„Lieber Theo! Treffe ich Dich am Dienstag in Luxemburg? Unsere Pfarrei
geht mit der Prozession hin. Ich hätte Dir etwas zu sagen. Komm gegen
Mittag in den Goldenen Anker. – Dein Fenn Kaß.“
Am Dienstag in der Dämmerfrühe war die Pfarrei auf den Beinen und zog
singend und betend zum Dorf hinaus gen Luxemburg, wo in der „Octav“ acht
Tage lang das wundertätige Muttergottesbild, die „Trösterin der
Betrübten“, im Kerzengeflimmer auf ihrem Votivaltar steht und von Gold
und Edelsteinen glitzert. Auf ihrem Scheitel ragt eine goldene Krone,
darunter wellt sich ihr blondes Haar auf die Schultern, und ein
kostbarer Spitzenschleier fällt bis zum Saum ihres seidenen Kleides,
über das goldgestickte Spruchbänder laufen mit den Worten: _Mater Jesu,
Consolatrix Afflictorum, Patrona Patriae, ora pro nobis!_ Ihre Rechte
trägt ein kostbares Zepter, und am Handgelenk hängen ihr ein goldenes
Herz, eine Perlenkette und ein Schlüssel des alten Stadttores von
Luxemburg. Auf ihrem linken Arm sitzt das goldgekrönte Jesuskind, in dem
einen Händchen die kreuzüberragte Weltkugel, die Schwurfinger des andern
segnend emporgestreckt. Und aus großen, runden, kalten Augen sieht das
goldstrotzende Muttergottesbild auf die Tausende von Armen, Mühseligen
und Beladenen, die sich während der Octav als dunkel verworrene Masse zu
seinen Füßen drängen, ihm ihr Leid klagen und ihre Silberlinge auf den
Altarstufen opfern.
Die „Octav“ beginnt damit, daß an einem Frühlingsabend dumpfe, summende
Glockenschläge wie dunkle Klangwolken langsam über die Stadt
hinschwimmen. Die Glocke heißt der „Bourdon“. Ihre Klänge verbreiten
eine feierlich aufgeregte Vorabendstimmung. Und an den nächsten Tagen,
in aller Herrgottsfrüh, bis tief in den Vormittag hinein, kommt es
gezogen mit Kreuz und Fahne, Gebet, Gesang und Musik, schwarze
Menschenzeilen, die wie Raupen über Straßen und Brücken herankriechen
und sich vor der Wallfahrtskirche stauen. Nicht alle gelangen hinein,
das Gedränge ist beängstigend. Durch das geöffnete Kirchentor dringt aus
dem Dunkeln ein wundersames Flimmern zugleich mit dem Brodem von tausend
müden Menschenleibern, die sich da drinnen zusammenquetschen. Die Stadt
gehört der „Octav“. Magere Heidemenschen ziehen mit ihren Kindern an der
Hand durch die Straßen. Die Bärte der Männer sind staubig und ihre
Blicke kummervoll vor Müdigkeit. Man sieht überall, zu den Schaufenstern
gebückt, die häßlichen Nacken der Bauernweiber, die ihr pechfarbenes
Haar am Hinterkopf gewaltsam hinaufgestrählt haben und oben drauf eine
klägliche Hutparodie tragen. Eifeler und Hunsrücker, Trierer und
Hochwälder Bauern kreuzen sich in der Masse der Eingeborenen mit den
schwarzäugigen Lothringer Frauen, die ihr schleppendes Französisch
dahersingen und langsam hinter ihrem Pfarrer und ihrem majestätischen
Schweizer dreinstrudeln. Ein Bub mit großen Neugieraugen hat seinen
Regenschirm mit beiden Händen unterm Griff gefaßt und hält ihn vor sich
hin, als sei es eine Gans, die er erwürgen müsse. Mitten auf dem
Pflaster steht ein glattrasierter Bauer mit rundem, rotem Gesicht und
saugt mit hohlen Backen an einem Rest von Zigarrenstummel, bis er seine
Leute von fern erspäht und aufgeregt auf sie lossteuert. Kapläne
schwimmen durch die Menschenwogen geschäftig hin und her und sind wie
die jungen Leutnants im Manöver, die wichtig tun und nie Bescheid
wissen. Und die entwurzelten Menschen von draußen, deren Gesichter vor
Hunger und Müdigkeit erdfarben und fahl sind, lassen sich durch die
Straßen treiben und schrecken zusammen, wenn ein ungewohntes Geräusch
sie überrascht. Sie gehen schwer und mühsam, als ob die Erdschollen der
ganzen Frühjahrsfron an ihren Schuhsohlen klebten. Das Gewühl ist wie
ein dickflüssiger Schlamm von Menschen. Stumpfsinnige Männer lungern
herum und haben nur den einen Wunsch: sich hinter einen Tisch zu einem
Humpen setzen, eine Pfeife rauchen und in das Gewühl starren. Sie
erörtern, ob die Weinberge in dieser Nacht erfroren sind, während sie
über die Landstraße im fahlen Morgenlicht pilgerten. Und ihre Frauen
stehen vor den Läden und befühlen mit ihren schwieligen Fingern
Stoffmuster, deren Billigkeit sie in Versuchung führt.
Dann sammeln sie sich um die Leiterwagen und warten, bis die von
ungewohntem Geräusch und von Bier und Nichtstun halbbetrunkenen Männer
anspannen und ihre polternden und rasselnden Gefährte, auf denen die
müden Pilgerinnen stille hocken, wie schlafende Hühner auf der Stange,
über das Pflaster der Stadt und die staubweißen Straßen entlang
heimwärts kutschieren.
In der Dämmerfrühe am Dienstag waren die Brebacher Pilger aufgebrochen.
Eine Strecke vor dem Dorf lösten sich die Reihen, das Gebet verstummte
und man ging in plaudernden Gruppen, setzte sich auch einmal im Wald an
den Wegrand und frühstückte aus den Körben, die mit Wurst und harten
Eiern, Butterbrot und Waffeln vollgestopft waren. Fenn ging seltsam
bewegten Gemütes mit den andern durch den Aprilmorgen. Die erwachende
Welt bis an den Horizont und bis wohin immer seine Gedanken reichten,
rief ihm zu: Ich gehöre dir! Zum ersten Male, seit er seiner selbst
bewußt geworden, durfte sein Sehnen und Hoffen schrankenlos sein. Seine
Seele atmete jauchzend in vollen Zügen. Zwei von den Kamps Burschen
gingen ihm zur Seite, und er faßte im Überschwang seines Glücks jeden
mit einer Hand und ging, weit die Arme schlenkernd, mit ihnen fürbaß,
wie er wohl als Kind mit seinen Gespielen gegangen war. Seine Mutter,
die hinten im Nachtrab der Alten schritt, beobachtete ihn glückselig und
betete mit versonnenem Lächeln für ihn heimlich einen Rosenkranz nach
dem andern.
An der letzten Etappe vor der Stadt wurde halt gemacht. Die Fahnen
wurden aus ihren Futteralen gezogen, den „Engelchen“ wurden die
Haarwickel gelöst und die Schleier angesteckt, die Sänger taten ihre
Pfeifen in die Brusttaschen, spuckten ergiebig aus und strichen sich die
Schnurrbärte. Sie räusperten ihre Kehlen sauber und stellten sich in
Reih und Glied. Auch die Feuerwehr faßte Posto. Und dann setzte sich der
Pilgerzug von der Anhöhe her gegen die Stadt in Bewegung.
Nie hatte sich Fenn so innig und unbewußt wie heute über die weißen
Blütendolden des Hagedorns gefreut, die im kräftigen Braun der Hecken
standen, über das erste Laub, das in den Zweigen hing wie grüner Rauch,
der sich dort verfangen hat und das so zarten Anblicks war, daß man es
wie eine weiche Liebkosung in den Handflächen und an der Wange zu spüren
meinte. Einzelne kurzgeschnittene Hecken am Weg waren wie breite
Tierrücken mit grünem, dichtem Fell, und zwischen den Häuserwürfeln,
über die blinkenden Dächer quoll das junge Grün der runden, treibenden
Baumwipfel empor, und die schiefen Strahlen der aufgehenden Sonne
durchdrangen die höchsten Spitzen mit ihrem blassen Gold. Der Morgenwind
grüßte die Sonne, und eine leuchtende Staubwolke fegte vor ihm her über
die Straße, wie ein stolzer Schiffsbug über die Wellen gleitet, oder wie
gespenstige Schlittenkufen, die aus dem Boden wachsen, einer
Schwanenbrust gleichen, lautlos dahinfahren und versinken.
Das mutwillig laute Gebet der Buben, die in der Stadt ihre Müdigkeit
vergaßen, hallte durch die morgenstillen Straßen, und die Prozession
zerfloß bald in dem kribbelnden Sammelbecken, das sich vor der Kirche
anstaute. Fenn sah einen fremden Küster, der das silberne Kreuz von der
Tragstange schraubte, um es in seinem Futteral zu bergen: „So schraube
ich von mir mein Priestertum ab,“ dachte er. „Wollen sehen, zu was die
Stange zu gebrauchen ist.“ Ein paar Ordensschwestern gingen vorbei, vor
sich eine Doppelreihe idiotisch aussehender, zum Teil verkrüppelter
junger Mädchen. Und Fenn verweilte bei dem Gedanken, wie die Kirche, der
er nicht mehr dienen wollte, im Lebenshaushalt ihresgleichen nicht hat,
da sie die menschlichen Abfälle so wirtschaftlich zu verwenden weiß.
Eine Sekunde überkam es ihn beim Anblick der beiden Nonnen, die solche
verlorenen Existenzen ins Schlepptau ihres eigenen Lebens nahmen, wie
Scham und Reue. Aber die verkrüppelten, idiotischen Mädchen mit ihren
Begleiterinnen verschwanden in der Menge, um Fenn Kaß flutete wieder
warmes, gesundes Leben, und die bittere Regung war verflogen.
Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegela im Goldenen Anker und
gedachte dann beim Bischof vorzusprechen und diesem seinen Entschluß
mitzuteilen.
* * * * *
Draußen, mitten im Gewühl, zupfte jemand Fenn am Ärmel. Er wandte sich
um und erblickte Herrn Jakob Thielen aus Wiesing, genannt Pichert. Aber
der Pichert machte nicht das konzentriert glückliche Gesicht, das er
immer machte, wenn er seinen jungen Freund Fenn wiedersah. Unwille und
Betrübnis hielten sich in dem Ausdruck seines treuen Schusterantlitzes
die Wage, und Fenn fragte erstaunt: „Pichert, was ist denn mit dir los?“
Der Pichert drückte ihm die Hand, als gelte es einen Rütlischwur und
fragte mit seltsam bewegter Stimme, ob er mit Fenn einen Augenblick
sprechen könne.
„Ei natürlich! Sag mal, Pichert, du siehst ja drein wie ein Verschwörer.
Sollen wir uns in eine verborgene Höhle zurückziehen?“
Aber dem Pichert war es nicht ums Lachen. „Komm zwischen den Leuten
heraus,“ sagte er ernst. „Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Es
war nämlich einer aus eurem Dorf kürzlich in Wiesing.“
So? Und wer das denn gewesen sei, und was er gewollt habe.
„Er heißt Emil Masseler, und er wollte wissen, wie du in der Zeit, wo du
noch in Wiesing warst, mit Brauns Marjänni gestanden hast.“
„Ich? Mit Brauns Marjänni? Wie kommt denn der dazu?“
Pichert konnte nicht mehr an sich halten. Sein Geheimnis brach über alle
Dämme. „Ich sehe, Fenn, du weißt von nichts. Dieser Masseler saß in den
Wirtshäusern herum, fing mit den Leuten ein Gespräch über dich und
Marjänni an und fragte, ob ihr denn auch in Wiesing früher schon so gut
Freund gewesen seid, wie jetzt in Brebach. Er zwinkerte mit den Augen
und machte die ganze Wirtsstube neugierig, aber wenn dann einer fragte,
was er damit meine, dann drückte er sich: Er wolle nichts gesagt haben,
aber sie sollten nach Brebach kommen und das erste beste Kind auf der
Straße fragen ...“
„Komm, Pichert,“ sagte Fenn, „gib dir weiter keine Mühe, ich kann mir
den Rest denken. Habt ihr denn in Wiesing das geglaubt?“
„Wo denkst du hin, Fenn! Aber ich mußte es dir doch sagen!“
„Nun ja, Pichert, es ist ja auch gut, daß du mich gewarnt hast, aber so
schlimm wird die Sache nicht sein, sonst hätte ich in Brebach schon
davon gehört. Denn sieh, welchen Zweck hätte es, erlogene
Schlechtigkeiten über mich zu erzählen, wenn ich es nicht erfahre und
mich nicht darüber ärgere?“
Der Pichert war wieder einmal froh, daß etwas, was ihm so schwer auf dem
Herzen gelegen hatte, seinen jungen Freund nicht aus dem Gleichgewicht
warf. „Der Fenn ist doch ein anderer Mensch, wie wir,“ dachte er bei
sich.
„Und jetzt, mein lieber Pichert, muß ich dich verlassen, ich habe einen
notwendigen und wichtigen Gang vor. Vielleicht hörst du noch heute
Näheres darüber. Von der andern Sache rede mit niemanden. Wenn was
dahintersteckt, weiß ich, was ich zu tun habe.“
Daß man ihm Beziehungen zu Frau Lampert andichtete, fand er grenzenlos
dumm. Die Leute konnten doch unmöglich wissen, wie er innerlich zu ihr
gestanden hatte. Jetzt war, seit seinem Besuch im Hause Lampert und
jenem wüsten Auftritt, jedes geheime Band zerrissen, das vielleicht
einmal von ihm zu ihr hinübergeführt hatte.
* * * * *
Fenn zog auf der Treppe zum Bistum die Klingel. Die Tür ging auf und er
stand dem „Peter“ des Hochwürdigsten Herrn gegenüber. Peter war nicht
der Vor-, sondern der Gattungsname des jeweiligen bischöflichen
Leibdieners. Er war von dem ersten Träger dieser Würde, der unter dem
Namen „Bischofs Peter“ im Land populär geworden war, auf alle Nachfolger
übergegangen.
Der jetzige Peter war ein bleicher Leisetreter, mit einem salbungsvoll
verschmitzten Bedientengesicht. In seinem engen Kreise besaß er eine
zuverlässige Menschenkenntnis, die auf viele heimlichen Beobachtungen
aus dem Augenwinkel gestützt war. Es war, als hätte er lange,
unsichtbare Fühler, die er ausstreckte und einzog und nach denen er sein
Verhalten einrichtete. Was jetzt da vor ihm stand, war ein gewöhnlicher
Landkaplan. Da gab man sich nicht viele Mühe. Dem imponierte man schon
mit dem gewöhnlichen Werktagsgesicht.
„Ich möchte den Hochwürdigsten Herrn sprechen.“
Peter setzte zu seiner Abfertigung an: „Der Hochwürdigste Herr ist sehr
müd, noch von der letzten Reise, wünscht sich noch auszuruhen ... wenn
nicht unbedingt notwendig ...“
Er unterbrach sich. Mit diesem Kaplan mußte es etwas ganz Besonderes
sein, der hatte einen ganz andern Ton als die übrigen. Der sah ja gar
nicht aus, als ob er das Vorzimmerfieber hätte. Der war ja nicht
unterwürfig, der schien ja wirklich etwas zu wollen und nicht nur etwas
in Demut zu erbitten.
„Es ist notwendig, sonst wäre ich nicht gekommen,“ versetzte Fenn und
faßte sich den Peter scharf ins Auge.
Die Tür nebenan ging auf und die beiden Sekretäre steckten neugierig
ihre Gesichter heraus, in die die Anpassungsnotwendigkeiten ihres Berufs
auch schon ihre deutlichen Spuren gegraben hatten. Es waren
Schulkameraden Fenns. Sie begrüßten ihn burschikos und waren erstaunt,
wie ernst und abweisend er ihren Gruß erwiderte.
„Ich will dann also sehen, ob der Hochwürdigste Herr Sie empfangen
will,“ sagte Peter, noch unsicher, ob er sich diesem merkwürdigen
Menschen tatsächlich zu fügen habe.
„Melden Sie Herrn Ferdinand Kaß aus Brebach.“
Dem Peter kam diese profane Titulatur ungewohnt vor und er ließ sie sich
wiederholen.
Jetzt stand Fenn im ersten Empfangszimmer des Bischofs. Eine große
„Fußwaschung“, die im Klerus geheimnisvoll mit dem Namen Rubens in
Verbindung gebracht wurde, bedeckte eine ganze Wand. Auf dem Kamin stand
zwischen Kandelabern, die wie ein Willkommgeschenk an den Hochwürdigsten
Herrn aus seiner Kaplanszeit aussahen, ein kupfernes Kruzifix, der
„Fußwaschung“ gegenüber hingen einzelne Bilder von Mitgliedern des
Herrscherhauses. Während Fenn noch unaufmerksam in einem Band
architektonischer Zeichnungen blätterte, der neben einem Prachtwerk über
Lourdes auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lag, ging eine Innentür
auf und der Bischof trat schweren Schrittes herein. Fenn sah durch die
halbgeöffnete Tür in ein Zimmer mit roten Plüschmöbeln, in dem
bläulicher Zigarrenrauch in Wolken und Ringen schwamm. Gedämpfte
Stimmen, die er gehört hatte, verstummten ganz.
Er schlug das Buch zu und trat dem Hochwürdigsten einen Schritt
entgegen. Der legte sein wohlgenährtes Gesicht in ernste Falten, wobei
er das Haupt etwas zur Seite neigte und dem jungen Geistlichen seine
Rechte, nachdem er ihn zuerst mit einem summarischen Kreuzeszeichen
gesegnet hatte, zum Ringkuß hinstreckte.
Fenn ergriff die Hand und drückte sie, wie bei einer Begrüßung unter
Bekannten, und es tat ihm leid, dem ältern Mann diese verletzende
Überraschung bereiten zu müssen. Der Hochwürdigste Herr machte eine
Sekunde lang ein Gesicht wie einer, der beim Treppabsteigen eine Stufe
zu kurz zählt und von der vorletzten ins Leere, statt auf festen Boden
tritt. Fenn beeilte sich, eine Erklärung dafür zu geben, daß er nicht,
wie üblich, niedergekniet war und den bischöflichen Amethyst geküßt
hatte.
„Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich aus dem Priesterstande
austrete.“
„So, so,“ grollte der Bischof und suchte sich zu sammeln. Denn das alles
war ihm zu elementar plötzlich gekommen. „Und warum wollen Sie
austreten?“
„Aus innern Gründen, deren Darlegung mich wahrscheinlich zu weit führen
würde.“
„So! Also dann will ich Ihnen sagen, warum Sie austreten wollen!“ In
vollen Brusttönen kamen die Worte heraus und die entrüstet aufgeworfenen
Lippen nahmen sie von der Zunge in Empfang und wälzten sich breiig und
ungeschlacht daher. „Ich hab’ es schon lange gewußt, daß Sie es nicht
aushalten würden. Sie waren schon im Konvikt ein unsicherer Kantonist.
Sie sind auch einer von denen, die auf das ‚Hochland‘ und auf die
‚Kölnische Volkszeitung‘ abonniert sind.“
„Ei ei,“ dachte Fenn, „lassen wir ihn sich einmal losknöpfen.“
„Sie?“ fuhr der Bischof fort, „Sie haben den Geist der Frömmigkeit in
sich ertötet und Sie treiben Allotria! Und von wem der Geist der
Frömmigkeit gewichen ist, der fällt dem Bösen leicht zur Beute. Sie? Aus
Brebach sind mir über Sie Geschichten zugetragen worden. Ja ja! wenn man
solchen Sinnes ist.“
Fenn dachte bei sich: „Wem will er imponieren?“ und er fiel dem
Hochwürdigsten Herrn ruhig, aber bestimmt ins Wort: „Sie fassen die Lage
verkehrt auf. Ich sagte Ihnen, ich wolle austreten. Das heißt so viel,
wie daß ich virtuell schon ausgetreten bin. In diesem Augenblick bin ich
nicht mehr ein Mann, der von Ihnen irgendwelche Richtlinien empfangen
will. Das bitte ich zu bedenken. Und damit werden Ihre Erörterungen über
meine Beweggründe, zumal wenn sie in diesem Ton gehalten sind,
überflüssig.“
Der Bischof schnaufte vor Erregung. Das hob ihn ganz und gar aus den
Angeln. „So! was wollen Sie denn hier?“
„Ich komme als anständiger Mensch zu Ihnen, und sage Ihnen, daß ich ein
freiwillig eingegangenes Verhältnis aus persönlichen Gründen und eigener
Machtvollkommenheit löse. Das war mein Recht. Es wäre nicht höflich
meinerseits gewesen, wenn ich gewartet hätte, bis Ihnen das von anderen
Seite hinterbracht worden wäre.“
„Sie haben schon zu lange gewartet. Ich wußte über Sie genau Bescheid.“
„Nein, Herr Bischof, das konnten Sie nicht. Ich habe vor einer halben
Stunde erfahren, was Sie wahrscheinlich über mich wissen werden. Es ist
ein abgefeimter Klatsch, der an mich nicht heranreicht, und der nur die
beschmutzt, die ihn ausgeheckt haben. Sie werden ja wissen, wen ich
meine. Die Gründe, die mich aus dem Priesterstand heraustreiben – das
lassen Sie Sich bitte gesagt sein –, sind ehrenhafter als die, die viele
darin zurückhalten.“
„Jetzt haben Sie an die Ehre meines Klerus gerührt, jetzt müssen Sie
...“
„Meine Ehre ist mir so viel wert, wie Ihnen die Ehre Ihres Klerus. Sie
unterschoben mir niedere Motive, ohne dafür einen andern Anhaltspunkt zu
haben, als den schmutzigsten Dorfklatsch. Ich habe den Ehrgeiz, daß ich
nur durch die beurteilt werden will, die mich kennen.“
„Das sind stolze Worte. Und der Teufel Hochmut ...“
„Bitte, ich war noch nicht fertig. Sie kannten mich jedenfalls nicht
hinlänglich. Was Sie Hochmut nennen, empfinde ich als ethisches
Sauberkeitsbedürfnis.“
„Ich kannte Sie allerdings nicht hinlänglich. Das sehe ich ein. Sie
können gehen, Sie gehören nicht zu uns.“
„Sehen Sie,“ lachte Fenn gutmütig, „nun sind wir doch so weit, daß wir
uns verstehen.“
„Es hat mir weh getan, Herr Kaß. Ich habe Sie lieb gehabt!“ Der Bischof
sagte es mit seiner fettesten Bruststimme und belegte seine Gerührtheit
mit seinem väterlichsten Blick.
„Und was gedenken Sie nun anzufangen?“
„Darüber bin ich mir im einzelnen noch nicht ganz klar.“
„Sie werden es schwer haben, Herr Kaß! Der apostasierte Priester trägt
doch überall das unauslöschliche Merkmal seiner göttlichen Weihe auf der
Stirn.“
„Glauben Sie? Ich habe das Empfinden, daß es mir nicht schwer fallen
wird, mich in der profanen Welt heimisch zu machen.“
„Täuschen Sie Sich nicht, wir haben Beispiele in Masse. Die Welt
betrachtet den ausgetretenen Priester mit Scheu und Mißtrauen.“
„Das werde ich also überwinden müssen. Und ich bin sicher, ich _werde_
es überwinden.“
„Ich wünsche es von ganzem Herzen, Herr Kaß.“
„Dann also, Adieu, Herr Bischof.“
„Gehen Sie mit Gott, Herr Kaß. Und bleiben Sie trotz alledem ein
frommer, gläubiger Mensch.“
„Mein Glaube hat mit meinem Austritt nichts zu schaffen. Leben Sie
wohl!“
Nun stand er draußen. Wie war ihm doch zumut? Wie damals, als er nach
dem Abitur singend zur Stadt hinausgezogen war und Disteln und Löwenzahn
an seinem Weg vor fröhlichem Übermut und überschäumender Kraft geköpft
hatte. Damals hatte er gemeint, ihm gehöre ein Stück der Welt. Jetzt
stand ihm die ganze Welt offen. Er sah den Leuten, die vorbeigingen, so
fröhlich ins Gesicht, daß sie dachten: „Ei, dem gehts gut, der hat in
der ‚Lese‘ einen guten Tropfen gekostet.“
Wo wollte er nur gleich hin? Ja so, im Goldenen Anker erwartete ihn Theo
Schütz.
* * * * *
Unter dem Torbogen des Gasthofs zum „Goldenen Anker“ ging der
zähflüssige Menschenstrom langsam aus und ein. Bald schiebend, bald
geschoben, gelangte Fenn in die Gaststube. Im Flur schwammen die
dunstigen Gerüche von Speisen, Wein, Bier und Tabak, die weißbeschürzten
„Änny“, „Kätty“, „Marry“ trugen mit heißen Gesichtern ihre dampfenden
Lasten treppauf treppab, vor dem Stoß ihrer Füße flogen die Türen auf,
und wo sie erschienen, streckten sich ihnen winkende Hände und leere
Gläser und Flaschen entgegen ...
In einer Ecke des Eßzimmers saß eine Gruppe Wiesinger, und etwas abseits
von ihnen Frau Marjänni Lampert. Sie hatte eine volle Bratenschüssel vor
sich, und eine Flasche Mosel mit einem farbigen Etikett, aus der sie
einer Nachbarin, einer Wiesinger Tagelöhnersfrau, gönnerhaft ein Glas
mit ausgoß: „Doch doch, Sie müssen das annehmen, das schmeckt gut zu
Ihrem Stück Brot mit Speck.“
„Sei dach net esu domm, Mrai!“ redete eine entfernter sitzende Frau der
Nachbarin Marjännis zu. „Vun e’m Glas Wei’ werdsch de net baschten!“
Marjänni hatte die schwere goldene Halskette ihrer verstorbenen
Schwiegermutter um. Es war ein Familienerbstück. Zweimal ging sie in
weiter Schlinge um den Hals und vorne hing daran ein altmodisches
goldenes Kreuzchen.
„Die alten Sachen kommen wieder in Mode,“ erklärte Marjänni der
Tagelöhnersfrau, die von dem Glas Wein gesprächig geworden war und den
Schmuck bewunderte.
„Oh ja, das glaube ich auch,“ sagte sie, im Kauen einhaltend.
Der Herr Lampert war nicht mitgekommen. „Ihm liegt nicht viel an der
Octav. Er kommt ja das Jahr hindurch so oft in die Stadt, ihm ist das
nichts Neues.“
„Ja, das glaube ich,“ sagte wieder beifällig die Nachbarin.
Drüben saß ja auch Herr Schütz, der so oft zum Herrn Kaplan nach Brebach
kam. Den kannte Madame Lampert sehr gut, oh ja, früher. Heute sahen sie
sich nicht mehr so oft. Ihr Mann war nicht für die vielerlei
Freundschaften aus der Stadt. Man hatte nichts davon.
„Oh ja, das glaube ich auch.“
Die Tür ging auf und Fenn Kaß trat herein.
„Der Herr Kaplan!“ flüsterte die Tagelöhnersfrau ehrerbietig.
„De’ kuckt haut emol monter dran!“ – „dem seng Sach aß go’ut gaang“ –
und ähnliche Bemerkungen begrüßten laut und leise seinen Eintritt.
Er bemerkte zuerst die Gruppe der Wiesinger und ging mit freudigem
Willkomm auf sie zu. Mit einem leisen Lachen, in dem alle seine Zähne
blitzten, streckte er Frau Lampert die Hand über den Tisch hinüber:
„We’i gäht et, Marjänni, schmaacht et alt?“[3]
Ein paar der Wiesinger stießen sich unter dem Tisch an und warfen sich
verständnisinnige Blicke zu.
Marjänni hatte rot vor Verlegenheit den Gruß erwidert und rasch eine
Ablenkung darin gefunden, daß sie Fenn auf die Anwesenheit seines
Freundes aufmerksam machte.
Und nun sahen die Wiesinger, wie sich ihr Kaplan und Herr Theo Schütz
drüben in die Ecke dicht zueinander setzten, wie der Herr Kaplan dem
Freund leise etwas ins Ohr erzählte, wie der immer aufmerksamer und
erstaunter aufhorchte, wie sich sein Gesicht zusehends verklärte und er
endlich in heller Freude mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und
laut nach der Bedienung rief. Der Herr Kaplan suchte ihm lachend zu
wehren, aber das half nichts, Herr Schütz winkte die „Änny“ heran und
bestellte eine Flasche Champagner. Und rasch! Vom besten, den sie im
Keller hatten.
Die beiden tranken die Flasche bei angeregt geflüsterter Unterhaltung
aus, und dann nötigte Herr Schütz den Freund mit zu sich nach Haus.
Das alles sahen die Wiesinger voll siedender Neugier, einzelne auch voll
gerechter Entrüstung mit an. Denn war es nicht geradezu anstößig, daß
sich ein geistlicher Herr in einem öffentlichen Lokal mit einem
notorischen Gottesleugner und kirchenfeindlichen Kammerkandidaten so
auffällig machte?
Aber die guten Wiesinger waren noch nicht am Ende ihres Staunens. Denn
wenig später kam Pfarrer Brendel mit Emil Masseler und der Erbtante in
sichtlicher Erregung herein. Sie nahmen bei den andern Platz und Emil
Masseler fragte: „Man darf es ja sagen, Herr Pastor?“
„Warum nicht?“ meinte Herr Brendel kummervoll, „einmal muß der Skandal
ja doch losbrechen.“
„Was denn?“ fragten die zunächst Sitzenden.
Emil Masseler legte sich weit über den Tisch und alle Köpfe bogen sich
zu ihm. „Unser Kaplan zieht den schwarzen Rock aus!“
Die einen stießen aus tiefster Brust ein fast erschrockenes Oh! heraus,
die andern machten Pst! und wollten gleich mehr hören.
Jawohl, der Herr Pastor war beim Bischof gewesen, wie der Kaplan gerade
fort war. Es war ganz sicher. Übrigens, man konnte sich das schon lange
denken. Der hatte keine geistlichen „Naupen“.
Die Tagelöhnerin neben Marjänni, die näher an Masseler saß, gab die
Meldung an Frau Lampert weiter. Sie tat es mit einer Betonung, als ob
sie gerade von ihrer Nachbarin eine besondere Teilnahme erwartete.
„Was liegt mir daran?“ sagte Marjänni wegwerfend, und die Tagelöhnerin
pflichtete ihr bei: „Ja, das glaube ich auch. Was braucht Ihnen daran zu
liegen!“
Und während vom Tisch der Wiesinger die Neuigkeit, daß der Brebacher
Kaplan den schwarzen Rock auszog, sich in der ganzen Gaststube
verbreitete und überall mit erstauntem: „Oh! Kuck hei! Aß dat elo
miglech?“ aufgenommen wurde, saß Fenn Kaß mit seinem Freund Theo beim
Mittagessen und besprach mit ihm seine nächste Zukunft.
„In Brebach wirst du wohl nicht bleiben können,“ meinte Theo.
„Warum nicht?“
„Nja! Du weißt, wie das Volk ausgetretenen Priestern gegenübersteht.“
„Dasselbe hat mir schon vorhin der Bischof gesagt. Aber ich bin nicht
gesonnen, diesem Volksempfinden aus dem Wege zu gehen. Ich bin fest
entschlossen, es zu meistern und mich ihm gegenüber als voll
durchzusetzen.“
„Wie willst du das tun?“
„Das hängt von den Umständen ab. Ich gehe nach Brebach zurück und gehe
dort nicht fort, bis ich weiß: die Leute lassen dich gelten, als das,
was du sein willst.“
„Dir kann es doch völlig gleichgültig sein, was die Brebacher Bauern von
dir denken.“
„Durchaus nicht. Ich habe wirkliche Freunde dort. Es liegt mir viel
daran, daß sie selbst wissen, was sie an mir haben, und daß sie sich von
andern wegen ihrer Freundschaft für mich keine Anzapfungen brauchen
gefallen zu lassen.“
„Dann wäre es also aussichtlos, dich davon abbringen zu wollen. Reden
wir von was anderm. Was willst du in Brebach anfangen?“
„Ich dachte, ich könnte die Sache mit der elektrischen Anlage auf eigene
Rechnung übernehmen.“
„Das wäre eine Lösung. Seide wirst du dabei keine spinnen, aber die
Anlage läßt sich wirtschaftlich machen, vielleicht kannst du davon
leben.“
„Mehr brauche ich vorläufig nicht. Meine Mutter hat in Wiesing ihre paar
Äcker und Wiesen gut verpachtet, und wir brauchen nicht viel. Du wirst
sehen, es geht. Später suche ich, weiter zu kommen. Ich kann es jetzt,
ich habe die Ellenbogen frei.“
Fenn Kaß blieb, nachdem er seine Mutter von dem Geschehenen verständigt
hatte, ein paar Tage bei seinem Freund in der Stadt. Er hatte in der
Regierung wegen seiner Anlage in Brebach zu verhandeln, da für derartige
gemeinnützige Unternehmungen Staatszuschüsse bewilligt wurden. Von da
aus wurde auch bei der Gemeinde dahin gewirkt, daß sie sich zu einem
eventuellen Vertrag bereit erklärte. Mit Fritz Lampert war Fenn schon
vorher im Prinzip einig gewesen und die technische Seite des Projekts
wurde eingehend mit Theo besprochen. Es wurde offenbar, daß Fenn sich
eine erstaunliche Fülle theoretischer Kenntnisse auf dem Gebiete der
Elektrizität, der Mechanik und des Hoch- und Tiefbaues angeeignet und
ausgesprochene natürliche Anlagen durch gründliches Studium entfaltet
und vertieft hatte. Theo war erstaunt.
„Junge,“ sagte er, „du bist für Brebach zu schade. Ich habe Pläne. Na,
du wirst ja sehen.“