»Meinetwegen heiß' es so,« meinte der Alte dazu. »Was der Jerrisepp
macht, macht er vorsichtig und sicher, alles was wahr ist.«
»Auch uns die Kunden abspannen.«
»Auch das. Aber wann er's fertig bringt, bringt er's halt fertig. An
seiner Mühl' vorbei geht halt die Chaussee, da braucht er sich kein
extra Müh' zu geben. Und das will ich auch nit von ihm denken, daß er
sich darin extra Müh' gäb. Die Tauben, die einem in den Schlag fliegen,
die fängt man halt. Ich tät's auch so machen, warum nit?«
»Ich sag's ja immer, daß du die Menschen nit verstehst. Und dadrum hast
du auch immer 's Nachsehen.«
»So, Mutter, meinst das? Na ja, vielleicht hast recht. Es kann aber auch
sein, daß du nit recht hast. Guck, gönn's doch dem Jerrisepp. Es war
doch ein bißchen zurückgegangen bei ihm, durch die viele Krankheit, seit
sein Vater hat ins Gras beißen müssen. Dann immer die kranke Mutter und
die kranke Schwester, bis sich der liebe Gott erbarmt hat und sie alle
beide abgerufen.«
»Das ist ja nit unwahr --«
»Und na ja, wir haben gerade genug. Wir haben nur die Eve, und es ist
nit zu gering, was wir der einmal mitgeben können. Und was wir brauchen,
das bringt uns noch die Mühl', und kommt später einmal ein anderer
Müller herein, so soll er halt auch tun, was ich auch einmal hab' tun
müssen. Aber jetzt bin ich dazu zu alt. Dazu muß man jung sein. Also
brummel nit und gönn's dem Jerrisepp.«
Er trommelte heftiger und trat fest den Takt. Die Katze schnurrte und
der Sägemann auf dem Kastenofen setzte nur geschwinder seine Arbeit
fort. Die Alten waren jetzt still und sannen vor sich hin.
Draußen klapperten die Teller und Schüsseln. Die Eve spülte eifrig. Man
konnte es in der Stube hören trotz dem Gang der Mühle.
Plötzlich hörte das auf.
»Kann die Eve denn schon fertig sein?« fragte der Vater.
»Kann gar nit sein,« antwortete die Mutter.
Nun lauschten die beiden Alten.
Aber draußen blieb es still. Denn die Eve stand am Fenster und blickte
über die Wege, die Hand mit dem Spüllappen noch in der Spülschüssel. Sie
war vorhin schon aufmerksam geworden. Wer kam denn da den Pfad her? Da
oben kam jemand.
Sie äugte scharf.
»Der Jerrisepp! Jesses, der Jerrisepp! Rein und heilig!«
Aber was war denn dabei, wenn es wirklich der Jerrisepp war? Wie oft war
der den Wiesenpfad schon gegangen, und es war ihr nichts drüber
eingefallen. Warum denn heute?
Sie fing wieder an zu spülen?
Aber war er's denn wirklich? Sie guckte sich halb die Augen aus.
Wahrhaftig, er war's. Und er ging den Pfad nach ihrer Mühle zu.
Am Feldweg da oben konnte er freilich noch abbiegen. Sie wollte sehen.
Und sie hörte wieder mit dem Spülen auf. Nein, er ging geradeaus weiter.
Jetzt über den Steg.
Er konnte doch nicht da oben an seinen Acker gehen wollen. Was hätte er
da jetzt sehen können? Gar nichts.
Nein, er ging den Pfad weiter und weiter herunter. Jetzt war er an der
Selz selbst und ging über die weiße Brücke. Na ja, nun war's sicher, er
kam zu ihnen.
Der Eve schlug das Herz, hart und rasch. Sie wußte gar nicht warum. Sie
konnte es gar nicht begreifen. Was ging sie der Jerrisepp an? Wie konnte
ihr der Jerrisepp das verursachen? Er war ihr doch kein Fremder. Er war
freilich lange nicht hüben gewesen. Allerdings. Aber das war doch kein
Grund. Früher war er öfter gekommen. Aber was lag am Jerrisepp? Er war
der nächste Nachbar. Fertig!
»Fertig!« sagte sie. Sie gewöhnte sich das immer mehr vom Vater an. Aber
es war doch nicht fertig. Sie mußte immer wieder aufhören und nach dem
einfältigen Jerrisepp sehen. Er ging ordentlich feierlich heut. Oder kam
ihr das nur so vor? Er hatte sich fein gemacht. Das wollene Tuch um
seinen Hals war funkelnagelneu. Und auf der Kappe saß kein Riebelchen
Mehlstaub.
»Vater,« rief sie in die Stube, »ich glaub' der Jerrisepp kommt zu uns!«
»Gut, soll er kommen,« sagte der Vater.
Dann spülte die Eve weiter. Und zwar guckte sie nun auch nicht mehr auf.
Der Jerrisepp war jetzt nach der Mühle hereingebogen und vom Fenster aus
nicht mehr zu sehen.
Der Cäsar schlug an. Die Eve rief ihm zu. Da war er still und ließ den
Jerrisepp passieren. Gleich darauf ging die Haustür. Der Jerrisepp trat
ein.
Er ging direkt auf die Stubentür zu und klopfte an.
Als er eintrat, legte die Müllerin ihr Strickzeug in den Schoß, und der
Müller hörte einen Augenblick auf zu trommeln.
»Bist lang nit dagewesen, Jerrisepp!«
»Ihr auch nit bei mir, Nachbar. Und alle Gebot kommen, geht doch auch
nit.«
Es war in beider Reden etwas wie ein spitzer Ton, ohne daß sie's beide
beabsichtigten.
»Ja,« lachte der alte Müller, »ich kann halt immer nüber gucken zu dir,
bis in dein' Haustür hinein, da brauch ich nit zu dir zu gehen.«
»Ja, freilich,« stichelte der Jerrisepp, »da habt ihr auch sehen können,
daß ich tüchtig zu mahlen hatt' den Monat?«
Er lächelte spitzbübisch.
»Ja,« sagte der alte Müller, »und ich hab' dir's von Herzen gegönnt.«
Der Jerrisepp besann sich. Er war betroffen. Es hatte so gütig
geklungen. Er war ein bißchen verwirrt.
»Euer Mühl' läuft leer, Nachbar,« entfuhr es ihm. Dabei wurde er rot.
»Die feiert Sonntag heut,« erwiderte lächelnd der Müller. »Man muß so
einer Mühl' auch ihren Sonntag gönnen.«
Nun war der Jerrisepp ganz geschlagen. Um so mehr verwirrt wurde er. Er
wußte nicht mehr zu unterscheiden, was gut und was nicht gut zu reden
wäre. Und er hatte sich doch alles ganz genau ausgedacht gehabt, was er
sagen wollte.
Der Jerrisepp verwurstelte sich noch weiter. »Mein' Mühl' kann ich halt
nit Sonntag feiern lassen, das verträgt's nit. Es ist halt, daß ich
durch die neu' Chaussee so einen guten Weg gekriegt hab'. Die Fuhrleut'
wollen doch die holprigen Feldweg' heutigestags nit machen. Drum ist's
halt was anders bei Euch, Nachbar. Den langen Feldweg scheuen sie halt
all.«
»Und kommen aber doch,« fuhr die Müllerin nun heraus.
Der alte Müller bekam einen roten Kopf. Er trommelte sehr laut.
»Willst dich nit setzen, Jerrisepp?« fragte er. Der Jerrisepp tat's.
»Bei dei'm Großvater und mei'm Vater, Jerrisepp, wie ich noch Bub war
und an dich noch kein Mensch gedacht hat, war's anders. Jeder hatt'
damals sein gleich Teil.«
»Ja,« sagte der Jerrisepp, »so wie's bei den Menschen ist, daß die einen
alt werden und die anderen jung, so ist's auch mit den Mühlen. Das eine
überlebt sich, daß andere erhebt sich.«
»Hm!« knurrte der Alte.
»Ich hab' sogar noch weiter gedacht. Ich seh' ein, daß die Müllerei muß
zugrunde gehen, wenn sie nit ein bißchen aufgeholfen kriegt. Durch die
Müller mein' ich. Die alten Einrichtungen taugen nit mehr. Ich hab' mir
Bücher angeschafft, die fürs neue sind. »Der praktische Mühlenbauer«,
»Unsere Mühleneinrichtungen«, »Dampf– und Wassermühlen«, und noch so ein
paar. Man kann ja nit alles brauchen, was da grad drinsteht, aber
manches ist doch richtig und gut. Ich will jetzt die Sach' anders
einrichten. Zuerst mal das Wasser besser ausnutzen. Das geht ja so nit
mehr. Alle paar Tag' verschlammt, und wann am meisten zu mahlen ist, am
wenigsten Wasser. Alleweil drückt sich's nit so mit der Arbeit, da
kriegt man eher jemand und braucht auch die höchste Löhn' nit zu
bezahlen. Ich hab' mir drum für morgen fünf, sechs Mann bestellt, ich
heb die Bach vor der Mühl' aus, faß das Wasser enger und leit's hoch und
mach mein Rad oberschlächtig.«
»Was tausend!« knurrte der Müller.
»Dann rechne ich, geht's wieder zehn, fünfzehn Jahre. Und gehts dann nit
mehr und man erlebt's noch, so kost's halt eine Dampfmaschine.«
»Jerrisepp,« fuhr es der Müllerin heraus, »daß du dann so einen hohen
Schornstein bauen müßt?«
»Gewiß, Nachbar'n, man muß mit der Zeit gehn. Wer das richtig tut, wird
nix dabei verlier'n, aber zugucken, wie's dort weitergeht und doch still
sitzenbleiben auf sei'm alten Fleckelchen, das führt zu nix. Ja, und was
ich sagen wollt, Nachbar, mit dem Wasser das, Ihr müßt auch dabei was
tun. Ich kann dann mit wenig Wasser mahlen, aber bei dem schlechten
Zustand von der Bach wird's bei Euch dann erst recht hapern. 's ist halt
alles verschlammt, und Euer Gefäll ist so gut wie keins. Die Hauptkraft
nehm' ich dann weg, wie gesagt, weil das Wasser dann kein' Gewalt von
oben mehr für Euch hat.«
»Ich hab' aber das Wassergerecht schon von alten Zeiten her,«
protestierte hier der Müller.
»Ganz recht, Nachbar, das Wassergerecht wird Euch auch nit genommen, nur
das Wasser wird seine Kraft verlieren. Und unser Mühl' ist auch nit
jünger wie Eure. Bloß hab' ich den Vorteil, daß ich oben lieg und Ihr
unten, und daß ich also vor Euch das Wasser hab'.«
Der Alte sah, daß ihn der Jerrisepp festhatte. Und der Jerrisepp sah,
daß sich das Blättchen gewendet hatte. Nun galt's, den Vorteil
ausnützen. Der Alte brummelte etwas vor sich hin, das der Jerrisepp
nicht verstand.
»Es ist ja vorauszusehen, Nachbar, und darüber muß man sich klar sein,
wenn ich mein' Betrieb in die Höhe bring, geht Eurer herunter. Das liegt
auf der Hand. Weismachen wollen wir uns nix. Was ist, das ist. Aber ich
hab' mir gedacht, da wär' doch abzuhelfen. Ich denk' immer bloß nit von
heut auf morgen, auch auf übermorgen. Und da hab' ich gemeint, Ihr macht
einfach ganz zu, Nachbar!«
Der Müller fuhr auf. Und die Müllerin gab der Katze einen Tritt.
»Radikalkur!« sagte der Alte. »Ich bedank mich aber schön.«
Aber der Jerrisepp war jetzt im Zug.
»Ihr seid alt und habt genug geschafft Euer Lebtag, Ihr könnt jetzt
ausruhen. Was ich vom Werk brauchen kann, das nehmen wir heraus, und ich
bezahl's Euch so gut, als es zu bezahlen ist. Ihr zieht herüber zu mir,
ich setz noch einen Kniestock auf mein' Mühl' -- und, die Eve wird mein'
Frau, und der eine Betrieb nährt uns besser, als die zwei, wo Ihr nix
habt, und ich am End' auch nur Euer Feindschaft. Es will alles beraten
und bedacht sein im Leben, und ein fetter Ochs ist allemal noch besser
als zwei magere Küh', das mein' ich.«
Der Jerrisepp war während dieser Rede doch erregt geworden. Es war ja
auch nicht leicht gewesen, das mit der Eve, und er hatte seine Kappe
rasch in den Händen gedreht, wie's heraus mußte.
Der alte Müller hatte heftig getrommelt und den Takt getreten, die
Müllerin machte noch große Augen und schien gar nicht zu sich zu kommen.
So halb etwas Glänzendes war nämlich in ihren Augen.
»Das wär' schon ein Plan,« stammelte sie.
Aber der alte Müller guckte sie streng an, daß sie sich ganz
zusammennahm und ihre weitere Rede für sich behielt.
Es blieb still zwischen den dreien.
»Ihr müßt mir doch sagen Nachbar,« unterbrach der Jerrisepp das
Schweigen, »daß ich's gut mit Euch mein'.«
Das löste die Spannung beim alten Wiesenmüller.
»Auf Gnad' und Barmherzigkeit, Jerrisepp, nein, dadrauf sind wir doch
noch nit angewiesen. Nit wahr, Mutter? Wir haben all unser Tag redlich
geschafft und hausgehalten, und wann wir ruhen wollen, ruhen wir daheim,
wo wir alt geworden sind und wo wir auch sterben wollen. Nit wahr,
Mutter?«
Das hatte sehr traurig und bitter geklungen.
Aus den Augen der Müllerin war nun das Glänzende geschwunden. Sie waren
trübe geworden, und sie mußte sich schnäuzen.
»So ist das aber nit gemeint, Nachbar, und so ist das auch nit zu
verstehen. Ihr seid ja dann bei Eurer Tochter.«
»Hm, hm!«
Dann war's wieder eine Weile still.
Die Tür ging auf, und Eve steckte den Kopf herein.
»Soll ich den Kaffee bringen?« fragte sie.
»Ja, bring ihn,« sagte der Vater.
Der Jerrisepp trank eine Schale Kaffee mit und aß ein Stückchen
Apfelkuchen, den die Müllerin alle Sonntage backte, sobald es Äpfel gab
und solange es gab.
Es wurde nun vom Wetter geredet und den Kartoffeln und von den Reben und
der Traubenernte. Der Jerrisepp meinte, man müsse sich auf eine neue
Pflanzung besinnen, es sei ja doch schon lange nichts mehr mit den
Reben.
»Du willst aber gerad' alles umstürzen,« spöttelte darauf der
Wiesenmüller.
»Es kann nit alles ewig halten. Menschenwerk ist nit für die Ewigkeit,«
erwiderte ihm der Jerrisepp mit Nachdruck.
Die Mutter wechselte einen Blick mit der Eve und zog die Augenbrauen
hoch. Die Eve lächelte und wurde rot. Sie guckte in ihre Kaffeeschale
und rührte verlegen den Zucker.
Als der Kaffee getrunken war, trug die Eve ab. Und als sie draußen war
und der Jerrisepp sich mit einem scharfen Blick nach der Tür
vergewissert hatte, daß die Eve außer Hörweite war, fragte er: »Nun, wie
ist's, Nachbar, habt Ihr Euch besonnen?«
»Allerdings,« sagte der Wiesenmüller, »und zwar so, daß nix draus werden
kann. Wir sind noch nit so weit, die Mutter und ich, daß wir aus dem
Haus zu gehen brauchen auf Gnad' und Barmherzigkeit. In unseren Jahren
aber außerdem, geht man nur aus sei'm Haus, wann man hinausgetragen wird
auf den Kirchhof. Bis dahin --«
»Hm, hm,« machte nun der Jerrisepp. Er lächelte verschmitzt in sich
hinein.
»Das ist ganz schön, Nachbar, aber ob's nit doch vernünftiger wär' --«
»Du guckst's mit deinen Augen an, ich mit meinen, da sieht's jeder auf
eine andere Vernünftigkeit.«
»Also brauchen wir nix mehr zu reden?«
»Dadrüber vorläufig nit. Nein, das wollen wir doch noch mal ein bißchen
abwarten.«
»Hm, hm! Wie Ihr wollt, Nachbar.«
Dann ging der Jerrisepp, und lächelte auch dann noch verschmitzt vor
sich hin. -- --
In dieser Woche blieb plötzlich die Wiesenmühle stillstehen. Der Müller
sah nach, es fehlte an Wasser. Wie ausgetrunken war der Bach. Das hatte
der Jerrisepp gemacht. Er schaffte oben sechs Mann hoch. Nun, der
Wiesenmüller wollte den Frieden bewahren und wartete noch ein paar Tage.
Aber das Wasser kam nicht. Endlich lief ein dünnes Rinnsal. Und als es
mehr wurde, war's recht schwach und träge. Da es nicht besser werden
wollte, schickte der Wiesenmüller die Eve hinauf zum Jerrisepp, fragen,
wann er denn mit seiner Arbeit fertig sein werde. Sie sei schon fertig,
brachte die Eve Antwort. Es hatte schon immer so wie so an einem
tüchtigen Gefäll gehapert, nun war ihm alle Kraft genommen. Droben beim
Jerrisepp war's fein eingefangen und hoch gelegt und rauschte es nur so
übers Rad. Dann hatte er's unterhalb der Mühle ganz tief gelegt, so daß
es sich nur so faul durch die Wiesen hinsickerte bis es zur Wiesenmühle
kam.
Das ging dem Wiesenmüller denn doch über die Hutschnur. Er band sein
Halstuch um und ging ins Dorf zum Bürgermeister. Da erfuhr er, daß der
Jerrisepp die Genehmigung eingeholt und alles ordnungsgemäß vorgelegt
und begründet hatte. Es war freilich nicht gesagt, daß er der
Wiesenmühle das Wasser schwächen werde, aber es war genug damit, daß er
ihr es nicht genommen hatte. Wenn er seine Wasserverhältnisse
verbesserte, so war das ja ganz natürlich. An dem Wiesenmüller sein
Wasserrecht war nicht gerührt, wenigstens nach Ansicht des
Bürgermeisters. Das übrige müßten dann freilich die Advokaten besorgen.
Der Wiesenmüller kratzte sich hinter den Ohren. Schon wenn er das Wort
Advokat hörte. Er hatte sich vorgenommen, im Leben keinen Prozeß mehr zu
führen, nachdem er vor langen Jahren den ersten verloren hatte. Da hatte
er gesehen, was das kostet. Es war wegen eines Äckerchens damals
gewesen: gegen den Bruder seiner Frau. Das Äckerchen ging dabei verloren
und zwei andere noch dazu.
Der Wiesenmüller besann sich unterwegs, wie er die Sache auf gütlichem
Wege schlichten könne. Er dachte an den Paul Ludwig. Das war der Müller
von der Ecklocher Mühle. Der mußte einmal mit dem Jerrisepp reden, ehe
es zur Klage kam und das Gericht sich in die Sache mischte.
Der Paul Ludwig war ein sonderbarer Kauz. Seit Jahren war er nicht aus
seiner Mühle herausgekommen. Um die Menschen kümmerte er sich gar nicht.
Er hatte nur seine Mühle, das Feld, die Wolken und seine Pfeife. Er war
der Wetterkenner. Morgens in aller Frühe reckte er den Kopf aus seinem
kleinen Mühlenfensterchen heraus und schaute sich nach dem Wetter um.
Und das geschah so noch ein paarmal am Tage. Er wußte ganz genau
Bescheid. Wenn der Paul Ludwig sagte, daß es zur Kirchweih regnen werde,
so konnte man ganz sicher sein, daß es eintraf. Wenn ein Verein ein Fest
feiern wollte, ging man erst zum Paul Ludwig, um ihn wegen des Wetters
zu befragen. Das meiste Ansehen hatte der Paul Ludwig gewonnen, als er
die schlechten Weinjahre prophezeit hatte. Und sie waren alle so
eingetroffen, wie er es vorausgesagt hatte. Er beobachtete alles, die
Kleeblüte und den Bienenflug, die Vogelstimmen und den Nestbau der
Vögel, und noch viele ganz natürliche Dinge, die er den Leuten gar nicht
sagte, wenn sie ihn fragten. Außerdem putzte er die Schwarzwälder Uhren
aus, wenn sie stehen geblieben waren, und ölte sie auch ein. Er konnte
alles. Nichts, was er nicht hätte bosseln können. Er reparierte sogar
den Musikanten des Dorfes die Instrumente, und wenn sich einer einen
ganzen Tag lang abgemüht hatte, den Stimmstock in einer Geige zu stellen
und es ihm doch nicht gelungen war, so ging er eben zum Paul Ludwig, der
machte es im Handumdrehen. Wie aber der Bienenstand vom Paul Ludwig
aussah, so schön gab's keinen mehr in der ganzen Gegend.
Von den Umgestaltungen, die der Jerrisepp mit seinem Wasser und in
seiner Mühle vorgenommen hatte, war ihm schon erzählt worden, aber so
sehr er sich dafür interessierte, hingegangen wäre er nicht. Nun ihn der
Wiesenmüller bat, ihm den Vermittler zu spielen, war's ihm gerade recht,
das war ihm eine Gelegenheit, sich die Arbeit vom Jerrisepp anzusehen.
Er stülpte also sein besseres Käppchen auf, zündete seinen Kloben noch
einmal an, steckte sich ein Päckchen Tabak ein und ging hin zum
Jerrisepp.
Der Jerrisepp zeigte ihm alles, die ganzen Verbesserungen und
Einrichtungen, und der Paul Ludwig guckte ganz genau. Sagen tat er nicht
viel. Höchstens mal ein »Hm, hm,« oder mal ein paar tiefere Züge aus der
Pfeife. Das war schon ein bedeutender Beifall. Der Jerrisepp freute
sich. Wenn es einer verstand, war es der Paul Ludwig. Und er guckte ins
allerkleinste und einzelnste. Alles stieberte er aus. Aber von der Sache
mit dem Wiesenmüller sagte er nichts. Die hatte er ganz über dem Neuen,
was er da sah, vergessen. Und sie zählte ihm auch nicht mehr, nachdem
was er gesehen hatte. Er hatte vielmehr einen richtigen Respekt vor dem
Jerrisepp gewonnen. So was hätte er dem gar nicht zugetraut. Der war
doch ein dicker Duckmäuser, der. Und daß er jetzt so freundlich und
bereitwillig im Zeigen war, das war lauter Stolz von dem. Aber, dachte
der Paul Ludwig, was schadet's! Er darf stolz sein. Was er da gemacht
hat, hat wirklich Hand und Fuß und kann sich sehen lassen. Dumm nur, daß
man nicht schon früher darauf gekommen ist. Die Welt macht doch
Fortschritte. Es war schon richtig düster, als er ging. Und er war schon
ein Stück Wegs gegangen, da fiel ihm der Wiesenmüller wieder ein. So
ging er noch einmal zurück. Aber nun wußte er gar nicht, was er sagen
sollte. Es war ja alles richtig und in seiner Ordnung.
»Du, Jerrisepp,« sagte er, »der Wiesenmüller beklagt sich, er hat kein
Wasser.«
»Die Wiesenmühl' hat zu Lebtag noch nit viel Wasser gehabt. Und soll ich
vielleicht dem Wiesenmüller Wasser hinunterbringen?«
»Ja, recht hast du, Jerrisepp.«
»Die vierte Mühl' war schon zu Lebtag ein Stiefkind. Immer hat da das
Gefäll gefehlt. Ich wunder' mich, daß sie so lang' sich gehalten hat und
das Wasser nit schon längst ausgegangen ist.«
»Recht hast du eigentlich.«
»Wer die da hingebaut hat, der hat auch nit allzuviel Überlegung und
Verständnis gehabt, oder die Bach ist damals anders gelaufen.«
»Das ist's, die Bach ist damals anders gelaufen. Das war alles anders.
Und früher war die Wiesenmühl' eine von den allerbesten in der ganzen
Umgegend. Aber seit der Wiesenentwässerung ist das anders geworden.«
»Also müßt' der Wiesenmüller eigentlich die Gemeind' verklagen und nit
mich, wenn er kein Wasser hat.«
»Ja, eigentlich müßt' er das,« sagte der Paul Ludwig. »Denn seit der
Wiesenentwässerung, die die Gemeinde gemacht hat, geht's ihm so schlecht
mit dem Wasser.«
Dann ging der Paul Ludwig wieder und hatte das Gefühl, daß er die Sache
vom Wiesenmüller sehr gut vertreten habe.
Der Wiesenmüller beruhigte sich aber dabei nicht. Er wollte jetzt
unbedingt sein Recht haben. Und trotz seiner Scheu vor den Advokaten
fuhr er nach Mainz und machte die Klage anhängig. Und legte gleich einen
tüchtigen Batzen Geld auf den Tisch.
Nun kamen die Sachverständigen und prüften die neue Anlage vom Jerrisepp
und den Wassermangel von der Wiesenmühle, und prüften alle Einsprüche,
zum Beispiel den, daß der Jerrisepp das Wasser unterhalb der Mühle zu
tief gelegt habe. Aber der Jerrisepp war sattelfest. Er hatte sich genau
an die Bestimmungen gehalten.
Es war wenig Aussicht. Dazu mußten immer neue Vorlagen gemacht werden.
Der alte Müller war ganz krank. Von Bub auf an hatte er die Mühle jeden
Tag klappern hören, von morgens bis abends und sogar in der Nacht, nun
stand sie still. Totenstill war's, abgestorben, begraben. Der Alte
konnte nicht mehr ruhen, nicht schlafen. Die Stille weckte ihn. Sie
verjagte ihn aus seiner Mühle. Auch der Müllerin ging's so. Als ob sie
nun ohne Haus und Heimat wären, ganz verstoßen und verlassen war ihnen.
Dann und wann nur bekam das Wasser einen stärkeren Trieb und das Rad
lief ein wenig, aber es war nicht der Mühe wert. Auch Stauungen halfen
wenig. Wenn überhaupt etwas zu machen gewesen wäre, so hätte das
wenigstens ein paar Hundert Mark gekostet. Die ganze Mühle war nun aber
dem Wiesenmüller verleidet. Geld wollte er keines mehr an sie hängen. Er
schickte die Eve zum Jerrisepp, fragen, wann er zu ihm kommen könnt'.
Die Eve kam zurück mit der Antwort, daß es sein könne, wann es dem Vater
passe. Dabei wußte sie des Rühmens kein Ende zu finden, wie fein alles
in der Reihe sei beim Jerrisepp, wie er nun mit zwei Gängen mahle, und
wie er nun gar nie mehr trocken sitzen könne. Der alte Müller kraute
sich hinter den Ohren. Er sah die Eve lang' und durchdringend an.
»Es hat dir also gefallen?«
»Ich könnt' nit anders sagen, Vater.«
»Hm, hm! 's ist fein in der Reih'?«
»Ich müßt' lügen, Vater.«
Der Alte ging hinaus auf den Hof und machte sich da zu schaffen. Nach
einer Weile kam er wieder herein.
Er fragte die Eve: »Willst ihn?«
»Wen?« fragte die Eve lachend.
»Hm!« -- er deutete zur Mühle hinüber.
»'s ist alles fein in der Reih', Vater.«
»Willst ihn also?«
»Wann's Euch recht wär', Vater.«
»Hm!«
Am Sonntag lag der Wiesengrund tief im Nebel. Man konnte den Nebel
schneiden. Er benahm einem ordentlich den Atem.
Als die Kirche aus war, sagte der Wiesenmüller zu seiner Frau: »Mutter,
es wird uns nix anders übrigbleiben. Die Wasserregulierung vor ein paar
Jahr, jetzt der Jerrisepp ... 's hilft halt nix. Und das ganze Geld zu
verprozessieren, und am End' noch mit der Gemeind' anfangen ... Wo ist
denn mein kariert wollen Halstuch? 's ist mir, meiner Seel, kein
leichter Gang ...«
Die Mutter nickte.
Der alte Wiesenmüller schritt langsam und vorsichtig durch den Nebel
nach der Mühle vom Jerrisepp.
»Kommt Ihr, Nachbar?«
Der Wiesenmüller sah sich um, Küch' und Keller, das Wasser, das neue
Rad, den neuen Gang, den Stall, den Dachboden. Es gefiel ihm alles sehr
gut. Ordentlich begeistert war er von allem, was der Jerrisepp
eingerichtet hatte, und er kargte nicht mit seinem Lobe.
»Aber in der Mühle drunten bleiben wir wohnen, wir zwei Alten. Fertig!«
»Wie Ihr wollt.«
»Den Kniestock sparst du dir. Fertig!«
»Wie Ihr wollt,« lächelte der Jerrisepp.
»Und die Hochzeit?«
»Noch vor der Fastnacht,« sagte der Jerrisepp.
»Noch vor der Fastnacht? Soll mir recht sein.«
Dann besprachen sie noch die Mitgift, und was so drum und dran hing.
»Es trifft sich halt so,« meinte nach einer Pause der Jerrisepp, »die
neu' Chaussee hätt' auch an Euch können vorbeigehen, dann hätt' ich's
Nachgucken gehabt. Freilich, mein Wasser war immer besser gewesen als
Eures. Aber man muß sich zu helfen wissen. Wenn man's Leben verkehrt
anpackt, nur an einer Stell', dann bleibt's verkehrt für sein Lebtag.«
Der alte Wiesenmüller klopfte ihm auf die Schulter: »Du brauchst dir nix
einzubilden. Wenn ich's nit gewollt hätt', dann wär's nit geschehen. Und
man weiß noch nit, wer's von uns zwei am längsten ausgehalten hätt'.
Fertig!«
Dann ging der Wiesenmüller wieder seinen Weg zurück. Der Heimweg war ihm
ein gut Teil leichter. Es wär' aber gar nit notwendig gewesen, daß die
Freierei so viel Geld gekostet hätt', der Jerrisepp hätt's nur gleich
richtig anpacken sollen. Na, was vorbei war, war vorbei. So dachte er.