Einundzwanzigstes Kapitel. Seite

Die Fälle des Niagara. -- Der Ontario-See. -- Die

tausend Inseln. -- Montreal. -- Quebek. -- Die Amerikanischen

Eisenbahnen. -- Neu-York. -- Merkwürdigkeiten

der Stadt. -- Die Hôtels. -- Die schwarzen

Minstrels. -- Emancipation. -- Gerichtsverfahren. 104

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Umgebungen Neu-Yorks. -- Die öffentlichen Institute.

-- Blackwells- und Randalls-Island. -- Die Five-Points.

-- Reise nach Boston. -- Der Empfehlungsbrief.

-- Festessen der Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft.

-- Waisenhaus, Gefängniß u. s. w. -- Cambridge.

-- Lowell. -- Rückkehr nach Neu-York. -- Die

Wahl. -- Abschied von den Vereinigten Staaten. 141

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Ankunft in Liverpool. -- Reise nach St. Miguel. -- Punta-del-Gada.

-- Sonderbare alterthümliche Gebräuche.

-- Villa-Franca. -- Das Ilheo. -- Der Badeort Furnas.

-- Die heißen Quellen. -- Abreise von St. Miguel.

-- Die Einfahrt des Tajo. -- Lissabon. -- Ankunft

in England. -- Nachruf. 171

Achtzehntes Kapitel.

Neu-Orleans. -- Oeffentliche Gebäude. -- Hôtels. -- Der französische

Marktplatz. -- Oeffentliche Sklaven-Versteigerung. -- Die

Sklavenhändler. -- Besuch einer Plantage. -- Die Sklaverei. --

Beispiele von grausamer Behandlung der Sklaven. -- Die freien Neger

und Farbigen. -- Nachsicht mit den weißen Verbrechern.

Die Entfernung von Aspinwall nach Neu-Orleans beträgt 1440 Seemeilen,

von welchen 1350 auf den Mexikanischen Meerbusen, 90 auf den

Mississippi kommen. Die Fahrt bis an die Mündung dieses mächtigen

Stromes legten wir ohne Unfall oder Abenteuer in fünf Tagen zurück.

Die schmutzig gelben Wogen des Mississippi wälzen sich der See mit

Ungestüm entgegen, und meilenweit vom Gestade erkennt man sein Gewässer

an der Färbung. An der Mündung erscheint der Strom endlos wie die See.

Auch höher hinauf noch breitet er sich schrankenlos über das tief

liegende Erdreich aus, und gönnt kaum hie und da einer Sandbank, einem

Erdfleckchen Platz. Nach und nach drängt sich mehr Land hervor, der

kühne Fischer wagt es schon, sein bescheidenes hölzernes Hüttchen

darauf zu bauen; noch höher hinauf beginnen die künstlichen Erdwälle,

die den Strom einfassen und sein Bett beschränken. Einen ängstlichen

Eindruck macht es zu Anfang auf den Reisenden, den Strom sechs bis

acht Fuß über das Land emporragen zu sehen: statt auf das Ufer hinauf,

blickt man auf dasselbe hinunter. Wie leicht kann er seine Fesseln

brechen und Tod und Verderben über die sorglosen Ansiedler bringen! Den

Fischerhütten folgt bald fetter Grasboden, diesem einzelnes Gestrüppe,

das nach und nach Gruppen bildet und endlich in kleine Waldungen

übergeht. Da kommt auch schon der Mensch mit seinem Fleiße. Mais und

Zuckerpflanzungen wechseln mit den Waldparthien, und wie das Land an

Räumlichkeit gewinnt, vermehrt sich die Kultur, bis zuletzt die schönst

geordneten Pflanzungen sich ununterbrochen an einander reihen. Die

netten Häuser der Pflanzer, die Zuckermühlen mit ihren hohen Kaminen,

die kleinen, aber niedlich aussehenden Hütten der Sklaven verleihen dem

Ganzen ein überaus freundliches Aussehen. Beneidenswerth möchte man

das Loos der Bewohner nennen, wüßte man nicht, daß alle, die Pflanzer

ausgenommen, -- Sklaven sind.

Ungefähr auf halbem Wege zwischen der Mündung des Mississippi und

Neu-Orleans kommt man an dem einfachen Fort „+Jackson+“ vorüber.

Gegen Mitternacht fiel der Anker vor +Neu-Orleans+, der größten Stadt

in dem Staate +Louisiana+.

Ungeachtet der späten Stunde eilten die meisten Reisenden noch an’s

Land, jeder hatte Freunde oder Verwandte und wußte, wohin zu gehen --

ich hatte niemanden aufzusuchen, ich stand allein und verweilte daher

bis zum folgenden Morgen ruhig in meiner Zelle.

Bei der Landung bekam ich schon einen kleinen Vorgeschmack von der hier

herrschenden republikanischen Gleichheit. Unter den Reisenden befand

sich ein sehr hübsches Mädchen von etwa zwanzig Jahren, mit blendend

weißer Hautfarbe und schönem, schwarzem Haar, das nur vorn ein wenig

gekräuselt war und so dem scharfen Beobachter einigen Zweifel an der

Reinheit des Blutes hätte einflößen können. Kaum hatte die Arme den Fuß

an’s Land gesetzt, so wurde sie von einem Gerichtsdiener angehalten und

in das Gefängniß gebracht, wo sie abwarten mußte, bis ihre Verwandten

kamen, zu beweisen, daß sie frei sei.

Ich hatte dieses Mädchen schon bemerkt, als ich mich in Aspinwall

einschiffte; sie fiel mir durch ihre Schönheit und durch ihr

bescheidenes Benehmen auf. Sie verschwand jedoch alsbald und kam

während der ganzen Reise nicht wieder zum Vorschein. Als ich mich

erkundigte, ob sie seekrank sei, daß sie gar nie zu Tisch käme, gab

mir einer der Herren, die Nase rümpfend, zur Antwort: „Wie könnte eine

Farbige es wagen, in unsere Gesellschaft zu kommen? Jede unserer Frauen

würde vom Tische aufstehen.“ Und diese Weißen mit so abgeschmackten,

inhumanen Ideen sind dieselben, die den ganzen Sonntag über nichts

anderes thun, als Kirchen besuchen und die Bibel lesen, von der sie (so

beweist wenigstens ihr Benehmen) wahrhaftig nicht mehr zu verstehen

scheinen, als ein Papagei von den Worten, die er plappern lernt.

Am letzten Tage der Reise, schon nahe der Gegend von Neu-Orleans, kam

das arme, von der Gesellschaft verbannte Geschöpf manchmal auf das

Deck; ich sprach mit dem Mädchen und fand sie höchst liebenswürdig und

gebildet -- ich möchte allen weißen Mädchen wünschen, daß sie ihr an

Bildung und Bescheidenheit glichen.

Die Stadt Neu-Orleans steht auf morastigem Grunde, an manchen Stellen

acht Fuß unter dem Niveau des Stromes. Sie nimmt sich sehr gut aus,

ist regelrecht gebaut, besitzt viele schöne Häuser von Backsteinen,

breite Straßen und einige hübsche Squares (Plätze) mit freundlichen

Gartenanlagen. Schade, daß die Straßen, wenige ausgenommen, so

schmutzig und unrein sind! Längs der Fußwege laufen wohl kleine Rinnen

oder Kanäle für fließendes Wasser; aber theils sind sie ausgetrocknet,

theils gleichen sie im vollsten Sinne des Wortes den ekelhaftesten

Pfützen; man ist häufig gezwungen, das Tuch vor die Nase zu halten. Mit

dem Unrathe nehmen es die Leute auch nicht so genau: sie werfen vieles

auf die Straße. Im Regenwetter sind manche Straßen beinahe ganz unter

Wasser. Bei dieser Unreinlichkeit, mit der sumpfigen Gegend rings umher

und der glühenden Hitze, ist es nicht zu wundern, daß diese Stadt so

oft von dem gelben Fieber besucht wird.

Neu-Orleans zählt bei 150,000 Einwohner, von welchen ungefähr ein

Drittheil Franzosen, ein Drittheil Amerikaner, ein Drittheil Deutsche

und andere Nationalitäten. Unter dem Namen „Amerikaner“ versteht man

eigentlich nur jene, die von den Engländern abstammen. Meiner Meinung

nach gebührt dieser Name entweder allen von Einwanderern Abstammenden,

die im Lande geboren, oder gar keinem, denn „Amerikaner“ ist eigentlich

nur der Indianer. Allein der Stolz der Engländer verleugnet sich

nirgends, und so haben sie sich ausschließend einen Namen zugeeignet,

der ihnen so viel oder so wenig zukommt, wie allen übrigen Nationen.

Neu-Orleans ist für den Welthandel der Vereinigten Staaten im Süden,

was Neu-York im Norden. Es ist die drittgrößte Handelsstadt, aber die

erste als Ausfuhrplatz.

Der Strom ist meilenlang mit Dampfern und Schiffen jeder Art bedeckt.

Achthundert Dampfer befahren von hier aus den Mississippi und dessen

Nebenflüsse. Ein großer Theil dieser Dampfer hat vier- bis sechshundert

Pferdekraft, zwei Stockwerke, schöne Gallerieen -- man glaubt eine

Stadt von hölzernen Palästen vor sich zu sehen.

Im Spätherbste soll es auf dem Mississippi noch ungleich lebhafter

zugehen, als es zur jetzigen Zeit der Fall war. Da ist die Ernte

vorüber, Zucker und Baumwolle, die Hauptartikel der Ausfuhr, liegen

bereit und werden in alle Weltgegenden versendet. Im Jahre 1853 wurden

gegen fünf Millionen Zentner Zucker ausgeführt.

Seit kurzem haben die Pflanzer angefangen, mit der Guano-Düngung

Versuche zu machen, wobei sich ein Gewinn von 100-150 Prozent ergab.

Welch’ ungeheuere Steigerung wird dieß mit der Zeit in der Produktion

bewirken!

Außer dem Mississippi, dem mächtigsten Strome der Vereinigten Staaten,

außer der Schiffswelt, die sich längs der Stadt ausbreitet, hat

Neu-Orleans nicht viel Anziehendes. Die Umgebung ist eben, auch nicht

durch den kleinsten Erdhügel unterbrochen.

Unter den Gebäuden zeichnen sich die Hôtels (besonders das St.

Charles-Hôtel), die Münze, die Banken, die Maurer- und andere Logen,

das Charity-Hospital, die katholische Kathedrale aus. Beinahe alle

diese Gebäude sind aus Quadersteinen erbaut.

Die katholische Kathedrale nimmt sich sehr gut aus, ist in Gothischem

Style gebaut und besitzt einen schönen, eisernen, durchbrochen

gearbeiteten Thurm. Das Innere ist einfach und sauber, nur mißfiel mir

die nach dem Vorbilde von London gemachte Eintheilung in Logen und

Sperrsitze.

Das Hôtel St. Charles ist überaus großartig angelegt: es hat ein

herrliches Portal mit einer Säulenreihe. Die innere Einrichtung

entspricht der äußeren Pracht. Hohe, große Empfangssäle, mit dem

größten Luxus ausgestattet, Lese-Säle mit allen Zeitungen der Welt,

dabei zahllose Dienerschaft und eine Kost, die selbst dem Verwöhntesten

nichts zu wünschen übrig läßt. Man zahlt zwar drei Dollars per Tag;

bedenkt man aber, was man alles dafür hat, so ist der Preis nicht gar

so übertrieben. Ueber die Maßen theuer dagegen sind die Empfangszimmer,

wenn man sie zu seinem ausschließenden Gebrauche miethen will:

ein Empfangszimmer kostet per Tag acht Dollars. Doch werden sie

selten gemietet. Der Amerikaner geht den größten Theil des Tages

seinen Geschäften nach; kommt er nach Hause, so verweilt er in den

allgemeinen Besuch- oder Lese-Zimmern. Da wird geschrieben, gelesen,

Musik gemacht, Kinder tummeln sich umher, eins nimmt auf das andere

keine Rücksicht, jeder benimmt sich, als wäre er in seinen eigenen

Zimmern. Eben so ungezwungen geht es bei Tisch zu. Man ist in Betreff

der Mahlzeiten nicht an bestimmte Stunden gebunden. Das Frühstück

beginnt z. B. um 7 Uhr Morgens und währt bis 10, das Gabelfrühstück von

12 bis 2 Uhr u. s. w. Man kommt in dieser Zeit je nach Belieben und

läßt sich geben, was die Speisekarte enthält. Bei Tische geht es höchst

einsilbig zu. Der Amerikaner betrachtet, wie bereits erwähnt, selbst

das Essen als ein Geschäft und schlingt die Speisen so hastig hinunter,

daß ihm für ein Gespräch keine Muße bleibt. Ueberdieß sprechen sich

Leute, die sich nicht kennen oder einander nicht vorgestellt worden

sind, gar nicht an; dieß würde für eine halbe Beleidigung gelten. Und

so kann ein Fremder in dem größten Gasthause wohnen und täglich in

zahlreicher Gesellschaft speisen, ohne Gelegenheit zu finden, auch nur

eine Bekanntschaft zu machen oder ein Wort anzubringen.

Das Charity-Hospital ist sehr gut eingerichtet; die Gemächer sind

ziemlich groß, Betten und Wäsche weiß und rein. Ein Theil der

Krankenpflege wird von barmherzigen Schwestern besorgt, welchen man

vorwirft, mit gar zu großem Eifer aus den Kranken und Sterbenden

Proselyten zu machen. Thun doch die Anglikaner, Presbyterianer, und

wie alle die Sekten heißen, dasselbe! Jeder meint, daß die Form seiner

Religion die einzig wahre und seligmachende sei.

Außer dem Charity-Hospital gibt es viele sehr gut eingerichtete

Privat-Spitäler, in welchen der Kranke täglich einen Dollar bezahlt.

Die Münze ist die schönste in den Vereinigten Staaten. Das herrlichste

Gebäude dürfte jedoch das Zollhaus werden, welches im Bau begriffen

ist, an dessen Vollendung man aber leider zweifelt. Es nimmt einen

ganzen Block[1] ein.

Das Wasserwerk in +La Fayette+ besteht aus einem sehr großen Becken,

welches aus dem Mississippi gefüllt wird. Von dem Becken ist das Wasser

in die Häuser geleitet, wofür jede Familie sechs bis zehn und auch mehr

Dollars per Jahr, je nach dem Bedarfe, bezahlt.

Die Marktplätze, besonders der sogenannte „Französische,“ sind äußerst

bequem und schön, die Hallen groß und luftig und in Reihen für die

verschiedenen Artikel, als Fleisch, Gemüse, Fische u. s. w. getheilt.

Auch an gekochten und gebratenen Eßwaaren gibt es keinen Mangel, alle

sehr zierlich und reinlich aufgestellt. Thee, Kaffee und Chokolade

werden ebenfalls ausgeschenkt; eine große Tasse dieser Getränke nebst

drei kleinen Kuchen kostet nur fünf Cents. Nicht nur die Marktleute

und Käufer, auch viele Geschäftsleute kommen hierher, ihr Frühstück

einzunehmen.

Der Französische Markt ist besonders Sonntags früh Morgens sehr

interessant. Die Neger und Negerinnen strömen von weit und breit

herbei, Naturerzeugnisse oder die Handprodukte, die sie in ihren

Freistunden verfertigen, zum Verkauf zu bringen. Sie sind vorzüglich

geschickt im Korbflechten.

Wenn man die Sklaven auf diesem Markte sieht, sollte man gerade nicht

glauben, daß es ihnen gar so hart ergeht, wie viele behaupten, und wie

es leider im allgemeinen wirklich der Fall ist. Sie sind ordentlich und

gut gekleidet, bringen viele Produkte auf den Markt, und umlagern die

Kaffee- und Schenktische in großen Massen.

Ich besuchte während meines Aufenthaltes zu Neu-Orleans zu

verschiedenen Malen die Sklavenmärkte, so wie auch die Orte, wo die

Sklaven öffentlich versteigert werden.

Die Haupt-Sklavenversteigerungen finden jeden Sonnabend in einem

prachtvollen, hohen Saale statt, der bequem an 500 bis 600 Personen

fassen mag. In demselben Lokale werden an den andern Tagen der Woche

Ländereien, Häuser u. s. w. versteigert. Rings herum in dem Saale

sind drei Fuß hohe Tribünen errichtet, auf welchen die Ausrufer

sammt den armen zu verkaufenden Opfern stehen. Die Sklaven sind gut

gekleidet und herausgeputzt, und werden so gestellt, daß sie von den

Kauflustigen vollkommen gut gesehen werden können. Der Ausrufer liest

ihr Alter, ihre körperliche Beschaffenheit, Tugenden, Fähigkeiten

u. s. w. ab, macht den Preis bekannt, und die Versteigerung beginnt.

Der Ausrufspreis für eine junge Mutter mit einem Kinde auf dem Arme,

einem andern an der Hand war 600 Dollars, das höchste Angebot 1280.

Der Eigenthümer gab sie jedoch dafür nicht her; der Preis war ihm noch

um einige hundert Dollars zu geringe. Mädchen von zwölf bis dreizehn

Jahren sah ich für 600 Dollars verkaufen. Diese armen Geschöpfe sahen

dem Verkaufe mit besonders fröhlichen Mienen entgegen, sie gefielen

sich in ihren schönen Kleidern und dachten wohl, daß die ganze

Gesellschaft sie bewundere -- es war vielleicht der seligste Tag ihres

Lebens!! --

Ich konnte diese Menschenversteigerung nicht lange mit ansehen -- ich

fand es wahrhaftig gar zu empörend, daß Menschen so tief sinken, so

ganz aller Moral, aller Humanität vergessen, ihres gleichen wie Thiere

zu er- und verhandeln.

Bei den Sklavenhändlern fand ich die Sklaven in Höfen sich aufhaltend.

Sie arbeiteten nicht, waren gut gekleidet und stets zum Verkaufe

bereit gehalten. Ich that, als hätte ich eine Köchin nebst einem

Diener nöthig. Sogleich wurden alle Sklaven durch den Schall einer

Glocke zusammen berufen und in zwei Reihen aufgestellt, in der einen

die Männer, in der andern die Weiber und Mädchen, worauf das Loben

und Anpreisen von Seite des Verkäufers anging. Für eine gute Köchin

verlangte er 1200 Dollars, für einen Diener, der, wie er sagte, noch

nicht ganz abgerichtet war, 1100 Dollars.

Die Sklavenhändler werden, sonderbarer Weise, sehr verachtet;

niemand geht mit ihnen um; sie sind beinahe wie von der menschlichen

Gesellschaft ausgeschlossen. Ich möchte fragen, ob denn der

Sklavenhalter achtbarer ist, als der Sklavenhändler? Kauft und verkauft

der Herr nicht so gut wie der Händler? Lebt der eine nicht so gut

wie der andere von dem Schweiße dieser Armen? Werden die Sklaven von

beiden nicht als Vieh angesehen und behandelt? Wahrlich, wenn man

die menschliche Gesellschaft betrachtet, mit ihren widersinnigen

Unterschieden und Kleinlichkeiten, muß man sie oder sich selbst oft für

irrsinnig halten.

Auch auf Plantagen hatte ich Gelegenheit, die Lage der Sklaven zu

beobachten; ich besuchte mehrere und brachte auf einer derselben,

bei Herrn +Kok+, einem reichen Sklavenhalter, in der Nähe von

+Donaldsville+ mehrere Tage zu.

Ich bin natürlich der Sklaverei so feind, wie jeder Mensch, der

ein Herz im Leibe hat. Ich sehe in ihr den größten Schandfleck der

Menschheit und möchte behaupten, daß jener, der Sklaven hält oder

damit handelt, den Namen „Mensch“ oder gar „Christ“ nicht verdient.

Ich war nicht das erste Mal in Sklavenstaaten, und überall erregte die

Sklaverei meinen tiefsten Abscheu; aber hier noch ungleich mehr wie

irgendwo, denn hier war ich von Republikanern umgeben, die auf ihre

Freiheit, auf ihre Gleichheitsrechte so stolz thun, daß sie denjenigen

gleich niederschießen möchten, der sie darin zu beeinträchtigen

oder zu stören sucht. Und diese freien Männer können sich selbst so

erniedrigen, können mit so öffentlicher Schamlosigkeit alle Grundsätze

der Religion und Moral mit Füßen treten?! Mit diesen bittern Gefühlen

besuchte ich die Pflanzungen, und war daher durchaus nicht geneigt, sie

mit günstigen Augen zu betrachten.

Doch muß ich gestehen, daß ich wenigstens auf jenen, die ich besuchte,

das Schicksal der armen Sklaven minder hart fand, als ich mir

vorstellte, was besonders der Fall auf Herrn Kok’s Pflanzungen war.

Dieser Herr, so wie seine Gemahlin, mögen wohl zu den besten und

menschenfreundlichsten Sklavenhaltern gehören; selbst ihre ganz jungen

Kinder scheinen schon die Gefühle der Eltern zu theilen. Ich sah eines

derselben, einen sechsjährigen Knaben, bei Tische von allen Gerichten

etwas bei Seite legen. Als ich ihn frug, für wen das bestimmt sei, gab

er mir zur Antworte „Für ein Negermädchen, unsere Gespielin, die etwas

unwohl ist.“

Die Negerwohnungen auf Herrn Kok’s Plantagen bestanden aus

abgesonderten kleinen Hütten, deren jede ein geräumiges Gemach

enthielt, in welchem entweder eine Familie, oder zwei bis drei

Unverheirathete wohnten. Die Betten waren gut und mit Polster,

Wolldecken, ja sogar mit Muskitonetzen versehen. In jeder Hütte gab

es wenigstens einen Tisch, einige Schemel, eine hölzerne Truhe. Eine

große Hütte in der Mitte des Dorfes war zur Aufbewahrung der kleinen

Kinder bestimmt, deren Eltern zur Arbeit gingen. Eine muntere, kräftige

Negerin führte die Aufsicht über sie. Nach einer Entbindung bleibt die

Mutter vier Wochen ganz zu Hause, und so lange das Kind der Mutterbrust

bedarf, sorgt man, daß sie in der Nähe der Wohnung Beschäftigung findet.

Auch an einem Hospitale fehlte es nicht, aus zwei geräumigen Gemächern

bestehend und mit recht guten Betten versehen. Ein Arzt kommt jede

Woche, und wenn es die Nothwendigkeit erfordert, jeden Tag.

Ich ging mehrere Male ohne Begleitung des Herrn Kok in das Dorf. Die

Leute waren anständig gekleidet; ich sah manche vor der Thüre ihrer

Hütte sitzen, mit einem tüchtigen Stücke Weißbrod in der Hand; auch

gebratenes frisches Schweinefleisch bekommen sie von Zeit zu Zeit.

Gegen sechs Uhr Abends kehrten sie von der Arbeit heim, munter und

lachend; das Abendmahl, aus Maismehl und Fleisch bestehend, war

bereitet und schmeckte gut, die Portionen waren reichlich. Nach

eingenommenem Mahle gingen sie von einer Hütte zur andern, saßen

zusammen, schwatzten und schäckerten -- sie schienen ihr Loos durchaus

nicht unglücklich zu finden. Besonders gut hatten es die Haussklaven

bei Herrn Kok. Ich bemerkte nie, daß sie stark ausgezankt oder gestraft

wurden, und ich suchte doch unbeachtet so viel wie möglich alles zu

beobachten.

Wenn es auf allen Pflanzungen so zuginge, wäre Sklaverei freilich

besser als die Lage vieler Bauern und Arbeitsleute in Europa. Man gehe

nach Rußland und sehe, wie der Bauer behandelt wird. Der russische

Bauer ist Sklave seines Herrn, Sklave der Regierung, Sklave der

Beamten, Officiere, ja nicht selten des gemeinen Soldaten. Er muß dem

Gutsherrn Frohndienste leisten, der Regierung Steuern zahlen, sich von

jedem Beamten, Officier und Soldaten Schläge und Mißhandlungen gefallen

lassen, und dabei für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen. Kein Mensch

schafft ihm ein Kleid, wenn das seine in Lumpen vom Körper fällt, kein

Mensch reicht ihm einen Bissen Brod, zahlt seine Steuern, wenn sein

Feld zu wenig gibt. Was die Mißhandlungen betrifft, die ihm zu Theil

werden, könnte man davon so schauderhafte Geschichten erzählen, wie man

sie von den Sklavenhaltern erzählt. Der Herr, die Frau, die Aufseher

mißhandeln ihn nach Gefallen, der Beamte, der Officier, ja der gemeine

Soldat bezahlen ihm die geleisteten Dienste mit Prügel und Fußtritten.

Wenn ein Weib, ein Mädchen die Aufmerksamkeit des Gutsherrn erregt

und seine Wünsche nicht gutwillig erfüllt, ist sie, sind alle ihre

Verwandten der Rache desselben Preis gegeben. Der russische Bauer darf

die Scholle Erde nicht verlassen, auf welcher er geboren ist; er wird

+nur+ auf 25 Jahre zum Soldatendienst gezwungen, er wird mit der Knute

zum Frohndienste, zum Straßen- und Brückenbaue, zum Vorspann und andern

Leistungen getrieben, für welche er keine Entschädigung erhält. Für ihn

gibt es kein Gericht, seine Peiniger selbst sitzen als Richter an der

Tafel. Dabei aber besitzt er nicht, gleich dem Sklaven, einen Herrn,

der ihn theuer erkauft hat, und daher für ihn sorgt, wenigstens seine

leiblichen Bedürfnisse befriedigt. Wahrhaftig, das Loos eines Sklaven

könnte man noch für erträglicher halten als jenes eines Russischen

Bauern! --

Unverzeihlich finde ich es, daß sich die Regierung der Vereinigten

Staaten gar nicht um das Schicksal der Sklaven bekümmert. Die

Sklavengesetze sind höchst mangelhaft und schlecht, und selbst auf die

Befolgung der wenigen und schlechten Gesetze wird nicht gesehen. Die

Amerikaner sagen: „Da hätte die Regierung viel zu thun, sie kann sich

nicht zum Spione machen; das wären Eingriffe in die Freiheit“ u. s. w.

Ich meine aber, wenn sie sich in andern Zweigen der Verwaltung zum

Spürhunde hergibt, und z. B. die Wirthe ausspionirt, die am Sonntage

ein Glas Bier ausschenken, oder die Gäste, die es trinken, oder die

Uebertreter des Maine-Gesetzes[2], so kann sie es auch thun, wo es

sich um einen ganz ohne Vergleich wichtigeren Gegenstand handelt. Oder

ist es vielleicht ein geringeres Verbrechen, einen Menschen zu Tode zu

martern, als an einem Sonntage ein Glas Bier zu trinken? Warum vermag

die Holländische Regierung in Indien die Sklaven so trefflich zu

schützen? Ein despotischer Staat sorgt für die Milderung des Zustandes

dieser des ersten Menschenrechtes beraubten Unglücklichen, und ein

freier Staat, mit dessen Prinzip, dem gesunden Menschenverstande nach,

Sklaverei unvereinbar sein sollte, erlaubt und begünstiget sie nicht

bloß, sondern ermäßiget sie nicht einmal durch gute Gesetze! -- In

den Vereinigten Staaten darf der Sklave nicht Zeugniß abgeben, ja

unbegreiflicher Weise nicht einmal klagen. Das Gesetz erlaubt, den

Mann von seinem Weibe, die Kinder (jedoch nicht vor dreizehn Jahren)

von ihren Eltern zu reißen und zu verkaufen. Was für herzbrechende

Scenen mag es bei ähnlichen Gelegenheiten geben! Möchte doch solchen

Gesetzgebern, solchen Sklavenverkäufern dasselbe Schicksal widerfahren,

damit ihr abgestumpftes Gefühl ein wenig aufgerüttelt würde!

Ich will hier aus Hunderten von Beispielen, welche die grausame

Behandlung der Sklaven von Seite der Weißen darthun, nur einige

anführen. Ich ziehe sie aus: „Amerikanische Sklaverei, wie sie ist,

bestätigt von tausend Augenzeugen,“-- herausgegeben in Neu-York 1839.

* * * * *

Herr G..., Erzieher bei einer Pflanzerfamilie, die den Ruf der Milde

hatte, schreibt im Juli 1832 ungefähr folgendes: „Eines Morgens, als

das Tischgebet vor dem Frühstücke beendet war, verlangte eines der

Kinder Syrup (Molasses). Die Sklavin gab ihm eine Portion auf den

Teller, vielleicht ein wenig größer wie sonst, doch nicht mehr, als das

Kind häufig zu essen pflegte. Der Herr ward darüber so aufgebracht,

daß er aufstand, die Hände der Sklavin mit einer Hand festhaltend,

sie mit der andern so lange aus allen Kräften schlug, bis er von der

Anstrengung ermüdet auf den Stuhl sank und sagte, seine Hand sei zu

schwach, um fortzufahren. Er zog hierauf seinen Schuh aus, und begann

mit dem Absatze desselben auf die Arme loszuschlagen. Sie konnte sich

endlich nicht enthalten zu schreien und suchte mit den Ellbogen den

Kopf zu schützen. Der Herr rief einen Neger herbei, und ließ ihn die

Hände der Sklavin hinter dem Rücken festhalten, damit er ungestört

fortprügeln konnte. Die Sklavin fiel endlich vor Schmerzen zu Boden und

rief Herrn G. um Hilfe an. Nichts desto weniger wurde mit dem Schlagen

fortgefahren. Herr G. meinte schon, daß sie den Geist aufgeben müsse.

Sie stand jedoch auf, ging hinaus, um sich vom Blute zu reinigen, und

kam, bevor man vom Tische aufstand, wieder in den Saal. Kein Mensch

würde sie erkannt haben, der Kopf war ganz aufgeschwollen, die Ohren

handdick, die Augen mit Blut unterlaufen u. s. w.“

Für dergleichen Kleinigkeiten hat sich der Pflanzer gar nicht zu

verantworten.

Eine andere Geschichte:

Herr P. erzählt von einem Herrn +Benjamin Jakob Harris+, Sklavenhalter

in Richmond, daß er ein Negermädchen von 15 Jahren zu Tode gepeitscht

habe. Während er sie schlug, machte seine Gattin ein Eisen glühend und

brannte sie damit an verschiedenen Theilen des Körpers. Das Verdikt

lautete: „Gestorben in Folge zu harter Schläge“ -- und der Mörder wurde

losgesprochen.

Einige Jahre später peitschte derselbe +Harris+ einen Sklaven zu Tode.

Er wurde abermals losgesprochen, da außer Sklaven niemand Zeuge dieser

That war.

Ein Kapitän von der Marine der Vereinigten Staaten zürnte einst über

seinen Negerjungen. Er stellte ihn auf einen Stuhl, band ihm die

Hände mit einem Stricke vorne zusammen, schlang den Strick um einen

Balken, zog den Jungen so hoch auf, daß er gerade mit den Zehen auf dem

Stuhle stehen blieb, und peitschte ihn in dieser Stellung mit kurzen

Unterbrechungen so lange, bis er ohnmächtig wurde und starb.

Auch dieser feige Henker wurde losgesprochen.

In +Goochland+ (Virginia) band ein Aufseher einen Mann an einen Baum,

schlug ihn in kurzen Zwischenräumen auf das grausamste, umgab den Baum

hierauf mit Strauchwerk, zündete es an und verbrannte langsam das arme

Schlachtopfer. Weil der Thäter ein Farbiger, nicht ein Weißer war,

wurde er zwar nicht aufgehenkt, wie er es verdient hätte, aber doch

wenigstens auf einige Monate eingesperrt.

* * * * *

Mehr als tausend ähnliche Fälle enthält das Buch. Wenn man solche

Unthaten sieht und erzählen hört, könnte man versucht werden zu

wünschen, daß die Neger sich zusammenrotten und auch einmal an ihren

grausamen Henkern das Richteramt ausüben, ihnen gleiches mit gleichem

vergelten möchten! --

Dasselbe Buch sagt auch, daß die Sklavenhalter eine Zusammenkunft

gehabt hätten, um zu berathen, was mehr Nutzen brächte, die Sklaven gut

zu halten und dadurch das Kapital zu schonen, oder sie zu überarbeiten

und nach sieben bis acht Jahren zu verlieren. Leider soll das letztere

als mehr Nutzen bringend befunden worden sein. Und so sterben viele

Sklaven im Uebermaße körperlicher Anstrengung frühzeitig dahin. Das

Gesetz erlaubt in +Süd-Karolina+, den Sklaven im Sommer fünfzehn, im

Winter vierzehn Stunden täglich zur Arbeit anzuhalten, während der

Verbrecher durchschnittlich nur neun Stunden zu arbeiten hat. Die

meisten Sklavenstaaten haben jedoch keine Gesetze in dieser Beziehung;

der Pflanzer kann seine Sklaven ungestraft zu Tode arbeiten lassen.

Um den Unterricht der Sklaven bekümmern sich diese weisen und

menschenfreundlichen Gesetze nur in so ferne, daß sie denselben

verbieten. +Einen Sklaven lesen oder schreiben zu lehren, wird von dem

Gesetze strenge bestraft[3].+ -- Hier ist das Gesetz kein Spion!

Man ist aus allen Kräften bemüht, die Neger auf jener Stufe zu

erhalten, auf der sie waren, als man sie aus ihrem Vaterlande riß.

Auch über den Religionsunterricht ist nichts vorgeschrieben. Hie und

da befaßt sich eine Pflanzersfrau damit und hält eine Sonntagsschule,

d. h. sie liest den Sklaven aus der Bibel vor, lehrt sie Psalmen und

heilige Lieder singen -- die Moral mögen sie selbst herausfinden (eine

gewiß sehr schwierige Sache, da sie das christliche Betragen ihrer

Herren stets vor Augen haben). Auch Priester gehen zeitweise auf die

Pflanzungen, um zu lehren, d. h. zu predigen. Mehr darf nicht geschehen.

Höchst sonderbar finde ich es, daß die Weißen die Sklaven einerseits

den Thieren gleich stellen, und andererseits ihnen das Theuerste,

die Kinder, anvertrauen. Die Negerin säugt sie, pflegt ihre erste

Kindheit, ja bleibt nicht selten die Vertraute des herangewachsenen

Mädchens. Hiezu finden die Eltern die Schwarzen vollkommen geeignet.

Muß dieser nahe Umgang mit so rohen sinnlichen Menschen nicht sehr

schädlich auf Sitten, Charakter und Bildung der Kinder einwirken? Muß

das Sittlichkeitsgefühl des Kindes, Mädchens oder Jünglings durch das

Beispiel, durch die Redensarten dieser Leute nicht gänzlich untergehen?

Ist dieß nicht von Seite der Eltern ein grenzenloser Leichtsinn, ein

gänzliches Vergessen ihrer Pflichten? Aber weil +sie+ so erzogen

wurden, mögen es ihre Kinder auch wieder werden: es ist gar zu bequem,

diese schwere Sorge andern zu überlassen. Daß es unter den Eltern auch

Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.

Ich möchte beinahe glauben, daß sich das Sklavenwesen durch seine

Folgen in manchen Beziehungen an den Weißen selbst rächt. Die Kinder

werden gewöhnt, sich jeden Dienst leisten zu lassen: es wäre eine

Schande, sich selbst auch nur ein Band zu binden, oder etwas von dem

Boden aufzuheben, -- der Sklave ist des Kindes Hand. Natürlicher Weise

werden die Kinder dadurch launenhaft, befehlshaberisch, träge, boshaft;

jede Energie, die Kraft zu handeln, ja selbst zu denken, geht verloren

und leider das Gefühl auch. Ein in den Sklavenstaaten erzogener

Jüngling, ein daselbst erzogenes Mädchen unterscheidet sich sehr zu

seinem Nachtheile von der in den freien Staaten erzogenen Jugend. Und

wirkt die Erziehung, die man in der Kindheit genießt, nicht auf das

ganze Leben?

Nicht minder hart als Sklaverei ist das Loos der freien Neger und

Farbigen, und zwar eben sowohl in den freien wie in den Sklavenstaaten.

Sie sind theils durch das Gesetz, theils durch die albernen

Vorurtheile der +duldsamen Christen+ von der menschlichen Gesellschaft

ausgeschlossen, gehören eigentlich gar keinem Stande zu, weder dem

Sklaven- noch dem Bürgerstande, und sind die Parias der Vereinigten

Staaten.

Um ihnen das Erniedrigende ihres Schicksals noch tiefer fühlen zu

lassen, gab man ihnen die Erlaubniß, Schulen zu besuchen, sich zu

bilden. Es ist dieß eine raffinirte Quälerei, der despotischsten

Regierung unwürdig. Durch die Bildung wird der Ehrgeiz erweckt,

der Neger und Farbige lernt sich als Mensch, lernt die Rechte der

Menschheit kennen -- wozu? -- um zu sehen, daß er von den Menschen

ausgestoßen, daß er der Rechte derselben beraubt ist. Denn das Gesetz

läßt ihn nicht Bürger des Staates werden, gibt ihm keine Stimme bei

den Wahlen, erkennt ihn nicht als Zeuge, ja ein Neger oder Farbiger

darf sogar keine Ehe mit einer Weißen eingehen. Muß der Arme nicht zum

Menschenfeinde werden? Muß durch so harte, widersinnige Gesetze nicht

jedes bessere Gefühl in ihm erstickt werden? Und ist es nicht die erste

Pflicht einer Regierung, mag sie was immer für einen Namen haben, auf

die Moral, auf die Sittlichkeit der Menschen zu wirken? Hier ist es

gerade das Gesetz, das der Moral Hohn spricht, und seine Verachtung des

menschlichen Gefühls geht so weit, daß wenn ein Weißer Kinder mit einer

Negerin oder Farbigen zeugt, er sie nicht einmal anerkennen darf. Will

er die Achtung seiner Mitbürger erhalten, so muß er ihnen die Erziehung

verweigern; verkauft er sie aber, allein oder sammt der Mutter, was

nicht selten vorkommen soll, so bleibt er ein +Ehrenmann+.

Oft sprach ich über das Schicksal dieser Unglücklichen, hörte aber die

Amerikaner stets behaupten, daß das vollkommen in der Ordnung sei, und

daß, wenn es den Leuten nicht gefalle, sie in ihr Vaterland gehen oder

nach Europa auswandern könnten.

In ihr Vaterland gehen?

Wo ist denn ihr Vaterland? Etwa in Afrika? Sind sie dort geboren? Haben

sie dort ihre Familie? Sprechen sie die Landessprache? Nichts von alle

dem. Seit fünfzig Jahren darf kein Sklave mehr eingeführt werden.

Die heutige Nachkommenschaft ist in Amerika geboren, Amerika ist ihr

Vaterland, und nicht Afrika, denn meiner Meinung nach haben die in

Amerika gebornen Neger so gut Anspruch auf den Namen „Amerikaner,“ als

die von den Europäischen Einwanderern abstammenden Weißen. Das ihnen

von den Amerikanern aufgedrungene Vaterland kennen sie nicht einmal dem

Namen nach.

Nach Europa auswandern?

Wer gibt ihnen die Mittel dazu? Und was sollen sie in einem Welttheile

machen, der übervölkert ist, der jährlich Hunderttausende von

Auswanderern nach allen Weltgegenden sendet? Europa ist nicht Amerika.

In Amerika bedarf man noch sehr der Hände und Köpfe. Die Einwanderung

ist es, welcher die Vereinigten Staaten die Stufe der Macht und

Bedeutung verdanken, auf der sie heut zu Tage stehen.

Kaum sollte man glauben, daß es Leute gibt, die behaupten, daß das

Sklavensystem in seinen Folgen sehr wohlthätig auf die Eingebornen

Afrika’s einwirke. Die freien Neger, sagen sie, werden erzogen,

erhalten guten Unterricht in der Religion. Sendet man sie dann nach der

Neger-Republik +Liberia+ in Afrika, so können sie dort ihre Landsleute

bekehren und gleichsam Missionär-Dienste verrichten.

Meine zweite Weltreise(#75641) · 第 6 / 9 题