Als erster kam er ins Theater. Der Dienstmann stellte sein Cello unsanft

hin. Behnke räsonierte gewaltig.

Dann fing er an zu stimmen. Bald kamen die Kollegen und störten ihn. Das

Theater füllte sich. Bis auf den letzten Platz. Die elektrische Klinge!

ertönte. Da traten die Hofdamen in die Loge. Das Fürstenpaar folgte

nach.

Behnke fühlte unwillkürlich an seine Krawatte, ob's auch die neue weiße

sei, und ob er auch den Hemdenknopf richtig verdeckt habe.

Hornbach hatte das Zeichen gegeben.

Die Musiker spielten die erste Nummer etwas zurückhaltend. Man merkte,

sie wollten sich nicht ausgeben. Schumann fand immer Beifall.

Nun aber bei Hornbachs Symphonie! Es war schon gleich eine Wärme in

ihnen, als sie nur die Notenblätter in die Hand nahmen.

Sie sahen nach Hornbach. Der schien ganz ruhig. Er strich nur ein

paarmal über seinen Schnurrbart. Ob das nervös war?

Behnke zitterte wie Espenlaub. Es hatte ihn plötzlich eine Angst

überlaufen. Wenn er sich verpassen würde! Fehlgreifen? Nein, bei Gott,

das war ausgeschlossen. Wenn er nur auch im Tempo nichts verfehlen

würde! Um Gottes willen keine Saite reißen würde! Er sah sie sich noch

einmal an. Alles in Ordnung.

Aber er litt jetzt doch sehr. Wenn nur Hornbach anfangen wollte!

Jetzt klopfte er.

Und wie gestern, wärmer noch, voller, reicher. Bis ins einzelne klappte

es, bis aufs Tremolo der Pauke. Haarscharf. Hornbach hatte sein

Orchester ganz in der Gewalt.

Man hörte ordentlich das Feuer der Musiker heraus.

Nun schwoll der glanzvolle Jubel des neuerwachten Lebens zu höchster

Höhe. Der große Triller ... der Nachschlag ...

Nun strich Behnke sein Solo.

Er schloß die Augen. Warm und wärmer Ton um Ton. -- Süß schmeichelte die

Melodie. Wie aus einer Jungfrau Kehle -- wie aus silberner Quelle.

Die Geigen malten die zitternde Glut ... in goldigen Tönen sang das

Cello ...

Und voll setzte das Orchester ein und schwelgte in Tönen des Glückes und

Genusses.

Da brach der Beifall los -- im Parkett, droben auf der Galerie, in den

Logen, und raste durchs Theater. Der Fürst klatschte Beifall.

Blumen und Kränze flogen nach dem Dirigenten hin. Der Fürst sandte einen

großen Lorbeerkranz. Behnke zitterte. Er wollte danach greifen. Da hing

ihn der Direktor über Hornbachs Pult.

Behnke wartete noch auf etwas. Er hatte sich schon ein paarmal verneigt,

kaum merklich, als könne er so den Beifall auf sich ziehen. Er war in

äußerster Erregung. Da kam ein Kranz geflogen, gerade zu Behnkes Füßen.

Schnell stand er auf. --

»Hornbach!« rief's in demselben Augenblick.

Da knickte Behnke zusammen. Es ging ihm ein Schnitt durchs Herz, es

glühte ihm ins Gehirn ...

Hornbach hing liebenswürdig den Kranz über seines Cellisten Pult. Ja, er

sollte ihm gehören. Aber Behnke lächelte nur stumpf.

Das Solo mußte wiederholt werden.

»Noch einmal also, lieber Behnke, bitte,« sagte der Kapellmeister. »Noch

einmal so.« Und er hob den Stab.

Behnke spielte. Mit der gleichen Fertigkeit wohl, aber es klang tot. Die

zitternden Geigen deckten das Cello.

Die symphonische Dichtung Hornbachs hatte rauschenden Erfolg errungen.

Der Komponist feierte höchste Triumphe.

Gebrochen schlich Fritz Behnke heim.

Kaum daß er sein Zimmer erreichen konnte. Fieber schüttelte ihn.

Als die Zeitungen reiches Lob für sein treffliches Spiel brachten, lag

er sterbenskrank.

Der Fürst ernannte ihn zum Kammermusiker. Als er's hörte, lächelte er.

Behnke wurde nicht wieder ganz gesund. Vom Nervenfieber genesen, mußte

er pensioniert werden. --

* * * * *

Hochsommerglück.

Da hinter den Bergen reckte sich schon der Tag. Die Sonne riß mit ihren

glühenden Fingern heftig an der grauen Wolkenwand, ohne sie niederreißen

zu können. Nur obenauf legte sich ein schmales, rotglänzendes

Streifchen, der allererste Schimmer Morgenrot.

Es war noch sehr früh.

Im weiten Felde war es noch still. Hier und da ein leiser Vogelweckruf,

kurz hervorgestoßen. Und dazwischen auch mal ein kleiner Lerchentriller.

Wie zur Probe, ob's noch ginge, so kurz abgebrochen.

Nur der Kaspar und die Lene standen schon im reifen Roggenfeld. Ihr

Herr, der allerfrüheste im Dorf, hatte sie schon herausgeschickt, als es

noch dunkel war. Er wollte was getan haben für sein gutes Geld. Kaum die

Bettruhe ließ er den Leuten.

So waren sie die einzigen im weiten Feld.

Die beiden murrten darüber nicht. Sie waren jung und schafften gern. Und

übrigens waren sie das Frühaufstehen gewöhnt.

Der Kaspar trug das Frühstück und den Weinkrug tief in den Kleeacker

nebenan und ging dann zur Lene zurück. Er guckte sich ein paarmal in der

Runde um und sagte kurz: »'s wird heiß heut, Lene.« Dann zog er sein

Wams aus, schürzte die Hemdärmel auf, schob den Hut in die Anke, und

nachdem er den Wetzstein einigemal hin und her durch den feuchten Klee

gestrichen hatte, wetzte er flott die Sense. Wie das in die Morgenfrühe

klang! Der Kaspar hatte selbst seine Freude dran, und er schlug ein paar

kurze Schläge wie einen Wirbel. --

Die Lene aber guckte ihm zu und freute sich. Ihre Augen glänzten und ihr

Mund lachte. Sie hatte unterdessen ihre Jacke ausgezogen und ihr

frischgewaschenes Kopftuch um den Kopf gebunden. Dann streifte sie noch

ihren Oberrock ab und stand nun zur Arbeit bereit.

»Also!« kommandierte der Kaspar, und die Sense schnitt in weitem Bogen

durchs Korn.

Es »schutzte« in der Frühe. Die Lene konnte kaum die Schwaden alle legen

und hinter dem Kaspar her sein, so rasch ließ er die Sense fliegen.

Und so Reihe um Reihe -- ein kurzes Zittern und Zucken -- und die reifen

Halme lagen am Boden. Und die Lene hob die Mahden mit ihrer Sichel

vorsichtig auf, teilte sie gleichmäßig ab und trug sie in gleichen

Abständen zu schwach gebogenen, hübsch parallelen Reihen auf. Denn man

sollte sehen, wer hier gearbeitet hatte.

Wie der Kaspar so die Lene: sie waren beide tüchtig und verstanden ihre

Arbeit aus dem ff. Darauf waren sie aber auch nicht wenig stolz.

Und mählich war der Tag erwacht. Im Wiesental drunten flogen die weißen

Nebel scheu hin. Die Lerchen jubelten der sieghaften Sonne entgegen, die

die Wolkenmauer tief weit dahinten in die Ecke geschoben hatte. Einzelne

Menschen bewegten sich schon auf den Pfaden und Feldwegen, Schnitter und

Schnitterinnen, Bauersleute mit Rechen und Hacken. Aber noch kein

Fuhrwerk freilich.

Im Dorfe drunten läutete es jetzt zu Tag. Süßfeierlich klang die

Frühglocke. Lange, lange Töne, über Tal und Hügel, sanft wie Flehen;

kein hartes Rufen, weiche, in der Ferne sacht verzitternde Schwingungen.

Der Kaspar hielt plötzlich den Atem an -- eben hatte er das Läuten erst

gemerkt.

»Lene, der Tag läut' an!« sagte er, stellte die Sense auf und nahm den

Hut ab. Er faltete die Hände. Und auch die Lene, die Sichel in der Hand

behaltend, schlug, so gut's ihr gelingen wollte, die Finger ineinander.

Und ein paar Augenblicke Stille und Ausruhen. Die beiden sahen zu Boden

und bewegten die Lippen. Um sie und über ihnen die verzitternden

Glockenklänge, auf ihrer Stirn der sanfte Glanz der Morgensonne. Ein

Moment des Friedens und der Andacht.

Wo sich's anderen von der Brust gelöst hätte, einer schweren Last frei,

in einem hellen Jubel -- ein Umfangen mit brünstigen Armen, ein

Einsaugen in gierigen Zügen, da hatten sie nur ein mechanisches Murmeln,

ihnen seltsam dünkender, tiefer Worte. Und doch fühlten sie etwas von

der großen, heiligen Schönheit, ein Etwas, das sie bezwang und erhob und

sich in sie ergoß, so klar und mild und rein, daß ein Glanz sie erfüllte

und ein wunschloser Friede, dem sie Ausdruck gaben in ihrem

unverstandenen Gebet, weil sie nicht eigne Worte hatten.

Einen Augenblick lang, und die Sense rauschte wieder durch die Halme.

Und immer so.

Schritt um Schritt ging der Kaspar vor. Selten ruhte er. Nur manchmal

wetzte er die Sense, oder er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.

Es war nämlich schon gehörig warm geworden. Aber es gab noch kein Ruhen;

dafür war das Stück, das sie gearbeitet hatten, noch nicht groß genug.

An ihrer Arbeit lasen sie die Zeit ab.

Endlich hielt der Kaspar einmal länger an. Er sah sich um und schätzte

ab, was sie hinter sich hatten, um dann kurz zu sagen: »Lene, wollen

Frühstück machen!«

Der Kaspar ging ein paar Schritte in den Kleeacker hinein und holte

Frühstück und Weinkrug. Dann setzten sich die beiden nebeneinander in

die Furche, und der Kaspar schnitt das Brot vor und teilte den Käse aus.

Sie aßen tüchtig.

Nach einer Weile entkorkte der Kaspar den Krug und hielt ihn der Lene

hin. »Da trink, Lene!«

Die Lene setzte ihn an die Lippen und sog tief. Dann reichte sie den

Krug zurück.

Und der Kaspar setzte ihn an. Ihm war's, als fühle er noch eine Wärme am

Munde des Kruges. Und er behielt ihn lang an den Lippen. Auch noch, als

er schon getrunken hatte.

Sie aßen weiter.

Der Kaspar war dicht an die Lene herangerückt. Ihre nackten Arme

berührten sich.

Der Kaspar sah die Brüste der Lene, die nur von dem groben weißen

Leinenhemde lose bedeckt, sich sanft mit dem Atem bewegten.

Und es stieg ihm heiß zu Kopfe.

Ihm war's, als müsse er die Lene umfassen. Fest und innig. Und an sich

drücken mit all seiner Kraft. Ihre Brust an seiner Brust.

Er rückte dichter an sie heran. Ganz unauffällig.

Aber er durfte nicht mehr zu ihr hinübersehen. Das fühlte er in sich. Er

durfte nicht mehr. Er hätte sonst die Lene unbedingt umfaßt.

Wie köstlich war's, ihren weichen, warmen Arm zu fühlen. Wohlig und

wonnig. Und die Erregung bohrte sich immer tiefer in ihn hinein und

jagte sein Blut, daß ihm fast wirbelte.

Aber er meisterte sich. Er aß hastig. Und öfter reichte er der Lene den

Weinkrug, ohne sie anzusehen. Und wohlig fühlte er jedesmal die Wärme

ihrer Lippen noch.

Sie hatten gefrühstückt --

In ihm sang's, die süße Lust auszukosten.

Er wollte die Arbeit wieder aufnehmen.

In ihm drängte es zu bleiben --

Er schwankte. Nein. Und er sprang auf und nahm seine Sense.

Er arbeitete jetzt mit Hast. Die Lene merkte es gleich. Er würde sich

bald die Hörner abgelaufen haben. Aber der Kaspar hielt's aus.

Bewundernd sah ihm die Lene zu, und sie blickte nun gern und öfter zu

ihm auf und hatte Gefallen und Freude an seiner kräftigen Gestalt,

seinen braunen Armen, den dicken, festen Muskeln.

Dem Kaspar war's heiß. Aber er setzte nicht aus.

Ihm kam alles so verändert vor. Alles, alles, rund um ihn. Er wußte

selbst nicht wie. Er arbeitete nur so nebenbei. Die Hauptsache war ihm

die Lene. Immer die Lene. Er mußte fortwährend an sie denken. An ihre

Arme, ihre Brüste. Wie sie frei im Hemde lagen. Wie sie sich bewegen

würden, mußte er sich vorstellen, wenn sie sich bückte, wenn sie die

Garben aufnahm, wenn sie sie wieder hinlegte. Und von Zeit zu Zeit mußte

er mal so halb rückwärts zu ihr blinzeln. Auf einen Moment trafen sich

ihre Augen, wenn die Lene zu ihm sah.

Er wußte jetzt auch, was die Lene für Augen hatte: große dunkle. Früher

hatte er das gar nicht gesehen.

Überhaupt fühlte sich der Kaspar jetzt ganz anders. Es war ein

Glücksgefühl in ihm, eine Kraft, ein Mut und eine Heiterkeit! Er hätte

jetzt alles fertig bringen können, das Allerschwerste.

Der Kaspar stellte die Sense auf und wetzte sie. +Wie+ er sie wetzte!

Das klang lustig wie ein Werben. Er wollte auch mal der Lene eins

zeigen. Und der Wetzstein sprang über den Stahl in leichtem, lustigem

Spiel.

Kling -- kling, kling, ling klang -- --

Von Zeit zu Zeit mußte er jetzt doch einen kurzen Moment einhalten. Er

war wie betäubt.

Lene! -- wollte er rufen -- aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

Es verließ ihn nicht. Lene, Lene. -- Und ihr ganzes Bild ... Vor ihm, um

ihn, überall ... Und Lene, Lene -- aus dem Rauschen der Halm, dem

Klingen der Sense.

Und jetzt hörte er auch die Vögel singen, was er vorher gar nicht

bemerkt hatte. Und Lene, Lene, sang's, und Lene, Lene -- auf sie bezog

er alles. Für sie arbeitete er nur. Er wollte ihr seine Kraft zeigen.

Sie sollte noch keinen so gesehen haben. -- Und sie hatte auch noch

keinen so gesehen!

Oder wen denn? Im ganzen Dorf war keiner so. Wie er, wie er -- und

kräftiger warf er die Sense aus, weiter führte er den Bogen.

Die Lene kam ihm kaum nach. Ja, sogar die kräftige Lene nicht. Sie

schnaufte ordentlich, das freute ihn.

Die Lene aber sah zu ihm und wußte nicht, was sie davon halten sollte.

Sie mußte ihn nur bewundern. Solche Kraft hatte doch keiner mehr. Wie

der Kaspar! der Kaspar! Sie bekam einen großen Respekt vor seiner Kraft.

Und sie mußte immer wieder zu ihm hinsehen.

Einmal konnte sie sich nicht mehr halten. »Kaspar, so geht's nicht mehr.

Langsam, ich komm' nicht mit.«

Da stellte der Kaspar die Sense auf und lachte sie an. Das war ein

Triumph! Und er lachte erst kichernd mit blinkenden Zähnen, dann packte

ihn mächtig die Freude über seinen Erfolg, und er lachte unbändig, daß

die Lene ganz rot wurde.

So gefiel sie ihm noch viel besser, er wußte selbst nicht warum.

Und von neuem ging's an die Arbeit. Und wieder wie vorher die Lene,

immer die Lene, die Lene. --

Es kam ihm jetzt auf einmal wie ein Ärger darüber. Er wollte sich's aus

dem Kopfe schlagen. Aber 's ging nicht.

Dann gefiel's ihm. Es war ihm so wohl dabei. Und wieder packte es ihn,

einzuhalten und herumzusehen und so laut und jubelnd und jauchzend er

konnte, Lene! Lene!! Lene!!! zu rufen.

Aber er tat's nicht. Dann fühlte er, wie's ihm zu Kopfe stieg, siedend

heiß, und wie sein Herz hoch schlug. Da schämte er sich. Und er mähte

kräftig weiter.

Ja, auf die Dauer wurd's ihm doch zur Qual, was ihm da mit der Lene in

den Kopf geschossen war -- und doch war's ihm lieb.

Hinter dem Kaspar her schaffte immer tapfer die Lene. Wenn sie auch mal

zu ihm hinäugte, sie hielt sich doch nicht weiter dabei auf. Aber sie

bewunderte den Kaspar und hielt ihn für den stärksten Kerl, den sie

kannte. Auch für den besten und trefflichsten.

Was nur mit ihm los war!

Wenn sie merkte, wie er etwas sagen wollte, fragte sie jedesmal: Was?

Aber er schüttelte nur den Kopf.

Etwas war, das war ihr sicher.

Und auch mit ihr war eine Veränderung vorgegangen. Was ging sie der

Kaspar an! der war heut ein Schaffnarr! Einfältig, sie so ins Keuchen zu

bringen! --

Aber sie konnte ihm doch nicht böse sein. Nein, er war doch -- ja, er

war doch ein Prachtkerl. Immer mußte sie zu ihm sehen, immer stak ihr

nur der Kaspar im Kopf. Es ärgerte sie halb, halb war's ihr recht. Aber

-- äh brr! -- was ging sie der Kaspar an! Und sie schlug in Gedanken ein

Schnippchen. --

Mittlerweile hatte ein Bube das Mittagessen herausgebracht.

Der Kaspar hörte auch endlich mit seiner wilden Mäherei auf und sagte

wieder kurz: »Lene, wollen Mittag machen.« Aber es war etwas Unsicheres

in seiner Stimme; er keuchte es mehr als er's sagte.

Die Lene wurde ganz verwirrt davon.

Die beiden setzten sich jetzt wieder in die Furche, ihre Mittagsmahlzeit

zu halten, diesmal aber war's ein gut Stück weiter im Feld drin.

Wieder berührten sich die nackten Arme. Eines fühlte die Wärme vom

andern. Und beide rückten sie dicht zueinander, unwillkürlich mehr. In

beiden war etwas, was sie zueinander drängte.

Der Kaspar ließ die Lene wieder zuerst aus dem Weinkrug trinken und warf

ihr einen eigentümlichen, verschlingenden Blick zu, als er ihr den Krug

abnahm. Und nun schoß es ihm wie Feuer durchs Blut und stieg ihm glühend

zu Kopfe, da er wieder die Wärme von ihren Lippen spürte. Er schmeckte

den Wein nicht, er berauschte sich nur an dieser milden Wärme, die sich

ihm so zart wie Flaum auf den Mund legte.

Er zitterte vor Erregung.

Sie waren fertig und saßen noch eine Weile beieinander.

»Kaspar!« sagte die Lene, denn ihr war's, als müsse sie etwas sagen.

»Was?« fragte er. Aber die Lene wußte nichts weiter zu sagen.

Eine Weile saßen sie wieder stumm. Dem Kaspar war's als fühle er einen

leisen, ganz leisen Druck am Arme.

»Lene!« sagte er da, und die Lene fragte: »Was?« -- aber jetzt wußte der

Kaspar nichts weiter zu sagen.

Ein eigentümlicher Bann lag über beiden. Sie hatten das Gefühl, sich

etwas sagen zu müssen, waren sich aber nicht klar darüber. Beiden war

das so seltsam genierlich, und doch zugleich so beseligend.

Von der Welt beachteten sie nichts. Sie waren allein. Sie wurden sich

ihrer selbst nur in bezug aufeinander bewußt, das Sein und Leben des

einen erwuchs aus dem des anderen. Der Kaspar dachte nur an die Lene --

und die Lene mußte nur an ihn denken, als ob er sie dazu gezwungen

hätte. Und wie ein förmlicher Zwang war's auch über sie gekommen.

Die Grillen zirpten, die Lerchen trillerten. --

Die Sonne brannte glühend, und Insekten umflogen und belästigten sie.

Aber sie merkten nichts davon, sie starrten vor sich hin und wagten

nicht einander anzusehen.

Noch einmal reichte der Kaspar der Lene den Weinkrug.

Und diesmal konnte er nicht anders, er mußte sie voll ansehen. Ein

heftiges Zittern überlief ihn.

Das war die Lene!

Das!!

Wie ihr der Wein durch die Kehle rann, und wie sich ihre Brust hob und

senkte! Diese starke, volle Brust! Sie gab ihm den Krug zurück und

lachte ihn herzig an.

Er warf ihn in den Klee -- und frei war er von allem Banne! Er umfaßte

Lene mit starken Armen.

Lene! -- erst kam's heiß und keuchend aus der tiefen Brust. Lene! und

jetzt frei und jubelnd.

Lene! Lene!!

Er hob sie empor und drückte sie an sich. Und sie lachte und zeigte ihm

dabei ihre gesunden, kräftigen Zähne und sah ihm mit leuchtenden stolzen

Augen gerad in die seinen. Etwas verwirrt stammelte sie: »Aber Kaspar!«

schlug dann aber gleich die Arme um seinen Hals und hielt sich mit aller

Kraft fest.

Und der Kaspar hob sie hoch und jauchzte laut. Er trug sie tiefer in den

Klee hinein, tanzend, wie im Rausche. Seine Augen glühten, seine Zähne

bissen sich in ihre Lippen.

Zart legte er sie nieder, wie ein Kind die Puppe.

Die Lene aber hielt ihn fest und zog ihn zu sich herab. Mund an Mund. In

den Augen der Lene spielte es in wechselnden heißen Lichtern. Und sie

umfaßten sich fester. Noch ein ersticktes: Lene! -- und es ward still.

Die Luft flimmerte wie heißer Atem -- hoch auf stieg eine trillernde

Lerche. Und der Schöpfer ruhte und schloß die Augen, denn er wußte, daß

alles gut war in seiner Schöpfung.

* * * * *

Der böse Wunsch.

Er war Schullehrer in einem lumpigen Nest, ganz hinten im dicksten

Odenwald. Da ging er auf in christlicher Übung der Armut und marterte

seine Nerven in »Berufsfreudigkeit«. So wurde er immer dürrer und

blasser. Böse Menschen sagten, seine Nase sei schon so eingehutzelt, daß

die Brille gar nicht mehr sitzen bleiben wolle und jede Woche mindestens

ein Millimeterchen abwärts rutsche ...

Es wäre ihm übrigens ein leichtes gewesen, sein Gelübde der Armut zu

brechen, denn bei neunhundert blanken Mark Gehalt und einer Frau und

sechs Kindern, da läßt sich's doch leben --! Und +wie+ leben! Aber doch

deklamierte der arme Schulmeister von Dingskirchen tagtäglich, wenn er

auf der kahlen Höhe stand, an der großen Eiche, wo die Touristenwege

zusammenlaufen und so viele vornehme Herren aus den Städten so stolz und

wohlgenährt an ihm vorübergingen: »Ja, wer sich heitigendags zum

Schulmaster versteht, hot vun vornerein des Gelibd der Aarmut abgeleht.«

Wie oft hatte er dies Verschen drüben in Rheinhessen, im gesegneten

Rheinhessen, wo er seine Jugendzeit verlebt hatte, sagen hören. Damals

lächelte er dazu und wollte dem schalkhaften Lennig aus Mainz, der das

gedichtet hat, nicht glauben. Damals träumte er von goldnen Zeiten und

sah den Himmel voller Baßgeigen und hörte die Engel, all die

wohlgenährten, pausbackigen Engel ein Tedeum singen. »Mein Sohn werd

Schulmaster,« prahlte sein Alter. »Des is emol e Kerl, der hot's

fauschtedick hinner de Ohren. Soll mer aach was Rechtes wern -- un wann

vun drei Johr de Wein druff geht -- -- Schulmaster!«

Dem Schullehrer von Dingskirchen gab's einen Stich in die Seele, wenn er

+daran+ dachte. Und sein Magen knurrte. -- Ob er wohl nun nach Hause

trollte, um den Quäler zur Ruhe zu bringen? Auch im Hungern kriegt man

bald einige Übung und erfindet allerhand dagegen, wenn man das

Radikalmittel nicht anwenden kann ...

So lebte der dürre Schullehrer schon seit Jahren in seinem lumpigen

Nest, ganz hinter der Welt. Und da hockte er nun fest. Früher hatte er

sich ein paarmal fortgemeldet, an bessere Stellen, gar einmal nach einer

Kreisstadt. Aber es war ihm nie gelungen. Er wußte eigentlich selbst

nicht warum. Seine Pflicht tat er wie jeder andere. Einen ernstlichen

Rüffel hatte er auch noch nicht bekommen. Auch die schlechtesten

Zeugnisse hatte er nicht gerade. Aber es gelang ihm doch nie. Es war

halt immer so eine Sache, wenn seine Meldung aus dem armseligen Nest

kam. Bald gab er das Melden auf und sagte sich in frommer Resignation:

Ich habe halt kein Glück. Und dann kam er in die Jahre, wo so ein

einfaches Gemüt sein Heim und seinen Halt sucht. Er kam sich unter den

seßhaften Odenwälder Bauern wie ein Vagabund vor, der immer herumfliegt.

Dem wollte er ein Ende machen. Und er heiratete. Eine dralle Bauerndirne

aus dem Dorf, die gescheitste nicht und die dümmste nicht, auch nicht

die ärmste, aber auch nicht die reichste. Reiche waren überhaupt keine

da.

So hatte denn der Schulmeister auch seinen Halt und sein Heim. Und nun

kamen auch bald Kinder in das Heim. Jedes Jahr eines, und einmal sogar

Zwillinge. Wie die Orgelpfeifen kamen sie. Einige starben bald. Und als

das Kinderkommen endlich anscheinend aufhörte, waren's gerade sechs. Das

Jüngste war nun +zwei+ Jahre. Jetzt war's sicher vorbei ...

Das Jüngste aber war nicht ganz gesund. Die Schullehrersleute hatten

viel Last mit ihm. Doktor– und Apothekerkosten! Und die Rechnungen

fielen immer gehörig aus. Der Schullehrer hielt etwas auf Ehre. Lieber

litt er Hunger, als daß er die Rechnungen nicht bezahlte. Und doch galt

der Schullehrer von Dingskirchen bei seiner Behörde und bei seinen

Kollegen als versackt und verkommen. Dem äußeren Schein nach zu

urteilen. Es war gut, daß er da hinten in Dingskirchen hockte -- da

hinten, hinter der Welt, wo er mit den anderen nicht in Berührung kam.

Sie mieden ihn übrigens geflissentlich. Das wußte der Schullehrer, und

das nagte auch noch in seiner Seele. Denn eigentlich war er nicht

verkommen ...

Der Schullehrer kam müd und matt von seinem Spaziergange am Abend heim.

Frau Grete hatte schon das Essen aufgetragen: Gesottene Kartoffeln und

Schmierkäse. Die fünf »Freßsäcke«, wie die Mutter die Kinder

gelegentlich nannte, saßen schon um den Tisch und erwarteten den Vater.

Er legte seinen Rock ab, hängte den Hut vorsichtig an den Haken und

sagte dann zum Ältesten: »Beten, Karl!«

Der Junge stellte sich und plapperte das Vaterunser herunter. Dann wurde

gegessen.

»War jemand da?« fragte der Schullehrer seine Frau.

»Em Herr Parre sein Knächt,« lautete die Antwort.

»Und was wollte er?«

»Du müßt morje Mittag um ein Uhr in Heimdingsen sein, do wär' Leich.«

Dem Schullehrer fiel's zwar ein, daß er da gleich nach seiner Schule

fortspringen müsse, ohne vorher etwas essen zu können, daß er eine

Stunde hin und eine her auf schlechtem Wege zu gehen habe, daß er sich

in Heimdingsen höchstens ein Käsebrot leisten könne, des Kostenpunkts

wegen, aber er machte nur: hm, hm. Denn er hatte sich daran gewöhnt, zu

allem nichts anderes mehr zu sagen.

Dann aß er seine Kartoffeln weiter.

Am anderen Tage, gleich nach der Schule, machte sich der Schullehrer auf

nach Heimdingsen. Die Grete hatte ihm doch ein Stück Brot und Wurst

eingewickelt. Er war ordentlich froh. Wie seine Grete doch so besorgt

war! --

Als die Leiche gehalten war, winkte der Pfarrer den Schullehrer zu sich.

»Morgen haben Sie Kreisschulkommissionsprüfung, Herr Lehrer. Ich habe es

die ganze Zeit vergessen. Wird ja wohl nichts zu sagen haben, Ihre

Schule ist ja wohl in Ordnung.«

Dem Schullehrer wurde das Herz schwer. Das kam zu unverhofft. Daß es der

Pfarrer auch vergessen hatte! --

Er stammelte so etwas wie Dank; und daß es nicht zu spät sei. Er wußte

selber nicht, was er sagte.

Wie immer, wenn's die Schule anging, war er heftig erregt. Alles

wippelte und zappelte in ihm. Dann eilte er nach Dingskirchen hinunter.

Er brauchte höchstens eine halbe Stunde.

Der Held und andere Novellen · 第 3 / 6 段