»Ich habe von vornherein kein rechtes Vertrauen zu dem Burschen

gehabt,« sagte er; »es ist aber schwer, jetzt einen Gehilfen zu

bekommen, denn alles junge Volk steht in den Waffen. Wenn jedoch einer,

der jung und gesund ist, dabei fehlt, da hat's wohl einen Haken. Der

Jakob hats auf meine Lene abgesehen -- aber da mag er die Finger davon

lassen! Auf die Hände will ich ihm schon sehen, und sobald es geht,

muß er aus dem Hause ... Ihr seht übrigens gut aus in dem bäuerlichen

Anzug, und ich denke, er schützt Euch.«

In diesem Augenblicke kam Lene und brachte das Frühstück. Sie

berichtete dabei eilig, daß zwei Kinder da wären, die heute früh beim

Beerensuchen im Walde einen verwundeten Offizier gefunden hätten, der

wie tot dagelegen wäre; er sei jung und hübsch. Sie hätten auch seine

Brieftasche mitgebracht, die neben ihm gelegen wäre.

Das Mädchen zeigte dieselbe vor, und hastig nahm Konrad sie aus ihrer

Hand; sie zeigte Blutflecken, und da er sie öffnete, las er auf der

letzten beschriebenen Seite Verse:

Die Wunde brennt; die bleichen Lippen beben. --

Ich fühl's an meines Herzens matter'm Schlage,

Hier steh' ich an den Marken meiner Tage --

Gott, wie du willst! dir hab ich mich ergeben.

Viel gold'ne Bilder sah ich um mich schweben;

Das schöne Traumbild wird zur Totenklage.

Mut, Mut! -- Was ich so treu im Herzen trage,

Das muß ja doch dort ewig mit mir leben! --

Und was ich hier als Heiligtum erkannte,

Wofür ich rasch und jugendlich entbrannte,

Ob ich's nun Freiheit, ob ich's Liebe nannte:

Als lichten Seraph seh' ich's vor mir stehen; --

Und wie die Sinne langsam mir vergehen,

Trägt mich ein Hauch zu morgenroten Höhen.

»Das ist Theodor Körner! Der besten einer! O kommt ihn zu suchen! Er

darf nicht verbluten, nicht sterben! Wo sind die Kinder?«

Und schon eilte Konrad hinaus und die Treppe hinab, so daß Häußer kaum

zu folgen vermochte.

»Vorsicht, Vorsicht!« rief er ihm nach. -- »Wartet doch! -- Ich lasse

den Gehilfen durch Lene fernhalten, dann gehen wir!«

Bald darauf schritten die beiden Männer, geführt von den Kindern, einem

Gehölz zu, das nicht allzufern lag, und nun standen sie vor Körner.

Der war vom Roß gestürzt, bewußtlos geworden, dann wieder erwacht,

hatte sich bis hierher geschleppt und war immer aufs neue in Ohnmacht

gesunken. In einigen Augenblicken letzter Kraft hatte er das Gedicht

geschrieben, in dem er Abschied nahm vom Leben. Jetzt sah er mit

großen, müden Augen den Männern entgegen, und ein Leuchten ging durch

dieselben, da er den Freund erkannte.

»Konrad! Gott sei Lob!«

»Rege dich nicht auf, Theodor! Wir bringen dich fort in das Haus dieses

braven Mannes, der auch mir ein Asyl gegeben hat.«

Auch Häußer sprach einige freundliche Worte und reichte Körner ein

Fläschchen mit Wein, aus welchem dieser einen tiefen Zug that. Dann

verband man notdürftig seine Wunden, und mehr getragen als geführt von

seinen Begleitern kam er langsam vorwärts.

Den Kindern wurde strengstes Stillschweigen anbefohlen gegen Jedermann,

als man an das Dorf kam, und es gelang auch, ohne daß man Jemandem

begegnete, den Verwundeten in das Gehöft Häußers zu bringen. Da trat

plötzlich hinter einer Hecke der Gehilfe hervor. Lene hatte ihn

fortgeschickt, aber er mochte wohl irgend einen Verdacht geschöpft

haben, und hatte sich verborgen gehalten. Nun stand er mit einem

hämischen Lächeln da, sah Konrad stechend an und sprach nur das eine

Wort: »Preußen?«

Der Gärtner war erschrocken und erblaßt, aber er faßte sich und sagte:

»Ein verwundeter Landsmann und Soldat! Ein Schurke ist's, wer ihn

preisgiebt! Greif zu, daß wir ihn betten!«

Der Bursche gehorchte schweigend; sie trugen Körner nach dem

Obergeschoß, und schon nach kurzem lag er auf einem weichen, guten

Lager, und Konrad saß als Pfleger ihm zur Seite. Im Erdgeschoß aber

stand Jakob trotzig vor seinem Herrn.

»Es sind alle beide Lützower! Ihr wißt, was es wird, wenn die Franzosen

erfahren, daß Ihr sie im Hause habt!«

»Wer soll's ihnen sagen?« murrte finster der Alte. »Ich thue einfach

meine Pflicht als Mensch, als Christ und als deutscher Mann, und wenn

du selber einen ehrlichen braven deutschen Vater hast, so kannst du

nicht so verlumpt sein in deiner Seele, daß du eines andern deutschen

Vaters Sohn preisgiebst. Das halte ich für abgemacht -- jetzt laß uns

an die Arbeit gehen!«

Finster und schweigend ging der Bursche, und verhielt sich den ganzen

Tag über seltsam still, nur wenn Lene sich zeigte, sah er sie mit

heißen und lauernden Blicken an, und am Abend trat er, da sie allein

im Garten war, an sie heran. Er sprach mit einer vor Erregung heiseren

Stimme:

»Lene -- du weißt, wie ich dir gut bin! Weiche mir nicht aus -- ich

möcht' ein ordentlicher Mensch werden und hab' das Wandern satt. Werd'

mein Weib -- dein Vater braucht einen Schwiegersohn ...«

Das Mädchen machte eine abwehrende Bewegung und wandte sich zum Gehen;

er hielt sie an der Rockfalte zurück, und seine Stimme wurde noch

erregter:

»Laß dir eins noch sagen: Ihr habt zwei Lützower im Haus, dein Vater

muß dafür büßen, wenn es rauskommt ... Lene, mach' mich nicht schlecht

... wenn du mich abweisest, geh' ich nach Leipzig und sage, was ich

weiß, dem Herzog von Padua.«

Lene wandte sich herum -- ihr Gesicht glühte, und schon wollte sie dem

Burschen das Wort »Schurke« in das Gesicht werfen, als sie eines andern

sich besann. Sie atmete tief und sprach mit zitternder Stimme:

»Jakob, das wirst du nicht -- wenn ich nicht allen Glauben an den guten

Kern in dir verlieren soll. -- Sieh, ist's denn jetzt Zeit zum Freien,

wenn das Vaterland in Not ist? -- Laß uns wieder von solchem reden,

wenn die Zeit besser geworden, und wenn ich gesehen habe, daß du ein

braver Bursche bist!«

In dem jungen Menschen schienen der gute und der böse Engel um

die Seele zu streiten; endlich nahm er die Hand, welche Lene ihm

hingereicht, und sagte:

»Gut -- ich warte!«

Das Mädchen aber huschte durchs Gesträuch davon. Sie suchte erregt

den Vater und berichtete ihm alles. Dieser war empört über den

frechen Burschen, und zugleich besorgt um seine beiden Gäste, denn er

traute Jakob nicht. Darum hielt er noch am Abend mit den Lützowern

Rücksprache, und Konrad machte den Vorschlag, er wolle am andern Morgen

als Gärtnerbursche nach Leipzig gehen zu ~Dr.~ Wendler und sehen, ob

dieser etwas für den Verwundeten thun könne. Ihm selber schlug das

Herz höher, wenn er an diesen Besuch dachte und -- an Elise.

Häußer war damit einverstanden, und in schlichter Gärtnerjacke, das

Gesicht künstlich gebräunt, einen derben Stock in der Hand, wanderte

Konrad am andern Morgen in die Pleißenstadt. Er kam ohne Anstand hinein

und suchte das Haus des Doktors. Dieser war eben nicht daheim und Elise

trat ihm entgegen. Sie erkannte ihn nicht sofort, erst als er mit

wärmerem Tone ihren Namen nannte, erschrak sie freudig, und wortlos

sank sie ihm an die Brust.

Dann saßen sie beisammen, und Konrad erzählte von den Fahrten und

Abenteuern der Lützower und von Körner, und das Herz des begeisterten

Mädchens schlug höher:

»O, warum kann ich nicht dabei sein! -- Aber mein Wort löse ich:

Ich will den Verwundeten pflegen, treu und unermüdlich, daß er dem

Vaterlande erhalten bleibe!«

Dann aber erzählte sie von der Stimmung in Leipzig, und wie man jedem

preußischen Reiter, der als Parlamentär in die Stadt käme, zujauchze

trotz des Herzogs von Padua und der Franzosen, und wie eine allgemeine

Erbitterung in den Herzen sei über die Behandlung, welche man den

bei Kitzen gefangenen Lützowern bereite. Man behandle sie nicht als

Soldaten, sondern als Räuber.

Während dessen kam ~Dr.~ Wendler und war nicht wenig erstaunt und

erfreut über seinen Gast. Aber auch er war unmutig und zornig erregt:

»Denkt Euch, diese elenden Schurken haben die armen verwundeten

Lützower einfach in eine alte Kirche gesperrt, und wollten ihnen sogar

den ärztlichen Beistand versagen. Ich habe im Namen der Menschlichkeit

dagegen protestiert beim Herzog selbst, und habe mir den Eintritt

erzwungen in das seltsame Lazarett. Es ist ein Jammer, wie die Armen

dort herumliegen auf elendem Stroh und nicht einmal Nahrung erhalten.

Nun, ich hoffe, die Leipziger Bürger werden es für eine Ehrenpflicht

halten, für solche zu sorgen. Elise, was wir thun können, muß

geschehen!«

Das Mädchen sank dem trefflichen Manne an den Hals, und Konrad reichte

ihm mit stummer Anerkennung die Hand.

»Ja, und Körner« -- fuhr der Doktor fort --, »Körner muß herein. Die

Sache muß gehen. Zu mir kommen viele Kranke vom Lande, und könnt Ihr

ihn in Bauerkleider stecken und Häußer ihn auf seinem Fuhrwerk als

Patienten herbringen, so hat die Sache wohl keine Not und wir flicken

den prächtigen Jungen bald wieder aus!«

Dann sprachen sie vom Waffenstillstand, und wie derselbe ungelegen

genug kam und gerade in Leipzig den schmerzlichsten Eindruck

machte. Die Lützower Infanterie hatte eben, vom General Woronzow

aufgefordert, einen Handstreich auf die Stadt unternehmen wollen, war

in beschwerlichen und gefährlichen Märschen von Havelberg herangerückt,

der letzte Teil des Weges war geradezu im Trabe zurückgelegt worden,

so daß mehrere vor Erschöpfung zusammenbrachen, und da man hart vor

den Thoren stand, kam der Waffenstillstand. Mancher brave Mann hatte

Thränen des Zornes darüber geweint.

Die Zeit verging den dreien rasch und Konrad, der noch mehr als an

Speise und Trank sich an dem Umgang mit den lieben Menschen gefreut,

mußte an den Aufbruch denken. Ehe er ging, reichte er dem Doktor

herzlich die Hand, dann Elisen, und wie er ihr so tief und warm in die

Augen sah, vermochte sich das Mädchen nicht zu halten, und mit einem

Aufschluchzen legte sie die Arme um seinen Nacken. Verwundert, ja

verblüfft sah Wendler die beiden an, dann sprach er:

»Steht es so? -- Na, dann in Gottes Namen -- verlobt euch! Konrad, Sie

sind brav und tüchtig, und wenn der Himmel Sie gesund wiederbringt

und Sie ein Amt haben, dann holen Sie Elisen. Und nun gebt euch einen

redlichen Kuß und dann genug! Macht euch das Gemüt nicht weich, das

Herz nicht schwer!«

So geschah's, aber die Seele Konrads war voll Sonnenschein, als er zum

Stadtthor hinausschritt, lustig pfeifend vorbei an dem französischen

Wachsoldaten, der sich gar nicht um ihn kümmerte. Als er in

Groß-Zschocher in den Garten Häußers kam, begegnete ihm der Gehilfe. Er

trat ihm in den Weg und sagte:

»Ihr meint wohl, ich kenne Euch nicht? -- Die Prügel in der Altmark

sind Euch gutgeschrieben, und die Zeit kommt, da ich sie heimzahle!«

»Pfui, schämt Euch!« erwiderte Konrad. »Seid Ihr ehrlicher und braver

deutscher Eltern Kind, und könnt in dieser Zeit der Not des Vaterlands

Rachegedanken hegen? -- Pfui!« Er schritt weiter, und der andere

hielt ihn nicht auf. In seiner Seele mochte es doch einen Winkel geben,

wo ein besseres Empfinden ruhte, und die Erinnerung an seine Eltern

hatte vielleicht in diesen Winkel hineingeleuchtet.

Am nächsten Morgen sollte Körner nach Leipzig gebracht werden.

Häußer hatte den Gehilfen nach einem andern Dorfe geschickt in einer

geschäftlichen Angelegenheit, und nachdem man sich überzeugt, daß er

gegangen, wurde der Verwundete sorgsam aus seiner Stube herabgeführt

und auf einem leichten Korbwagen zwischen weichen Decken gebettet.

Er trug ländliche Kleidung, hatte die Haare schlicht nach Bauernart

gekämmt, sein Schnurrbärtchen beseitigt, und lehnte nun wie ein

richtiger kranker Junge vom Lande in dem Sitze. Er hatte herzlichen

Abschied von Konrad genommen und ihn brüderlich geküßt; dann sagte er:

»Tausend Dank für all deine Liebe, und laß uns beten, daß unser und

unserer Brüder Blut nicht umsonst geflossen sei. Gott bewahr' uns jetzt

vor einem schlechten Frieden! Drauf und drein auf die französischen

Schelme und unter Lützows Reitern auf Wiedersehn!«

Schmidt fühlte, wie es ihm feucht in die Augen kam, und Häußer, der

neben Körner saß und den Zügel des Pferdes hielt, strich sich mit der

rauhen Hand über das Gesicht. Ein letztes Winken, der Gaul zog an,

und das Gefährt rollte auf der Straße gegen Leipzig hin und kam ohne

Schwierigkeiten vor das Haus ~Dr.~ Wendlers. Der Sänger von »Leyer und

Schwert« war geborgen.

An demselben Vormittag verließ auch Schmidt in seiner ländlichen

Kleidung, als Gärtnergehilfe, das gastliche Haus in Großzschocher, um

die Reste seines Freikorps aufzusuchen, zuvor aber, wenn möglich, noch

einmal seinen Vater und das Grab seiner Mutter zu sehen.

Als es in Großzschocher zu Mittag läutete, war der Gehilfe Jakob wieder

zurück; er fand nur Lene daheim, die ihm das Essen vorsetzte und sich

dann wieder zurückziehen wollte.

»Wo sind denn die andern?« fragte der Bursche.

»Welche andern?«

»Je nun, der Meister und die zwei Lützower« -- sagte der Mensch

höhnisch. -- »Sie sind wohl entwischt? -- Höre, Lene, auf das hin

könntest du mir doch einen Kuß geben!«

Er wollte sie umarmen, aber das Mädchen stieß ihn erregt zurück.

»So weit sind wir nicht!«

»Hei!« lachte er zornig und spöttisch zugleich, und es schien, als

ob er auf seinem Wege getrunken hätte -- »hei! Was soll denn das

Sprödethun? -- Ich hab euch doch in der Hand alle beide, dich und

deinen Vater, und den kranken Lützower dazu; der kann nicht weit sein,

höchstens in Leipzig ...«

Heiße Röte des Ingrimms und der Erregung stieg Lene ins Gesicht, aber

sie würdigte den Burschen keiner Antwort, sondern ging hinaus; finster

blieb er zurück, er ließ sein Essen fast unberührt, und dann machte er

sich an seine Arbeit, fleißiger, als er seit langem gewesen war.

Gegen Abend kam Häußer heim und erfuhr von seiner Tochter die

Äußerungen des Burschen. Auch in ihm erwachte der Zorn; er suchte ihn

auf im Garten und sprach:

»Jakob, wir sind geschiedene Leute. Drohen lasse ich mir und meiner

Tochter nicht. Und wenn du meinst, uns in der Hand zu haben, so geh hin

und erzähle, was du weißt. Sie können mir Haus und Garten, vielleicht

auch mein Leben nehmen, aber besser als braver deutscher Mann sterben

und verderben, wie als Schurke und Verräter am Vaterlande leben. Das

ist meine Meinung, und hier ist dein Lohn und dort die Thüre!«

Der Bursche erwiderte nichts; schweigend legte er den Spaten weg, nahm

das Geld und ging ins Haus, seine Sachen zu holen. Noch an demselben

Abend verließ er das Dorf. Vor demselben auf einer kleinen Anhöhe

stand er eine Weile, sah den letzten Sonnenschein über die kleinen,

friedlichen Hütten hinhuschen und erwog, wohin er sich wenden sollte.

Hier führte die Straße nach Leipzig -- zum Verrat, zu den Franzosen,

dort hinaus in preußisches Land. Da kam ein Bauer vom Felde her; sein

kleiner Junge lief ihm entgegen und rief jauchzend: »Vater, Vater!« Der

Mann aber nahm sein Kind auf seinen Arm, schwenkte es einigemale durch

die Luft und zog es dann an sich und küßte es.

Da ward es dem Burschen seltsam zu Sinne; er gab sich einen

plötzlichen, heftigen Ruck und wandte sich auf die Straße, die ins

Preußenland führte.

Fünftes Kapitel.

Im Königreiche Westfalen.

Es war ein milder Sommerabend, als Konrad Schmidt in seiner bäuerlichen

Tracht in das Thal herabstieg, in dem sein Heimatsdorf lag. Der

Kirchturm hatte ihn schon von ferne begrüßt und die große Linde auf dem

Friedhof, und das Herz schlug ihm erregter. Seiner Mutter, die für ihn

gestorben war, galt zumeist sein Denken, ihren Hügel wollte er zuerst

aufsuchen. Auf einem Feldwege schritt er dahin, ließ den Gutshof zur

Seite liegen und kam hinter der Kirche her. Durch die offene hölzerne

Pforte betrat er die Ruhestätte der Toten, deren heiliges Schweigen nur

durch den Gesang der Vögel aus den Lindenzweigen her unterbrochen ward.

Ein leichter Blumenduft lag über den schlichten Gräbern, und auf manch

einem von ihnen blühten die Rosen.

Nahe an der Kirchenwand war das Grab seiner Mutter, und Konrad sah

schon von weitem, daß auch hier der Schmuck des Frühlings nicht fehlte.

Ein einfaches Holzkreuz stand zwischen den Rosenbüschen, das trug auf

einer Blechtafel den Namen der Toten und darunter die Worte: »Sie starb

für das Vaterland und für ihren Sohn.«

Eine unendliche Wehmut erfaßte den Jüngling; er lehnte den Kopf gegen

den Querbalken des Kreuzes, umklammerte dies mit beiden Armen, als wäre

es die Teure, die hier schlief, selbst, und die Thränen rannen ihm aus

den Augen. Er war so versunken in seinem Schmerze, daß er nicht die

Schritte vernahm, welche von der Kirchenecke herkamen und durch den

weichen Boden allerdings gedämpft wurden.

Zwei bejahrte Männer traten heran, und der eine mit dem weißen Haar

und dem dunklen, langen Gehrock legte ihm jetzt sanft die Hand auf die

Schulter. Da wendete er sich um und im nächsten Augenblicke lagen die

beiden einander in den Armen, und der dritte stand seltsam ergriffen

dabei.

Es waren Pfarrer Schmidt und der Gutsherr Bastian.

»Hier sind wir auseinander gegangen, hier finden wir uns wieder,« sagte

der Pfarrer -- »gelobt sei Gott, daß du lebst.«

Auch Bastian trat herzu und grüßte ihn mit herzlichem Händedruck.

»Wir haben schwere Sorge gehabt um Sie und um meinen Jungen, als wir

die schmachvolle Geschichte von Kitzen gehört haben,« sagte er, »aber

es wird wohl wieder ins Gleis gebracht werden, wenn nur erst dieser

gottverlassene Waffenstillstand zu Ende sein wird. Heute Abend aber,

denk' ich, kommt ihr beiden zu uns, mein Weib wird auch etwas hören

wollen.«

Sie standen noch einige Augenblicke schweigend an dem Grabe, dann

verließen sie den Friedhof. Am selben Abend aber saßen vier Menschen um

den reichlich gedeckten Herrentisch des Gutshofs, und Konrad, der sein

eigenes Gewand wieder angelegt, erzählte von dem empörenden Bruche des

Waffenstillstands und von dem Schicksale Theodor Körners. Er dagegen

erfuhr erst jetzt, welche Verluste das Freikorps gehabt, und wie über

300 brave Reiter teils tot, teils gefangen waren.

Erst heute war eine Kunde eingetroffen von Bastians Sohne, der

glücklich mit entkommen war und der nun flüchtig mitteilte, wie

Lützow selbst durch die Opferwilligkeit des braven Husaren Gebhardt

gerettet wurde, bei Merseburg mit einem kleinen Häuflein von Reitern

die Saale überschritten und dann in einem Walde bei Sangerhausen

kurze Rast gehalten habe. Der wackere Amtsrat Breymann bei Bernburg

habe Lebensmittel und Fourage beschafft, auch für Kähne gesorgt

zum Elbübergang, und am 21. habe man unter guter Führung den

Marsch angetreten gegen Sandersleben und Plötzkau, um die Elbe zu

überschreiten und nach Havelberg zu gelangen, wo der übrige Teil des

Freikorps, zumal die Infanterie, ihr Lager aufgeschlagen hatte.

Diese Nachrichten erfüllten Konrad mit Freudigkeit und Mut, und schon

am nächsten Tage gedachte er aufzubrechen und seinen Kampfgefährten

nachzueilen. Bastian aber mahnte ihn, einige Tage zu rasten, und da

es doch Waffenstillstand sei, dem vereinsamten Vater seine Gegenwart

länger zu schenken. Eben hatte man die Gläser erhoben, um darauf

anzustoßen, als eine Magd erschien und meldete, es sei ein fremder Herr

da, welcher die Herrschaft zu begrüßen wünsche.

»Hat er seinen Namen genannt?«

»Zander, und er wär' schon einmal dagewesen.«

Der Gutsherr und Konrad sprangen gleichzeitig auf, aber ehe sie noch

die Thür erreichten, stand in derselben schon ein städtisch gekleideter

junger Mann mit einem kleinen Koffer in der Linken.

»Ludwig Zander, Geschäftsreisender -- in Firma Lützow und Kompagnie;

mache in Stahl und Eisen und Franzosenblut! Hurra ... ist das nicht

Konrad Schmidt?«

Er hatte jetzt erst den Freund erkannt, ließ seinen Koffer fallen und

riß Jenen in seine Arme.

»Herzensjunge -- du lebst -- du bist hier? Und wir haben dich schon

beweint. -- Hurra, Herr Bastian, die Lützower sind noch da -- Gott

zum Gruß, Herr Pastor -- Verzeihung, verehrte Frau, daß ich so ohne

weiteres hereinschneie.«

Es folgte ein allseitiges Begrüßen, und bald darauf saß der

Neuangekommene mit an dem Tische und hob sein Glas.

»Auf einen frischen, fröhlichen Krieg und den Sieg der deutschen

Waffen!« rief er und die Gläser läuteten hell zusammen. Dann ward

gefragt nach dem und jenem von den alten Gefährten, und Zander sagte

wieder:

»Gott Lob, daß Körner wieder zusammengeflickt werden kann, um den

prächtigen Burschen wär's besonders schade.«

»Und wie bist du selber bei Kitzen davon gekommen?« fragte Schmidt.

»Da ist nicht viel zu erzählen, «Unkraut verdirbt nicht», würde der

alte Fischer zu mir sagen, und ein Verdienst habe ich ebensowenig wie

Bastian ~jun.~ dabei, daß ich davon gekommen bin. Ich hatte mich an

einen Trupp Ulanen unter dem braven Beczwarzowski angeschlossen, und

wir suchten auf dem Wiesengrunde links von der Straße uns zu sammeln,

wobei wir uns mühsam durch die Lücken einer Hecke durcharbeiten mußten.

Da stürmten französische Dragoner auf uns ein, wir aber wandten uns,

und ehe sie noch durch die Hecke kommen konnten, hatten wir sie

zurückgeschlagen und jagten nun querfeldein gegen Norden zu. Wir

überschritten glücklich die Straße nach Merseburg, setzten über die

Luppe und bei Schkeuditz über die Elster, und ritten dann weiter auf

der Halle-Leipziger Straße. In Großkugel hab' ich einen Vetter, bei dem

hielt ich an, denn ich wollte den Waffenstillstand ausnützen. In seinen

Kleidern und mit seinem Passe -- er heißt Ludwig Zander, wie ich --

streife ich jetzt als Kaufmann durchs Land und betreibe die Geschäfte

der Lützower, d. h. ich werbe, wo immer es geht, denn unsere Lücken

müssen ausgefüllt werden, ehe der Waffenstillstand zu Ende ist. Auf ein

gut' Geschäft!«

Der prächtige, muntere Mensch hob sein Glas und wieder klangen die

Gläser zusammen, Konrad aber sagte:

»Dann laß uns ein Kompagniegeschäft machen!«

»Abgemacht! Wir haben in der schwarzen Jägertracht gemeinsam unsere

Streifen unternommen und wollen es in Gottes Namen wieder einmal anders

versuchen. Aber ohne Paß geht's nicht, denn wir werden manchmal mitten

unter die Franzosen gehen und unsere Leute suchen müssen, denn wo die

Welschen am dicksten in Deutschland beisammen sitzen, da gedeiht auch

der deutsche Haß am besten, und der ist unser Bundesgenosse.«

»Den Paß verschaffe ich!« sagte Bastian. »Konrad Schmidt, Ökonom, auf

der Reise, um für den Gutsbesitzer Bastian Geschäfte abzuschließen --

was?«

Der Pfarrer hatte schweigend dabei gesessen und die Hand seines Sohnes

gehalten; er schüttelte das ergraute Haupt und sagte wehmütig:

»Daß selbst die Unwahrheit herhalten muß als Mittel zum guten Zweck!«

»Ja, fragt denn der Schelmfranzos um Moral?« fragte Zander, und Bastian

fügte hinzu:

»Wenn im Kriege schon einmal Mord und Totschlag gelten, da ist ein

falscher Paß eine Harmlosigkeit, und viel falsches ist ja nicht dran.

Denn wenn Konrad unterwegs meine Hammelzucht verkaufen kann, die ich

aufgeben will, so soll er's thun und sein Gewissen ist gerettet.«

Bis in die Nacht hinein saßen die fünf Menschen plaudernd beisammen,

dann ging Konrad mit seinem Vater nach dem Pfarrhofe, Zander aber blieb

bei Bastian.

Zwei Tage später wanderten die beiden Lützower aus dem Dorfe hinaus,

nachdem beide noch einmal am Grabe der Pastorin gestanden hatten.

Konrad hatte eine Rosenknospe von demselben abgepflückt und barg sie

neben dem Zweiglein, das er von Elise erhalten, an seiner Brust.

Sie gingen zunächst durch Thüringen und fanden zu ihrer Freude überall

einen guten patriotischen Geist, Ingrimm gegen den fremden Dränger,

und Bereitwilligkeit, im Dienste des Vaterlandes Gut und Blut zu

opfern. Sie hielten zumeist auf Gutshöfen Einkehr, um hier Einblicke

in die Verhältnisse zu gewinnen, und durften über die Aufnahme, die

sie fanden, fast allenthalben höchlich zufrieden sein. Auch für ihr

Freikorps hatten sie manchen gewonnen, der gegen die Elbe aufbrach,

um Lützower Jäger zu werden, und das Herz schlug ihnen wärmer bei

den Erfolgen, welche sie errangen. Auch war ihnen zunächst nichts

Widerwärtiges widerfahren, und das ließ sie den kecken Entschluß

fassen, unmittelbar unter dem Wappen und der Herrschaft Frankreichs für

ihre Sache zu werben.

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 6 / 18 段