In Brebach war es einfach ein Aufruhr, als Fenn Kaß in bürgerlicher
Kleidung am hellen Tage eintraf. Er merkte in der Hauptstraße, die er
bis zu seiner Wohnung zu passieren hatte, wie Kinder und Erwachsene, die
von fern den Fremden kommen sahen und nach längerm Anglotzen als ihren
frühern Kaplan erkannten, Hals über Kopf in den Hausgängen verschwanden
und alle Familienmitglieder zu dem aufregenden Ereignis auf die
Türschwelle riefen. Man überschlug sich vor Neugier. Sein Gruß fand nur
ein seltenes Echo. Die Männer rückten schweigend und unfreundlich an den
Mützen, die Frauen blickten ihn an, wie einen Fremden, und einmal rief
ihm eine Gruppe Kinder, offenbar auf Anstiften der Eltern, nach: „Hei,
do’u dein Ho’ut ä’s of! Hu’esch de d’Kopp nach geschu’er?“
Zu Hause wartete seiner die Mitteilung, der Hausbesitzer habe die
Wohnung gekündigt. Die sei eigens für den Ortskaplan und müsse für den
Nachfolger frei werden.
„Auch gut,“ meinte Fenn, der doch einen leisen Ärger in sich aufsteigen
fühlte. „Wir ziehen ja so wie so in die Mühle. Eigentlich sollte ich dem
Kerl die Zähne zeigen und ihn lehren, was ein regelrechter Mietvertrag
heißt. Aber sei’s drum.“
An einem der nächsten Abende saß Fenn Kaß in seiner Studierstube und las
in der alten Allioli-Bibel, die er vom Schente Storrek geerbt hatte.
Seit er den Priesterrock ausgezogen hatte, tat er das mit wachsendem
Genuß. Es war, als hätte sich mit ihm und für ihn das Buch der Bücher
verweltlicht. Psalmen und Evangelien, Sprüche und Briefe, Chroniken und
Prophezeiungen gewannen für ihn erst jetzt einen tiefen menschlichen
Reiz, nachdem sie ihm bislang fast nur als Hilfsmittel seines
priesterlichen Lehramtes erschienen waren. Und er dachte mit Rührung an
den alten Bauer, von dessen Fingern die Seiten abgegriffen und angegilbt
waren und dessen schlichter Geist aus dem Geist und Klang dieses
Jahrtausende alten Schrifttums Genuß und Trost geschöpft hatte, mehr als
er, der studierte Kulturmensch, zu dessen Beruf doch das Eindringen in
die Bibel gehört hatte.
In dieser Stimmung wurde Fenn durch einen Besuch überrascht, dessen
Klingeln und kurze hastige Frage im Hausflur er mit dem Eindruck
vernahm, daß es jemand war, der es sehr eilig haben müsse. Im nächsten
Augenblick öffnete seine Mutter die Tür und sagte: „Hier, Fenn, bringe
ich Besuch.“
Er sah im Dunkel ein blasses Gesicht und ein paar funkelnde
Brillengläser und erkannte sofort Putty Heinen, den er mit freudiger
Lebhaftigkeit begrüßte.
„Putty, du! Das nenn’ ich eine Überraschung!“
„An Sie hätte ich jetzt wahrhaftig auch nicht gedacht!“ bestätigte Frau
Kaß.
Putty schien durch das Licht im Zimmer geblendet. Fahrig und unsicher
antwortete er auf die Begrüßung mit gezwungener Heiterkeit. Als ihn Frau
Kaß fragte, ob er schon zu Nacht gegessen habe, verneinte er zuerst und
versicherte dann, er habe doch gegessen, ganz sicher, er werde unter
keinen Umständen etwas anrühren.
Frau Kaß ging, und Fenn nötigte den Freund auf einen Stuhl, im
Lichtkreis seiner Studierlampe. Erst jetzt sah er, wie blaß Putty aussah
und wie verfallen vor Angst und Erschöpfung seine Züge waren.
Sofort begann dieser zu reden, stoßweise, schwer Atem holend. „Fenn, ich
bin am Ende. Es ist aus mit mir.“
„Wieso! Was ist denn geschehen?“
Fenn Kaß kannte seinen Jugendfreund dafür, daß er sich rasch entmutigen
ließ und auf Anhieb alles sehr tragisch zu nehmen geneigt war. Aber
diesmal mußte es ihm doch wirklich unter die Haut gegangen sein.
„Wenn du mich nicht rettest, schlafe ich morgen Nacht im Gefängnis!“ Und
er erzählte seine Geschichte, die ewige alte: Versuchung, Einsamkeit,
keine Ablenkung, Tag für Tag die Gelegenheit zur sträflichen Sünde,
endlich das Straucheln, der Fall, das vermeintliche Geheimnis und eines
Morgens der Skandal, der im hellen Tage schwillt und im Dorf, im Land
sein hämisches und empörtes Echo weckt.
„Morgen früh steh ich in den Zeitungen! In diesem Augenblick vielleicht
ist das Gericht schon da, um mich zu verhaften.“
„Und was soll ich für dich tun?“
„Mich über die Grenze schaffen.“
Fenn Kaß erinnerte sich der begeisterten Worte, mit denen ihm sein
Freund vor wenigen Monaten die Schönheiten seines Berufs gepriesen
hatte. Und der Augenblick des Abschieds von damals stieg wieder vor ihm
auf. Es war mit dem armen Menschen rascher zu Ende gegangen, als er
gefürchtet hatte, und Fenn war zu gütig und arglos, um ihn mit der
leisesten Anspielung auf jenen Tag demütigen zu wollen. Auch der andere
machte keinen Versuch, von jener Höhe nach der Tiefe, in der er nunmehr
irrte, einen Weg zu zeigen. Hinter ihm lag alles derart hoffnungslos in
Trümmern, daß er nicht einmal den Schein zu retten versuchte.
Putty wußte nicht, was weiter werden sollte. Er hatte keinen Pfennig
Geld, war den halben Weg nach Brebach zu Fuß gegangen, hatte keinen
Bissen Nahrung und keinen Tropfen Wasser über die Lippen gebracht. Er
war willenlos und gehorchte nur dem Instinkt, der ihn forttrieb, fort
aus dem Bereich der Gendarmen und Gerichte.
„Vor allen Dingen mußt du jetzt zu dir kommen. In einer Stunde ist alles
im Dorf zur Ruhe, dann bring ich dich übers Wasser an die preußische
Station. Ich gebe dir einen Anzug von mir. Um zehn Uhr hast du einen
Zug, mit dem du morgen mittag in Berlin bist. Von da fährst du nach
Bremen oder Hamburg und mit dem nächsten Schiff über See.“
„Und das Geld?“
„Soviel habe ich immer liegen. Du mußt freilich Zwischendeck fahren.“
„Als Kohlentrimmer, wenn es sein muß. Nur fort.“
„Gut. Und dann?“
Ja, daran hatte Putty nicht gedacht. Ihm schwebte nebelhaft eine Zukunft
vor, in der er vielleicht Kellner, Schuhputzer, Sprachlehrer oder
Goldgräber sein würde.
Fenn Kaß hörte ihm zu und sagte bedächtig: „Nein, mein Junge, wie ich
dich kenne, gingest du dann vor die Hunde. Laß dir drüben irgendwo die
Adresse eines Klosters angeben, geh hin und tu, was sie dir sagen. Du
bist nicht der erste. Übers Jahr, oder früher, oder später hast du dich
wiedergefunden. – Du kommst drüben als Pfarrer unter, in andern
Verhältnissen als hier, wirst vielleicht tagelang im Sattel hängen, um
die Farmen deiner Pfarrei abzureiten, wirst deine verbotenen Gedanken an
der freien Luft verrauchen lassen und die Hauptsache: du wirst dich
wieder selbst achten lernen.“
Putty schwieg eine Weile und kaute an der Unterlippe. „Du meinst also,“
begann er dann zögernd und in sichtlich tiefer Bewegung, – „du meinst,
ich soll Priester bleiben?“
„Ich halte es für das beste. Du brauchst Verhältnisse, in denen dir dein
Pflichtenpensum zugemessen wird, in denen du gerade an den strengen
Normen deines Berufs einen Halt findest.“
„Aber an meinem Beruf bin ich zugrund gegangen.“
„Das bezweifle ich. Ich glaube vielmehr, daß du in jedem Beruf
gestrauchelt wärest, der dich in ähnliche äußere Verhältnisse gebracht
hätte.“
„Und warum bist du ausgetreten, Fenn?“ Auflehnung und Vorwurf klangen
aus der Frage.
„Gut, daß du mich fragst. Ich will dir mit rückhaltloser Offenheit
antworten. Sieh, Putty, daß zwischen uns beiden ein großer Unterschied
besteht, wirst du nicht leugnen wollen. Daß ich bisher im Leben immer
tat, was ich tun zu müssen glaubte, einerlei ob es mich leicht oder
schwer ankam, wirst du mir ebenfalls zugeben. Und mein Tun und Lassen
richtete sich einzig und allein danach, ob ich das erfüllte, was ich als
meine Bestimmung erkannte, nicht danach, ob es mir augenblicklich ein
Genuß war oder eine Fron. Ich glaubte eine Zeitlang, als Geistlicher
soviel Gutes und Schönes und Nützliches wirken zu können, daß es mich
mit Genugtuung erfüllen würde. Darin wurde ich enttäuscht, durch die
Dinge und durch die Menschen enttäuscht. Und darum gab ich es auf.“
„Du drehst also der Kirche nicht den Rücken, weil du aufgehört hast, an
die Göttlichkeit ihres Ursprunges zu glauben –“
„Ach so, und an den göttlichen Ursprung ihrer Rechte, die Menschen in
souveräner Weise zu ihrem übernatürlichen Geschick zu führen? So oder
ähnlich heißt ja wohl eine bekannte Formel. Ach nein, mit der Kirche
habe ich mich nicht auseinandergesetzt. Es war wirklich nur mein
Bedürfnis, mich nach meinen innersten Anlagen auszuwachsen. Und nun noch
eins, die Hauptsache. Ich trete ungestraft aus dem Priesterstande aus,
weil ich nie hineingehört habe. Mein Fall ist selten. Viel seltener, als
man glauben sollte, wenn man die zahlreichen Geschichten von Priestern
hört und liest, die die Soutane auszogen oder gern ausgezogen hätten. An
den besondern Pflichten des Standes habe ich mich wohl nie ernstlich
gestoßen, nie so, daß mir von daher der Wunsch nach einem Berufswechsel
gekommen wäre. Aber ich habe nie in mir das gespürt, was man religiöses
Empfinden nennt. Meine Ethik und Moral waren immer ohne religiöse
Färbung und Grundlage. Ich habe als Küsterskind von klein auf mit dem
lieben Herrgott auf dem Duzfuß sozusagen verkehrt, alle Äußerlichkeiten
der Glaubensübung, die euch im Kindes- und Jugendalter die Phantasie
anregen und die Herzen warm machen und die euch später zum mindesten ein
Schatz farbiger und poetischer Erinnerungen sind, die waren mir
nüchterne Teile eines nüchternen Tagewerks. Sagen wir es einmal so: Ich
habe die Kulissen der Religion beständig von der ungemalten Seite
gesehen. Darum war ich immun gegen das Psychologische des Berufs, das,
was euch allen im Blut sitzt, was recht eigentlich das unauslöschliche
Merkmal der Priesterweihe ist. Das werdet ihr nicht los, das ist eine
Umbiegung eures ganzen innern und äußern Wesens, die sich nie zurecht
richten läßt. Und davon weiß ich mich frei. In diesem Sinne habe ich
wohl nie die Berufung zum Priesterstand gehabt, und darum durfte ich ihm
den Rücken kehren, ohne eine Schuld hinter mir zu lassen, ohne Schlinge
am Fuß. Wer das von sich nicht sagen kann und trotzdem das geistliche
Kleid auszieht, der geht durchs Leben mit einem unheilbaren Zwiespalt.
Siehst du, lieber Putty, darum rate ich dir, meinem Beispiel nicht zu
folgen. Denn du hast ein wachsweiches Gemüt, und das haben sie dir
derart zurechtgeknetet, daß es sich nie in die böse Welt wird schicken
können und daß deine Goldgräberkollegen im hintersten Alaska dir auf
hundert Meter den entlaufenen Kaplan ansehen würden.“
„Das Religiöse?“ fragte Putty versonnen.
„Ich nenne es so. Es ist, allgemeiner genommen, die ganz besondere
Geistes- und Herzensverfassung, die in euch das Gefühl erzeugt, daß ihr
seelisch gebückt gehen müßt, daß ihr euch nicht aufrichten dürft, ohne
mit dem Kopf an die Decke zu stoßen, daß ihr eure Pflicht gegen euch und
alle Menschen bis zum letzten Blutstropfen getan und doch die Strafe
ewiger Verdammnis verdient haben könnt. Suche du es besser zu
definieren.“
„Ja,“ meinte Putty ohne großen Nachdruck, „du sprichst schließlich nur
von dem, was wir gemeinhin Glauben und Unglauben nennen.“
„Nicht ganz. Es gibt ausgetretene Geistliche, die auch im Unglauben das
Priesterhafte behalten, und das sind die unleidlichsten.“
„Was mich angeht, ich habe ja unterwegs Zeit genug, darüber
nachzudenken, was ich mit meinem verpfuschten Leben noch anfangen soll,“
meinte Putty mutlos.
Nachdem er gegessen und getrunken hatte, ruderte ihn Fenn über den Fluß
und brachte ihn an den Zug.
„Bringe es meinen Leuten daheim bei. Um meine Mutter tuts mir leid, der
andere – meinem Vater ... dem kann ichs gönnen!“ waren seine letzten
Worte.
* * * * *
Für Fenn begann eine schwere Zeit. Die Verleumdung sickerte in alle
Häuser und fand überall willige Ohren. Man achtet da draußen an dem
Geistlichen hauptsächlich das Kleid und das Amt, nicht die Person. Das
ist eine instinktiv erfundene Formel, mit der man sich hilft, wenn
einmal die Gemeinde oder eine Partei zwischen sich und dem Pfarrer das
Tischtuch entzwei schneidet. Da kann man sich dann mit der Person ruhig
herumbalgen, ohne dem Priester zu nahe zu treten. Sobald Kaplan Kaß sein
geistliches Kleid abgelegt hatte, war er vogelfrei und es galten keine
Rücksichten mehr. Er spürte die Feindseligkeit der Bevölkerung, wie man
eine Zugluft spürt, die einem heimtückisch und unangenehm in den Nacken
weht. Sein Lokalverein war aus den Fugen gegangen und hatte sich wieder
in die Bruderschaften des Herrn Pastors verkrümelt. Das hing übrigens
mit den Wahlen und mit dem Geldverleih-Institut des Herrn August
Peppinger zusammen. Fenn hatte seinem Freund Theo raten müssen, sich
nicht mehr im Dorf zu zeigen, weil die politische Feindschaft gegen ihn
unter der Führung des „Ruß“ in Tätlichkeiten auszuarten drohte. Von den
frühern Freunden waren ihm nur die drei Kamps Burschen, außerdem der
Niegela und der jüngere Masseler treu geblieben, dieser besonders
deshalb, weil er damit seinen vornehmen Bruder zu ärgern wußte.
„Ditt en nemme baschten!“[4] meinte er gutmütig.
Den „Ruß“ hatte Fenn einmal dadurch gekränkt, daß er ihm das
Verwerfliche seiner Wilddieberei vorgehalten und einen Hasen
zurückgeschickt hatte, den der „Ruß“ zu verbotener Zeit in der
Kaplansküche abgeladen hatte.
„Ah, de’ mecht de spatze Möndchen! Da’ woart ä’s!“ hatte der Ruß
gedroht.[5]
Anonyme Briefe hielten Fenn über die Stimmung im Dorf auf dem Laufenden.
„Herr Tesärteur,“ schrieb ihm einer, „ich teht mich ja schehmen, wie ein
Kellichdiep, wen ich daas gemacht hätte. Das nennt man ein Cujong. An
nemt eich inacht, wir wolen euch nicht im Dorf haben, wen ihr nicht
freiwihlich ghet machen wir euch beine wir wollen kein entlaufener Paaf
im Dorf haben past auf wir schlahgen euch noch der Scharrivarri, ist es
den keine schant mit einer verheiraten Frau halten. Fier euer
scheinheilig Fiesemin ist schohn der Klöppel ferdich womit ihr si
kreuzweis ersolt kricht. Dan habt ihr euer wollverdienter Lon ales im
Dorf sacht warum misse wir der entlaufene Paaf hir erhalten zum leßten
Mal es ist die hekste Zeit daß ihr euch durch die Reiser maacht den ein
entlaufener Paaf ist der Rest von nix.“
Ende Mai zog Fenn mit seiner Haushaltung in die Mühle, die Lampert
geräumt hatte, um nach Wiesing überzusiedeln. Die Stundenfrau, die
Mutter Kaß immer zur Aushilfe hatte, ließ sagen, sie könne nicht beim
Umzug helfen, und sie könne überhaupt nicht mehr kommen. Drei, vier
andere, die Fenn fragen ließ, gaben dem alten Wöllem denselben Bescheid.
Die Nachbarn gebrauchten faule Ausreden, um ihre Wagen nicht herleihen
zu müssen, und schließlich mußte Fenn mitten in der Nacht mit Hilfe
seiner fünf Getreuen den Umzug bewerkstelligen, und er hörte andern
Tags, daß sie auf dem Heimweg vom Ruß mit einer Bande seiner
Spießgesellen angefallen worden waren. Abends zog eine Rotte mit
Feuerwehrhörnern und Trommeln, mit alten Eimern und Gießkannen und
sonstigen Lärmwerkzeugen vor die Mühle und schlug Charivari, daß das
Dorf zusammenlief. Aus dem Gebrüll heraus verstand Fenn Rufe, wie:
„Eraus mat der Millesch!“ – „Hopp Marjännchen, loß dei Kaplänchen
danzen!“ – „Werf es eng Zoutan erof!“ – „an en önneschte Rack!“[6]
Er knirschte vor kalter Wut und dachte einen Augenblick, ob er ihnen ein
paar Revolverschüsse über die Köpfe feuern sollte.
Frau Kaß ließ ihn nicht aus den Augen. Sie wollte ihm nicht dreinreden.
Aber bald sah sie ihn ruhiger werden und wußte, daß er nichts tun würde,
was er später bereuen müßte.
Auch der alte Wöllem kam herein und fragte mit seiner heiseren Stimme:
„Was wollen die?“
„Eigentlich Kopfnüsse,“ sagte Fenn.
Wöllem murrte etwas von „Cujongen“ und „Hondsfotten“ und entwickelte
einen Plan: Er wollte ihnen ein paar Eimer Wasser über die Köpfe gießen,
und nicht vom klarsten. Und wenn es gewesen wäre, ehe er nach Paris
gegangen war, da wollte er ihnen mit blanken Fäusten schon gezeigt
haben, „wat gelifft!“[7] Aber seit Paris! ... Nondidjeh!
„Jetzt paß auf, Wöllem, wie ich denen komme,“ lachte Fenn.
Er ging durch eine Hintertür ins Freie und kam auf einem Umweg den
Lärmmachern in den Rücken. Da stand er denn eine Weile und hörte
sichtlich mit gutem Humor den Spektakel einmal von der andern Seite an.
Als ihn die in den hintersten Reihen, die untätig dabei standen,
erblickten, ging es bald durch die ganze Schar:
„Elei stäht en!“
Die Trommler und Trompeter erschraken und der Lärm verstummte auf einen
Augenblick plötzlich wie auf Kommando. Fenn machte Miene, auf das Haus
zuzugehen, und verlegen öffneten ihm die Burschen einen Weg:
„Ihr hättet warten sollen, bis ich zu Haus war,“ sagte Fenn ruhig. „Was
trinkt ihr lieber, Wein oder Bier?“
„Mir peifen op ärt Gedränks,“ sagte der Ruß trotzig.
Fenn meinte, das sei für ihn erheblich billiger, und in den hintersten
Reihen lachten sie den Ruß aus.
„Dat spillt keng Roll!“ sagte dieser hartnäckig und machte Miene, Fenn
den Weg zu versperren. Der behielt vorsichtshalber die Hände in den
Taschen und zwängte sich an dem langen Kalmücken vorüber.
„Ich weiß ja jetzt, wer dabei war,“ sagte er, als er auf seiner
Türschwelle stand. „Wenn ich euch bei der Gendarmerie anzeige, werdet
ihr alle verknaxt. Also geht jetzt ruhig heim in eure Betten, ihr habt
entschieden mehr davon.“
Es entstand ein Geraune und Gesumme, der Ruß fluchte dazwischen und
wollte jedem, der vom Platze wich, mit seiner Gießkanne die Hirnschale
spalten. Aber der Respekt vor dem Gericht behielt die Oberhand, und
lärmend und tutend, aus der Entfernung zurückschimpfend, zog die Schar
ab.
Tags darauf stand in der „Abendglocke“ ein Bericht über das Ereignis:
„Wenn wir solche Ausschreitungen auch beileibe nicht billigen können, so
wollen wir uns doch nicht die Nutzanwendung versagen, die sich daraus
ergibt. Sie zeigen wieder einmal in nicht mißzuverstehender Weise, wie
tief bei unserm biedern Landvolk der Glaube und die Anhänglichkeit an
seine Priester wurzeln, und wie es sich mit elementarer Wucht empört,
wenn irgendwo etwas geschieht, was gegen seine frommen und
glaubenstreuen Überlieferungen verstößt. In diesem Sinn ist ihm jeder
apostasierte Geistliche ein Gegenstand des Abscheus, und diesem Abscheu
lediglich hat es in vorliegendem Falle Luft gemacht.“
„So ein Gemütsmensch!“ dachte Fenn. Aber das mit dem Sichdurchsetzen
ließ sich doch schwerer an, als er zuerst gemeint hatte. Je nun, mit
Ruhe und Geduld würde es doch noch gehen. Die sogenannte Volksseele läßt
sich nicht mit dem Wurfnetz einfangen.
* * * * *
Fenn suchte die Unbill der Menschen über seiner Arbeit zu vergessen. In
der Mühle gab es vielerlei umzubauen, um für die Turbinenanlage einen
geeigneten Raum zu schaffen. Der Niegela und die Kamps halfen, wo er sie
brauchte, der jüngere Masseler besorgte die nötigen Fuhren, es fleckte
nach Wunsch. Die Turbinen, Dynamos und Akkumulatoren wurden rechtzeitig
angeliefert, und nach Fenns Berechnung konnte bis Mitte Juni die Anlage
fertig sein.
„Mutter,“ sagte er eines Tages, „du kannst dir nicht denken, mit welch
inniger Freude ich meine Arbeit tue. Hätte ich, wie es früher war, die
Anlage für den Verein oder sonstwie bauen dürfen, das hätte mich ja auch
gefreut, aber so, weißt du, ist das doch eine ganz andere Sache. So
beruht alles auf mir, ich fühle den ganzen Bau auf meinen Schultern. Das
ganze Unternehmen, das bin ich selbst, ... ich glaube wirklich, Theo hat
recht: was den Mann macht, das ist die Verantwortung.“
„Nun ja, mein Junge, du wirst ja wohl recht haben, ich verstehe nichts
davon.“ Und sie sah ihm mit glücklich behäbigem Lächeln nach, wie er in
der Küche sich ein Glas Wasser pumpte, es mit Genuß austrank und wieder
zu seinen Arbeitern hinausging.
„Du wirst sehen,“ sagte er im Fortgehen, „ich baue diesen Dickköpfen am
Ende auch noch eine Wasserleitung.“
Und eines Abends im Juni war richtig das Turbinenhaus fertig, Dynamos
und Akkumulatoren montiert, die Leitungen für die Beleuchtung der
Straßen und eine Anzahl Privatanschlüsse gelegt. Die Kamps freuten
sich wie die Kinder darauf, daß sie in ihrer Werkstatt die
Holzbearbeitungsmaschinen mit elektrischem Antrieb würden laufen lassen,
Masseler der Jüngere hatte seine Dreschmaschine anschließen lassen, es
war allerseits freudige Spannung und Zuversicht. Nur daß der Schöpfer
der Anlage gerade Fenn Kaß war, das wollte den Brebachern nicht
gefallen.
Der Niegela hatte den ganzen Tag oberhalb des Dorfes an dem Durchstich
gearbeitet, der den Bach in den Höhlenweg überleiten sollte. Andern Tags
sollten die beiden Schleusen am Durchstich und oben am Turbinenhaus in
Angriff genommen und unten die Abflußröhren gelegt werden.
„Wenn alles klappt,“ meinte Fenn, „können wir am Samstag das Ganze
einmal Probe laufen lassen.“
Der Niegela mußte vor der Zeit Feierabend machen, weil ein furchtbares
Gewitter ihn von der Arbeit scheuchte. Nun, so weit, daß die Schleuse
eingebaut werden konnte, hatte er ja den Durchstich fertig, der Rest
mußte stehen bleiben, bis unten alles in Ordnung war und der Bach in das
neue Bett geleitet werden konnte. Fenn war noch vor Dunkelwerden oben
gewesen mit den Kamps und hatte nachgesehen, ob die stehengebliebenen
Erdmassen widerstandsfähig genug wären, um dem seitlichen Anprall des
vom Gewitterregen anschwellenden Baches Widerstand zu leisten. Denn wenn
ihm jetzt seine Talsperre unvermutet voll lief, wurde seine ganze Anlage
unter Wasser gesetzt. Indes, jede Gefahr schien ausgeschlossen, und
beruhigt gingen die vier nach Haus.
* * * * *
Am selben Tag hatten im Kantonshauptort die Wahlen stattgefunden. Fast
die ganze männliche Bevölkerung, auch die jüngern, die noch nicht
wählten, waren hingezogen, denn man wußte, siegt der Peppinger, so
fließen Wein und Bier in Strömen, und an fester Atzung dazu wird es auch
nicht fehlen. Und daß der Peppinger gewählt würde, daran zweifelte
niemand.
Theo Schütz hatte aus Pflichtgefühl bis zum Schluß des Wahlgeschäfts
ausgehalten und war dann in seinem Automobil zum Städtchen
hinausgefahren: Die Stimmen mochten sie zählen, ohne daß er dabei war.
Eins hatte ihm sein Wahlfeldzug jedenfalls eingebracht: Den unbeugsamen
Entschluß, sich niemals wieder auf die Galeere Politik einsperren zu
lassen.
Von zwölfhundertdreiundachtzig abgegebenen gültigen Stimmen – so
meldeten in den ersten Nachmittagsstunden die Blätter – waren
elfhundertzweiundvierzig auf Herrn August Peppinger und
hunderteinundvierzig auf Herrn Theo Schütz entfallen. Die Brebacher
taten sich bei den Jubelkundgebungen vor dem Hause des Gewählten unter
allen andern hervor. Sie feierten nicht nur den Sieg Peppingers, sie
feierten auch besonders die Niederlage des andern, in dem ihr
entlaufener Kaplan mitgetroffen war. Allen voran lärmte der Ruß und
schlug mit der Faust auf den Wirtshaustisch, daß es hoch aus den Gläsern
spritzte, und seine Kraftausdrücke über Fenn Kaß entfesselten das
wiehernde Gelächter seiner Dorfgenossen, die ihn immer tiefer in sein
wütiges Pathos hineinhetzten.
Bei Peppingers ging es von Glückwünschenden mit und ohne Blumensträuße
aus und ein, alle Augenblicke brachte der Bote von der Post ein
Telegramm und bekam von der gnädigen Frau ein Trinkgeld, das mit jedem
weitern Telegramm knapper wurde und zuletzt nur noch aus einem Glas
Champagner und einer Wahlzigarre bestand. Herr Rommelfangen war
persönlich erschienen, um den heißen Dank seines Schützlings von Hand zu
Hand entgegenzunehmen. Abordnungen von Vereinen kamen, halb und ganz
betrunkene Vereinswürdenträger standen mit riesigen Blumensträußen vor
dem Helden des Tages und stammelten bald laut, bald leise die
Ansprachen, in denen sie ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, daß ihr
langjähriges Mitglied usw., und ihrer Hoffnung, daß Herr Peppinger usw.,
und Herr Peppinger und Frau Peppinger sollen leben hoch! hoch! hoch!
Pfarrer und Kapläne standen in Gruppen umher und ihr Anblick trug
glücklicherweise dazu bei, die durstigen und lärmfrohen Gratulanten im
Flur und in der Zimmerflucht des Erdgeschosses im Zaume zu halten.
Wenn man die Festräume, die mit sonnendurchschienenem Zigarrendunst und
dem süßsäuerlichen Duft des billigen Champagners erfüllt waren, bis zu
einem Ende durchschritt, kam man in einen kleinen Salon, das Boudoir der
Dame des Hauses. Dahin hatte sich die Elite der Glückwünschenden
abgesondert, und dort wurden hochpolitische Gespräche geführt. Herr
Chefredakteur Rommelfangen stellte von Zeit zu Zeit stotternd und
krebsrot im Gesicht eine Thesis auf, um die dann die andern wie um einen
Fußball mit kühler Berechnung oder mit sprudelndem Draufgängertum sich
tummelten. Es war keine einheitlich zusammengesetzte Gesellschaft. Zwar
in dem einen waren alle einig: daß man sich im Interesse der guten Sache
über den Sieg Peppingers freuen müsse. Aber da war die Gruppe der
biedern alten Pfarrherren und kirchentreuen Eingesessenen, die ohne
Falsch und aufrichtig sich ganz der frohen Überzeugung hingaben, daß mit
dem Wahlsieg Peppingers der Herr der Heerscharen sich auf ihre Seite
geschlagen hatte. Da war aber auch die Bank der heimlichen Spötter, der
Lebemänner der Geistlichkeit, vorurteilslose junge Pastöre und Kapläne,
die auf dem Standpunkt standen, daß sie die Entsagung, die sie auf der
einen Seite übten, auf der andern durch Wohlleben in den Grenzen der
Kasuistik wett machen dürften. Bei ihnen saßen die paar jugendlichen
Advokaten, die nach der Mahnung ihres alten Direktors Kleyer die Fahne
des Glaubens inmitten der Kinder dieser Welt unentwegt hochhielten und
sich gut dabei befanden. Unter ihnen war mehr als einer, der insgeheim
die Hoffnung nährte, Herrn Peppinger dermaleinst die politischen Fersen
auszutreten, und der jetzt fleißig auf des Gastgebers Gesundheit
anstieß, indem er mit seinem Nachbar einen verständnisinnigen Blick
wechselte und dabei in ein unbändiges Lachen ausbrach. Kaplan Schramm
mit dem kindlich-lustigen Genießergesicht flüsterte nämlich in einem
fort über Peppinger Kraftausdrücke, die er wie eine Kette aneinander
reihte, und jedesmal, wenn er, wie er sagte, den Nagel auf den Hohlkopf
getroffen hatte, lachten die andern laut und ausgelassen hinterdrein.
Aus der Gruppe der Altern schollen dann neugierige Fragen herüber, die
der Spaßmacher in übermütiger Laune mit einem neuen Witz beantwortete.
Und er wettete die beste Flasche aus Peppingers Keller, daß er den
Pfarrer Schlunz innerhalb fünf Minuten dazu bringen würde, seine Leib-
und Magengeschichte zum fünfzehnten Male an jenem Nachmittag zu
erzählen. Das war die Geschichte, in der Hochwürden Schlunz auftrat, wie
er zwei Amtsbrüdern weismachte, sie hätten bei ihm an der Kirmes
Pferdefleisch statt Beefsteak gegessen. Er schilderte die Wirkung immer
sehr anschaulich, und der Schlußeffekt war ein vorzüglich nachgeahmtes
Pferdegewieher.
In einer dritten spitzen Ecke wurde von einer anders gearteten Schar von
jüngern Geistlichen der Einzelfall Peppinger-Schütz ernsthaft erörtert.
Man besprach die Kampfmittel, die in Anwendung gekommen waren, und die
man noch vervollkommnen würde, die sittliche und politische Berechtigung
des Klerus, in die Wahlkämpfe aktiv einzugreifen. Da gab Rommelfangen
den Ton an. Die milde Verachtung, die er für die politischen Widersacher
zur Schau trug, stärkte die andern in ihrem Empfinden, daß sie auf der
Sonnenseite der Volksgunst saßen.
„Was wollen sie uns anhaben? Wir haben erst angefangen, die Reserve an
Kraft, die für uns im Volke aufgespeichert liegt, mobil zu machen. Daran
müssen wir festhalten, meine Herren! Es ist für unser Volk sittliche
Pflicht, der politischen Weisheit der Kirchengewalt Folge zu leisten.“
„_Vivant sequentes!_“ sagte der lustige Kaplan darauf augenblinzelnd und
stieß mit einem der jungen Advokaten an. Und er lachte dazu breit und
behäbig, daß sich ihm der Mund bis an die Ohrläppchen spaltete.
Plötzlich machte er ein tiefernstes Gesicht, das freilich von seinen
weinseligen Äuglein auffällig dementiert wurde. „Von heute ab steht auch
der liebe Herrgott bei unserm Freund Peppinger in der Kreide,“
medisierte er halblaut weiter.
„Wieso?“
„Heute hat ihm der liebe Herrgott nämlich ein Amt gegeben, aber den
Verstand dazu bleibt er ihm bis auf weiteres schuldig.“
„Sie sind wieder losgelassen, Herr Kaplan,“ sagte Peppinger, der gerade
hinzutrat und den Herren sein volles Glas entgegenhielt.
„Hoch sollen Sie leben, Herr Peppinger!“ sagte der Kaplan, und seine
Augen sprühten Ausgelassenheit. „Und jede Woche einmal sollen Sie in die
Kammer gewählt werden, und der Segen des Herrn sei über Ihnen, über
Ihrer Familie, über Ihrem Kassenschrank, Ihren Wiesen, Wäldern und
Feldern – und über Ihren Kartoffeln,“ setzte er weniger laut inmitten
des Gläserklingens hinzu.
Die Gruppe Rommelfangen billigte dieses geräuschvolle Gehabe nur halb
und wartete, bis der Lärm sich gelegt hatte, um in ihren ernsten
Erörterungen der Sachlage fortzufahren. Aber der Herr Chefredakteur kam
herüber und suchte Anschluß an die angeregte Unterhaltung.
„Wa–as sagen de– denn Sie zu unserm Wa–ahlsieg?“ begann er leutselig und
seine Blicke befingerten erregt seine Nasenspitze.
Kaplan Schramm meinte, mit solchen Trümpfen in der Hand sei ein Spiel
nicht zu verlieren gewesen.
„Allerdings,“ sagte Rommelfangen, „und die Geschichte mit Kaß hat den
Gegnern vollends den Rest gegeben.“
Der andere meinte, die sei doch reichlich durch die Geschichte mit
Heinen aufgewogen.
Rommelfangen hatte das Gefühl, daß er in eine Gesellschaft geraten sei,
die seine Überlegenheit nur bedingt anerkannte. Ja, leider Gottes, die
Geschichte mit diesem unseligen Heinen! Aber zum Glück sei das Volk noch
nicht so, daß es einen unwürdigen Priester gleich dem ganzen Stand an
die Rockschöße hänge.
Die Jüngern waren herüber gekommen, und Dr. Feller sagte, man könne Fenn
Kaß doch wirklich nicht mit einem Menschen wie diesem Heinen
gleichstellen. „Ich kenne Kaß genau. Wenn er austrat, so konnte er
sicher nicht anders. Dafür lasse ich mir die Hand abhacken.“
„Ach was, es ist die alte Geschichte: Die Weiber, die Weiber und wieder
die Weiber!“
Fenns Sachwalter wurde warm, und man merkte, er hatte die andern hinter
sich. „Bei Kaß waren es nicht die Weiber und nicht das Weib. Die
Geschichte, die über ihn herumgetragen wird, ist sicher erlogen. Ich
habe Anhaltspunkte. Kaß ist ein ernster Mensch, der nur aus ernsten
Motiven handelt, und in meiner Gegenwart“ – der junge Kaplan erhob die
Stimme – „lasse ich nichts auf ihn kommen.“
Rommelfangen geriet ins Stottern. Auf geredeten Widerspruch war er nicht
eingeübt, und er drehte diesem Kreis junger Besserwisser den Rücken.
Pfarrer Schlunz, eine schwere Zigarre im Mundwinkel, trat zu dem Kreis
heran. „Sprecht ihr von dem Kaß? Dem fehlte weiter nichts, als daß ihm
zu wohl war. Ich wollte, ich wäre nur einen Tag lang der liebe Herrgott,
ich würde euch den Kaß schon mürbe kriegen. Der sollte mir schon lernen,
was es heißt: _Manus domini tetigit me!_“ Pfarrer Schlunz stellte sich
den lieben Gott mit einem strengen Gesicht auf dem Kutschbock des
Weltalls vor, wie er seine störrischen Pferde mit Zügel und Peitsche
bändigt und den braven doppelte Haferportionen in die Krippe schüttet.
Er hielt für seine Person darauf, sich jeden Tag seine doppelte Portion
zu verdienen.
„Wenn ich an Pfarrer Brendels Stelle wäre,“ redete der junge Kaplan an
seinem fidelen Oberkollegen vorbei, „so würde ich es nicht dulden, daß
in Brebach in dieser abscheulichen Weise gegen Kaß agitiert wird.“
Die andern lächelten. Sie wußten, wo Pfarrer Brendel in diesem Fall mit
seinem Einspruch anfangen müßte.
„Es könnte uns nichts schaden, wenn wir unter uns viele von der Sorte
Kaß hätten. Ich will ihm ja nicht recht geben, aber mit seinesgleichen
kämen wir sicher weiter.“
„Du, paß auf,“ sagte warnend ein Konfrater. „Du hast vielleicht recht,
aber der Wind von oben geht gegen diese Richtung. Brendelsche Observanz
– da liegt heute das Heil.“
Es entstand Schweigen in dem kleinen Kreis der Jüngsten, und sie gingen
bald auseinander, seelisch gebückt, wie Fenn gesagt hatte, mit dem
Gefühl, daß sie an die Decke stießen, wenn sie sich aufrichten wollten.
* * * * *
Der Spätnachmittag hatte sich gewittrig angelassen, um Sonnenuntergang
war es mit Blitz und Donner und Regendrusch losgebrochen und bis spät in
die Nacht hinein war es am Himmel von Nachhut-Scharmützeln der
zersprengten Wolkenheere nicht stille geworden.
Fenn Kaß schlief unruhig. Sein Zimmer ging nach dem Mühlenbau. Von fern
hörte er manchmal in das Rauschen des angeschwollenen Baches hinein, der
unweit noch in seinem alten Bette vorbeifloß, das Gegröhle der
heimkehrenden Brebacher. Er merkte die Absicht, mit der sie gerade vor
seinem Haus ihre Hochrufe auf Peppinger ausbrachten. Allmählich wurde
das Gejohle seltener und gegen Mitternacht verstummte es ganz.
Im Morgendämmer erwachte Fenn und richtete sich erschrocken in seinem
Bett auf. Er hatte geträumt, man hätte ihn bei lebendigem Leibe in den
Sarg gelegt und begraben. Er hatte die Erdschollen auf dem Sargdeckel
poltern gehört, das Geräusch war immer dumpfer geworden und dann war auf
einmal alles totenstill um ihn gewesen. Er stemmte sich mit aller Kraft
gegen die Last über seiner Brust und saß plötzlich wach, schweißgebadet
in seinem Bett. Der Druck über seiner Brust hatte aufgehört, aber das
unheimliche Gefühl der Totenstille um ihn her war nicht gewichen. Der
Bach war verstummt. Statt des verstärkten Rauschens, das Fenn noch vor
wenigen Stunden vernommen hatte, war unheimliche Stille vor seinen
Fenstern. Er hatte die Empfindung eines, der zu spät an die Bahn kommt
und statt des aufgeregten Getriebes einer Zugabfahrt leere Hallen
findet, oder der bei der Heimkehr entdeckt, daß seine Zimmer ausgeraubt
sind. Dann wurde ihm langsam der Zusammenhang klar: Der Bach war in den
Höhlenweg durchgebrochen. Aufgeregt fuhr er in die Kleider und stürzte
hinaus.
Da kam ihm auch schon Wöllem entgegen. Der treue Alte kraute sich
hinterm Ohr und sagte: „Et aß eppes net an der Reih’.“
Fenn erklärte ihm, daß der Bach ausgebrochen sei. Aber Wöllem schüttelte
den Kopf. Von selber sei das nicht passiert. Da müßten ein paar gute
Leute nachgeholfen haben.
„Jetzt heißt es vor allen Dingen, dem Wasser einen Abfluß schaffen,“
sagte Fenn mit ruhiger Bestimmtheit. Er ging mit Wöllem an die Stelle,
wo durch die Grundmauer des Turbinenhauses heraus die Öffnung für die
Ableitung schon gebrochen war und heute die Röhren gelegt werden
sollten.
„Hier muß dicht von der Mauer an ein Graben nach dem alten Bach
ausgeworfen werden. Ich laufe zu den Kamps und zum Niegela, daß sie dir
helfen, vielleicht schafft ihr es noch weit genug, ehe oben der
Höhlenweg voll läuft, sonst ersäuft uns am Ende die ganze Anlage.“
Wöllem holte seine Spitzhacke und machte sich an die Arbeit. Fenn
alarmierte die andern und lief dann hinauf zu dem Durchstich. Er sah im
Morgenzwielicht auf den ersten Blick, daß es nicht möglich war, hier den
ungestümen Wasserdruck abzudämmen. Und er sah auch, daß der Bach nicht
von selbst durchgebrochen war. Von der Schlucht her war das Erdreich
kunstgerecht mit Hacken und Schaufeln ausgeworfen, bis die Erdmauer so
dünn gewesen war, daß sie von dem Wasserdruck niedergeschwemmt werden
mußte. Im Umkreis war der Boden von vielen Tritten zerstampft,
Zigarrenstummel lagen umher und auf einem Zaun hing eine Sonntagsjacke
und ein Hut, die Fenn leicht als Eigentum des Ruß erkannte. Am
Wasserstand sah er, daß unten am Turbinenhaus die Katastrophe in
drohende Nähe gerückt, wenn nicht schon eingetreten war, und er lief
Trab bis zur Mühle. Leute kamen ihm aus dem Hoftor entgegen, die
verlegen auswichen. Weiter hinab, am Turbinenhaus, stand eine Gruppe
bewegungslos im Kreis, und jetzt sah er auch, daß die Mauer, unter der
die Ableitung durchführen sollte, in einer Breite von mehrern Metern bis
unters Dach hinauf eingestürzt war. Durch den Spalt und über die Trümmer
ergoß sich schäumend und quirlend das vom Gewitterregen gelbe Bachwasser
und suchte in breitem Gerinsel einen Weg in sein altes Bett. Als Fenn
keuchend die Gruppe anlief, teilte sich der Kreis und er sah den alten
Wöllem leblos an der Erde liegen. Haare, Gesicht und Kleider waren mit
trockenem Mörtel überpudert, wo das Wasser nicht darüber gewaschen
hatte, auf der Brust sah man den Abdruck eines schweren Mauerklumpens
und aus einem Mundwinkel sickerte dem alten Mann eine dünne, hellrote
Blutrinne an der Kinnlade herunter.
Da gab es nicht viel zu fragen. Die breit unterspülte Mauer war
heruntergerutscht, ihre obern Teile im Bogen herausschleudernd. Die
Kamps hatten gerade noch gesehen, wie Wöllem, seine Spitzhacke
nachschleppend, aus dem Bereich der stürzenden Trümmer schwerfällig
enteilen wollte, hinfiel, sich herumwarf und eines der Mauerstücke, die
mit krummem Staubschweif durch die Luft flogen, voll auf die Brust
bekam.
Fenn kniete nieder und suchte Wöllems rechte Hand. Er drückte sie erst
bewegt an die Lippen, dann suchte er nach dem Puls, legte sich flach auf
die Erde und preßte das Ohr an die linke Seite des Verunglückten. Dann
stand er auf und sagte: „Es muß jemand zum Arzt.“
Mehrere junge Bauern meldeten sich linkisch, die sogleich fahren
wollten. Sie sahen aus wie Leute, die ein schlechtes Gewissen haben.
„Geht,“ sagte Fenn, „macht es unter euch aus, wer am schnellsten zurück
sein kann.“
Sie liefen aus dem Tor. Der Leblose wurde ins Haus getragen, wo Mutter
Kaß in der Stube schon eine Matratze und Kissen für ihn hergerichtet
hatte. Jetzt sah Fenn erst, daß er Hut und Rock des Ruß mitgebracht
hatte. Er verwahrte sie in seinem Zimmer. Nachdem Wöllem in der
Wohnstube gebettet war, ging Fenn ins Turbinenhaus. Der Schaden war
nicht so groß, wie es auf den ersten Augenblick geschienen hatte. An den
Maschinen war nichts verdorben, in der Hauptsache war wohl nur die Mauer
aufzubauen. Draußen standen sie schon wenigstens ein Dutzend mit
Schaufeln und Hacken, um dem Wasser seinen Weg nach dem alten Bett zu
bahnen, wohin die Ableitung gehen sollte.
Der Arzt konnte dem alten Wöllem nicht mehr helfen. Der ganze
Brustkasten war platt gequetscht. Fenn saß bei der Leiche seines alten
Freundes und seine Gedanken durchmaßen eine Welt, darin der Weg in
weitem Umkreis von Rache und Vergeltung zu Verzeihung führte. Lange sann
er nach, wie ihm all die rohen Gesellen, die ihm den Untergang
geschworen hatten, für das Leben des armen Alten büßen sollten. Er
starrte in das stille Antlitz, in dem die Oberlippe an der einen Seite
ein wenig heraufgezogen war, mit einem Ausdruck des plötzlichen Schrecks
und der Reflexbewegung der Abwehr. Und er legte sich in Gedanken
zurecht, wie er die Mörder überführen würde, wie sie angstschlotternd
vor Gericht stünden und im Gefängniswagen abgeführt würden. Der Tote,
der so viel kleiner, ärmlicher schien, als da er noch aufrecht im Hause
herumging, kam Fenn vor wie eine handgreifliche Schmach, die ihm seine
Widersacher angetan hatten, wie eine Blutschuld, die er einfordern
müsse. Die Nacht wurde stiller, und in Fenns Seele legten sich die
schmerzhaften Rachegedanken. Seine Feinde? Was waren sie denn letzten
Endes anders als arme Menschenbestien, die auf der Stufe ihres Erkennens
und Empfindens kaum etwas Strafbares zu vollbringen gedacht hatten? Und
er? War er nicht der ganz Freie, der über seinem Tun und Lassen nur die
höchsten ethischen Gesetze wollte walten lassen? Sollte er das kostbare
Gefühl der Rache, dem das Beste gerade gut genug sein muß, an diese
Ärmsten verschwenden, deren Feindseligkeit ihm gegenüber kaum bewußter
war, als die Feindseligkeit des Elementes, das sie entfesselt hatten?
Aber auch bei dieser Etappe der milden Verachtung blieben Fenns Gedanken
nicht stehen, und als der bleiche Morgen in die Leichenkammer schien,
hatte sich in ihm alles in schönes, starkes Mitleid aufgelöst, und die
Tränen, die er seinem alten Wöllem nachweinte, flossen aus dem Quell
geläuterter Menschlichkeit.
* * * * *
Als der Ruß am Abend des Wahltags mit seinen Kumpanen gröhlend nach
Hause gekommen war, hatte die ganze Schar im Wirtshaus neben der Kirche
noch Licht gesehen. Sie fanden dort andere betrunkene Wähler und ganz
allein an einem Tisch den Niegela, der heute seinen durstigen Tag gehabt
hatte und gesprächig war. Ihre derben Neckereien beantwortete er mit
gutmütiger Abwehr, und als man auf die Arbeiten am Bach zu reden kam,
tat er damit dick, daß er heute den Durchstich angefangen hätte, und
wettete, daß er bis Samstag damit fertig wäre. Der Ruß hatte die Wette
gehalten und mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen immer wieder
gelallt: „Niegela, ich wette eine Runde, daß du bis Samstag den
Durchstich nicht fertig machst.“
„Ich wette sechs.“
„Niegela, hörst du, du machst bis Samstag den Durchstich nicht fertig, –
eng Tourni gewa’t!“
„Sechs Tourni’en!“
So war mit schwerfälligen Zungen die Rede hin und her gegangen, bis
Niegela sich empfahl. Auch der Ruß hatte mit seinem Anhang das Wirtshaus
verlassen. Draußen erklärte er den andern, wie er die Wette meinte.
„Wir kehren den Bach gleich selbst in den Höhlenweg.“ Nondidjeß! was der
„gefehlte Paaf“ dann morgen früh für ein Gesicht schneiden würde! Und:
jo! jo! waren alle einverstanden. Sie holten Werkzeug und machten sich
alle an die Arbeit. Sie gruben und schaufelten, daß ihnen der
Alkoholschweiß aus allen Poren perlte. Ab und zu ein kurzer Fluch, ein
ersticktes Lachen: bis das Wasser zischend durch eine schmale Öffnung
schoß und im Nu den letzten Wall mitwegriß.
„_Sauve qui peut!_“ lachte der Ruß und nahm zuerst Reißaus.
Ruß und seine Kumpane schliefen in den hellen Morgen hinein und als sie
mit dumpfen Schädeln erwachten, war das erste, was sie hörten, die
Nachricht von der eingestürzten Mauer, die Kaplans Wöllem totgeschlagen
hatte.
Das fuhr ihnen in die Glieder. Voller Angst und Katzenjammer suchte der
erste den zweiten auf, zu den zwei ersten kam der dritte, und einem
psychologischen Naturgesetz folgend waren sie bald ziemlich vollzählig
mit andern Dörflern oben an dem fatalen Durchstich.
So im hellen Tageslicht und aus nüchternen Augen sah sich die Geschichte
doch verflucht unheimlich an. Sie hatten bald weg, daß es gut sei, wenn
um den Graben herum möglichst viele Leute das Erdreich zerstampften,
damit ihre Spuren verwischt würden. Freilich, die ausgeworfenen
Erdhaufen auf beiden Seiten, die konnten nicht von selbst entstanden
sein. Aber man schien anzunehmen, daß die von der Arbeit des Niegela
herrührten. Nirgends wurde die Vermutung laut, daß da etwas nicht mit
natürlichen Dingen zugegangen sein könnte. Auch Fenn Kaß war dagewesen,
hatte die Schuldigen mit seltsamem Blick gemessen, besonders den Ruß,
aber auch mit keinem Sterbenswörtchen auf ihren Schurkenstreich
angespielt.
* * * * *
Im Laufe des Vormittags kam zu Fenn Kaß einer von den Brüdern Kamp, der
ihm etwas sagen wollte. Erst konnte der Bursche nicht mit der Farbe
heraus. Schließlich brachte er sein Anliegen vor: Der alte Wöllem hatte
seit Menschengedenken seine Ostern nicht gehalten und würde ohne
Geistlichkeit begraben. Da war ja nun mal nicht dran zu tippen. Aber daß
ihm die Totenglocke nicht geläutet worden war, das war nicht in Ordnung,
da hätte Fenn sich drein legen müssen.
Fenn besann sich. Ja, das war ihm entgangen, daran hatte er nicht
gedacht. Der junge Kamp sagte, daß sich die Leute im Dorf darüber
aufhielten. Die meisten sagten, ein jeder Tote verdiene, daß für ihn die
Glocke geläutet werde.
„Wir haben beim Bürgermeister angefragt, er hat uns erlaubt, noch
nachträglich die Sterbeglocke zu läuten.“
„Nun, und?“
„Der Küster gibt den Schlüssel nicht her und an der Tür zum Glockenturm
steht der Ruß mit ihrer einem halben Dutzend und läßt niemand heran.“
„Komm,“ sagte Fenn Kaß.
Er ging zum Schmiedeanton und lieh sich den dicksten Zuschlaghammer aus.
„Den trägst du, Tedi.“
Dann schritt er mit Bedacht durch die Dorfstraße, die Kirchentreppe
hinauf unter den Kastanienbäumen her, bog links in den Kirchhof ein und
ging auf die Männer zu, die sich vor der Tür zum Glockenturm angesammelt
hatten.
„Hat einer von euch den Turmschlüssel?“
„Ja, aber du kriegst ihn nicht!“ sagte trotzig der Ruß.
„Das habe ich euch nicht gefragt. Wer hat den Schlüssel?“
„Der Küster.“
„Will der Küster die Tür aufschließen?“
„Wozu?“
„Ich will für unsern Wöllem die Sterbeglocke läuten.“
„Der braucht keine Sterbeglocke,“ sagte der Ruß.
„Freilich brauchte er heute keine, wenn es keine Schurken in Brebach
gäbe. Wollt ihr Platz machen?“ Keiner rührte sich. Sie sahen einander
mit verlegenem Hohn von unten herauf an, behielten die Hände in den
Taschen, und die am weitesten abstanden, rückten näher zur Mitte, um die
lebende Wehr vor der Tür zu verstärken.
Was Fenn Kaß jetzt tat, tat er mit kaltem Blut. Er war seiner Sache ganz
sicher, so sicher, daß er Wort für Wort im voraus hätte aufschreiben
können, was jetzt kam. Er war sich bewußt, daß ihm das Geschick einen
Augenblick geschenkt hatte, in dem er vollenden konnte, was ihm sonst in
Jahr und Tag nicht gelungen wäre, und es stand auch ganz klar in seinem
Bewußtsein, daß der alte Wöllem ihm diesen günstigen Augenblick um den
Preis seines Lebens erkauft hatte. Fenn Kaß hatte das Gefühl, daß es von
der Ausnutzung des Momentes abhing, ob er als Sieger oder als Besiegter
aus dem Kampf mit der rohen Einfalt dieser Menschen hervorging.
„Gut!“ sagte er. „Es geht um den Kopf. Ich weiß, vor mir stehen die, die
den alten Wöllem auf dem Gewissen haben.“
Einzelne suchten durch Ausspucken ihrer Erregung Herr zu werden.
„Ich war heute morgen früh oben am Eingang zum Höhlenweg. Ich weiß, wer
den Bach abgeleitet hat.“
„Einen Dreck weiß er!“ sagte ingrimmig der Ruß.
„Ich habe die Spuren von euren Tritten und eure Zigarrenstummel
gefunden.“
„Damit lauf dich warm.“
„Und einer von euch – ich kenne ihn – hat seinen Rock und Hut an einem
Zaun hängen lassen. Ich habe sie zu Haus und brauche sie nur den
Gendarmen auszuhändigen, so wißt ihr, was euch blüht.“
Dem Ruß hatte es einen Ruck versetzt, er war fluchend mit der Hand an
die Mütze gefahren.
„Wollt ihr mich durchlassen?“
Noch immer rührte sich keiner.
Da griff Fenn nach dem Zuschlaghammer und schwang ihn mit einem Griff
hoch über den Kopf, wie ihn seine Vorfahren über den Amboß geschwungen
hatten. „Die Sterbeglocke wird geläutet,“ schrie er ihnen ins Gesicht,
„und ist es nicht für den alten Wöllem, dann ist es für den, der ihn auf
dem Gewissen hat!“
Sie sahen seine Augen funkeln, der Hammer stand hoch über ihren Köpfen,
sie bückten sich und schlichen zur Seite, und dann sauste der eiserne
Würfel gegen die Tür, daß sie splitternd und krachend aus dem Schloß
fuhr.
„Ja, da war nichts zu machen,“ sagte der Ruß, „der hätte mir wahrhaftig
den Schädel eingeschlagen.“
Sie blieben stehen, während Fenn und der junge Kamp die Totenglocke
läuteten.
Ein eigentümlich lastendes Gefühl bannte sie zur Stelle. Es war ihnen,
als käme ein unheimliches Geschick auf sie zu, dessen sie sich nicht
erwehren könnten, das sie gar nicht fragte, ob es ihnen paßte oder
nicht, daß es ihnen an den Kragen wollte. Sie wußten ja, der Tote dort
unten in der Mühle, das war ihr Toter, den hatten sie auf dem Gewissen.
Ja, wenn das nicht gewesen wäre, dann hätte es für den Kaß vorhin kein
Mittel gegeben. Aber wie er so dastand – Donnerwetter ja, da hatte es
sie wirklich geschüttelt. Das hatte von der Erinnerung an den
geistlichen Herrn den Rest, aber auch den letzten Rest weggewischt. Die
Gebärde hatte ihn mit einem Ruck an einen andern Platz gestellt. Der war
Geist von ihrem Geist, Fleisch von ihrem Fleisch, der brauchte auch
seine Fäuste, der war ein „Weltlicher“. Und doch, um wieviel anders als
sie!
„Jungens,“ sagte der Fritt, „wir liegen im Dreck, der kann uns am Ende
alle ins Gefängnis bringen.“
„So ist er nicht,“ meinte kleinlaut ein anderer.
Der Fritt besann sich noch eine Weile. Dann löste er sich schweigend von
der Gruppe, trat in den dunkeln Turm und sagte: „Herr Kaß, lassen Sie
mich ein wenig helfen.“
Fenn war es zufrieden. Er ging zu den andern hinaus und sagte: „Ruß, Ihr
könnt heute abend kommen und Euern Hut und Rock abholen.“
Der Ruß sah eine Weile beharrlich auf den Boden, dann mit unsicherm
Blick Fenn in die Augen. Er fand darin keine Rachsucht und keine
Schadenfreude, nur ruhige, gütige Überlegenheit. Da bekam der Ruß ein
merkwürdiges Zittern in die Lippen und in die Hand und sagte grimmig:
„Jongen, ech sin en niderträchtegen Hond!“ – – „An dihr seid net vill
besser,“ fügte er nach einer Weile hinzu.
Pfarrer Brendel hatte das Läuten vernommen und kam aufgeregt mit
rauschender Soutane gegangen: Was denn das heiße, für wen denn die
Sterbeglocke geläutet werde?
Gerade hatte der Ruß sich eines Seiles bemächtigt, und zog daran, als
müsse er sich Verzeihung für seine Missetat vom Himmel herunterreißen.
„Heraus aus dem Turm!“ herrschte Pfarrer Brendel ihn an.
„Geben Sie acht, Herr Pastor,“ warnte der Ruß gutmütig, „das Seilende
schlenkert so arg, sehen Sie, das könnte Sie treffen.“ Und er zog, daß
die Glockenschläge mit seltsam hellem Klang übers Dorf flogen. Und bei
jedem Zug tat er einen Schluchzer und sagte: „O ech niderträchtigen
Hond!“ und die hellen Tränen kullerten ihm über sein Kalmückengesicht.
Abends holte er seinen Rock und Hut ab. Und er hatte mit Fenn Kaß ein
langes Gespräch, in dem er nicht müde wurde, ihm zu versichern, sie
hätten ihn nicht gekannt, sie hätten gemeint, er sei so ein gewöhnlicher
entlaufener Pfaff, der den schwarzen Rock aus liederlicher Gesinnung
ausgezogen habe und nirgend gut tue. Aber jetzt hätten sie ihn kennen
gelernt.
Wieso sie ihn denn kennen gelernt hätten, fragte Fenn.
Ei, wie er so dagestanden sei mit dem Hammer. „Da habe ich gesehen, Sie
sind einer, der den Biß hält. Mit den Menschen ist es so: die einen tun
Arges aus Mut, und die andern aus Feigheit. Den einen, denen kann man
immer wieder gut sein, aber die andern, die sollen mir zehn Schritt vom
Leibe bleiben.“
„So,“ sagte Fenn, „und wie war das mit eurem Schurkenstreich von gestern
nacht? War das Mut oder Feigheit?“
Der Ruß machte ein klägliches Gesicht und sagte: „Das war der Suff, Herr
Kaß.“
Und dann ging er hinunter in die Stube und betete zehn Vaterunser an der
Bahre des alten Wöllem und schlug mit dem Buchsbaumzweig aus dem
Weihwasserglas ein großes Kreuz über das weiße Laken, auf dem die
bleichen, schwieligen Hände des alten Tagelöhners mit dem
hindurchgeschlungenen Rosenkranz ineinandergefaltet ruhten.
* * * * *
Der alte Wöllem hatte das schönste Begräbnis, das Brebach je gesehen
hatte. Die männliche Jugend schlug sich um die Ehre, seinen Sarg zu
tragen, die Frauen plünderten ihre Blumengärten und wetteiferten im
Binden der prächtigsten Totenkränze, die Feuerwehr erwies ihm in Gala
die letzte Ehre, der Gesangverein sang am offenen Grabe „Wie sie so
sanft ruh’n“, und der Ruß ließ es sich nicht nehmen, dem Pfarrer zum
Trotz mit seinen Kameraden während des ganzen Leichenzuges die Glocken
zu läuten, so schwungvoll und taktfest, wie sie in Brebach noch nie
geläutet worden waren.
Theo, der im Automobil zur Beerdigung gekommen war, wußte sich vor
Staunen nicht zu fassen. „Deine Brebacher sind umgewendet, wie ein
Handschuh,“ sagte er, als er nachher mit Fenn und Frau Kaß bei Tisch
saß.
Fenn erzählte ihm, wie er mit den Rädelsführern va banque gespielt
hatte.
„Es konnte aber doch schief gehen,“ meinte Theo.
„Nein, das war ausgeschlossen. Dafür kenne ich die Leute. Salbungsvoller
Zuspruch hätte es nicht getan, selbst dann nicht, wenn ich ihnen völlige
Verzeihung in Aussicht gestellt hätte. Dann war ich der Schwächling, der
sich des Schutzes der Soutane nicht hätte begeben dürfen. Es brauchte
eine starke Zornesgebärde. Meine war freilich ein bißchen von des
Gedankens Blässe angekränkelt, aber das merkten sie nicht.“
Und dann sagte Fenn weiter: „Ohne meinen guten alten Wöllem hätte ich
noch Gott weiß wie lang auf den Granit der bäuerlichen Starrnackigkeit
gebissen. Er hat mir recht wie ein Winkelried die harten Spieße
gebrochen, die sie mir entgegenreckten, um mir ihre Herzen zu
verschließen.“
* * * * *
Die Freunde saßen noch lange auf.
„Du mußt an deine Zukunft denken,“ sagte Theo.
„Sie braucht nicht schöner zu werden, als meine Gegenwart.“
„Doch, Fenn. Erinnerst du dich, wie ich dir sagte, ihr seid zu vier von
Wiesing ausgezogen, um in einer höhern Kulturwelt heimisch zu werden,
und du seist der einzige, der nicht am Wege verkommt. Ich dachte an dich
für meine Talsperre im Ösling, aber das wäre auch nur halbe Arbeit. Ich
habe in Aachen Polytechniker gekannt, die älter waren, als du jetzt
bist. Du mußt Ingenieur werden.“
Fenn saß eine Weile, die Ellenbogen auf den Knien, das Kinn in beide
Hände gestützt.
„Nein, nach Aachen möchte ich nicht.“
„Warum?“
„Ich kenne Aachen nur vom Hörensagen. Aber in dem Namen klingt mir etwas
mit, wobei mir unbehaglich wird. Ein Widerhall aus der Umwelt, der ich
entronnen bin. Der Name riecht nach Weihrauch, und davon habe ich für
eine Weile grade genug.“
Nach einer Pause sagte Theo:
„So geh nach München. Ich glaube, da gehörst du hin. Da haben sie
schließlich noch am stärksten den Willen bewahrt, sich nicht mit der
einheitlich mitteleuropäischen Sauce begießen zu lassen. Da findest du
noch die Hülle und Fülle von Menschen ohne geistige und seelische
Bügelfalten.“
„Und die Berge sind so nahe, habe ich oft gelesen.“
„Ach ja, geh nach München, vorerst wenigstens.“
„Was sagst du dazu, Mutter?“
„Mir ist alles recht,“ sagte Frau Kaß versonnen lächelnd. „Ich war eben
dabei, über deine Ausstattung nachzudenken. Es ist mir um den Sinn just
wie vor vierzehn Jahren, als du zuerst in die Stadt kamst. Ja, man hat
seine Last mit euch Buben.“
* * * * *
An einem kühlen Oktobermorgen desselben Jahres fuhr Fenn Kaß gen
München. Als er in der Frühe in seinem Abteil dritter Klasse erwachte,
wälzten sich Nebelschwaden über der Ebene, durch die der Zug rasselte.
Er sah durch das linke Fenster hinter dem Nebel eine wunderbare
Erscheinung: Den Sonnenball, der riesengroß auf der verschleierten
Horizontlinie lag, strahlenlos glühend, wie eine rote Kohle. Er hing
nicht in der Luft, er lag auf der Erde und rollte durch den Nebel
langsam auf Fenn Kaß zu. Und so ungeahnt wie jenes neue Sonnenwunder
dünkte es diesen, daß sein Leben eine so unerhörte Wendung genommen, daß
eine Zukunft, die er niemals zu erträumen gewagt hatte, jetzt mit
rotglühenden Hoffnungen und Verheißungen vor ihm lag, als könne er sie
mit Händen greifen.
Während die Stadt zu ihrem Tagewerk erwachte, trat er aus dem Bahnhof
hinaus in ein fremdes Leben, das vor ihm mit verwirrenden und nie
gehörten Geräuschen seine Weberschifflein durcheinander warf. Fenn Kaß
war niemals zuvor in einer Großstadt gewesen. Er brauchte Zeit, sich zu
fassen, und kam nur langsam vorwärts. Alles war ihm neu, für alles hatte
er Interesse. Nicht das Interesse der Neugier. Aber jede Wahrnehmung
setzte sich wie ein neues Teilchen an die starke Überzeugung fest, zu
der sich sein Denken an jenem Morgen kristallisierte: die Überzeugung,
daß er jetzt erst in das Leben eingetreten war, in dem das reiche
Rohmaterial zu seinem Glück lag. Und er faßte sein Glück als die
Fähigkeit, dies Leben zu meistern, in ihm bis an die Stelle sich
durchzusetzen, wo er mit seiner besten, eigensten Kraft das Größte würde
schaffen können.
Er sah gespannt in die Gesichter der Menschen, die an ihm vorbeigingen.
Es waren nicht, wie sonst, die Augen der Menschen, die ihm auffielen, es
waren ihre Münder. In diesen lag der Ausdruck, der ihm das Rätsel einer
jeden Individualität aufgab. Genießerisch, roh, brutal, entschlossen,
fein, ironisch, herrisch. Es fiel Fenn Kaß zum erstenmal auf, wie all
das sich in den Mündern der Menschen ausprägte. Und er las weiter in
allen Gesichtern die Bestimmtheit, mit der ein jeder wußte, was ihm
oblag. Er las in dem einen die Gewohnheit des Befehlens, in dem andern
die Gewohnheit des Gehorchens. Die Herrschenden und die Dienenden, alle
trugen ihre Bestimmung zur Schau, und wieder ward er sich glücklich
bewußt, daß er einer Welt entgegenging, in der sich sein Inneres
heimisch fühlen würde. Er dachte an sein Gespräch mit Putty Heinen.
Organisation! Ja! Hier war sie, fein gegliedert und kompliziert, aber
nicht willkürlich zu willkürlichem Zweck geschaffen, sondern vom Leben
selbst als Notwendigkeit gewollt, ein wundervolles Ineinandergreifen
freier Kräfte, die jede naturnotwendig an der Aufgabe wirkten, der sie
gewachsen und für die sie geschaffen waren. In solchem Ganzen wollte er
sich nicht beengt und begrenzt, sondern gehoben und getragen fühlen, da
würde die Wucht des ganzen Organismus ihn mit Schöpferwollust
durchzittern, weil seine Kraft als Teil der Allkraft an der richtigen
Stelle mitzeugend wirken würde.
So kam er ans Isarufer. Und wie das Phänomen der Kraft im ganzen Verkehr
der Straße um ihn sang und klang als sein Wesenston, den ihm die Dinge
wiedertönten, so nahmen am Wehrsteg die stürzenden Wassermassen seine
aufgeregte Einbildungskraft gefangen. Von einigen Regengüssen und dem
Neuschnee, den die letzten ungewöhnlich lauen Tage geschmolzen hatten,
war der Fluß angeschwollen und seine schwere, ungestüme Masse drängte
leidenschaftlich zu Tal.
Fenn Kaß stand auf dem leise zitternden Steg und schaute hingenommen auf
das seidenglatte Gleiten der Wassermauer, an der das Schaumgekräusel
vergeblich emporzuklettern suchte, in das Fliehen der Wogen, die nach
dem rauschenden Erlebnis des Sturzes eilig weiterschossen. Traumhaft und
massig stand im Morgennebel der werdende Neubau des Deutschen Museums
mitten im Fluß. Fenn Kaß bestimmte den ragenden Schatten nach seinem
Plan. Er dachte daran, daß jener Bau die Stätte sein solle, von der aus
in die Massen das Bewußtsein von der wunderbaren Gesetzmäßigkeit aller
das All bewegenden Kraft dringe. Tausend glückliche Fäden spannen sich
zwischen der Welt und ihm, ein wonnevoller Stolz sprang in ihm auf und
schnürte ihm die Kehle, daß es fast wie Schluchzen klang, als er mit
einem wilden Laut seinem übervollen Herzen Luft machte.
„Bahn frei!“ schrie er jubelnd und trotzig in das Brausen der Isar.
Und in seinem Schrei klangen Sehnsucht und Erfüllungssicherheit.