Er lief direkt in die Klasse. Da lag noch ein Stoß Hefte. Aufsätze, die

noch nicht korrigiert waren. Und ein Stoß Diktate. Er nahm sie unter den

Arm, steckte seine rote Tinte ein und lief nach Hause. Da fiel ihm ein,

daß er in seinen Listen noch etwas nachzutragen hatte. Er eilte wieder

in die Klasse, sah alles nach, trug ein, legte und rückte dann alles in

Ordnung, nahm ein frisches Stück Kreide, stäubte das Kruzifix ab,

stellte sich dann mitten ins Schulzimmer und musterte alles.

-- In Ordnung -- gut so! --

Dann ging er.

Er sprach daheim kein Wort. Sogleich fiel er über seine Hefte her und

arbeitete fieberhaft. Es wollte ihm ganz schwindlig werden. Aber er

bezwang sich. Ein roter Strich nach dem anderen -- da ein Wort

eingeflickt -- da einen ganzen Satz ausgestrichen -- dann überblickte er

das Ganze noch einmal und schrieb dann die Note darunter. So bei jedem

Heft.

Die Zeit ging weiter, ohne daß er's merkte.

Seine Frau rief zum Nachtessen. Er winkte ab, ohne aufzusehen.

Seine Frau brachte ein Licht.

Er arbeitete weiter, immer weiter.

Schlag zwölf Uhr war er fertig.

Aber wie war ihm nun. Er spürte in seinem Kopfe ein Stechen, wie wenn

Nadeln darin wären. Er mußte sich den Kopf halten und drückte ihn.

Darauf wurde es ein bißchen besser.

»Eß noch was!« rief die Grete vom Bett aus.

Aber er konnte vor lauter Aufregung nichts essen.

Er legte sich. Aber an Einschlafen war gar nicht zu denken. Er war zu

aufgeregt. Und alle Augenblicke schrie das Jüngste. Es war eine harte

Nacht.

Ganz abgespannt stand der Schullehrer bei guter Zeit auf und trug seine

Hefte in die Klasse.

Schlag sieben trat der Schulinspektor mit dem Ortsschulvorstand ein.

Die Prüfung begann.

Der Schullehrer zitterte am ganzen Leibe.

»Lesen!« befahl der Inspektor.

Das Lesen ging so leidlich. Dem Lehrer wollte es ein bißchen leichter

werden.

»Kopfrechnen!« befahl der Inspektor.

Der Lehrer gab eine Aufgabe. Nach einer Weile gingen die Finger in die

Höhe.

»Wieviel? -- Du? -- Du? -- Du?«

»Falsch!« rief der Lehrer mit seiner dünnen Stimme nach jeder Antwort.

Er spürte es ganz heiß, daß ihn der Inspektor scharf ansah.

Die Aufgabe wurde vorgerechnet. Das Resultat war das der Schüler. Dem

Lehrer hämmerte es in den Schläfen. Er gab eine zweite Aufgabe. Die fiel

ihm schwer; er verschluckte, verbesserte sich, die Aufgabe war nicht

recht klar. Auf den Gesichtern in der obersten Bank erschien ein

Lächeln. Der Lehrer wiederholte dieselbe Aufgabe noch einmal. Jetzt

war's ihm gelungen.

Es gab verschiedene Antworten. Der Lehrer wurde ganz verwirrt. Er konnte

sich nicht entscheiden.

»Wir wollen die Aufgabe vorrechnen,« stammelte er.

»Wer hat 253?« fragte der Inspektor.

Die Finger gingen in die Höhe.

»Die haben's recht,« sagte der Inspektor, dann führte er das Kopfrechnen

weiter.

Er machte sich einige Notizen in sein Büchelchen.

Mit dem Lehrer ging alles herum. Er sah alles grün. Über die Gesichter

seiner Schüler ging ein grüner Schein. Und er hörte ein leises Geflüster

und Gekicher neben sich und hinter sich.

Der Schweiß wurde ihm kalt. Seine Zähne klapperten. Er fror.

»Geographie, bitte,« sagte der Schulinspektor sehr freundlich. Er hatte

wohl Mitleid mit dem armen, blassen, zitternden Lehrer.

Als der Inspektor sprach, ging es ihm wie ein elektrischer Strom durch

den Körper. Er rappelte sich auf und fing an zu prüfen. Aber in seinem

Kopfe war alles verwirrt, alles lag durcheinander. Ein Name jagte den

andern. Und alles waren nur noch Namen. Er fragte und wußte selbst nicht

was. Er fühlte nur so dunkel, daß alles falsch war. Da hörte er den

Schulinspektor mit der Zunge schnalzen. Er fühlte es deutlich, jetzt

schüttelte er wohl den Kopf. Aber es mußte, mußte gehen. Er tat noch ein

paar Fragen und verhaspelte sich immer mehr. Die Schüler lachten hell

auf.

Der Inspektor berührte ihn an der Schulter.

»Das ist ja gräßlich, lassen Sie es, bitte.«

»Herr Inspektor -- ich -- -- -- --«

»Sie sind wohl unwohl -- ich sehe es Ihnen an -- -- oder -- --?«

»Ach Gott,« seufzte der Lehrer.

Dann besprach sich der Inspektor mit dem Ortsschulvorstand. Sie

betrachteten die Hefte. Der Lehrer merkte deutlich, der Pfarrer trat für

ihn ein. Der Schulinspektor widersprach. Er erhitzte sich nun sogar.

Dem Lehrer wurde nun alles gleichgültig.

»Nun denn,« hörte er den Inspektor sagen, »wollen wir es beschließen.

Unter solchen Umständen -- -- also,« wandte er sich an den Lehrer,

»Schluß für heute -- ich sehe bald wieder nach -- unbegreiflich ... ihr

könnt gehen, ihr Kinder.«

Und nach und nach leerte sich das Schulzimmer. Der Schulinspektor sagte

dem Lehrer noch etwas, aber das hörte er gar nicht. Er war ganz

abwesend. Ihm war, als sei er geköpft worden, oder doch wenigstens, als

sei ihm mit einem schweren Hammer auf den Kopf geschlagen worden, gerade

vorn oben hin, wo die Stirn anfängt. Denn da spürte er noch den Druck.

Er stand allein in seinem Schulzimmer. Noch eine kurze Weile nur, und er

ging auch.

Wohin er gehen wollte, wußte er selbst nicht. Er ging nur. Zur Tür

hinaus, die Treppe hinunter und dann die Straße weiter. Er schritt dem

Walde zu. Als ob der Weg ganz eben wäre, so leicht schritt er die Höhe

hinauf. Ziellos ging er weiter. Und endlich stand er vor der großen

Eiche.

Ein scharfer Wind ging da. Er nahm seinen Hut ab. Die Kühlung tat ihm

wohl.

Und er ging weiter. Allmählich verlor sich der Schmerz in seinem Kopfe,

und er fühlte sich kräftiger.

Auch die Erinnerung seines heutigen Erlebnisses begann sich zu

verwischen. Bald war es ihm, als habe er einen Kater. Nur noch ein

schwaches Brummen im Kopfe. Und nun dachte er an seine Frau und seine

Kinder.

Er trat den Heimweg an.

Er kam gerade recht zum Nachtessen. Die Grete wußte schon alles; aber

sie sagte nichts. Der Pfarrer hatte es ihr ausdrücklich verboten -- ihr

Mann sei überarbeitet, hatte er gesagt. Obgleich sie zuerst darüber

ungläubig gelacht hatte, denn von Überarbeiten begriff sie nichts,

folgte sie doch dem Rate des Pfarrers und schwieg.

Die Schullehrersleute legten sich früh ins Bett. Sie hatten ja immer

schlechte Nächte mit dem Jüngsten. Das ließ gar nicht ruhen. Frau Grete,

um ihren Mann nicht zum Legen überreden zu müssen, legte sich zuerst.

Ihr Mann tat ihr alsbald nach. Er saß noch im Hemd auf der Bettkante und

zog seinen Strumpf aus, als das Jüngste schon anfing zu schreien.

»Ach Gott!« stöhnte die Grete.

»Bsch -- wsch -- wsch,« sang der Schullehrer.

Aber das Jüngste schrie immer ärger.

Nun sang die Grete:

»Feierche, Feierche brennt --

Mein Kind des friert an de Händ',

Mein Kind des friert am linke Fuß,

Daß des Feierche brenne muß.« ...

Geschrei und Singen dauerten eine Weile. Endlich hörte der Gesang auf.

»Ach Gott, was en Last, was en Last!« seufzte die Mutter. Der Vater

machte nur »hm, hm«.

»Tag und Nacht kein Ruh,« fuhr die Mutter fort. »Und das viele Geld, was

es kost! Ach Gott, ach Gott!«

Nun kam wieder eine unheimliche Erregung über den Schullehrer.

Tausenderlei schwirrte ihm durch den Kopf. Unglück -- Krankheit --

Brotlosigkeit -- Not -- Elend -- ohne Stelle -- --! Wo das nur all auf

einmal herkam!? Er dachte nun sogar ans Sterben ...

»So en Last wie mir, so en Last wie mir,« fing die Grete wieder an. »Des

saure Lewe -- is denn beim liebe Herrgott gar kein Erbarmen!«

Das kam mitten in des Schullehrers Gedanken vom Sterben hinein.

Rasch, ohne daß er's eigentlich merkte, stieg ein schlimmer Wunsch auf

und schlüpfte über seine Lippen: »Ja, wenn er es zu sich nähme, der

liebe Gott --« Er erschrak heftig, und nun war's ihm, als ob er erwache

-- --.

Er lag nun im Bette. In einem fort hörte er wie drohend den argen

Wunsch. Das ließ ihm keine Ruhe.

Das Jüngste war nun still. Die Mutter schlief. Aber der Vater konnte den

Schlaf nicht finden. Immer und immer wieder der arge Wunsch. Er stand

auf und sah nach seinem Kinde. Es schlief ruhig. Aber ihm war doch so

sonderbar. Es schien ihm, als sei's noch blasser als sonst, als gehe

sein Atem schneller. Er sah genauer und horchte. -- Nein, doch nicht --

beruhigte er sich. Er legte sich wieder. Das Wort »Erfüllung« ging ihm

durch den Sinn. Eine unheimliche Angst faßte ihn. Er weckte seine Frau.

»Grete, sieh mal nach dem Kind!«

»Loß mich schlofe,« knurrte die. »Wann mer emol Ruhe kennt.« Sie schlief

schon weiter.

Der Schullehrer stand wieder auf und sah nach seinem Kinde. Alles wie

vorhin. Er legte sich wieder.

Jetzt zitterte er am ganzen Körper. Schweiß trat auf seine Stirn. Eine

Last legte sich auf seine Brust. Das nahm ihm fast den Atem. Nun wurde

es ihm zum Ersticken heiß. »Erfüllung« -- das gespenstische Wort wieder

und wieder.

Er sah eine Gestalt auf sich zukommen, halb Habicht, halb Mensch. Die

Hände waren mächtige Fänge, die Augen glühten, in dem krummen Schnabel

staken spitze, blutige Zähne. Dieses Untier würgte alles Leben. Und ein

junges, liebes, blasses Kind spielte da am Wege. Sein Kind. Und der

Habichtmensch griff schon nach ihm ...

Eine stöhnende Angst ... Und das Kind hob das Auge, sah seinen Vater an,

so gehorsam–vorwurfsvoll, so traurig ... Welch ein Schmerz! -- Und er

lief davon, weit fort, über Steine, über Felsen -- immer den Berg hinauf

... Aber es heftete sich etwas an seine Fersen. Er trat nach hinten ...

Er hörte das Weinen seines Kindes, als habe es den Tritt bekommen ...

Aber es hielt ihn fest, fest wie mit einem scharfen Haken ... Und es

lief an ihm hinauf ... Das Leben war's, das junge Leben, das nicht

vergehen wollte ...

»Du Mörder, du Egoist!« schrie's ihm gellend ins Ohr.

Nun saß es ihm fest im Genick -- und es drückte seine Nägel in seinen

Hals ... Es überlief ihn starr, kalt ...

»Gleiches Recht -- Recht zu leben wie du -- oder Kampf!« schrie's.

Er konnte nur noch stöhnen.

»Kampf! -- Kampf!« jubelte es.

Da drückte es ihn nieder, nieder auf einen Felsengrat über einem dunklen

Abgrund. -- Er schlug sich die Schläfe auf -- da fühlte er einen

schnellen scharfen Schnitt, noch einen blutigen Riß im Gehirn -- --

alles war auseinander ...

»Leben, Leben!« schrie's über ihm. »Triumph!« ... Da brach er in sich

zusammen zu einem morschen Klumpen ...

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Johann! -- Johann!« rief die Grete.

Aber er rührte sich nicht.

Sie schüttelte ihn. Da lallte er etwas und sang: »Bsch -- wsch -- wsch

-- -- wsch« und zog's immer länger.

Die Grete sah ihm in die Augen. Die waren erloschen, beinahe wie bei

einem Toten.

Sie griff sich in die Haare. -- --

* * * * *

Draußen rappelte eine Chaise. Der Kreisarzt fuhr am Hause vorbei. Er war

ins Dorf gekommen, um die Impfung vorzunehmen. Die Grete rief ihn

herein.

Er betrachtete den Schullehrer, fragte ihn dies und das, konnte aber

nichts aus ihm herausbringen.

Dann murmelte er etwas vor sich hin -- Nervenschlag! --

Gehirnerweichung? -- so etwas murmelte er ...

Bis Mittag riefen sich die Kinder, die froh waren, daß sie keine Schule

hatten, auf der Straße zu: »Unser Schullähre is närrischt worn ... ja --

er is +närrischt+ worn ...«

* * * * *

Die Freite.

Also nun war es wieder November geworden. Trübe Tage. Der Oktober war

noch einmal licht und freundlich gewesen, und das Land hatte weit und

breit klar gelegen. Nur am Morgen waren die Nebel aufgezogen, lang und

dicht das Selztal hin, aber bald war die Sonne gekommen und hatte sie

vertrieben. Da hatten sie dann in den Weiden und Erlen in losen Fetzen

geflattert, bis die auch verflogen waren und nur in den ausgespannten

Spinnennetzen als dünne glitzernde Perlchen eine Spur zurückgelassen

hatten. Es waren so schöne Tage gewesen, die Oktobertage diesmal, und

man hatte noch einmal ans Leben gedacht, als wär's Sommer, hatte hinaus

gedacht zu den Menschen, ins Weite und Gesellige.

Und nun war's November und trübe, und man war mit seinem ganzen Sinnen

und Sorgen zurückgetrieben in seine vier Wände, in die Enge, und man

mußte sich einrichten auf den Winter, auf Frost und Feuchte, auf die

lange tote und unliebe Zeit.

Nun blieb die Wiesenmühle ganz abgeschlossen von der Welt. Niemand mehr,

der im Felde arbeitete. Höchstens vielleicht, wenn es Eis gab, daß die

Eismacher herauskamen. Dann die paar Bauern, die mahlen ließen. Es waren

nicht mehr viel. Die Hauptsache war schon weggemahlen, das wenige, das

noch in den Scheunen lag, das war nicht mehr der Mühe wert.

Die Wiesenmühle hatte sehr nachgelassen in den letzten Jahren. Alles

fuhr nach der mittleren Mühle, die dem Jerrisepp gehörte, weil dahin die

neue Chaussee vorbeiführte und die Bauern bequemer anfahren konnten, als

den holprigen Feldweg zur Wiesenmühle hin. Der war nun fein heraus, der

Jerrisepp. Oben, die Ecklocher Mühle, hat auch fast gar nichts mehr zu

mahlen, die Kettenmühle hätte auch fast das Rad abstellen können. Nur

noch ein paar alte Kunden waren ihr treu geblieben, und nur dadurch, daß

der Kettenmüller eine Bäckerei eingerichtet hatte, hatte er sich über

Wasser halten können.

Der Wiesenmüller war keiner von denen, die sich allzu viel Sorgen

machten. Im Gegenteil, er gönnte es dem Schlauberger Jerrisepp, daß er

so viel zu tun hatte. Er dachte, das würde auch einmal wieder anders

werden, und die vier Mühlen liefen wieder wie in guten Jahren, da sie

Tag und Nacht geklappert hatten und keiner dem anderen Neid getragen

hatte. Wozu auch neiden! Damit schadet man sich nur selbst und ändert

die Dinge doch nicht.

Vor ein paar Tagen, bei dem hellen Oktoberwetter, hatte der Wiesenmüller

noch gern droben gestanden am Giebelfenster und hatte über die Wiesen

hin hinauf zum Jerrisepp gesehen, ob noch tüchtig die Kornwagen bei ihm

einfuhren. Und richtig, der ganze Hof stand ihm noch voll. Aber dann

hatte der schöne Sonnenschein den Blick weiter gelockt, und er hatte

nach dem Dorfe gesehen, wo die Schornsteine rauchten und woher die

Glocken klangen, klar und rein herüber in den stillen Mühlengrund, in

dem die Töne verhallten wie in einem weiten Dom. Er war nicht von Sorgen

bedrückt. Er und seine Frau, sie hatten genug zusammengebracht und genug

zusammen errungen, wenn es auch einmal einen Winter lang gar nichts war,

sie verhungerten noch nicht. Was sie zum Leben brauchten, das wuchs auf

ihren Feldern um die Mühle herum, und was sonst nötig war, das konnte

von den Zinsen bestritten werden, wenn die Kasse leer wurde. Nein, es

war dem Wiesenmüller leicht und froh sogar ums Herz, wie er da oben

stand. Der Himmel war so klar und rein wie frisch ausgewaschen, und das

Land war so voll von seltenen Farben, wie man sie sonst im Jahre gar

nicht sah, und die Sonne hatte etwas so Mildes und Zartes, wie wenn sich

eine Mutter über die Wiege von ihrem Neugeborenen bückt. Er wußte gar

nicht, was es war und wie er es sich klarmachen sollte. Er kannte doch

das Land und hatte es zu den verschiedensten Zeiten gesehen, aber so

schön und anziehend hatte es noch nie dagelegen, soweit er sich erinnern

konnte. Es lockte ordentlich hinaus, und man konnte sich gar nicht

vorstellen, daß der Winter vor der Tür stünde. Er dachte daran, daß er

am Sonntag einmal mit seiner Frau und seiner Tochter ins Dorf gehen

könnte, den »Neuen« zu probieren. Ja, das könnte man wirklich einmal, es

war ganz gut, sich von Zeit zu Zeit im Wirtshaus sehen zu lassen. Sonst

wurde man den Leuten ganz fremd und muffelte sich so in sein Alleinsein

ein, daß kein Mensch mehr etwas mit einem zu tun haben wollte und die

Welt einen gar nicht mehr verstand. Er summte ein altes Liedchen vor

sich hin. Dann pfiff er. Und weil in der Mühle der Gang jetzt leer

gelaufen war, hallte die Schelle laut zu ihm herauf, daß er aus seiner

Stimmung gerissen wurde und ein barsches Hallo! hinunterrief. Dann ging

er, aufzuschütten. Aber das behielt er sich, daß er am Sonntag ins Dorf

zum »Neuen« gehen wollte.

Da er aber am Sonntag aufwachte und zum Fenster hinaussah, war alles in

dichten Nebel gehüllt, daß man keine drei Schritt weit sehen konnte. Und

der Wiesenmüller sagte nichts zu seinen Leuten vom »Neuen« und behielt

seinen Gedanken für sich. Aber er sagte zu seiner Frau, daß man jetzt an

den Winter denken und sich verwahren müsse.

* * * * *

Richtig, am Montag, in aller Frühe, saß er denn auch schon auf seiner

Scheunentenne am langhalmigen Stroh und legte sich's zu Schichten und

Wulsten, machte dann eine Strohtür für den Stall, rahmte Fenster und

Haustür mit Strohzöpfen ein, stopfte sonst noch zu, was die Kälte

hereinlassen konnte, die Keller– und Dachluken, die Löcher in den

Stalltüren und die Tröge des Schweinestalles. Die Wasserpumpe und die

Pfuhlpumpe umwickelte er so geschickt mit den hellen Strohzöpfen, daß

sie ordentlich stolz aussahen und so recht behaglich in ihren warmen

Kleidern dastanden, wie junge Mädchen, die zum erstenmal die neuen

Wintermäntel anhaben.

Die Müllerin saß indessen drin am wärmenden Kastenofen und strickte

warme Wintersocken und Knie– und Pulswärmer. Sie stopfte die

Fausthandschuhe Und sah auch die wollene Strumpfkappe des Müllers nach,

ob nicht die Motten Löcher hineingefressen hätten oder eine Masche

aufgegangen war. Es war eine recht mechanische Arbeit, und sie duselte

von Zeit zu Zeit ein kleines Weilchen drüber ein und nickte ein

Stückelchen herunter. Wenn dann die Schelle am Mahlgang riß, fuhr sie

auf und strickte oder stopfte hastig weiter und sah sich jedesmal dabei

ein wenig in der Stube um, ob sie niemand beobachtet hatte, obgleich sie

wußte, daß sie allein war.

Nur für die Eve, die einzige Tochter, brachte die Zeit nichts Neues und

keine Veränderung. Sie besorgte die Arbeit in der Küche, und Sommer wie

Winter wollten die Menschen ihren Tisch gedeckt haben, und das Vieh

wollte sein Futter; Küche und Stube und Ställe brachten immer die

gleiche Arbeit. Nur die Feldarbeit fiel freilich ein paar Wochen lang

weg. Dafür half sie der Mutter etwas bei ihren Ausbesserungen, wenn sie

mit dem anderen fertig war.

Die Eve tat ihre Arbeit mit Fleiß und Lust. Es freute sie, etwas hinter

sich zu bringen, was es war, war ihr gleich. Sie wußte, es war auf der

Welt keinem Menschen etwas gespart. Warum sollte es ihr sein. Und sie

schaffte ja auch für sich selbst. Wenn's für andere Leute wäre, ja dann

wär's eher zum Murren und Überdrüssigwerden, aber so. Sie war eine

vergnügliche Natur, freute sich, mit jemand zu plaudern, hörte gern

Neuigkeiten, fragte gern aus -- was hatte sie denn auch sonst hier

draußen in der Abgelegenheit! -- sang gelegentlich ein Liedchen und lief

gern in die Kirche. Sie konnte den Rosenkranz aus dem »ff« beten. Und

das war so bequem. Dabei konnte sie sich in der Kirche umsehen -- links

ein bißchen herausschielen, rechts ein bißchen -- und das Lippenwerk

ging immer weiter, und wenn die Kirche aus war, waren es nur wenige, von

denen sie nicht gewußt hätte, was sie anhatten und was sie auf dem Kopfe

trugen, wer etwas Neues hatte und wer nur immer und ewig dasselbe trug.

Selten auch, daß sie sich in ihren Berechnungen getäuscht hatte, wenn

sie im Dorfe fragte, ob denn da und dort das Kleine noch nicht

angekommen sei.

Es stimmte denn auch fast immer, und wenn es einmal nicht stimmte, so

war daran ein Grund schuld, den die Eve nicht vorher hatte wissen

können. Aber alles, was sie von den Menschen wußte, das plauderte sie

nicht weiter aus. Sie sagte keinem etwas Böses nach. Nur ihrer Mutter

erzählte sie die Dorfmirakel, und die war schon so abgestumpft, die

hörte sie nur mit einem halben Ohr. Die Eve war keine Ausmacherin. Sie

war nur neugierig. Sie ließ sich mehr erzählen, als sie selber erzählte.

Und von jedermann war sie wohl gelitten, wenn sie auch einige eine

»Trutschel« nannten. Das waren aber meist solche, die bei dem alten

Wiesenmüller abgefahren waren, wenn sie um die Eve angehalten hatten.

Denn der alte Wiesenmüller, so ein guter Kerl er auch war, vormachen

ließ er sich doch nichts. Er wußte ganz genau, daß es den Werbern nicht

um die Eve zu tun war, sondern um das, was sie mitbekam, und da sagte er

immer nein. Ganz hart und schroff. Die Eve war nicht schön. Der Müller

wußte das. Ihr eckig Gesicht verlockte keinen. Darum war's keinem zu

tun. Aber die einzige Tochter, der einmal das ganze Vermögen zufiel, das

stach ihnen in die Augen. Zudem hatte die Eve zu keinem eine besondere

Zuneigung verraten, und der Müller war noch aus der alten Zeit, in der

man gemeint hatte, zum Heiraten gehöre auch noch etwas anderes, als nur

ein Schrank voll Weißzeug, ein paar Verschreibungen, ein Bündel blaue

Scheine, und die Frau nur so als Dreingabe, weil man sich ja trösten

konnte, daß bei Nacht alle Katzen grau sind. Und seine Verweigerung

mußte die Eve dann büßen. Sie wurde eine dumme »Trutschel« genannt.

Wer aber die Leute ein bißchen besser kannte, wußte, daß da ein paar

Füchsen die Trauben zu sauer gewesen waren, und sie lachten sich

heimlich ins Fäustchen.

So ging also die Zeit herum und brachte keine Veränderung in der Mühle.

Der November war feucht und neblig, und wenn die Müllersleute abends

beisammen saßen, sagte die Eve einmal: »Es ist doch schade um den

schönen Oktober, es war doch gar so schön Wetter!«

Die Mutter nickte der Eve zu. Der Vater aber murrte: »Dumm Gered, das

ich nit hör'n kann. Nix ist schad. Der Oktober ist da, daß er vergeht,

damit auch der November vergehen kann. Du solltest's nur mal erleben, 's

ganze Jahr Mai oder 's ganze Jahr dein schöner Oktober, da könntest du

bald blau pfeifen, sag' ich dir. Man muß die Feste nehmen, wie sie

fallen, und 's Wetter, wie's wird. Alles andere ist Weibergewäsch und

hat keinen Wert. Fertig! Und wenn's Frühjahr kommt, dann fangen wir

wieder von vorn an und tun unser Bestes, das wir tun können. Fertig. Und

das ist das Richtige!«

»Du bist doch ein alter Brummbär,« sagte die Müllerin.

»Ich jammer nur nit, weiter gar nix. Wer anders besser zu seinem Teil

kommt, meinetwegen. Ich mach's auf meine Art. Fertig!«

* * * * *

Es war wieder Sonntag. Wieder hatte er mit dem dicken Nebel begonnen,

der wie lauter graue Wolle war. Aber es schien, die Sonne könnte ihn

heute packen. Sie hing schon den ganzen Morgen als blasse Scheibe am

Himmel, und man sah sie von früh an ihren stillen Weg gehen, wenn sie

auch verborgen war. Da es gegen Mittag ging, hatte sie richtig den Sieg

davongetragen. Sie glänzte im Blauen, daß man ihr nicht ins Antlitz

sehen konnte. Und die ganzen Wiesen glitzerten, und an den Gerten der

Weiden glitzerte es.

Die Eve spülte das Eßgeschirr und sah von Zeit zu Zeit an dem

Küchenfenster vor ihr hinaus übers Land. Es war ihr ganz seltsam zumute.

Gerade als ob sie etwas erwarte. Als wenn draußen ein Wind stehe, fest

in die Weiden und Pappeln am Bach gekeilt und jeden Augenblick sich

losmachen könnte und heranbrausen. Aber nein, das war es gar nicht. Gar

nichts Brausendes. Etwas Stilles und Sanftes. Als wenn jeden Augenblick

die Glocken vom Dorf herüberklingen müßten. Oder als ob ein Festzug den

Weg herkommen müßte, jetzt oben um die Ecke herum und dann die

Wegbiegung lang und weiter her nach der Mühle zu. Der Eve schienen die

Wege so leer heute. Gerade als verlangten sie es, daß etwas auf ihnen

vorgehe, daß über sie geschritten werde. Ach, sie war ja dumm. Nichts

war natürlich von all dem, es war einfach Sonntag, und die Sonne schien,

die Wiesen glitzerten, und der Himmel hatte so ein tiefes Blau,

besonders wenn man zwischen den Bäumen durchsah, so blau, wie wenn eine

Waschfrau zu viel Bläue in die Bütte tut. Das war es einfach, und da

juckte es ihr in den Kleidern, als stecke sie in einem rauhen Bockfell

drin.

Die Eva spülte weiter. Aber die Augen gingen ihr doch immer wieder hoch

durch das Fenster hinaus und zogen die Wege hin, die zwischen den Wiesen

sich krümmten und sich oben im grauen Feld, das stellenweise von der

Feuchtigkeit ganz tiefbraun war, verloren. Sie unterbrach ihre Arbeit

nicht, aber ihre Gedanken waren nicht dabei.

Und immer wieder sah sie nach den drei Mühlen, die ganz hellklar in der

Sonne lagen, während die ihre abseits im Dämmer und in der schlummerigen

Feuchte träumte.

Die Eltern saßen drin in der Stube und erzählten sich, was sie auf dem

Kirchgang des Morgens im Dorf alles gehört hatten. Der Vater trommelte

dazu auf der Fensterbank und trat den Takt mit dem Fuße, und die weiß

und rot gefleckte Katze schnurrte hinterm Ofen. Die Mühle lief. Aber sie

lief leer, und der Müller hatte heute keine Lust, aufzuschütten.

»Der Jerrisepp ist heut so scheu an uns vorbeigegangen,« sagte die

Mutter.

»So, scheu? Hast du das gemerkt? Na, ich kann nit wissen, was er hat.

Und wenn er was hat, kann er's doch sagen. Wir haben uns nie was

nachgetragen, wir vier Müller, und hatten auch nie keinen Futterneid.«

»Es heißt, er soll sich verheiraten wollen. Wenigstens sagen's die

Leute.«

»Mein, was die Leute sagen. Aber 's könnt ja auch schon sein. Warum nit?

Er ist länger Junggesell geblieben, als es andere aushalten. Und eine

Frau ernähren, das kann er.«

Der Held und andere Novellen · 第 4 / 6 段