Wie ich bereits früher erwähnt habe, ist in den Vereinigten Staaten die

Zahl der öffentlichen und Privat-Unterrichts-Anstalten außerordentlich

groß. Neu-York selbst hat deren in Menge aufzuweisen. Ich besah

mehrere, und unter anderen auch das +Free-College+ für Jünglinge. Es

ist ein Gebäude in Gothischem Style, mit hohen, großen Lehrsälen und

Gängen. Diesem Institute stehen die ausgezeichnetsten Professoren

vor, es werden bis zu fünfhundert Zöglinge aufgenommen, aber nur zum

Unterrichte, nicht in Kost und Verpflegung. Sie bringen sechs Stunden

täglich in dem Kollegium zu, lernen alle Gegenstände, die zur höheren

Ausbildung gehören, und erhalten sowohl den Unterricht als die nöthigen

Bücher, Papier, Federn u. s. w. unentgeldlich. Bevor ein Zögling

aufgenommen wird, muß er sich einer strengen Prüfung unterwerfen,

besteht er sie nicht sehr gut, so nützt keine Verwendung. Um hierbei

jedem Unterschleife vorzubeugen, sollen die Professoren die Namen der

zu Prüfenden nicht wissen und auch der Geprüfte eben so wenig seinen

Erfolg erfahren, als bis derselbe im Rathe entschieden ist. Möglich,

daß auf diese Art Bevorzugungen ausgewichen wird; allein der Mensch

bleibt überall Mensch, und der Mittel der Bestechung gibt es gar

viele, deshalb gefällt es mir nicht, daß der Reiche mit dem Armen hier

gleichsteht. Der Reiche könnte bezahlen; die fünfhundert Plätze sollten

nur für Mittellose bestimmt sein.

In den Privat-Mädchen-Instituten, hier Seminarien genannt, können die

Mädchen in allen Zweigen der Wissenschaften und Künste Unterricht

erhalten, und lernen sogar die lateinische und griechische Sprache.

Auf meine Frage, wie es komme, daß man die Mädchen mit diesen todten

Sprachen quäle, hieß es: „Damit sie in der Folge die Töchtersprachen,

Italienisch, Französisch u. s. w., desto leichter erlernen.“ Man sollte

daraus schließen, daß alle Mädchen der letztgenannten Sprachen mächtig

seien; doch weit davon entfernt -- ich hörte nirgends so wenig fremde

Sprachen sprechen, als unter den Amerikanern.

Diese einseitige Erziehung, in welcher das Weibliche gänzlich

vernachlässiget wird, möchte ich als Hauptursache jenes Hanges nach

Emancipation betrachten, der die Amerikanischen Mädchen und Frauen so

stark charakterisirt.

Ich sollte denken, daß die Frauen vorerst anfingen, sich in ihrem

Hause vollkommen zu emancipiren. Die häuslichen Geschäfte müssen am

Ende von jemanden verrichtet werden, und meiner Meinung nach sind

dazu doch die Frauen passender als die Männer. Ich bin weit entfernt,

damit sagen zu wollen, daß die Frauen die Dienste der Mägde leisten

sollen; aber verstehen müssen sie dieselben, sonst sind die letzteren

die eigentlichen Herren im Hause. Die Mädchen in meinem Lande studiren

ebenfalls Sprachen, Musik, Geschichte u. s. w., finden aber dabei Zeit,

sich auch mit den weiblichen Beschäftigungen bekannt zu machen.

Ich ging einst in Neu-York eine Frau besuchen und fand sie nicht zu

Hause: die Magd sagte mir, sie sei auf das Land gegangen (da die

Wohnung gewechselt werde) und werde erst wiederkommen, wenn in der

neuen Wohnung alles in Ordnung gebracht sei. Und wer besorgte die

Uebersiedlung? Natürlich der Gatte, der Geschäftsmann! --

Es sollte mich nicht wundern, wenn mit der Zeit der Mann es sein wird,

welcher der neu eintretenden Magd zeigt, wie sie das Kind zu baden,

anzukleiden, die Küche zu beschicken habe, mit einem Worte, wie ihre

ganze Arbeit einzutheilen sei. Vielleicht kommt dieß jetzt schon vor!

Weil die Amerikanischen Frauen sich häufig von der Führung des

Hauswesens emancipiren, die Männer nicht immer Zeit und Lust haben,

die Pflichten ihrer Frauen zu übernehmen, gehen Eheleute nicht selten

in Boarding-Houses, um da zu leben -- eine abscheuliche Gewohnheit,

die oft die fürchterlichsten Folgen nach sich zieht. Müssiggang ist,

wie bekannt, aller Laster Anfang. Eine junge hübsche Frau[18] wohnt da

mit Leuten in Gemeinschaft, deren Charakter oft nicht der beste ist,

das Hauswesen beschäftigt sie nicht, und hat sie Kinder, so sendet sie

dieselben schon in dem Alter von vier Jahren nach der Schule.

Zu dem Lobe der Amerikanischen Frauen muß ich jedoch anführen, daß sie

(ausgenommen in den Sklavenstaaten) ihre Kleinen selten einer Amme

anvertrauen und die Mutterpflicht selbst verrichten. In dieser Hinsicht

gebührt ihnen der Preis vor allen andern Nationen. Gott erhalte diese

schöne Sitte!

Fühlen Mädchen einerseits Abscheu für die weiblichen Beschäftigungen,

andrerseits einen besondern Drang nach einer Kunst oder

Wissenschaft[19], die sie bis zur Vollkommenheit studiren und ausüben

wollen, so mögen sie es thun, aber in diesem Falle nicht auf halbem

Wege stehen bleiben, sondern sich vollkommen emancipiren, und so lange

sie Professoren, Doktoren u. s. w. sind, dem Ehestande entsagen, denn

schwer, wo nicht unmöglich ist es, die Pflichten des Mannes und der

Frau zu gleicher Zeit zu erfüllen.

Und möchten doch alle Emancipations-Proselytinnen bedenken, daß gerade

der Beruf, von welchem sie sich emancipiren wollen, zu den schönsten

und edelsten gehört. Oder kann es etwas Edleres geben, als den Beruf

einer Mutter?[20] Liegt nicht in ihren Händen der kostbarste Schatz

jedes Staates -- die Erziehung der Jugend? Ist es nicht die Mutter,

die dem Kinde schon im zartesten Alter Liebe für Pflicht und Tugend

einflößt, es auf den Weg leitet, ein würdiges Mitglied des großen

Menschenvereines zu werden? Eine besonnene Hausfrau, eine vernünftige,

liebende Mutter war und wird ewig das Ideal des Weibes bleiben.

Doch wieder zurück zu den Seminarien.

Das Schulgeld für ein Mädchen in den ersten Anstalten ist per

Jahr (zehn Monate) 500 Dollars; dafür erhält es Kost, Wohnung und

den Unterricht in den gewöhnlichen Lehrgegenständen. Musik- und

Tanzunterricht, Nebenrechnungen belaufen sich auf 200-300 Dollars,

und bei dieser hohen Bezahlung herrscht die schöne Gewohnheit, daß

zwei sich ganz fremde Zöglinge eine Schlafstelle theilen müssen. Ich

fand leider diesen Uebelstand schon in London; doch erstreckt er

sich dort gemeiniglich nur auf ein Schwesterpaar; in den Vereinigten

Staaten aber geht diese Manie so weit, daß Knaben und Männer sogar

die Schlafstellen theilen. Ich sah in manchen Familien, die zu den

wohlhabenden gehörten, eine Magd und zwei Kinder, oder auch drei

Kinder zusammen schlafen. Ich konnte mich oft nicht enthalten, diese

abscheuliche Gewohnheit zu rügen. Man gab mir zur Antwort, es geschehe

aus Zeitersparniß. Immer hört man dieses Wort in jedermanns Munde,

und doch fand ich, daß Frauen und Dienstleute hier ungleich weniger

arbeiten, als bei uns in Deutschland. Und muß man, um ein wenig Zeit zu

ersparen, die Sittlichkeit, die Gesundheit zum Opfer bringen?! --

Die Gerichtsverhandlungen besuchte ich einige Male. Es ging da ungefähr

so zu, wie in meiner Vaterstadt (Wien) nach der Revolution im Jahre

1848: es gab Richter und Geschworne, Advokaten von beiden Theilen,

Zeugen und ein sehr aufmerksames Publikum. Ich wohnte einem wichtigen

Prozesse bei, in welchem es sich um die Verurteilung eines Mörders

handelte. Der Sachverhalt war folgender:

Der Verbrecher Dr. Gr., ein Ausschweifungen jeder Art ergebener Mann,

wohnte in dem +St. Nicolas+-Gasthofe; mit ihm zu gleicher Zeit Obrist

+Loring+ sammt Frau. Dr. Gr. kam beinahe jede Nacht betrunken nach

Hause. In einer Nacht, gegen drei Uhr Morgens ging er in die Gallerie

und schellte mit Heftigkeit einem Diener, und zwar durch anhaltend

lange Zeit. Obrist Loring trat endlich aus seinem Zimmer, den Doktor

ersuchend, mit dem Schellen aufzuhören, da es vergebens sei, denn die

Diener wohnten nicht in diesem Theile des Hauses, überdieß habe seine

Frau starke Kopfschmerzen und könne den Lärm nicht vertragen. Doch

nach kurzem ging das Schellen wieder an, und wie später Frau Loring

bei dem Verhöre aussagte, ging ihr Mann abermals aus dem Zimmer mit

dem Vorsatze, einen Diener zu holen und so der Ruhestörung ein Ende zu

machen. Dr. Gr. aber behauptete, der Oberst habe ihm einige Scheltworte

gesagt (eine Sache, die höchst natürlich gewesen wäre, und die der

rohe Wüstling vollkommen verdient hätte). Kurz Dr. Gr. lief in sein

Zimmer, kam mit einem Degenstocke wieder und stieß diesen Herrn Loring

durch den Leib. Der Stich ging durch das Herz, und der Oberst wurde als

Leiche in sein Zimmer zurück getragen.

Ich habe schon auf meiner Reise durch die südlichen Staaten erwähnt,

daß in Amerika das Laster der Trunkenheit als große Entschuldigung

gilt. Auch hier hörte ich viele, die das Benehmen des Mörder gerade

durch seine Lebensweise entschuldigten. Sie sagten: „Er that dieß in

der Trunkenheit, wer weiß, wie ihn Loring gereizt hat“ u. s. w.

Bei dem Verhör sah der Doctor so ruhig und unbefangen umher, als wäre

er schuldlos gewesen. Die Zeitungen schrieben, daß er vermutlich ganz

frei gesprochen werde, da er Geld und Freunde besitze. Er wurde zwar

auf sieben Jahre Gefängniß verurtheilt, appellirte aber dagegen, und

sogleich ward das Urtheil auf vier Jahre herabgesetzt. Ich verließ

Neu-York vor der vollkommenen Entscheidung des Prozesses; allein die

allgemeine Stimme sagte, daß wohl schon nach einigen Monaten gänzliche

Verzeihung erfolgen dürfte. Nur müsse der Mörder in diesem Falle

Neu-York verlassen, sonst würde er von dem Volke überall beleidigt

werden.

Es gibt manche, die an dem Volke rühmen, daß es seinen Unwillen derart

zu erkennen gibt, die dieses Gefühl für Gerechtigkeit in ihm bewundern.

Aber wenn das Volk die Gerechtigkeit erkennt und liebt, warum gestattet

es, daß so unrechtmäßige Nachsicht mit den Verbrechern geübt wird,

warum wählt es nicht ehrliche, unbeugsame Männer zu Richtern und

Geschwornen? -- An der Macht hierzu fehlt es ihm in einem freien Lande,

wie die Vereinigten Staaten es sind, doch gewiß nicht! --

[15] Ich las in Beschreibungen, daß man das Getöse 40 Meilen weit

höre. Ich vernahm es kaum mehr in der Entfernung von einer

Meile. -- Der Hufeisen-Fall ist 2100 Fuß breit, die Höhe 149

Fuß. Der Amerikanische ist 1140 Fuß breit, 164 Fuß hoch. Man

schätzt die Wassermasse, die von beiden Fällen per Minute

herabstürzt, auf 670,250 Tonnen.

[16] Die Franzosen gründeten in Canada die erste Kolonie im Jahre

1607; sie blieben im Besitz des Landes bis 1759, wo es ihnen von

den Engländern abgenommen wurde.

[17] Herr +Chapin+, einer der berühmtesten Amerikanischen Prediger,

sagt in einer seiner Predigten nach einem großen Unfalle auf

einer Eisenbahn: „Und gegen dieses Ungestüm sollte auf jede

Weise gearbeitet, vor allem das Menschenleben geachtet werden.

Dieß Gefühl sollte, wie ich mit Schmerz gestehen muß, in unserem

Zeitalter und unserem Lande weiter und tiefer verbreitet sein.

Das Leben ist kostbar. O! herzlose Korporationen, stellt eueren

Dollars die Menschlichkeit gegenüber, und wenn ein kleiner

Gewinn wichtiger ist als ein etwas fester gemachter Keil

oder ein extra aufgestellter Aufseher an einem gefährlichen

Punkte, so sagt nicht, daß der Staat nur seiner Aufregung Gehör

gibt, wenn er die Lebensnerven durchschneidet, mittelst deren

Korporationen bestehen.“

[18] Nicht selten ziehen auch junge Mädchen, welchen es in

dem elterlichen Hause nicht gefällt oder zu still zugeht, in

Boarding-Houses.

[19] In den Vereinigten Staaten gibt es eine außerordentliche Anzahl

von Dichterinnen, Schriftstellerinnen und Komponistinnen.

Wenn ich die Namen aller jener aufgezeichnet hätte, die man

mir als solche vorstellte, so würde ich bogenlange Register

zusammengebracht haben. Gewiß gibt es darunter viele sehr

talentvolle; aber die auch nur ein Verschen, einen kleinen

Aufsatz, einen Walzer, eine Polka geschrieben hat, nennt sich

schon Dichterin, Komponistin. Die Unbedeutendheit des Werkchens

ersetzt ein großer, viel versprechender Titel. Hierauf scheint

man in den Vereinigten Staaten überhaupt sehr viel zu halten.

Als ich mit einem Verleger betreffs meiner Reisebeschreibung

sprach, war seine erste Frage nach dem Titel. Lächelnd erwiderte

ich ihm, daß ich daran erst denken würde, wenn die Arbeit

vollendet sei. Er meinte aber, dieß wäre eine sehr wichtige

Sache, das Publikum sähe viel auf den Titel, und klänge dieser

gut, so sei dem Buche schon im vorhinein eine gute Aufnahme

gesichert.

[20] Man wird mir vielleicht zurufen, daß ich mich selbst in gewisser

Beziehung emancipirt habe, indem ich so große Reisen allein

unternahm und jahrelang vom Hause abwesend blieb; -- ich that

dieß jedoch erst, als meine Kinder herangewachsen, selbständig

waren, als sie meiner Pflege und Sorgfalt nicht mehr bedurften,

und als mir überhaupt keine häuslichen Pflichten mehr oblagen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Umgebungen Neu-Yorks. -- Die öffentlichen Institute.

-- Blackwells- und Randalls-Island. -- Die Five-Points. --

Reise nach Boston. -- Der Empfehlungsbrief. -- Festessen der

Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft. -- Waisenhaus, Gefängniß

u. s. w. -- Cambridge. -- Lowell. -- Rückkehr nach Neu-York. -- Die

Wahl. -- Abschied von den Vereinigten Staaten.

Ich benützte meinen Aufenthalt in Neu-York zu wiederholten Besuchen

der nahen Umgebung, so wie auch zu zwei kleinen Ausflügen, den einen

nach Herrn +Bryant’s+ Landsitze auf +Long-Island+, den andern nach dem

Landhause des berühmten Dichters +Washington Irving+.

Die nächste Umgebung der Stadt bilden die Städte +Broklyn+,

+Williamsburg+ und +Hoboken+, die man eigentlich als Theile Neu-Yorks

betrachten könnte, denn sie sind nur durch den Fluß davon getrennt.

Viele Leute wohnen da, welche ihre Geschäfte täglich nach Neu-York

rufen, und Dampfer fahren jeden Augenblick hin und her.

Etwas weiter über der Bay liegt +States’ Island+. Aus der Bay machen

die Amerikaner gar viel, und wollen sie mit jener von Neapel oder

Konstantinopel vergleichen. Davon kann wohl keine Rede sein. Sie ist

allerdings hübsch; allein ihre Breite ist zu groß, die Hügelkette zu

niedrig. Von der Stadt aus erscheint die gegenüberliegende Hügelkette

noch viel unbedeutender als sie ist, und von States’ Island aus

verschwimmt Neu-York zu einem Steinhaufen, und man sieht von den

Schiffen nichts als den Mastenwald.

Auf States’ Island selbst gibt es hübsche Landsitze mit schönen

Aussichten. Schade daß alles mit Bretterwänden eingefaßt ist und man

nirgend durch die Wäldchen und Wiesen gehen kann, sondern sich mit der

staubigen Straße begnügen muß.

+Greenwood+ (6 Meilen von Neu-York) ist der prachtvollste Friedhof

nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt. Die

ehrwürdigsten Bäume beschatten die saftigsten Wiesen, spiegelhelle

Teiche blicken dazwischen durch. Unter den Bäumen zeichnen sich ganz

besonders die Trauerweiden aus: in keinem Lande sah ich sie so groß und

umfangreich, als in den nördlichen Theilen der Vereinigten Staaten. Von

den Hügeln hat man die bezauberndste Uebersicht der Bay und der Stadt

sammt ihrer Umgebung. Wahrlich, ich würde meinen Wohnsitz ungleich

lieber hier bei den Todten aufschlagen, als in der geräuschvollen Stadt!

Ohne Einlaßkarte erhält man keinen Zutritt in diesen Ort der Ruhe; an

Sonntagen wird er leider ganz geschlossen, und somit ist der schönste

Punkt um Neu-York für die arbeitende Klasse, die nur über den Sonntag

gebieten kann, so viel wie gar nicht vorhanden.

Zu +High-Bridge+ (10 Meilen) sind die großen Wasserwerke, welche den

Bedarf Neu-Yorks decken; ein hoch gespannter Aquädukt leitet das

Quellwasser über einen Arm des Hudson-Flusses nach der Stadt. Ueberdieß

verdient dieser Ort auch seiner Landschaft wegen besucht zu werden, die

zu einer der schönsten um Neu-York gehört.

Ich fuhr in einem Omnibus dahin, welcher im Innern Plätze für zwölf

Personen enthielt. Dieser Omnibus geht nur alle halbe Stunden ab und

weist niemanden zurück[21]. Ich zählte vierzehn Erwachsene und fünf

Kinder, von welchen das jüngste über vier Jahre alt war. Zu meinem

Erstaunen setzten sich Mädchen, junge Frauen ohne alle Umstände auf

den Schooß ihnen ganz fremder Männer. Das nenne ich doch etwas gar zu

frei! -- Sittlichkeitsgefühl, Frauenwürde, sind dieß hier nur leere

Worte? Ich würde eine solche Sache für kaum möglich gehalten haben,

hätte ich es nicht selbst gesehen.

Herrn +Bryant’s+ Landsitz liegt bei +Roslin+ auf +Long-Island+ (30

Meilen von Neu-York). Es gereichte mir zum größten Vergnügen, diesen

Herrn kennen zu lernen, der als Herausgeber einer der gelesensten

Zeitungen und als Schriftsteller, Poet und Uebersetzer Deutscher

Dichter nicht nur in seinem Vaterlande, sondern auch außerhalb

desselben rühmlichst bekannt ist. Er war so freundlich, mich auf einige

Tage zu sich auf das Land einzuladen. Die kleine Reise dahin kann man

auf der Eisenbahn oder zur See auf kleinen Dampfern machen. Beide Wege

bieten viele hübsche Ansichten, besonders letzterer.

Das Landhaus liegt überaus reizend auf einer kleinen Anhöhe, nahe

der See; Parthieen des Dörfleins Roslin umgeben es von allen Seiten,

frische Laubbäume, stattliche Trauerweiden (mit Stämmen bis zu fünf

Fuß im Durchmesser) gruppiren sich dazwischen. Das Ganze hat einen

so ländlich stillen, ruhigen Anstrich, als gäbe es Hunderte von

Meilen weit keine Stadt. Hier kann sich das Gemüth erholen und neue

Kräfte für das stürmische Leben sammeln. Aber abgesehen von diesen

Annehmlichkeiten fühlte ich mich von der herzlich guten Familie

Bryant so angezogen, daß ich alles andere nur als schöne Zugabe

betrachtete. In Frau Bryant lernte ich das vollkommenste Muster einer

Hausfrau kennen. Sie beweist, wie gut man Häuslichkeit mit Bildung,

Bescheidenheit und Anmuth mit Willensmeinung und Kraft verbinden kann.

Wollte Gott, es gäbe nicht nur in Amerika, sondern überall viele so

gediegene Hausfrauen!

Wie gern hätte ich auch hier wieder der Zeit in die Speichen gegriffen;

die wenigen Tage eilten nur zu rasch dahin!

+Washington Irving’s+ Landhaus liegt ebenfalls ungefähr 30 Meilen von

Neu-York, aber in einer andern Richtung, am Hudson-Flusse. Auch dieser

große Dichter nahm mich sehr zuvorkommend auf. In seinen ruhigen,

freundlichen, wohlwollenden Zügen hätte ich eher einen gemütlichen

Landmann als einen genialen Schriftsteller gesucht; wenn er aber

zu sprechen begann, erglänzten seine Augen in Jugendfeuer, seine

Gesichtszüge nahmen den geistreichsten Ausdruck an. Glücklich hat hier

die Natur Geist und Gemüth zugleich begabt.

Washington Irving führt ein Junggesellen-Leben; doch wußte er sein

Alter herrlich auszuschmücken. Mehrere sehr liebenswürdige Nichten

(Töchter seiner Schwester) theilen die reizend gelegene Villa mit ihrem

Oheim, der selbst im Winter diesen Ort der Zurückgezogenheit nicht

verläßt.

Nun blieb mir von Neu-York nicht viel mehr zu besehen übrig, als die

öffentlichen Institute, die Volksschulen, Armen- und Waisen-Häuser,

Irren-Hospital, Gefängnisse u. s. w.

Mein Glücksstern führte mich zuerst nach den +Tombs+

(Stadtgefängnissen). Ich sage „mein Glücksstern,“ weil ich da an

der Oberaufseherin (Matrone) M. +Flora Forster+, eine der besten,

treuherzigsten Frauen kennen lernte: ihr Charakter sprach mich sehr an,

und gar manche Stunde, ganze Abende brachte ich bei ihr in den Tombs

und in ihrem Hause zu.

Das Stadtgefängniß ist ein in Egyptischem Style gehaltenes Gebäude.

Ich dachte, es hätte den Namen „Tombs“ von seiner Aehnlichkeit mit den

Egyptischen Grab-Monumenten erhalten; das ist aber nicht der Fall. Man

nennt es Tombs, weil es zur Zeit seiner Entstehung von Sümpfen ganz

umgeben war, welche die Luft so ungesund machten, daß die meisten der

Gefangenen starben.

In dieses Gefängniß kommen Verbrecher jeder Art und besonders alle

Betrunkenen, die man auf der Straße findet. Die Verbrecher bleiben bis

zu ihrer Aburtheilung. Sie haben nette, luftige Kämmerchen (in jedem

Kämmerchen lebt nur ein Gefangener), mit Betten und einem Stuhle und

eine einfache gesunde, genügende Kost. Die leichteren Verbrecher können

einige Stunden des Tages im Hofe umhergehen, die schweren in den innern

Gängen. So lange sie nicht verurtheilt sind, wird ihnen gestattet, sich

so viele Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten zu verschaffen, als es

ihre Börse oder die Sorge ihrer Freunde erlaubt.

Die Betrunkenen kommen auf fünf Tage hieher, nach mehrmals

wiederholtem Falle werden sie auf sechs Monate nach dem Strafhause auf

+Blackwells-Island+ verurtheilt.

Zu meinem Leidwesen sah ich in der Abtheilung für das weibliche

Geschlecht meistens junge Mädchen und Weiber. Die Zahl solcher

bedauernswerther Geschöpfe soll sich manchen Tag auf dreißig und

vierzig belaufen. Im vergangenen Jahre wurden bei 6000 Weiber und

Mädchen hieher gebracht. Wer das Laster der Trunkenheit in seiner

vollen Entwürdigung sehen will, der komme hieher! -- Ich begreife

wirklich nicht, wie man ihm in den Vereinigten Staaten so viel zu Gute

halten kann.

Die Oberaufseherin der weiblichen Abtheilung ist M. +Forster+, und

wenn die Leute nicht gebessert herauskommen, ist es gewiß nicht ihre

Schuld, denn sie sucht sie mit wahrer Herzlichkeit und Menschenliebe

auf den Weg des Guten zu leiten. Ich hatte oft Gelegenheit, sie in der

Ausübung ihres Berufes zu sehen und nahm den größten Antheil an ihrem

Schalten und Walten.

Unter den Amerikanischen Frauen und Mädchen herrscht, wie in England

und Deutschland, die schöne Sitte, daß sich gar manche unter ihnen

zu zeitweiligen Besuchen der weiblichen Lehr- und Straf-Anstalten

verbinden. Sie sehen nicht nur nach, ob die dabei Angestellten ihre

Pflichten erfüllen, sondern sie bemühen sich auch selbst, durch

gemüthliches Zusprechen, durch gute Lehren die Leute zu bessern, und

wenn die Gefangenen ihre Strafzeit überstanden haben, sie an anständige

Orte zu bringen, wo sie sich ihren Unterhalt verdienen können. Unter

diesen Frauen, welche sich der Hülflosen und der Verbrecherinnen so

liebevoll annehmen, lernte ich vorzugsweise Frau +Gibbons+ (Gemahlin

des Herrn J. S. Gibbons) und Fräulein +Curtis+ kennen. Schon die

Väter dieser beiden genannten Damen widmeten den Armen den größten

Theil ihrer Zeit und vieles Geld, und bemühten sich besonders, die

herangewachsenen Waisen, die gebesserten Sträflinge bei tugendhaften

Familien unterzubringen; Frau Gibbons’ Vater ist bereits gestorben,

Herr Curtis schon ein 81jähriger Greis. Die beiden Damen wirken aber

ganz in dem Geiste dieser wahren Wohlthäter fort.

Ich besuchte mit ihnen und Frau Forster +Blackwells-Island+, ein

winziges Inselchen, unferne von der Stadt, freundlich gelegen und mit

einer herrlich gesunden Luft. Dieses Fleckchen Erde (eine Meile lang,

eine halbe Meile breit) enthält ausschließend öffentliche Anstalten für

alte, gebrechliche Leute, für Geisteskranke und solche Verbrecher, die

auf sechs Monate verurtheilt sind.

Die drei Gebäude, in gehöriger Entfernung stehend und durch Gärten und

Steinwänden von einander getrennt, gleichen an Größe und solidem Bau

Palästen. Sie sind von Quadersteinen aufgeführt und wurden, wie man mir

sagte, von den Verbrechern selbst gebaut.

Alle diese drei Anstalten kann man in jeder Hinsicht vollkommen nennen.

Die Säle zum Arbeiten, zum Aufenthalte während des Tages, zum Speisen

und Schlafen sind hoch und geräumig, die Kost ist gut, gesund und

reichlich, die Ordnung und Reinlichkeit überaus groß. Wer arbeitsfähig

ist, muß täglich eine bestimmte Zahl von Stunden arbeiten.

Unter den Verbrecherinnen fiel mir ein junges Mädchen von 18 bis 20

Jahren auf: sie trug das Haar kurzgeschnitten, nach Art der Männer. Als

ich nach der Ursache frug, hieß es, daß sie sechs Monate als Matrose

auf einem Schiffe gedient habe. Dieß war auch das Vergehen, wegen

dessen sie sich an diesem Orte befand.

Die Verbrecher, Männer wie Weiber, verhielten sich äußerst anständig,

man hörte weder Geflüster, noch Gelächter, wenn man in die Säle

trat. Man behandelt aber auch die Leute nicht mit bösen Worten und

mit Rohheit wie Verbrecher, sondern wie bereits Gebesserte. Man hat

den Grundsatz, des Verbrechers That zu vergessen, kein Mensch darf

derselben erwähnen. Die Frauen, mit welchen ich kam, reichten den

Leuten die Hände und sprachen mit ihnen auf die herzlichste Weise.

Gewiß muß solche Behandlungsart von guten Folgen sein.

Am allerbesten gefiel mir das Hospital für die Irren; ich ziehe es bei

weitem +Bedlam+ in London vor. Die Unglücklichen werden Nachts nicht

in kleine Zellen gesperrt, sondern schlafen in luftigen, geräumigen

Zimmern und (obwohl durchgehend Arme) in blendend weißen guten Betten.

Die Fenster sind derart vergittert, daß man es gar nicht gewahrt; die

eisernen Stäbe passen nämlich gerade auf die hölzernen Fensterrahmen.

Die Mahlzeiten werden in Gemeinschaft eingenommen, auf reinlich

gedeckten Tafeln, mit weißem Geschirre, mit Gläsern und Eßbestecken;

nur den gefährlichen Irren wird dergleichen nicht anvertraut: diese

speisen auf Blechgeschirr, und das Fleisch wird ihnen in Stückchen

geschnitten, auf den Tisch gebracht.

+Randall’s-Island+, ein anderes Inselchen, enthält ebenfalls nur

öffentliche Anstalten und zwar meistens für Kinder. Die größte hievon

(~Home of refuge~) ein prachtvolles Gebäude, so eben beendet, ist

für Kinder bestimmt, die wegen Vergehungen hieher kommen. Die andern

kleinen Häuser sind für Waisen oder von ihren Eltern ganz verwahrloste,

für blödsinnige und eines auch für kranke, besonders scrophulöse Kinder.

Alle diese Anstalten sind schön und trefflich eingerichtet; nur fand

ich bei den kranken und blödsinnigen Kindern der Wärterinnen zu wenig,

und deshalb die Pflege nicht ganz so, wie sie sein sollte. Wie kann

eine Wärterin zwanzig und mehr solcher kleiner Geschöpfe besorgen! Auch

die Bezahlung der Wärterinnen ist zu gering.

In dem +~Home of refuge~+ werden die Kinder vom zehnten Jahre an

aufgenommen, und je nach ihrer Besserung und Bekehrung kürzere oder

längere Zeit behalten. Oft erlangen sie schon nach drei Monaten ihre

Freiheit wieder, oft bleiben sie bis zur Mündigkeit, die bei Jünglingen

mit dem vollendeten einundzwanzigsten, bei Mädchen mit dem achtzehnten

Jahre eintritt. Wenn dergleichen Kinder aus der Anstalt austreten,

sucht man sie bei Farmers in Dienst zu bringen.

Außer dem Waisenhause auf Randall’s-Island, gibt es in Neu-York noch

zwei, eines für farbige, eines für weiße Kinder. Letzteres liegt im

Herzen der Stadt, in den „~five points~,“ dem verrufensten Theile

Neu-York’s. Kein wohlgekleideter Mensch dürfte es wagen, Abends dahin

zu gehen, außer in Begleitung eines Polizei-Mannes. Beraubungen,

Morde, alle möglichen Verbrechen werden da besprochen und verabredet.

Und inmitten dieser überirdischen Hölle hat die Missions-Gesellschaft

das Waisenhaus errichtet, in dessen einer Abtheilung auch Mädchen

und Weiber aufgenommen werden, die auf unrechten Wegen gewandelt und

sich bessern wollen. Man versieht sie mit Arbeit; einen Theil ihres

Wochenlohnes geben sie an die Anstalt für Kost und Verpflegung.

An dem Schulunterrichte der Waisen können auch Kinder Theil nehmen, die

nicht in Kost und Verpflegung sind. Diese Anstalt erfreut sich eines

sehr schönen Erfolges; schon senden viele der verworfensten Eltern ihre

Kinder zur Schule, und gar manche jugendliche Sünderin verließ den

schlechten Pfad.

In dem Waisenhause der farbigen Kinder werden diese von dem zweiten

bis zum zwölften Jahre behalten; dann sucht man sie auf Farms,

bei Handwerkern oder in braven Familien unterzubringen. Für den

Schulunterricht gibt es sonderbarer Weise nur einen gemeinschaftlichen

Saal; die Kinder sitzen zwar in Klassen eingeteilt, aber ohne

durch eine Wand von einander getrennt zu sein. Das Geschrei der

Lehrerinnen[22] und der Kinder ist so arg wie in einer Judenschule.

Wenn eine Lehrerin eine Frage stellt, gibt die ganze Klasse die

Antwort, ob recht oder nicht, das kann man, des Lärmens wegen, gar

nicht unterscheiden. Die unzweckmäßigste Methode, daß ganze Klassen

antworten, fand ich nicht nur in diesem Waisenhause, sondern auch in

andern öffentlichen Schulen.

Das Amt einer Lehrerin oder Professorin ist in den Amerikanischen

Schulen (die hohen Mädchen-Seminarien nicht ausgenommen) sehr leicht

und bequem. Die Lehrbücher sind der Art eingerichtet, daß der

Unterricht ganz einfach aus den Büchern herausgelesen wird, und damit

ist die Sache abgethan.

In der Gegend der ~five points~ sind für die Jungen, welche die

Zeitungen austragen, einige Säle eingerichtet, in welchen sie gute

Betten, Beleuchtung, Heizung und Unterricht in den Normal-Gegenständen

und in der Religion für die geringe Bezahlung von zweiundvierzig Cents

per Woche finden. --

Das Taubstummen-Institut unter der Leitung des Direktors +Peck+ ist

ausgezeichnet. Die Zöglinge sind in den verschiedenen Zweigen des

Wissens so ausgebildet, als hätten sie nicht weniger, sondern mehr

als fünf Sinne. Besonders thaten sie sich in der Aufsatzlehre und

Arithmetik hervor. Einige sprachen wenige Worte, eine Erscheinung,

die mir nicht neu war, da ich sie schon vor vielen Jahren in dem

Taubstummen-Institute zu Wien beobachtet hatte.

Herr Peck Vater war abwesend. Die Anstalt wurde mir mit größter

Bereitwilligkeit von seinem Sohne gezeigt, der an Jahren kaum

das Jünglingsalter überschritten hatte, in der Art und Weise mit

den Unglücklichen umzugehen, ihre Liebe zu gewinnen und sie zu

unterrichten, aber den gediegensten und erfahrensten Männern an die

Seite zu setzen ist. -- Die Amerikaner werden schon in jungen Jahren

für das praktische Leben gleich erfahrenen Männern ausgebildet, was

hauptsächlich durch den frühen Eintritt in das Geschäftsleben geschieht.

Herr Peck Sohn hat sich ein sehr liebenswürdiges Mädchen aus den

Zöglingen zur Lebensgefährtin gewählt.

Ich war nun schon drei Wochen in Neu-York und hatte das Merkwürdigste

so ziemlich gesehen; man forderte mich auf, auch einige Ausflüge nach

den andern großen Städten, +Boston+, +Philadelphia+, +Washington+ zu

machen. Aber aufrichtig gesagt, ohne Unterlaß große Städte besuchen,

ermüdet mich; zudem bieten die Amerikanischen Städte, groß oder klein,

zu wenig Abwechslung: sie gleichen einer der andern gar zu sehr. Doch

gab ich endlich der Ueberredung meiner Freunde nach und entschloß mich,

wenigstens Boston, das „Athen“ der Vereinigten Staaten zu besuchen.

Am +10. Oktober+ ging ich Nachmittags auf dem großen Dampfer „+Van

der Bilt+“ den östlichen Hudson-Fluß 65 Meilen aufwärts, bis zur

Eisenbahn. Diese Fahrt ist nur Anfangs hübsch durch die Ansichten

der Städte Neu-York und Broklyn, durch kleine Hügelparthieen und die

umherliegenden Landhäuser; später werden die Ufer flach und einförmig.

Sehr praktisch fand ich die Art und Weise, in welcher die Güter und

das Gepäcke der Reisenden auf dem Dampfer geordnet werden, um allem

Zeitverlust und allen Unordnungen bei dem Wechsel mit der Eisenbahn

vorzubeugen. Es gab kleine Waggons, in welche das Gepäcke je nach den

verschiedenen Stationen gelegt wurde. Bei der Ankunft an der Eisenbahn

standen die Pferde schon bereit, die Waggons wurden herausgezogen und

an den Zug angehängt. Dadurch ging alles schnell und ordentlich, ohne

Gedränge und Laufen vor sich.

Was das Praktische in allen Einrichtungen anbelangt, sind die

Amerikaner wirklich bewundernswürdig: in dieser Beziehung könnten alle

Nationen bei ihnen in die Lehre gehen.

Um 2 Uhr Nachts wechselten wir den Dampfer mit der Eisenbahn, und nach

ungefähr vier Stunden (120 Meilen) waren wir in Boston.

Ich stieg hier auch wieder in einem Boarding-house ab. Doch kaum hatte

Dr. +Hoffendahl+ (ein Deutscher) von meiner Ankunft gehört, als er mich

sogleich in sein Haus einlud, obwohl ich keinen Empfehlungsbrief an

ihn hatte. Ich sage ihm, wie allen Familien, die mich von dem lästigen

Gasthofsleben befreiten, wiederholt meinen herzlichsten Dank.

Die Stadt Boston, mit einer Bevölkerung von 150,000 Seelen, liegt auf

drei Hügelchen, und da die Straßen beinah durchgehends mit schönen

Baumalleen bepflanzt sind, nimmt sie sich sehr gut aus; auch ist

sie so rein gehalten, daß man sie im Vergleiche zu Neu-York ein

„Schmuckkästchen“ nennen könnte. In den Geschäftsstraßen +Washington-+

und +Hannover-Street+ ist das Gedränge wohl auch bedeutend, aber nicht

übermäßig. Ein Park in der Mitte der Stadt, mit wahren Prachtexemplaren

von Bäumen, mit einem Teiche und vielen Bänken, bietet einen

freundlichen Spaziergang und gewährt einen geräumigen Tummelplatz

für die Jugend. Die öffentlichen Gebäude sind, wie in allen großen

Städten der Vereinigten Staaten, schön und meistens aus Quadersteinen

aufgeführt. An Museen, Bildergallerien u. dgl. ist nicht viel zu sehen.

Das Lese-Athenäum enthält eine kleine Sammlung von Statuen, Büsten,

Oelgemälden u. s. w., doch ohne besondern Werth; bedeutend ist dagegen

die Bibliothek.

Dr. +Warren+, rühmlichst bekannt als Naturforscher, besitzt eine

Sammlung seltener Fossilien, unter andern ein vollkommenes Skelett des

Mastodon, welches auch zugleich das größte sein soll, das von dieser

Gattung Thiere bisher gefunden wurde (Fundort: Nordamerika). Dr. Warren

hatte die Gefälligkeit, mir selbst seine schöne Sammlung zu zeigen.

Das +Bunka-Hill-Monument+, für die Geschichte der Vereinigten Staaten

gewiß das merkwürdigste, besteht aus einem einfachen Obelisken von

grauem Stein. Es steht auf einem Hügelchen in der Stadt und wurde

zur Erinnerung der Helden gesetzt, die in dem ersten Freiheitskampfe

(1774), der wie bekannt von hier ausging, fielen. Gewiß ist dieser

einfache Obelisk die schönste Zierde der Stadt und der Stolz der

Vereinigten Staaten. Man kann bis an die Spitze des Monuments steigen,

eine zwar etwas mühsame Arbeit, die aber durch einen schönen Ueberblick

über Stadt und Umgebung belohnt wird.

Ich war so glücklich, in Boston die Bekanntschaft des Geistlichen

Herrn +Bernard+ zu machen. Derselbe war so überaus gütig, nahm so viel

Antheil an mir, daß er mich persönlich überall hinführte. Wenn es seine

Zeit erlaubte, kam er schon Morgens mich abzuholen.

Ich hatte zwar in Neu-York einen Empfehlungsbrief für eines der ersten

Bostoner-Häuser (Ad. und Komp.) erhalten, mit der Versicherung, daß man

mich da nicht nur sehr zuvorkommend empfangen, sondern mir auch vieles

von Boston zeigen würde. Als ich aber den Brief abgab, betrachtete mich

der reiche Herr höchst kaltblütig (ich war einfach gekleidet und kam

nicht gefahren), las an den Paar Zeilen des Briefes eine ganze Ewigkeit

(vermutlich überlegte er, wie er mich empfangen sollte) und fragte

mich endlich: „Was wollen Sie?“ -- gerade als wäre eine Arme vor ihm

gestanden, mit irgend einem Anliegen. Ich antwortete ihm in demselben

Tone: „Ich will nichts. Man hat mir diesen Brief an Sie gegeben, und

zwar unaufgefordert, ich glaubte daher, ihn abgeben zu müssen.“ Als er

sah, daß ich mit keinem Anliegen gekommen war (aus dem Briefe schien

er das nicht heraus buchstabirt zu haben), fügte er in herablassendem

Tone hinzu: „Wenn Sie einer Auskunft bedürfen, werde ich solche Ihnen

ertheilen.“ Und damit schieden wir, ohne daß ich von diesem Herrn

ferner etwas gesehen oder gehört hätte.

Das war ein echtes Beispiel eines Geldaristokraten, wie sie nicht

nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt sind. Ihr

Hochmuth erscheint noch ungleich unerträglicher, als jener der wahren

Aristokratie, die doch gewöhnlich Bildung und Benehmen hat, was dem

Geldadel nur zu häufig fehlt. In Boston scheint diese Klasse von

Menschen ärger zusammen zu halten, als irgendwo. In ihre Gesellschaft

zu kommen, soll unendlich schwer sein, die Heirathen schließen sie nur

unter ihres gleichen, ja sie wohnen sogar alle in einer Straße (Beacon

Street). Und dennoch entschuldige ich den Stolzen eher, als jenen, der

ihm huldigt. Wie bald müßten Geld- und Geburts-Adel von ihren Höhen

herabsteigen, wenn es keine Speichellecker gäbe, die ihnen Ehrfurcht

und Bewunderung bezeigten.

Ich kam, wie gesagt, am 11. October Morgens um sechs Uhr in

Boston an und wurde noch denselben Tag dem Stadt-Mayor, Herrn

Dr. +Smith+ vorgestellt. Abends hatte ein großes Festessen der

„+Massachusetts+-Mechaniker-Gesellschaft“ (wie alle drei Jahre)

statt, welches in der +Faneuil-Hall+ abgehalten wurde. Diese Halle ist

geschichtlich eben so berühmt, wie das +Bunka-Hill+-Monument, denn hier

fanden die ersten Zusammenkünfte, Berathungen und Beschlüsse statt, von

hier zog man zu dem ersten Freiheitskampfe aus, und dem zu Folge trägt

diese jedem Amerikaner unvergeßliche Halle auch den schönen Namen:

„Wiege der Freiheit.“

Herr Dr. Smith lud mich zu dem Feste ein.

Mit tiefer Ehrfurcht der Vergangenheit gedenkend, betrat ich die Halle:

sie war geschmackvoll ausgeziert und reich erleuchtet, auf der Gallerie

befand sich ein Musikchor. Die Tafeln waren für 800 Personen gedeckt.

An Gerichten gab es eine große Auswahl; statt der geistigen Getränke

aber wurde Wasser, Kaffee und Thee gereicht. Der Staat Massachusetts

gehört nämlich dem Temperance-Vereine an. Die Mahlzeit war in einer

Stunde abgethan. Dann wurden durch zwei Stunden Gelegenheitsreden

gehalten. Herr Mayor Smith hatte die große Aufmerksamkeit, in seiner

Rede von mir sehr schmeichelhafte Erwähnung zu machen und mich der

Gesellschaft vorzustellen. Als ich seinem Wunsche zufolge aufstand,

empfing mich sogleich ein lautes Beifallklatschen, und wenn ich bisher

nie bedauert hätte, der Englischen Sprache nicht vollkommen mächtig zu

sein, so wäre es in diesem Augenblicke der Fall gewesen; ich konnte

der Gesellschaft meinen Dank für ihr freundliches Wohlwollen nur durch

stumme Verbeugungen bezeugen.

Zwischen den Reden wurden Hymnen, Arien und das berühmte Volkslied

„Yankee-Doodle“ vorgetragen. Um elf Uhr ging die Gesellschaft

auseinander.

Die öffentlichen Anstalten in Boston sind durchgehends musterhaft

eingerichtet.

Das Blindeninstitut, welches zu den ausgezeichnetsten seiner Art

gehören soll, fand ich leider geschlossen, die Ferien waren noch nicht

beendet. Ich hatte aber dennoch das Vergnügen, den Direktor desselben,

Herrn +Howe+ kennen zu lernen, der sich hinsichtlich der Erziehung und

Behandlung der Blinden einen großen Ruf erworben hat.

Unweit des Blinden-Institutes steht jenes der Blödsinnigen. Wahrhaft

bewundernswürdig ist hier die Macht der Erziehung. Alle diese

Blödsinnigen waren rein in Kleidung und Haltung, viele unter ihnen

konnten lesen, wenige auch schreiben, manche hatten sogar Begriffe von

der Erdbeschreibung.

Ein Geschwister-Paar fiel mir durch die auffallend kleine Bildung

des Kopfes auf. Dieser Form und dem Gesichtsausdrucke zufolge, hätte

man die Unglücklichen für vollkommen dumm halten mögen; sie konnten

jedoch ein wenig lesen, die Farben unterscheiden, die Tage der Wochen

hersagen u. s. w. Ein bildschönes, blondlockiges, sechsjähriges Mädchen

war irrsinnig. Man sah diesem Kinde weder in den Augen noch in den

Gesichtszügen an, daß es der Vernunft beraubt war. Das feurige blaue

Auge schien eher das Gegentheil zu verrathen; aber außer kleinen

Gesängen war ihm bisher nichts beizubringen gewesen -- es hatte eine

rastlose Beweglichkeit.

So lange diese Armen in der menschenfreundlichen Anstalt sind, geht es

ihnen freilich gut; aber wenn sie in die Welt hinausgestoßen werden, in

deren Kette sie kein Glied bilden, dann ist ihr Schicksal schrecklich.

Und leider erreichen solche unglückliche Geschöpfe gewöhnlich ein hohes

Alter, denn keine Sorge, keine Leidenschaft trübt ihre Ruhe.

Das Massachusetts-General-Hospital ist unstreitig das schönste und best

eingerichtete, das ich in den Vereinigten Staaten sah. Ich stelle es

beinahe den Hospitälern in +Surabaya+ und +Samarang+ auf Java gleich --

das höchste Lob, das ich ihm ertheilen kann.

Das Bostoner Gefängniß gehört ebenfalls zu den prachtvollsten, die

ich sah. Von außen sieht es einer herrlichen Kirche mit einer schönen

Kuppel ähnlich. Das Innere bildet eine lange, hohe Halle, in deren

Mitte ein schmales, dreistöckiges Gebäude steht, welches auf beiden

Seiten durch alle Stockwerke in kleine Zellen getheilt ist. Jede Zelle

hat ein Fenster und eine Thüre, die durch eiserne Gitter geschlossen

sind und auf die ringsum laufenden Gallerien münden. Das Ganze gleicht

einem eisernen Käfige.

Die Gefangenen erhalten hinlänglich Licht und Luft von der Halle und

finden auch einige Zerstreuung, da es in der Halle immer etwas zu sehen

gibt. Mit einander können sie nicht verkehren. Der Gefangenwärter sitzt

unten in der Halle, von wo er alle Zellen mit einem Blicke übersieht.

Ich war in der Küche bei der Austheilung der Kost gegenwärtig, und fand

diese sehr gut. Es gibt fünfmal in der Woche Fleisch nebst guter Suppe,

die andern zwei Tage Fische. Jeder Mann erhält Morgens Kaffee nebst

einem Pfund Brot, Mittags ein Pfund Fleisch, drei große Kartoffeln

und ein Stück gutes Brot, Abends Thee und Brot. Es sollte mich nicht

wundern, wenn die Leute kleine Verbrechen begingen, blos in der

Absicht, auf einige Zeit hierher zu kommen. Sie essen und wohnen gut

und haben nichts zu arbeiten.

Das Hospital für Irre besteht aus drei Gebäuden, jedes mit einem

abgeschlossenen, schönen Garten. Die beiden Seitengebäude sind nur

für wohlhabende Leute errichtet, das eine für acht Herren, das

andere für acht Frauen. Jeder Kranke hat zwei überaus prachtvoll

eingerichtete Zimmer, einen Badeplatz, einen eigenen Aufwärter und eine

sehr gewählte, gute Kost. Für dieß alles, die ärztliche Pflege mit

einbegriffen, werden per Woche zwanzig Dollars gefordert.

Das dritte Gebäude enthält billigere Plätze, für drei Dollars per

Woche, und sehr viele unentgeldliche Plätze.

Von den Schulen, die ich in Boston besuchte, kann ich nur dasselbe

wiederholen, was ich von jenen in Neu-York gesagt habe: sie sind alle

als Musterschulen aufzustellen. Großes Vergnügen machte es mir, hier

auch die farbigen Kinder so gut unterrichtet zu finden, daß man farbige

Mädchen und Jünglinge als Lehrerinnen und Lehrer gebrauchen kann.

In der großen Volksschule, welche über 600 Schüler zählt und unter

der Leitung Herrn +Bernard’s+ steht, sah ich zum ersten Male, daß den

Mädchen auch weibliche Handarbeiten, Nähen, Sticken u. s. w. gelehrt

wurden. So viel ich glaube, ist diese vernünftige Einrichtung Frau

Bernard zu danken, welche die Oberaufsicht über die Mädchen hat.

Während der Tagesstunden wird die Schule von Kindern besucht, und drei

bis vier Mal in der Woche sind zwei Stunden Abends (von sieben bis neun

Uhr) für solche junge Leute bestimmt, die in ihren Kinderjahren keinen

Unterricht genossen haben.

Herr Bernard ist von seinen Zöglingen so geliebt und geachtet, daß

sie ihn nicht nur in der Schule freudig begrüßen, sondern ihm überall

entgegen eilen, wo sie ihm begegnen. Häufig sah ich dieß mit eigenen

Augen auf unsern Wanderungen durch die Stadt.

Der Gefälligkeit meines unermüdlichen Freundes verdanke ich auch

zwei interessante Ausflüge in Boston’s Umgebung, den ersten nach

+Cambridge+, den andern nach +Lowell+.

+Cambridge+ (4 Meilen von Boston) ist das größte und bedeutendste

Kollegium[23] in den Vereinigten Staaten. Die Zahl der Schüler betrug

in diesem Jahre 900, von welchen 700 in Kost und Wohnung aufgenommen

waren. Dieses Kollegium gleicht einer kleinen Kolonie: es besteht

nicht aus einem einzigen Gebäude, sondern aus vielen Häusern, die auf

Wiesenplätzen oder in niedlichen Gärten liegen. In einigen Häusern

befinden sich die Lehrsäle für die verschiedenen Gegenstände, die

andern dienen den Studenten zu Wohnungen; auch jeder Professor bewohnt

ein eigenes Häuschen.

Die Bibliothek ist ebenfalls die größte und interessanteste in

den Vereinigten Staaten: sie enthält 80,000 Bände, darunter zwei

geschriebene Bibeln, von welchen die eine aus dem neunten, die andere

aus dem vierzehnten Jahrhundert datirt, viele andere werthvolle alte

Bücher mit schönen Handzeichnungen und Malereien, so wie auch die Kopie

eines kleinen Werkchens von Hypokrates, mit der Feder dem Original so

täuschend nachgeahmt, daß man sie davon nicht zu unterscheiden vermag.

Man soll für dieses Kunstwerk 1500 £ St. geboten haben.

Ich lernte in Cambridge den Professor und rühmlichst bekannten

Naturforscher Herrn +Agassiz+ kennen, der, als er noch in seinem

Vaterlande, der Schweiz, lebte, die vorzüglichsten Berge und Gletscher,

darunter auch den Montblanc, bestiegen hat. Die Bekanntschaft dieses

ausgezeichneten Mannes war mir um so werther, als ich auf meiner ersten

Reise um die Welt im Jahre 1847 in China (+Canton+) von einem seiner

nahen Verwandten, auch einem Herrn Agassiz, gar freundlich aufgenommen

worden war.

Hier beschäftigt sich Herr Agassiz außer der Ausübung seines Lehramtes

mit Sammeln von Insekten, Reptilien und allem, was in das Naturreich

gehört. Er soll eine der reichsten Sammlungen von Insekten und

Schmetterlingen, die in Nordamerika vorkommen, haben. Ich konnte leider

wenig davon sehen, da gerade alles gepackt war, um in ein anderes Lokal

gebracht zu werden.

Lowell, die berühmteste Fabrikstadt der Vereinigten Staaten, mit

einer Bevölkerung von 33,000 Seelen, liegt 25 Meilen von Boston. Man

verfertiget hier die ausgezeichnetsten Teppiche, Weiß- und Druckwaaren.

Im Ganzen sind 11 Fabriken im Gange, welche 8476 Mädchen und 4507

Männer beschäftigen, und deren Betriebskapital man auf 14 Millionen

Dollars schätzt.

Die Mädchen wohnen beinahe durchgehends in Boarding-Houses, die zu

den Fabriken gehören, und in welchen eben so wie in den Fabriken die

wohlgeordnetste Aufsicht über sie geführt wird. Ein Mädchen bezahlt per

Monat für gute Kost und Wohnung 5 Dollars, ihr Erwerb beläuft sich auf

13 bis 14. Jene, die nicht in den Kosthäusern leben, müssen sich einen

wöchentlichen Abzug von 25 Cents (¼ Dollar) gefallen lassen. Man will

sie durch diesen Abzug zu bewegen suchen, in den Kosthäusern zu wohnen,

wo sie mehr unter Aufsicht sind.

Die Arbeiterinnen haben hier ein so sittiges Aussehen und Benehmen,

daß viele Eltern, der wohlerzogenen Klasse angehörend, keinen Anstand

nehmen, ihre Töchter in die Fabriken zur Arbeit zu senden. Dieses

schöne, sittige Benehmen der Arbeiterinnen war mir so neu, daß es mich

bei weitem mehr überraschte als das Maschinenwesen, welches allerdings

in den Vereinigten Staaten auf einen sehr hohen Punkt gebracht ist,

von dem ich aber viel zu wenig verstehe, um darüber etwas sagen zu

können.

Am +19. Oktober+ ging ich wieder nach Neu-York zurück, wo ich noch bis

zum +10. November+ blieb.

Am +7. November+ hatte in Neu-York die Wahl des Bürgermeisters,

Gouverneurs und noch einiger Beamten statt. Man fürchtete, daß es

bei dieser Gelegenheit sehr stürmisch hergehen würde, man war sogar

auf kleine Gefechte gefaßt, denn nie standen sich die Partheien

bisher so schroff gegenüber: es handelte sich um die Einführung oder

Ausschließung des Temperance-Gesetzes. Ich ging einen großen Theil

des Tages in der Stadt, besonders in den +five Points+ und auf dem

sechsten +Ward+[24] umher, um das stimmende Volk zu sehen. Der Anblick

der Wähler war gerade nicht geeignet, das Gemüth zu beruhigen: der

anständigen Leute gab es nur wenige auf den Wahlplätzen.

Glücklicherweise gestaltete sich die Wahl diesmal ruhiger als je, und

zwar selbst in den „five Points“ und in der sechsten Ward, welche

Plätze sich bei derlei Gelegenheiten stets durch fürchterliche

Schlägereien auszeichnen, besonders letztere, die dadurch den Namen

„blutige Ward“ errungen hat.

Die Ursache dieser unerwarteten Friedlichkeit war gerade, daß jedermann

sich auf das ärgste gefaßt, und daher sein Haus nicht ohne Schuß- oder

Stich-Waffen verlassen hatte. Jede der Partheien hütete sich, den

Anfang zu machen, und so ging der Tag, einen Todten und ein Paar schwer

Verwundete in Williamsburg ausgenommen, ohne blutige Ereignisse vorüber.

Am +10. November+ verließ ich Neu-York auf dem prachtvollen

Amerikanischen Dampfer „+Pacific+,“ der von hier nach +Liverpool+ fährt.

Ich hatte nun das Land gesehen, dessen Besuch schon lange einen meiner

sehnlichsten Wünsche bildete. Weniger reich an Naturschönheiten als die

Länder der südlichen Hemisphäre, ist es mehr durch das industrielle

und geschäftige Treiben seiner Bewohner, und vor allem durch seine

Verfassung interessant.

Manches fand ich wohl anders, als ich es mir gedacht hatte, anders

als es sein sollte und sein könnte, wenig übereinstimmend mit den

Grundsätzen von Freiheit und Gleichheit, die den Grundpfeiler seiner

Einrichtungen bilden. So die Sklaverei in den Sklavenstaaten -- so in

den freien Staaten die Ausschließung des freien Negers und Farbigen von

aller Gesellschaft, von jeder bürgerlichen Bedeutung -- so das grausame

Gesetz, welches entflohene Sklaven gleich wilden Thieren aufzufangen

und ihren barbarischen Peinigern auszuliefern befiehlt -- so die nicht

zu entschuldigende Nachsicht der Richter und Jury-Männer mit den weißen

Verbrechern, die, wie die Amerikanischen Zeitungen selbst schreiben,

ohne, oder mit höchst geringen Strafen davon kommen, sobald sie Geld

oder gute Freunde haben -- so die streng gebotene Feier des Sonntags,

die den Armen, der die ganze Woche an seine Arbeit gefesselt ist, jeder

Erheiterung beraubt.

Aber bei allen diesen Gebrechen und Unvollkommenheiten kann man

doch nicht umhin, zu bekennen, daß (die Sklavenstaaten ausgenommen)

das Gleichgewicht durch das Gute, welches der großen Mehrzahl der

Menschen aus den freien Einrichtungen und Gesetzen erwächst, nicht nur

hergestellt, sondern bei weitem überwogen wird, und daß die Vereinigten

Staaten als Staat bisher einzig in der Welt dastehen.

Mit Recht ist der Amerikaner stolz auf sein Vaterland, in welchem der

Mensch auf jener Stufe der Gleichberechtigung steht, auf die ihn Gott

gestellt, und die in der Geschichte ihres gleichen nicht findet.

[21] Man sagt in den Vereinigten Staaten, daß ein Omnibus nie voll

wird.

[22] In den Amerikanischen Schulen sind statt der Lehrer sehr

häufig Lehrerinnen angestellt, selbst bei den unteren Schulen

der Knaben. Man sucht in diesen Staaten auf alle mögliche Weise

dem weiblichen Geschlecht Mittel und Wege zu verschaffen, sich

anständig fortzubringen.

[23] Es wurde noch unter der Englischen Regierung gestiftet.

[24] Die Stadt ist in zwölf Wards eingetheilt.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Ankunft in Liverpool. -- Reise nach St. Miguel. -- Punta-del-Gada. --

Sonderbare alterthümliche Gebräuche. -- Villa-Franca. -- Das Ilheo.

-- Der Badeort Furnas. -- Die heißen Quellen. -- Abreise von St.

Miguel. -- Die Einfahrt des Tajo. -- Lissabon. -- Ankunft in England.

-- Nachruf.

Durch die freundliche Fürsprache des würdigen Greises Herrn +Curtis+

erhielt ich für die Fahrt von Neu-York nach Liverpool (3200 Meilen) von

der Amerikanischen Linie der Herrn +Collins+ und Komp. eine Freikarte.

Die Amerikaner fand ich in dieser Beziehung ungleich galanter als die

Engländer -- auf keinem Englischen Schiffe, weder Segler noch Dampfer,

gab man mir, selbst für ganz kurze Reisen, einen freien Platz. Ich

sage den Amerikanern wiederholt meinen herzlichen Dank; durch ihre und

der nicht minder galanten Holländer Unterstützung allein ward es mir

möglich, meinen Reisen eine Ausdehnung zu geben, auf die ich Anfangs

nicht zu hoffen wagte.

Nach einer raschen Fahrt von 10½ Tagen trafen wir glücklich in

Liverpool ein. Kapitän +Nye+ hatte die ausnehmende Gefälligkeit, mich

persönlich in den „+Adelphi+-Gasthof“ (wo man keine Bezahlung von mir

annahm) zu führen, und von diesem am folgenden Morgen bis auf die

Eisenbahn zu begleiten. Er gehört auch zu jenen Menschen, von welchen

mir der Abschied schwer wurde, wie von lang bewährten Freunden.

In London ward ich herzlich von Herrn +Waterhouse+ (einem der

Direktoren im Britischen Museum) bewillkommnet, und verweilte einige

Wochen in dem Kreise seiner freundlichen Familie, mich erholend von den

Fieberanfällen, die mich auf der Seereise wieder heimsuchten[25]. Aber

noch war meine Reise nicht zu Ende, noch wollte ich vor der Rückkehr

in die Heimath einen meiner Söhne besuchen, der auf der Insel +St.

Miguel+, einer der Azoren, lebte. Lange fand ich keine Gelegenheit

dahin, bis endlich ein kleines Fruchtschiff (Schooner), deren jährlich

gegen 200 von Englands Häfen nach St. Miguel gehen, daselbst Orangen

zu holen, mich aufnahm. Diese Schiffe sind zwar nicht im geringsten

für Reisende eingerichtet, und der Kapitän Herr +Livingston+ sagte mir

selbst, daß er mir durchaus keine Bequemlichkeit anbieten, und nur

das Loch einräumen könne, in welchem der Koch schlafe. Was war aber zu

machen? Nach St. Miguel wollte ich, ich setzte mich daher über diese

Unannehmlichkeiten hinaus und entschloß mich zu der Reise. Sie dauerte

leider 20 Tage, und während dieser langen Zeit konnte ich nicht einmal

mein Kleid ablegen -- der enge Raum, in welchem ich schlief, gestattete

mir hierzu keine Möglichkeit. Dazu das fürchterliche Rollen des kleinen

Schiffes in der beinahe fortwährend stürmischen See, der Kohlendampf

vom Kamine, die schlechte Luft in der winzig kleinen Kabine, die der

Kälte und des Sturmes wegen stets geschlossen bleiben mußte -- ich

dachte wahrhaftig kaum die Ankunft in St. Miguel zu erleben.

Doch über alles dies klage ich nicht, das hatte man mir im vorhinein

gesagt; aber das Benehmen des Eigenthümers, oder eines der Eigenthümer

des Schiffes (+Royal Blue Jacket+), des Herrn +Chessel+ aus Bristol

kann ich nicht ungerügt lassen: es war gar zu grob und gemein. Ich

hatte die Ueberfahrt mit dem Kapitän und dem Rheder oder Agenten Herrn

+Chessel’s+, Herrn +Burnett+, für 3 Livres St. ohne Kost abgeschlossen.

Als ich am Tage der Abreise mit meinem Gepäck an Bord kam, sagte mir

der Kapitän, wie es schien mit einiger Verlegenheit, daß ich nochmals

auf das Office des Rheders gehen solle. Ich ging hin und traf da Herrn

Chessel, der mich in ziemlich rauhem Tone anfuhr, mir erklärend, daß

ich die Ueberfahrt unter 5 Livres St. ohne Kost nicht machen könne.

Vergebens erwiderte ich ihm, daß der Vertrag bereits abgeschlossen sei,

er fuhr in demselben höflichen Tone fort, daß das nichts zu sagen habe,

ich möge entweder die 5 Livres St. zahlen, oder mein Gepäck wieder

holen. Ich hätte nun freilich nur zum Richter zu gehen gebraucht, und

das Recht wäre mir zugesprochen worden; allein das Schiff lag zum

Absegeln bereit, die Zeit drängte, ich war deshalb gezwungen, mir diese

unverschämte Prellerei gefallen zu lassen. Ich hatte nur die 3 Livres

St. mit mir genommen und gab sie ab, mit dem Bemerken, daß ich den Rest

an den Kapitän erlegen würde. Allein der edle Herr Chessel mochte mich

für seines gleichen halten: er traute meinem Worte nicht und kam selbst

an Bord, die 2 Livres St. in Empfang zu nehmen. Mit vielen Menschen

haben mich meine Reisen in Berührung gebracht, aber Leute mit solchem

Charakter sind mir glücklicher Weise nur wenige vorgekommen.

Am +31. December+ wurden wir der freundlichen Insel +St. Miguel+[26]

ansichtig. Ich schmeichelte mir schon mit der Hoffnung, den

Sylvester-Abend mit meinem Sohne feiern zu können, den ich seit sechs

Jahren nicht gesehen hatte; allein die stets feindlichen Winde zwangen

uns, hin und her zu kreuzen und gegen Einbruch der Nacht sogar das

Weite zu suchen.

Am +1. Januar+, obwohl die Winde noch heftig waren, gelang es uns,

der Hauptstadt +Punta-del-Gada+ nahe zu kommen, wir sahen schon das

Boot des Arztes aus dem Hafen laufen und auf uns zurudern, und es

stand unserer Meinung nach der Landung nichts mehr im Wege. Aber wie

schmerzlich wurden wir durch den Schreckensruf überrascht, daß wir auf

einige Tage der Quarantaine unterworfen seien -- der Cholera wegen, die

in England schon lange aufgehört hatte!

Glücklicher Weise kam schon am nächsten Tage, +2. Januar+, der Arzt

wieder, uns verkündend, daß die Quarantaine aufgehoben und daß wir frei

seien.

Später erfuhr ich, daß an demselben Tage, an welchem wir ankamen (1.

Januar), zu derselben Zeit, ja noch etwas früher, ein Schiff aus

Lissabon anlangte, welches der Gesundheits-Behörde die offizielle

Nachricht überbrachte, die Quarantaine sei aufgehoben. Um zehn Uhr

Morgens waren, wie man mir sagte, schon alle Briefe und Zeitungen

ausgetheilt und folglich wohl auch die offiziellen Befehle. Ob der

Arzt aus Nachlässigkeit dieselben nicht geöffnet oder aus irgend einem

andern Grunde vorsätzlich verschwiegen, weiß ich nicht; nur das weiß

ich, daß ihm jeder Besuch eines Schiffes vier bis fünf Thaler einträgt,

und daß er auf diese Art Gelegenheit bekam, zwei Besuche zu machen,

den einen, das Schiff in Quarantaine zu erklären, den andern, die

Quarantaine wieder aufzuheben. Ob aus Nachlässigkeit oder Eigennutz,

ist eine solche Handlungsweise gleich unverzeihlich, und besonders an

einem Platze, wie St. Miguel, wo es keinen Hafen, keine sichere Rhede

gibt, und wo zur Winterszeit plötzliche und anhaltende Stürme die

Schiffe oft wochenlang vom Lande abhalten. Was mich sehr bei dieser

Sache wunderte, war, daß niemand, nicht einmal der Englische Konsul,

den Arzt hierüber zur Rechenschaft zog.

Die Insel St. Miguel ist sehr hübsch: sie besitzt eine Fülle von

Hügeln und Gebirgen, die mit frischem Grün bedeckt und in reizender

Unordnung durcheinander geworfen sind. Auf den ersten Blick sieht man,

daß diese Insel vulkanischen Ursprungs ist; die Form der Gebirge,

die dunklen Meeresgestade hie und da (Lava) bezeugen es. Aber kein

rauchender Krater ist mehr vorhanden, und lange müssen die Vulkane

ausgetobt haben, denn schon ist die Lava so verhärtet, daß sie wieder

halb zu Stein wurde, und beinahe überall mit Erde so bedeckt, daß die

herrlichsten Orangenhaine, die üppigsten Getreide-Felder darauf wuchern.

Die Insel hat achtzehn Leguas (eine Legua = drei Meilen) in der Länge,

drei bis vier in der Breite und eine Bevölkerung von 90,000 Seelen.

Ihr Handel ist bedeutender, als man ihrer Größe nach vermuthen würde.

Die Hauptausfuhr besteht in Orangen, jährlich zwischen 120,000 bis

140,000 Kisten, deren jede durchschnittlich 800 Stücke enthält, was die

ungeheure Summe von mehr als hundert Millionen Orangen gibt. Ueber 200

Englische Schiffe kommen jährlich von dem Monate November bis gegen

Ende März an, um die Frucht zu laden. Alle Orangen gehen nach England,

ein einziges Schiff wird nach Hamburg, eines, höchstens zwei nach den

Vereinigten Staaten gesendet.

Den nächst bedeutenden Artikel bildet das Türkische Korn, und nebstdem

werden noch viele Getreidearten und Bohnen ausgeführt. Im Ganzen

besuchen diese Insel jedes Jahr bei 450 Schiffe, und der Werth der

jährlichen Ausfuhr beträgt an 500 Contos de Reis (90,000 £. St.)

Trotz dieses großen Verkehrs ist doch das Volk sehr arm, was

hauptsächlich davon herrührt, daß der Bauer nicht Eigenthümer

des Bodens, sondern Pächter ist, und das nicht einmal für seine

Lebenszeit, sondern nur für eine bestimmte kurze Anzahl von Jahren.

Von dem Städtchen Punta-del-Gada (mit 12,000, die nahe Umgebung

inbegriffen 16,000 Seelen) ist nicht viel zu sagen. Die Bauart ist der

Europäischen ähnlich, die Häuser sind meistens unansehlich mit kleinen

Balkons und abscheulich großen umfangsreichen Rauchfängen. Doch gibt es

auch einige hübsche Gebäude. Den Nutzen der großen Rauchfänge konnte

ich mir nicht erklären, um so weniger, als das Küchenfeuer das einzige

im Hause ist. Kamine fand ich zu meinem Bedauern nicht im Gebrauche,

obwohl die Wintermonate November bis März ziemlich rauh, regnerisch

und stürmisch sind. Ich hatte das Unglück, einen, wie man mir sagte,

außergewöhnlich strengen Winter zu finden und litt viel von der Kälte.

Es gab zwar weder Schnee noch Eis; doch fehlten hiezu wenige Grade. Die

fürchterlichsten Stürme hausten, und freundliche Tage gehörten zu den

Seltenheiten; selbst noch zu Anfang des Maimonates war die Wärme nicht

viel bedeutender, als in meinem Vaterlande. Daß dieß jedoch nicht immer

so ist, davon zeigen außer den Orangen noch viele Früchte der wärmeren

Zone, von welchen besonders die Banane hier zur vollkommenen Reife

gelangt, weniger der +Custod-apple+, der hart und unschmackhaft bleibt.

Die Ananas-Frucht gedeiht in Glashäusern ohne Beihülfe einer Heizung

und erreicht einen außerordentlichen Umfang. Eine Portugiesische Dame,

die Gemahlin des Herrn Dr. +Agostinho Mochado+, sandte mir einen

Ananas, der an Größe alle übertraf, die ich in Indien gesehen; doch

stand er ihnen an Süßigkeit nach. Die Europäischen Gemüse, Rüben, Kohl,

Erbsen u. s. w. kommen ohne besondere Pflege fort.

Die Azorianer, von den Portugiesen abstammend, haben schöne dunkle

Augen und Haare. Ich fand hier im Gegensatze zu allen Ländern, die

ich bereist habe, das Volk hübscher, als die höhere Klasse. Die

Tracht der letzteren ist die französische; das Volk trägt sich auch

nach Europäischer Sitte, jedoch mit Ausnahme der Kopfbedeckung.

Diese besteht bei den Männern aus steifen Tuchkappen mit einem weit

hervorragenden, komisch ausgeschnittenen Schilde und rings herum mit

einem acht bis zehn Zoll breiten Tuch- oder Sammtstreifen, der über

die Achsel herunter hängt und den Hals gegen Sonne und Regen schützt.

Noch grotesker ist die Kopfbedeckung der Weiber, eine Art Kapuze von

blauem Tuche, bei zehn Zoll hoch und gewiß einen und einen halben

Fuß lang, welcher Tracht mittelst eines starken Fischbeines ungefähr

die Form eines mehr als riesenhaften Hahnenkammes gegeben ist. Außer

diesem sinnreichen Kopfputze tragen sie über die Europäischen Kleider

auch noch einen langen schweren Männermantel, durchgehend von blauem

Tuche, der bis auf die Erde reicht und nie, auch bei der größten Hitze,

abgelegt wird. Diese lächerliche, geschmacklose Kleidung hat namentlich

den Uebelstand, daß eine Mutter ihre Tochter darin nicht erkennen

würde, denn den großen Hahnenkamm, in welchem der Kopf steckt, ziehen

sie nach vorne, so daß man von dem Gesichte beinahe nichts sieht, und

die Mäntel gleichen einer dem andern. Kein Frauenzimmer aus dem Volke

würde sich ohne Mantel und Kapuze auf die Straße begeben; jeder Pfennig

wird emsig zusammen gespart, sich diese Kleinodien zu verschaffen; die

nicht so glücklich ist, sie zu besitzen, sucht sie von Freundinnen oder

gegen Bezahlung auszuborgen.

Nicht minder sonderbar ist die Sitte hier, daß kein Mädchen, kein

junges Weib allein ausgehen darf; keine Magd würde allein über die

Straße gehen, viel weniger etwas holen oder einkaufen. In jedem Hause

muß man einen Diener halten, die Einkäufe und Ausgänge zu besorgen. Ich

bedauerte wirklich die armen Mägde, die hier wie in einem Gefängniß

eingesperrt sind; wenn sie nicht irgend eine alte Verwandte haben, die

sich ihrer erbarmt und sie von Zeit zu Zeit ein halbes Stündchen auf

die Straße führt, können sie das ganze Jahr zu Hause sitzen bleiben,

denn nicht einmal Sonntags wagen sie es, allein nach der Kirche zu

gehen.

Ueberhaupt sollen auf dieser Insel, wie man mir erzählte, vor noch

kaum vierzig Jahren selbst unter der sogenannten gebildeten Welt gar

sonderbare Gebräuche geherrscht haben.

So wurde z. B. wenn eine Frau einer andern einen Staats-Besuch machen

wollte, Tags zuvor ein Diener zu der letzteren gesandt, ihr anzumelden,

daß die Besuchende zu einer bestimmten Stunde an dem Hause vorüber

fahren würde. Sie kam dann zu dieser Zeit in großem Putze, jedoch in

einer mit Vorhängen dicht verschlossenen Kutsche angefahren, die zu

besuchende Frau saß schon bereit an dem ebenfalls wohlgeschlossenen

Fenster. Vor dem Hause angelangt, hielt der Wagen einen Augenblick an,

der Vorhang wurde auf die Seite geschoben, das Fenster geöffnet, die

beiden Frauen begrüßten sich -- und sogleich wurden Vorhang und Fenster

wieder geschlossen, und der Wagen fuhr weiter.

Die Frauen scheinen zu dieser Zeit eine solche Scheu vor Herren gehabt

zu haben, daß diese bei den Besuchen der Frauen nicht zugegen sein

durften. Kam eine Frau eine andere besuchen und es war zufällig ein

Herr, selbst ein Verwandter, zugegen, so fuhr sie wieder fort, oder

die Frau des Hauses ersuchte die Herren, fort zu gehen.

Noch lächerlicher ging es bei Hausbällen zu (öffentliche Bälle wurden

gar nicht gegeben). Die weiblichen Gäste nahmen an dem Tanze selbst gar

keinen Antheil, sondern saßen mit den Frauen und Töchtern des Hauses

in einem an den Tanzsaal stoßenden Zimmer, und zwar im Finstern, um

von den Herren nicht gesehen zu werden. Die Herren -- tanzten mit

den Dienerinnen des Hauses und andern von der Ballgeberin geladenen

Dienerinnen! --

Ich verweilte einige Monate auf St. Miguel und machte außer einigen

Spaziergängen in die nahe Umgebung auch einen Ausflug nach dem Badeorte

+Furnas+ (9 Leguas von Punta-del-Gada), berühmt durch seine heißen

Quellen. Die vornehme Welt der Insel geht jedes Jahr auf einige Wochen

oder Monate dahin, weniger um zu baden, als sich zu ergötzen, wie dieß

überhaupt in den meisten Badeorten der Fall ist.

Wir machten die kleine Reise, wie es in diesem Lande Sitte ist, zu

Esel, und nahmen unsern Weg über +Villa-Franca+ (5 Leguas), längs

der Seeküste. Villa-Franca ist ein kleines Städtchen mit derselben

reizenden Lage, wie Punta-del-Gada. Wir blieben hier die Nacht in dem

Hause des Herrn +Gago+, wo alles freundlich zu unserer Aufnahme bereit

war.

Am folgenden Morgen fuhren wir in einem Boote nach dem kaum zwei- bis

dreihundert Schritte von dem Lande gelegenen „+Ilheo+,“ einer winzig

kleinen Insel oder vielmehr Bay, von einem Felsengürtel umschlossen,

in welchem nur eine ganz schmale Oeffnung frei geblieben, kaum breit

genug, ein kleines Fruchtschiff einzulassen. Augenscheinlich stand hier

unmittelbar in der See einst ein kleiner Vulkan, der ausgetobt hat und

eingestürzt ist. Mit wenig Kosten könnte man aus dieser Miniatur-Bay

einen herrlichen Dock zur Ausbesserung der Schiffe machen; doch für

dergleichen Sachen hat man hier keinen Sinn.

Gegen Mittag setzten wir die Reise fort und langten nach einem

angenehmen Ritte schon früh Nachmittags in Furnas an. Ungefähr eine

Viertelstunde vor dem Orte liegt ein artiger See, von schön geformten

Gebirgen umgürtet, an dessen nordöstlichem Ende gleichfalls heiße

Quellen aufbrodeln, die wir aber nicht besahen, da uns gerade ein

kleiner Regen überfiel.

Furnas selbst liegt in einem wunderlieblichen, freundlichen Thale,

eingeschlossen von über einander aufsteigenden Gebirgen; schöne

Waldungen, üppige Felder, Wiesen und Triften im frischesten Grün decken

Berge, Hügel und Thal -- ich sah mich ganz in eines jener schönen

Gebirgsthäler versetzt, an welchen Steiermark, Kärnthen und Tyrol so

reich sind. Aufsteigende Rauchwolken verkünden die unweit des Dorfes

gelegenen heißen Quellen (Caldeiras), und begierig eilt der Fremdling

dahin, eine Erscheinung zu sehen, von welcher die ganze Bevölkerung St.

Miguels mit Entzücken und zugleich mit Grausen spricht.

Meine Neugierde, meine Erwartung, ich gestehe es, waren eben nicht sehr

groß, ich hatte in dieser Art das Vollkommenste was die bekannte Welt

bietet, auf Island gesehen. Aber gerade, weil ich mir nicht zu viel

versprach, ward ich überrascht. Eine der kochenden Quellen brodelt

reich und gewaltig zu einer Höhe von vier bis sechs Fuß auf, eine

zweite minder hoch, andere nicht mehr als gewöhnlich kochendes Wasser.

Am merkwürdigsten unter allen ist die Schlammquelle „+Pedro Botelko+“

genannt. Schon ihre Umgebung ist pittoresk: sie ist von finstern

Felsen eingefaßt, in welchen das Getöse wiederhallt, und gleicht einem

wahren Höllenschlunde; ein großer Fels neigt sich weit über sie und

hindert ihr senkrechtes Aufsteigen. Ihre Kraft schleudert den kochenden

Schlamm nach allen Seiten in eine Weite von zwölf bis fünfzehn Fuß.

Unbedeutende, kleine Quellen gibt es in der Umgebung viele; einige

davon brodeln sogar in der Mitte eines kalten Bächleins auf. Auch

eisenhaltige Quellen und ein Sauerbrunnen (+Aqua azeda+) kommen vor.

An einer glücklich gewählten Stelle des reizenden Thales hat Herr

Vicomte +da Praia+, einer der größten Grundbesitzer der Insel, ein

Landhaus gebaut und einen Garten angelegt. Beide waren noch nicht ganz

vollendet. Das zierliche Gebäude steht auf einem kleinen Hügel und

bietet von jedem Fenster die herrlichsten Ansichten des Thales und der

es umgebenden Gebirgswelt; der Garten, im großen Style angelegt, mit

Teichen, dunklen Baumparthieen und freundlichen Blumenbosketten, zeigt

schon jetzt von dem guten Geschmacke seines Gründers.

Wir machten von Furnas aus auch noch eine kleine Parthie auf eine der

Bergkuppen, ungefähr 2000 Fuß über der Meeresfläche. Wir sahen hier

Gebirge über Gebirge vor uns aufsteigen, darunter den höchsten Berg

der Insel, den „+Pico de Vara+“ (4000 Fuß); zu unsern Füßen lag das

liebliche Thal von Furnas mit seinen Caldeiras, dem See, so wie auch

einige andere Thäler mit freundlichen Ortschaften, und auf beiden

Seiten der Insel breitete sich das Meer ins Unermeßliche aus. Auf der

Südseite entdeckt man auch die Insel +Santa-Maria+, ungefähr vierzig

Meilen von St. Miguel gelegen.

Den Rückweg nach +Punta-del-Gada+ nahmen wir längs der Nordküste über

+Ribeira-Grande+. Als Weg ist er besser, als der längs der Südküste,

aber an schönen Ansichten weniger reich und abwechselnd.

Die Karnevals-Zeit ging auf St. Miguel ganz unbeachtet vorüber. Nur

in den letzten drei Tagen herrscht hier, wie in Brasilien die alberne

Gewohnheit, sich gegenseitig mit Wasser zu übergießen. Statt sich

während dieser drei Tage zu unterhalten, muß man sich in sein Zimmer

einschließen, und kann nicht einmal an das offene Fenster treten, denn

sogleich ist man der Gefahr ausgesetzt, von des Nachbars Fenster, von

der Straße eine Ladung des nassen Elements zu erhalten. Die Leute

blasen Eier aus, oder verfertigen von Wachs Orangen, Citronen, füllen

sie mit Wasser und bewerfen sich damit, ja aus den Häusern schütten

sie ganze Töpfe voll auf die Vorübergehenden. Keine Frau ist in diesen

Tagen auf der Straße zu sehen, und die wenigen Herren, die auszugehen

wagen, suchen sich durch aufgespannte Regenschirme zu schützen.

Erst am +21. Mai+ verließ ich St. Miguel. Die Fruchtschiffe für England

hatten schon gegen Ende März aufgehört; ich war daher gezwungen, über

+Lissabon+ nach London zu gehen.

Auf dem kleinen Portugiesischen Schiffe „+Michaelense+“ (110 Tonnen,

Kapitän +Fonseca+) fand ich zu meiner höchsten Verwunderung alles so

bequem eingerichtet, wie es auf manchem Dampfer kaum der Fall ist. Die

Schlafstellen waren hoch und geräumig, die Kost reich und gut bereitet,

der Tisch rein gedeckt, die Bedienung rasch. Es war dies das erste

Portugiesische Schiff, auf welchem ich fuhr. Wenn alle ihm gleichen,

kann man sie den Reisenden mit gutem Gewissen empfehlen.

Die Fahrt währte acht Tage (720 Meilen), und außer einem todten

Wallfische, der gleich einem emporragenden Felsen an unserm Schiffe

vorbeitrieb, und um welchen Hunderte von Raubvögeln schwärmten,

unterbrach nichts ihre Einförmigkeit. Wir sahen nicht eher Land als bis

wir der Portugiesischen Küste nahe kamen.

Am +28. Mai+ liefen wir in den +Tajo+ ein, der an der Mündung nur

durch die Farbe von der See zu unterscheiden war. Die Stadt Lissabon

liegt zwei Leguas stromaufwärts; doch geht die Fahrt beinahe noch eine

Legua weiter, da die Schiffe an der Düne im Mittelpunkt der Stadt

vor Anker gehen. An diesen drei Leguas segelten wir sieben bis acht

Stunden; allein man konnte dies keinen Zeitverlust nennen, da die Fahrt

wirklich gar zu reizend ist. Der Strom entfaltet eine mächtige Breite,

sein Rücken ist voll von schaukelnden Fahrzeugen, zwischen welchen

hie und da ein Dampfer eilt, und die Ufer bestehen aus freundlichen

Hügelketten, welchen man den einzigen Vorwurf machen kann, daß weder

Bäume noch Gebüsch sie decken.

An der Mündung steht auf der einen Seite das Fort St. Julian, hinter

welchem sich in geringer Entfernung die schön geformten Berge der

+Serra de Cintra+ erheben; auf der andern Seite steigt ein Leuchtthurm,

umgeben von einer Batterie (Torre de Bugia) unmittelbar aus der

See. An malerisch gelegenen Ortschaften, kleinen Festungen vorüber

gleitend, gelangt man nach Belem, wo der Strom von seiner Breite

etwas abnehmend, die Mauern eines prachtvollen Thurmes bespült, der

in Gothisch-Maurischem Style gehalten, ein herrliches Schaustück

der älteren Zeiten ist. Während nun auf der Südseite noch immer

einzelne Ortschaften mit zum Theile schon halbverfallenen Kastellen

und Festungswerken wechseln, breitet sich auf der Nordseite die

Stadt Lissabon aus, nicht nur den schmalen ebenen Gürtel zwischen

dem Strome und der Hügelkette, sondern auch die Höhen und Seiten der

Hügel selbst deckend. Dem Mittelpunkte der Stadt gegenüber treten

die Ufer des Stromes weit zurück, und dieser bildet eine große Bay,

an deren Rande man in der Entfernung Ortschaften, Baumgruppen und im

Hintergrunde einzelne Berge entdeckt. Stundenlange saß ich später an

den Fenstern des am Meere liegenden Gasthofes, in welchem ich abstieg,

und betrachtete mit unendlichem Gefallen das großartige und doch dabei

lieblich schöne Rundgemälde. --

Anmuthig sind bei der Ankunft in Lissabon die Plackereien mit den

Beamten. Schon bei Belem kömmt der Besuch des Gesundheits-Offiziers an

Bord, dann jener des Zollamtes, der Schiffspolizei, des Hafenmeisters,

der Paß-Besichtigung -- das nimmt kein Ende. Wir kamen von einer

Portugiesischen Besitzung und wurden so strenge behandelt, als wären

wir aus dem Monde gekommen. Für die Pässe hat man ein schweres Geld

zu entrichten, und die Zollgesetze sind so strenge, daß man nicht den

kleinsten Nachtsack mit sich nehmen darf. Wahrlich es ist unglaublich,

daß gerade in dem auf sein Fortschreiten so stolzen Europa die

Regierungen den Leuten das Reisen auf alle Art zu verleiden suchen!

Von der Stadt Lissabon sah ich nur sehr wenig, obgleich ich zwölf

Tage daselbst verweilte; ich kam unwohl an und war gezwungen, den

größten Theil dieser Zeit mein Zimmer zu hüten. Mit Mühe erstieg ich

einige der steilen hügeligen Straßen, welche die Eigenthümlichkeit

Lissabons bilden, um vollkommene Ansichten über Stadt, Strom und

Umgebung zu haben; ich sah, daß die Stadt auch jenseits der Hügelkette

sich fortzieht und ausbreitet. Die Häuser haben keine eigenthümliche

Bauart, die Kirchen weder schöne Thürme noch Kuppeln. Reizend liegen

hie und da auf hohen Hügeln mitten in der Stadt noch Ruinen halb

eingestürzter großer Paläste und Kirchen aus der schaurigen Zeit

des Jahres 1755, in welchem bekanntlich ein furchtbares Erdbeben

den größten Theil der Stadt in Schutt legte, und wobei Tausende von

Menschen ihr Grab fanden.

Die öffentlichen Gärten zeichnen sich durch schöne Blumenparthien,

jener in der untern Stadt auch durch alte ehrwürdige Bäume aus. Die

Portugiesen scheinen überhaupt große Blumenfreunde zu sein; schon auf

St. Miguel hatte ich dieß bemerkt, und hier sah ich diese lieblichen

Frühlingsboten überall in Menge, selbst auf Plätzen, wie z. B. in dem

Hofe und an dem Landungsplatze des Zollgebäudes.

Eine Fahrt nach der +Serra de Cintra+, berühmt durch die reiche

Vegetation und als Sommersitz der königlichen Familie, konnte ich

nicht unternehmen. Ich brachte mehrere Tage im Bette zu und verließ

erst am 9. Juni mein Zimmer, um mich auf dem Dampfer +Iberia+ nach

+Southampton+ (900 Meilen) einzuschiffen.

Dieser Dampfer gehörte leider keiner Amerikanischen oder Holländischen,

sondern einer Englischen Gesellschaft an, ich mußte daher bezahlen,

und zwar zehn £ St. für eine kleine Schlafstelle in einer kleinen,

dumpfen, finstern Kabine, in welcher sich außer mir noch elf Frauen

nebst vier Kindern befanden. Wie ungleich bequemer hatte ich es auf dem

kleinen Portugiesischen Segelschiffe, wo ich für eine beinah eben so

weite Fahrt nur 3½ £. St. bezahlte. Meinem Sohne wurde die Schlafstelle

gar auf dem zweiten Platze angewiesen, dafür aber nichts destoweniger

die volle Bezahlung des ersten abgenommen.

Am +14. Juni+ Morgens langten wir in Southampton an, denselben Tag

fuhr ich mit der Eisenbahn nach London, wo ich abermals von der lieben

Familie Waterhouse auf das herzlichste aufgenommen wurde, und somit war

meine Reise glücklich vollendet.

* * * * *

Sollten in meinem Tagebuche gegen das eine oder das andere Volk, gegen

Sitten und Gebräuche der verschiedenen Länder, die ich durchwandert, zu

starke Ausdrücke vorkommen, sollten unrichtige Ansichten geäußert sein,

so bitte ich meine Leser um große, sehr große Nachsicht. Ich rufe ihnen

wie bei Gelegenheit meiner ersten Reise nach dem gelobten Lande zu, daß

ich weit entfernt bin, mich zu der Zahl der glücklich begabten Personen

zu rechnen.

Mein Wesen ist Einfachheit, mein ganzes Streben schlichte Wahrheit

und Vermeidung jeder Uebertreibung. Der Zweck meiner Schriften kann

unter diesen Umständen kein anderer sein, als das von mir Gesehene und

Erlebte ganz so wiederzugeben, wie es sich meinem Geiste und Gefühle

darstellte.

[25] Ich nahm wieder Brandy mit rothem Pfeffer, und das Fieber blieb

endlich ganz weg.

[26] Die Azoren-Gruppe besteht aus neun Inseln, von welchen St.

Miguel die größte. Die Azoren werden zu Afrika gerechnet und

sind von den Portugiesen im Jahre 1446 entdeckt und in Besitz

genommen worden.

Meine zweite Weltreise(#75641) · 第 9 / 9 题