DER GRAF UND DIE DIRNE

Morgen, gegen sechs Uhr.

Ein ärmliches Zimmer; einfenstrig, die gelblich-schmutzigen Rouletten

sind heruntergelassen. Verschlissene grünliche Vorhänge. Eine Kommode,

auf der ein paar Photographien stehen und ein auffallend geschmackloser,

billiger Damenhut liegt. Hinter dem Spiegel billige japanische Fächer.

Auf dem Tisch, der mit einem rötlichen Schutztuch überzogen ist, steht

eine Petroleumlampe, die schwach brenzlich brennt; papierener, gelber

Lampenschirm, daneben ein Krug, in dem ein Rest von Bier ist, und ein

halb geleertes Glas. Auf dem Boden neben dem Bett liegen unordentlich

Frauenkleider, als wenn sie eben rasch abgeworfen worden wären. Im Bett

liegt schlafend die Dirne; sie atmet ruhig. -- Auf dem Divan, völlig

angekleidet, liegt der Graf, im Drapp-Überzieher; der Hut liegt zu

Häupten des Divans auf dem Boden.

Graf (bewegt sich, reibt die Augen, erhebt sich rasch, bleibt sitzen,

schaut um sich).

Ja, wie bin ich denn .... Ah so .... Also bin ich richtig mit dem

Frauenzimmer nach Haus .... (Er steht rasch auf, sieht ihr Bett.) Da

liegt s' ja .... Was einem noch alles in meinem Alter passieren kann.

Ich hab' keine Idee, haben s' mich da heraufgetragen? Nein .... ich hab'

ja geseh'n -- ich komm in das Zimmer .... ja .... da bin ich noch wach

gewesen oder wach worden .... oder .... oder ist vielleicht nur, daß

mich das Zimmer an was erinnert?.... Meiner Seel', na ja .... gestern

hab' ich's halt g'seh'n .... (sieht auf die Uhr) was! gestern, vor ein

paar Stunden -- Aber ich hab's g'wußt, daß 'was passieren muß ..... ich

hab's g'spürt .... wie ich ang'fangen hab' zu trinken gestern, hab'

ich's g'spürt, daß .... Und was ist denn passiert?..... Also nichts

..... Oder ist was .....? Meiner Seel .... seit .... also seit zehn

Jahren ist mir so 'was nicht vor'kommen, daß ich nicht weiß .... Also

kurz und gut, ich war halt b'soffen. Wenn ich nur wüßt', von wann an

.... Also das weiß ich noch ganz genau, wie ich in das Hurenkaffeehaus

hinein bin mit dem Lulu und .... nein, nein .... vom Sacher sind wir ja

noch weg'gangen .... und dann auf dem Weg ist schon .... Ja richtig, ich

bin ja in meinem Wagen g'fahren mit'm Lulu .... Was zerbrich ich mir

denn viel den Kopf. Ist ja egal. Schau'n wir, daß wir weiterkommen.

(Steht auf. Die Lampe wackelt.) Oh! (Sieht auf die Schlafende.) Die hat

halt einen g'sunden Schlaf. Ich weiß zwar von gar nix -- aber ich werd'

ihr 's Geld aufs Nachtkastel legen .... und Servus .... (Er steht vor

ihr, sieht sie lange an.) Wenn man nicht wüßt', was sie ist! (Betrachtet

sie lang.) Ich hab' viel kennt, die haben nicht einmal im Schlafen so

tugendhaft ausg'seh'n. Meiner Seel' .... also der Lulu möcht' wieder

sagen, ich philosophier', aber es ist wahr, der Schlaf macht auch schon

gleich, kommt mir vor; -- wie der Herr Bruder, also der Tod .... Hm, ich

möcht' nur wissen, ob .... Nein, daran müßt' ich mich ja erinnern ....

Nein, nein, ich bin gleich da auf den Divan herg'fallen .... und nichts

is g'schehn .... Es ist unglaublich, wie sich manchmal alle Weiber

ähnlich schauen .... Na geh'n wir. (Er will gehen.) Ja richtig. (Er

nimmt die Brieftasche und ist eben daran eine Banknote herauszunehmen.)

Dirne (wacht auf).

Na .... wer ist denn in aller Früh --? (Erkennt ihn). Servus, Bubi!

Graf.

Guten Morgen. Hast gut g'schlafen?

Dirne (reckt sich).

Ah, komm her. Pussi geben.

Graf (beugt sich zu ihr herab, besinnt sich, wieder fort).

Ich hab' grad' fortgehen wollen ....

Dirne.

Fortgeh'n?

Graf.

Es ist wirklich die höchste Zeit.

Dirne.

So willst du fortgeh'n?

Graf (fast verlegen).

So ....

Dirne.

Na, Servus; kommst halt ein anderesmal.

Graf.

Ja, grüß dich Gott. Na, willst nicht das Handerl geben?

Dirne (gibt die Hand aus der Decke hervor).

Graf (nimmt die Hand und küßt sie mechanisch, bemerkt es, lacht).

Wie einer Prinzessin. Übrigens, wenn man nur ....

Dirne.

Was schaust mich denn so an?

Graf.

Wenn man nur das Kopferl sieht, wie jetzt .... beim Aufwachen sieht doch

eine jede unschuldig aus .... meiner Seel, alles mögliche könnt' man

sich einbilden, wenn's nicht so nach Petroleum stinken möcht' ....

Dirne.

Ja, mit der Lampen ist immer ein G'frett.

Graf.

Wie alt bist denn eigentlich?

Dirne.

Na, was glaubst?

Graf.

Vierundzwanzig.

Dirne.

Ja freilich.

Graf.

Bist schon älter?

Dirne.

Ins zwanzigste geh' i.

Graf.

Und wie lang bist du schon ....

Dirne.

Bei dem G'schäft bin i ein Jahr!

Graf.

Da hast du aber früh ang'fangen.

Dirne.

Besser zu früh als zu spät.

Graf (setzt sich aufs Bett).

Sag' mir einmal, bist du eigentlich glücklich?

Dirne.

Was?

Graf.

Also ich mein', geht's dir gut?

Dirne.

Oh, mir geht's alleweil gut.

Graf.

So .... Sag', ist dir noch nie eing'fallen, daß du was anderes werden

könntest?

Dirne.

Was soll i denn werden?

Graf.

Also .... Du bist doch wirklich ein hübsches Mädel. Du könntest doch

z. B. einen Geliebten haben.

Dirne.

Meinst vielleicht, ich hab' kein?

Graf.

Ja, das weiß ich -- ich mein' aber einen, weißt _einen_, der dich

aushalt, daß du nicht mit einem jeden zu geh'n brauchst.

Dirne.

I geh' auch nicht mit ein' jeden. Gott sei Dank, das hab' i net

notwendig, ich such' mir s' schon aus.

Graf (sieht sich im Zimmer um).

Dirne (bemerkt das).

Im nächsten Monat zieh'n wir in die Stadt, in die Spiegelgasse.

Graf.

Wir? Wer denn?

Dirne.

Na, die Frau, und die paar anderen Mädeln, die noch da wohnen.

Graf.

Reigen: Zehn Dialoge · 第 85 / 87 题