Marjänni schüttelte den Kopf, und ihre Tränen begannen wieder zu
strömen. „Nein,“ stieß sie schluchzend hervor, „ich darf nicht mehr
kommen, mein Mann hat es verboten.“
„Oh! verboten! Und warum das?“
Marjänni fing noch heftiger an zu schluchzen. „Es ist so schlecht, ich
kann es nicht sagen!“
„Nun, so gar arg kann es doch nicht sein,“ redete Frau Kaß ihr zu.
„Doch, doch Mutter Kaß! Sie sagen –“
„Nun?“
„Sie sagen, ich halte es mit euerm Herrn!“, und ein Sturzbach von Tränen
entquoll ihren verschwollenen Augen.
Frau Kaß streckte den Kopf vor, kniff die Augen zu, blähte die Nüstern
und fragte mit geschürzter Oberlippe, als hätte sie nicht richtig
verstanden: „Was? Mit unserm Herrn? Mit unserm Fenn? Du sollst es mit
unserm Fenn ... Wer sagt das?“
Jetzt vergaß Marjänni ihr Herzeleid, das Interesse an der Sache überwog.
Sie trocknete rasch ihre Tränen und begann heftig flüsternd ihre
Erzählung.
Ihr Mann war übellaunig nach Haus gekommen und hatte erst nicht mit der
Farbe herausgewollt. Ach, weiter nichts von Belang, ein Krawall mit dem
Ruß. Aber was denn, warum denn? Na ja, der Ruß war frech geworden beim
Kegeln, und da hatten die beiden gerauft. Aber um was es denn gegangen
war? Diese Mannsleute, um eine Pfeife Tabak ... Was, um eine Pfeife
Tabak? ..., hatte Fritz ganz bleich vor Zorn gesagt. Wenn mir einer
unter die Nase reibt, meine Frau sei eine ... und dann hatte er ihr
alles ins Gesicht geschrien, was ihm der Ruß hämisch aufgetischt hatte.
Er glaubte es ja nicht, das wäre noch schöner, aber er wollte nicht
mehr, daß Marjänni im Kaplanshause verkehrte.
Frau Kaß hörte ruhig zu und stierte eine Weile vor sich hin. „Es ist
gut, Marjänni,“ sagte sie dann. „Geh nach Haus und sag deinem Mann, er
soll gegen niemand von der Sache ein Sterbenswörtchen verlauten lassen.
Unser Fenn darf davon nichts erfahren. Komm nicht mehr in unser Haus,
wir bleiben ja doch gute Freunde. Aber tu nicht, als ob du etwas
wüßtest. Ich kann mir ja denken, von wo das Geschwätz ausgeht. Wenn wir
den Ruß fassen, ist uns nicht geholfen, wir müssen warten, bis einer von
denen sich verplappert, die die Geschichte aufgebracht haben. Aber die
Freude sollen sie jetzt nicht haben, daß sie merken, wir wissen alles
und grämen uns darüber.“
Marjänni riet noch, brennend vor Neugierde, hin und her, wen Frau Kaß
wohl im Verdacht hatte, aber sie brachte aus der alten Frau nichts mehr
heraus. Die sagte nur starren Blickes: „Nein, Marjänni, geh jetzt. Und
tu, wie ich dir gesagt habe.“ Dann kniff sie die Lippen zusammen und
schüttelte auf alle Fragen Marjännis nur noch den Kopf.
Erst als Frau Lampert draußen war, zog Fenns Mutter ihr großes
Taschentuch und weinte hinein, daß es sie an den Schultern schüttelte.
„Also dafür habe ich ihn groß gezogen, daß so ein Pack ihn mir jetzt
verunglimpft!“
Aber sie faßte sich rasch. Beim Abendessen wagte sie ein paar leise
Anspielungen, konnte sich aber überzeugen, daß Fenn dem bösen Gerücht
gegenüber völlig ahnungslos war. Da lag also nicht der Grund zu seinem
in sich gekehrten Wesen. Frau Kaß hoffte zuversichtlich, daß der üble
Klatsch, wenn er keine Nahrung erhielte, mit der Zeit wieder einschlafen
und an ihrem Einzigen spurlos vorübergehen würde.
* * * * *
Dem Kaplan fiel es auf, daß sein Pfarrer seit einiger Zeit für den
Lokalverein, den Fenn gegründet hatte, ein regeres Interesse an den Tag
legte. Er hörte ab und zu davon, daß Herr Brendel abends in einer
Vereinssitzung erschienen sei und mit den Mitgliedern äußerst leutselig
getan habe. Fenn machte sich selbstquälerische Vorwürfe, weil ihm diese
Tatsache, statt ihn zu freuen und ihm als eine friedfertige Annäherung
des Pfarrers zu erscheinen, verdächtig vorkam.
„Ich fange an, an Verfolgungswahn zu leiden,“ dachte er, und nahm sich
noch peinlicher vor ungerechten Beurteilungen anderer in acht.
Um dieselbe Zeit brachte ihm der Briefträger eines Tages ein
wohlriechendes Kuvert mit einer Bristolkarte, auf der er las: „Herr und
Frau Peppinger geben sich die Ehre, Seine Hochwürden Herrn Kaplan Kaß
auf Mittwoch, elften Februar, zwölf ein halb Uhr, zum Mittagessen
einzuladen. U. A. w. g.“
Peppinger? Er kannte niemand dieses Namens. Waren das die reichen
Peppingers aus dem nahen Kantonalhauptort?
Andern Morgens fragte ihn der Herr Pastor, ob er auch schon seine
Einladung zu Peppingers erhalten habe. Fenn erfuhr, daß die junge Frau
den Wunsch geäußert habe, bei der nächsten Firmung in ihrem Marktflecken
Patin zu stehen. Sie wollte deshalb nun die Bekanntschaft aller Herren
Geistlichen ihres Kantons machen. Und daher die Einladung. Er gehe doch
mit? Man könne unbesorgt annehmen, die Leute hätten’s dazu.
Fenns Mutter redete ihm zu, daß er sich nicht ausschlösse, und er ging
mit zu Peppingers.
Es wurde sehr gemütlich. Die Peppingers machten für die Verhältnisse des
Ortes ein großes Haus. Er, der Herr Peppinger, hatte im Hauptamt einen
lässig betriebenen Lederhandel, dem ein im Hause ergrauter Kommis
vorstand, und im Nebenamt ein privates Geldverleihinstitut, bei dem
sozusagen alle Bauern des Kantons in der Kreide gestanden hatten,
standen oder zuversichtlich eines Tages stehen würden. Des Herrn
Peppinger Intelligenz war ganz in Erwerbssinn aufgegangen, und er wußte
wie kein anderer die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Seine
Bekannten machten ihn zum Helden sämtlicher Dümmlingsanekdoten, die sie
kannten, aber von seinem Kassenschrank und seinem Keller sprachen sie
mit unbegrenzter Hochachtung. Mit der Geistlichkeit seines Kantons stand
er immer auf dem besten Fuß und viele Herren Pastöre und Kapläne der
Umgegend wußten den Weg zum und vom Hause Peppinger in der
stichdunkelsten Nacht zu finden.
Der Herr des Hauses empfing seine Gäste mit einer linkischen
Liebenswürdigkeit. Er war nicht der Mann vieler und lauter Worte. Das
verriet schon sein Äußeres. Sein dünnes, blondes Haar, war _à la_
frommer Heinrich über dem spitzen Scheitel glatt gestrichen, seine
wasserblauen Augen glotzten ewig erstaunt durch den goldenen Kneifer,
der ihm lässig und schief auf der Nase saß, und sein Gesicht war wie aus
einem unzulänglich gebackenen Milchteig. Frau Peppinger dagegen, die
gern Firmpatin werden wollte, war eine dunkelfarbige, resolute Person,
die jedem Ankommenden mit ausgestreckten Händen entgegenrauschte und mit
„das ist recht!“ – „das freut mich, daß Sie auch gekommen sind!“ jeden
einzelnen willkommen hieß.
Als Fenn Kaß den geräumigen Flur des Hauses Peppinger betrat, vom
Kutscher Dominik in Livree an der Türe empfangen, fand er schon eine
ganze Gesellschaft dort versammelt. An den Kleiderhaken hingen Mäntel
und Hüte der geistlichen Herren. Die hellfarbigen, glattpolierten
Wanderstöcke aus Eichenholz gehörten den Jüngeren, die Herren Pastöre
der älteren Generation hatten ihre Regenschirme oder spanischen Rohre
mit Elfenbein- oder Hornknauf mitgebracht.
Fenn hörte den behäbigen Pfarrer Schock, einen Studiengenossen und
Busenfreund Peppingers sagen:
„Brebacher, da ist ja auch dein Kaplan.“ Pfarrer Brendel nahm davon
keine Notiz.
Ein paar von den Herren saßen im Flur auf einer alten geschnitzten
Herdbank, einer Siedel, andere standen umher, lehnten am Treppengeländer
und baten Frau Peppinger, die sie in den Salon nötigen wollte, sie doch
lieber draußen ihre Zigarren fertig rauchen zu lassen. Frau Peppinger
tat ihrem Hausfrauenherzen Gewalt an und sagte bittersüß, die Zigarren
könnten sie ja auch mit hineinnehmen, aber ein Herr Kaplan Schramm, mit
einem pfiffigen Schuljungengesicht, meinte, das gehe nicht, er wisse von
seiner Tante, was sich schickt.
Frau Peppinger rauschte auf Fenn Kaß zu und hieß ihn mit einem
liebenswürdigen Wortschwall willkommen. Dazwischen rief sie nach dem
Salon hinüber ihrem Manne zu, daß Herr Kaplan Kaß aus Brebach gekommen
sei. Und sie zeigte dem neuen Gast ihre schöne „Siedel“, ein echtes
altes Stück, das sie samt einer stilvollen eichenen Stockuhr für ein
Spottgeld – raten Sie mal – in einem Nachbardorf bei einem Kunden ihres
Mannes gekauft hatte. Ob er sich für dergleichen interessiere? – Ja,
meinte Fenn Kaß, wenn es an Ort und Stelle stehe. Er liebe die alten
Sammlerstücke nicht, die, aus ihrer Umgebung herausgelöst, inmitten
modernen Hausrats altväterische Biederkeit vorstellen sollten.
„Da haben Sie recht,“ sagte Frau Peppinger verbindlich. „Wir haben auch
schöne neue Sachen.“
Sie führte ihn in den Salon, wo ihr Mann zwischen Tischen und Tischchen,
Stühlen und Stühlchen hin und her lavierte, um den Gästen über den
Gegenstand, den sie gerade ins Auge gefaßt hatten, geflissentlich
Erklärungen zu geben.
„Ich finde, Louis XV ist doch noch immer das schönste, was man von Stil
hat,“ begann die Hausfrau wieder das durch die Vorstellung zwischen Fenn
und ihrem Mann unterbrochene Gespräch.
Herr August Peppinger winkte seinem Busenfreund Schock, und die beiden
hatten ein geheimes Konsilium. Es lief in folgende Zwiesprache aus:
„Also erst den 1908er Caseler, dann den 1904er Wiltinger Kupp,“
rekapitulierte Pfarrer Schock.
„Die Vierer machen sich wieder.“
„Wundervoll. Dann zu dem warmen Schinken ...“
„Da dachte ich an ein Glas Bier.“
„Ganz recht, das erfrischt. Und dann gibst du von deinem alten Volnay,
dem 84er.“
„Soviel ist davon gar nicht mehr da.“
„Er muß getrunken werden, er verliert.“
„Meinetwegen. Wenn du meinst, daß sie ihn zu schätzen wissen? Und zu den
Krebsen?“
„Grade zu den Krebsen. Es ist nichts verkehrter, als zu den Krebsen
Weißwein zu trinken.“
„Schön. Und dann?“
„Dann gibst du von deinem alten Mercier Splendide, von dem, wo die
Pfropfen nach dem Entkorken ganz dünn bleiben.“
„Ich weiß nicht, ob davon ...“
„Doch, ich weiß bestimmt, es liegt davon noch ein ganzer Korb, zwei
Dutzend Flaschen.“
„Du, wollen wir die nicht für uns zwei aufsparen?“ Pfarrer Schock sah
seinem hellblonden Busenfreund mißtrauisch in die Augen.
„Sicher ist sicher, dachte ich, aber ich nehme dich beim Wort. Also dann
von der letzten Sendung.“
Sie stiegen in den Keller und suchten aus den Gestellen die Kreszenzen
zusammen, auf die sie sich geeinigt hatten. Jeder trug vorsichtig unter
beiden Armen und in beiden Händen je zwei Flaschen.
Oben wurden sie mit lautem Halloh von den jungen Semestern empfangen.
Und dann sah man die großen weißen Baumwollhandschuhe des Kutschers
Dominik an der Flügeltür zwischen Salon und Speisezimmer die
Messingriegel von oben und unten zurückziehen und die knarrende Tür
öffnen. Frau Peppinger bat mit einem zutunlich hausmütterlichem „So,
meine Herren!“ zu Tisch.
Um die von weißem Linnen schimmernde, von Kristall und Silber blitzende
und gleißende Festtafel suchte jeder seinen Platz. Als dann Herr
Peppinger mit einer einladenden Handbewegung sich schon halb
niedergelassen hatte, wurde er durch ein vorwurfsvolles „Aber
Peppinger!“ seiner Gattin wieder emporgescheucht. „Herr Seimich,“
flüsterte die Frau ihrem Nachbar zur Rechten zu. Und der alte Herr
Seimich, ein spindeldürrer Pfarrer mit eingefallenen Wangen und
erloschenen Asketenaugen schlug mit zittriger Hand ein großes Kreuz und
hub das Tischgebet an. August Peppinger fingerte verlegen an seinem
Kneifer herum und seine Frau zuckte noch einmal mit einem raschen Blick
nach oben und einem leisen Kopfschütteln über dem Gebet die Achseln.
Dann zog sich jeder der geistlichen Herren mit gewohnter Gebärde die
Soutane in Sitzhöhe glatt, es gab ein geräuschvolles Stuhlrücken, ein
weitausholendes Entfalten der Servietten, und auf einen Wink der
Hausfrau begann das Auftragen.
Fenn Kaß hatte im Verhältnis zu seinem Rang und Alter einen der besten
Plätze bekommen. Er saß der Hausfrau, die in der Mitte der Tafel den
Ehrenplatz einnahm, schräg gegenüber, zwischen Abbé Rommelfangen, dem
Chefredakteur der „Luxemburger Abendglocke“ rechts und dem pfiffigen
Kaplan Schramm links. Abbé Rommelfangen hatte ein blühend rotes
Kinderantlitz, zu dem zweierlei nicht paßte: seine Nase, die lang und
spitz heraussprang, wie der Zeiger einer Sonnenuhr, und seine unsteten
Augen, deren Blicke wie verflatterte Vögel nirgends auszuruhen
vermochten und nur ab und zu sich ängstlich schielend an die Nasenspitze
Rommelfangens hefteten.
Fenn gegenüber, etwas weiter von der Mitte ab, saß Dr. Feller, ein
blutjunger Vikar mit einem gescheiten Gesicht und sehr starken
Brillengläsern. Er war der Sohn eines höheren Staatsbeamten aus der
Hauptstadt und galt unter seinen Konfratres als ein Kenner der feinen
Lebensart. Eben studierte er das Menü, beugte sich vornüber und suchte
die Blicke der Hausfrau, um ihr seine Anerkennung dadurch auszudrücken,
daß er die Lippen spitzte und mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung
andeutete, als ob er sich rasch einen Faden aus dem Mund zöge. Damit war
die ganze Tafelrunde von der Tadellosigkeit der Speisenfolge überzeugt.
Nach der Suppe beantragte Pfarrer Schock, einen ersten Schluck zu tun.
„Um den Wurm zu töten, sagt der Franzose.“
Und Pfarrer Schlunz, ein runder, rotbackiger Biedermann, zitierte den
alten Spruch, daß ein Glas Wein nach der Suppe dem Doktor zehn Dukaten
aus der Tasche stehle. Er kostete den Caseler, grunzte anerkennend und
sagte, er sei allerdings seit einiger Zeit zum „Viez“ übergegangen und
befinde sich sehr wohl dabei. Er nannte seine Quelle und den Preis, und
alle fanden es sehr billig und vorteilhaft. Nur der alte Herr Seimich
konnte den Apfelwein nicht verdauen. Er habe sich bei einem
französischen Weinreisenden ein Halbstück kleinen Bordeaux bestellt,
daran werde er wohl genug haben bis an sein seliges Ende. Im Anschluß
hieran teilte er Frau Peppinger Näheres über seine chronischen
Verdauungsbeschwerden mit.
Das Gespräch wollte zuerst nicht recht in Fluß kommen. Nur die Jüngsten,
an den äußersten Tischenden waren bald in einer angeregten halblauten
Unterhaltung begriffen. Sie sprachen, offenbar durch die Nähe
Rommelfangens angeregt, über Stil, Literatur, Zeitungen, über den
Unterschied zwischen deutschem und französischem Journalismus, zwischen
Louis Veuillot und Erzberger. Einer wollte den Abbé Rommelfangen ins
Gespräch ziehen, aber die andern winkten heftig ab. Sie hatten für ihn
einen scheuen Respekt, aber wenig Sympathie. Seine Schreibweise, die
populär sein wollte und nur ungeschlacht war, imponierte ihnen, weil sie
im Schreiben ein wenig unbeholfen geblieben waren, und sie wußten, daß
er beim Bischof einen Stein im Brett hatte, weil er stets erriet, wo er
grob oder scharf oder feierlich schreiben mußte, um dem Hochwürdigsten
Herrn aus der Seele zu schreiben. Und sie standen alle zur größeren Ehre
Gottes in seiner Fron, sandten ihm Berichte über die Geschehnisse aus
ihren Ortschaften und warben Abonnenten.
Heute wußten sie alle, daß Rommelfangen nicht an Peppingers Tisch saß,
weil die Frau Firmpatin werden wollte. Sie errieten, daß eine politische
Aktion einzufädeln war, daß Peppinger ihr Kandidat bei den nächsten
Kammerwahlen sein würde, und sie machten einander auf das sorgenvolle
Gesicht Rommelfangens aufmerksam, der kaum ein Wort sprach und in
Gedanken an einem Brotkügelchen herumknetete.
Er litt offenbar unter der Rede, in der er der Versammlung die
Kandidatur Peppingers ankündigen sollte.
Der Fisch kam: Hecht mit Kapernsauce. Dr. Feller mischte sich quer über
den Tisch hinüber in das lückenreicher werdende Gespräch über
lesenswerte Bücher im Allgemeinen und über „Dreizehnlinden“ im Besondern
und schnitt das Thema von der Rückständigkeit der Katholiken in
Literatur und Kunst an. Pfarrer Brendel hatte schon seit Jahren in
seiner Pfarrei die Borromäusbücher eingeführt und ließ keine
Inferiorität gelten. Kaplan Schramm war so heimtückisch, den auf beiden
Backen kauenden Pfarrer Schlunz ins Gespräch zu ziehen. Aber der hatte
für Literatur kein Interesse. Er trieb neben seiner Seelsorge eine
schwungvolle Landwirtschaft mit Molkerei, Schweine-, Hühner- und
Bienenzucht. Er klopfte mit der Messerspitze auf eine neue Portion
Hecht, die er auf das leise Zureden des Kutschers Dominik sich
heruntergelangt hatte und sagte kauend über den Tisch hinüber zur
Hausfrau: „Sehr gut! sehr gut!“ worauf er die hochbeladene Messerspitze
zärtlich zum Munde führte.
„Sie schicken uns nie etwas für das Blatt,“ sagte unvermittelt Abbé
Rommelfangen zu seinem schweigsamen Nachbar Fenn Kaß.
„Bei uns passiert nichts, was in die Zeitung gehört,“ antwortete Fenn,
kurz angebunden.
„Es passiert immer was, man muß nur aufpassen und Interesse dafür
haben.“
„Dann fehlt mir wohl das Interesse.“
„Das wird es sein. Ich habe schon gemerkt, daß Sie nicht viel für uns
übrig haben.“
Es entstand eine kleine Pause. Dann entgegnet Fenn:
„Ich denke, es ist nicht meine Sache, Zeitungsreporter zu spielen.“
„Da–as ist je–edermanns Sache!“ sagte Rommelfangen, der in der Erregung
stotterte. „Je–edermann, der u–unsrer heiligen Sa–ache dienen will ...“
„Über die Heiligkeit Ihrer speziellen Sache will ich mit Ihnen nicht
streiten, zumal nicht in einem fremden Hause,“ erwiderte Fenn halblaut,
aber entschieden.
Frau Peppinger hatte das Wetterleuchten gemerkt, und im Instinkt ihrer
Gastgeberinnenpflicht lenkte sie ab:
„Aber Herr Kaß, Sie nehmen sich da gerade das allerschlechteste Stück.“
Der Kutscher Dominik räusperte sich aufgeregt, als hätte er einen Rüffel
bekommen und dirigierte mit der Platte dem Gast das schönste Stück unter
die Gabel.
Fenn dankte, und Kaplan Schramm sagte, er wolle sich opfern und mit
Widerstreben noch einmal zugreifen.
Der Wiltinger duftete nach Riesling in der mählich wärmer werdenden
Zimmerluft, und auch die blassesten Gesichter begannen an den
Backenknochen und unter den Augen sich fleckig zu röten. Um den Tisch
bildeten sich die Gesprächsinseln, die entstehen, wenn der Alkohol leise
zu wirken beginnt. Das Bedürfnis nach Übersicht, das dem Nüchternen
eigen ist, macht der Lust am Ausspinnen eines Lieblingsthemas Platz, das
Mißtrauen gegen sich selbst und die Schüchternheit weichen der Freude am
leichten Fluß vermeintlich geistvoller Gedanken. Die geräuschvolleren
Temperamente brachten die stilleren in Schwung, und wie es so geht: bald
waren die Stilleren die, die am lautesten redeten. Pfarrer Schlunz tat
immer herablassender zu Dominik, Hochwürden Herr Seimich ließ sich durch
die Vortrefflichkeit der Gerichte verlocken, seine blasse Stirnhaut
rötete sich unregelmäßig, in Landkartenmanier, und seine Asketenaugen
glühten. Die Jüngeren stritten sich jetzt darüber, ob der
Ministerpräsident, der allgemein als Freidenker galt, im Grunde noch ein
gläubiger Christ sei oder nicht. Und Pfarrer Brendel sagte wegwerfend:
„Laßt ihn einmal auf der Flanke liegen, _in articulo mortis_, dann wird
er sich schon wieder auf seinen Kinderglauben besinnen.“
„Ach ja,“ pflichtete Hochwürden Seimich bei, „wenn ihr letztes Stündlein
schlägt, dann kriegen sie es auf einmal mit der Angst.“
„Siehe Voltaire!“ griff Herr Schlunz in seinen Zitatenschatz.
Fenn Kaß hatte bis dahin ruhig zugehört und sagte jetzt:
„Warum soll jemand, der sein Leben lang als aufrechter Mann nicht
geglaubt hat, auf dem Totenbett aus Angst auf einmal gläubig werden? ...
Bitte, meine Herren, ich meine nicht jemand, der rein aus Bequemlichkeit
das Praktizieren und Kirchengehen aufgegeben hat, sondern einen Mann,
der sich aufrichtig mit sich auseinandergesetzt hat, der in seinem
Innern die aufrichtige Überzeugung gewonnen hat, daß es sich mit den
Glaubenswahrheiten unsrer Religion nicht so verhält, wie wir lehren ...“
Weiter kam er nicht. Die einen lachten höhnisch auf, die andern redeten
mit roten Gesichtern auf ihn ein. Nein! So verliere man den Glauben
nicht! Aus heiterm Himmel werde keiner zum Gottesleugner, das Laster sei
die Artillerie des Unglaubens, die ihm erst das Terrain frei mache.
„Das ist echt Kaß,“ flüsterte Pfarrer Brendel seinem Nachbarn zu.
„Sie ha–aben ja me–erkwürdige Ansichten, Herr Kaß!“ sagte Rommelfangen
sarkastisch, die Arme kreuzend und jedes Wort mit einem Kopfnicken
unterstreichend.
„Prosit, Herr Konfrater!“ rief Dr. Feller über den Tisch Kaß zu und
hielt ihm das schäumende Bierglas hin, denn gerade begann Dominik, den
safttriefenden Schinken herumzureichen. „Wir wollen diesen
hochinteressanten Streit zu gelegnerer Zeit austragen. Es kommt alles
auf die Nuancen an.“
„Das sind A–ansichten,“ grollte Rommelfangen, mußte sich aber doch den
beschwichtigenden Worten des jungen Vikars fügen. Denn Dr. Feller hatte
Einfluß. Er würde nach der Ansicht aller eine schöne Karriere machen. Er
hatte in Rom im _Collegium germanicum_ studiert, unterhielt wertvolle
Beziehungen in der besseren Gesellschaft, galt trotz seiner Jugend als
ein überlegener Geist, der häufig in Vermittlerrollen wohltätig zu
wirken wußte. Seine Kameraden prophezeiten ihm mit Sicherheit die Mitra.
Jetzt mischte sich Herr Peppinger ins Gespräch.
„Herr Feller, ich habe gehört, Sie können gerade so gut beweisen, daß es
einen Gott gibt, wie daß es keinen gibt.“
„Aha,“ sagte Kaplan Schramm erwartungsvoll, „endlich einmal ein
vernünftiges Wort!“
Dr. Feller lachte.
„Was wir nicht alles beweisen können, Herr Peppinger! Nehmen Sie sich in
acht, sonst beweise ich Ihnen, daß Sie überhaupt gar nicht da sind.“
Rommelfangen zuckte die Achseln. Warmer Schinken und Gottesbeweis waren
für ihn Dinge, die nur ein frivoler Geist im Zusammenhang behandeln
konnte. Und je näher der Augenblick rückte, wo er den Zweck des heutigen
Gastmahls bekannt machen sollte, desto strenger wurden seine Grundsätze.
Er hörte kaum noch hin, wie die Jungen über Kunst in der Schule
sprachen, wie einer erklärte, an die Schulwände gehörten Heiligenbilder,
das sei was fürs kindliche Gemüt, der schönste Gipsabguß eines profanen
Kunstwerks sei für das kindliche Begriffsvermögen Kaviar, eine
unangenehme hügelige Unterbrechung der glatten Wandfläche. Da schlug
Abbé Rommelfangen, der mit Peppinger einen raschen Blick gewechselt
hatte, mit dem Messerrücken an seinen leeren Champagnerkelch und stand
auf.
„Pst, Silentium!“ ging es um den Tisch.
Peppinger schluckte vor Aufregung und rückte mit beiden Händen den
Kneifer zurecht.
Abbé Rommelfangen blieb nach den ersten Worten stecken und zog aus der
Tasche einen Zettel, von dem er seine Rede ablas.
Es hieß darin, daß bald wieder der Kampf entbrennen werde, der Kampf um
die Macht, „der auch schon bei uns ein Kampf um den Glauben unsrer Väter
geworden ist“. Da müßten glaubensstarke Männer her, die für die heilige
Kirche und ihre Lehren allezeit Farbe bekennen. Und da sei Herr
Peppinger der Mann, den sie brauchten. Auf den könnten sie vertrauen,
daß er mit ihnen Schulter an Schulter usw. „Gläubige Männer heraus!“ Das
sei die Losung. „Und Herr Kandidat – was sage ich! – Herr Abgeordneter
Peppinger lebe hoch!“
Ein dreifaches donnerndes Hoch brach sich an Wänden und Decke des
Speisezimmers. Dominik hatte in aller Eile den Champagner eingeschenkt
und alle Gläser streckten sich Peppinger entgegen. Auch seine Gattin
ging strahlend auf ihn zu und sagte: „Siehst du, August!“
August war blaß geworden bis in die Lippen.
Als wieder Stille eingetreten war und alle sich gesetzt hatten, blickte
er mit seinen wasserblauen Augen hilfesuchend über die Versammlung und
griff schließlich in die linke Brusttasche, aus der auch er einen Zettel
hervorzog.
Mit tonloser Stimme las er, häufig sich räuspernd, daß der Vorschlag des
hochwürdigen Herrn Vorredners ihn ebenso überrasche, wie er ihn ehre. Er
sei sich der großen Verantwortung bewußt usw., aber er nehme trotzdem an
und er gebe sein Ehrenwort, daß er nie gegen die Interessen „unserer
Mutter der heiligen Kirche“ seine Stimme abgeben werde.
Wieder betäubendes Hoch und Bravo! Hochwürden Herr Schock, der sich
sozusagen als der Einpeitscher betrachtete, ließ immer neuen Champagner
auffahren. Es war ein Druck von der Versammlung genommen. Ein Vikar, der
des Harmoniumspielens kundig war, wurde ans Klavier genötigt und griff
ganze Hände voll rauschende Kirchenakkorde. Er versuchte auch ein paar
Volkslieder, die die Korona mitsang, bis Rommelfangen sagte, das werde
in der Straße unliebsam auffallen. Aber der musikalische Vikar war nicht
mehr vom Instrument wegzubringen und ließ eine fromme Weise und eine
kindliche Improvisation nach der andern erschallen. Rommelfangen hatte
seinen Stuhl neben den Peppingers getragen und besprach mit diesem schon
Einzelheiten seines Wahlfeldzuges. Frau Peppinger horchte hin mit dem
gespannten Interesse der Gattin, die ihrem Mann nicht Schneid und Grütze
genug zutraut, immer auf dem Sprung, um einzugreifen, wenn er versagen
sollte.
Zigarrenrauch begann die Räume zu durchziehen, in die sich die lauten
Gäste zerstreut hatten. Es ging jetzt hoch her. Auf der ganzen Linie war
Politik Trumpf.
Fenn Kaß war zu Sinn, als schallte das alles an ihm vorbei, ohne ihn zu
berühren. Dr. Feller trat zu ihm und pries begeistert, was doch der
Partei für eine wunderbare Organisation in der geistlichen Hierarchie
geschaffen sei, was für ein unübertreffliches Offizierkorps der Klerus
in der Wahlschlacht abgebe. Fenn Kaß schüttelte den Kopf und wandte ein,
dazu glaube er nicht berufen zu sein. Dr. Feller tat seine Bedenken mit
einem burschikosen: „Man muß eben mit den Wölfen heulen“ ab. Frau
Peppinger kam hinzu und floß über von Liebenswürdigkeit für den Kaplan,
dem sie schon den ganzen Mittag mit ihrem Fraueninstinkt den unsicheren
Kantonisten angesehen hatte. Fenn Kaß aber benützte die willkommene
Gelegenheit, sich zu empfehlen und verließ unauffällig die sehr
angeregte Gesellschaft. Er ging langsam durch den Spätnachmittag am Fluß
entlang, mit dem Hut in der Hand, und ließ sich die herbe
Vorfrühlingsluft um den warmen Kopf wehen. Ein unüberwindliches Gefühl
des Unbehagens quälte ihn. Er fühlte die Nähe der Menschen, in deren
Mitte er seinen Nachmittag verbracht hatte und wußte, daß er nie so
werden könnte wie sie, nie sich in der Luft heimisch fühlen, in der sie
mit vollen Lungen atmeten. Er redete fast zornig auf sich ein,
wiederholte sich in Gedanken, daß die meisten ja doch seelengute
Menschen seien, voll des besten Willens, das Gute zu tun, wie sie es
gelehrt worden waren. Und immer wieder fühlte er in sich die Empörung
aufstehen gegen die Zumutung, daß er mit ihnen in innerer und äußerer
Gemeinschaft leben und sterben sollte. Ihr Herdeninstinkt, ihre geistige
Genügsamkeit, um deretwillen er sie oft bemitleidet hatte, erregten
seinen Zorn, weil er wußte, daß sie ihn stillschweigend als
Bundesgenossen beanspruchten. Ihr Biedersinn, der bäuerliche Rhythmus
ihres Wesens, erschienen ihm als protzige Unkultur, die aus der Not
prahlerisch eine Tugend machte und sich mit Bleigewichten an ihn zu
hängen suchte. Und wie er auch sann und sann, er fand keinen Ausweg aus
ihrer Gemeinschaft.
Als er nach Hause kam, saß sein Freund Theo in seinem Studierzimmer und
rief ihm entgegen: „Du, lies mir einmal tüchtig das Kapitel! Ich habe
eine Dummheit gemacht. Ich lasse mich in deinem Kanton als
demokratischer Kandidat für die nächsten Kammerwahlen aufstellen.“
Fenn lachte laut auf. „Freilich, ich hätte dir allerhand Gescheiteres
gewußt. Du und Politik!“
Theo machte eine komische Armesündermiene.
„Na, tröste dich,“ spottete Fenn, „du bist ja nicht der einzige. Ich war
heute dabei, wie dein Nebenbuhler auf den Schild gehoben wurde.“ Er
erzählte die Geburt der Kandidatur Peppinger.
„Wie kommst du armer Saul unter diese Propheten?“ fragte Fenn.
„Ja, es muß doch auch Leute geben, die Politik treiben.“
„Aber ausgerechnet du! Du solltest als Maschineningenieur doch wissen,
daß Politik der Apparat ist, der bei größter Kraftvergeudung den
geringsten Nutzeffekt hergibt.“
„Wenn dieser Nutzeffekt nun aber nicht anders zu erzielen ist?“
„Ja, so heißt es immer. Aber mir kommen die politischen Parteien vor wie
die zwei Feuerwehrleute, denen ich einmal zusah, wie sie sich bei einem
Brande darum prügelten, wer den Schlauch halten sollte. Mittlerweile
löschten die Hausleute selbst das Feuer.“
„In gewissem Sinn hast du ja recht. Sie wollen alle das Beste, und das
Dumme ist nur, daß angeblich keiner es dem andern glaubt.“
„Und darum streiten sie sich herum, und es dauert zehn Jahre, bis etwas
Nützliches zustande kommt, das in zehn Monaten ebenso gut zu leisten
gewesen wäre.“
„Was willst du, lieber Fenn, ich mache mir ja auch keine Illusionen. Ich
weiß, ich habe von Politik keinen Dunst. Aber was soll man machen? Man
sitzt ruhig daheim und denkt an nichts Böses! Plötzlich klopft es, und
herein treten drei Herren mit ernsten Gesichtern, die einem auf den Kopf
zusagen, man sei der Rettungsanker einer Weltanschauung, man müsse
unbedingt eine Kandidatur annehmen. Die Herren holen ihre Argumente wie
aus einem Rucksack. Du denkst, er ist leer, und im Handumdrehen langen
sie daraus die moralischen Daumschrauben, die sie dir anlegen, während
du schon glaubtest, sie wollten sich empfehlen. Sie streuen dir Pfeffer
in die Augen, sie nehmen dir dein Ehrenwort ab wie ein Portemonnaie, und
wenn du am nächsten Morgen aufwachst, stellst du dich vor den Spiegel
und sagst: Herr, Sie sind ein Hornochse! – Aber es ist zu spät, du bist
Kandidat!“
Mit dem Talisman solcher Skepsis zog Theo Schütz in den Wahlkampf.
* * * * *
Das halbe Ländchen war ein Hexenkessel, in dem es von Übertreibung,
Lüge, Ehrabschneidung brodelte. Die Geister kochten in Siedehitze, und
die Menschen gebärdeten sich, als hinge das Schicksal des Weltalls von
dem Ausgang dieser Wahlen ab.
In Fenns Kanton waren drei Abgeordnete zu wählen. An die zwei alten war
nicht zu tippen, um den dritten Platz kämpften Theo Schütz und Herr
Peppinger. In der „Abendglocke“ erschienen Artikel, unter denen das
Papier dampfte. Die paar ersten Wochen ausschließlich für Peppinger: wie
er einer biedern, alt-luxemburgischen Familie angehöre, wie er nach
allen Seiten unabhängig sei, weder dem Kapital noch den „Sozen“
verschrieben, eine Säule des Mittelstandes, der im Volk wurzelte, kein
vorlauter Redner, aber zu durchgreifender Arbeit in den Abteilungen
befähigt und entschlossen. Dann gegen Schütz: ein hergelaufener
Industrieritter, der in Frankreich den Haß gegen Gott und seine heilige
Kirche eingesogen habe, von dem man nicht wisse, in wessen Sold er stehe
und wem er sich für den Fall seiner Wahl verschrieben habe. Das waren so
die Hauptleitmotive, die hinum und herum, bald ironisch, bald pathetisch
durch alle Tonarten abgewandelt wurden.
Fenn Kaß hatte seinem Freund von vornherein erklärt, daß er sich um die
Wahlen in keiner Weise kümmern und bei niemand, auch nicht bei seinen
zuverlässigsten Freunden im Dorf, ein Wort für ihn einlegen würde. Aber
es geschah ihm doch, daß er in seinem Verein, wenn Pfarrer Brendel
gerade vor ihm dagewesen war und die Leute bearbeitet hatte, die eine
oder andere Verleumdung gegen Theo auffing und ihre Nachbeter eines
Bessern belehren mußte. Ach ja, hieß es dann; aber gegen den reichen
Peppinger kann er doch nicht an.
Fenn kam auch auf einige Nachbardörfer, wo Schulgenossen von ihm
amtierten und Vereine nach Art des seinigen ins Leben gerufen hatten
oder beeinflußten. Er war Zeuge, wie alle sich begeistert in den Dienst
der Peppingerschen Wahlsache stellten und um die eigentlichen
Vereinsinteressen sich nur insofern kümmerten, als dadurch etwa bewiesen
werden konnte, wieso die Partei Peppinger dem Kanton freund und die
Partei Schütz dem Kanton feind sei.
Bald hub auch von allen Kanzeln des Kantons das Anathema an gegen den
freisinnigen Kandidaten, diesen notorischen Gottesleugner, der es mit
seinen Gesinnungsgenossen darauf abgesehen habe, dem Volk den Glauben zu
stehlen.
Fenn wußte, daß dies Treiben die höchste Billigung fand, aber er meinte,
es könne doch nicht möglich sein, daß er der einzige von allen sei, der
davor solchen Abscheu empfand. Es sei doch nicht denkbar, daß alle, die
sich zusammen mit ihm durch ihre Studienjahre hindurch vollgesogen
hatten mit den idealsten Vorstellungen von der Erhabenheit des
Priesteramtes, jetzt ihre ganze Tatkraft und Arbeitsfreudigkeit in ödem
politischen Klatsch verzettelten.
Aber so weit er um sich blickte, er sah keinen seiner geistlichen
Altersgenossen, der nicht den Beflissenen spielte, der nicht so tat, als
sei Herr Lederhändler August Peppinger der bravste, ehrlichste,
gottesfürchtigste und gescheiteste Mann innerhalb der Landesgrenzen und
Herr Ingenieur Theo Schütz der Antichrist in Person, ein Herrenknecht
und Hochstapler, von dem es noch gar nicht einmal feststehe, daß er
nicht seine Großmutter umgebracht und silberne Löffel gestohlen habe.
Dies überhitzte, unaufrichtige Wesen widerte Fenn Kaß derart an, daß er
das physische Bedürfnis empfand, sich einmal hinauszuretten.
Er dachte an seinen Jugendgespielen Putty Heinen. Der saß in den
Öslinger Bergen als Kaplan auf einem der kleinen Dörfer, die mit ihren
weißgetünchten Häusern und blauschwarzen Schieferdächern so sauber und
frischgewaschen von den Bergrücken und Hängen in die Weite schimmern.
Fenn Kaß machte sich einen freien Tag und fuhr hin.
Von der Haltestelle, wo er ausstieg, hatte er anderthalb Stunden zu
gehen. Eine Bahnwärtersfrau zeigte ihm einen Weg, der abseits von der
Landstraße über stille Buschpfade und durch entlegene Wiesentäler
führte. Fenn klomm erst eine ginsterbestandene Höhe hinan und sah die
weißen Häuser des Dorfes, das er eben verlassen hatte, verstreut unter
sich in dem höckerigen Kessel liegen. Die Felsrücken streckten sich in
das enge Wiesental vor und fielen sanft gegen das glasklare,
schwarzbraune Wasser des Flüßchens ab, auf dem weiße Schaumflocken zu
Tal trieben. Diese Felsgebilde sahen manchmal aus, wie riesige
Tierschnauzen, die im Ausruhen platt auf die Erde gedrückt sind. Unten
im Tal der Wiesengrund leuchtete im jungen Grün und war eine zarte Folie
für die dunkeln Fichtengruppen, die mürrisch in all der Erneuerung des
Frühlings mit ihrem ewig alten düstern Kleide standen. Die Wälder waren
flaumig braun und weich, und in ihrem Braun, in dem man schon die
schwellenden Knospen ahnte, schimmerte da und dort wie ein grüner Hauch
der Wipfel einer Hagebuche oder das Silbergrau wolliger Pappelkätzchen.
An den Eichen hing noch das tabakbraune welke Laub, das den
Winterstürmen getrotzt hatte, und wo eine, kurz zusammengeschnitten und
gedrungen als Markscheide in den Wiesen stand, wirkte sie wie ein
rothaariger Landstreicher, der gut gelaunt sich den Wind um die Ohren
sausen läßt. Fenn witterte Veilchenduft und pflückte sich an einem Hag
ein Sträußchen, das er abends seiner Mutter heimbringen wollte. Er
dachte an die Veilchen, die sie immer um Ostern zwischen ihr Linnen
legte. Er schritt fürbaß und ließ sich in tiefen Zügen die Lenzluft
durch die Lungen gehen. Sein Pfad führte über die Höhe. Aus dem
Wiesengrund stiegen die braunen Hänge steil herauf, schoben und
schachtelten sich ineinander, zwischen den Bergrücken flossen, wie grüne
Gletscher, Wiesenstreifen nieder und mündeten in der breiten Flur der
Talsohle.
Fenn sah das Dorf nicht mehr. Lautlose Einsamkeit war weit um ihn her,
und wie ein Bild selbstgewollter trotziger Abgeschiedenheit sah er auf
einem der Berggipfel, die wie erstarrter Wellenschlag der Erde vor ihm
sich ausbreiteten, ein graues, weitschichtiges Haus liegen, einen alten,
befestigten Herrensitz, der halb verfallen, wie ein verwunschenes
Schloß, plötzlich mit seiner starren grauen Masse da war und sagte: Hier
bist du in meinem Bann, hier rede ich von Dingen und Zeiten, die nicht
mehr sind und nie mehr sein werden.
Fenn wanderte drauf los, durch einen andern stillen Talgrund, durch den
ein Bach quirlte, dann durch dichtes Gebüsch den Burgweg hinauf. Eine
Herde Kühe kam ihm entgegen. Die Tiere blieben vor ihm stehen und
glotzten ihn an, bis der Bub, der mit einem riesigen Käsebrot in der
Hand ihnen folgte, sie mit hüh und hoh! und einem leichten Gertenhieb
übers Kreuz weiter trieb. Oben traf Fenn eine rotwangige junge Frau mit
himmelblauen Augen und zwei Reihen blitzender Zähne, die Wäsche auf die
Weißdornhecke aufhängte. Er unterhielt sich mit ihr und sie brachte ihm
eine Tasse schäumende Milch und erzählte ihm von dem Schloßherrn, einem
stillen Menschen, der das alte Schloß für ein Spottgeld gekauft und sie
mit ihrem Mann zur Bewirtschaftung hineingesetzt hatte. Er hatte oft die
Sehnsucht, sich abzusondern und kam mit seinen Büchern und seinem
Angelgeräte heraus, wohnte in den alten weiten Räumen, deren Fenster auf
die Berge hinausgehen und hängte träumend tagelang seine Angelschnur in
das luftklare Bergwasser des Baches im Tal.
Fenn Kaß dachte: Wer er auch sei, er will das Glück genießen, er selbst
zu sein. Er hat recht.
Und er ging verträumt weiter. Alles, was ihn bedrückt hatte, war in der
freien Einsamkeit der Berge von ihm abgefallen. Der Schlachtruf: Hie
Schütz, hie Peppinger! schien ihm herüberzudringen wie ein Geschrei
raufender Kinderscharen, und er mußte darüber lächeln. Am Wegrand sah er
ein zerknülltes Zeitungsblatt liegen, und es ging ihm durch die
Gedanken: Das also ist hier draußen die Politik: ein zerknülltes Stück
Makulatur, das wie eine Verunreinigung wirkt, ein Blatt Papier aus
zerwalkten Lumpen in einer ewig wunderbaren Welt treibender Keime und
schwellenden Lebens und sonnendurchzitterter Schönheit, ein beschämendes
Symbol menschlicher Kraftvergeudung neben dem mühelosen, zwecksicheren
Sein und Werden im All.
In dieser Stimmung stieg er den Pfad hinunter, der wieder in ein neues
Tal und jenseits hinauf in das Kirchdorf führte, in dem Putty Heinen
zuhause war. Und da sah er ihn auch schon drüben den Pfad herkommen und
schickte ihm einen lauten Juchzer zum Gruß hinüber. Die schwarze Gestalt
blieb stehen, schirmte mit der Hand die Augen, und dann kam die Antwort,
ein langgezogenes „Juhu! Fenn!“
Unten im Wiesengrund trafen sie zusammen. Putty sprang vor Freude auf
einem Bein wie ein Kind. Sie hatten sich seit ihrer Anstellung nicht
gesehen und hatten sich allerlei zu sagen. Namentlich für Putty war es
ein Labsal, dem Freund sein Herz ausschütten zu können.
Er hatte sich überwunden, sagte er, er war unsäglich glücklich in seinem
Beruf. „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ zitierte er
begeistert.
„Du wirst hier viel arbeiten können,“ meinte Fenn. „So still, so fern
von aller Ablenkung.“
„Ja, was soll man arbeiten? Es gibt in der Seelsorge schon zu tun. Aber
die Hauptsache ist das andre, siehst du, was mich mit meinem Beruf
aussöhnt, das Mitschaffen am großen Werk der Wiedergeburt unseres
politischen Lebens ...“
„Um Gottes willen,“ unterbrach ihn Fenn, „ich reiße mich zu Haus los, um
der Drangsal der Politik auf vierundzwanzig Stunden zu entfliehen, und
nun kommst du mir so!“
Putty lachte auf.
„Na, wir können ja auch von was anderm reden. Vorerst gehen wir nach
Haus, daß wir uns bei meiner Schwester zum Mittag ansagen, und dann
sehen wir weiter.“
Putty führte den Freund durch sein Haus, zeigte ihm die Dorfkirche, den
Friedhof, die Umgebung, ging mit ihm zu ein paar der reichsten Bauern
des Orts, um ihn als seinen Jugendfreund und Dorfkameraden vorzustellen,
zu den Schulschwestern, die einen süßen Schnaps und selbstgebackene
Makronen auftischten. Und sie schlenderten durch das Dorf, blieben bei
den Leuten stehen, die vor den Häusern beschäftigt waren und denen Putty
eine Prise anbot.
„Weißt du,“ sagte er ein wenig verschämt zu Fenn, „ich habe mir den
Schnupftabak angewöhnt. Eine harmlose Genußmöglichkeit. Und er wirkt
zuweilen tatsächlich erfrischend.“
Ein pfiffig aussehendes Bäuerlein, dem er auch die länglich runde Dose
aus Kirschrinde mit dem Lederriemchen am Deckel hinhielt, meinte, es
könne in keinem Fall was schaden. „Es kennt sich nachher niemand aus, ob
einer die rote Nase vom Schnupfen oder vom Trinken hat.“
Manche hielten in ihrer Arbeit inne, wenn die beiden geistlichen Herren
auf sie zukamen, zogen die Mütze vom Kopf und strichen sich mit der
Hand, die den Mützenschirm hielt, verlegen grinsend über den Scheitel
bis in den Nacken hinunter. Andre sahen nur unter der Arbeit, wie bei
etwas Unrechtem ertappt, nach den Herren herüber und rückten linkisch an
der Mütze, wenn sie nicht schon vorher im Dunkel von Scheune oder Stall
verschwunden waren, von wo sie ihrem Kaplan und seinem Freund mit
schuldbewußter Neugier nachsahen.
Schulkinder kamen in Reih und Glied, knixten und sagten schallend:
„Gelobt sei Jes’ Christus!“ Die Kleinen umringten Putty und den fremden
Herrn, um bei ihnen eine Patschhand anzubringen, nur ein paar größere
Mädchen wurden rot, stießen sich kichernd an und drängten verlegen
vorüber.
Als vom Kirchturm die helle Dorfglocke Mittag läutete, setzten sich die
beiden Freunde in der gemütlichen Stube des Kaplanshauses an den runden
Tisch, den die Leonie dem Gast zu Ehren frisch gedeckt hatte. Die
Fenster rahmte grünes Gerank ein und auf den Fensterbänken standen in
blauen und grünen Gläsern die prächtigen Hyazinthen, die „Zäre Joffer“
zum Erstaunen der Bäuerinnen getrieben hatte.
Während die „Herren“ die Suppe auslöffelten, stand die Leonie mit
versonnenem Lächeln, die Hände unter dem Busen gefaltet, daneben und
freute sich mütterlich an dem Appetit der beiden.
Fenn fragte scherzend, wie sie denn mit ihrem Brüderlein zufrieden sei.
„Ach, es geht,“ sagte sie. „Wenn er nur ein bißchen mehr zu Hause
bliebe.“
Putty zuckte die Achseln. Das reizte sie, und sie sagte halb im Ernst,
halb im Scherz, daß er die meiste Zeit auswärts sei und sie ihn manchmal
tagelang nicht zu sehen bekomme, und daß er sehr oft Besuch habe und sie
manchmal nicht wisse, wie sie die Enden zusammenbringen werde.
„Was hast denn du für ’ne Ahnung, was mein Beruf mit sich bringt,“ wies
Putty sie barsch zurecht, „ich gehe nicht aus, wenn ich nicht muß.“
„So! Heute hast du doch auch wieder fortgewollt, weil ihr eine
politische Versammlung hättet, und nun konntest du doch zu Haus
bleiben.“
„Red bitte nicht über Dinge, die du nicht verstehst.“
„So heißt es immer. Wenn ich auch nicht rede, ich denke doch mein Teil,“
trumpfte die große Leonie auf.
„Gut, also kriegen wir jetzt was zu essen oder nicht?“
Leonie zwinkerte zu Fenn Kaß hinüber, während sie die Suppenschüssel
fortnahm, und ging achselzuckend hinaus.
„Bist du wirklich so viel auswärts?“ fragte Fenn.
„Ach wo, ab und zu mal zur Aushilfe, oder zum Besuch bei einem Nachbarn,
und dann haben wir allerdings auch unsre politischen Zusammenkünfte,
oder ich bin mal hier im Dorf spät abends in einem Verein.“
„Da behältst du nicht viel Zeit für dich?“
„Für mich? Wie meinst du das?“
„Ich meine, daß es doch nicht dein Ehrgeiz sein kann, in dieser Umwelt
zu versauern. Einsamkeit ist schön, aber man darf ihr nicht entfliehen,
wie du es tust. Und man muß immer ein wenig an sich herummachen, finde
ich, um die Fähigkeit zu behalten, sich über das Milieu emporzuheben.“
„Ja so, ich lese auch ab und zu was. Ich weiß, was du meinst.“
„Man soll immer denken, daß das Leben noch einmal mehr und besseres von
einem verlangt. Ein jeder soll sich bereitzuhalten suchen, das Höchste
zu leisten, wozu seine Kräfte ausreichen.“
„Na ja, das schon. Das hast du ja immer gesagt. Wenn du es so auffassen
willst.“
Putty war offenbar nicht geneigt, dem Freund in diese Gedankengänge
folgen. Er sorgte während des Essens für leichteren Gesprächsstoff, aber
nachher, als sie bei der Tasse schwarzen Kaffee saßen und ihre Zigarren
rauchten, brachte er die Rede doch wieder auf seine politische
Tätigkeit.
„Unsre Organisation, siehst du, ist das bewunderungswürdigste Werkzeug
politischer Macht, das die Kulturwelt kennt,“ sagte er begeistert.
„Na na,“ lachte Fenn Kaß. „Ich kenne Dinge, für die ich mich mehr
begeistern kann, als für eure Organisation.“
„Das ist nicht unsre, das ist auch deine Organisation!“
„Bleib mir bitte damit vom Leib! Ich bin Priester, ich bin kein
Wahlagent.“
Putty redete sich in Eifer. Er sprach in der Leitartikelprosa seiner
Parteiblätter von der Pflicht des Seelsorgers, tätig in die Politik
einzugreifen, wenn die Interessen der Kirche auf dem Spiel stehen.
„Soll ich dir sagen, was ich für meine Pflicht halte? Meinen Leuten den
wahren Glauben beizubringen, den Glauben, der tief innen überzeugt und
wärmt. Wenn sie dann nicht von selbst, aus der Erleuchtung ihres
Glaubens heraus, auch in der Politik das Richtige zu finden wissen, dann
ist es schlimm genug, aber ich kann ihnen und der Kirche dann nicht
helfen, weiter gehe ich nicht mit.“
Putty wußte wohl, was darauf zu antworten gewesen wäre. Aber das
wichtige Wesen seines Gegenübers benahm ihm die Zuversicht, mit der er
sonst wohl auf seine Argumente baute. Er versuchte, ihm von einer andern
Seite beizukommen.
„Ich will nicht einmal behaupten, daß wir alle die politische Betätigung
streng genommen als unsre Pflicht ansehen. Aber sie ist uns unleugbar
eine Genugtuung. Sieh mal, wenn der Klerus von heute sich von allem
Weltlichen abschließen sollte, wie es die ganz Unentwegten und außer
ihnen merkwürdigerweise auch unsre Gegner behaupten, ja, wer zum Henker
möchte dann noch Priester werden! Wir wollen uns doch nicht unter eine
Glasglocke aufs Kamin stellen lassen, wir wollen doch auch Menschen,
Bürger sein, uns regen, dreinschlagen dürfen, wenn es sein muß.“
Fenn schüttelte den Kopf und Putty wurde wärmer.
„Und da, siehst du, da ist es ein wahres Labsal, in einer Organisation
drin zu stehen, von der man sich getragen fühlt, wo man hieb- und
stoßsicher an seinem Platze wirkt.“
Jetzt kroch Fenn Kaß in sich zusammen und sagte mit gerunzelten Brauen:
„Wem das Spaß macht, allerdings. Mein Fall wäre es nicht. Daß es dein
Fall ist, kann ich dir nachfühlen. Denn nimm es mir nicht übel, da hast
immer – wie soll ich sagen? – einen Halt außer dir gebraucht.“
Putty wurde rot, zog ein paarmal kräftig an seiner Zigarre, hüllte sich
in eine Rauchwolke und sagte, als er den Hieb verwunden hatte:
„Sei es wie es sei, ich bin mit Begeisterung bei der Sache. Und ich
finde darin Genugtuung. – Und Anerkennung,“ fügte er nach einer kleinen
Pause mit Beziehung hinzu.
„O ja, du wirst es zu was bringen können.“
„Das braucht dich nicht zu verbittern.“
Fenn lachte lustig auf.
„Nein, Putty, so dumm wollen wir wirklich nicht sein.“
Putty schämte sich schon seiner albernen Regung.
„Ich weiß ja,“ sagte er, „du hast deine Auffassung vom Priesterberuf,
und ich weiß auch, daß du nicht leicht davon abzubringen bist. Aber du
mußt es doch verstehen, wenn ich sage, daß es schön ist, einer großen
Sache in Gehorsam zu dienen.“
„So ausgedrückt, jawohl. Aber ich fürchte, euch oder vielen von euch ist
die große Sache eben die Organisation. Die ist euch Selbstzweck. Ihr
habt euern Spaß an der Maschine. Die Maschine aber läuft im Dienst eines
Herrn, den ihr nicht kennt.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ja du, ich verstehe mich vielleicht selber nur halb. Ich habe das
unbestimmte Gefühl, nachdem ich das Priesterkleid angezogen habe, um
Gott zum Heile der Menschen zu dienen, daß ich jetzt dunkeln, fernen
Kräften dienen soll, die menschlichen Wesens sind und mit andern
Menschenkräften um die Herrschaft der Welt ringen durch die Zeiten
hindurch. Und siehst du, wo ich kämpfen soll, will ich genau wissen, um
was und für wen.“
Jetzt lachte Putty.
„Senke nieder, Adlergedank, dein Gefieder!“
„Du hast recht. Und heute kein Wort mehr von Politik.“
Sie durchstreiften Nachmittags die Wälder, standen auf den höchsten
Schroffen der Umgegend, sahen weit im Süden den Rauch der Hochöfen
steigen, die blauen Moselberge im Südosten verdämmern und auf den Höhen
gen Norden die letzten weißen Häuser des Landes stehen.
Als Fenn Kaß wieder im Zug saß, und durchs Kupeefenster seinem
Jugendgenossen zum Abschied zuwinkte, löste sich in ihm ein
unbehagliches Gefühl, das er den ganzen Tag mit sich herumgetragen
hatte, in den betrübenden aber bestimmten Gedanken auf, daß Putty Heinen
eine innerlich verlorene Existenz sei: sein fahriges Wesen, seine
Begeisterung, die sich wie ängstlich an ein eingebildetes Ideal
klammerte, die Nörgeleien der Schwester, die Tatsache, daß er bei einem
flüchtigen Blick in Puttys Bücherei allerhand leichte, vielleicht
schlüpfrige Ware hatte liegen sehen, aber nicht ein Buch, nicht eine
Zeitschrift, die auf ernste geistige Interessen deuteten, – das alles
reihte sich ihm zu einer traurigen Indizienkette zusammen, und er fuhr
nach Haus in einer Stimmung, in der sich Zorn und Mitleid seltsam
mischten.
* * * * *
In diesen Tagen, da Fenn Kaß mit knirschenden Zähnen und geballten
Fäusten Stunden und Nächte lang gegen den Ekel ankämpfte, den ihm das
Schauspiel des Wahlkampfes einflößte, geschah es, daß er folgenden Brief
erhielt:
„Sehr geehrter Herr Konfrater!
Ich erfahre, daß Sie Sich nicht damit begnügen, in Ihrem Wirkungskreis
die Kandidatur des Herrn Peppinger zu ignorieren, sondern daß Sie für
den Freidenker Theo Schütz, der Ihr persönlicher Freund sein soll,
Propaganda machen. Ich möchte Sie hiermit davor warnen, daß Sie die
Dinge auf die Spitze treiben. Unsere Presse ist zum Äußersten
entschlossen und würde sich nötigenfalls nicht scheuen, sowohl gegen
genannten Schütz die Bedenken geltend zu machen, die aus seinem Vorleben
und seinen Familienverhältnissen für jeden solid denkenden Bürger sich
ergeben, als auch Ihre Person in den Bereich der Polemik zu ziehen.
Sapienti sat! Das werden gerade Sie, Herr Konfrater, in Ihren speziellen
Verhältnissen zu beherzigen wissen.