Das Kaplanshaus lag am Flußufer und hatte einen hübschen Garten, in dem
jetzt, Ende September, die Sonnenblumen ihre breiten Samentorten reifen
ließen, die Äpfel die warme Farbe des gelb glühenden Abendhimmels
bekamen und Astern und Chrysanthemen zu knospen begannen. Fenn saß in
der Spätnachmittagssonne und freute sich der reifen Schönheit, die um
ihn war. Die Uferhügel standen fern in leichtem Dunst, und der Fluß
spiegelte den wolkenlosen Himmel, die schrägen Sonnenstrahlen machten
die Wiesen leuchten und schienen auf die Schornsteine eines weit talauf
liegenden Dorfes, daß der Rauch nicht entweichen konnte und als
silbriger, bewegungsloser Schleier über den Dächern hing. Ganz aus der
Ferne kam der breite Ton einer Automobilhuppe wie das kurze Muh eines
Rindes. Das laute, schnurrige Singen des Motors schwoll an und wieder
ab, jetzt ratterte die Maschine heran, schien langsamer zu fahren und
stoppte. Fenn hörte von seinem Platz aus, daß seine Mutter an der
Haustür mit jemand redete, dann wurde es still, und jetzt kam ein Herr
durch den Garten auf Fenn zu. Dieser ging ihm zögernd entgegen, im
Gesicht den angespannten, fragenden Ausdruck, der in die Züge tritt,
wenn man etwas Fremdartiges rasch und angestrengt enträtseln soll.
Der Unbekannte strich sich lachend den glänzendschwarzen Vollbart und
sagte: „Ja, lieber Fenn, wenn du mich mit solcher Bullenbeißermiene
empfängst, kehre ich lieber gleich wieder um.“
„Jeß Marja!“ klang es freudig erregt dawider, „der Theo!“ Na ja, der
Bart, und der unvermutete Überfall, das Automobil, das Fremdartige
überhaupt, da konnte man schon einen Augenblick mit der Stange im Nebel
fahren.
„Akkurat so hast du ausgesehen. Nun sag, kannst du mich bis morgen oder
übermorgen brauchen? Ich bin solange frei, seit Gott weiß wann mein
erster freier Augenblick – der soll dir gehören. Das heißt, wenn du mich
haben willst.“
„Mach keine lange Vorrede. Dein Bett ist gedeckt. Deine Karre laß drüben
in den Schuppen fahren, und so du einen Chauffeur hast, ist auch für ihn
gesorgt. Mit meinem alten Wöllem wird er sich ja hoffentlich vertragen.“
Als die beiden Freunde, nachdem alles besorgt war, zusammen im Garten
saßen und Mutter Kaß ihnen eine Flasche Mosel und Zigarren hingestellt
hatte, sagte Theo Schütz: „Es gibt doch noch reine Freuden im Leben,
Fenn. Solche Freude war unser Wiedersehen vorhin.“
„Ja,“ bestätigte mit leisem Lächeln Fenn Kaß. „Es muß wohl so sein. Ich
besinne mich eben, worüber ich mich in diesem Augenblick noch ebenso
stark hätte freuen können wie über dein Kommen. Und ich finde nichts.“
„Aber schön hast du’s hier. Ich glaube, ich begreife jetzt deine
Berufswahl.“