
Die Kreisstadt war nur etwa zwei Stunden entfernt. Daselbst angelangt,
meldete sich der junge Offizier bei dem General Garnier und führte die
zwei Lützower zu ihm. Der General empfing ihn mit einer unangenehmen
Herablassung und redete in gebrochenem Deutsch -- er war offenbar
Vollblutfranzose. Sobald er hörte, daß die beiden jungen Männer dem
Lützowschen Freikorps angehörten, rötete sich sein Gesicht:
»~Ah ces brigands!~« sprach er höhnisch.
»Wir sind keine Räuber, sondern ehrliche Soldaten,« sagte Schmidt fest.
»~Silence!~« schrie der Franzose. -- »~L'armistice est pour tout le
monde, excepté pour vous.~« (Der Waffenstillstand gilt für Alle, für
euch aber nicht.)
Das waren dieselben Worte, welche der französische General dem Major
von Lützow bei Kitzen zugerufen hatte, und die beiden Freunde faßte
heiße Entrüstung.
»Das ist eine Schmach und ein Wort, das einer gebildeten großen Nation
unwürdig ist!« rief Zander, der General aber brauste von neuem auf,
gebot in seinem geradebrechten Idiom Schweigen, bis er fragen würde,
und fügte dann bei, daß er sie als Spione vor das Kriegsgericht stellen
werde. Er befahl dem Lieutenant barsch, sie abzuführen und in den
~prison~ zu bringen.
Das geschah auch, und das Gefängnis, das man ihnen anwies, war nicht
besonders freundlich; nur den einen Trost hatten sie, daß man sie nicht
trennte. Der Lieutenant hatte beim Abschied noch ein entschuldigendes
Wort sprechen wollen, aber sie hatten ihm den Rücken gewendet und
waren froh, als sie allein waren. Sie setzten sich nebeneinander auf
die harte Pritsche und suchten sich gegenseitig Mut einzureden, obwohl
jeder von ihnen darüber klar war, daß ihre Sache schlimm und bedenklich
stehe, bis endlich Konrad ruhig sprach:
»Was quälen wir uns mit gegenseitiger Tröstung, Freund! Fassen wir die
Sache wie sie ist; das Schlimmste, was uns geschehen kann, ist, daß sie
uns erschießen, und dann sind wir ja auch fürs Vaterland gestorben.«
Fest drückte ihn Zander an die Brust.
»Du bist ein excellenter Junge, Konrad! Sieh, das ist meine Meinung
auch, und da wir uns darüber erst klar sind, laß uns mit der
Resignation des guten deutschen Gewissens abwarten, was nun kommen
wird. Laß uns zuvörderst einmal Umschau halten von unserm Tuskulum!«
Ein einziges, kleines, hochliegendes und vergittertes Fenster gab
dem Raume ein spärliches Licht; unter dasselbe rückten sie die
Holzpritsche, und wenn sie sich darauf stellten und die Köpfe dicht
nebeneinander legten, konnten sie hinausblicken ins Freie. Da lag
die Welt im lachenden Sommersonnenschein: Zunächst vor ihnen die
Stadt mit weißen Häusern und grünen Gärten und über dieselbe hinaus
ein freundliches Gelände, Felder und Wiesen, durchschnitten von dem
glitzernden Bande eines Flüßchens, und im Hintergrunde blauten Berge;
es mochte wohl das Rhöngebirge oder der Thüringerwald sein. Den beiden
ward es wunderlich ums Herz, und es wollte sie doch etwas wie Wehmut
erfassen, daß sie vielleicht von alle dem für immer scheiden oder
mindestens nicht auf freier deutscher Erde einen frischen Reitertod
finden sollten. Konrad dachte auch an Elise und sandte über Thal und
Höhen hinweg seinen Herzensgruß der fernen Braut. Sollte auch hier sein
schönstes Hoffen zu nichte werden?
Um die Mittagszeit kam ein graubärtiger Schließer und brachte ihnen das
einfache Mahl und frisches Trinkwasser. Er sah bärbeißig aus, aber aus
seinen Augen leuchtete doch ein Schein von Gutmütigkeit; er war ein
Deutscher und gab auf einige ihrer Fragen kurze, nicht unfreundliche
Antworten. Als sie fragten, was er wohl wegen ihres Schicksals meine,
zuckte er die Achseln, sah sich dann um, als ob er unberufene Ohren
fürchtete, und knurrte:
»Die Gerechtigkeit arbeitet hier manchmal rasch, und der General ist
Franzose!«
Dann ging er schnell, als ob er schon zu viel gesprochen, und die Thüre
schlug hinter ihm zu.
Die beiden Freunde schliefen diese Nacht mit der Ruhe des guten
Gewissens und sahen am nächsten Morgen wieder in das sonnige Land
hinaus, als es draußen von Waffen klirrte. Sie stiegen von der
Holzbank. Die Thür aber öffnete sich und ein junger Offizier kam,
gefolgt von einigen Soldaten, um sie vor das Kriegsgericht zu führen.
Ja der alte Schließer, der ihnen ernst nachsah, hatte recht: die Justiz
ging sehr schnell.
Sie wurden über die Straße nach einem andern Gebäude geführt und dort
in einen kleinen Saal gebracht, wo an einem länglichen Tische einige
höhere Offiziere und der General Garnier saßen. Ein Auditeur, welcher
der deutschen Sprache mächtig war, führte das Verhör, das öfters durch
barsche Zwischenrufe des Generals unterbrochen wurde. Es währte nicht
lange, und da die beiden Gefangenen nicht in Abrede stellen konnten
noch wollten, daß sie unter Lützow gefochten, lautete die allgemeine
Entscheidung dahin, daß sie als Spione und Aufwiegler ins Land
gekommen, und demgemäß wurde auch das Urteil gefällt, das am nächsten
Tage bereits vollzogen werden sollte: Tod durch Pulver und Blei.
Ein leises Erbleichen huschte eine Sekunde über die Züge der Freunde,
aber keinen Augenblick verloren sie ihre würdige Fassung, und Konrad
sagte ruhig und in französischer Sprache:
»Wir protestieren im Namen des Völkerrechts und des allgemeinen
Menschenrechts gegen dieses Urteil, indem wir auf Ehrenwort erklären,
daß wir nicht Spione sind.«
Schweigen folgte den Worten, einige der französischen Offiziere sahen
zu Boden, der General aber befahl barsch die Gefangenen abzuführen.
In ihrer Zelle sanken sich beide in die Arme, hielten sich schweigend
umfaßt und Zander sprach dann:
»Konrad, sie sollen uns nicht schwach noch feige finden!«