Frau Marjänni Lampert stand mit geschürztem Rock am Herd und kochte ein
Milchsüppchen für ihr Kind, als Fenn Kaß mit gebücktem Kopf durch die
Türe trat. „Gelobt sei Jesus Christus. Wie geht’s, Frau Marjänni?“
Sie ließ vor Schreck den Löffel in den Topf fallen, streifte den Rock
herunter und wischte hastig in seinen Falten die Hände ab. „O Mamm, wat
sin ech elo erschreckt!“
„Nun, einen guten Abend werd’ ich doch wohl noch geboten kriegen,“
lachte er.
„Guten Abend auch. Und wo kommst du ... wo kommen Sie denn so auf einmal
her?“
Marjänni stand schamübergossen. Hatte denn der, der so plötzlich ihr da
gegenübergetreten war, nicht ein Recht auf sie gehabt? War ihr nicht
immer gewesen, als gehörte sie zu ihm, seit den fernsten Tagen ihrer
Kindheit? Kam er jetzt, Rechenschaft von ihr zu fordern? Dagegen bäumte
sich etwas in ihr, etwas, das wie Trotz aussah und auch ein wenig Stolz
war, von dem Bauernstolz, der von ihrem Mann auf sie abgefärbt hatte.
Schließlich hatte sie doch eingeheiratet in die reiche Lampertsfamilie,
die in Wiesing seit hundert Jahren immer die reichste gewesen war und zu
der immer das ganze Dorf emporgeblickt hatte. Und sie war in Brebach die
reiche und schöne Müllerin und hatte nach niemand zu fragen. Was wollte
er denn von ihr, der arme Küstersfenn, der bei ihrem Schwiegervater die
Kühe gehütet hatte für ein Butterbrot oder ein Stück Zwetschenkuchen
Jawohl, sie hatte sich mit ihrem Fritz vergangen, aber das brauchte ja
jetzt niemand mehr zu wissen. Was wollte er also von ihr?
„Ei ei,“ dachte Fenn Kaß, „das ist nicht mehr die alte Marjänni, das ist
wirklich und wahrhaftig die Frau Lampert. Na, um so besser.“ Er besah
sie sich eine Weile, und es fiel ihm auf, welche Veränderung mit ihr
vorgegangen war. Es war ja noch dasselbe Gesicht, so ziemlich auch noch
dieselbe Gestalt. Aber etwas fehlte gegen früher, etwas, das wie eine
Hemmung über dem ganzen Menschen gelegen hatte und jetzt verschwunden
war. Und etwas war auch in dem Ausdruck dieses Gesichts und in allen
Bewegungen, was früher nicht darin gewesen war. Etwas, was Fenn an Fritz
Lampert erinnerte. Aber das war wohl nur Einbildung. Einerlei, es hatte
sich bei ihm festgesetzt. Es kam über ihn, wie damals, als ihm der
Pfarrer von den heimlichen Zusammenkünften der beiden erzählt hatte.
Fenn war zumut wie einem, der ein liebgewordenes Haus von weitem
wiedersieht und weiß, es steht noch und schaut ungefähr noch aus wie
früher, aber ein anderer wohnt drin, und für dich hat es keine Stätte
mehr.
„Wo ich herkomme?“ ging er auf Marjännis Frage ein. „Um die Wahrheit zu
sagen: Geradewegs aus der Kirche.“
„Das hätte ich mir denken können. Da gehört Ihr ja eigentlich auch hin,“
sagte sie und suchte gleich, sich Vergebung für ihre plumpe Rede zu
erlächeln.
„Freilich, die Kirche ist ja unsere Werkstatt.“ Er wollte fragen, ob
Fritz zu Hause sei, und wußte plötzlich nicht, ob er noch „dein Mann“
sagen dürfte, da sie vorhin über das „du“ gestolpert war. „Ist Fritz zu
Hause?“ fragte er schließlich.
„Nein, mein Mann ist auf der Jagd,“ beeilte sie sich zu entgegnen. „Aber
meinen Sohn kann ich dir vorstellen. Komm doch herein in die Stube.“
Nein, er dankte. Er hätte mit Lampert reden wollen, er werde ein
andermal wiederkommen. Und er empfand auch, daß sie mit ihm den rechten
Ton nicht finden würde, daß es ihr lieb wäre, wenn er ginge.
Er schlug den Weg in die Äcker ein und kam in die Nähe des Höhlenwegs.
Am Rande der Schlucht stand Fritz Lampert, die Jagdflinte schußbereit,
während unten im Gestrüpp seine Bracken läuteten. Fenn blieb stehen und
wartete ab. Ein Häschen brach oben aus dem Gestrüpp, tat ein paar Sätze
über einen Sturzacker und überschlug sich im Feuer, daß seine weiße
Bauchwolle schimmerte. „Bravo!“ rief Fenn, und Fritz antwortete
geschmeichelt: „Ah, du bist das! Den hab ich mir prompt geholt, was!“ Er
nahm dem apportierenden Hund den Hasen ab und tat ihn nach den üblichen
Manipulationen in die Jagdtasche. „So, jetzt kann ich heimgehen, jetzt
lacht mich die Frau nicht aus.“
Fenn dachte: „Gute Laune ist die beste Maklerin“ und fing mit Fritz
gleich von dem Geschäft zu reden an, das er mit ihm plante. Er erklärte
ihm an Ort und Stelle das Technische und sagte, was man von ihm
beanspruchte: daß er sich wegen seiner Wasserkraft abfinden ließe und
die Mühle, die dem Wohnhaus gegenüberlag, als Betriebsgebäude für die
elektrische Anlage billig hergäbe. Fritz wollte sich die Sache mal
überschlafen. Daß ihm seine Mühle nicht viel einbrachte, gab er zwar
nicht zu, indes, er wollte mit sich reden lassen.
„Und nun laß ich dich nicht los, nun mußt du mit mir zu Nacht essen.“
„Nein, Fritz, ich danke wirklich. Ich war vorhin bei euch zu Haus, ich
habe deine Frau begrüßt ...“
„Um so besser. Du mußt mir den Gefallen tun.“ Er faßte Fenn am Ärmel und
zog ihn mit fort.
* * * * *
Ja, gemütlich sah es aus bei Lamperts. Die Frau wußte ein Haus zu
führen. Anfangs sei es ihr ja schwer gefallen, scherzte Fritz, da habe
manchmal noch das Fräulein Lehrerin überwogen, aber sie habe sich als
Hausmutter gemacht, sie koche leidlich, und es lasse sich mit ihr leben.
Nur mit der Butter gehe sie zu sparsam um, wohl noch von zuhause her. Er
müsse an allem reichlich Butter haben, und wenn sie zwei Mark das Pfund
koste. Er begann sehr viele Sätze mit „ich“, um zu sagen, wie er, Fritz
Lampert, dies oder jenes am liebsten habe. „Ich trinke keinen Viez, der
ist mir zu läpsch.“ Oder: „Ich esse vom Hasen nur das Contrefilet, das
hier, unterm Rückgrat sitzt.“ Und Frau Marjänni tat es ihm schon nach:
„Mein Mann mag Fische nur, wenn sie direkt aus dem Wasser kommen,“ und:
„Mein Mann könnte längst Feuerwehrkommandant sein, wenn er wollte.“
Fritz und Marjänni konnten es nicht fassen, daß Fenn Kaß sich in den
Kopf gesetzt hatte, den Brebachern eine elektrische Kraftanlage zu
bauen.
„Glaubst du denn, daß du dabei etwas aufsteckst?“ fragte Fritz.
„Ich will doch nichts aufstecken, ich bin schon zufrieden, wenn die
Leute ihr Licht für Stall und Scheune und die Kraft für ihre
Dreschmaschinen und dergleichen billig bekommen.“
„Was hast denn du davon?“ meinte Marjänni.
„Die Freude, daß ich ihnen einen Dienst geleistet habe.“
Fritz prustete los, und Marjänni sagte: „Doch, Fritz, ich glaube ihm
das. Laß ihn doch, wenn es ihm Spaß macht.“
„Na ja, es gibt also doch noch Idealisten. Frau, hol uns noch eine
Flasche, und bring dir ein Glas mit.“
Es wurde gemütlich. Marjänni brachte noch eine Flasche und schüttete zum
Nachtisch eine Schürze voll frischer Nüsse auf das Tischtuch. Fenn
hemmte seine Zunge rechtzeitig. Er wollte sagen: „Ei, das ist ja wie am
Vorabend unserer ersten Fahrt nach Luxemburg“ – da trat die blutende
Gestalt des alten Lampert dazwischen und schnitt ihm das Wort ab.
Marjänni trank mit und wurde gesprächig. Fenn fiel es auf, wie der junge
Lampert anfing, seinem Vater ähnlich zu sehen. Er hatte schon dasselbe
gedunsene Gesicht, nur blasser, dieselben Quellaugen, dieselben groben
Hände, die sich schwer auf alles legten, aber aus denen die Energie des
Zufassens, wie sie in den Händen der Lampertschen Vorfahren gewohnt
hatte, verflüchtigt war.
Und sie? „Sie sieht ihm doch ähnlich!“ dachte Fenn, während er sie
verstohlen betrachtete, wie sie, eine Wange in der hohlen Hand und den
Ellenbogen aufgestützt, ihm schräg gegenübersaß, neben ihrem Mann. In
den Augen lag die Ähnlichkeit nicht. Das waren willfährige
Gehorcherinnenaugen, die nach den Wünschen eines Gebieters spähten,
nicht immer froh, manchmal mißmutig, aber immer untertan. Es waren die
Augen eines Wesens, das in sich allein keine Erfüllung findet, das
Ergänzung sucht und sich da gehorsam einlebt, wo sein Schicksal es am
Strande absetzt. Sie war mit ihrem ganzen Wollen und Denken dem Wollen
und Denken ihres Mannes magdlich untergeben, und einige Sekunden lang
schnürte es Fenn wieder die Kehle, daß sie außerhalb seines Lebens ihre
Erfüllung gefunden hatte. Jetzt sah er auch die Ähnlichkeit. Sie lag im
Zug des Mundes. Ihre Lippen, die ehedem wie feine, rote Striche waren,
glichen jetzt runden Wülsten und standen fortwährend gerade soweit
geöffnet, daß man in ihrem Schatten die Zähne blitzen sah. Genießerisch
breit waren ihre Lippen geworden, schlapp und satt, wie die ihres
Mannes. Tiefes Mitleid mit ihr gewann allmählich bei Fenn die Oberhand.
Man sprach weiter von dem Plan, die Mühle der Gemeinde abzutreten. Fritz
nahm ein Blatt Papier und rechnete aus, wie sich für ihn das Ergebnis
stellen würde. Er operierte mit Ziffern, in denen er seinen derzeitigen
Verdienst stark übertrieb, aber dennoch fand sich, daß er kein
schlechtes Geschäft machen würde. Marjänni zog das Blatt an sich und
suchte zu begreifen. Die Ziffern verwirrten sich ihr vor den Augen, aber
ihr Instinkt redete. Wenn Fritz die Mühle aufgab, hatte er gar keine
Beschäftigung mehr. Was dann würde, wußte sie genau. Schon jetzt betrank
er sich jeden Tag, machte in den paar Wirtshäusern des Dorfes die Runde
und blieb halbe Tage lang draußen, wenn er wo in eine Partie Karten oder
Kegel geriet. Marjänni meinte also, mit dem elektrischen Projekte sei es
nichts. Fritz begehrte auf, Fenn vermittelte, und als Lampert mit groben
Worten dreinfuhr, kamen seiner Frau die Tränen. Da legte er erst recht
los gegen diese verfluchte Flennerei der Weiberbande. Wenn sie von drei
Glas Wein das heulende Elend bekam, sollte sie doch lieber Milch
trinken. Sie sollte ihre Kartoffeln kochen und ihre Kinderwindeln
waschen und sich nicht dreinmischen, wenn die Männer zu reden hätten.
Fenn suchte Frieden zu stiften, Fritz wurde noch gröber, und dann
verteidigte sich Marjänni. Da sie mundfertiger war, als ihr Mann, kam
dieser schließlich ins Hintertreffen. Er benutzte die Pausen, um mit
seinem gröbsten Geschütz dazwischenzufeuern, schrie, bleich vor Zorn mit
seltsam verwandelter, knödelnder Halsstimme, sie wisse ja, was sie zu
tun habe, wenn es ihr nicht mehr passe, und er hätte klüger getan, sie
in ihrem Schulmeisterheim zu lassen und sich eine Frau zu nehmen, die an
ein Regiment gewöhnt sei, wie es in deftigen Häusern herrsche. Ein Wort
gab das andere, bis Fritz rasend dastand und seinen Stuhl fluchend mit
beiden Händen bis an die Decke hob, als wolle er ihn seiner Frau auf dem
Scheitel zerschmettern. Aber er begnügte sich, ihn auf den Tisch zu
hauen, daß Flaschen und Gläser in Splittern herumflogen.
Marjänni kannte das. Sie wußte: nun wird er ruhiger. Und sie rettete
sich rasch auf die Seite der gekränkten Unschuld. „Das ist ja recht
nett,“ sagte sie mit kalt verweisendem Ton. „Du bringst unserm Gast ja
eine merkwürdige Vorstellung bei von unserm Familienleben.“
„Ach was,“ brummte er im Verschnaufen, „du sollst mich nicht so in Wut
bringen. Geh, Fenn, setz dich her, sie holt noch eine Flasche.“
Fenn mußte wohl oder übel noch eine Flasche mittrinken. Marjänni saß
dabei, und es brachte ihn in tödliche Verlegenheit, daß sie ihm
manchmal, wenn Fritz sie gerade nicht bemerkte, einen Blick zuwarf, der
zwischen ihr und ihm eine Art geheimen Einverständnisses herstellen,
einen Blick, der ihm sagen sollte: „Ja, so ist er! Was bin ich doch für
eine todunglückliche Frau!“ Und im nächsten Augenblick sagte sie mit
fast zärtlicher Vorsorglichkeit: „Fritz, trink nicht so schnell, du
weißt ja, es bekommt dir nicht!“
Als Fenn von den beiden Abschied nahm, standen sie im Rahmen der Haustür
eng umschlungen, und es kam ihm vor, als legten sie bewußt in ihren
Gute-Nachtgruß ein klein wenig von der Ironie des Reichen gegen den
Bettler. Ein Gefühl physischen Ekels war in ihm gegen den
Lebensausschnitt, dessen Zeuge er gewesen war. Irgend etwas göttlich
Reines meinte er beschmutzt und zertreten gesehen zu haben, und am
trostlosesten schien es ihm, daß die, die er in solche Tiefen gestoßen
sah, nicht mehr mit der starken Sehnsucht, die erlösen kann, ans Licht
zu streben vermochte.
* * * * *
Fenns Verhältnis zu seinem Pfarrer gestaltete sich immer unerfreulicher.
Brendel war aus kleinen Verhältnissen an die Spitze der wohlhabenden
Pfarrei in Brebach gekommen. Er war fromm, von jener Frömmigkeit, die in
Worten verdampft, dabei von robustem Erwerbssinn. Und so wickelte sich
sein Leben ab zwischen dem Bestreben, „auf den Haufen zu schaffen“, wie
die Leute sagten, und dem andern, seine Pfarrei nach seinem Begriff der
Gottesfurcht zu stilisieren. Ein frömmelnder Bauer war ihm der Inbegriff
alles Erstrebenswerten, was ein Seelsorger aus einem Pfarrkind machen
kann. Und daß ihn sein Kaplan in dieser Richtung nicht unterstützte,
nahm er ihm natürlich äußerst übel. Auf Schritt und Tritt sah er sein
Wirken von dem frischen, weltlichen Draufgängertum dieses
„Schmiedegesellen“, wie er ihn heimlich nannte, durchkreuzt. Pfarrer
Brendel hatte seine Pfarrei mit einem frommen Vereinswesen wie mit
Kaninchenbauen durchzogen. Er hatte einen Jünglings- und einen
Jungfrauenverein, einen Paramentenverein, einen Verein des Heiligen
Herzens Jesu und einen Verein des Heiligen Herzens Mariä, einen Verein
vom Kindlein Jesu für Loskaufung von armen Heidenkindern und eine
Bruderschaft von diesem und eine Schwesterschaft von jener Heiligen.
Jeder Mensch in Brebach hatte für jeden Tag in der Woche einen andern
Verein, als dessen Mitglied er sich jeweils fühlen konnte, wenn er Lust
hatte. Und außerdem durchdrang der Herr Pfarrer den Gesangverein und die
Feuerwehr vollständig mit seinem Einfluß, alle mehr oder weniger
öffentlichen Kundgebungen des profanen Lebens suchte er mit Pietismus zu
durchsäuern, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Denn
wenn die Brebacher aus angeborener Gutmütigkeit und innerlicher
Glaubenstreue sich manches gefallen ließen, so schüttelten sie sich doch
zuweilen, wenn ihr Pfarrer sie zu stark für seine Frömmlerzwecke in
Anspruch nahm.
Die Buchführung über seine heilige Vereinsmeierei war eine der
Hauptbeschäftigungen des Pfarrers Brendel, und er ging denn auch schon
mit dem Gedanken um, sie auf seinen Kaplan abzuladen, als er wahrnahm,
daß er damit den Bock zum Gärtner machen würde. Durch seine Vereinssaat
wehte ein verdächtiger Wind. Und eines schönen Tages stand er vor der
unerfreulichen Tatsache, daß aus den Kerntruppen seines Jünglingsvereins
und seiner andern männlichen Vereine und Bruderschaften sich auf
Betreiben des „Schmiedegesellen“ ein Ackerbau-Lokalverein gebildet hatte
mit dem schnöden Zweck, Kunstdünger gemeinsam zu beziehen,
Ackerbaugeräte und Maschinen zu gemeinsamem Gebrauch anzuschaffen und
sich durch Vorträge und Lektüre allgemein zu bilden. Dazu kam, daß der
Kaplan durch diesen Verein auf die Gemeinde zugunsten seiner
elektrischen Kraftanlage zu drücken gedachte. Emil Masseler hatte das
alles dem Herrn Pfarrer brühwarm hinterbracht, als dieser eines Abends
mit seiner Schwester auf ein Schwätzchen zur Erbtante gekommen war. Bei
der Erbtante gab es immer eine gute Flasche, und da konnte der Herr
Pastor seinem bedrängten Herzen zwanglos Luft machen. Die Erbtante
wollte mit den Behörden, deren Vertreter ebenfalls ihren Keller zu
schätzen wußten, ein Wörtchen reden. Diesem ungefügigen Herrn würde man
schon das Handwerk legen.
Da wirkte es wie ein kaltes Sturzbad, als eines Tages in Brebach bekannt
wurde, Kaplan Kaß sei in der Stadt lange beim Ackerbauminister gewesen,
der ihn gar bei sich zu Tisch gehabt und ihn wegen seiner gemeinnützigen
Initiative in Gegenwart verschiedener hoher Beamten sehr gelobt habe.
Verbohrter als je kroch Pfarrer Brendel in das Schneckenhaus seiner
frommen Selbstgerechtigkeit zurück und brütete Vergeltung.
Am nächsten Sonntag predigte er im Hochamt. Kaplan Kaß saß im
Chorgestühl. Was Pfarrer Brendel in der Regel predigte, war ein
lauwarmer Wortbrei mit Mohn, bei dessen Genuß seine Zuhörer eine
unwiderstehliche Schlafsucht überfiel. Eine Weile wehrten sie sich
dagegen, zwangen die Augenlider krampfhaft hinauf, bis ihnen war, als
stiege der Altar mit seinen blinkenden Blumen und seinen gelben
Kerzenflammen langsam gen Himmel und als senkte sich ein dunkler
Sammetvorhang zwischen sie und die sichtbare Welt. Diesmal schmeckten
sie alle den Essig durch, der zwischen den Worten ihres frommen Pfarrers
sickerte, und sie horchten auf. Was war denn das? Das klang ja gar nicht
so erdenfern und schläfrig wie sonst, das schien ja, als ob ihnen „der
Herr“ diesmal wirklich etwas zu sagen hätte.
„Geliebte Christen!“ Sonst war die Anrede über sie hinweggegangen wie
ein leerer Schall. Heute klang daraus ein Aufruf, eine Aufforderung, zu
hören.
„Geliebte Christen!“ Und Pfarrer Brendel begann eine anspielungsreiche
Predigt über die Erhabenheit und Heiligkeit des Priesterstandes. Er
sagte in umfangreichen Ausführungen, was und wie seiner Auffassung nach
der Priester sein müsse und was und wie er nicht sein dürfe. Mit
Frömmigkeit und Gebet müsse er die Welt bezwingen, – „alles übrige wird
Euch zugegeben werden. Hat unser Herr und Heiland nicht zu seinen
Jüngern gesagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, Moses hat Euch nicht
das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt Euch das rechte
Brot vom Himmel. Geliebte Christen, seht Euch vor, daß Euch nicht ein
moderner Moses das falsche Brot vom Himmel breche, denn: ich bin das
Brot des Lebens, sagt der Herr. Was frommt es Euch, wenn Ihr Eure
Kornäcker mit künstlichem Dünger besät, und Eure unsterblichen Seelen
leiden Schaden und müssen dürsten nach Wahrheit und Frömmigkeit wie die
Wiese nach dem Tau, und es ist niemand, der sie tränket. Sorget nicht,
sprach Jesus zu seinen Jüngern, für Euer Leben, was Ihr essen sollt und
wie Ihr Euch kleiden sollt, denn das Leben ist mehr als die Speise und
der Leib mehr denn die Kleidung. Wichtiger ist es, geliebte Christen,
daß Ihr Eure Seelen mit dem Geiste Gottes, als daß Ihr Eure Häuser mit
dem Lichte dieser Welt erleuchtet. Der Herr erhält alle, die da fallen,
und richtet alle auf, die da niedergeschlagen sind. Aller Augen warten
auf ihn und er gibt ihnen Speise zur rechten Zeit.“
Fenn Kaß hatte schon seit einigen Tagen wahrgenommen, daß der Pfarrer
etwas gegen ihn im Schilde führen mußte. Eine Frage fiel ihm ein, die
Herr Brendel ihm kürzlich mit seltsamer Betonung gestellt hatte: ob er
sich denn wirklich in seinem Beruf glücklich fühle. „Bis jetzt wohl,“
hatte ihm Fenn geantwortet. „Und ich denke, wenn es mir gelingt, mein
Wirken nach meiner Auffassung auszugestalten, so werde ich wohl auch
ferner glücklich bleiben, soweit das dem Menschen überhaupt beschieden
ist.“ Pfarrer Brendel hatte sauersüß dazu gelächelt und entgegnet, der
Herr Kaplan sei noch sehr jung und unerfahren, und die Hauptsache sei
eben die Auffassung. „Wo will er hinaus?“ dachte Fenn Kaß, als er jetzt
den Pfarrer in seinem weißen Chorhemd auf der Kanzel stehen und mit
merkwürdig rotem Kopf auf seine Gemeinde losreden sah. Die erste
Anspielung auf seine Tätigkeit als Gründer des Lokalvereins hatte
bewirkt, daß alle Gesichter in der Kirche sich nach dem Chor wandten, wo
der Herr Kaplan saß. Und alle hatten gesehen, wie Fenn das Blut in die
Stirn gestiegen war und wie sich die Falte zwischen seinen Brauen tiefer
gegraben hatte.
Pfarrer Brendel sprach weiter:
„Geliebte Christen! Wie steht geschrieben? Es war ein Weib mit Namen
Martha, die nahm Jesum auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester,
die hieß Maria. Die setzte sich Jesu zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat
hinzu und sprach: Herr, fragest du nicht danach, daß mich meine
Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfe. Jesus
aber antwortete und sprach: Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und
Mühe. Eins aber nur ist notwendig. Maria hat das beste Teil erwählt, das
soll nicht von ihr genommen werden. Geliebte Christen! Was lehrt uns
diese Erzählung aus dem Evangelium des heiligen Apostels Lukas? Daß wir
sollen unsern Sinn nicht richten auf das Weltliche und Sinnliche, nicht
auf Geld und Gut noch auf Speise und Trank, denn sehet die Lilien auf
dem Feld: sie säen nicht und ernten nicht, und sie haben keinen
Lokalverein und keine elektrische Beleuchtung, und sind doch schöner
gekleidet als Salomon in all seiner Pracht und Herrlichkeit.“
Wieder fuhren alle Köpfe nach dem Chorgestühl, wo der Kaplan saß und mit
harten verschlossenen Mienen den predigenden Pfarrer ansah.
„Und im Evangelium Johannis lesen wir, geliebte Christen, daß auch Judas
Ischariot zugegen war, als Maria dem Herrn die Füße salbete mit Salbe
aus köstlicher Narde, und der Verräter sagte: Warum ist die Salbe nicht
um dreihundert Silberlinge verkauft und das Geld den Armen gegeben
worden? Er sorgte sich aber nicht um die Armen, sondern um seinen
Geldbeutel. Und Christus der Herr durchschaute ihn und sagte zu denen,
die um ihn standen: Arme werdet ihr allezeit bei Euch haben, mich aber
habt Ihr nicht allezeit bei Euch. Und so, geliebte Christen, gibt es
auch heute noch unter denen, die sich die Jünger Jesu nennen, viele, die
mehr auf das Wohl des Geldbeutels, als auf die Gegenwart des Herrn
bedacht sind.“
Fenn Kaß schüttelte den Kopf und dachte: „Wie kann in einem Menschenhirn
soviel Torheit und Gottesliebe beieinander wohnen!“
Und der Herr Pfarrer sprach salbungsvoll und boshaft weiter von denen,
die den wahren Priesterberuf haben und denen, die die räudigen Schafe in
Gottes Herde sind: „Es sind die unruhigen, verbohrten Köpfe, für die die
Glaubenstreue besonders schwer ist, es sind die unlenkbaren Charaktere,
die sich nie an den priesterlichen Gehorsam gewöhnen, Temperamente, die
sich vielleicht insgeheim auch gegen die priesterliche Keuschheit
aufbäumen, Seelen endlich, die niemals oder in höchst unvollkommener
Weise den dem Priestertum nötigen religiösen Geist, Geschmack an
göttlichen Dingen und Seeleneifer sich aneignen. Beten wir, geliebte
Christen, daß unsere Pfarrei immerdar vor solchen falschen Seelenhirten
bewahrt bleibe, beten wir, daß der Geist der Frömmigkeit und
Gottesfurcht, daß der Geist Marias niemals verdrängt werde durch die
irdischen, himmelabgewandten Sorgen einer Martha oder gar eines Judas
Ischariot in Priestergestalt. Amen!“
Die Zuhörer atmeten auf in der gelösten Spannung ihrer Gemüter, und sie
wußten nicht, sollten sie dem Pfarrer recht geben, der als frommer
Gottesmann sicher eine dem Himmel gefällige und im Grunde ja auch sehr
interessante Predigt gehalten hatte, oder sollten sie sich auf die Seite
des Kaplans schlagen, der doch ein so umgänglicher Mensch war und sie so
geschickt zu nehmen verstand? Sie wollten abwarten. Denn wie sie den
Kaplan kannten, würde er den Schimpf nicht stillschweigend einstecken.
Das Hochamt war vorbei. Die Kinder konnten es kaum erwarten, bis sie ins
Freie kamen. Zwei und zwei traten sie aus ihren niedrigen Bänken,
knixten lustig vor der Kommunionbank und gingen den Gang hinunter
zwischen den Sitzen der Großen, die Mützen und Hüte an den Mund
gedrückt, auf das offene Kirchentor zu, reichten sich kichernd
Weihwasser und traten mit einem innerlichen Juchzer über die Schwelle,
denn noch zehn, zwanzig Schritt, und sie durften in langen Sätzen die
Treppe hinunter auf die Straße stürmen. Aber sie schraken zusammen, und
die vordern stockten. Vor ihnen stand plötzlich der Kaplan, der aus der
Sakristei um die Kirche herum gekommen war. Er winkte stumm, daß sie
vorbei gehen sollten, und erst als die Erwachsenen kamen, stellte er
sich ihnen mitten in den Weg und hob die Hände in die Höhe. Verdutzt
blieb alles stehen und sammelte sich auf dem Vorplatz. Als die letzten
heraus waren, ging Fenn Kaß durch die stummen Reihen hindurch, zog die
Kirchentür in die Klinke und trat auf die breite erhöhte Schwelle.
„Meine lieben Freunde!“ hub er an. Die guten Brebacher betrachteten ihn
wie eine Erscheinung. Das war ja unerhört. Der hatte ja den Teufel im
Leib.
„Meine lieben Freunde! Ich möchte euch nicht nach Hause gehen lassen,
ohne ein Mißverständnis zu zerstreuen, das vielleicht nach der heutigen
Predigt unseres – eures Herrn Pfarrers bei einigen von euch entstanden
sein könnte.“
Emil Masseler räusperte sich, zum Zeichen, daß er ganz bei der Sache sei
und bereit, sich zu merken, was der Redner Falsches oder Ungehöriges
etwa vorbringen würde. Seine Erbtante schüttelte leise und mißbilligend
den Kopf, und die Frauen, die um sie standen, fanden infolgedessen auch,
daß Kaplan Kaß im Begriffe war, daneben zu greifen.
„Aus den Worten eures Herrn Pfarrers möchte vielleicht der eine oder der
andere von euch schließen, es mißfalle unserm lieben Herrgott, wenn sich
ein Priester dazu herbeiläßt, seinen Pfarrkindern mehr von der Wahrheit
zu sagen, als sie davon sonst erfahren, und auch in Dingen des Erwerbs
mit Rat und Tat ihnen an die Hand zu gehen. Ich halte diese Auffassung
für falsch. Ich bin nach wie vor entschlossen, euch die Geheimnisse der
Natur aufzuhellen, die ihr verstehen könnt und, soviel an mir liegt,
werktätig zu eurem zeitlichen Wohlergehen beizutragen. Derjenige, der
euch euren Verstand und eure Kräfte gegeben hat, der will auch, daß ihr
sie reget und gebraucht, daß ihr auch mit diesem Talente wuchert und
damit das wirkt, wozu es seiner Natur nach bestimmt ist. Nicht die
Wahrheit ist verderblich, sondern die Lüge. Und keine Arbeit, die in der
natürlichen Ordnung der Dinge liegt, kann dem Schöpfer mißfällig sein.
Nur Schwächlinge und Kranke können das Gegenteil behaupten. Wenn ich
euch helfe, eure Kräfte nach Möglichkeit anzuspannen und auszunützen, so
habe ich bei der Ausführung von Naturgesetzen geholfen, die von Gott
geschaffen sind. Am klarsten lernt ihr den Schöpfer erkennen in der
Gesetzmäßigkeit, mit der alle Kräfte des Weltalls ineinander wirken. Am
aufrichtigsten verehrt man den Meister, in dessen Werk man sich selber
als ein Teil des Ganzen fühlt und betätigt. Lernen und arbeiten sind das
gottgefälligste Gebet, ihr Lohn und ihr Segen sind von Gott gewollt. Ich
könnte noch lange über denselben Gegenstand zu euch reden und euch viele
Bibelsprüche anführen, die für mich zeugen, indes euer Mittagsmahl
wartet auf euch, und ich will nicht schuld sein, daß eure Suppe
überkocht.“
Dieser Schluß, den Fenn Kaß lächelnden Mundes vorbrachte, glättete die
Stirnen, die überm Zuhören sich kraus gezogen hatten, und dehnte die
Münder zu einem beifälligen und befreiten Lächeln in die Breite.
Fenn Kaß trat von der Schwelle der Kirchentür herunter. Bereitwillig
öffnete die Menge ihm eine Gasse, und er schritt weit ausholend zwischen
ihren ehrerbietigen und zutunlichen Grüßen hindurch.
Die Leute verliefen sich mit Gesumme, nur der sanfte Emil blieb zurück
und wartete auf den Pfarrer, dem er, so gut er es vermochte, den Inhalt
der eben gehörten Standrede wiederholte. Pfarrer Brendel machte dazu ein
ganz verdonnertes Gesicht und sagte am Schluß mit einem Ausdruck, als
sei ihm der Gottseibeiuns erschienen: „Das klingt ja genau wie
materialistische Weltanschauung.“
„Ganz genau,“ bestätigte voll innerer Freude und äußerer Betrübnis der
sanfte Emil.
„Ich will nicht _ab irato_ handeln,“ sagte Pfarrer Brendel, „aber der
Fall ist ernst, sehr ernst. Grüße deine Tante, lieber Emil, und ich
ließe guten Appetit wünschen. Vorderhand will ich nichts beschließen,
ich muß vor allen Dingen den Herrn Kaplan zur Rede stellen, wie es
gemeint war.“
Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem Pfarrer und
Fenn Kaß. Aus dem Ton väterlich ernster Zurechtweisung fiel Herr Brendel
sehr bald in eine nervöse Unsicherheit, denn sein Kaplan setzte ihm mit
überlegenen Worten zu, und er freute sich wirklich, daß er zu der
Unterredung nicht, wie es zuerst seine Absicht gewesen war, mehrere
zuverlässige Älteste der Gemeinde zugezogen hatte, damit sie Zeugen
wären, wie der vorlaute junge Herr klein beigeben würde.
„Und schließlich, Herr Pfarrer, ich tue meine Pflicht, wie ich sie
verstehe und wie manche im Lande sie gleich mir tun möchten. Sollte das
mich nicht davor schützen, daß Sie mich öffentlich vor der versammelten
Gemeinde in den schmählichsten Verdacht bringen, so muß ich alle Mittel
anwenden, die mir gegen solche Verunglimpfung zu Gebote stehen.“
„Tun Sie, was Ihnen beliebt,“ sagte Pfarrer Brendel. Und er ließ von
Stund an seinen Kaplan ausspionieren, ob er etwa Anstalten träfe, sich
bei seinen geistlichen Vorgesetzten zu beschweren. Sein Plan für diesen
Fall war fertig.
Fenn ließ es dabei bewenden. Wenn er die Sache vor das Bistum brachte,
war es so gut wie sicher, daß er samt seinem Pfarrer versetzt wurde, und
dann würden für ihn anderswo möglicherweise dieselben Schwierigkeiten
des Einlebens sich wiederholen. Er wollte die Geschichte einschlafen
lassen und im übrigen die Wege weitergehen, die er eingeschlagen hatte.
* * * * *
Mutter Kaß war an dem Sonntag, wo der eben erzählte Zwischenfall sich
ereignet hatte, nicht in der Kirche gewesen. Aber Marjänni hatte alles
mit angehört und der alten Frau am selben Nachmittag noch vor der Vesper
in der Küche, während Fenn in seiner Studierstube saß, haarklein und
dramatisch mit groß aufgerissenen Augen und leidenschaftlich
geflüsterten Sätzen alles erzählt.
„Man muß ihn gewähren lassen,“ hatte Frau Kaß ruhig versetzt, als die
junge Frau fertig war und hatte sie auf später zu einer Tasse Kaffee
geladen. Marjänni war geschmeichelt gewesen. Schon hieß es im Dorfe, mit
dem Kaplanshause ließen sich schlechterdings keine Beziehungen
anknüpfen, sowohl die Mutter Kaß wie der alte Wöllem seien unzugänglich
und gleich festverriegelten Türen. Frau Lampert wußte also die Ehre zu
schätzen, und sie kam in die Küche zu den beiden Alten bald häufig zu
Gast, ohne daß die meiste Zeit Fenn darum wußte. Er wunderte sich nur,
wie seine Mutter jetzt so genau in der kleinen Dorfchronik Bescheid
wußte und ihm oft aus verborgenen Geschehnissen heraus Dinge erklären
konnte, auf die er sonst sich keinen Vers zu machen wußte. Allmählich
bekam er einen Einblick in das verworrene Gespinst der ärmlichsten und
kleinlichsten Dorfintrigen, bei denen in der Regel unbefriedigte
Weiblichkeit die unausrottbare Triebkraft abgibt: Weiber, die ihren
Tatendrang und ihre abgestandene Liebesbedürftigkeit durch das
Sicherheitsventil eines so orgiastisch wie systematisch betriebenen
Klatsches ausströmen lassen, und Männer, die ihnen dabei helfen. An der
Zurückhaltung der einen, den Verlegenheiten der andern und der klebrigen
Unterwürfigkeit dritter merkte Fenn Kaß bald, daß er den passiven
Mittelpunkt mancher Klatschgewebe abgeben mußte, und er lachte darüber
und zuckte die Achseln, wie ein Gulliver, den die Liliputaner in einen
Käfig mit Zwirnfadengittern einsperren möchten.