Wenn diese Abgesandten ihren Landsleuten erzählen, welches Heil ihnen
durch die Christen widerfahren ist, wie sie, so lange sie Sklaven
waren, von den meisten Weißen schlechter als deren Lastthiere behandelt
wurden, wie man sie für die kleinsten Vergehungen grausam marterte und
züchtigte, aus Spaß oft zu Tode prügelte, wie man sie mit Arbeiten bis
zum Hinsinken überlud und als Belohnung für die geleisteten Dienste
im Alter halb verhungern und verderben ließ, wie sie als freie Leute
noch immer von den Weißen verachtet, aus der menschlichen Gesellschaft
verstoßen, aller Rechte beraubt wurden, wie sie jedem weißen Schurken
nachstanden, sich an keine Tafel, in keinen Omnibus setzen durften,
im Theater abgesonderte Plätze hatten, als wären sie Aussätzige! --
ja, wenn von diesen Erzählungen ihre Landsleute nicht begeistert und
hingerissen werden und nicht haufenweise zum Christenthume übergehen,
so müßte man ihnen wahrhaftig allen Verstand absprechen. Ewig schade,
daß es nicht auch für uns Christen irgend wo einen Staat gibt, in
welchem wir derselben menschenfreundlichen Behandlung theilhaftig
werden könnten, gleich den Negern und Farbigen in den Vereinigten
Staaten! Es wäre nur der höchst wohlthätigen Folgen wegen, die sie auf
das Christenthum haben müßte.
Es gibt bisher dreizehn Sklavenstaaten, nämlich: +Florida+, +Georgia+,
+Texas+, +Karolina+, +Virginia+, +Kentucky+, +Tennessee+, +Alabama+,
+Mississippi+, +Louisiana+, +Arkansas+, +Missouri+, +Maryland+, nebst
einem Theile von +Kolumbia+. Vielleicht werden mit der Zeit noch
einige zuwachsen, es wäre nur wegen des Glückes, welches Afrika daraus
bevorstünde!! --
Den schroffsten Gegensatz zu der Behandlung der schwarzen und
farbigen Amerikaner bildet die Nachsicht der Regierung mit den weißen
Verbrechern.
Ich war drei Wochen in Neu-Orleans, und während dieser Zeit vergingen
wenige Tage, an welchen nicht ein Mord, eine Brandlegung stattfand.
Ich sprach einst empört über einen Mord, der in einer Nacht verübt
wurde. Ein Arbeiter schnitt in Streit und Trunkenheit seinem Weibe
den Hals ab. Man lachte mich über meine Gefühls-Aeußerungen beinahe
aus, und sagte, daß wenn ich fünf bis sechs Monate hier bliebe, ich an
dergleichen Dinge gewöhnt werden und gar nicht mehr darüber sprechen
würde.
Wirklich fand kaum einige Nächte später schon ein zweiter derartiger
Fall statt, bei welchem der Mann nach verübter That sich aufzuhängen
versuchte.
Ein in Trunkenheit, Eifersucht oder Streit verübter Mord wird selten
hart bestraft, und ganz besonders gilt das Laster der Trunkenheit als
große Entschuldigung. Aber auch selbst nicht betrunkene Verbrecher
kommen leicht durch, wenn sie reich sind und sich Freunde zu machen
verstehen. So hatte z. B. vor mehreren Monaten in Kentucky ein gar
schändlicher Mord statt, und der Mörder wurde dennoch gänzlich
freigesprochen.
Die Sache war folgende: Ein Knabe besuchte eine Schule, blieb häufig
aus, machte die Aufgaben gar nicht oder schlecht und entschuldigte sich
stets mit Lügen. Der Lehrer, hierüber aufgebracht, nannte ihn einst
einen Lügner. Der Knabe erzählte dieß, wahrscheinlich seiner Gewohnheit
nach mit Lügen und Uebertreibungen, seinem Vater und Bruder. Letzterer,
ein Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren, bewaffnete sich mit einer
Pistole, gab seinem Bruder ein großes Messer, ging mit ihm nach dem
Schulhause und schoß nach kurzem Wortwechsel den Lehrer nieder. Der
Vater, ein reicher Mann, erkaufte die Jury, und der Mörder kam ohne
die geringste Strafe davon. Dieser Fall war so empörend, daß das Volk
die Jury-Männer, den Mörder und seinen Vater öffentlich beschimpfte,
wodurch erstere gezwungen wurden, ihre Stellen aufzugeben, letztere
ihre Besitzungen zu verkaufen und nach einem andern Staate
überzusiedeln. Traurig, wenn das Volk den Richter machen muß! --
Brandlegungen geschehen häufig von den Eigenthümern selbst, welche
die kostbaren Waaren erst in Sicherheit bringen, Gebäude, Waarenlager
u. s. w. überschätzen und auf diese Art aus derlei Schurkereien einen
schönen Gewinn ziehen.
Wenn ich über solche Gegenstände Bemerkungen machte, hieß es: „Was
wollen Sie? Amerika ist noch ein junges Land; es wird mit der Zeit
schon anders werden.“
Ich weiß nicht, ich möchte glauben, daß es in seiner Kindheit, zur
Zeit des großen +Washington+ besser war, als es jetzt in seiner Jugend
ist. Gute Gerechtigkeitspflege ist die erste Pflicht eines Staates
und vom größten Einflusse auf die Moralität seiner Bürger; schlechte
Gerechtigkeitspflege verdirbt das Volk. Wo die Leute nach Aemtern
und Stellen aus der einzigen Absicht streben, sich zu bereichern, wo
der Reiche alles durchsetzen, alles erkaufen und ungestraft, oder
doch beinahe so, Verbrechen begehen kann, gehen Vaterlandsliebe und
Moralität verloren. Amerika war nach der Trennung von England mit
einem reinen, makellosen Bogen Papier zu vergleichen -- Europa mit
einem mit Tintenflecken besudelten. Was hätte auf diesem schönen Bogen
nicht alles geschaffen werden können, und zwar um so leichter, als das
alte Europa leider nur zu deutlich die Fehler und Mißbräuche aufweist,
welche einer vollkommenen Gestaltung im Wege liegen. Was hätte aus
einem Lande wie Amerika werden können, das von der Natur so reich
ausgestattet ist und gegen keins der großen Uebel Europa’s zu kämpfen
hatte! Leider aber ward der reine Bogen nicht so heilig bewahrt und ist
mit der Zeit ziemlich stark besudelt worden!
Der Eindruck, den die Vereinigten Staaten bei meinem ersten Eintritte
auf mich machten, konnte nach dem, was ich hier in Neu-Orleans
sah, unmöglich ein sehr günstiger sein. Obwohl ich mich über meine
persönliche Aufnahme nicht zu beklagen hatte, und besonders von Herrn
+Dürmayer+ und der Familie +Höffer+, in deren Hause ich die letzten
acht Tage zubrachte, viele Freundschaftsdienste erfuhr, so war ich doch
herzlich froh, dieser Stadt den Rücken zu kehren, die man mit vollem
Rechte auch eine Stadt der Wunder nennen könnte, denn wunderbar klingt
es, Sklavenhändler, Sklavenbesitzer von Freiheit und Menschenrechten
sprechen zu hören.
[1] Die Straßen in den Amerikanischen Städten bilden gleichmäßige
Vierecke, „Blocks“ genannt.
[2] Das Maine-Gesetz verbietet den Genuß geistiger Getränke. Es
entstand zuerst in dem Staate Maine, und erhielt daher seinen
Namen. Die Staaten, die dem Maine-Gesetze beigetreten sind,
werden Temperance-Staaten genannt.
[3] Ein Kind eines Pflanzers hatte einst den Einfall, seiner
Gespielin, einem Negermädchen, die Buchstaben kennen zu lehren.
Als die Mutter dieß zufällig sah, erschrack sie sehr darüber und
verbot ihrem Kinde streng, damit fortzufahren, -- ja die Angst
der Mutter war so groß, daß das Negermädchen aus dem Bereich der
Familie geschafft wurde, um das Bischen Wissen so schnell als
möglich zu vergessen.
Neunzehntes Kapitel.
Abreise von Neu-Orleans. -- Napoleon. -- Fahrt auf dem Arkansas.
-- Little Rock. -- Gesellschaft auf den Dampfern. -- Amerikanische
Ungezwungenheit. -- Kinder-Emancipation. -- Fort Smith. -- Die
Cherokee-Indianer. -- St. Louis. -- Highland. -- Die Farmer. -- Pipin-
und St. Croix-See.
Am +23. Juni+ verließ ich Neu-Orleans auf dem prachtvollen Dampfer
„+Belfast+,“ der den Mississippi aufwärts ging. Kapitän +Taylor+,
Eigenthümer des Schiffes, war so artig, keine Bezahlung von mir
anzunehmen; mein Name war ihm durch die Zeitungsberichte bekannt.
Die innere Einrichtung dieses Dampfers war sehr kostbar. Schwere
Teppiche deckten den Boden, große Spiegel zierten die Wände, mit Sammt
überzogene Möbel, ein schönes Piano die Säle. Die Kost bestand aus
vier überaus reichen Mahlzeiten mit Backwerk, Eis u. s. w. Speisesaal,
Schlafkabinen, Betten ließen an Pracht und Bequemlichkeit nichts zu
wünschen übrig, und dabei war der Preis sehr billig: von Neu-Orleans
bis St. Louis (1200 Seemeilen) 25 Dollars, stromabwärts gar nur 20. Die
Amerikaner finden aber sogar diesen geringen Preis übertrieben.
Ich fuhr nur den halben Weg nach dem Städtchen +Napoleon+, um von
da aus auf dem +Arkansas+, der in den Mississippi mündet, nach Fort
+Smith+ zu gehen.
Unterwegs wurde häufig an Städten und Ortschaften angehalten, von
welchen die bedeutendste +Baton-Rouge+ mit ungefähr 30,000 Einwohnern.
Obwohl viel kleiner als Neu-Orleans, wird diese Stadt als die
Hauptstadt von Louisiana betrachtet, da sie mehr im Mittelpunkte
liegt. Das Gouvernements-Gebäude gleicht einem Palaste; es steht auf
einem kleinen Hügel, um welchen sich die Stadt lagert, und besitzt ein
schönes Säulenportal.
Die Stadt +Vicksburg+ scheint an Größe um ein geringes Baton-Rouge zu
übertreffen; sie liegt auf niedrigen Hügeln.
Am +26. Juni+ Abends gelangte ich nach +Napoleon+.
Ich hatte nun von der Mündung des Mississippi bis Napoleon an 700
Meilen gemacht, ohne auf dieser langen Strecke eine Ansicht zu finden,
die mich nur im geringsten angesprochen, viel weniger bezaubert hätte.
Der Strom als solcher ist erhaben: er gleitet majestätisch zwischen den
reichen Urwäldern dahin; allein die fortdauernde Einförmigkeit seiner
Ufer wird nur zu bald ermüdend, und man ist froh, die Fahrt auf dem
raschen Dampfer zu machen. Die ersten hundert Meilen von Neu-Orleans
an bieten nichts als große Pflanzungen von Zucker, Mais, Baumwolle in
weiten Ebenen, die im Hintergrund von Waldungen begrenzt sind. Später
werden die großen Pflanzungen seltener und kleiner, die Waldungen
vorherrschend. Letztere sind zwar dicht und hübsch, aber Riesenstämme
haben sie nicht aufzuweisen. Bei Baton-Rouge zeigen sich die ersten
Hügelbildungen, Höhen von fünfzehn bis zwanzig Fuß, die sich aber bald
wieder in den Ebenen verlieren. Bei Vicksburg erscheinen sie wieder auf
eine kurze Strecke und mögen da ein Paar Fuß höher sein.
Für den Pflanzer sind diese Ansichten gewiß überaus reizend, da er sie
aus einem andern Gesichtspunkte als der Reisende betrachtet, und die
unermeßlichen Strecken Landes, die seinem berechnenden Geiste Nahrung
und Hoffnung geben, bewundert.
Das einzige Originelle in diesem Lande mochten die Eingebornen
gewesen sein, die aber, seit die Weißen hier hausen, beinah gänzlich
verschwunden sind. Kein +Wig-wam+ steht mehr in den finstern Hainen,
kein Indianer erscheint bewaffnet mit Bogen und Pfeil und dem
Scalpirmesser an der Seite. Die wenigen Eingebornen, die man bei
einigen Städtchen und Ortschaften noch sieht, kommen mir wie exotische
Gewächse vor; sie waren mit Europäischen Lappen behangen und aller
ihrer Volks-Eigenthümlichkeiten schon halb entfremdet.
Obgleich die Reise nur drei Tage währte, hatten wir dennoch zwei
traurige Fälle an Bord. Ein Mann starb an der Cholera, und ein freier
Neger, Aufwärter am Tische, schlug im Streite einen seiner Gefährten
todt. Die Ursache des Streites war folgende: Der Thäter schlief nahe
an der Schiffsglocke, sein Gefährte band ihm aus Scherz die Füße an
dieselbe, und rief ihm hierauf zu, daß es Zeit sei, die Tafel zu
decken. Der Schläfer sprang auf, setzte dadurch die Glocke in Bewegung,
und bekam natürlicher Weise von dem Steuermanne einen tüchtigen
Verweis. Darüber erboßt, fing er mit seinem Kameraden einen Streit an,
ergriff ein Stück Holz und versetzte ihm damit über den Kopf ein paar
so tüchtige Schläge, daß er ihm die Hirnschale spaltete -- zwei Stunden
später war der Arme todt.
Die Reisenden sprachen über diese That mit einer empörenden
Gleichgültigkeit. Die Jungen von acht bis zehn Jahren gingen hin,
um den Erschlagenen anzusehen und kamen mit heiterer Miene zurück,
erzählend was sie erblickten, als wären sie Zeuge irgend einer
ergötzlichen Scene gewesen. Man weiß, daß Menschenleben in Amerika
nicht hoch geschätzt wird; aber das Gefühl bei der Jugend schon so
frühzeitig abgestumpft zu finden, ist doch traurig.
Das Städtchen +Napoleon+, erst kürzlich dem Walde entstiegen, ist
noch gänzlich von demselben umgeben. Ich blieb hier nur einen Tag und
schiffte mich auf dem kleinen Dampfer „+Thomas P. Ray+“ nach +Little
Rock+, dem Hauptstädtchen des +Arkansas+-Staates ein. Die Entfernung
beträgt 300 Meilen, die wir in 42 Stunden zurücklegten.
Auf dem Arkansas, so wie auf den meisten Nebenflüssen des Mississippi
kann man sich nur kleiner Fahrzeuge bedienen, da die Flüsse im Sommer
sehr wasserarm werden, und selbst die kleinsten Dampfer müssen durch
einige Monate ihre Fahrten einstellen.
Von einem großen Dampfer auf solch einen kleinen versetzt zu werden,
ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Auf dem „Thomas P.
Ray“ herrschte noch überdies wenig Ordnung. Es gab hier z. B. keine
kleinen abgetheilten Schlafkabinen, sondern die Herren schliefen in
einer gemeinschaftlichen Kabine, die Frauen ebenfalls. Außer mir befand
sich nur eine Frau mit zwei Kindern an Bord. Man denke sich aber meine
Verwunderung, als der Gemahl dieser Frau Abends in unsere Kabine kam
und daselbst eine Schlafstelle einnahm. Wir hatten eine Hitze von 108
Grad Fahrenheit, und ich war gezwungen, die schweren Vorhänge an meiner
Schlafstelle zuzuziehen. Auch Morgens mußte ich mich mühsam hinter
den Vorhängen ankleiden, und so an das Waschbecken treten, wo ich mir
natürlich kaum die Augen und die Fingerspitzen waschen konnte. Freilich
nehmen es die Damen in diesem Lande nicht so genau wie bei uns[4]. Die
Sparsamkeit war auf diesem Dampfer ebenfalls sehr groß. Dem Trinkwasser
wurde nur bei Tisch ein einziges Stückchen Eis beigegeben, während
man auf den großen Dampfern zu jeder Stunde des Tages Eiswasser haben
konnte. -- Kaffee, Thee wurde ohne Milch getrunken, obgleich wir zu
verschiedenen Malen im Tage anlegten, und die Milch in diesem Lande ein
so billiger Artikel ist, daß eine ganze Flasche voll nur einen Cent
kostet. Das Mittagsmahl bestand am ersten Tage aus gebratenen Hühnern
mit Kartoffeln, am zweiten gar nur aus etwas Schinken mit Kartoffeln.
Dabei waren die Preise höher, als auf den Prachtdampfern, die den
Mississippi befahren.
Die beiden Ufer des Arkansas sind von dichten Waldungen eingesäumt, die
sich noch über den größten Theil des Landes zu erstrecken scheinen. Der
Fluß selbst ist so voll von hervorragenden oder, was für die Schiffe
noch gefährlicher ist, kaum mit etwas Wasser überdeckten Baumstämmen,
daß es der größten Vorsicht bedarf, hindurch zu steuern. Nachts wird
nur bei hohem Wasserstande und hellem Mondscheine gefahren.
Little Rock zählt 3000 Einwohner und gleicht mehr einem niedlichen
Walddorfe, als einem Städtchen; die Häuser liegen weit von einander,
meistens mitten in Gärten und Gebüschen.
Ich fand hier als größte Merkwürdigkeit ein musikalisches Talent, ein
sechsjähriges Mädchen, +Marie Schaar+, von deutschen Eltern, das erst
seit fünf Monaten Klavierunterricht, und noch dazu sehr schlechten
erhalten, und zum Erstaunen richtig und gut spielte. Jede Melodie, die
man ihm einige Mal vorsang, spielte es nach, das Accordion behandelte
es meisterhaft, obwohl es darauf gar keinen Unterricht bekommen hatte.
Schade, daß das schöne Talent in dem kleinen Städtchen schwer eine
höhere Ausbildung erlangen dürfte!
Ich mußte in Little Rock bis 1. Juli auf den niedlichen Dampfer
„Colonel Drennen“ warten, der von hier nach Fort +Smith+ (300 Meilen)
fuhr. Auf diesem Dampfer war mehr Ordnung und eine hinreichend gute
Kost.
Die Fahrt auf dem Arkansas gefiel mir ungleich besser, als jene auf
dem Mississippi. Der Arkansas ist zwar als Fluß mit jenem gar nicht zu
vergleichen; im Gegentheil ist sein Wasserreichthum so geringe, daß die
Dampfer häufig auf Sandbänke auffahren und nur mit großer Mühe wieder
flott gemacht werden können. Das Auge aber hat hier, wegen der vielen
und häufig aufsteigenden Hügel- und Bergketten (wenn auch diese von
keiner bedeutenden Höhe), einen weiten und abwechselnden Spielraum; es
herrscht nicht die tödtende Einförmigkeit wie auf dem Mississippi. Die
Umgebung ist hier ebenfalls noch wilde Natur -- Wald, wohin das Auge
blickt; nur hie und da erscheint ein kleines Maisfeld, gleich einem
vorgeschobenen Posten der Cultur. Aermliche Holzhütten liegen unter den
Bäumen halb versteckt; selten wird man einen ihrer Bewohner ansichtig.
Niedere Hügelreihen treten auf, höhere Berge hinter ihnen. Schön nimmt
sich eine Felsenparthie aus, sechs bis acht Meilen hinter Little Rock,
von den Amerikanern mit Unrecht „+Big-Rock+“ (großer Felsen) genannt,
denn ihre Höhe übersteigt nicht dreißig bis vierzig Fuß. Noch schöner
sind die +Dardanellen+[5]. Felsen von ungefähr vierzig bis fünfzig Fuß
Höhe stehen gleich Soldaten in Reihen an beiden Seiten des Flusses.
Die Reisenden waren alle entzückt von diesem großen Naturwunder
und meinten, daß es in der Welt nichts Schöneres geben könne. Im
Hintergrunde zeigt sich der 500 Fuß hohe Berg +Magazine+, der höchste
der ganzen Umgebung; er zeichnet sich durch einen langen, schmalen,
ebenen Rücken von allen andern Bergen aus.
In diesen Gegenden, wo man selten an einem Städtchen oder Oertchen
vorüberfährt, wo alles noch wilde Natur ist, wo man nicht einmal
die fällende Axt hört, hier machte es auf mich einen eigenthümlich
erhabenen Eindruck, das große Kunstwerk menschlichen Schaffens, den
Dampfer, stolz dahinbrausen zu sehen. Wenn seine Schaufelräder inne
hielten, herrschte Todtenstille rings umher.
Obwohl die Wälder überall dicht und üppig stehen, die wenigen
Maisfelder schöne Früchte tragen, behauptet man dennoch, daß der Staat
Arkansas nicht unter die fruchtbaren zu zählen sei, und daß es deßhalb
so wenig Ansiedlungen gäbe. Einst, wenn Amerika das traurige Schicksal
Europa’s haben und übervölkert sein wird, dürften sich die Züge der
Einwanderer auch nach Arkansas wenden. Jetzt hat man es noch nicht
nöthig, mit dem Lande zu sparen, da es für den üppigsten Boden noch zu
wenig Hände gibt.
Die Gesellschaften, die ich bisher auf den Dampfern traf, schienen eben
nicht zu den gebildetsten zu gehören. Allgemein lachte man mich aus,
wenn ich, während Holz geladen wurde, in den Wald ging, um Insekten zu
fangen. Von einem Museum hatte selten jemand einen Begriff. Den ganzen
Tag über wurde nichts als geplaudert; was die Leute in den Gasthöfen
zu wenig sprachen, brachten sie hier ein. Man forschte mich mit großer
Neugierde über meine Familienverhältnisse aus, man fragte mich, zu
welcher Religion ich gehöre, wer mir das Geld zum Reisen gäbe, warum
ich so große Reisen mache u. s. w. Nebstbei waren die Leute etwas gar
zu ungezwungen. Wenn ich in einem Buche las, nahm man mir es ohne zu
fragen aus der Hand, um den Titel, oder, wenn es Bilder enthielt, diese
anzusehen. Während ich las, oder auf der Gallerie war, ging man ohne
Umstände in meine Kabine, nahm die Insekten in die Hand und besah sie
nicht bloß, sondern verdarb mir auch gar vieles. Am lästigsten aber
waren die Kinder: die schrieen und lärmten um die Wette, wenn die
Eltern nicht gleich thaten und erlaubten, was sie wünschten. Ich finde
nichts schlechter, als Kindern die Erfüllung ihrer Wünsche erst zu
verweigern, und wenn sie recht schreien und lärmen, dieselben am Ende
doch zu gestatten. Sagt man den Kleinen: „Ja“ oder „Nein,“ so soll es
dabei bleiben; das Kind wird dann schnell begreifen lernen, daß ihm die
Unarten zu nichts helfen.
Ein anderer Fehler der Amerikanischen Erziehung ist es, den Kindern
so frühzeitig das Benehmen und die Gewohnheiten der Erwachsenen
beizubringen. In manchen Ländern Europa’s bleiben die Kinder zu
lange Kinder, was auch nicht gut, aber doch besser ist, als sie um
ihre Kindheit ganz zu betrügen. Hier benimmt sich das achtjährige
Mädchen schon wie eine angehende Frau, der zehnjährige Knabe wie ein
erwachsener Jüngling. Das Mädchen heirathet in den südlichen Staaten
oft schon im zwölften Jahre, die Knaben treten mit demselben Alter in
das Geschäftsleben ein. In einigen der südlichen Staaten erlaubt sogar
das Gesetz die Trauung zwölfjähriger Mädchen, welche dem elterlichen
Hause entlaufen sind. Das Kind hat nur zu sagen oder zu beschwören, daß
es dieses Alter habe, und wird von dem Priester getraut. Solche Ehen,
die nicht selten vorkommen, heißen „~Run away matches~.“
Eine natürliche Folge dieser Kinder-Emancipation ist, daß nicht nur
die wissenschaftliche Ausbildung der Jugend vernachlässiget wird,
sondern daß auch bei den Mädchen die Kindlichkeit, Bescheidenheit,
bei den Frauen die zarte Weiblichkeit, die größten Zierden unseres
Geschlechtes, nur zu häufig verloren gehen.
Es gibt vielleicht in keinem Lande der Welt so viel öffentliche und
Privat-Unterrichts-Anstalten, wie in den Vereinigten Staaten; dennoch
kamen mir, wenigstens bisher, nicht viele gründlich gebildete Mädchen
oder Frauen vor; denn ein Bischen Klavier klimpern, singen oder einige
Französische Worte herplappern, nenne ich keine Bildung. Die größere
Zahl begnügt sich mit einem oberflächlichen Anflug des Wissens, womit
sie aber die echt republikanische Kühnheit verbindet, denselben überall
zur Geltung zu bringen. So erschrack ich immer, wenn ich ein Klavier
auf einem Dampfer sah. Jung und Alt setzte sich ohne Scheu hinzu; das
Geklimper, der sogenannte Gesang nahmen den ganzen Tag kein Ende. Eben
so wenig Kenntniß hatten sie von der Geographie. Wenn man mich fragte
(was Hunderte thaten), von welchem Lande ich nach den Vereinigten
Staaten gekommen, wo ich geboren sei u. s. w., und ich antwortete, ich
sei von Peru gekommen, in Wien geboren, wußten sie weder wo Peru, noch
wo die Stadt Wien liegt. Außer ihrem eigenen Lande kennen sie wenig
von der Welt, von Europa kaum mehr als Paris und London, vielleicht
einiges von Deutschland, und seit dem Kriege der Russen mit den Türken
wohl auch St. Petersburg und Constantinopel. In den vielen Schulen, in
welchen ich von den untersten bis zu den obersten Klassen Prüfungen
aus der Geographie beiwohnte, hörte ich nichts als Fragen über die
Vereinigten Staaten; man hätte glauben mögen, daß es gar keine andern
Länder gäbe.
Zu Anfange befremdete mich dieses oberflächliche Wissen sehr, um so
mehr, als mich die Eltern versicherten, daß ihre Kinder schon mit vier
Jahren die Schulen besuchten. Später sah ich wohl, woher es kam. Die
meisten Eltern besitzen selbst keine höhere Bildung und glauben für
die Erziehung ihrer Kinder genug zu thun, wenn sie dieselben nach der
Schule senden. Die Mütter in der wohlhabenden Klasse sind wenig für
Häuslichkeit erzogen; sie verbringen den größten Theil des Tages im
Rocking-chair schaukelnd, eine Novelle lesend, oder einen Spaziergang
machend, die Kaufläden besuchend, in welch letzteren sie Stunden
zubringen, um die schönen Waaren zu besehen. Für Kinder-Erziehung Sorge
zu tragen, dieselbe zu überwachen, haben sie weder Lust noch Zeit. In
der Schule selbst werden die Kinder nicht sehr zum Arbeiten angehalten,
denn beklagt sich das Kind über die Schule, über den Lehrer, so wird
ihm stets Recht gegeben, und wünscht es die Schule, die es besucht, mit
einer andern zu vertauschen, so erfüllt man seinen Willen. In Folge
dieses Verfahrens sind die Lehrer gezwungen, gegen die Kinder weder
Strenge noch Ernst zu gebrauchen, und sie wie erwachsene Leute zu
behandeln. Thäten sie es nicht, so würden ihre Schulen bald leer sein.
Als ich dieß alles gesehen und beobachtet hatte, befremdete mich
das oberflächliche Wissen der Kinder nicht mehr; im Gegentheile, es
wunderte mich, sie doch noch so unterrichtet zu finden, als es der Fall
war.
In Fort Smith angekommen, fand ich keine Gelegenheit mehr, die Reise
zu Wasser fortzusetzen; der Fluß war schon zu seicht geworden. Ich
miethete ein Pferd, um nach Fort Gibson (achtzig Meilen), in dessen
Nähe die +Cherokee+-Indianer leben, zu reiten; allein in der Nacht
hatte ich wieder einen Anfall des hartnäckigen Sumatra-Fiebers und
mußte der Reise entsagen.
Die Cherokee-Indianer zeichnen sich vor allen übrigen durch Schönheit
und Bildung aus. Sie leben in Ortschaften und Städtchen, haben eine
konstitutionelle Regierungsform, gute Schulen und senden ihre Söhne
häufig in Amerikanische Handelshäuser; sie geben sogar eine Zeitung
heraus. Ihr Häuptling ist mit einem weißen Mädchen aus guter Familie
verheirathet. -- Eine Ehe mit einem Indianer wird nicht als entehrend
angesehen.
Ich traf in Fort Smith viele dieser Indianer, die theils in
Handelsgeschäften, theils zum Vergnügen dahin gekommen waren. Mehrere
speisten in dem Gasthofe, in welchem ich wohnte. Sie sprachen etwas
Englisch und benahmen sich recht anständig; nur nahmen sie manchmal
einzelne Stücke aus der Schüssel und führten sie gleich zum Munde;
sie aßen mit Messer und Gabel. Ihre Gestalt und Gesichtsbildung war
durchgehend hübsch; man hätte die meisten für Europäer halten können,
wäre ihre Hautfarbe etwas lichter gewesen; diese aber war nicht hübsch,
entweder lederartig oder schmutzig lichtbraun. Männer wie Weiber trugen
Europäische Kleidung, manche der Männer über die Kleider eine Art
weite, kurze Blouse mit reich garnirten großen Krägen; einer hatte ein
zusammengedrehtes Tuch gleich einem Kranze um den Kopf geschlungen. Die
Männer waren alle hübscher, als die Weiber.
Während meines Aufenthaltes zu Fort Smith, am 4. Juli, wurde das Fest
der Unabhängigkeit-Erklärung gefeiert, bei welcher Gelegenheit ein
Negerball statt fand, an dem Freie wie Sklaven Theil nahmen. Sie waren
alle Europäisch gekleidet, die Männer schwarz mit weißen Halsbinden
und Westen, die Weiber und Mädchen in Tüll und andern hübschen weißen
Stoffen; auch an Goldketten und Geschmeiden fehlte es nicht, eben
so wenig an Bändern und Blumen in den Haaren. Der Saal war schön
geschmückt und beleuchtet, der Speisen gab es in Fülle. Es machte einen
höchst komischen Eindruck, alle die farbigen und schwarzen Gesichter in
dem Europäischen Putze zu sehen.
Von dem bösen Fieber befreit, ging ich nach wenigen Tagen wieder
nach Napoleon zurück, wo ich mich auf dem prachtvollen Dampfer
„Crescent-City“ auf dem Mississippi einschiffte; der Kapitän Mr. +John+
nahm ebenfalls keine Bezahlung von mir an.
Die Ufer des Mississippi blieben fortwährend von gleicher Einförmigkeit
-- dichte unermeßliche Waldungen deckten die Ebenen; man hatte gar
keinen Anhaltspunkt einer hübschen Ansicht; nirgends bedeutende
Pflanzungen. Dem Vorübersegelnden zeigten sich nur erbärmliche hölzerne
Hütten, bei welchen Holz für die Dampfer zum Verkaufe aufgeschichtet
lag.
Oberhalb des Städtchens +Memphis+ stiegen die Ufer des Mississippi
in senkrechten Sandwänden zu einer Höhe von fünfzig Fuß empor. Diese
Strecke gilt als eine der schönen Scenen des Stromes. Der gute Kapitän
John rief mich auf die Gallerie, dieses Naturwunder zu besehen; die
Entzückungen unter den Reisenden nahmen kein Ende. Nach einer Strecke
von einigen hundert Schritten fällt die Natur schon wieder erschöpft in
ihre frühere Einförmigkeit zurück.
Bei +Jeddo+ (300 Meilen unterhalb St. Louis, also 1000 Meilen von
der Mündung des Flusses), einem Städtchen mit einem großen, schönen
katholischen Collegium, einer katholischen Kirche in Gothischem Style
und mehreren bedeutenden Ziegelhäusern, hat man zum ersten Male
hübschere Ansichten. Der Strom wird durch liebliche Inselchen in Arme
getheilt, bildet hie und da große Buchten gleich einem See, und kleine
Hügelketten erscheinen im Hintergrunde. Leute, die in ihrem Leben
nichts anderes als die unteren Gegenden des Mississippi gesehen haben,
mögen freilich diese Ansichten hinreißend schön finden; aber mit den
Donau-Gegenden z. B. halten sie keinen Vergleich aus.
Bei dem Städtchen +Cairo+ (280 Meilen unterhalb St. Louis) mündet
der +Ohio+ in den Mississippi. Sein Wasser ist rein, von schöner,
grünlicher Farbe. Eine gute Strecke noch vor der Mündung kann man den
Kampf der beiden Gewässer beobachten. Erst tauchen nur einzelne Wogen
des trüben Mississippi in dem klaren Ohio auf, bald werden sie häufiger
und häufiger und endlich geht das Reine ganz verloren. Das böse Princip
erringt hier, wie meistens im irdischen Leben, die Oberhand.
Das Städtchen Cairo liegt auf einer Erdzunge zwischen den beiden
Strömen. Alle diese Amerikanischen Städtchen oder Ortschaften gleichen
sich: man sieht ihnen die Eile, die Hast an, mit der sie gegründet
wurden. Sie bestehen meistens aus zerstreut umherliegenden Häuschen,
die von einfachen Bretterwänden zusammen gezimmert, klein und
beschränkt, mit Zimmerchen gleich Zellen versehen sind. Die dünnen
Bretterwände halten weder im Winter die Kälte, noch im Sommer die
glühende Hitze ab[6]. Aber an diesem und jenem Platze will sich der
Amerikaner ansiedeln, mit dem Willen beginnt er auch schon die That und
baut natürlich nur, was die höchste Notwendigkeit erfordert. Steigt
sein Bedarf, so vergrößert er allmählich seinen Bau; auch findet er
oft nach kurzer Zeit den Platz seinen Wünschen und Hoffnungen nicht
entsprechend, oder sein spekulirender Geist sehnt sich nach etwas
anderem; er verläßt plötzlich alles, selbst wenn es ihm gut ergangen
war, um sich an einem andern Orte niederzulassen. Die Amerikaner nennen
dieß „~move~.“ Ich traf auf dem Dampfer mehrere dergleichen „movende
Familien,“ die mir selbst gestanden, daß sie ihre Ansiedelungen aus
keinem anderen Grunde verließen, als weil sie schon einige Jahre darin
gelebt hatten.
Am +14. Juli+ erreichten wir die Stadt St. Louis, die erst einige
Meilen früher sichtbar wird, da der Strom beständig große Krümmungen
macht. Der Anblick der gleichförmigen Häusermasse, die sich dem Strome
entlang an einer kleinen Erhöhung ausbreitet, bietet eben nichts
überraschendes. Die großen Amerikanischen Städte besitzen wohl schöne
Gebäude und viele Kirchen; aber man sieht diese erst, wenn man durch
die Straßen wandelt; hervorragende schöne Kuppeln, hohe, majestätische
Thürme gibt es nur sehr wenige. Die nahe Umgebung von St. Louis ist
sandig, die Waldungen liegen mehrere Meilen entfernt; das Land ist eben.
Ich stieg hier bei Herrn +Charles Boyce+, Richter (~judge~) in
Louisiana ab. Ich hatte diesen Herrn, wie seine Familie, in Neu-Orleans
kennen gelernt, bei welcher Gelegenheit er so gütig war, mich in sein
Haus einzuladen, weil er wußte, daß ich im Sinne hatte, nach St. Louis
zu gehen.
Die Stadt St. Louis zählt gegen 120,000 Einwohner, eine überraschend
große Bevölkerung für die kurze Zeit ihrer eigentlichen Entwicklung,
denn noch vor zehn bis fünfzehn Jahren hatte sie kaum einige Tausend.
Unter den Gebäuden sind, wie in allen Amerikanischen Städten, die
Banken, die Gasthöfe, das Zollhaus u. s. w. die bedeutendsten; auch
unter den Privatgebäuden gibt es schöne; so steht z. B. in der vierten
Straße[7] ein Haus, ganz aus weißem Marmor gebaut, der in der Nähe
der Stadt gebrochen wird. Die katholische Kirche ist einfach, aber
sehr hübsch. Mein erster Gang war dahin, denn ich hatte von ihr in
dem Directory of St. Louis vom Jahre 1854 folgendes gelesen: „Die
Kathedrale von St. Louis hat keine Nebenbuhlerin in den Vereinigten
Staaten hinsichtlich ihrer Pracht, des Werthes und der Zierlichkeit
ihrer heiligen Gefäße, ihrer Gemälde und Verzierungen, und gewiß haben
wenige Kirchen in Europa werthvollere Gegenstände aufzuweisen. Sie
besitzt Gemälde von Rubens, Raphael, Guido, Paul Veronese und eine
Zahl anderer von den neuesten Meistern der Italienischen Schule.“
-- Ich hoffte dieser Beschreibung nach eine kostbare Bildergallerie
nebst andern großen Schätzen zu sehen; aber zu meinem Erstaunen fand
ich von allen diesen Kostbarkeiten und Meisterwerken nichts, vier
Oelgemälde ausgenommen, von welchen jedoch nur eines der älteren Zeit
zuzuschreiben sein mochte. Ich weiß, daß wohl gar manche Reisende die
Gewohnheit haben, mehr Poesie als Wahrheit in ihre Beschreibungen zu
flechten; aber eine ähnlich starke Lüge ist mir bisher doch noch nicht
vorgekommen.
Das Gefängniß ist aus massiven Steinen aufgeführt. Das Innere besteht
aus einer großen Halle, um welche die Zellen in zwei Stockwerken
laufen. Die Zellen sind für zwei Personen; sie besitzen gar keine
Einrichtung, nicht einmal einen Schragen zum Schlafen -- eine Kuhhaut
vertritt dessen Stelle. Der Gefangene kann sich, so lange er nicht
abgeurtheilt ist, mit seiner Börse alle Annehmlichkeiten verschaffen,
was nach gefälltem Urtheil nicht mehr erlaubt ist. Allein ich sah doch
bei manchen Abgeurtheilten mehr Comfort als bei andern. Leider ist der
goldene Schlüssel in den freien Staaten so mächtig, wie überall in der
Welt.
Die Gefängnißkost wäre nicht schlecht gewesen; allein die Bereitung und
die Art, auf welche man die Speisen den Leuten gab, fand ich unsauber
und unpassend -- man fütterte sie wie Hunde ab. Ein großer Kübel, in
welchem alles zusammen geschüttet war, wurde in die Halle gebracht, ein
ekelhaft schmutziger Neger faßte vor jeder Zelle mit einem Löffel, wohl
auch mit der Hand einige Brocken heraus, warf sie in ein Geschirr, und
schob dieses durch eine kleine Oeffnung in der Thüre dem Verbrecher zu.
Die Luft in der Halle war sehr unrein: wenn man an die Zellen kam,
mußte man die Nase zuhalten. Die Hinrichtungen (Aufhängen) finden in
dem Hofe des Gefängnisses statt.
Von Lehr- und andern Anstalten, als: für Kinder, die man von der Straße
aufliest, für alte arme Leute, für Mädchen und Frauen, die sich bessern
wollen u. s. w., besah ich manche, die ich alle sehr zweckmäßig und
trefflich eingerichtet fand. In dieser Hinsicht, besonders was die
Anstalten für Arme anbelangt, wird in den Vereinigten Staaten sehr
viel gethan. Viele Vereine bilden sich unter den Frauen, die emsig
nachsehen und alles sehr genau überwachen. In diesem Punkte kann man
den Amerikanischen Frauen wahrhaftig des Lobes nicht genug nachsagen.
Die Zuckerraffinerie des Herrn +Belcher+ ist sehenswerth, da sie die
größte im Westen ist: es werden wöchentlich bei 600 Tonnen[8] Syrup
(Melasses) in raffinirten Zucker verwandelt. Herr Belcher beschäftigt
gegen 700 Menschen nebst 140 Pferden und Maulthieren. Ich sah hier
einen der tiefsten artesischen Brunnen, die bisher gegraben wurden:
seine Tiefe beträgt 2200 Fuß. Man war zwar auf eine sehr starke Quelle
gekommen, sie enthielt aber so viel Schwefel, daß man sie nicht
benützen konnte; es wird daher mit der Bohrung des Brunnens noch
fortgefahren.
Die Markthalle ist groß und hübsch, steht aber jener von Neu-Orleans
weit nach.
Der Friedhof +Belle Fontaine+ ist einer der schönsten von allen, die
ich bisher gesehen. Er besteht aus einem prachtvollen Naturparke von
vielen hundert Acres Landes, in welchem die Kunst nichts anderes zu
thun hatte, als das Untergebüsch zu vertilgen, den Wald ein wenig zu
lichten und den Grasboden zu cultiviren. Auf diesem Friedhofe werden
nur Plätze für Familiengräber um theure Preise verkauft. Die Plätze
sind mit zierlichen leichten Eisengittern eingefaßt und mit Blumen
geschmückt, in deren Mitte kunstvolle Marmor-Monumente aufsteigen,
von welchen manche in Italien gearbeitet worden sind. Bis jetzt gibt
es noch wenige Grabesplätze. Der ganze Park ist von schönen Fahr-
und Gehwegen durchschnitten, und ein Spaziergang dahin sehr lohnend.
Schade, daß es keine Bänke gibt, um sich mit einem Buche allda länger
aufhalten zu können.
Ich blieb einige Wochen in dem Hause des Herrn Boyce und war während
dieser Zeit sehr aufmerksam auf die Behandlung der Dienerschaft, die
aus lauter Sklaven bestand. Zu meiner großen Freude fand ich, daß die
Leute behandelt wurden, als gehörten sie zur Familie, ja meiner Ansicht
nach wurden sie sogar zu wenig mit Arbeit beschäftiget: ein Halbdutzend
Sklaven arbeitete nicht so viel, als bei uns zwei Dienstleute. Die
Kleidung, die Kost war gut und hinreichend. Freilich gehörten auch Herr
und Frau Boyce zu den trefflichsten Menschen und ihre Kinder zu den
sehr wohl erzogenen. Glücklich wäre das Loos der Sklaven, würden sie
überall so gehalten!
Ich machte von St. Louis einen kleinen Ausflug nach dem Städtchen
+Highland+ (32 Meilen) in dem Staate +Illinois+, jenseits des
Mississippi gelegen. Zu diesem Ausfluge mußte ich einen Platz in der
Postkutsche (Stage-coach) nehmen, welche Art zu reisen die unbequemste
und lästigste ist. Der sonst mit der Zeit so geizende Amerikaner hat
da eine mehr als himmlische Geduld. So ist es z. B. gebräuchlich, daß
sich die Reisenden nicht an dem Orte der Abfahrt einfinden, sondern der
Wagen fährt vor jedes Haus sie abzuholen, eine Einrichtung, die sehr
langweilig ist und in großen Städten vielen Zeitverlust verursacht. Man
fährt oft ein Paar Stunden kreuz und quer, ohne daß die eigentliche
Reise begonnen hat. Eben so zeitraubend geht das Umspannen vor sich:
die Pferde sind nicht bereit, die Herren treten in die Schenke, und so
vergeht eine halbe Stunde, bevor man weiter kommt. Unterweges werden
die Pferde noch überdies getränkt.
Das Städtchen Highland mit 5000 Einwohnern ist vor fünfzehn Jahren
von Deutschen und Schweizern gegründet worden. Vor dieser Zeit war
das Land rings umher noch Prairie; jetzt ist der größte Theil schön
cultivirt und mit üppigen Weizen-, Hafer- und Mais-Feldern bedeckt.
Man erwies mir in Highland sehr viele Ehren[9]. Herr +Bernais+, ehemals
bei der französischen Gesandtschaft in Wien angestellt, erwartete
mich schon an der Station, und führte mich sogleich in sein Haus. Am
ersten Abende brachten mir die Mitglieder des Musikvereins, am zweiten
die Sänger ein Ständchen. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit
welcher man mir entgegen kam, die Deutsche Sprache, die ich von allen
Seiten hörte, die heimathlichen Lieder und Kompositionen, auf wirklich
ausgezeichnete Weise vorgetragen, machten es mich beinahe vergessen,
daß ich mich in einem fremden Welttheile befand: es war mir, als sei
ein Stück von Deutschland hieher gezaubert worden.
Fünf bis sechs Meilen von Highland landeinwärts sind die Prairien noch
im Naturzustande zu sehen. Man führte mich dahin; meine Begriffe waren
aber anders gewesen: ich hatte sie mir, den Beschreibungen zufolge,
als unübersehbare Flächen vorgestellt, mit sechs bis sieben Fuß hohem
Grase bedeckt, durch welches der Durchgang höchst beschwerlich sei.
Dem war indeß nicht so. Das Land hatte eine wellenförmige Bildung,
der Boden war zwar reich bewachsen; allein selten überstiegen die
Pflanzen die Höhe von zwei bis drei Fuß, und überall konnte man leicht
zu Fuße oder zu Wagen durchkommen. Die Aussicht von den zwanzig bis
dreißig Fuß hohen Hügeln war reizend; ich hätte nie geglaubt, daß
eine Landschaft ohne Gebirge, ohne Flüsse und Seen so schön sein
könnte. Die wellenförmige Bildung gestattete dem Auge eine weite
Fernsicht und brachte dabei doch hinreichende Abwechslung hervor. Nette
Farmhäuschen standen auf manchen Höhen, in Mitte blühender Pflanzungen;
im Vordergrunde breitete sich das Städtchen aus, kleine Boskette von
Frucht- und anderen Bäumen bildeten die Schlagschatten, und dunkle
Waldungen faßten in weiter Ferne das ganze Bild ein!
Auf der großen Besitzung des Herrn +Köpfli+ wurden vor einigen Jahren
sogar Weingärten angelegt. Der Versuch gelang vortrefflich; allein
es zeigte sich, daß der gewonnene Wein nicht die Kosten deckte und
billiger aus fremden Ländern zu beziehen war; es wurde daher die
Weincultur vor der Hand aufgegeben.
Ich besuchte mehrere Farms, um die Lebensweise der Farmer
(Grundbesitzer, Bauern) kennen zu lernen. Wer so viel besitzt, sich
Grund und Boden zu kaufen, ein Häuschen zu bauen und seinen Bedarf
für das erste Jahr zu decken, hat in den Vereinigten Staaten gewiß
die schönste Zukunft vor sich. Die Ländereien, die man in noch
uncultivirten Ländern von dem Staate kauft, kosten per Acre 1¼ Dollar.
Auf seinem Grunde kann der Farmer schaffen und bauen, was er nur immer
will: nichts ist in diesem schönen, freien Lande Monopol, nichts ist
verboten oder hoch besteuert; außer einer ganz unbedeutenden Abgabe
gibt es gar keine andern Leistungen und Pflichten.
Die Farmers besorgen mit den Knechten die äußeren Geschäfte, denn nie
sieht man in den Vereinigten Staaten ein Bauernweib auf dem Felde
arbeiten, Gras für das Vieh heimschleppen, die Erzeugnisse nach dem
Markte bringen u. dgl. Der Amerikaner hat für das weibliche Geschlecht
zu viel Schonung, um ihm dergleichen schwere Arbeiten aufzubürden. Die
Frauen besorgen die Hauswirthschaft, das Melken der Kühe, das Buttern
u. s. w. Sie leben sehr gut und sind durchschnittlich sauber gekleidet,
ja letzteres artet bei den Frauen oft nur zu sehr aus; sie erscheinen
Sonntags in stattlichem Putze mit goldenen Ketten, Uhren und Ringen.
Die Kost der Farmers besteht Morgens gewöhnlich aus kaltem Fleische
oder Schinken, Brot, Butter und Thee oder Kaffee, Mittags aus
gebratenem Fleische und Kartoffeln, Abends wie Morgens aus kaltem
Fleische, Thee u. s. w. Was am ersten Tage erscheint, kommt das ganze
Jahr hindurch, so daß die Küche den Frauen weder viel Kopfzerbrechen
noch Arbeit verursacht.
Beinahe jeder Farmer hat in seinem Hause ein nettes Zimmerchen, seine
Freunde zu empfangen; trotzdem darf man aber von Gastfreundschaft nicht
zu viel erwarten. Kommt man gerade zu einer ihrer Mahlzeiten, so wird
man zwar eingeladen; aber außer den Eßstunden wird den Besuchern nicht
einmal ein Glas Milch angeboten. Man sagte mir, daß jedermann auf Farms
aufgenommen werde, aber gewöhnlich zahle, wenn er über Nacht bleibe, --
worin besteht dann die gerühmte Gastfreundschaft? --
Ich kann von Highland nicht scheiden, ohne auch der liebenswürdigen
Familie +Bandelier+ zu gedenken. Jedermann, mit dem ich bekannt wurde,
lernte bald meine Leidenschaft für Insekten kennen. Seit ich aber die
Holländisch-Indischen Besitzungen verlassen hatte, war man nirgends so
gütig gewesen, mir deren weder aus Gefälligkeit noch gegen Bezahlung
zu verschaffen oder abzulassen; ja ich mußte wirklich oft über die
Angst lachen, mit der man mir zuweilen ein Paar elende Stücke zeigte:
die Leute fürchteten sich, mir ein Käferchen, einen Schmetterling
anbieten zu müssen. Vergebens gab ich den geehrten Sammlern schon im
voraus mein Wort, nichts zu begehren, mich mit dem Ansehen zu begnügen;
aber wie es schien, trauten sie meinem Worte nicht, und jeder hatte
seine Sammlung gerade vor einigen Tagen irgend einem Museum oder einem
Freunde als +Geschenk+ gesandt.
Nur der fünfzehnjährige Sohn des Herrn Bandelier machte eine Ausnahme;
er zeigte mir seine Sammlung mit größter Freude, und bat mich mit
wirklich rührender Innigkeit, davon zu nehmen, was ich brauchen könne.
Von Highland fuhr ich nach +Libanon+ (10 Meilen), einem neu angelegten
Städtchen, das bis jetzt noch aus nichts als aus einer kleinen Reihe
hölzerner Häuschen besteht, die am Waldsaume liegen. Der größte
Theil des Weges führt durch Prairien. Vier Meilen weiter liegt die
Farm des Herrn +Hecker+. Mit Erstaunen sah ich diesen talentvollen,
hochgebildeten Mann, den bekanntlich die politischen Verhältnisse
zwangen, sein Vaterland (Baden) zu verlassen, sich in das Landleben
fügen, als wäre er von Geburt an ein Farmer gewesen. Wenn er in seinem
Farmeranzuge, mit seinem langen Barte mitten unter seine Landsleute,
ja unter seine Freunde träte, niemand würde ihn erkennen. Beinahe noch
mehr bewunderte ich seine Frau: sie hat sich mit derselben Ergebung
und Fassung in die neue Lebensweise geschickt. Wie hart mag es beiden
fallen, mit nichts als Feld und Vieh zu schaffen zu haben, von nichts
anderem sprechen zu hören, jedes geistigen Umgangs zu entbehren?! --
Ich kehrte von diesem Ausfluge wieder nach St. Louis zurück, wo ich
noch einige Tage verweilte. Am +29. Juli+ setzte ich meine Reise auf
dem schönen Dampfer „+Excelsior+“ fort, der von hier nach +St. Paul+
(825 Meilen) ging.
Kaum dreißig Meilen oberhalb St. Louis mündet der Missouri in den
Mississippi, und dieser Fluß ist es, welcher dem Mississippi das
schmutzige Gewässer bringt; oberhalb der Einmündung des Missouri ist
der Mississippi klar und rein.
Am +30. Juli+ früh Morgens legten wir an dem winzigen, aus höchstens
einem Dutzend kleiner Häuser bestehenden Städtchen +Hamburg+ an, das
sich ungemein reizend um einen ungefähr hundert Fuß hohen Hügel lagert.
Noch schöner ist die Lage des Städtchens +Clarksville+. Wir kamen
an mehreren Ortschaften vorüber, die alle, wenn auch nur einige
hölzerne Häuschen zählend, in der Hoffnung auf die zukünftige Größe
und Bevölkerung schon jetzt „Städte“ genannt werden. Der Amerikaner
lebt überhaupt so sehr in der Zukunft, daß er von der Gegenwart wenig
genießt.
Von Hamburg bis zu dem Städtchen +Quincy+, welches wir am +31. Juli+
erreichten, wird die Fahrt auf dem Mississippi angenehmer. Der Strom
ist reich an größeren und kleineren Inseln; es zeigen sich abwechselnd
Hügelketten, und die Waldungen sind ungleich schöner, da die Bäume an
Höhe und Umfang zunehmen. Bei Quincy treten die Flächen wieder in den
Vordergrund. Bei +Keokuk+ wurde der Wasserstand schon so niedrig, daß
der größte Theil der Ladung auf ein Schleppschiff übertragen werden
mußte.
Das Städtchen +Madison+ mit dem Fort gleichen Namens gehört schon zu
den größeren und mag 3-4000 Einwohner zählen. Bedeutender noch ist
+Burlington+, mit ziemlich großen Backsteinhäusern und breiten Straßen.
+Rock-Island+ und +Davenport+, einander gegenüber gelegen und nur durch
den Mississippi getrennt, tragen den Namen „Stadt“ schon mit Recht.
Doch haben alle diese Städte und Städtchen nichts Eigenthümliches oder
Anziehendes. Das Land war auf beiden Seiten des Stromes noch wenig
aufgebrochen, die Waldung nur an den Stellen gelichtet, auf welchen
die Ortschaften standen; entweder wird noch wenig Land bebaut oder es
geschieht dieß mehr im Innern.
Wir blieben die Nacht vor Davenport liegen. Gegen 11 Uhr erhob sich
ein starker Sturm, der in einen Orkan auszuarten drohte. Die Blitze
folgten sich unausgesetzt, der Donner grollte wild durch das Brausen
des Windes. Der Kapitän und die Offiziere eilten aus ihren Kabinen auf
der obersten Terrasse in die tieferen hinab, befürchtend, der Sturm
möchte jene sammt dem Schornstein der Maschine mit sich fortführen, wie
es bei einem ähnlichen Sturme drei Wochen früher der Fall gewesen war.
Wir sahen noch am Ufer die zerstörten Kamine liegen, und am Lande ein
Backsteinhaus, das durch den Orkan seines Daches beraubt worden war.
Wir kamen jedoch dießmal mit der bloßen Angst davon, schon nach einer
Stunde zügelte der Sturm seine Wuth und hatte bald gänzlich ausgetobt.
In der heißen Jahreszeit sollen diese Gegenden öfter von Orkanen
heimgesucht werden.
Am +4. August+ Morgens lenkten wir in das +Fieber-Flüßchen+ und
landeten unfern seiner Mündung an dem Städtchen +Galena+. Die Lage
dieses Städtchens ist reizend: ein Theil windet sich an dem Fuße eines
schönen Hügels fort, während der andere sich in malerischen Gruppen bis
an dessen Spitze zieht.
Von Galena kehrten wir wieder in den Mississippi zurück, der nun schon
bedeutend an Breite abnimmt, dessen Ufer aber dafür an Reiz gewinnen.
Von Neu-Orleans bis hierher bietet dieser Strom der großen, schönen
Scenen wahrhaftig so wenige, daß ein Maler in Verzweiflung gerathen
müßte, würde ihm die Aufgabe gestellt, irgend eine überraschende,
reizende Ansicht davon zu liefern. Der Reisende hat für die lange Fahrt
(von der Mündung bis hierher 1600 Meilen) keine andere Entschädigung,
als sich an dem Gedanken zu laben, daß es doch großartig ist, zwischen
diesen Urwäldern und Prairien den Rücken eines der mächtigsten Ströme
der Erde von Hunderten von Dampfern befahren, in diesen Gegenden, die
noch vor zwanzig Jahren größtentheils von wilden Indianern, von Bären
und anderen Bestien bewohnt waren, überall Städte und Ortschaften
gleich Pilzen aus der Erde entstanden zu sehen. Allerdings ist dieser
Gedanke mächtig; aber schon nach wenig Tagen wird man mit den sich ewig
wiederholenden Wundern so vertraut, daß man ihrer am Ende gar nicht
mehr gedenkt und nur von der Einförmigkeit der Naturscenen gelangweilt
wird.
In Galena vermehrte sich unsere Gesellschaft um zwei Mädchen oder
Frauen von etwa zwanzig Jahren, deren Benehmen gleich zu erkennen gab,
zu welcher Klasse sie gehörten. Sie sprangen umher, liefen einander
nach, haschten sich u. s. w. Ich hielt mich fern von ihnen, denn noch
war ich so albern, die Menschen nicht nach Farbe und Blut, sondern
nach Bildung und Sittlichkeit zu schätzen. Als diese beiden Geschöpfe
den nächsten Tag den Dampfer verließen, gingen sie ganz nahe an mir
vorüber, klopften mir lachend auf die Achsel und schrieen mir in die
Ohren, als wäre ich taub gewesen: „Sie gleichen unserer Großmutter auf
ein Haar.“ Den Jahren nach hätte dieß wohl sein können: ich verläugne
mein Alter nicht; allein die Art und Weise, in welcher mir die Mädchen
dieß sagten, war so auffallend beleidigend, daß ich nicht umhin konnte,
ihnen zu antworten: „Und Sie gleichen zwei Affen, die ich von meinen
Reisen nach Hause gebracht habe, so vollkommen, daß ich schon dachte,
Sie seien mir entsprungen.“
Ueberhaupt befand sich auf diesem Dampfer wieder eine sehr gemischte
Gesellschaft. Ein Paar andere junge Frauen warfen sich bei Tische mit
den abgenagten Maiskolben -- die Nebensitzenden waren nicht sicher,
daß ihnen ein Stück davon an den Kopf flog. Und Abends erst, wenn sich
alle in den Schaukelstühlen (~Rocking-chairs~) wiegten, da hätte ich
ein Maler sein mögen, um den Frauen ein Bild zu zeichnen, wie anmuthig
sie sich in diesen Stellungen ausnahmen. Es waren zehn solcher Stühle,
die Frauen schoben sie in einen Kreis zusammen, setzten sich recht tief
hinein, streckten die Füße weit vor, ja manche hielten auch noch den
Arm über den Kopf, und so schaukelten sie sich, so viel es der Stuhl
zuließ. Wie unzart, wie unweiblich das aussah, ist nicht zu beschreiben.
Man sagte mir freilich, daß ich die Amerikaner nicht nach dem Benehmen
auf den Dampfern beurtheilen solle.
Das will ich gern glauben. In den Gesellschaften in Neu-Orleans oder
Neu-York hätte ich sie nicht so in ihrem natürlichen Gehenlassen
gesehen wie auf den Dampfern. In den Gesellschaften hätte ich nicht
gesehen, daß die Herren es sehr lieben, die Füße auf Stühle, ja
selbst auf Tische zu strecken -- ein eben so reizendes Bild, wie das
der weiblichen Jugend in den Schaukelstühlen. In den Gesellschaften
hätte ich nicht gesehen, wie die Leute die Achtung für sich und die
Gesellschaft so ganz außer Augen setzen, daß sie in beschmutzten,
ja selbst zerrissenen Kleidern, mit schmutziger Wäsche, ungeputzten
Stiefeln an die Tafel kommen. In den Gesellschaften hätte ich nicht
gesehen, daß selbst nett gekleidete Herren gleich Matrosen beständig
Tabak kauen, daß sich gar viele ihrer Finger statt des Taschentuches
bedienen, und daß sie bei Tische die Knochen des Geflügels, die
Schalen der Kartoffeln u. s. w. auf das Tischtuch neben den Teller
legen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, wie unartig und
naseweis sich die Kinder benehmen. Und schwerlich hätte ich in den
Gesellschaften Gelegenheit gefunden, zu bemerken, daß die Leute gar
so orthodox und von der Sucht befallen sind, alles bekehren zu wollen,
was in ihr Bereich kommt. Kaum war ich oft auf das Deck eines Dampfers
gestiegen, so kam schon eine Frau oder ein Herr mit der Frage daher.
„Zu welcher Kirche gehören Sie?“ Ich fand diese Frage so unhöflich, so
unbescheiden, daß ich meistens zur Antwort gab: „Ich bekümmere mich
nichts, zu welcher Sekte Sie gehören, folgen Sie meinem Beispiele.“
Wünschte ich ein Buch zu haben, so gab man mir nicht selten religiöse
Abhandlungen oder die Bibel. Ich finde nichts ungeschickter, als, wie
man zu sagen pflegt, sogleich mit der Thüre in das Haus zu fallen: es
gibt dieß einen ungünstigen Begriff von den Leuten, und man hört gar
nicht oder mit Unwillen auf ihre Worte. Ich für meinen Theil floh diese
Bekehrer wie das böse Fieber, denn nichts ist mir unerträglicher, als
ein von seinem Glauben aufgeblasener Fanatiker.
+6. August.+ Früh Morgens fuhren wir in einen kleinen See, aus dessen
Mitte ein Inselchen steigt. Die Gegend war so still und romantisch,
das Inselchen von der Welt so abgeschieden, daß nichts als eine Klause
sammt dem Eremiten fehlte, das Bild vollkommen zu machen. Dieser
kleine See ist das Vorspiel eines größern, des +Pipin-Sees+ (zwanzig
Meilen lang vier Meilen breit); beide werden von dem Mississippi
gebildet. Die Ansicht des letzteren entschädigte mich zum großen Theile
für die lange, einförmige Strom-Reise. Südwestlich ist sein Becken
von einer hohen Hügelkette eingefaßt, die oft in steilen Felswänden
von drei- bis vierhundert Fuß Höhe abfällt. An eine derselben,
„+Maiden’s-Rock+“ (Mädchen-Fels) genannt, knüpft sich eine traurige
Sage. Ein Indianisches Mädchen war bestimmt, mit einem ihrer Landsleute
verheirathet zu werden. Da kam zufällig ein Weißer, der sich in der
Gegend verirrt hatte, in den Wig-wam (Dorf) des Mädchens. Er hielt
sich da einige Zeit auf, lernte das Mädchen kennen und lieben und
fand Gegenliebe. Als die Eltern so wie der Bräutigam dieß bemerkten,
verfolgten sie das Mädchen mit Vorstellungen und Drohungen, und
suchten die Hochzeit zu beeilen, um der Geschichte ein Ende zu machen.
Eines Tages, als das arme Geschöpf von dem Bräutigam besonders stark
gepeinigt wurde und sich nicht zu retten wußte, floh es auf den Fels
und stürzte sich in den See, der den Körper nur als Leiche wiedergab.
Die anderen Seiten des Sees sind theils von Hügeln, theils von sanft
aufsteigenden, gut kultivirten Flächen umgeben, deren Hintergrund eine
niedere Bergkette bildet. Städtchen, einzelne Farms liegen an den
Ufern. Ich konnte des Anblicks der reizenden Landschaft, des schönen
Wasserspiegels nicht müde werden, und zu schnell fuhren wir in den
dritten See ein, den +St. Croix+, welcher von dem Flusse gleichen
Namens gebildet wird und noch länger, aber bedeutend schmäler als der
Pipin-See ist. Gleich einem langen, weißen Tuche schlingt er sich
zwischen Hügeln, Flächen und Wäldern durch, und gestattet kaum einigen
kleinen Inseln Raum in seinem Bette. Auch +seine+ Ufer sind schön und
abwechselnd.
Am +7. August+ Morgens trafen wir in +St. Paul+ ein.
[4] Später, als ich auf dem Ohio fuhr, rief eines Morgens eine junge
Dame einen Herrn in den Damensalon, mit welchem sie keineswegs in
naher Verwandtschaft stand, denn sie nannte ihn „Mister“ (Herr)
und er sie „Miß“ (Fräulein), und ließ sich von ihm ohne Umstände
das Kleid zuschnüren, obwohl eine Dienerin und viele Frauen da
waren, die ihr denselben Dienst hätten leisten können.
[5] Die Amerikaner pflegen Gegenden, Berge, Städte, Ortschaften mit
den Namen der berühmtesten Gegenden, Gebirge, Städte oder selbst
Personen der ganzen Welt aus alter und neuer Zeit zu benennen.
[6] Bekanntlich ist in den Vereinigten Staaten im Sommer die Hitze,
im Winter die Kälte viel heftiger als in andern Ländern, die
unter denselben Breitegraden liegen.
[7] Viele Straßen sind in den Amerikanischen Städten durch Nummern
bezeichnet.
[8] Eine Tonne gleich zwanzig Centner.
[9] Man verzeihe mir, wenn ich dergleichen erwähne; es geschieht aber
nur in der Absicht, allen den guten Menschen, deren ich auf
meinen Reisen unter allen Nationen so viele traf, meine dankbare
Erinnerung zu bezeigen.