Fenn lachte. „Läßt du dich so leicht bestechen?“

„Ich meine jetzt nur das Äußerliche. Das Innerliche steht ja freilich

auf einem andern Blatt.“

„Jawohl, das Innerliche, das steht auf einem andern Blatt.“

Hatte das nicht wie eine leise Enttäuschung geklungen? Theo sah besorgt

dem Freund ins Gesicht. Nein, er mußte sich geirrt haben. Es verriet

nichts, was danach ausgesehen hätte.

Man erzählte sich seine Lebensschicksale der letzten Zeit. Theo hatte

seit seinem letzten Zusammensein mit Fenn in einer großen französischen

Maschinenfabrik eine schöne Anstellung gefunden.

„Und Junge,“ sagte er voll froher Erregtheit, „es ist ganz anders

gekommen, als du es mir prophezeit hattest. Ich habe keine Vertretung

für Schmieröle, ich habe einen Wirkungskreis, der mir die tiefste

Genugtuung gibt.“

„Dann hast du recht, dich zu freuen. Was ist schließlich das Glück?

Einen Lebensberuf haben, der einem das zur Pflicht macht, was man am

liebsten und am besten tut.“

„Seine besten Kräfte regen dürfen und dafür belohnt werden, jawohl. Hör

mich an, Fenn. Dir sag ich es. Aber es ist vorläufig noch tiefes

Geheimnis. Meine Fabrik will aus Frankreich auswandern, die politische

Lage ist zu unsicher. Die Oberleitung hat ihr Auge auf Luxemburg

geworfen. Aber sie sucht eine ausgiebige Wasserkraft. Ich hab ihr

vorgeschlagen, im Ösling den nötigen Grund und Boden an der Sauer

entlang zu kaufen und eine Talsperre zu bauen. So ungefähr weiß ich

schon, wo und wie es ginge. Der Vorschlag hat den Leuten eingeleuchtet,

und ich bin hier, um unter der Hand die Sache einzufädeln, eventuell

Kompromisse zu schließen, Aufnahmen machen und was alles dazu gehört.

Was sagst du dazu?“

„Ich kann mir denken, wie du dich darüber freust. Da hast du wirklich

etwas Großes eingeleitet. Große Verantwortungen warten auf dich und

vielleicht ein großer Erfolg.“

„Ja, die Verantwortung, siehst du, das ist mir der beste Maßstab. Ich

messe den Mann an den Verantwortungen, die er nach reiflicher Überlegung

übernimmt.“

„Und wie weit bist du mit deinem Projekt?“

„So in großen Umrissen sind meine Berechnungen fertig. Wir bekämen für

unsere Fabrik die Pferdekräfte, die wir brauchten, und darüber hinaus

soviel, daß wir durch Fernleitung einen ganzen Umkreis noch mit Kraft

und Licht versorgen könnten.“

„Du kommst mir wie gerufen,“ sagte Fenn lachend. Und er teilte dem

Freund seine eigenen Pläne mit.

„Machen wir,“ ging Theo Schütz darauf ein. „Wir können ja das gleich

morgen an Ort und Stelle näher besprechen.“

Bei Tisch und während des Abends wurden Erinnerungen, Erlebnisse, Pläne

ausgetauscht. Fenn erfuhr, daß Theo Schütz, wenn sich seine Idee zu

einem festen Vorhaben verdichtete, vorläufig als Vertreter seiner Fabrik

nach seiner Heimat übersiedeln und das Projekt in zweckmäßiger Weise

vorbereiten sollte, während die Firma drüben langsam sich aus den alten

Verhältnissen lösen würde. Fenns Miniaturtalsperre fand des sachkundigen

Freundes vollste Billigung. Wenn Theo einmal im Lande wäre, würde man

der Sache ganz ernsthaft näher treten. Dann sprach man von den frühern

Schulgenossen. Fenn erzählte von Fritz Lampert, von Marjänni, die Theo

von früher kannte, und von Putty Heinen, der weit oben im Norden eine

Kaplanei verwaltete. Von sich sagte er nichts, die ganzen zwei Tage, die

Theo bei ihm blieb. Als dieser Abschied nahm, begleitete ihn eine

heimliche Sorge um den zurückbleibenden Freund. Er hatte ihn öfters

fragen wollen, ob er spüre, daß er im Leben wirklich an dem Platz stehe,

an den er gehörte. Aber er unterließ seine Frage, denn er konnte sich im

voraus die Antwort denken.

Beide standen vor dem Kaplanshaus und reichten sich nochmals die Hände.

Theo behielt die Hand des Freundes lange in der seinen. Und noch einmal

wollte die Frage über seine Lippen. Aber wie er ihn so dastehen sah,

mußte er denken: „Wenn Fenn Kaß spürt, daß er hier nicht hingehört, dann

wird er seiner Wege gehen.“ Und er ließ ankurbeln.

* * * * *

Die Beete im Gemüsegarten der Mutter Kaß leerten sich, die Astern und

Chrysanthemen verblühten, die Blätter wurden gelb, und in einer

Novembernacht kam ein Frost und räumte brutal mit all den zitternden,

greisenhaften Überbleibseln des Sommers auf. Durch Fenns Fenster, vor

dem ein Kirschbaum bis ganz zuletzt seine schlanken Blätter im Winde

geregt hatte, schien jetzt nüchtern das kalte, weiße Tageslicht, und

über dem Antlitz der Erde war nicht mehr das Geschleier schwankender

Schatten, das ihm so schön steht, wie wirkliche Schleier einem

Frauengesicht. In der Seelsorge bekam Kaplan Kaß angestrengter zu tun.

Während des Sommers und Herbstes hatten die Bauern keine Zeit, krank zu

werden. Jetzt lag bald hier, bald da einer oder eine darnieder, hatte

sich vertrunken oder verhitzt oder auf dem nassen Erdreich einen Schlaf

getan, der das Leben kosten konnte. Fenn kam in viele Krankenzimmer und

sah, wie hilflos diese Menschen waren, sobald sie nicht mehr

aufrechtstanden. Er begriff ihre Scheu davor, sich „zu legen“. Sie

hatten den Instinkt gewisser Vögel, die nicht auf flachem Boden

einfallen wollen, weil sie wissen, daß sie dann nur mit Mühe wieder

auffliegen können. Es ging gut, er brachte seine Kranken mit Gottes und

des alten Landdoktors Hilfe durch. Bis auf zwei, einen Goldkerl von

altem Bauer und das lahme Lieschen.

* * * * *

Der Alte trug im Dorfe den knorrigen Namen Schente’ Storrek. Er war

schon seit einem Jahr im Mark getroffen. Wenn er, im langen blauen

Kittel, das Dorf heraufkam, die Hacke geschultert, die kalte Pfeife mit

dem Kopf verkehrt im Mundwinkel, dann sah man gleich: den hat’s. Die

krummen Beine schlenkerten kraftlos, der Kittel hing schlaff auf dem

Gestell eines Körpers, der in der Hitze eines immerwährenden Fiebers

langsam bis auf die Knochen zusammenschmolz. Zuletzt saß der Storrek,

der ein alter Junggeselle war und seine Ländereien bis auf einen

Lieblingsacker verpachtet hatte, nur noch im Sonnenschein vor seinem

Häuschen mit den hellblau getünchten Fenstersteinen auf einem alten

Eichen-„Kill“ und hatte hinter sich auf der Fensterbank ein weißes

Porzellanpöttchen mit „Altem“ aus dem halben Fuder, das er vom letzten

guten Jahrgang her für sich aufgespart hatte. Aber der „Alte“ schmeckte

ihm nicht mehr, die Pfeife brannte er schon gar nicht mehr an. Er konnte

seine richtige Sorte Tabak nicht mehr finden, behauptete er, und der

Neue kratzte ihn im Hals. Die Nachbarkinder setzten sich manchmal auf

ein Weilchen zu ihm auf den „Kill“ und betrachteten neugierig seine

schweren Hände, an denen besonders ein paar abnorm große Daumen saßen.

Wenn er aber zu husten anfing, machten sie neugierig erschrockene

Gesichter, schoben sich verstohlen vom Sitz und gingen wieder um die

Ecke ihren Spielen nach. So hatte der Storrek draußen gesessen, bis ihn

die Sonne nicht mehr wärmen wollte. Dann hatte er sich hinter den Ofen

und zuletzt in sein Bett zurückgezogen. Fenn Kaß hatte ihm zugeredet,

und der Alte hatte sich denn auch „gelegt“. Als er das magere Knie auf

den Bettrand setzte, sagte er mühsam lächelnd: „Einsteigen nach

Kirchhofshausen!“ Fenn war bei ihm bis zum letzten Atemzug, der alte

Storrek starb als Philosoph. Fenn machte bei ihm einen schüchternen

Trostversuch und gab es dann auf. Er merkte, das war einer, der hatte zu

altern gewußt und würde zu sterben wissen, weil er zu reifen gewußt

hatte: „Wann et engem seng Zeit aß, da muß än dru’ gle’wen!“ sagte

Schente’ Storrek resigniert, und der Herr Kaplan sollte sich weiter

keine Mühe geben. Aber wenn er ihm eine Freude machen wolle, so solle er

ihm manchmal aus der Bibel etwas vorlesen. Der Storrek hatte eine alte

Allioli-Bibel, die er vor langen Jahren einem Hausierer aus Einsiedeln

abgekauft hatte, und Fenn Kaß las ihm daraus die Stellen vor, an denen

die Blätter am stärksten abgegriffen waren.

„Versteht ihr denn auch alles, Storrek?“ fragte er einmal.

„Alles nicht,“ sagte der Schente’ Storrek, „aber es lautet alles so

schön.“

Eines Nachmittags, als der erste Schneesturm durch die Gassen blies,

drehte der Storrek das Gesicht gegen die Mauer und entschlief, um nicht

mehr aufzuwachen.

Mit dem lahmen Lieschen hatte der Herr Kaplan es weniger bequem. Es war

noch im September mit dem großen Pilgerzug in Lourdes gewesen, und als

es wieder kam, hatte es vielen Leuten geschienen, als ginge es an seinen

Krücken wirklich leichter und lebhafter herum.

„Noch ein paarmal,“ sagte es, „dann kann ich zu Fuß zurückkommen.“ Es

hatte ein fixes Mundwerk. Seine dünnen Lippen streckten sich schmollend

vor und hatten etwas von einem Entenschnabel. Aber sein Mundwerk lag an

der Kette seines Gebrechens, und wenn das Lieschen gerade gut im Zug

war, spannte sich die Kette und es kroch mit einem vorwurfsvollen Au!

für ein Weilchen in stille Betrachtung zurück.

Das Lieschen wollte fortwährend getröstet sein. Es dachte noch nicht ans

Sterben. Es glaubte steif und fest daran, daß die Muttergottes von

Lourdes seine Beine ganz gerade und stark machen würde. Aber wenn es

einmal stürbe, und es käme in den Himmel – für diesen Fall wollte das

Lieschen genau wissen, wie es ihm droben ergehen würde, worin die Pracht

und Herrlichkeit bestand, die seiner dort wartete. Fenn Kaß konnte ihm

darüber nun nicht viel sinnlich Greifbares mitteilen, und Lieschen kam

seiner Phantasie zuhilfe. Sie schilderte lebhaft und mit viel

Vergleichen aus dem Kreis ihrer Umwelt, wie es aussehen würde. Gott der

Vater saß auf einem goldenen Thron und glänzte wie die Sonne, noch

heller, viel heller, aber man konnte ihn anschauen, ohne daß einem die

Augen weh taten. Über dies „Anschauen“ machte sich Lieschen viele

Gedanken, und es erwartete davon eigentlich die Hauptsache. Dabei war es

sicher, daß man es da droben wie eine alte, liebe Bekannte empfangen

würde, wie eine Kusine etwa, oder eine Tante, für die das ganze Haus zum

Empfang an den Bahnhof geht, und die das beste Zimmer im Haus bekommt.

Als es mit Lieschen zum Sterben kam, verlangte sie, so lange ihr

Bewußtsein und ihre Kräfte reichten, nur nach ihrer Arznei.

Zwischen diesen beiden Krankenstuben lernte Fenn manche andere kennen,

und er hatte dabei viel mehr die Gesunden für das Leben, als die Kranken

für das Sterben zu trösten. Im allgemeinen kam er sich angesichts des

Todes unsäglich überflüssig und ohnmächtig vor, und diesen Eindruck

hatte er am stärksten da, wo er es mit den wertvollsten Menschen zu tun

hatte. Er lernte einsehen: damit man einem andern auf dem Weg zum Tod

oder auf dem Weg durchs Leben wirklich etwas Besonderes sein kann, muß

man ihm näher gekommen sein, als er den Menschen in seinem Wirkungskreis

kommen konnte.

* * * * *

Theo Schütz wohnte seit November in Luxemburg. Er hatte seine alten

Beziehungen wieder angeknüpft und war bald mitten im Getriebe der

kleinen Hauptstadt. Er besuchte seinen Freund in Brebach häufig und

blieb oft tagelang bei ihm, um so öfter, je mehr er merkte, daß Fenn Kaß

seine Gegenwart brauchte. Er überzeugte sich mehr und mehr, daß Fenn

einem Scheideweg entgegenging.

Eines Winterabends saßen sie in Fenns Studierzimmer. Der Ofen brannte,

der Raum war voll der molligen Wärme, die nicht allein die Luft, sondern

alle Möbel und Mauern durchdringt.

„Ich kann mir nichts Gemütlicheres denken als so ein Kaplanszimmer,“

sagte Theo.

„Das ist ein Fabrikgeheimnis meiner Mutter,“ meinte Fenn.

„Ich dächte doch, es liegt in der Sache selbst. Ein Landpfarrer und ein

Landkaplan, die waren mir von jeher die berufensten Träger des Begriffs

Gemütlichkeit.“

„Man muß dafür geschaffen sein,“ sagte Fenn Kaß nachdenklich.

Theo überlegte eine Weile und fiel dann mit der Türe ins Haus. „Und bist

du dafür geschaffen?“

Diesmal ging Fenn einer ernsten Aussprache nicht aus dem Weg. „Ich habe

den Priesterberuf immer für etwas so Großes und Ernstes angesehen, daß

ich nicht schon jetzt, nach einem halben Jahr, innerlich umsatteln

kann.“

„Was fällt dir daran am schwersten?“

„Da muß ich mich prüfen, ehe ich dir eine richtige Antwort geben kann.

Ich glaube, ich kann so sagen: das Schwerste daran ist mir, daß mich

meine Tätigkeit nicht ausfüllt. Aber das kann noch kommen. Was ich dir

vorausgesagt hatte, daß du deinen Flug zu hoch nehmen und später am

Boden schleichen würdest, trifft jetzt umgekehrt auf mich zu. Die

Verhältnisse sind mir in allem zu klein, und ich spüre zudem, sie sind

mir feindlich. Ich denke immer: was ich hier im höchsten Falle wirken

kann, ist das wirklich wert, daß ich dafür auf die volle Entfaltung

meiner Kräfte verzichte? Jeder Mensch ist dem Ganzen gegenüber eine

Verheißung. Das Schwerste ist mir, daß ich oft denke, ich muß, was mich

angeht, der vollen Erfüllung entsagen.“

Theo wollte antworten, als ihm Fenn ins Wort fiel.

„Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich suche mir darüber

klar zu werden, was ich mir unter der vollen Erfüllung denke, und ich

bin nicht sicher, daß mein Widerwille gegen die Entsagung frei ist von

unreinem Eigennutz.“

Theo sagte langsam und nachdenklich: „Glaubst du nicht, Fenn, daß die

Fähigkeit oder der Trieb zur Entsagung eine Besonderheit niedergehender

Geschlechter ist? Daß eine menschliche Entwicklungsreihe im Aufstieg nur

positive Tugenden pflegt, nicht die gewissermaßen negative Tugend der

Entsagung?“

„Du tust mir die Ehre, zu glauben, ich gehöre einer aufsteigenden

Entwicklungsreihe an?“

„Ich habe manchmal über euch vier Wiesinger nachgedacht: dich, den Putty

Heinen, den Fritz Lampert und die Marjänni. Ihr seid sozusagen Menschen

des ersten Stadiums, wie sie die Kultur dem großen Menschenrohmaterial

der Dörfer entnimmt, um damit Veredlungsversuche anzustellen. Manchmal

greift sie fehl, das Rohmaterial ist nicht veredlungsfähig, oder es ist

schon selber ein Produkt des Verfalls – gelöschter Kalk. Dein Freund

Lampert ist solch ein keimunfähiges Individuum. Putty Heinen – ja, der

ist ein Fall für sich. Bei dem hat die Natur nicht weit genug ausgeholt,

es langt nicht für eine Geschlechterreihe. Du wirst sehen, das Auf und

Ab seiner Entwicklungsparabel vollzieht sich ganz in ihm allein und dann

ist Schluß. Und die Marjänni – wie soll ich das ausdrücken? Eigentlich

kenne ich sie nicht genug –“

„Mir macht es den Eindruck, daß da die Parabel trostlos flach ausfallen

wird,“ sagte Fenn gedrückt.

„Bleibst also noch du. – Nein, laß mich. Ich meine es bitter ernst. Du

sagtest eben, dein Beruf fülle dich nicht aus. Das wußte ich längst.

Jetzt heißt es –“

„Die Konsequenzen ziehen. Gut. Ich bin nicht der Mann, der dem aus dem

Wege geht, wenn es sich aufdrängt.“

„Ich weiß, Fenn Kaß, mit wem ich zu tun habe. Ich weiß, daß du schwerer

Entschlüsse fähig bist, aber auch schwerer Opfer. Ich betrachte die

Dinge von außen her und sehe sie übersichtlicher als du, der mitten drin

steckt. Ich habe gegen dich die Pflicht, dich vor einem Opfer zu warnen,

das ein Verbrechen wäre gegen dich und gegen das, was das Leben mit dir

vorhat.“

„Schweig jetzt still und laß mir Zeit. Ich gebe dir mein Wort: An dem

Tage, wo ich die Überzeugung gewinne, daß ich hier nicht hingehöre – ich

meine es so: daß ich außerhalb des Priestertums Stärkeres und Größeres

leisten und mit Segen für mich und andere weiter um mich wirken kann –

an dem Tage ziehe ich die Soutane aus.“

* * * * *

Eine erste Folge dieses Gespräches war, daß Fenn Kaß sich eifriger als

je in seinen Pflichtenkreis einspann, mit gesenktem Kopf und mit

geistigen Scheuklappen gegen jede Ablenkung den Wagen seines Tagewerkes

dahinzog.

„Du mußt den Hochmut in dir abtöten,“ redete er sich zu, „du mußt dich

in die Denkart der Leute versenken, mußt sie begreifen lernen; und sie

verstehen, heißt sie lieben lernen.“ Und immer wieder, wenn er seinen

Entschluß zur Entsagung, zur Aufopferung eines Teiles seiner selbst aufs

neue faßte, fiel ihm das Wort Theos ein: „Entsagung ist das Erbteil des

Verfalls.“ Hatte er ein Recht, das Beste in sich, seine tragfähigsten

Triebe verdorren zu lassen? Und wem zulieb? Je besser er die Menschen um

sich kennen lernte, desto weniger schienen sie ihm das Opfer zu

verdienen, das er ihnen bringen wollte. Die ihn liebten – das spürte er

heraus – würden ihm treu bleiben, auch wenn er von ihnen ginge. Die drei

Kamps zum Beispiel. Für die war er nicht der Seelsorger, für die war er

der gute Kamerad, der sie verstand und ihnen half. Und der „Niegela“. Er

war ein Trottel, aber doch eine Seele von Mensch. Und manch ein stiller

Bauer, mit dem er selten ein Wort wechselte, aber aus dessen Augen

wirkliche Verehrung und Treue ihn anblickte. Dagegen die andern, von

Pfarrer Brendel angefangen bis zum sanften Emil und seiner Erbtante –

Beschränktheit, Boshaftigkeit, und dazwischen die schwere, interesselose

Masse der Gleichgültigen, die um Hirn und Herz die dicke Kruste ihres

Habsuchtsinstinktes trugen.

Frau Kaß fing an, sich um ihren Sohn zu sorgen. Er war die letzte Zeit

so in sich gekehrt, die Schatten in seinen Augenhöhlen wurden immer

dunkler und sie hörte ihn oft bis spät in die Nacht in seinem Zimmer auf

und ab gehen.

Eines Tages, kaum daß es dunkelte, kam Marjänni zu ihr in die Küche

geschlichen. Sie hatte rotgeweinte Augen und ihre Lippen zitterten, als

sie sagte: „Ich komme, euch Lebewohl sagen. Ich bin heute zum letzten

Male hier.“

Fenn Kaß · 第 16 / 23 题