schon die Freunde, die er sich ausgewählt hatte, bewiesen gegen sie. Die
Freunde waren nicht aus den sogenannten »vornehmen« Kreisen, nicht
»Doktor« und Apotheker, nicht Schullehrer und Angestellte -- es war der
Musikant Jakob Veit, kurz der Veitjakob genannt, der die Violine spielte
auf den Kirchweihen und im Gesangverein den ersten Tenor sang, war der
Botsieben–Hannes, der die Post hatte von Thurn und Taxis und Musikant
war nebenbei, war der Pankraz Klein, der den zweiten Baß »hielt« im
Gesangverein, war freilich auch der Rudolf Schwarz, der Bürgermeister,
der auch Freimaurer war, vielleicht auch sonst noch was Geheimnisvolles
und Böses, was den Krafft anzog.
Der Krafft sah aber nicht aufs Äußere und nicht aufs Böse, er suchte in
seinen Freunden eine Ergänzung zu sich selbst. Oder das nicht einmal,
oder wenigstens nicht so bös egoistisch ausgedrückt -- er suchte
gesunden Menschenverstand und ein warmes Herz, Liebe und Begeisterung.
So beim Veitjakob, dem Musikanten -- beim »alten Schwarz« aber war's oft
ein Aufblicken und Bewundern, öfter die freudige Gewißheit und
Dankbarkeit, verstanden zu werden, angeregt und bestärkt zu werden. Denn
der Schwarz war ein Weltmann. Das Leben hatte ihn nach allen Richtungen
schon umhergeworfen, er hatte sich auf dem Dorfe vor Jahren festgesetzt,
hatte erst eine Wirtschaft eröffnet, dann eine Branntweinbrennerei und
war dann zum Bürgermeister gewählt worden. Denn er war reich. Er war
aber auch ein heller Kopf. Und er war auch -- ein Demokrat.
Ein Demokrat war der Krafft nun freilich auch. Er hatte in seiner Jugend
das Hambacher Fest mitgemacht und hatte flüchten müssen: er hatte im
»tollen Jahre« geredet und geschrieben für die Freiheit und die
Verwirklichung der Träume der deutschen Seele.
Aber nun war er still geworden, ganz still. Still im Kreise seiner
zahlreichen Familie, für die er schwer zu sorgen hatte, still bei seinen
Büchern und Noten, in seinem Schulgarten, den er fleißig bepflanzte. Und
wenn er von seiner Arbeit ausruhte, saß er unter dem hohen Efeu an der
alten Schloßmauer und paffte aus seiner Pfeife. Und alte Träume und alte
Lieder wurden in ihm wach, er lächelte des Vergangenen und leid ward ihm
um all das, was unerfüllt blieb -- aber er blieb still. Ja, ganz still
war der Andreas Krafft. Er hatte sich vom Leben zurückgezogen, er hatte
seinen Kreis verengert, und was er von dem Draußen dabei verloren hatte,
das suchte er sich zu ersetzen durch die innigere Beschäftigung mit dem,
was ihm lieb war.
So hatte seine Persönlichkeit ihre Gewichtigkeit und Schwere bekommen,
und auch eine Ruhe war ihm geworden, und Kampf und Leid waren nicht
verloren. Und so wurde der Krafft auch nicht zur Maschine, trotz der
gleichmäßig schweren Tätigkeit, die er entfalten mußte. Er fand sich
überall einen Punkt, von dem aus betrachtet alles einen eigenen Wert und
Ansehen erhielt, von dem aus trotz aller Anstrengung und Überwindung der
Krafft noch Werte für seinen inneren Menschen herausschlug, so daß er
sich seine Freudigkeit bewahren konnte. Warm fühlte er sich von ihr
durchströmt, wenn er seinen Gesangverein übte, wenn er ein Lied oder ein
Präludium für die Orgel einrichtete, und ganz besonders, wenn er an der
Orgel saß und die Töne ihm die Sprache seines Herzens wurden, in der
sich das letzte sagen ließ, was sein Herz verborgen hielt.
Und nun war plötzlich die Hetze gegen ihn losgegangen. Es war fast über
Nacht gekommen. Der eigentliche Anlaß wäre schwer zu finden gewesen. Der
Anlässe und Gründe wußte man viele anzugeben. Kraffts politische
Vergangenheit, seine geistige Selbständigkeit, sein Übergewicht, die
Sicherheit und Reinheit seiner Persönlichkeit, ja gerade das mochte
vielen ein Dorn sein. Auf einmal fand man ihn kirchlich zu lax, man fand
bald, daß er kirchenfeindlich sei. Man gab hundert heimliche Anlässe zum
Streit, tausend heimliche Stiche. Aber der Krafft stand über der
Kleinlichkeit der Menschen, er blieb ruhig. Da riß die Geduld. Man ging
im Amt gegen ihn vor. Man schikanierte ihn, man tadelte, rügte, drohte.
Da stand der Krafft seinen Mann, er verteidigte sich. In seinem Amt ließ
er sich nicht antasten. Er hatte allzeit seine Pflicht getan, er hatte
sich nichts vorzuwerfen -- keiner sollte ihm etwas vorwerfen dürfen.
Da war die Flamme aufgeschlagen. Das Dorf war plötzlich in zwei Lager
geteilt: hie Pfarrer! hie Lehrer! Und eigentlich hatte der Krafft gar
nichts dazu getan. Er hatte seine Angelegenheit allein vertreten, fest
und still, wie es seine Art war. Niemandes Hilfe hatte er angerufen,
niemandes Beistand erbettelt. Nur einmal hatte er in der Erregung das
Zeugnis seiner Schulkinder gefordert. Sonst war er passiv geblieben. Er
glaubte an sein gutes Recht und seinen Sieg.
Aber Beichtstuhl und Kanzel hatten gute Arbeit getan und taten sie
weiter. Die Gemeinde blieb in zwei Parteien gespalten. Und heiß war der
Kampf. Auf den Straßen, in den Wirtshäusern begann er, in den Familien
setzte er sich fort, und sogar die Jugend beteiligte sich daran.
Kraffts Partei war eigentlich ohne Führer, denn der Andreas Krafft
wollte nichts mit dem Zwist zu tun haben. Er ermahnte immer zur Ruhe und
ihn allein zu lassen. Aber die Fanatiker und Herausforderer der
Gegenpartei ruhten nicht. Und der Streit spann sich immer weiter. Er
wurde dann auch noch bei der Behörde gegen Krafft benutzt, dem alle
Schuld zugeschoben wurde, und eines Samstags, da er gerade
unterrichtete, wurde ihm sein Absetzungsdekret zur Unterschrift
vorgelegt. Es riß ihn hin, es seinen Schülern vorzulesen. Dann
unterschrieb er's und ging.
Die Gesangstunde für den Abend sagte er ab, er fürchtete einen heftigen
Ausbruch von Streitigkeiten im Vereinslokal oder auf der Straße, wenn er
sich jetzt zeigen würde. Und er fürchtete auch, sich nicht halten zu
können und in der Erregung ein unbedachtes Wort zu reden, wenn er
herausgefordert würde. Am Nachmittag kam noch einmal ein amtliches
Schreiben. Es war vom Pfarrer, »daß er gehalten sei, die Orgel bis zum
Eintreffen seines Nachfolgers zu spielen.«
Diesen Sonntag +wollte+ der Krafft noch einmal spielen, aber es sollte
zum letztenmal sein. Er hatte sich's fest vorgenommen: Es sollte sein
Abschied von der Orgel sein.
Am Sonntagmorgen, als es anfing »zusammenzuläuten«, ging der Krafft in
seiner gewohnten Weise nach der Kirche. Er ließ sich vom Glöckner die
Weisungen des Pfarrers holen, dann schritt er langsam die Treppe zur
Empore hinauf. Als sein grauer Kopf sichtbar wurde, sah man von allen
Seiten nach ihm. Auf allen Gesichtern lag ein tiefer Ernst. Der
grimmigste Feind hätte jetzt im Gefühl seines Sieges nicht lächeln
können. So ernst Kraffts Gesichtszüge waren, so ruhig und fast klar
waren sie doch auch, denn nichts Bitteres sprach in ihm. So sah er fast
feierlich aus, und allen war es feierlich bei seinem Anblick. Als ob
jeder fühlte, daß da einer zwischen ihnen gehe, der ein Schicksal auf
seinen Schultern trage. Es mochte manchem sein, als ob dies Haar, das in
diesen schweren Tagen fast schlohweiß geworden war, mehr fordere als nur
die Ehrfurcht vor dem Alter. Und manchem mochte auch das Herz bange
geworden sein im Gedanken an des alten Lehrers Zukunft, und er mochte
sich in diesem Augenblick seiner eigenen Schuld erinnern, die er selbst
an dem Unglück des Lehrers trug, dem er doch nur hätte dankbar sein
müssen. Einem oder dem anderen gar mochte es aufgehen, daß es etwas
Gebietendes, Großes und Erhebendes sein müsse, so fest und sicher
dahinzugehen, sich aufrecht zu halten und kein Mitleid zu fordern, wenn
ein großes Leid die Seele beschwert, ein Wirken, eine Zukunft, eine
Existenz zertrümmert liegt.
Alle waren ergriffen, jedem schlug das Herz höher. Das Schicksal erzwang
sich Achtung, sein Anblick mahnte zur Einkehr. Der Krafft hatte jetzt
die Orgel aufgeschlossen und die Noten aufgestellt. Dann setzte er sich
auf den Orgelbock. Er wartete, bis der Priester aus der Sakristei trat.
Ernst und feierlich spielte er das Präludium, ernst und einfach
begleitete er den Gesang des Volkes und des Priesters, schlicht und
unverschnörkelt präludierte er und spielte die Zwischenstücke ohne viel
Stimmenaufwand.
Durch nichts Äußerliches verriet sich die Bewegung seines Herzens, und
sie niemand auch nur im leisesten zu künden, befleißigte sich Krafft der
größten Strenge und bewahrte sie während des ganzen Gottesdienstes im
begleitenden und füllenden Spiele.
Der Pfarrer hatte die Predigt ausfallen lassen. Der Krafft war froh
darüber. Er hätte ihm heute nicht zuhören können. Er war froh, an seiner
Orgel sitzen bleiben zu können. Zu spielen, zu vergessen. So wichtig
waren ihm sonst die einzelnen Akkorde nie gewesen. Sie flossen ihm nicht
zu -- er wählte streng und vorsichtig aus, alles Prunkende vermeidend.
Er war schwer und ernst gestimmt. Er spielte nicht nur vor dem Gotte,
dem der Priester opferte, den die Gemeinde anbetete -- groß und streng
sah er sein Schicksal vor sich. Er spielte vor seinem Schicksal. Und er
wollte nicht klein sein vor ihm.
Als sei es sein Richter, war ihm, als wäge es nun, ob er zu leicht sei
und schwach, oder wert, die Schwere seiner Last zu tragen und seinen Arm
zu fühlen, der wie aus einer Ferne, einer Höhe, einer Ewigkeit
herüberreichte.
Gut und groß ward der Krafft vor seinem Blick.
Er hatte alle Kränkungen und Beleidigungen vergessen, er stand über dem
Augenblick, der so schwer war, und es war ihm, als weihe er sich jetzt,
sein Verhängnis zu tragen. Er fühlte sich so außerhalb der Menschen,
außerhalb ihres Kreises gesetzt. Er fühlte sich ganz allein. Und er gab
sich für das geringste, was er tat, tief und streng Rechenschaft.
So weihevoll gestimmt, wählte er die Akkorde aus. Dann war das #Ite
missa est# gekommen, -- und Krafft atmete tief auf. Der Gottesdienst war
zu Ende.
Und jetzt dachte der Krafft an den Abschied, an den Abschied von seiner
Orgel, die er die langen Jahre gespielt, der er das verborgenste seiner
Seele und ein ganzes Leben anvertraut hatte.
Mächtig durchdrang ihn, was die Musik je in ihm ausgelöst hatte, mächtig
packte ihn, was sie ihm gewesen war. Daß sie ihm mehr war als ein Spiel,
als eine Pflicht, daß sie ein Leben war, das außer ihm lebte und doch
seinen Puls hatte.
Und nun Abschied. Krafft bebte. Der Künstler in ihm bebte, der
vielleicht nie seinen ganzen Ausdruck hatte finden können, der ihm
vielleicht nie klar geworden war. Der nichts weiter in ihm war als
Liebe, als eine Freudigkeit, ein Vertrauen. Der vielleicht nie etwas
mehr getan hatte, als in Stunden der Ergriffenheit seine Zuflucht zur
Musik zu nehmen, und das nur in unklarem Trieb, fast mechanisch und
unbewußt.
Aber der Krafft wollte es kurz machen. Er wollte abbrechen und gehen. Er
konnte nicht. Es hielt ihn.
Daß er ja zum letztenmal spiele, rief's in ihm, daß er den Schluß machen
müsse zu all dem, was er die Jahre hier in Tönen gesagt hatte. Daß er
dann erst gehen könne für immer von diesen Tönen, die sein waren, sein
eigen und seines Wesens -- und daß ihr Inhalt dann erst ganz sein
könnte, wenn er seinen letzten Sinn bekäme, den Sinn seines schwersten
Erlebnisses.
Mächtig fühlte Krafft dieses Erlebnis in sich. Seinen ganzen Schmerz,
all das Traurige, all die schweren Folgen, all das Ungewisse -- freilich
auch seinen Mut, seine Kraft, seinen Stolz und seinen Willen.
Daß er gefallen, fühlte er, aber nicht geschlagen fühlte er sich. Ja,
ihm war, als habe er einen Sieg errungen.
Ein paar Akkorde hatte der Krafft wie im Traume gegriffen. Die Rechte
war ihm von den Tasten gesunken, die Linke hielt die Akkorde fest. Ein
Postludium von Bach hatte er fast mechanisch aufgeschlagen. Eine Fuge,
deren Thema er jetzt spielte.
Er machte eine Pause und strich mit der Rechten über seine Stirn. Eine
Strähne war ihm tief ins Gesicht gefallen.
Sein Schicksal stand nicht mehr vor ihm, es sprach in ihm. Er spielte.
Er wiederholte das Thema. Zart und feierlich leitete er im oberen Manual
ein. Dann zog er die Koppel. Immer inniger wurde die Verschlingung,
immer mächtiger und sicherer schien das Thema zu werden, je gewaltiger
die Gegensätze anwuchsen. Und immer wieder und wieder setzte er ein.
Der Krafft hatte die ganze Orgel gezogen. Der Schluß des Postludiums
brauste durch die Kirche.
Die Gläubigen waren auf ihren Plätzen geblieben. Keiner hätte gehen
können. Sie standen und sahen hinauf zur Empore.
Ein paar Männer waren tiefer ins Schiff gegangen und standen lauschend,
staunend in den Gängen.
Krafft spielte weiter.
Etwas Großes brauste über die Gemeinde hin, etwas Großes, das kein Wort
hat: der Atem einer Seele, die verhauchen möchte und festgehalten ist.
Keiner mochte wissen, was es war. Aber alle fühlten, daß es ein Etwas
sein müsse, das stärker war als die Musik, die es trug, stärker als
Feier und Andacht, die dem Gotte gegolten hatte.
Alle standen und lauschten und sahen empor.
Und Krafft spielte noch. Er hatte den Blick von den Noten abgewandt, er
hatte den Kopf vorgebeugt, das rechte Ohr der Orgel zugewandt. Er
lauschte tief in sein Spiel hinein. Er lauschte auf das letzte, das er
+sich+ spiele, das er nicht hinauskündete in die Welt.
Er hatte alle Register eingeschoben bis auf die #vox humana# und einen
Baß -- und nun schlug er #unisono# eine schlichte Folge von Tönen an,
hielt jeden fest und sicher aus und faßte zuletzt einen Akkord, den er
sacht verklingen ließ. Es war wie ein Verbluten, ein Seufzen. Oder es
mochte wie ein Vergeben und Weinen sein.
Der Pfarrer war aus der Sakristei getreten. Er stand oben vor dem
Marienaltar, deren Kerzen der Glöckner löschte. Er hatte die Rechte zur
Faust geballt und stützte sie auf die Kommunionbank auf. Mit flammenden
Augen sah er zur Orgel hinauf. Und er knirschte.
Krafft schloß die Orgel und zog die Schlüssel ab. Er blickte sich um. Er
sah, daß die Leute jetzt erst ihre Plätze verließen. Es ging ihm auf --
sein Spiel hatte sie festgehalten. Er hatte alles vor allen gesagt, was
sein Herz bewegt hatte. Und alle hatten's verstanden.
Er wurde tief rot. Er strich sich verlegen durchs Haar. Er schämte sich.
Ihm war, als habe er sich der Menge preisgegeben.
Er war erlegen, er war schwach gewesen.
Er mußte sich stützen -- er griff nach dem Orgelbock. Er griff fehl.
»Herr Lehrer!« klang eine Männerstimme neben ihm.
Einer seiner Sänger hatte ihn beobachtet und war auf ihn zugetreten, ihn
zu stützen. Der Krafft beherrschte sich wieder: »Ich danke!« sagte er.
Dann ging er. Er ging ruhig und sicher, wie er gekommen war. Die Kirche
hatte sich geleert. Alle Kerzen waren gelöscht. Die Kirche lag im
Dämmer. Nur durch ein offenes Fenster floß ein Sonnenstrahl. Andreas
Krafft stand an der Tür. Er wollte sie aufziehen. Da mußte er sich noch
einmal umsehen. Voll fiel das Sonnenlicht in sein Gesicht. Er senkte es
ein wenig. Da sah er oben den Pfarrer stehen.
Sie standen einander gegenüber, die Gegner, der leere Raum nur zwischen
ihnen.
Wenn sie hätten Freunde werden können, wenn es gekommen wäre, daß sie
Freunde geworden wären?!
Krafft zitterte ein wenig. Dann aber hob er rasch den Kopf, obgleich das
Licht seinen Augen weh tat. Und rasch ging er.
Auf dem freien Platz, vor der Kirche stand noch die Menge. Geteilt wie
immer: links die Freunde, rechts die Gegner. Aber alle standen stumm.
Aller Augen waren auf den Alten gerichtet, der jetzt oben auf der
Freitreppe der Kirche stand. Der Krafft hielt betroffen den Fuß an.
Unmerklich reckte er sich auf.
Dann schritt er fest und sicher die Treppe hinab.
Noch einmal hielt er an und nahm die Brille ab. Er wollte nicht scharf
sehen jetzt, er konnte nicht.
Und er wollte auch nicht gerührt werden.
Er ging festen Schrittes zwischen den Reihen hin.
Es schnitt ihm durch die Seele: »Ich bin ein Gezeichneter.«
Ein Graukopf nahm tief den Hut ab.
Und er blieb stark und ging groß und stolz. Man hörte nur seinen Tritt
-- und fast auch den Atem der Leute.
* * * * *
Cellist Behnke.
Seit vierzehn Tagen studierte das Theaterorchester des Kapellmeisters
neue symphonische Dichtung »Märchen«. Der gemütliche Kapellmeister
Hornbach brachte die Musiker diesmal fast um. Nichts konnte ihm recht
sein. Ton nicht und Tempo. Er fand späte Einsätze, falsche Töne,
Schwankungen in den einzelnen Stimmen, die er gewiß sonst übergangen
hätte. Es waren nur sehr geringe Fehler, die immerhin mal passieren
konnten. »Mehr Temperament, mehr Verve!« rief er ein übers andere Mal.
»Mittun, bitte, nicht so lahm, nicht so hängen lassen.«
Die Musiker schüttelten die Köpfe. Sie taten doch schon alles mögliche.
Aber weil sie Hornbach so lieb hatten und ihn als Künstler so hoch
schätzten, setzten sie immer wieder froh und frisch die ganze Kraft und
bestes Wollen ein. Hornbach aber schien eine Manie erfaßt zu haben,
abzuklopfen.
Sonntag im Symphoniekonzert sollte die Premiere sein.
Am Samstag war Hauptprobe.
In den letzten Tagen war der Kapellmeister etwas milder geworden. So,
wie er sonst war. Es ging flott, daß es eine Freude war. Und wenn er
auch hier und da mal ein Gesicht zog, zuletzt lächelte er doch.
Fritz Behnke, der Cellist, war diesmal erster. Zum erstenmal, da der
geniale Poppel, der seither als erster das Cello gespielt hatte,
gestorben war.
Hornbach hatte lange gezögert. Im Cello lag ein großes Solo. Es
verlangte einen ganzen Künstler. Ja, wenn das der Poppel noch streichen
könnte. Da würde es zittern und wieder zittern bis in den letzten
Saalwinkel. Bis in die Fußspitzen würd's prickeln.
Aber der Behnke!?
Er war ja fleißig, äußerst fleißig. Er hatte sich eine respektable
Fertigkeit angeeignet. Wohl. Und er konnte auch Ton geben. Ja Gott,
alles recht brav und ordentlich, gewissenhaft bis ins einzelnste. Aber
es fehlte doch etwas. Das Individuelle, das persönlich Tiefe. Behnke war
ein brauchbarer, guter Musiker, aber halt kein Künstler.
Aber es mußte doch sein. Und es ging auch nicht anders. Er war der
älteste. Hornbach wollte ihn sein Bedenken und Zögern gar nicht merken
lassen. Als er die Stimmen ausgab, sagte er liebenswürdig leichthin:
»Behnke, Sie spielen erster. Seien Sie brav. Ein Solo, auf das ich alles
setze, Behnke.«
Behnke verneigte sich tief, sehr tief. Er war krebsrot geworden,
glücklich, als ob er's große Los gewonnen hätte.
Nun hatte er den Lohn, den großen Lohn für seinen Fleiß, seine
jahrelange Mühe, sein Streben und seinen Eifer.
Er sollte das große Solo spielen, auf das der gute Hornbach »alles
setzte«.
»Fritz Behnke, erster Cellist des Hoftheaterorchesters«, ließ er sich
jetzt Visitenkarten drucken.
Er übte halbe Nächte lang. Es war kein Zeichen, das unbeachtet blieb.
Die ganze Stimme stand bald sauber vor seinem Geiste. Er kannte sie
genau auswendig. Er blätterte sogar im Gedächtnis um. Es sollte eine
Musterleistung geben.
Hornbach lächelte vergnügt in sich hinein. Ein bißchen spöttisch, aber
doch zufrieden. Es ging besser, als er gedacht hatte.
Und dann der Behnke. Man kannte ja den kleinen Kerl gar nicht mehr. Er
war ordentlich gewachsen. Der gute Behnke! ... Nur ein bißchen
Genialität! ...
-- Hauptprobe! Hornbach war in bester Laune. Behnke war ganz zappelig.
Er stimmte schon eine Viertelstunde lang sein Cello. Immer wieder strich
er und horchte. Das große Solo! -- ging's ihm beständig im Kopfe herum.
Er schmierte den Bogen. Seine Finger trommelten nervös auf dem
Griffbrett.
Er betrachtete sein Cello. Da in der Fuge saß ein Fleckchen Staub. Er
nahm sein sauberes weißes Taschentuch und wischte ihn aus.
Die zweite Piece war Hornbachs symphonische Dichtung.
Die Pause war jetzt um. Ganz leise und vorsichtig rupfte Behnke noch
einmal an den Saiten. Er schüttelte den Kopf.
Aber Hornbach gab schon das Zeichen.
Es durchfuhr alle wie ein elektrischer Strom.
Behnke perlte der Schweiß von der Stirn.
Gar fein bebten die Geigen ... Zitternd jauchzten die Klarinetten und
Flöten. Mächtig schmetterten die Blechbläser. Voller und voller
rauschten die Akkorde. Das war der Tag, der erwachte.
Behnke hatte bis jetzt nur in der Begleitung zu spielen. Die Celli
schwollen an und sanken wieder wie leichte Wellen eines Sees.
Und immer höher und mächtiger schwollen die anderen Stimmen an. Licht
und Jubel und Leben ...!
Nun mußte es bald kommen.
Noch einmal riefen die Posaunen wie ein Halleluja! ins Land hinaus. --
Und Flöten und Klarinetten und Geigen vereinigten sich zu freudiger
Antwort. Dann der große Triller ... und gleich nach dem Nachschlag kam
das große Solo im Cello.
... Und die Lotosfee schwimmt ans Land ... und die Wasser murmeln ...
und die Nixen haschen sich und neiden die schöne Schwester ... Und aus
dem Dickicht tritt der Ritter mit klingendem Sporn ... Und kosend und
schmeichelnd, verführerisch, in begehrender Brunst singt die Fee so süß
das Lied der Liebe ...
Behnke schloß die Augen.
Als ob der Genius seine Hand gesegnet habe -- er hatte einen Ton und
eine Tiefe, eine Wärme und einen Schmelz, goldig geradezu. Hornbach
lauschte entzückt. War das der Behnke?!
Die Geigen malten die zitternde Glut ... Aber alles übersang das Cello.
Der Behnke hatte seine Stunde. Das war der Behnke nicht. Da war etwas
lebendig geworden, das sonst nicht da war.
Voll setzte das Orchester ein, und der Jubel des Glückes und Genusses
durchbrauste den Saal ...
Da klatschten die Geladenen Beifall.
»Bravo, Behnke!« rief der Theaterdirektor.
Und Hornbach legte den Stab hin. Er lächelte vergnügt.
»Behnke!« sagte er mit eigener Betonung und nickte ihm zu. »Famos!« Der
arme Behnke aber wußte sich vor Glück nicht zu fassen und betrachtete
dann sein Instrument.
Die Probe nahm ihren Fortgang. Die große symphonische Dichtung Hornbachs
wurde tapfer bewältigt. Es mußte einen Erfolg geben.
Ein Meisterwerk, darin waren sich die Kunstverständigen, die zur
Hauptprobe geladen waren, einig.
»Ich danke Ihnen, meine Herren,« schloß Hornbach die Probe. »Nur morgen
so, dann ist's gut.«
Behnke konnte die ganze Nacht kein Auge zutun. Sein großes Solo! Der
Applaus morgen! Die Lorbeerkränze! Nun war er der erste Künstler in der
Stadt. Dem genialen Poppel, den sie so vergöttert hatten, gleich.
Der Fürst wird sicher der Premiere beiwohnen. O, dann das große Solo!
Er wird ihn sicher zum Kammermusiker, vielleicht zum Professor ernennen.
Dann müßte er sich wieder andere Visitenkarten drucken lassen: --
»Kammermusiker Fritz Behnke, Professor« -- oder vielleicht besser:
»Professor Fritz Behnke, Kammermusiker.«
Er entschied sich für diese Fassung.
In Gedanken ging er noch einmal seine ganze Stimme durch. Jede Note,
haarklein. Es wird einen Triumph geben. Trotz Hornbach.
Ob er wohl gerufen würde?!
Er würde dann einen tiefen Knicks machen und die Hand aufs Herz legen.
Aber wohin mit dem Cello? Er würde dann rasch den Bogen in die linke
Hand nehmen und den Knicks machen. Das würde gewiß gut aussehen. Ob's
wohl auf dem Zettel stehen würde, auf dem offiziellen natürlich:
Cello–Solo ..... Herr Fritz Behnke .....
Um fünf Uhr morgens hatte er schon wieder sein Instrument in der Kur. Er
stimmte es nämlich. Auf einmal mußte sich sein Gehör zehnfach verfeinert
haben. Bis auf die letzten Schwingungen hörte er genau. Es konnte ihm
gar nicht genügen. So -- einigermaßen! -- Und er schloß die Augen und
spielte sein Solo. Ganz Gefühl.
Ob er wohl den Tremulant etwas mehr anwenden sollte? Da lag doch alles
Gefühl drin.
Hornbach mochte ja freilich das Tremulieren nicht so recht leiden.
Persönliche Ansichten! Ja, er könnt's ja auch lassen. Also wie in der
Hauptprobe.
Er hatte das Anklopfen wohl überhört. Die Hauswirtin brachte den
offiziellen Zettel.
Da stand's wahrhaftig:
Cello–Solo ........... Herr Fritz Behnke.
Er hüpfte in die Höhe, daß ihm die Pantoffel von den Füßen flogen. Er
hätte laut schreien mögen; Er hätte das Fenster aufmachen und auf die
Straße rufen mögen:
Cello–Solo ........... Herr Fritz Behnke!
Er tanzte vor Vergnügen in seinem Zimmer herum.
»Ach was!« sagte er dann. »Selbstverständlich! Man muß ein bißchen
blasiert sein, wie alle Genies. -- Der erste Cellist in der Stadt! Weit
und breit!«
Dann suchte er die Plätze aus für die Lorbeerkränze. Einen über den
Spiegel, einen über sein Bild, und da einen über das Bild seiner Eltern.
Er war ein pietätvoller Mensch.
Wenn er jetzt nur eine Braut hätte! Die würde er mit dem vierten
bekränzen. Aber so war er ein alter Hagestolz. Er würde also seinen Ruhm
und sein Glück allein tragen.
Heute schmeckte ihm nicht Essen und Trinken.
Er hatte nirgends Ruhe. Er konnte den Abend nicht abwarten.