St. Paul. -- Die St. Antony-Fälle. -- Die Pelzjäger. -- Die Fahrt
in der Postkutsche. -- Stillwater. -- St. Croix. -- Rückkehr nach
Galena. -- Amerikanische Geduld. -- Chicago. -- Der Michigan-See.
-- Milvaukee. -- Die unterirdische Eisenbahn. -- Die Mormonen. --
Der Lake Superior. -- Die Indianer. -- Der Huron- und Erie-See. --
Cleveland. -- Niagara-Falls-Village.
+St. Paul+ ist das Hauptstädtchen des +Minnesota-Distriktes+. Es
besteht aus zwei Theilen, von welchen der eine, der untere, an dem
Ufer, der andere (obere) auf Hügelland liegt. Dieses Städtchen, erst
vor fünf Jahren entstanden, nimmt, wie fast alle Anlagen in diesem
Distrikte, mit überraschender Schnelligkeit zu: es zählt bereits über
5000 Einwohner, und zwischen den hölzernen Häuschen stehen schon gar
manche stattliche Backsteingebäude. Bis auf zwei Meilen im Umkreise
gibt es hübsche Landhäuser, die in jung gepflanzten Gärten, in neu
aufgebrochenem Lande liegen.
Der Distrikt Minnesota ist den Vereinigten Staaten noch nicht als
Staat eingereiht. Eine Masse Landes muß, um als Staat anerkannt zu
werden, von einer gewissen Anzahl Weißer bewohnt sein (sechzig-
bis hunderttausend). So lange dieß nicht der Fall ist, bleibt
sie „Distrikt.“ In den Distrikten kann sich jedermann ansiedeln,
Land aufbrechen so viel und wo es ihm gefällt, man bedarf keiner
Bewilligung hierzu, hat nicht das geringste dafür zu bezahlen und
ist ganz steuerfrei; wird aber der Distrikt als Staat erklärt, so
muß man für das in Besitz genommene Land 1¼ Dollar per Acre bezahlen
oder es abgeben. Bevor der Distrikt zum Staate wird, entscheiden die
Einwohner durch Stimmenmehrheit für oder gegen die Einführung der
Sklaverei. Von Minnesota weiß man schon jetzt, daß die Sklaverei nicht
eingeführt wird, was nicht so sehr aus Menschenliebe geschieht, als in
Folge der klimatischen Verhältnisse. Das Klima ist gesund und für die
Europäischen Einwanderer vollkommen geeignet; sie können hier so gut
alle Feldarbeit bestellen, wie in ihrer Heimath, und wo dieß der Fall
ist, kommt die Arbeit billiger zu stehen, als mit Sklaven.
Der Distrikt Minnesota hat 166,000 Quadratmeilen oder 106 Millionen
Acres Land; er wurde, obwohl den Weißen schon seit mehr als hundert
Jahren bekannt, doch eigentlich erst im Jahre 1849 von der Regierung
mit einiger Aufmerksamkeit untersucht und für sehr fruchtbar erklärt.
Sie kaufte den Eingebornen das Land ab, kleine Strecken ausgenommen,
und schickte sie größtenteils nach dem Indianer-Territorium. Die
Regierung bezahlt den Indianischen Häuptlingen gewöhnlich per Acre
fünf bis sechs Cents, ungefähr eben so hoch belaufen sich die Kosten
der Bemessung, Unterhandlung, Versendung der Eingeboren, Geschenke
u. s. w., so daß ihr der Acre Landes auf zehn bis zwölf Cents zu stehen
kommt. Sie verkauft ihn dann, wie gesagt, zu 1¼ Dollar.
Seit einigen Jahren bevölkert sich Minnesota mit reißender
Schnelligkeit und dürfte in kurzer Zeit zum Staate wenden. Im Jahre
1852 zählte man kaum zwanzigtausend Weiße; in dem darauf folgenden
Jahre ergab sich schon beinahe die doppelte Zahl.
Bisher sind die einzigen Ausfuhrartikel Bretter und Bauhölzer aller
Gattung, die erst nach St. Louis verflößt werden, von wo man sie
weiter versendet. Man kann sagen, daß in diesem Lande Dampf- und
Wasser-Sägemühlen an Stellen arbeiten, wo man beinahe noch die
rauchende Hütte des Indianers, die Spuren des wilden Büffels, des
flüchtigen Hirsches gewahrt. Hier ist der Menschenfleiß mit der
Natur im regsten Kampfe. Ich glaube kaum, daß je ein Land so schnell
angegriffen wurde, wie Minnesota. Es wird zwar noch viel an Getreide,
Kartoffeln u. s. w. von den Nachbarstaaten eingeführt, weil die
Ansiedler noch zu sehr mit der Lichtung der Wälder, mit den Sägemühlen
beschäftigt sind; doch hofft man schon in wenig Jahren nicht nur den
eigenen Bedarf zu decken, sondern sogar auszuführen, da der Boden sich
als außerordentlich fruchtbar zeigt.
Schönes, glückliches Land, das jedem Auswanderer mit gutem Gewissen
zu empfehlen ist, besonders solchen, die kräftige Hände, Arbeitsliebe
und Ordnungssinn mitbringen! Hier kann der Ansiedler auf baldigen Lohn
hoffen, das Klima ist nicht tödtend, die Arbeit nicht so beschwerlich
und langjährig, wie in manchen andern Ländern, wo oft erst die Kinder
den Fleiß der Eltern ernten.
Ich kam nach St. Paul mit einem Empfehlungsbriefe an Herrn
+Holingshead+, der sich sein Haus eine kleine Strecke von der Stadt auf
einem Hügelchen gebaut hat, von welchem er das reizendste Rundgemälde
überblickt. Das ganze Land ist wellenförmig und noch von großen
Prairien und mächtigen Wäldern bedeckt. Die wellenförmige Bildung
gestattet ausnehmend weite Fernsichten. Ein Hügel, welchen mir Herr
Holingshead zeigte, soll hundert Meilen im Umkreise sichtbar sein und
den verirrten Wanderern als Leitstern dienen.
Herr Holingshead war so freundlich, mich sogleich zu einer Fahrt nach
den berühmten Wasserfällen des Mississippi (den +St. Antony-Fällen+, 9
Meilen) einzuladen. Die lieblichsten Wege führen dahin über Ebenen und
Hügel, zwischen Prairien, Bosketten und neu aufgebrochenen Feldern,
in deren Mitte der kürzlich angekommene Farmer vorläufig seine
Bretterhütte aufgeschlagen hat. Jeder Schritt, der mich den Fällen
näherbrachte, steigerte meine Neugierde, denn ich hatte sie von den
Amerikanern als höchst merkwürdig schildern hören. Ich konnte zwar
keine mächtige Wassermasse erwarten, da der Fluß so seicht war, daß
wir kurz vor seinen Fällen durchfahren konnten; doch war seine Breite
noch ziemlich bedeutend; was an Wasserfülle mangeln mochte, hoffte ich
an Höhe ersetzt zu sehen. Bald stand ich vor den Fällen, über alle
Maßen erstaunt -- aber nicht über deren Großartigkeit, sondern über
deren Unbedeutendheit. Ueberdieß gab es nicht mehrere, sondern nur
einen Fall. Die Höhe des Sturzes mochte kaum zwanzig Fuß betragen,
die Breite war zwar bedeutend, aber eben dadurch verlor sich die Höhe
noch mehr. Zudem war der Fall durch eine Brettermühle und durch eine
Menge angeschwemmter Baumstämme sehr verunstaltet. Das schönste ist
die Felswand, über die er sich stürzt: sie schien wie mit einem Meisel
senkrecht abgeschnitten. Die nahe Umgebung bot nichts Romantisches:
sie bestand aus Waldungen, die alle Aussicht versperrten.
Und so sah ich abermals eine Naturscene, aus welcher die Amerikaner ein
Wunder machen, und abermals muß ich gestehen, daß nur Leute, die nichts
weiter gesehen haben, so urtheilen können. Aus Gefälligkeit in das
allgemeine Horn zu blasen, wie viele Reisende es thun, ist meine Sache
nicht; ich schreibe wie ich sehe und fühle, bin jedoch weit entfernt zu
glauben, daß meine Ansichten und Gefühle immer die richtigen sind.
Von dem Falle des Mississippi fuhren wir mit einem kleinen Umwege an
dem Falle des +Minne-ha-ha+ (lachendes Wasser) vorüber, nach St. Paul
zurück. Dieses Wässerchen hat kaum drei Fuß in der Breite, stürzt
sich jedoch senkrecht über eine Wand von sechzig Fuß, in ein Becken,
das von dicht bewachsenem Hügeln, oder eigentlich Felswänden, enge
umschlossen ist. Das Ganze gleicht einem eingestürzten Krater, allein
keine ausgeworfene Lava ist sichtbar. Man kann zwischen dem Falle und
der Felswand durchgehen. Mir gefiel beinahe dieser Miniatur-Wasserfall
besser, als jener gerühmte des Mississippi; von ersterem erwartete
ich nichts, von letzterem sehr viel. Besonders reizend waren die
Ansichten von den kleinen Höhen: der Blick schweifte ungefesselt weit
hin über das wellenförmige Prairien-Land, auf der einen Seite den Fluß
Minnesota, auf der andern den Mississippi verfolgend, der nach dem
Sturze seinen Lauf in einem engen Felsbette fortsetzt.
Auch an dem Fort +Snelling+ kamen wir vorüber, das auf erhöhtem
Felsgrunde steht, aus Stein gebaut und mit seinen vier Eckthürmen für
Indianer gewiß uneinnehmbar ist. Bei diesem Fort ergießt sich der
Minnesota in den Mississippi.
Wir fanden hier einige der sogenannten „Pelzjäger“ gelagert. Diese
Leute führen ein ganz eigenthümliches Leben. Sie halten sich beständig
unter den Indianern auf, wählen ihre Weiber aus ihnen und beschäftigen
sich nur mit Jagd und Tauschhandel. Sie halten sich Wochen und Monate
lang in den dichtesten Wäldern auf, wandern hoch nach dem Norden hinauf
und suchen mit allen Stämmen in Verbindung zu kommen. Sie nehmen von
den Eingeborenen Pelzwerk gegen Glasperlen, Messing, gefärbte Stoffe
u. s. w. Wenn sie der Waaren genug gesammelt haben, beladen sie damit
kleine, zweirädrige Karren, mit einem Pferde bespannt, und ziehen nach
den großen Städten, um zu verkaufen. Zurück bringen sie Kaffee, Zucker,
Thee u. dgl. für ihren Bedarf, und andere Waaren für die Indianer.
Während der Reise lagern sie stets in kleinen Zelten unter Gottes
freiem Himmel. Sie gewinnen ihre Lebensweise meistens so lieb, daß sie
dieselbe gegen die bequemste und angenehmste nicht vertauschen würden.
Obwohl sie oft viel Geld für ihre Pelze lösen, kehren sie doch häufig
arm zurück, da sie wie die Minenarbeiter in Californien sind, und in
kurzer Zeit den schwer verdienten Gewinn durchbringen. Glücklich noch
jener, der davon so viel erübrigt, einige Waaren für den Tauschhandel
mit nach Hause zu bringen. Die meisten dieser Pelzjäger sind Franzosen.
Mit trefflichem Appetit kamen wir von diesem Ausflug zurück nach
Herrn +Holingshead’s+ Haus, wo ein ausgezeichnetes Mittagsmahl unsrer
harrte. Nach Tische führte mich noch Frau Holingshead nach einer
kleinen Grotte, zwei Meilen von St. Paul, die eine halbe Meile weit in
einen Sandhügel dringt. Ein Bächlein, das seinen Lauf durch die Grotte
nimmt und kein eigentliches Bett hat, verbreitet überall Nässe und
Feuchtigkeit, so daß der Gang in das Innere sehr unangenehm und dabei
nicht lohnend ist, denn nirgends wird die Gestaltung eines Tropfsteins
sichtbar. Das hübscheste ist eine unregelmäßige Halle am Eintritte,
welche die Städter manchmal an heißen Tagen zu geselligen Vergnügungen
benützen.
Am +9. August+ verließ ich St. Paul, um nach dem Lake +Superior+ zu
gehen. Diese Reise wird theils auf dem Flusse +St. Croix+ und theils
zu Lande gemacht. Ich hatte mich zu St. Paul mit einem Herrn, der
gleichfalls dahin wollte, besprochen, den Ausflug gemeinschaftlich zu
unternehmen, und sollte zu Stillwater (16 Meilen von St. Paul) zwei
Tage auf ihn warten.
Nach Stillwater fuhr ich mit dem Postwagen. Ich fand da einen jungen
Mann, der kein Wort sprach, und eine junge Frau, die keinen Augenblick
schwieg. Schon in der ersten Viertelstunde hatte sie uns alle ihre
Verhältnisse erzählt. Nachdem wir kaum zwei Meilen gefahren waren,
vermehrte sich unsere Gesellschaft um eine dritte Person, eine junge
Frau, dem Putze nach zur reichen Klasse gehörend, denn sie war in Seide
gekleidet und mit Schmuck reichlich versehen. Allein ihr Benehmen
verrieth sie nur zu schnell. Die eine Seite ihres Gesichtes wies noch
große blaue Flecken, die sie vermuthlich in irgend einer Schenke
erbeutet hatte. Sie kaute Tabak trotz dem derbsten Amerikaner, zog ein
Fläschchen mit Branntwein aus der Tasche, labte sich ohne Umstände
damit und lud uns freundschaftlich zum Mitgenuß ein. Sie richtete an
uns alle das Wort. Von dem stummen Herrn und mir erhielt sie zwar
keine Antwort; aber mit dem geschwätzigen jungen Weibe gerieth sie
alsbald in tiefes Gespräch. Doch diese Gesellschaft genügte der Dirne
nicht, sie rief dem Kutscher zu, anzuhalten, stieg aus und gesellte
sich zu einigen Männern, die oben auf dem Wagen saßen. Mittags wurde
an einem Gasthofe angehalten, wir setzten uns an die Tafel und mußten
diese Person in unserer Mitte dulden -- sie war ja +eine Weiße+! --
Nach Tische kam ein hübscher, junger Mann in unsere Kutsche, und als
die edle Dame dieß sah, stieg auch sie wieder ein. Die beiden Leutchen
wurden bald so vertraut mit einander, daß man bedauern mußte, Ohren
und Augen zu haben. Ich erzähle dieses schöne Intermezzo nur, um
zum Nachdenken darüber aufzufordern, ob man die Menschen nach ihrer
Hautfarbe, oder nach ihrem Benehmen beurtheilen solle.
Die kurze Reise[10] nach Stillwater ist so lieblich, daß ich sie (nur
in keiner Stage-coach) aus Vergnügen oft wiederholen könnte. Hübsche
Wege führen durch einen natürlichen Wiesenpark, an kleinen Seen
vorüber, die sehr reich an Fischen sein sollen, und hin und wieder
eröffnen sich Aussichten auf den schönen St. Croix See, auf Prairien
und weite Strecken Landes.
Zu Stillwater nahm mich Herr +Schulenburg+ freundlich in seinem
Hause auf, und ich wartete verabredeter Weise zwei Tage auf meinen
Reisegefährten; als aber weder er noch einige Zeilen von ihm kamen (die
erste Unhöflichkeit, die ich von einem Amerikaner erfuhr), ging ich am
dritten Tage den +12. August+, auf einem kleinen Dampfer nach St. Croix
(30 Meilen).
Stillwater liegt nahe dem Ende des Sees, und bald kamen wir in den St.
Croix-Fluß, der nur bis St. Croix, und zwar nur für ganz kleine Dampfer
befahrbar ist; bei St. Croix bildet er Stürze und Wasserfälle, und
oberhalb dieser ist er seicht und voll Felsen, durch welche sich kaum
kleine Boote durcharbeiten können.
Die Fahrt ist hübsch, man ist von wilden, pittoresken Fels- und
Waldparthien umgeben; aber den nur einigermaßen verzärtelten Reisenden
würde sie wohl nicht für die Unannehmlichkeiten entschädigen, welchen
er auf diesen ganz beschränkten Dampfern ausgesetzt ist. Bis jetzt ist
die Gegend meistens nur von Holzschlägern und Holzhändlern besucht,
die in ihren ganz beschmutzten und zerrissenen Anzügen nicht selten
betrunken an Bord kommen. Da nur ein Platz existirt, muß man in ihrer
Gesellschaft leben. Der Tisch war jämmerlich bestellt, ein ekelhaftes
Tischtuch ausgebreitet, Theetassen dienten statt der Trinkgläser. Ich
werde dieses Dampfers, dieser Gesellschaft nicht leicht vergessen; ein
Betrunkener saß mit am Tische, ein zweiter lag daneben im Bette und
schnarchte nach dem Takte. --
Wir saßen mehrmals auf Sandbänken auf und erreichten diesen Tag nicht
St. Croix, obwohl wir Stillwater schon Morgens acht Uhr verlassen
hatten. Man wies mir für die Nacht ein schmutziges Bett an, das so hart
und knollicht war, als wäre es mit Steinen ausgefüllt gewesen.
+13. August.+ Um neun Uhr Morgens erreichten wir St. Croix. Der
Dampfer hielt in einem Wasserbecken, das von sechzig bis siebenzig
Fuß hohen Felsen so enge umschlossen ist, daß man kaum die Ein- und
Ausfahrt gewahren konnte. Eine der Felsspitzen, von den übrigen etwas
abgesondert, führt den Namen „des Teufels Schornstein.“
Als ich an’s Land stieg, bat ich sogleich jemanden, mich nach den
zwei Fällen des St. Croix-Flusses, dem Taylor- und dem obern Falle zu
führen, von welchen beiden man mir in Stillwater und St. Paul viel
gesprochen hatte. Wenn wir Europäer von einem Wasserfalle sprechen,
verstehen wir darunter doch eine hübsche Masse Wassers, die sich über
eine Höhe von wenigstens zwanzig bis dreißig Fuß stürzt. Die Amerikaner
sind in ihren Ansprüchen viel bescheidener: sie ersetzen an dem Namen,
was der Sache fehlt. Man wies mir eine Wasserschnelle (Rapid) von
kaum drei Fuß Höhe, vor welcher der Dampfer anhielt, und die ich,
ihrer Unbedeutendheit wegen, gar nicht beachtet hätte, dieß war der
Taylor-Fall; auch der obere Fall, eine Meile höher, war eher einer
Schnelle zu vergleichen: seine Höhe betrug sieben bis acht Fuß.
St. Croix besteht bis jetzt nur aus einem Gasthause[11], einem Dutzend
hölzerner Hütten und ein Paar Sägemühlen, die im Walde umherliegen.
Man hofft, daß sich hier bald eine bedeutende Stadt bilden wird. Diese
Hoffnung hegen die Amerikaner überall, wo einige Hütten entstehen.
Die Witterung in St. Paul, Stillwater und hier war bereits so rauh,
neblicht und regnerisch wie kaum bei uns im Monat November, so daß man
mir abrieth, die Reise nach dem Lake Superior zu Lande zu machen; sie
wäre auch unter diesen Umständen, des bösen Sumatra-Fiebers wegen, das
ich nicht los werden konnte, wirklich gefährlich für mich gewesen. Ich
kehrte daher wieder über Stillwater nach St. Paul und von da mit dem
Dampfer +Galena+ auf dem Mississippi nach Galena (300 Meilen) zurück.
Von Galena fuhr ich mit der Stage-coach nach +Warren+ (25 Meilen)
und von da mit der Eisenbahn nach +Chicago+ (175 Meilen), wo ich am
20. August ankam. Ueber diese Reise läßt sich nichts sagen, als daß
das Land durchgehends wellenförmig gebildet, zum Theil mit Waldungen
bedeckt ist und sehr fruchtbar scheint; die üppigen Felder versprachen
überall reiche Ernten.
Ungleich größeres Interesse fand ich darin, den Amerikaner zu
beobachten, der mir mit seinen widersprechenden Eigenschaften ewig ein
Räthsel bleiben wird. Auf einer Seite ist oft ein Wort hinreichend,
sein Blut in Wallung zu bringen, ja ihn bis zu Mord und Todtschlag zu
führen, auf der andern besitzt er die unendlichste Geduld. Letzteres
namentlich den Dienstleuten gegenüber, die beinahe die eigentlichen
Herren im Hause zu sein scheinen: um jede Dienstleistung muß man
sie bitten und ersuchen, als wäre es eine Gnade, selbe von ihnen zu
erhalten. Ich sehe es gewiß von Herzen gerne, daß Dienstleute wie zur
Familie gehörend, behandelt werden, würde aber auch strenge darauf
halten, daß sie die Pflichten, die sie gegen mich übernommen haben,
eben so genau erfüllen, wie ich die meinigen gegen sie.
Eine eben so ungemessene Nachsicht zeigen die Amerikaner, wie ich zum
Theile schon erwähnt habe, mit den Ungezogenheiten nicht nur ihrer
eigenen, sondern auch der fremden Kinder. Um die Geduld meines Lesers
nicht zu ermüden, will ich von den vielen Beispielen, die mir vorkamen,
nur eines erwähnen. Ich fuhr einst in einer Stage-coach an einer
einsamen Farm vorüber. Ein Junge kam heraus gesprungen, schrie dem
Kutscher zu, anzuhalten und lief dann zurück in das Haus. Der Kutscher
hielt einige Minuten, kein Mensch kam, -- es war ein Scherz des Knaben.
Anstatt abzusteigen und den Jungen zu züchtigen, begnügte sich der
Kutscher ein „~Goddam~“ auszurufen, und fuhr weiter.
Mit wahrer Entrüstung aber war ich Zeuge der Gelassenheit, mit welcher
sich auf der Fahrt von Galena nach Warren neun Herren den Launen eines
der Kutscher unterwarfen. Auf der letzten Station, auf welcher die
Pferde gewechselt werden, pflegen die Reisenden, wenn sie frühzeitig
ankommen, Thee oder sonstige Erfrischungen zu nehmen. Wir waren aber
später von Galena fortgefahren, hatten Angst, den Zug auf der Eisenbahn
zu versäumen, und sagten dem Kutscher, der ebenfalls auf jeder Station
gewechselt wird, er solle gleich weiterfahren. Dieser jedoch, mit dem
Wirthe vermutlich einverstanden, befahl uns fast, den Thee zu nehmen
und erklärte, daß er vor einer halben Stunde nicht weiterfahren würde.
Wir nahmen zwar keinen Thee; allein der Kutscher verschwand, und
all unser Rufen brachte ihn nicht zur Stelle. Als er endlich kam,
ersuchten ihn die Herren auf die höflichste Weise, die Fahrt so viel
wie möglich zu beschleunigen. Die Straße war herrlich, die Pferde waren
frisch -- der Kutscher aber fuhr im langsamsten Schritte. Keine Bitte
half, nicht einmal Geld, das man ihm gab. Die Herren stießen zeitweise
ein halblautes „~Goddam~“ aus, und damit war es abgethan. Ich als
Frau konnte nichts machen; aber ein Halbdutzend meiner phlegmatischen
Deutschen Landsleute hätte ich an die Stelle zaubern mögen, und bin
überzeugt, die hätten sich zu helfen gewußt.
Glücklicher Weise kamen wir drei Minuten vor dem Abgange des Zuges an,
und da niemand Reisekoffer mit sich führte, hatten wir nur von Wagen zu
Wagen zu steigen. Das Versäumen des Zuges hätte uns einen ganzen Tag
gekostet, denn es war Sonnabend, und am Sonntage geht in dem Staate
+Illinois+ kein Zug.
Die Stadt Chicago liegt in einer Ebene an dem +Michigan+-See. Das
einzige Merkwürdige an ihr ist ihr schnelles Emporwachsen. Im Jahre
1830 entstanden die ersten hölzernen Hütten, vier Jahre später fing
man an zu vermuten, daß der Platz vortheilhaft werden könnte, nahm ihn
rasch in Angriff, und nun zählt die Stadt schon an 60,000 Einwohner.
Ueberhaupt erfreut sich der ganze Staat Illinois einer reißend
schnellen Entwicklung. Man kann von ihm dasselbe sagen, wie vom
Distrikte Minnesota: das wellenförmige Land ist vortrefflich, die
Prairien sind leicht in Felder umzuschaffen, das Klima ist gut und
daher das Zuströmen der Einwanderer sehr bedeutend. Dabei ist der
Amerikaner unternehmend wie kein anderer Mensch in der Welt, baut
gleich Eisenbahnen nach allen Richtungen und befährt Flüsse und Seen
mit Dampfern. Die Verbindungen sind früher im Gange, als die Gegend
bevölkert ist; aber eben diese Verbindungen erleichtern das Ansiedeln.
Ueberall wird Land aufgebrochen, werden Farms errichtet, und wie durch
Zauber entstehen Ortschaften und Städte.
Am +22. August+ setzte ich die Reise auf dem Michigan-See fort. Ich
fuhr bis +Milvaukee+ (96 Meilen) in dem Staate +Wisconsin+. Auch diese
Stadt, erst im Jahre 1833 entstanden, zählt bereits 35,000 Einwohner,
von welchen ein Dritttheil Deutsche sind.
Ich fand hier den ersten guten Deutschen Gasthof, Herrn
+Wetzstein+ gehörig, in welchem man treffliche Kost, sehr hübsche
reinliche Zimmer für den billigen Preis von einem Thaler per Tag bekam.
In den andern Städten, wo ich bisher nach Deutschen Gasthöfen gefragt
hatte, waren es schmutzige Kneipen für arme Einwanderer.
In Milvaukee verweilte ich einige Tage und erfuhr von den Deutschen,
ganz besonders von den Frauen, sehr viele Aufmerksamkeiten. Ihr
freundlich zuvorkommendes Wesen, ihr Bestreben mir gefällig zu
sein, wird nie in meinem Gedächtnisse erlöschen. Herr +Napastek+
veranstaltete jeden Nachmittag eine Parthie nach den schönsten Punkten
der Umgebung, nach Melm’s Garten, nach Pest’s Pavillon u. s. w.
Die Fernsichten waren reizend, obwohl es der Landschaft an Hügeln
und Bergen gebrach. Aber der herrliche Wasserspiegel des Sees, der
in unübersehbarer Weite mit dem Horizonte verschwamm, ersetzte die
fehlende Gebirgswelt.
Außer den Deutschen Frauen lernte ich auch eine sehr liebenswürdige
junge Amerikanerin kennen, deren Gemahl, Herr +Booth+, Herausgeber
des „Demokraten“ und wüthender Abolutionist, sich vor kurzem an einem
Aufstande betheiligte, welcher eines entlaufenen Sklaven wegen hier
statt hatte. Der Fall war folgender: Ein Neger, aus den Sklavenstaaten
entflohen, wurde hier entdeckt und gefangen gesetzt. Er sollte seinem
Herrn, der gekommen war, ihn abzuholen, ausgeliefert werden. An dem
dazu bestimmten Tage vereinigten sich viele Abolutionisten, Herrn
Booth an der Spitze, stürmten das Gefängniß, befreiten den Neger und
verhalfen ihm zur Flucht nach Canada.
Herr Booth wurde eingesperrt, später jedoch auf Ehrenwort und gegen
eine Erlegung von 2000 Thaler bis zur Beendigung des Prozesses frei
gelassen. Sollte er den Prozeß verlieren, so muß er auf sechs Monate in
das Gefängniß und 1000 Thaler Strafe bezahlen[12].
Wie widersprechend sind doch die Gesetze, oder vielmehr wie leicht
umgangen in diesem Lande! Wenn jemand einen Brand anlegt, ein
betrügerisches Falliment macht, ja einen Mord oder was immer für ein
großes Verbrechen begeht, kann er leichter durchzukommen hoffen, als
wenn er sich eines entlaufenen Sklaven annimmt, demselben zur Flucht
behülflich ist. Könnte man ein Verbrechen sittlich nennen, so würde es
dieses sein, und gerade da sind die Richter unerbittlich. Wie empörend
ist nicht ein solches Gesetz in einem republikanischen jungen Staate,
welcher der ganzen Welt als Muster aufgestellt werden sollte! --
In dem Staate Illinois hat sich eine geheime Gesellschaft gebildet, die
den aus den nachbarlichen Sklavenstaaten entlaufenen Negern zur Flucht
nach Canada behülflich ist. Zu diesem Zwecke gibt es verschiedene
Stationen, auf welchen stets Pferde und Wagen bereit stehen, die
Flüchtlinge in größtmöglichster Eile über die Grenze zu bringen. Man
nennt diese Art der Beförderung „die unterirdische Eisenbahn.“ Wenn der
Sklave so glücklich ist, die erste Station zu erreichen, kann er sich
für so viel wie gerettet halten. Ist das Gericht auf seiner Spur, daß
man ihn nicht gleich fortschaffen kann, so hält man ihn verborgen und
bietet alle Mittel auf, sein Entkommen zu bewerkstelligen.
Am +26. August+ verließ ich Milvaukee auf dem Dampfer +Troi+, der den
ganzen Michigan-See entlang bis Sault St. Maria (304 Meilen) führt. Der
Michigan-See ist, als Wasserfläche betrachtet, unstreitig großartig und
einem Meere zu vergleichen, da seine Länge 400, seine größte Breite 80
Meilen beträgt. Die Umgebung dagegen ist im höchsten Grade einförmig --
nichts als unübersehbare Ebenen. Die Ufer steigen höchstens bis 30 Fuß
auf, und die Städte, die allein das ewige Einerlei unterbrechen, bieten
eben so wenig Interesse, da sie eine der andern vollkommen gleichen.
Gegen das Ende des See’s gibt es viele Inseln, darunter die
„Biber-Insel,“ welche von Mormonen[13] bewohnt wird. Wir hielten hier,
wie überhaupt an vielen Orten an. Ich stieg an’s Land, um diese Leute
zu besuchen, deren Lebensweise als gänzlich verschieden von jener
aller andern christlichen Sekten geschildert wird. Man sagt von ihnen,
daß sie Weiber- und Güter-Gemeinschaft haben, daß sie gemeinschaftlich
essen und arbeiten, daß die Kinder der Mutter im dritten Jahre
weggenommen und der Gesellschaft übergeben werden u. s. w.
Ich fragte einen alten, ehrwürdig aussehenden Mormonen hierüber.
Derselbe wollte von alledem nichts wissen; nur was Feld- und andere
Arbeiten anbelange, sei Gemeinschaft eingeführt. Er erzählte
mir ferner, daß ihr Chef oder Priester ein Prophet sei, der die
Krankheiten, mit Ausnahme der Beinbrüche (da reicht die Kraft des
heiligen Mannes vermuthlich nicht aus) durch Auflegen der Hände heile,
daß derselbe jeder Arbeit enthoben sei und dessen ungeachtet mehr
arbeite, als der fleißigste unter ihnen, denn er sei nicht nur den
ganzen Tag, sondern auch den größten Theil der Nacht mit Schreiben
beschäftiget. Als ich ihn fragte, was jener denn so viel zu schreiben
habe, ob es religiöse Tractate und Uebersetzungen derselben in
verschiedene Sprachen wären, um sie hinaus in alle Welt zu senden
und Proseliten zu machen, erhielt ich zur Antwort, daß er niemanden
offenbare, was er schreibe, daß dieß ein heiliges Geheimniß sei. Zum
Mormonenthum gehört also auch eine tüchtige Portion Glauben.
Ferner vernahm ich von diesem Manne, daß wenn ihr Prophet oder
Priester stürbe, ein anderer unmittelbar von Gott gewählt und die Wahl
durch einen Engel verkündet würde. Bei näherer Befragung zeigte es sich
jedoch, daß der Prophet Gott und Engel selbst vorstellt, daß er seinen
Nachfolger bestimmt, den guten Leuten vorgebend, es sei ihm die Wahl im
Traume von einem Engel zugeflüstert worden(!!)
Am +28. August+ erreichten wir das Ende, oder besser gesagt, den Anfang
des Michigan-Sees, der mit dem Lake Superior durch den Fluß +Sault
St. Maria+ (nur einige Meilen lang) verbunden ist. Unmittelbar vor
dem Eingange in den Lake Superior bildet der Fluß starke Schnellen
oder Abfälle, auch ist das Bett voll von Riffen und Felsen, über die
sich das Wasser mit großer Gewalt stürzt, so daß die Schiffahrt auf
die Strecke von einer Meile unterbrochen wird. Man arbeitete gerade
an einem Schleußen-Kanale, welcher die Schiffe von einem See in den
andern fördern wird. Die Kosten dieses Baues sind auf 650,000 Dollars
veranschlagt. Der Obere See (Lake Superior) liegt 792 Fuß über der
Meeresfläche und einige dreißig Fuß höher als der Michigan.
Zu Sault St. Maria mußte ich einen Tag auf den Dampfer warten, der den
Oberen See befährt. Ich wohnte da bei Herrn +Johnson+, welcher ein
kleines, aber sehr nettes +Boarding-house+ hält und mit seiner Familie
zu den trefflichsten Menschen gehört. Jeder Reisende wird sich bei ihm
heimisch und zufrieden fühlen.
Am +29. August+ spät Abends trat der Dampfer „Baltimore“ seine
Rundfahrt um den See an. Die Nacht war sehr neblicht, und durch
Unvorsichtigkeit des Steuermannes, der sich dem Lande zu nahe hielt,
fuhren wir auf eine vor dem Oertchen +White fish points+ gelegene
Sandbank hart auf. Wir mußten den Tag erwarten, die ganze Ladung
herausnehmen und wurden erst nach zwölf Stunden angestrengter Arbeit
wieder flott. Wir waren kaum hundert Fuß vom Ufer entfernt und hätten
eben so gut, wie auf die Sandbank, auf das feste Land auffahren können.
Dergleichen Unvorsichtigkeiten und noch bei weitem größere, kommen
jedoch in den Vereinigten Staaten so häufig vor, daß man gar nicht viel
Wesens davon macht.
Bei dieser Gelegenheit sah ich das Oertchen White fish points, welches
von Indianern bewohnt ist, die sich ausschließlich mit dem Fischfange
beschäftigen. Auch ein Paar Amerikaner haben sich da angesiedelt, um
von den Eingebornen die Fische einzutauschen, welche getrocknet und
eingesalzen werden. Der Obere See zeichnet sich durch seinen Reichthum
an äußerst schmackhaften Fischen aus. Dieser Nahrungsquelle zufolge war
auch in früheren Zeiten die ganze Umgebung des Sees sehr bevölkert,
und als die Französischen Jesuiten im 17. Jahrhunderte bis hierher
vordrangen, fanden sie Wig-wams mit einer Bevölkerung von 2000 Seelen.
Jetzt ist das freilich schon lange anders. Die Weißen brachten ihnen
Seuchen und Branntwein, so daß die Bevölkerung bald zusammen schmolz,
und von den Resten dieses unglücklichen Volkes werden noch in der
neuesten Zeit manchmal kleine Transporte nach dem „Indian Territory“
gesendet. Ein Indianer dürfte auch an diesem unermeßlichen See bald zur
seltenen Erscheinung werden.
Der +Superior-See+ ist der größte Süßwasser-See in der bekannten Welt,
er hat 355 Meilen Länge, 160 Meilen größte Breite, seine Wasserfläche
beträgt 32,000 Quadratmeilen, die tiefste Stelle 900 Fuß. Von den
Jesuiten im Jahre 1641 entdeckt, wurde das umliegende Land im Jahre
1671 von der Französischen Regierung in Besitz genommen. Im Jahre 1659
geschah die erste Erwähnung des daselbst vorkommenden Kupfers: die
Eingebornen zeigten den Jesuiten ein Stück reines Kupfer von sechs-
bis siebenhundert Pfund. Doch wurde erst in unserem Jahrhundert, im
Jahre 1845, angefangen, dieses Metall auf bergmännische Art zu Tage zu
fördern. Die Bergwerke liegen alle mehrere Meilen von dem See entfernt,
der tiefste Schacht mißt 700 Fuß, die größte Masse reinen Kupfers, die
bisher gefunden wurde, soll 50 Tonnen schwer gewesen sein.
Wir machten auf dem Lake Superior wenigstens fünfhundert Meilen, bis
wir an sein Ende kamen, denn wir lenkten in viele Buchten ein und
brachten den erst kürzlich entstandenen Oertchen (von den Amerikanern
bereits Städte genannt) Lebensmittel und sonstige Bedürfnisse.
Bei +Lepointe+, in dessen Nähe zwölf Inselchen liegen, die „+zwölf
Apostel+“ genannt, fanden wir zufällig sehr viele Indianer. Die
Amerikanische Regierung theilt nämlich alljährlich im Monat September
an die Chefs und Vornehmsten der Stämme, welche noch in diesen Gegenden
leben, Geschenke an Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Geld u. s. w. aus.
Die Vertheilung findet zu Lepointe statt, wo sich alle zu beschenkenden
Indianer versammeln.
Ich sah deren eine ziemlich bedeutende Anzahl; sie gehörten zu den
Chipewa- und Sioux-Indianern und waren hübscher, kräftiger und höher
an Wuchs, als die meisten, besonders die südwestlichen, die mir bisher
vorgekommen waren. Doch hatten sie auch breite Backenknochen und straff
herabfallende Haare, die einen Theil des Gesichtes verbargen. Das
Häßlichste an ihnen war die Hautfarbe: eine recht schmutzig blaßgelbe
Lederfarbe. Wie sie zu dem Namen „Rothhäute“ gekommen sind, mögen die
Götter wissen. Es gab zwar manche rothbraune Gestalt unter ihnen, man
hätte die Hautfarbe für natürlich halten können, so fein war sie am
ganzen Körper eingerieben; allein bei näherer Betrachtung sah man wohl,
daß es nicht die Naturfarbe war. Nichtsdestoweniger fand ich gar manche
dieser Wilden mit ziemlich regelmäßigen, hübschen Gesichtszügen. Einige
hatten etwas von der Kultur der Weißen angenommen, gingen Europäisch
gekleidet, trugen die Haare zierlich gekämmt, sprachen Französisch oder
Englisch, verstanden diese Sprachen sogar zu schreiben, und hatten
Handwerke gelernt oder sich dem Handel gewidmet. Der große Haufe aber
zieht es vor, schlecht zu leben, halb nackt zu gehen, nur nicht zu
arbeiten. Die Indianer in den kalten Gegenden sind eben so wenig zum
Ackerbau und zu Handwerken zu bewegen, wie die Völker unter der heißen
Zone.
Erst am fünften Tage der Reise erreichten wir +Fond of lake+, die
äußerste südwestliche Spitze des Sees. Ich war nun den ganzen See
entlang gefahren, konnte aber in die stete Begeisterung der mich
umgebenden Gesellschaft nicht einstimmen. Wenn die Leute nur einige
hölzerne Hütten beisammen stehen sahen, ging es wie aus einem Munde:
„Ach wie schön, wie herrlich! Welches Bild könnte man da entwerfen!“
Es ist wahr, der Lake Superior ist ungleich pittoresker, als der
Michigan-See, die ihn umgebende, noch größtentheils im Schlummer
ruhende Natur, die finster aufsteigenden Wälder, die Hügelketten
verleihen ihm vielen Reiz; doch herrscht zu wenig Abwechselung, um
von der Umgebung begeistert werden zu können. Die Hügel sind meistens
niedrig, der höchste Berg, der +St. Ignacio+ an der Neepigon-Bay soll
1300 Fuß hoch sein; diesen Koloß bekamen wir jedoch nicht zu sehen.
Die neu angelegten Oertchen sind alle sehr unbedeutend: sie bestehen
vor der Hand noch aus kleinen Holzhäuschen, die mitten in den Waldungen
liegen. Das Land wurde noch nirgends aufgebrochen, die Dampfer bringen
allen Lebensbedarf für die neuen Ansiedler mit.
Unter den Reisenden gab es auch wieder gar manche, die begierig
waren, zu wissen, welcher Religion ich angehörte, wer mir Geld zum
Reisen gäbe u. s. w. Diese unzarte Neugierde berührte mich jedesmal
sehr unangenehm, und ich fand mich wirklich oft gezwungen, in meinen
Antworten ein wenig derb zu werden, um den unverschämten Fragen ein
Ende zu machen.
Am zweiten Tage der Reise kam eine Frau von ungefähr dreißig Jahren an
Bord. Sie war für ihr Alter etwas zu jugendlich gekleidet, trug die
Haare in langen Locken bis über die Schultern hinab und einen großen
runden Strohhut. Kaum hatten die übrigen Frauen sie gesehen, so kam
sogleich eine derselben zu mir, vor einem Gespräche mit dieser Fremden
warnend: man glaube, sie habe keinen guten Ruf. Ich erwiderte ihr,
daß das Glauben nicht genug sei, jemanden zu beleidigen; aber außer
mir sprach auch richtig niemand mit ihr. Abends wurden wie gewöhnlich
einige Quadrillen getanzt. Bei der dritten Quadrille führte ein Herr
die Fremde auf den Tanzplatz. Die Musik begann; aber kein anderes Paar
erschien. Der Herr trat vor und frug, warum man diese Frau absichtlich
so beleidige, er kenne sie und wisse, daß sie bei Verwandten zum
Besuche gewesen sei und nun zu ihrem Gemahl nach Fond of lake gehe;
ihr Charakter sei tadellos. Keine Antwort erfolgte, und der Tänzer war
gezwungen, mit der Frau abzutreten.
Hätten doch die anderen religiösen, tugendhaften Frauen wenigstens so
viel Zartgefühl gehabt, nicht mehr zu tanzen: das wäre doch eine kleine
Entschädigung für die schwere Beleidigung gewesen; aber weit entfernt
davon -- kaum war der Platz geräumt, so fing das Tanzen wieder an.
Zufälliger Weise bestürmte mich den nächsten Morgen gerade wieder eine
der neugierigsten Frauen mit der Frage, zu welcher Religion ich gehöre.
Ich erwiderte ihr ganz erzürnt: „Gewiß nicht zu jener, zu welcher Sie
und die ganze Gesellschaft gehören, denn meine Religion verbietet mir,
einen Nebenmenschen zu beschimpfen, ihm die Ehre zu rauben.“ -- Von
diesem Augenblick an hatte ich Ruhe.
In Fond of lake sind in einem kleinen Halbkreise bereits fünf Plätze
an dem See für Städte abgesteckt; an manchen stehen schon einige
hölzerne Häuschen. Sollten die Städte zu Stande kommen, so dürften sie
sich beinahe berühren; doch bezweifle ich die Erbauung, denn außer den
Kupferminen wird, da der Boden schlecht ist, keine Erwerbsquelle sein.
Leicht dürften einige von ihnen das Schicksal des Städtchens Trinidad
in Kalifornien haben und eingehen, bevor sie noch zu Städten werden.
Am +6. September+ traf ich wieder zu Sault St. Maria ein. Ich hatte nun
zehn Tage beinahe in derselben Gesellschaft gelebt und mit Erstaunen
bemerkt, wie freundlich und zärtlich die Frauen mit einander thaten,
gerade als wären sie alte Bekannte gewesen. Auch mich luden jene, die
in St. Maria wohnten, in ihr Haus auf eine Tasse Thee ein. Kaum aber
fiel der Anker, so lief alles auf und davon, und die neuen Freundinnen
nahmen sich gar nicht einmal Zeit, einander Adieu zuzurufen. Um
mich kümmerte sich schon gar keine Seele, man vergaß (vielleicht
vorsätzlich), mir die Wohnungen zu sagen, wo ich die Tasse Thee nehmen
sollte. Doch an derlei Artigkeiten war ich schon gewöhnt, und ruhig
ging ich wieder in das nette Häuschen des Herrn Johnson.
Am +7. September+ traf mich der frühe Morgen schon am Bord des Dampfers
„+Illinois+,“ um meine Reise nach dem Norden fortzusetzen.
Die Fahrt geht erst auf dem Flusse +St. Maria+, der sich oft zu kleinen
Seen ausbreitet und recht artige Ufer bespült. Dieser Fluß führt in die
Straße +Mackinac+, und diese in den zweitgrößten See Amerika’s, den
+Huron+, welcher 260 Meilen lang, 160 breit ist, 20,000 Quadratmeilen
einnimmt und 578 Fuß über der Meeresfläche liegt. Die Umgebung dieses
Sees ist etwas hübscher als jene des Michigan, doch ebenfalls ziemlich
einförmig. Das Land ist von wellenförmiger Bildung, viel mit Waldungen
bedeckt und hin und wieder mit niedlichen Hügelketten durchzogen.
Am +8. September+ verließen wir den Huron-See und traten in den Fluß
+St. Clair+, an dessen einem Ufer sich beinahe Städtchen an Städtchen
reiht, mit Wiesen und fruchtbaren Feldern dazwischen, während auf dem
andern zahllose Sägemühlen nebst mehreren Indianer-Dörfern liegen.
Selbst die Indianer scheinen hier aus ihrer Trägheit aufgerüttelt, denn
auch um ihre Dörfer war der Grund aufgebrochen und bepflanzt. Auf dem
Flusse war bedeutendes Leben, es fuhren viele Segelschiffe, meistens
mit Bauholz befrachtet, Dampfer schleppten sie durch den kurzen Fluß
in den kleinen St. Clair-See, welcher so voller Untiefen und Sandbänke
ist, daß er nur bei Tage befahren werden kann. Die Ufer dieses Sees
sind an manchen Stellen so flach, daß sich das Wasser entfesselt über
das Land ergießt und Sümpfe und Moräste bildet. Von dem St. Clair-See
führt der +Detroit-Fluß+ in den +Erie-See+. Die Entfernung von dem
Huron- bis zu dem Erie-See beträgt achtzig Meilen.
Gegen Mittag landeten wir zu +Cleveland+, dem Stolze des Staates Ohio,
am Eingange des Erie-Sees gelegen. In den wenigen Stunden meines
Aufenthaltes machte mich Dr. +Langsdorf+ mit dieser Stadt und deren
naher Umgebung bekannt.
Cleveland besteht aus zwei Städten, der eigentlichen Stadt Cleveland
und der Stadt +Ohio+, die durch eine Kluft von ersterer getrennt ist,
aber kürzlich zu dem Stadtgebiete Clevelands gezogen wurde und dadurch
ihren Namen verlor. Der Anblick der beiden blühenden Städte mit der
dazwischen liegenden merkwürdigen Schlucht, in deren Tiefe ein artiger
Fluß sein Bett gewühlt hat, ist höchst reizend. Die Kluft mag ungefähr
fünfzig Fuß Tiefe haben und ist mit Gesträuchen und Bäumen reich
bewachsen. Ein Kanal führt bis in den Erie-See.
Von den Einzelnheiten Clevelands bewunderte ich am meisten die Straße
Euclid. In dieser stehen die nettesten, geschmackvollsten Häuser,
welche freundlichen Villen gleichen und durch Boskette und Wiesen von
einander getrennt sind. In wenig Jahren mögen Gärten und Wiesen wohl
schon von neu entstandenen Häusern verdrängt sein.
Spät Abends setzte ich meine Reise auf dem schönen Dampfer
„+Crescent-City+“ fort. So viel ich bei scharfer Mondbeleuchtung sehen
konnte, scheinen sich auch die Ufer des Erie-Sees in nichts von jenen
des Michigan zu unterscheiden.
Der Dampfer „Crescent-City“ war eins der prachtvollsten Fahrzeuge,
die ich je bestiegen. Wo man nur hinsah, nichts als Sammt und Gold,
kostbare Teppiche, Spiegel von ungeheuerer Größe; eine hohe, schön
gewölbte Kuppel von farbigem Glase verbreitete über alle diese
Herrlichkeiten ein mattes Licht. Die Räume faßten an 1200 Personen.
Man lebte da nicht wie in einer geschlossenen Gesellschaft, sondern
wie in einer Stadt; man ging an den Leuten so fremd und unbekümmert
vorüber, wie auf einem öffentlichen Spaziergange. Aber bequem fand ich
diesen Dampfer nicht eingerichtet. Darauf scheinen indeß die Amerikaner
weniger zu halten, als auf Pracht, Luxus und Prunk. Die Fensterscheiben
z. B. rings auf die Gallerie hinaus waren von buntem Glase und mit
Arabesken so ausgefüllt, daß man gar nicht durchsehen konnte, weder
auf den See noch auf die Landschaft. Ja sogar das Licht von außen
war dadurch fast ganz vor dem Eindringen gehemmt. In den Kabinen des
unteren Stockwerkes (auch erste Klasse) schliefen je sechs Personen,
und für eine Zahl von fünfzig bis sechzig Frauen gab es nur ein kleines
gemeinschaftliches Waschzimmerchen mit nur zwei Waschbecken. Man mußte
sich anstellen, um die Gelegenheit zu erhaschen, sich die Augen und
Fingerspitzen ein wenig zu benetzen, und Glas und Handtuch selbst
mitbringen, denn ein Glas war nicht vorhanden und die Paar Handtücher
so durchnäßt, daß man sich ihrer nicht bedienen konnte. Die Aufwärterin
schien nur zur Aufsicht da zu sein. Sie saß, wie eine Dame gekleidet,
auf einem Sopha und häkelte. Zum Glück währte die Fahrt über den
Erie-See nicht lange, denn schon am
+9. September+ Morgens kamen wir nach +Buffalo+, einer hübschen
Stadt mit 60,000 Einwohnern. Meine Ungeduld, mich den berühmten
Fällen des Niagara zu nahen, war so groß, daß ich, des schlechten
Wetters ungeachtet, gleich auf die Eisenbahn ging, um nach dem Orte
+Niagara-Falls-Village+ (22 Meilen) zu fahren. Ich war da so glücklich,
ein überaus niedliches, kleines Hôtel, Madame +Teuscher+ gehörig, an
den Schnellen des mächtigen Stromes zu finden, der sich hier in zwei
Theile theilt und in wüthend stürmischer Eile seinen Fällen zu eilt.
Für diesen Tag aber mußte ich, selbst wenn sich das Wetter aufgeheitert
hätte, dem Gange nach den Fällen entsagen und mein Bett aufsuchen,
denn in letzterer Zeit hatte ich häufige Anfälle des unermüdlichen
Sumatra-Fiebers gehabt, und fühlte mich davon sehr angegriffen[14].
[10] Zu einer Reise von sechzehn Englischen oder vier Deutschen
Meilen benöthigten wir sechs Stunden, hielten über Mittag an und
wechselten die Pferde. Das nenne ich doch schnell reisen! --
[11] Ein Gasthof oder Boarding-house bildet sich gleich bei ein Paar
Häusern. Der Amerikanische Arbeitsmann, Tischler, Maurer
u. s. w. will gute Kost, ein gutes Bett haben und bezieht
sogleich den Gasthof, wo er per Woche zahlt.
[12] Von den freien Negern in Milvaukee erhielt Herr Booth einen
werthvollen, schönen Stock, den sie ihm als Vertheidiger ihrer
armen schwarzen Brüder verehrten.
[13] Auf dieser Insel lebt nur ein kleiner Zweig dieser Sekte; der
Hauptsitz der Mormonen ist am Salz-See, tief im Innern des
Landes.
[14] Bisher nahm ich immerwährend Chinin gegen das Fieber; allein ich
konnte es nur auf kurze Zwischenräume damit vertreiben. In
Buffalo rieth mir jemand folgendes Mittel dagegen: „Man nehme
auf ein halbes Wasserglas voll starken, guten Brandy einen
Theelöffel rothen, pulveristrten Pfeffer (Cayenne) und fünf
bis sechs Theelöffel voll weißen Zucker, mische es gut durch
einander, bis der Zucker gänzlich aufgelöst ist, und lasse es
dann vier bis fünf Stunden stehen. Man beginne diese Arznei
ein bis zwei Stunden, ehe das Fieber kommen soll, einzunehmen,
und zwar jede Stunde zwei Theelöffel voll, bis das Ganze
genommen ist. Man schüttle es bei jedesmaligem Nehmen gut durch
einander.“ -- Das Fieber blieb, nachdem ich dieses Mittel
genommen hatte, ganze zwei Monate aus; dann hatte ich einen
abermaligen Anfall, ich nahm dieselbe Arznei, und das Fieber
blieb gänzlich aus. -- Sollte gegen das Wechselfieber nichts
mehr helfen, so wage man gleich mir dieß letzte Mittel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Fälle des Niagara. -- Der Ontario-See. -- Die tausend Inseln. --
Montreal. -- Quebek.-- Die Amerikanischen Eisenbahnen. -- Neu-York.
-- Merkwürdigkeiten der Stadt. -- Die Hôtels. -- Die schwarzen
Minstrels. -- Emancipation. -- Gerichtsverfahren.
+10. September.+ Der heutige Tag war wieder einer der unvergeßlichen in
den Annalen meines Lebens, einer von jenen, die mich glänzend belohnten
für die Mühen und Beschwerden, mit welchen ich sie erkaufte -- ich sah
eine der wunderbarsten, erhabensten Naturscenen in Gottes schöner Welt,
die +Niagara-Fälle+. Unmöglich ist es auszudrücken, was das Auge da
erblickt, was die Seele da fühlt. Der Maler muß hier an seiner Kunst
verzweifeln, der Dichter seine Feder weglegen. Aber wenn man einem
Todfeinde hier begegnete, müßte man ihm vergeben, oder kein Mensch
sein, und wer je an Gott gezweifelt, der gehe an diesen erhabensten
seiner Altäre, und gewiß wird er bekehrt, beruhigt heimkehren. O, daß
ich doch die Anschauung dieses Wunders mit meinen Angehörigen, mit
meinen Freunden, ja mit allen Menschen hätte theilen können! --
Zuerst führte mich die gefällige Frau +Teuscher+ an den Amerikanischen
Fall, und ich dachte, es könne nichts Herrlicheres geben als diesen.
Die ungeheuere Wassermasse stürzt sich über eine riesig breite,
senkrechte Wand. Die Staubwolken sind so mächtig als wollte sich der
Strom ein zweitesmal erheben, und doch kaum hundert Schritte von dem
Sturze entfernt, fließt er schon wieder so ruhig dahin, daß sich das
kleinste Boot sorglos auf seinem Rücken schaukeln kann.
Noch mächtiger aber ist die Wassermasse auf der Canadischen Seite,
noch bedeutender ist hier der Umfang des Falles (der die Form eines
Hufeisens bildet, und deßhalb „Hufeisenfall“ genannt wird), ich möchte
daher doch dem Canadischen Falle die Palme reichen.
Bei Sonnenschein bilden sich an beiden Fällen in den Sprühregen-Wolken
die schönsten Regenbogen. Eine ganz eigenthümliche Färbung zeigt das
Wasser unmittelbar an den Fällen selbst. Ein schöneres, helleres Grün,
durchsichtig wie der reinste, feurigste Chrysolit, sah ich bisher noch
bei keiner Wassermasse. Das Getöse der Stürze fand ich jedoch nicht so
betäubend und so weit vernehmbar, wie viele behaupten[15].
Auf der Canadischen Seite kann man ein Stück unter den Fall
hineingehen. Man erhält zu diesem Zwecke einen Führer und Kleider. Das
Schauspiel unter dem Falle ist nicht nur ergreifend und großartig,
sondern grauenhaft. Die über dem Haupte rollende Wassermasse, das
fürchterliche Toben und Brausen des milchweiß schäumenden Elementes,
die schmale, durch die beständige Nässe schlüpfrige Felskante, auf
welcher man vor dem Abgrunde steht, in den sich das Wasser stürzt, die
überhängenden Felstrümmer, die sich von Zeit zu Zeit lösen, machen
diese Parthie wirklich gefährlich und so ergreifend, daß ich nicht
jedermann rathen möchte, sie zu unternehmen.
Nachdem ich vor allem die Fälle besucht hatte, nahm ich mir erst Zeit,
die Umgebung zu betrachten. Wie bereits bemerkt, theilt sich der Strom
kurz oberhalb seines Falles in zwei Arme, von welchen der eine den Fall
auf der Amerikanischen, der andere jenen auf der Canadischen Seite
bildet. Die beiden Fälle sind sich jedoch ganz nahe und nur durch ein
kleines Inselchen getrennt. Die ganze Umgebung der Fälle (eine Insel
von einer halben Meile in der Breite und über eine Meile in der Länge)
paßt vollkommen zu der erhabenen Naturscene. Sie ist von einem üppigen
Urwalde mit majestätischen Bäumen, beinahe den umfangreichsten, die ich
in den Vereinigten Staaten sah (Kalifornien ausgenommen), bedeckt; es
gab viele Stämme von vier Fuß Durchmesser darunter. Die Menschenhand
hat dieses Heiligthum der Natur bisher geachtet und kaum gewagt einige
Fahrwege zu bahnen. Gott gebe, daß es immer so bleiben möge; allein
schwerlich dürften die künftigen Besitzer dem jetzigen gleichen, der
von der Mehrzahl der Menschen eine schöne Ausnahme macht und mehr
Achtung für die Natur, als Liebe zu den Thalern hat. Hohe Summen wurden
ihm schon für dieß Fleckchen Erde geboten; man wollte da Gasthöfe,
Belustigungsorte, Bade-Anstalten u. dgl. mehr errichten, aber gerade
deßhalb gab er es nicht her. Die heilige Stille des Haines sollte
durch das rastlose Treiben der Menschen nicht entweiht werden, und dem
Wunderwerke stets als Vortempel dienen.
In den Schnellen des Hufeisen-Falles steht von dem Sturze kaum
vierzig Fuß entfernt, ein kleines Thürmchen aufgemauert, zu welchem
eine Brücke führt. Gar manche Stunde stand ich da oben, die sich
verfolgenden, überstürzenden Wogen betrachtend. Ich blieb fünf Tage
in +Niagara-Falls-Village+, brachte meine Zeit größtenteils an den
Fällen zu, und je länger ich sie sah, desto schwerer ward es mir, mich
von ihnen zu trennen. So geht es mit allem Großen und Erhabenen; man
braucht Zeit, bis man es zu verstehen und in sich aufzunehmen vermag.
Leider vergeht selten ein Jahr, ohne daß die Fälle des Niagara ein
Opfer fordern, so vor wenig Monaten drei junge Leute, die eines Abends
zum Vergnügen auf dem Strome oberhalb der Fälle spazieren fuhren. Sie
wurden in die Schnellen gerissen, und keine menschliche Hülfe war mehr
möglich. Einem von ihnen gelang es, während der gräßlichen Fahrt einen
in den Schnellen wurzelnden Baumstamm zu erfassen und sich hinauf zu
schwingen. Er schrie um Hülfe; doch hörte man die Stimme zu undeutlich
durch das Brausen des Wassers, und die Nacht war zu finster, um den
Gegenstand zu sehen; erst Morgens entdeckte man den armen Menschen. Da
auch er keinen Zuruf würde deutlich vernommen haben, schrieb man auf
eine Tafel mit ellenlangen Buchstaben, daß man Vorkehrungen treffe, ihn
zu retten. Nach vielfältigen Versuchen gelang es endlich Nachmittags
gegen fünf Uhr, ein Boot in seine Nähe zu bringen. Der Arme saß schon
darinnen, man zog das Boot mittelst eines Seiles dem Lande zu, allein
unglücklicher Weise erfaßte es eine Sturzwoge mit solcher Gewalt, daß
das Seil sprang und das Boot mit seinem Opfer in den Fall gerissen
wurde. Keine Spur kam mehr zum Vorscheine, weder von ihm noch von
seinen Gefährten; nie findet man eine Leiche oder nur das Bret eines
Bootes, alles wird von der Gewalt des Sturzes zu Atomen zertrümmert.
Zwei Meilen von Niagara-Falls-Village ist eine Drahtbrücke über die
Schlucht gespannt, in welcher der Niagara dem nahen +Ontario-See+
zueilt. Die Schlucht ist enge, und der Strom soll hier an 900 Fuß Tiefe
haben. Die Brücke ist ein wahres Meisterwerk, die zusammengeflochtenen
Drähte haben die Dicke von starken Tauen und tragen die schwersten
Lastwagen. Eine Fahrt dahin sollte man nicht nur wegen der Brücke,
sondern auch wegen der reizenden Ansichten machen, die sich überall
darbieten. Von der Brücke selbst übersieht man die pittoreske
Felsenschlucht einerseits bis beinahe an die Fälle, andererseits bis
an den Ontario-See, ja der Blick schweift wie durch ein Fernrohr über
einen Theil des Sees bis auf die dahinter liegende lachende Landschaft.
Das Indianische Dorf +Tuscarora+ (sieben Meilen von den Fällen
entfernt) ist eines Besuches weniger werth. Seine Bewohner haben nichts
eigenthümliches mehr: sie sind Christen geworden, gehen gekleidet wie
die Weißen, und bauen und pflegen wie diese ihre Felder.
Am +13. September+ um zwei Uhr Mittags verließ ich
Niagara-Falls-Village in einer Postkutsche und fuhr nach dem Städtchen
+Lewistown+ (sieben Meilen). Das Städtchen liegt an dem Ausgange der
Schlucht, und der Strom nimmt sogleich derart an Breite zu, daß man
sich schon in dem See vermuthet, bevor man an ihn gelangt.
In Lewistown bestieg ich den Dampfer +Bay-State+, um nach +Montreal+
zu fahren. Schon sieben Meilen von Lewistown mündet der Niagara in den
Ontario-See und verliert sein kurzes aber thatenreiches Dasein. An
seinem Ausflusse liegt auf der Amerikanischen Seite die schöne Festung
+Georg+, auf der Canadischen die minder schöne Festung +Niagara+.
In dem Ontario-See, welcher 180 Meilen lang, 35 breit ist, hielten wir
uns stets der Küste der Vereinigten Staaten nahe. Sie bietet, außer
vielen Ortschaften, nichts Sehenswertes.
+14. September.+ Mit Sonnenaufgang ertönte die Schiffsglocke und weckte
die Reisenden, daß sie das Ende des See’s, die tausend Inselchen und
die Einfahrt in den +Lorenzo-Strom+ nicht verschlafen und übersehen
sollten. Bei +Ogdensburg+ vertauschten wir unsern Dampfer mit einem
kleineren, +British Queen+, um leichter über die Schnellen des
Lorenzo-Stromes zu kommen. Die Fahrt zwischen den tausend Inselchen ist
allerdings reizend: die Landschaft wird jeden Augenblick verändert, ein
Bild verdrängt das andere; aber mit den tausend Inseln des Mälar-Sees
in Schweden hält sie keinen Vergleich aus. Dort besteht die Einfassung
des Sees aus herrlichen Bergen, in den verschiedenartigsten Formen,
mit finstergrünen Waldungen bedeckt, zwischen welchen pittoresk
aufgethürmte Felskolosse, reiche Triften und Wiesen liegen, die Inseln
selbst sind ungemein schön und gewähren die abwechselndsten Bilder.
Hier ist alles flach und eben, und die Ufer der Inseln, wie des festen
Landes überragen kaum die Wasserfläche.
Der Lorenzo-Strom bildet mehrere Schnellen, die aber doch nicht so
stark sind, den Dampfern die Fahrt zu sperren. Kunst und Kühnheit
errangen den Sieg über sie, und furchtlos steuerte unser Kapitän
darüber hin.
Etwas gefährlich ist die Schnelle bei +Lachine+, wo wir spät Abends
ankamen. Da es stark regnete, und die Nacht stockfinster war, gingen
wir erst den folgenden Morgen darüber. Diese Schnelle sieht weniger
drohend aus, als die vorigen, ihre Hauptgefahr besteht in der geringen
Tiefe des Stromes. Wir nahmen bei Lachine einen Indianer als Lootsen an
Bord. Wenn über die Schnellen gefahren wird, arbeiten stets vier Mann
am Steuerruder.
Da Lachine nur neun Meilen von Montreal liegt, kamen wir sehr
frühzeitig an. Glücklicherweise hatte das Wetter sich aufgeheitert,
und die Sonne beleuchtete den schönen Berg Montreal, an dessen
Fuß sich die Stadt ausbreitet. Sie nimmt sich gut aus mit ihren
Gothischen Kirchen und den Zinndächern, die bei Sonnenschein eine so
blendende Wirkung hervorbringen, als wären sie mit den feinstpolirten
Silberplatten belegt.
Wir fuhren in einen schönen Dock ein und wurden durch eine Schleuse dem
Quai gleich gebracht.
In Montreal kaum ans Land gestiegen, hatte ich gleich einige
Unannehmlichkeiten. Ich fuhr nach dem ersten Gasthofe, Montreal-House,
und verlangte ein Zimmer. Der Buchhalter sah mich vom Kopfe bis zu
den Füßen an und sagte endlich: „Wir haben keines.“ -- Die Ursache
war, weil ich allein, nur mit einem kleinen Reisesacke kam und nicht
ein halbes Dutzend Koffer und Schachteln mit mir schleppte. In einem
zweiten Hotel (einem Temperance-House) ward mir dieselbe Antwort zu
Theil. Ich legte ein Goldstück von zehn Dollars auf den Tisch, den
galanten Wirth versichernd, daß ich stets voraus bezahlen würde, wenn
er glaube, es fehle mir an Geld. Dieser Talisman half. Er schob das
Geld zurück und ließ mir ein Zimmer geben. Wie doppelt grell fiel mir
diese Behandlung auf, da ich gerade aus den Vereinigten Staaten kam, wo
man die ärmste Frau mit Achtung, Güte und Zuvorkommenheit behandelt!
Wenn ich in Montreal ausging und auf den Straßen nach einem Wege
fragte, gab man mir entweder gar keine Antwort, oder man fertigte
mich ganz kurz mit den Worten ab: „~I don’t know~“ (ich weiß es
nicht). So viel ich sah, befand ich mich gerade nicht in dem Lande
der Höflichkeit. Da ich einige Auskünfte zu haben wünschte, niemanden
kannte und keine Empfehlungsbriefe mitgebracht hatte, dachte ich, es
sei am besten, mich an eines der größten Zeitungsbureau’s zu wenden.
In den Vereinigten Staaten kannte jeder Herausgeber meinen Namen,
ich mochte in das kleinste Städtchen kommen, und dann war ich schon
geborgen, da jeder mich freundlich aufnahm. Hier war es anders: der
Herausgeber des ersten Blattes kannte mich nicht, und dabei war er eben
so höflich, wie alle Leute, auf welche zu stoßen ich bisher das Unglück
hatte. Endlich fand ich doch ein Paar gefällige Menschen, gebrauchte
aber dabei die Vorsicht, sie gleich nach Nennung meines Namens zu
versichern, daß ich nicht arm sei und wohl freundschaftlicher Dienste,
aber keiner Gabe benöthige. Der Herausgeber des Transcoast, der
Belgische Consul Herr +Josef+ und Dr. +Visher+ machten mich die Unart
ihrer Landsleute vergessen. Dr. Visher, den ich erst zwei Tage vor
meiner Abreise kennen lernte, lud mich sogar in sein Haus ein, wohin
ich sogleich übersiedeln mußte. Auch danke ich es seiner Verwendung,
daß ich eine Freikarte zur Reise nach +Quebek+ hin und zurück erhielt.
Die Stadt Montreal mit 75,000 Einwohnern, ist nicht wie die Städte in
den Vereinigten Staaten, in regelmäßige Blocks getheilt, und zeigt in
ihrer ganzen Bauart, daß sie aus ältern Zeiten stammt. Ihre Häuser
haben eine alt-französische Form, mit hochaufsteigenden steilen
Dachungen; sie sind meistens aus Quadersteinen und so solide gebaut,
als sollten sie für die Ewigkeit währen; doch fehlt es ihnen dabei
weder an Zierlichkeit noch an Geschmack. Neben manchem palastähnlichen
Steinhause stehen wohl auch mitunter bescheidene, halbverfallene
Holzhäuser. Die Straßen sind sauber und rein, und das geschäftige Leben
in denselben ist nicht störend, die Leute scheinen sich hier mehr
Zeit zu gönnen und überstürzen sich nicht so, wie in den Vereinigten
Staaten, oder in England. Alles hat einen ruhigen gelassenen Anstrich.
In den Nebenstraßen ist es sogar menschenleer.
Die Kirchen sind alle im Gothischen Style gehalten; die schönste ist
die katholische Kathedrale, nach dem Muster der Notre-Dame-Kirche in
Paris erbaut.
Von den Gebäuden fallen besonders das Jesuiten-Collegium, die Banken,
einige Gasthöfe, das Postgebäude, die Markthalle u. s. w. in die Augen.
Das Museum lohnt kaum die Mühe, es zu besehen. Als das Merkwürdigste
wurde mir ein Elenthier von ungewöhnlicher Größe und ein Paar kleiner
Wallfische gezeigt, die man in dem Lorenzostrome gefangen hat.
Das sogenannte Englische Hospital, eine allerdings gute Anstalt, läßt
noch manches zu wünschen übrig. Die Halbgenesenen z. B. haben zur
Erholung in frischer Luft nichts als einen leeren Wiesenplatz ohne Baum
und ohne Bank. Auch die Luft in den Zimmern fand ich nicht sehr rein,
was freilich in kalten Ländern, wo man die Fenster nicht beständig
offen haben kann, schwieriger zu erreichen ist, als in den Tropen.
In dem Nonnenkloster der „grauen Nonnen“ gibt es zwei sehr zweckmäßige
Anstalten, die eine für arme alte Männer und Weiber, welche da bis zu
ihrem Absterben verpflegt werden, die andere für Kinder, die entweder
Waisen oder von ihren Eltern ganz vernachläßigt sind. Ich kam um zehn
Uhr Morgens dahin, und sonderbarer Weise war dieß gerade die Stunde des
Mittagmahles. Die Kost sah sehr schmackhaft aus und bestand aus Suppe,
Fleisch und noch einem Gerichte nebst schönem Brode. Eine Klosterfrau
theilte die Portionen aus.
Die Säle waren groß und hoch, die Betten bis hinab mit Vorhängen
versehen, nur fand ich die Säle ein wenig überfüllt.
Die schönste Ansicht der Stadt und Umgebung hat man von dem
+Montreal+-Berge oder von dem Thurme der Kathedrale. Ich war auf beiden
Punkten, und meinte kaum sie wieder verlassen zu können, so sehr
fesselte mich das vor dem Blicke sich entfaltende Bild. Die ehrwürdig
alterthümliche Stadt, die sich traulich an den Fuß des Berges schmiegt,
der Hafen mit seinen Schiffen und Dampfern, das rege Treiben auf dem
Lorenzostrome, der unfern der Stadt einen See mit vielen Inseln bildet,
das reichkultivirte Land umher, und in der Ferne einzeln auftauchende
Berge von wenigstens 1000 Fuß Höhe, machen diese Ansicht gewiß zu einer
der reizendsten Nordamerika’s.
Herr Konsul Josef war so zuvorkommend mich in seinem Wagen rund um
den Berg Montreal (9 Meilen) zu führen. Diese Gegend ist, der schönen
Ansichten wegen, die besuchteste und beliebteste; überall liegen
niedliche Sommerhäuser mitten in hübschen Gärten.
Canada wäre ebenfalls ein gutes Land für Europäische Ansiedler. Der
Boden soll sehr fruchtbar sein, das Klima ist zwar kalt und rauh,
doch höchst gesund, der Ankauf des Landes noch billiger als in den
Vereinigten Staaten, die Abgaben geringe und die Freiheit ziemlich
unbeschränkt. Bei diesen Vortheilen einerseits, besteht jedoch
andrerseits ein Gesetz, welches die Einwanderer abhält, Englische
Untertanen ausgenommen. Diesem Gesetze zufolge kann nämlich der
Einwanderer, wenn er früher stirbt, als er das Bürgerrecht erworben
hat (wozu, so viel ich mich entsinne, ein Aufenthalt von zehn Jahren
gehört), über seinen festen Nachlaß nicht verfügen. Land, Haus u. s. w.
fallen an die Regierung zurück.
+18. September.+ Abends ging ich mit dem großen Dampfer „Quebek“ von
Montreal nach Quebek. Es war dieser Dampfer auch wieder einer von den
„~splendid ones~,“ gleich dem „Crescent City“ auf dem Erie-See, wo man
vor lauter Pracht und Herrlichkeit gar keine Bequemlichkeit fand.
+19. September.+ Um 9 Uhr Morgens kam ich in Quebek an. Die Lage dieser
Stadt ist noch bei weitem reizender als jene von Montreal. Zum Theil in
demselben Style gebaut, nur noch älter, sind die Straßen etwas enger
und winklichter. Quebek besteht aus der obern und untern Stadt. Zu
ersterer führen hohe Treppen, doch schlängelt sich auch ein Fahrweg
hinauf. Selbst die untere Stadt ist etwas hügelig. Die Bevölkerung
zählt 45,000 Seelen, von welchen zwei Drittheile Franzosen, die noch
aus den Zeiten stammen, als Canada zu Frankreich gehörte[16].
Für Quebek hatte ich einen Brief mitgenommen, da ich besorgte, wie in
Montreal in keinem Gasthofe aufgenommen zu werden. Letzteres war nichts
desto weniger der Fall, aber nicht wegen Mißtrauens der Hôtelbesitzer,
denn der Herr, an den ich empfohlen war, sandte seinen Neffen mit mir
in ein Dutzend Boarding-Houses; wir fanden aber alle überfüllt. Die
Parlamentssitzungen hatten gerade begonnen, und viele Fremde waren
zugeströmt. Der Herr an welchen mein Brief lautete, schien auch kein
Kämmerchen für mich zu haben, obwohl ich hörte, daß er ein schönes Haus
bewohnte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Tag über die Stadt
ein wenig zu besehen und Abends mit dem Dampfer wieder nach Montreal
zurückzukehren.
Ich bestieg vor allem das Kap +Diamant+, 345 Fuß hoch, auf dessen
Spitze das Fort Diamant liegt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß
die Quebeker den Montrealern an Höflichkeit nicht nachstanden. Geizend
mit der kurzen Zeit, über die ich zu gebieten hatte, wollte ich mich an
keine Speisestunde binden, und ging in einen Laden, einige Kuchen zu
essen. Dem Laden gegenüber lag die abgebrannte Ruine eines mächtigen
Gebäudes. Ich frug das Ladenmädchen, was das für ein Gebäude gewesen
sei. Sie antwortete mir: „Da hätte ich gerade Zeit, Ihnen Auskunft zu
geben,“ -- an Zeit fehlte es ihr wohl nicht, denn außer mir war kein
Käufer im Laden. (Später erfuhr ich, daß diese Ruine des Gouverneurs
Palast war.) Als ich das Kap zu besteigen anfing, überall nur grünen
Rasen und keinen Weg sah, fragte ich einen Mann, ob es erlaubt sei, da
hinauf zu gehen. „~Try it~“ (versucht es) war seine Antwort, und damit
ließ er mich stehen.
Doch auf der Spitze des Kaps angekommen, vergaß ich schnell der
erfahrenen Unhöflichkeiten, -- lange schon hatte sich mir kein so
überraschendes Bild dargeboten, wie ich es hier überblickte. Die
ehrwürdige Stadt lag zu meinen Füßen, sich terrassenförmig um das
Kap lagernd. Eines der schönsten, lachendsten Thäler verfolgte ich
bis an die Ausläufer der grünen Gebirge (25 Meilen), deren Kuppen
und langgezogene Rücken einen Theil desselben umfaßten, und der
Lorenzostrom, der an der Stadt eine mächtige Bucht bildet, schlängelte
sich andererseits durch mit Wald und Triften bedeckte Hügelketten fort.
Von dem Kap herabgestiegen, besuchte ich des Gouverneurs niedlichen
Garten, der dem Volke geöffnet und mit vielen Bänken versehen ist --
ein wahrhaft schöner Ruhepunkt, denn auch hier hat man das herrliche
Amphitheater vor sich.
Unter den Gebäuden fielen mir besonders die katholische Kirche und das
Parlamentshaus auf, welch’ letzteres einen sehr schönen Sitzungssaal
hat.
Schon um 5 Uhr Abends mußte ich wieder auf den Dampfer zurückkehren.
Obwohl ich den ganzen Tag umher gelaufen und davon sehr ermüdet war,
hielten mich dennoch die reizenden Scenerieen des Lorenzostromes bis
tief in die Nacht auf dem Deck gefesselt. Ich glaube bestimmt, daß
die Ufer dieses Stromes an Naturschönheiten so reich und wechselnd
sind, wie jene des Rheins; doch fehlt hier der Zauber der Romantik,
das Ohr des Reisenden kann keiner Sage lauschen, kein Schloß, keine
Ruine zeigt sich seinem Auge. Merkwürdig und eigentümlich ist dafür
das Farbenspiel, welches im Herbst die Baumblätter haben. Da gibt es
rothe und braune, gelbe und grüne Blätter von allen Abstufungen und
Uebergängen; dazwischen schimmern weiße durch, die oft wie Silber
glänzen. Ich sah von diesen Blättern ganz allein gemachte Kränze, die
sich herrlich ausnahmen.
Am +20. September+ Morgens traf ich wieder in Montreal ein, und schon
Nachmittags setzte ich meine Reise nach Neu-York fort.
Beinahe alle Fahrten auf den Dampfern Nordamerika’s, von Neu-Orleans
bis St. Louis, von Milvaukee über alle Seen und bis Montreal, von
Montreal nach Quebek und zurück hatte ich bisher unentgeldlich gehabt.
In den Vereinigten Staaten genügte die Nennung meines Namens; jeder
Kapitän nahm mich zuvorkommend auf, ohne erst eine Bittschrift an einen
Agenten oder Direktor einzureichen. In Montreal war es Dr. +Visher+,
dessen Verwendung ich die freie Fahrt nach Quebek und zurück verdankte
(es war, wie ich glaube, ebenfalls ein Amerikanischer Dampfer).
Er versuchte auch, mir eine Freikarte auf dem Englischen Dampfer
„+Canada+“ zu verschaffen, der den kleinen +Champlain-See+ befährt;
allein hier half keine Empfehlung, es hieß: „Bezahlen.“
Ich setzte bei Montreal in einem kleinen Dampfer über den Lorenzostrom,
fuhr dann auf der Eisenbahn nach +Rouses point+ (60 Meilen), von da auf
dem schönen Dampfer „Canada“ über den Champlain-See und eine kleine
Strecke den +Hudson-Strom+ abwärts bis +Whitehall+, und von Whitehall
wieder auf der Eisenbahn nach Neu-York, im ganzen eine Reise von
ungefähr dreihundert Meilen, die man in 24 Stunden zurücklegt.
Die Fahrt auf dem Hudson hat viel ähnliches mit jener auf dem Lorenzo.
Die Eisenbahn von Whitehall nach Neu-York läuft beständig längs des
Flusses. Leider fährt sie so rasch, daß man kaum flüchtige Blicke auf
die schnell wechselnden Landschaften werfen kann.
Man macht auf den Amerikanischen Eisenbahnen mit dem Postzuge sechzig,
mit den gewöhnlichen Zügen fünfundzwanzig bis dreißig Meilen per
Stunde. Die Wagen sind sehr bequem eingerichtet, die Preise ungemein
billig. Die Geleise laufen, wie auf der Bahn von Callao nach Lima,
durch Städte und Ortschaften, ohne durch ein Geländer von Geh- und
Fahrwegen abgesondert zu sein. Daß dieß zu manchen Unglücksfällen
Veranlassung gibt, ist nicht zu wundern. Aber Gefahr, Achtung für das
Menschenleben kennt der Amerikaner nicht[17].
Die Einfahrt in die Weltstadt Amerikas (Neu-York) ist, wenigstens von
dieser Seite, so unter aller Beschreibung, daß ich mich schon lange in
dem Stadtgebiete befand und noch immer des Eintritts gewärtig war.
Man fährt beständig über Plätze, wo nichts als Bauholz aufgeschichtet
liegt, an hölzernen Hütten vorüber, zwischen welchen hie und da ein
Steinhaus wie verloren steht, durch schmutzige, von Unrath strotzende
Straßen.
Auf dem Bahnhofe wird die Dampfmaschine mit Pferden gewechselt;
Schienen laufen durch einen großen Theil der Stadt, auf welchen die
Reisenden nicht nur von einem Bahnhofe zu dem andern gebracht werden,
sondern auch, wie ich später sah, Waggons die Stelle der Omnibus
vertreten und nach verschiedenen Richtungen verkehren. Diese höchst
zweckmäßige Einrichtung ist durchaus gefahrlos, da die Waggons langsam
gehen, jeden Augenblick angehalten werden können, und die Geleise in
den breiten Straßen kein Hinderniß sind, um so mehr, als die anderen
Wagen kreuz und quer über sie hinfahren, als wären die Geleise gar
nicht vorhanden.
Der Eintritt in eine große Stadt, wo man weder Oertlichkeit noch
Menschen kennt, ist besonders für eine Frau überaus lästig. Ich war so
glücklich, gleich für den ersten Augenblick eine freundliche Aufnahme
bei Herrn +Wutschel+ zu finden, und des folgenden Tages schon von
Herrn Dr. +Krakowitzer+ auf die zuvorkommendste Weise in das Haus
eingeladen zu werden. Da dieses jedoch in +Williamsburg+ lag, von
der eigentlichen Stadt Neu-York zu weit entfernt, und ich in der
Folge auch von Herrn +Aigner+, so wie von dem österreichischen Consul
Herrn +Loosey+, die beide in der Mitte der Stadt wohnten, Einladungen
erhielt, so verweilte ich abwechselnd bei diesen liebenswürdigen
Familien, die mir den Aufenthalt so angenehm machten, als hätte ich
unter lang bewährten Freunden gelebt.
Die Stadt Neu-York, mit einer Bevölkerung von beinahe 600,000 Seelen
liegt, wie bekannt, auf einer Insel, die im Westen und Osten von dem
Hudson, im Norden von dem Harlem-Flusse und im Süden von der Bay
bespült wird.
Ich kann von dieser Stadt nicht viel mehr sagen, als daß sie schön
gelegen und größer und bevölkerter ist, als alle Städte, die ich bisher
in den Vereinigten Staaten gesehen, und daß mir das Geschäftsleben
in den Hauptstraßen, besonders in +Broad-way+ und +Wall-Street+ noch
bedeutender vorkam, als in der City in London. Das Gedränge von
Menschen, Omnibus, Waggons, Lastwagen, macht jeden Gang durch diese
Straßen beschwerlich, und sonderbarer Weise lieben es die Frauen
sehr, sich gerade auf dem Broad-way, in Mitte der Geschäftsstunden im
vollsten Putze zu zeigen, wodurch das Gedränge noch vermehrt wird, da
sie langsam gehen und vor den Laden stehen bleiben, die Auslagen zu
betrachten.
Die Straßen sind sehr breit und häufig mit großen Bäumen besetzt,
was ihnen viel Reiz verleiht; die Gehwege sind von den Fahrwegen wie
in London durch einige Zoll hohe Trottoirs geschieden. Ueberall, die
Hauptstraßen nicht ausgenommen, herrscht sehr viel Schmutz, und dieß
muß auf die Gesundheit, besonders im heißen Sommer, höchst schädlich
einwirken. So ist es z. B. hier üblich, den Kehricht jeden Morgen in
Kisten oder Kübeln vor das Haus zu setzen. Die Wagen, die das wegfahren
sollen, kommen oft erst gegen Mittag und noch später, daher stößt man
bei jedem Schritte darauf. Darneben gibt es viele kleine Pfützen, die
sich in den schmalen Rinnen zwischen den Fahr- und Gehwegen sammeln und
eben keine aromatischen Gerüche verbreiten.
Gebäude sieht man viele und sehr bedeutende; doch besteht ihre
Schönheit hauptsächlich in der Größe, höchstens, daß einige einen
Portikus, von Säulen getragen, besitzen. Die ausgezeichnesten sind
auch hier wieder die Börse, die Banken und die ersten Gasthöfe, als
+Metropolis+, +St. Nicolas+, +Irvinghouse+ u. s. w. Von den Kirchen
sieht die +Trinidad-Kirche+ mit ihrem hohen Thurme viel versprechend
aus; das Schiff ist jedoch weder lang noch hoch. Unter den Häusern
gibt es einige von Eisen, auch ein Paar von Marmor, dazwischen aber gar
manche hölzerne Hütte.
Die meisten Familien wohnen hier wie in England, in schmalen hohen
Häusern, die sie für sich allein haben; doch fangen sie mitunter schon
an einzusehen, daß es etwas unbequem sei, beständig Treppen auf- und
nieder zu steigen, denn gespeist wird für gewöhnlich eine Treppe tief
unter dem Erdgeschoß, neben der Küche, die Empfangszimmer liegen zu
ebener Erde, die Schlafzimmer in den obern Stockwerken. Die neuen
Häuser sind allerdings mit allen Einrichtungen versehen, das Wasser,
kalt wie warm, wird bis in die obern Stockwerke geleitet, die Speisen
werden mittelst eines Aufzuges in das erste Stockwerk gebracht, und
von jedem Stockwerke kann man, vermöge kleiner Oeffnungen, welche die
Wände durchziehen, bis unter das Erdgeschoß mit den Dienstleuten auf
die leichteste Art verkehren: man spricht, den Mund an die Oeffnung
haltend, ganz leise hinein, und erhält eben so die Antwort. Das ganze
Haus ist mit Gas erleuchtet.
Von Museen, Bildergallerien u. dgl. ist in Neu-York nicht viel zu
sehen. Das Privat-Museum des Herrn +Barnum+, als Museum nicht viel zu
beachten, ist jedoch eines Besuches werth; man findet da bald einen
Zwerg, bald irgend ein seltenes Thier, bald eine Komödie nebst einer
Zusammenstellung von ausgestopften Vögeln, Thieren, Kleidungsstücken
der Chinesen, ja sogar eine gut erhaltene Mumie, kurz von allem etwas.
In diesem Museum sind überall Tafeln angeschlagen, welche die Besucher
vor den Taschendieben warnen. Auch in manchen großen Verkaufslokalen
gibt es derlei Plakate. Für mich war dieß ganz neu, ich hatte bisher an
solchen Orten noch keine ähnliche Warnung gelesen.
Verkaufslokale besitzt Neu-York in großer Menge und zwar der
prachtvollsten Art. Das großartigste ist jenes des Herrn +Steward+.
Da können sich Frauen und Herren Stoffe und Luxusartikel jeder
Art verschaffen; außer Schmuck und Schuhzeug ist alles zu haben.
Ein großer Theil der Waaren ist in großen schönen Sälen auf das
zierlichste aufgestellt -- es kam mir hier beinahe wie in einer kleinen
Industrie-Ausstellung vor. Mehr als 250 Leute finden bei diesem
Geschäfte Anstellung.
Nicht minder großartig ist Herrn +Taylors+ Zuckerbäckerei- und
Erfrischungs-Lokal. Hier kann man nicht nur alle möglichen Bäckereien,
Eis und Getränke haben, sondern auch Mittags- und Abend-Mahlzeiten. Bei
Nacht bei der glänzenden Gasbeleuchtung sieht es wahrhaft feenartig aus.
Die Druckerei der „Tribune“ (das am meisten gelesene Zeitungsblatt in
den Vereinigten Staaten, 35,000 Exemplare, und von dem Wochenblatte
120,000), nimmt ein ganzes Haus von vier Stockwerken ein und
beschäftiget 293 Personen. Das Interessanteste ist hier die von Herrn
+Hoe+ erfundene Cylinder-Presse, welche vier Seiten zu gleicher Zeit
in weniger als vier Sekunden druckt. Herr Hoe hat auch für Paris eine
solche Maschine verfertiget. In England soll jedoch, wie man mir sagte,
in der Druckerei der „Times“ schon seit längerer Zeit eine ähnliche
Cylinder-Presse im Gebrauche sein, man kann daher diese Erfindung
eigentlich nicht ganz Herrn Hoe zuschreiben, wahrscheinlich hat er sie
nur bedeutend verbessert.
Ueberhaupt ist es hier zu Lande ebenso gut wie in Europa der Fall,
daß, wenn an irgend einer Maschine oder Erfindung eine Verbesserung
angebracht wird, man das Ganze gleich als eine ganz neue Erfindung
rühmen hört.
Bei dem Besuche der Druckerei hatte ich das Vergnügen, einen der
Theilhaber an der „Tribune,“ Herrn Bayard +Taylor+ kennen zu lernen.
Dieser noch junge Mann hat sich nicht nur als Poet ausgezeichnet,
sondern mit gleichem Talente auch den Orient, Indien, Abyssinien
beschrieben, welche Länder er kürzlich bereiste. Selten liefert ein
Poet getreue Reisebilder, gewöhnlich reißt ihn seine Phantasie hin,
-- nicht so bei Herrn Taylor; er wußte das Gesehene wahr, ohne
Uebertreibung darzustellen, und doch den Zauber der Poesie darüber zu
hauchen.
Auch die +Novelty-Iron-Works+ der Herrn +Stillman+, +Allen+ und Komp.
besuchte ich. Sie sind die größten Amerika’s: nicht nur alle denkbaren
Dampfmaschinen werden in ihnen verfertiget, sondern die größten
Dampfschiffe gebaut und vollkommen ausgerüstet und eingerichtet.
Tausend Menschen finden daselbst Beschäftigung, von welchen die
geringen Arbeiter 1 Dollar per Tag, die Meister bis zu 4 Dollars
verdienen; 400,000 Tonnen Roheisen werden jedes Jahr verarbeitet. Als
Herr Stillman die Güte hatte, mich in dieser Riesen-Anstalt umher zu
führen, lag gerade ein halbfertiger Dampfer auf der Werfte; seine Größe
betrug 3400 Tonnen, er enthielt 1000 Schlafstellen und wird den Namen
„+Metropolis+“ führen.
Was die großen Gasthöfe Neu-Yorks betrifft, so kann ich nur
wiederholen, was ich von jenen in Neu-Orleans erwähnte: sie sind
die prachtvollsten, die ich je gesehen habe. Aber auch hier geht,
wie auf den Amerikanischen Dampfschiffen, vor lauter Pracht und
Herrlichkeit gar mancher Comfort verloren. So findet man z. B.
nirgends ein Fleckchen, um ruhig und bequem schreiben zu können. In
den Empfangssälen berauben die großen, schweren, damastenen Vorhänge,
welche mehr als das halbe Fenster beschatten, das Gemach des Lichtes,
die Tische sind mit Marmorplatten überlegt, auf welchen in der kalten
Jahreszeit der darauf ruhende Arm beinahe selbst zu Marmor wird. In
den Schlafzimmern findet man alles, nur keinen Schreibtisch, und
jeden andern Tisch ebenfalls mit Marmorplatten belegt. Ich sah zu
verschiedenen Malen die Leute ihr Schreibbuch auf den Knieen haltend,
so auf die mühevollste Weise schreiben. Heißt das doch dem Luxus Opfer
bringen! -- Wie gemüthlich saß ich dagegen in dem kleinen Hotel der
Frau Teuscher an den Schnellen des Niagara. Mein Zimmerchen war auch
mit Teppichen ausgelegt, es enthielt ebenfalls reine, zierliche Möbel,
einen schönen Spiegel; aber ich hatte dabei nicht nöthig auf den Knieen
zu schreiben -- ein bequemer Tisch, freilich ohne Marmorplatten, diente
mir hiezu.
Das größte Gasthaus ist das +Neu-York-Hotel+, welches an 1000 Zimmer
enthalten soll. Auch das +St. Nikolas-Hotel+, das +Irvinghouse+
haben bei 400 Gastzimmer und 300 Leute Dienerschaft. Das ganze Haus
wird mittelst Dampf geheizt, überall genießt man einer angenehmen,
gleichmäßigen Wärme. Die Kamine sind überflüssig und werden nur
beibehalten, weil der Amerikaner gleich dem Engländer gerne ein
lustiges Kaminfeuer sieht.
Neu-York besitzt mehrere schöne Theater, in welchen Englische,
Französische und Deutsche Stücke, auch Italienische Opern aufgeführt
werden. Am beliebtesten aber scheinen die sogenannten „schwarzen
Minstrels“ zu sein. Die Schauspieler sind Weiße, aber schwarz gefärbt,
und stellen Neger dar, die bemüht sind, sich in die Sitten und
Gebräuche der Weißen hinein zu finden. In der Vorstellung, welcher
ich beiwohnte, erschienen zehn Schauspieler in zierlich schwarzem
Anzuge mit weißen Westen und Halsbinden; sie saßen im Halbkreise und
sangen mit Begleitung eines Tamburins und einer Guitarre komische
Lieder. Nach jedem Liede hielten zwei von ihnen witzig sein sollende
Gespräche. Diese Unterhaltung währte eine ganze Stunde fort. Eine Art
Komödie folgte darauf, bei welcher ich weder Sinn noch Zusammenhang
heraus fand; dabei wurde auch ein wenig getanzt. Das Publikum (und sehr
gewähltes, das verriethen nicht nur der geschmackvolle Anzug, sondern
auch die Wagen in Menge, die vor dem Schauspielhause standen) schien
sich sehr gut zu unterhalten und lachte fortwährend aus vollem Halse.
Daß das schöne Geschlecht in diesem Lande eine ganz besondere Lachlust
besitzt, wußte ich schon aus Erfahrung von den Dampfern her; aber an
den Männern war es mir eine ganz neue Erscheinung.
Das +Castle-Garden-Theater+, in welchem gewöhnlich Ballete gegeben
werden, gefiel mir durch seine Lage. Es steht an der südöstlichen
Spitze der Stadt auf einer einstigen Batterie, die in die Bay etwas
vorgeschoben und durch eine kleine Brücke mit der Stadt verbunden ist.
Eine breite Gallerie läuft von außen rund umher, auf die man in den
Zwischenakten treten kann, und von welcher man bei Mondbeleuchtung eine
herrliche Uebersicht der Stadt und Bay genießt.