So saß der Jüngling an diesem Abend bei der geliebten Leiche, und wenn

er den ergrauten und gebeugten Vater ansah, kam ihm lebhaft der Abend

in dem abgelegenen schlesischen Forsthause in Erinnerung und der brave

Walther, der wohl jetzt mit der Infanterie vor Leipzig liegen mochte.

Und auf die erkalteten Hände der teuren Toten schwur er auf's neue,

Blut und Leben an die Befreiung des Vaterlandes zu setzen und auch

diesen Mord als ein ehrlicher Reiter und Streiter zu rächen.

Es war eine erhebende Leichenfeier, die am nächsten Spätnachmittag das

Weib des Pfarrers hatte. Lützow selbst hatte kurze Rast gehalten, und

um die stille Grube, in die man den eilig gezimmerten Sarg versenkte,

standen die Offiziere des Freikorps, und eine Abteilung Husaren

bildete das Ehrengeleit. Der alte Pfarrer hielt seiner Lebensgefährtin

selbst die Grabrede; die Thränen rannen ihm dabei über die Wangen, und

manchmal erstickte es ihm die Stimme, aber er ward wieder fest, und wie

den Prediger im Kirchlein von Rogau überkam ihn Begeisterung und der

Prophetenton des patriotischen Sehers. Er verkündete den Sieg der guten

Sache, wenn nur jeder bereit sei, sein Liebstes zu opfern.

Dann breitete er die Hände segnend über das Grab und hob sie wieder

nach den wehrhaften Männern, und gab ihnen ein Weihewort mit, so daß

alle tief ergriffen waren.

Als jedoch die Erdschollen niederrollten auf den Sarg, fielen Vater und

Sohn sich schweigend in die Arme. Keiner vergoß eine Thräne, aber innig

hielten sie eine Weile sich verbunden.

Jetzt riß sich Konrad los und drückte die Hände der Kameraden, die sich

teilnahmsvoll ihm entgegenstreckten, Körner aber sprach:

»Deine Mutter hat ein erhebend' Leichenbegängnis gehabt, das sei dir

zum Trost: Sie hat bei ihrem Heimgang noch uns die Herzen entflammt,

und das Gedächtnis auch dieser Stunde wird in uns fortleben. Du aber

hast eine Weihe erhalten, um die du beinahe beneidet werden magst.«

Vom Grabe der Mutter weg stieg Konrad in den Sattel. Vor der kleinen

Thüringer Dorfkirche waren die Lützower aufgeritten, laut erscholl das

Kommandowort des Majors, und während die Leute, die ringsum standen,

ihre Mützen schwenkten und ihr Hurra nachriefen, trabten sie fort in

den sinkenden Abend, der untergehenden Sonne entgegen.

Beim Gutshofe stand der alte Bastian mit seinen Knechten und schwenkte

seine Kopfbedeckung. Lützow reichte ihm, den er am Friedhofe kennen

gelernt, die Hand, ebenso sein Sohn und Konrad, und dieser bat:

»Verlassen Sie meinen Vater nicht!«

Der Gutsherr erwiderte:

»Da seien Sie unbesorgt, Konrad! Wir beiden Alten stehen zusammen bis

ans ehrliche Ende, und ich will ihn schon herausgraben aus seinem Bau,

wenn er sich etwa verkriechen wollte.«

Die Hörner klangen in einer mutig auffordernden Weise, die Rosse

trabten, und von hundert kräftigen Stimmen erklang es:

Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?

Hör's näher und näher brausen.

Es zieht sich herunter in düster'n Reih'n,

Und gellende Hörner schallen darein

Und erfüllen die Seele mit Grausen.

Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:

Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd.

Die wilde Jagd und die deutsche Jagd

Auf Henkersblut und Tyrannen!

Drum, die ihr uns liebt, nicht geweint und geklagt;

Das Land ist ja frei und der Morgen tagt,

Wenn wir's auch nur sterbend gewannen!

Und von Enkeln zu Enkeln sei's nachgesagt:

Das war Lützow's wilde, verwegene Jagd.

Dem Gutsherrn liefen Thränen über die gebräunten Wangen, Thränen der

Begeisterung; er erfaßte die Hand seiner Frau, die neben ihn getreten

war, und wie in der Ferne mit dem Hufschlag auch das Lied Theodor

Körners verklang, sprach er tief atmend:

»Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd.«

[Illustration: Dekoration]

Viertes Kapitel.

Der Verrat bei Kitzen.

Auf dem Marktplatze der kleinen Stadt Roda stand eine Abteilung von

Rheinbundstruppen, die mit Napoleon verbündet waren. Sie machten sich

eben zum Ausmarsch bereit, als durch die Gasse herein Hufschlag erklang

und gleich darauf fünf schwarze Reiter dahergesprengt kamen, an ihrer

Spitze Konrad Schmidt. Der Offizier der Rheinbündler rief ein Kommando,

im nächsten Augenblick waren 200 Flintenmündungen gegen die Lützower

gewendet und der Ruf erscholl:

»Ergebt Euch!«

»Halt, Herr Hauptmann!« rief Schmidt dagegen. »Lassen Sie Ihre

Leute die Gewehre bei Fuß nehmen, denn wir kommen, Sie zur Ergebung

aufzufordern; unmittelbar hinter uns reitet Major von Lützow mit 4

Eskadronen, ein Widerstand Ihrerseits wäre Wahnsinn -- opfern Sie nicht

nutzlos das Leben Ihrer Leute!«

Der Offizier ließ den gehobenen Säbel sinken.

»Verhält sich das wirklich so?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«

»Dann lassen Sie uns in Waffenstillstand warten, bis der Major kommt!«

Die Lützower zogen sich ein wenig zurück, die Rheinbündler hielten

sich ziemlich gleichmütig in Ruhe, und als nach einem halben Stündchen

Lützow kam, befahl er ohne weiteres dem Offizier, die Gewehre strecken

zu lassen, was auch mit ordnungsmäßigen Griffen ausgeführt wurde. Die

gefangenen Offiziere wurden gegen ihr Ehrenwort, in diesem Kampfe

die Waffen nicht mehr führen zu wollen, entlassen, den Soldaten

aber redete Lützow in seiner kurzen, kräftigen Art ins Gewissen,

daß sie doch deutsche Männer wären und daß es eine Schande sei, in

solchem Kampfe auf der Seite der Feinde des Vaterlandes zu stehen,

und schon nach kurzem erklärte eine größere Anzahl der Leute, in

die Dienste Lützows treten zu wollen, der so auch hier eine kleine

Infanterie-Abteilung gewann, welche er unter den Befehl des Lieutenants

von Reiche stellte.

Um stärkeren feindlichen Truppen auszuweichen, ritten die Lützower im

Bette des Rodaflüßchens aufwärts bis auf die Straße nach Neustadt, und

hier wurde ein Rasttag gehalten, der Pferden und Reitern gleich nötig

war. Hier war es, wo nach gewohntem Brauche und Recht Konrad Schmidt

von seinen Kameraden zum Volontäroffizier ernannt wurde, und nur Einer

hatte sich widerwillig der von Theodor Körner gemachten Anregung

gefügt, Bastian.

In seiner Seele war der alte Groll mit erneuter Heftigkeit gerade

in seinem Heimatorte erwacht, und dieser wurde um so erbitterter,

je weniger er sich offen kundgeben durfte, wegen der allgemeinen

Sympathien, welche Schmidt genoß. Bastian selbst war bei seinen

Kameraden nicht beliebt wegen seiner Neigung zum Trunk und zu Roheiten,

unter welchen nicht bloß sein Pferd zu leiden hatte, und er stand

ziemlich vereinsamt im Korps. Das ließ die geringe Begeisterung, die

er gehabt hatte, bald völlig erkalten, so daß er am liebsten den Rock

wieder ausgezogen hätte, den er doch nur besonders auf Antrieb seines

Vaters angelegt hatte.

Auch seinen Mut begann man, wenigstens heimlich, in Zweifel zu ziehen,

wenigstens konnte man eine besondere Bethätigung desselben ihm nicht

nachsagen.

Über Schleiz, wo abermals hundert Rheinbündler aufgehoben wurden,

ging es ins Vogtland, und in Plauen wurde Rast gehalten, während

eine Abteilung gegen Hof vorgeschoben wurde, um sich dieser Stadt zu

bemächtigen.

Alles war in trefflichem Zuge, um so mehr als die Nachricht von der

Schlacht bei Bautzen alle Gemüter bewegte. Zwar hatten die Verbündeten

den Rückzug antreten müssen, aber es war in aller Ordnung geschehen,

und der alte Blücher hatte gesagt: »Ein Schuft, wer da spricht, daß wir

fliehen!« ja Napoleon selbst hatte in seinem Unmut geäußert: »Nach

einer solchen Schlacht kein Resultat, keine Gefangenen, keine Kanonen,

keine Fahnen? -- Diese Menschen werden mir keinen Nagel zurücklassen.«

So war die Stimmung eine gehobene und kampfesfrohe. Im Biwak saßen die

jungen Reiter beisammen, frische Liedesweisen erklangen, und selbst

Konrad war über den Schmerz um den Tod der Mutter hinweggekommen. Er

saß bei Körner, der mittlerweile Lützows Adjutant geworden, und der

mit seiner sonnigen Heiterkeit ihm schon über manche trübe Stunde

hinweggeholfen hatte, und der auch heute wieder, die Guitarre im Arme,

die Kameraden mit seinen frischen, trefflichen Liedern ergötzte.

Da erschien mit einem Male der Major selbst in dem fröhlichen Kreise.

Sein Gesicht war finster und erregt, unmutig hatte er die Enden seines

blonden Schnurrbarts aufgedreht, und während sich alle zu seiner

Begrüßung erhoben, rief er:

»Laßt das Quinkelieren und Jodeln, Kinder! Wir können den Säbel in die

Scheide stecken -- -- Waffenstillstand giebt's!«

Das Wort brachte eine allgemeine Erregung hervor, alle drängten um den

Sprecher, und dieser fuhr fort:

»Eben ist der Lieutenant von Kropff von Hof eingetroffen und hat's

mitgebracht -- wir sind lahm gelegt, und müssen wieder zurückgehen auf

preußisches Gebiet!«

Die Fröhlichkeit war wie herausgewischt aus den jungen Herzen, unmutig

warf Körner sein Saitenspiel auf den Tisch, bittere Worte über »die

Herren am grünen Tische« gingen hin und her, und Lützow, der sich nun

mit niedergelassen und ein Glas Wein angenommen hatte, war selbst in

viel zu zorniger Erregung, als daß er hätte beruhigende Worte finden

können.

»Ich warte nur noch ab, daß mir eine amtliche Mitteilung zugehe,

denn man wird uns einer solchen doch noch für wert halten, und dann

wenden wir unsern Pferden die Köpfe. Aber der Henker hole alle die

Schreiberfedern, wenn aus dem Waffenstillstand ein fauler Friede werden

sollte, gerade jetzt, da wir im besten Zuge waren, dem Korsen den

deutschen Grund und Boden heiß zu machen.«

Während aber der Major und andere so ihrem Unmut Luft machten, und

dazwischen doch wieder von neuen Plänen sprachen, hatte Körner sich in

einen stillen Winkel zurückgezogen und schrieb. Dann erhob er sich mit

leuchtenden Blicken und rief:

»Kameraden! Ich will euch einen Trost geben -- hört mich an!«

Und stille ward's ringsum. Die ferner saßen, kamen heran, und der junge

Reiter las mit warmer, aus dem Herzen kommender Stimme:

Herz! laß dich nicht zerspalten

Durch Feindes List und Spott.

Gott wird es wohl verwalten;

Er ist der Freiheit Gott.

Laß nur den Wüt'rich drohen,

Dort reicht er nicht hinauf,

Einst bricht in heil'gen Lohen

Doch deine Freiheit auf.

Glimmend durch lange Schmerzen

Hat sie der Tod verklärt,

Aus Millionen Herzen

Mit edlem Blut genährt.

Wird seinen Thron zermalmen,

Schmelzt deine Fesseln los,

Und pflanzt die glüh'nden Palmen

Auf deutscher Helden Moos.

Drum laß dich nicht zerspalten

Durch Feindes List und Spott.

Gott wird es wohl verwalten;

Er ist der Freiheit Gott!

Lützow war aufgestanden und an den Dichter herangetreten:

»Körner, Sie sind ein guter Engel für unser Korps; möge der Himmel Sie

uns und dem Vaterlande erhalten!«

Er drückte dem Jüngling die Hand, dann ging er schweigend, seltsam

bewegt, den Tschako tief in die Stirn pressend, von dannen, und auch

die andern scharten sich um ihren Tyrtäus, um ihm den Dank für seinen

»Trost« zu bekunden.

Am nächsten Morgen -- es war der 15. Juni -- ritten die Lützower von

Plauen aus gegen Gera, und von da gegen Leipzig. Als man über das

Schlachtfeld von Groß-Görschen kam, hoben sich die Reiter in ihren

Sätteln und durch jede Brust ging ein seltsames Empfinden. Hier war

vor kurzem erst blutig gestritten worden und hoffentlich nicht

vergebens, nicht für einen faulen, traurigen Frieden. Der Hörnerklang

war verstummt, in Schweigen ritten die Eskadronen zwischen den

zahlreichen Gräbern hin, und da Körner etwas seitab von der Straße sich

hielt, sank sein Pferd mit den Vorderfüßen in eines derselben ein. Ein

eigentümlicher Schauer überrieselte ihn in diesem Augenblicke, und da

er an Konrad heranritt, sprach er zu diesem:

»Freund -- ich fürchte, wir haben heut' noch ein Unheil zu erwarten.

Wir sind überall von Feinden umgeben, und mir will's ahnen, als ob es

unehrliche Feinde wären!«

Der andere lächelte:

»Wie, Körner -- dich überkommt ein Bangen? Dich, den nie Verzagten? Ich

meine nicht, daß du abergläubisch bist.«

»Es kommen doch Augenblicke, da man sich wie hellsehend fühlt, und ich

habe eben einen solchen gehabt. Vorbei!«

Er gab seinem Pferde einen leichten Druck und sprengte an die Seite des

Majors von Lützow, Konrad aber konnte gleichfalls jetzt ein Unbehagen

nicht unterdrücken.

Gegen Abend kam man in das Dorf Kitzen, etwa 4 Stunden vor Leipzig. Auf

dem Gutshofe stand der Amtmann, um Lützow zu begrüßen, und berichtete

von zahlreichen feindlichen Truppen, die in der Nähe wären. Dabei

erzählte er auch mit Schauder und Ingrimm, wie in seiner eigenen Stube

zwei verwundete preußische Offiziere von den Franzosen im Schlafe

erschossen worden wären, und die Hörer überkam ein heißer, heiliger

Zorn.

Vor Kitzen war das Biwak aufgeschlagen worden; die Pferde waren

abgesattelt, die Mannschaften lagerten, und der Friede eines

freundlichen Frühlingsabends schien sich über Natur und Menschen

niedersenken zu wollen. Die Wachtfeuer waren angezündet und an einem

derselben saßen Konrad und Zander, zu welchen sich Friesen und Körner

gesellten. Das Gespräch, das sonst so heiter hin- und herging, wollte

heute nicht recht in Fluß kommen, jedem lag dieser Rückzug schwer auf

der Seele und in den Gliedern, und zuletzt wurden sie ganz stumm, nur

Zander pfiff halblaut eine alte Studentenweise.

Schmidt hatte hinausgeblickt auf das weite, abendstille Gelände und

eben wieder an seinen einsamen Vater gedacht, da bemerkte er eine

Staubwolke in der Ferne. Er machte die andern darauf aufmerksam, und

Körner sprang auf, um dem Major davon Meldung zu machen. Eben als er

bei diesem anlangte, traf eine Ordonnanz ein von der andern Seite

des Dorfes her und meldete, daß auch von dieser Seite eine größere

Truppenbewegung sich bemerkbar mache. Dem Major mußte das auffällig

erscheinen, und er hatte den Eindruck, als ob man ihn zu einer

Überschreitung des Waffenstillstands reizen wolle. Sofort gab er dem

Rittmeister von Bornstaedt die Weisung, die Eskadronen aufsitzen zu

lassen und sie gegen Altranstädt zu führen, während Körner an Schmidt

den Befehl brachte, daß dieser den von Westen heranrückenden Truppen

entgegenreiten und ihre Absicht erkunden sollte.

Alles geriet in lebhafte Bewegung, und während sich die Eskadronen

marschmäßig reihten, sprengte Konrad fort. Aus der Staubwolke, die er

bemerkt, lösten sich jetzt Abteilungen von Kavallerie und Infanterie,

teils Franzosen, teils Württemberger; er hatte den Säbel in der Scheide

und schwenkte sein weißes Tuch, traf auch bald auf einen Parlamentär,

welcher mit dem Major von Lützow selbst sprechen wollte.

Er überbrachte diesem das Ersuchen des französischen Generals Fournier

und des württembergischen Generals von Normann, sie zum Zweck einer

Unterredung aufzusuchen. Lützow ritt, von Körner und Schmidt wie

von zwei Trompetern begleitet, der feindlichen Kavallerie entgegen,

die indes ziemlich nahe gekommen war. Seitwärts der Straße war sie

auf den Wiesen in zwei Treffen aufmarschiert. Bei dem ersten traf

Lützow den General von Normann und forderte ihn auf, doch während

der Verhandlungen den Weitermarsch einzustellen, aber er erhielt die

Antwort, er habe Befehl vorzugehen und das Dorf zu besetzen.

Unmutig und erbittert ritt der Major weiter mit seinen Begleitern,

zwischen der feindlichen Kavallerie und an den Reihen des Fußvolks

und an den Geschützen vorüber, bis er hinter den letzten Bagagewagen

auf den General Fournier traf. Er stellte sich ihm vor und sprach

die Hoffnung aus, daß, da er mit seinem Korps in jeder Weise den

Bestimmungen des Waffenstillstandes gerecht geworden sei, man ihn auch

ungehindert werde die Elbe passieren lassen. Er schloß mit den Worten:

»Durch das fortwährende Vorrücken Ihrer Kolonnen sehe ich mich

genötigt, zu fragen, ob Sie mich angreifen wollen oder nicht.«

Der Franzose erwiderte höflich:

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Sie nicht angreifen werde, wenn

Sie ruhig auf der Straße nach Leipzig abziehen.«

Die Lützower waren indes unter dem Rittmeister von Bornstaedt auf

der Altranstädter Straße aufgeritten, hielten aber im Marsche inne,

da die Nachricht sich verbreitete, Lützow sei beim Hineinreiten in

die feindlichen Kolonnen gestürzt. Sein Pferd war allerdings zu Fall

gekommen gewesen, aber er war schnell wieder im Sattel. Da er das

Halten seiner Reiterei bemerkte, schickte er Schmidt mit der Weisung,

zu dreien abgebrochen auf der Straße nach Leipzig abzuziehen.

Noch sprach der Major mit Fournier, als er plötzlich wahrnahm, wie die

württembergischen Dragoner das Gewehr aufnahmen, und die französischen

Reiter, die im zweiten Treffen standen, sich in Trab setzten. Stutzig

geworden, fragte er, was dies zu bedeuten habe, und mit einem bösen

Lächeln erwiderte der Franzose:

»Der Waffenstillstand gilt für Alle, für Sie nicht.«

»Pfui!« brauste Lützow auf, im gleichen Augenblicke aber hatte er sein

Pferd herumgeworfen, und gefolgt von Körner und den beiden Trompetern

jagte er windschnell an den feindlichen Kolonnen vorüber, hinaus

über das freie Feld, und alle erreichten ungefährdet die Spitze des

Freikorps.

Die Dämmerung begann langsam niederzusinken und trug dazu bei, die

feindlichen Bewegungen einigermaßen zu verhüllen, und die Lützower

ritten nahezu ahnungslos in ihr Verhängnis. Den Feinden zum Trutz

hatten sie ihr Lied angestimmt: »Was glänzt dort vom Walde im

Sonnenschein ...« und so waren sie bis an die ersten Gehöfte von

Kitzen herangekommen, die rechts von der Straße lagen. In diesem

Augenblick brach es von allen Seiten über sie herein. Von links her

stürmte die württembergische Reiterei plötzlich gegen sie an, und von

rechts her attackierten die französischen Dragoner und warfen sich mit

Hurrageschrei und mit dem Rufe: »Nehmt Pardon, ihr preußischen Hunde!«

auf die Überraschten.

Mit Heftigkeit wurden die Eskadronen aufeinander gestoßen und

vermochten sich, beengt durch die Gehöfte und Gärten zur Seite der

Straße, nicht zu entwickeln; viele glaubten wohl auch noch an ein

Mißverständnis und so kam es, daß der größte Teil der Husaren und der

Jäger-Eskadron, von allen Seiten umzingelt, sich ergeben mußte.

Konrad Schmidt rief den anstürmenden Feinden entgegen:

»Es ist Waffenstillstand!« Aber ihm ward die Antwort:

»Werft die Waffen weg und herunter von den Pferden!«

Schon im nächsten Augenblicke wurde ihm von einem Säbelhieb der Tschako

vom Kopfe geschlagen, aber nun hieb auch er in blinder Wut um sich und

bahnte sich mit einer Anzahl seiner Gefährten eine Gasse. Seitwärts der

Straße sah er Lützower Ulanen im Kampfe mit französischen Dragonern.

Einen Augenblick schien es ihm, als tauche im Getümmel die Gestalt des

Majors von Lützow auf, und das genügte ihm, sich dahin zu wenden. Da

hörte er auch Körners Zuruf: »Hierher, Lützower!« und gleich darauf war

er aufs neue mitten im Gewühl.

Es war in der That Lützow, der hier eingekeilt in drangvoller Enge

sich heldenhaft wehrte gegen die Übermacht. Gegen ihn wandte sich der

ganze Ansturm, und man suchte lebend seiner habhaft zu werden. Als

die Dragoner erst an ihn herangekommen waren, hingen sie sich auch

überall an ihm fest und zerrten und rissen, so daß er zuletzt vom

Pferde stürzte, und jetzt hob der Drang erst recht an. Ein kleines

Häuflein Husaren mit Theodor Körner hielt mit verzweiflungsvoller Wut

hier stand, eine Schar Ulanen eilte zur Unterstützung heran, und nun

brach auch Schmidt mit einigen Kampfgenossen, die unbewußt sich ihm

angeschlossen, den französischen Reitern in den Rücken. Jetzt ward Luft

geschafft, Lützow vermochte sich aufzuraffen und in das nächste Gehöft

zurückzuziehen, während seine braven Genossen ihm den Weg deckten und

sich weiter mit den Dragonern herumschlugen.

[Illustration: Zu Seite 73.]

Nun hörte man durch den sinkenden Abend überall Kampfesruf und

Schwerterklirren, Trompeten- und Hornsignale, Wiehern und Stöhnen von

Pferden und knatternde Flintenschüsse. Vereinzelt, in kleinen Gruppen

suchten die braven Reiter durchzubrechen, aber manch einer stürzte, von

Säbelhieben getroffen, vom Pferde, manch anderer sah keinen Ausweg und

ergab sich. Es war ein schwerer Unglückstag für das wackere Korps.

Lützow hielt es nicht in dem Gehöft, in das er geflüchtet. Ohne Pferd,

den Säbel in der Faust, eilte er wieder hinaus, um, wenn irgend

möglich, das Gefecht zum Stehen zu bringen. Befehlend, mahnend, zornig

und bittend klang seine Stimme, umsonst -- die Verwirrung war zu höchst

gestiegen, die Auflösung eine allgemeine, und so sah er sich genötigt,

durch die Gärten nach dem Dorfe zurückzueilen, wo ein schlichter Husar,

namens Gebhardt, ein braver Kerl, ihm sein eigenes Pferd aufnötigte,

damit er sich für König und Vaterland rette. Mit blutendem Herzen

sprengte der Major von dannen und entrann mit einer kleinen Schar von

21 Mann glücklich über die Saale.

Das ganze Korps war auseinander gesprengt.

Konrad war Seite an Seite mit Körner geritten. Die Aufforderung zur

Ergebung war immer wieder an ihr Ohr gedrungen, aber ihre Antwort

war ein kräftiges Dreinschlagen und das Bestreben, das freie Feld zu

gewinnen. Körner war bereits verwundet, aber er hielt sich brav im

Sattel. Jetzt traf ihn ein zweiter Hieb, daß er wankte, und Schmidt,

der es bemerkt hatte, riß, unbekümmert um jede eigene Gefahr, das

Pferd des Genossen am Zügel fort in rasender Eile. Schüsse krachten,

sein eigener Brauner bäumte, so daß er das Roß Körners loslassen

mußte, das jetzt mit seinem Reiter wild in die einsinkende Dunkelheit

hinaussprengte.

Unmittelbar hinter ihm war ein neues Gefecht entbrannt, eine kleine

Zahl versprengter freiwilliger Jäger war auf die vorstürmenden

Franzosen geraten, aber Schmidt vermochte sein scheu gewordenes Pferd

nicht zu halten, das wie in dämonischer Hast ihn forttrug aus dem

verhallenden Gewühl, bis es mit einem Male plötzlich zusammenbrach.

Der Reiter kam glücklich genug zu Fall und vermochte sich sogleich

wieder aufzuraffen. Er erkannte, daß sein braves Tier, das in Zuckungen

um sich schlug, von einer Kugel getroffen und am Verenden war, aber so

bitter er das empfand, er mußte es im Stiche lassen. Jetzt aber fühlte

er auch erst die furchtbare Müdigkeit in den Gliedern, trotzdem schlich

er weiter, um vielleicht doch eine geschützte Stelle zu erreichen.

Durch die Dunkelheit sah er einen Lichtschimmer, der mußte aus dem

Dorfe Groß-Zschocher kommen, und dahin beschloß er sich zu wenden, um

sich einigermaßen zu erquicken.

Das Dorf war still, als er hinter demselben herkam, ein Hund schlug

in der Ferne an, sonst war keine Spur eines lebenden Wesens. Da trat

aus der Dämmerung einer Gartenhecke ein Mann in ländlicher Tracht.

Konrad erschrak nur einen Augenblick, dann redete er ihn an und bat um

Unterkommen für die Nacht.

»Ihr seid ein Lützower Reiter?« fragte der Mann.

»Ja, und bin versprengt vom Korps, das bei Kitzen verräterisch

überfallen wurde.«

Der andere that einen halblauten zornigen Ruf, dann sprach er:

»Kommt, Ihr seid unter meinem Dache sicher; ich bin der Gärtner Häußer.

-- Freilich müßt Ihr vorsichtig sein; ich hab' einen neuen Gehilfen,

dem trau ich nicht recht, und vor dem muß ich Euch verbergen. Ich

bring' Euch heimlich in ein Dachstüblein, dort mögt Ihr ruhen und

Euch erlaben, und wenn's nicht anders ist, morgen in Bauerkleidern

weiterziehen, denn die Franzosen werden wohl auf die Versprengten

jagen. Kommt!«

Der brave Mann führte ihn durch eine Hinterthür in sein Haus und in ein

freundlich Stübchen; seine Tochter, ein frisches Mädchen von etwa 19

Jahren, die er ins Geheimnis zog, sorgte für Speis' und Trank, und bald

lag der Ermüdete in tiefem, ruhigem Schlafe.

Als er erwachte, schien die Sonne in seine Kammer und weckte ihn

auf; er erhob sich, zog die bäuerlichen Kleider an, die vor seinem

Bette lagen, und trat ans Fenster. Unter ihm lag der Garten im

vollen Frühlingsschmuck mit grünen Bäumen, blühendem Gesträuch und

farbenleuchtenden Blumenbeeten, und drinnen hantierte ein Bursche,

der eben jetzt, auf den Spaten sich stützend, ein Scherzwort der

Gärtnerstochter zurief, die vorüberging. Sie hatte offenbar keine

Neigung, sich weiter mit ihm einzulassen, sondern schritt ohne Antwort

fort; Konrad aber erschrak, als er das Gesicht des Burschen sah: das

war der Baumfrevler aus der Altmark.

Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn, und er trat vom Fenster zurück;

der Mensch konnte diesem Hause und ihm selber nur Unheil bringen, und

er wollte seinen redlichen Wirt vor ihm warnen. Häußer kam auch bald,

und er wurde voll Unmut bei der Erzählung seines Gastes.

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 5 / 18 段