So war er frei geworden. Er arbeitete mit Pflug und Hacke, u

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[Illustration: Bild und Signatur Wilhelm Holzamer.]

Der Held

und andere Novellen.

Von

Wilhelm Holzamer.

Mit einer Einleitung

von

Richard Wenz.

Mit dem Bildnis des Dichters.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Einleitung des Herausgebers.

Wie eine lange, beschwerliche Bergwanderung war das Leben Wilhelm

Holzamers. Vor dem Aufstieg ein frohes Schreiten über saftig grüne

Matten, durch die klare, heitre Luft des Frühlenzes, darein drängende

Lebenslust ihre Lieder schmetterte. Ein kurzes, behagliches Verweilen,

aber doch die Unruhe im Herzen, hinaufzukommen zur Höhe, die sein Ziel

sein sollte. Und nun das Aufwärts! Zuerst über öde, dürre Steinhalden,

wo die Stimmen des Lebens schwiegen, wo nur die Helle von oben das

Wandern noch erträglich machte, wo aber auch schon dann und wann eine

fliehende Wolke ihren raschen Schatten über ihn hinwarf, daß ihm einen

Augenblick lang das Herz klopfte vor ungewisser Ahnung. Aber die

Sehnsucht in ihm drängte, und rüstig schritt er fürbaß. Der Pfad ward

steiler. Ueber Felsvorsprünge ging's, dann wieder durch enge, dunkle

Schluchten, in denen wirres Gestrüpp wucherte. Schritt um Schritt hemmte

es seinen Fuß; aber das Licht und die Höhe lockten. Und dann wieder,

kaum in der Sonne, der huschende, geheimnisvoll drohende Schatten der

Wolke! Die Ahnung in ihm wuchs und machte ihn müd und traurig. Und

einmal im Traum sah er den Tod schreiten, der ihm winkte. Da war ihm

sein Ahnen zur schlummernden Gewißheit geworden. Aber die Wanderung und

das weitgesteckte Ziel, die machten sie vergessen. Hohe Schroffen

türmten sich auf vor ihm, und ganz oben lockte das üppige Grün einer

Bergwiese. Sein Stab griff aus; aber dann: Fuß über Fuß, mit klammernden

Händen die steile Bergwand hinauf! Und oft, daß ihm der Atem ausging,

wenn er hinuntersah in die Tiefe, wohin es heil kein Zurück gab. Und

wieder schreckte ihn der Schatten. Ein Straucheln -- aber eine

unsichtbare, starke Hand hielt ihn, und nun, aus schweren Träumen

erwachend, stand er müd auf blumiger Au, stand er auf der Höhe. Und

neben ihm die Gefährtin, die den gleichen mühseligen Aufstieg gemacht,

die Fremde und doch Vertraute, die ihm die Hand gereicht hatte, als sein

Fuß strauchelte. Dann ein frohes Wandern über die Höhe, der Sonne

entgegen, reich und glückvoll, bis wieder die Wolke ihren schwarzen

Schatten über ihn hinwarf, der nicht mehr weichen wollte ... Der Tod

hatte ihn eingeholt. Mitten auf seinem Weg. Mitten aus seinem Schaffen

riß es ihn, den Frühgereiften aber nicht Vollendeten; denn sein letzter,

großer Roman, »Der Entgleiste«, ist kein Ausklang, sondern eine

volltönige Introduktion, ein kraftvoller Aufstieg zu neuen Höhen.

»Zum Licht« hieß seine erste Gedichtsammlung, die er 1897

veröffentlichte. Fast alles darin ist noch gärend und draufgängerisch;

man spürt Dehmel, Falke, Liliencron und: Nietzsche, als einen, den er

eben erst erlebte, der alles aufwühlte in ihm. Aber ein ganzer

»Holzamer« war auch dieses Buch schon. Es umzirkte weit aber fest den

Kreis seines Lebens und Schaffens. Und auch von seinen

Erstlingserzählungen her, »Auf staubigen Straßen«, geht deutlich

erkennbar ein einziger Weg, eine einzige Entwicklungslinie. Es hieße

daher, das Bild des Dichters fälschen, wollte man, wie es geschehen ist,

seine hessischen Dorferzählungen der Heimatkunst zuweisen und seine über

die Grenzpfähle der Heimat hinausstrebende Allgemeinkultur als

Abwärtsentwicklung oder Entartung abtun. »Im Dorf und draußen« war die

zweite Novellensammlung, in deren Titel er, bewußt oder unbewußt, schon

äußerlich andeutete, daß sich seine Kunst nicht in der Volks– und

Bauerngeschichte erschöpfen wollte. Und innerlich? Sind nicht hier schon

seine Gestalten meist Eingänger und Sonderlinge, wertbewußte Starke, die

dem Leben ihre Notwendigkeit abtrotzen? Und keinem einzigen begegnet man

unter seinen Helden, von dem man nicht sagen müßte, der hat seine

ausgeprägte Art, der ist ein Vollmensch, ein Ganzer, so wie's nachher

sein armer Lukas ist, sein Peter Nockler und sein heiliger Sebastian, so

wie's die Frauen in diesen Büchern sind und ihre nur konsequenter

gezeichneten, bis zur Härte eigenartigen Schwestern in den späteren

Romanen »Inge« und »Ellida Solstratten«, in denen nur engherziges

Pfahlbürgertum Dekadenz und Verkümmerung erkennen konnte. Und doch waren

auch diese Frauen nicht andrer Art als die im höchsten Maße

problematische Figur der jungen Dorth in »Vor Jahr und Tag«, dem Roman

also, der zeitlich nach den beiden vielfach angefeindeten

»Frauen«–Romanen liegt, aber unbedingt mit dem »Peter Nockler«

zusammengenannt werden muß. Wäre Holzamer wirklich jemals der einseitige

Heimatdichter und Volkserzähler gewesen, wie ihn seine Gegner sich

wünschen, so hätte er in jener Schaffensperiode nicht die »Kunstbriefe

an den deutschen Michel« über »Die Siegesallee« schreiben können, so

hätte ihn auch nicht der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen vom

Schulkatheder in seine Kabinettsbibliothek und als Leiter an die

Darmstädter Spiele berufen. Wenn einer, so erkannte dieser fürstliche

Mäzen klar, welche hohen künstlerischen Qualitäten allgemeinkultureller

Art in Holzamers Werken lagen.

Lediglich zur stofflichen Gruppierung darf man also die drei Romane

(»Der arme Lukas«, »Peter Nockler« und »Der heilige Sebastian«)

zusammenfassen und sie von den folgenden sondern. Ihre Ausgeglichenheit

bis ins kleinste, die Holzamer selber sah und die ihn den »Peter

Nockler« so hoch einschätzen ließ, mag man in »Inge« und »Ellida

Solstratten« vermissen; dafür entschädigen aber der kühne Zug ins Große

und die von Lebensernst gestählte Energie, die da ihren Ausdruck sucht.

Wer diese neue Phase des Dichters künstlerisch oder auch nur

psychologisch werten will, der darf ihn nicht im Werden ergreifen,

sondern im Gewordensein, der muß ihn messen an seinen letzten Arbeiten,

den zahlreichen Novellen aus den fünf Jahren seiner Pariser und Berliner

Zeit, die in zwei Bänden erscheinen sollen, sowie seinen beiden Romanen

»Vor Jahr und Tag« und »Der Entgleiste«, der im Herbst dieses Jahres

herauskommt.

Kann damit die scheinbare Kluft in des Dichters Schaffen als überbrückt

gelten, so wird man nun die markantesten Züge seiner

Künstlerpersönlichkeit leicht erkennen können. Von seiner Bevorzugung

besonders individuell gearteter Menschen war schon kurz die Rede. In

zweiter Linie müßte die Ruhe und Sicherheit der Gestaltung hervorgehoben

werden: scharfe Skizzierung und dann, Strich um Strich Tönung und

Nuancierung bis ins feinste, bis zum blutwärmsten Leben. Und wo dann

noch verborgene Unterströmungen aufzudecken sind, da greift, kaum

merklich, seine überlegene Reflexionskunst ein, die Hand in Hand geht

mit einer subtilen psychologischen Tiefgründigkeit. Schon der ruhige

Fluß seiner Sprache, die erschöpfende Klarheit des Ausdrucks, der kaum

die Feile verrät, kennzeichnen die Überlegenheit, mit der er

charakterisiert. Und schön ist diese Sprache, voll Wohllaut, schmiegsam,

weich und anderswo doch auch wieder kraftvoll und wuchtig. Dazu kommt

eine feine poetische Stimmungsgabe; aber das Maß des lyrischen

Einschlags ist so verständig innegehalten, daß man ihn vermissen würde,

wenn er nicht da wäre.

Es ist schade, daß an dieser Stelle auf die Tendenz der einzelnen Romane

ebensowenig eingegangen werden kann wie auf ihren Inhalt. Es würde einem

dann auch der Mensch Holzamer näher gerückt werden. Man würde sich nicht

nur mit dem träumerisch gemütvollen, dem edlen und weisen Manne

befreunden, der aus dem »Peter Nockler« und dem »Armen Lukas« spricht;

wir würden auch willig mit ihm gehen, wenn er uns vom »Heiligen

Sebastian« bis zur »Ellida Solstratten« führte, und auch in der Härte,

die weniger verwunden will als verwunden muß, Ehrlichkeit, Größe und

Kraft sehen, die gepaart mit jener weisen Güte unserer Verehrung und

Liebe würdig ist. Die ihn kannten, wissen gut, wie sehr Holzamer seine

Künstler–Ideale auch lebte. Wer einmal den tiefen Eindruck dieser

sympathischen Persönlichkeit empfing, konnte ihn nicht mehr vergessen.

Er war ein vornehmer Charakter; aber seine Vornehmheit hatte eine Wärme,

die man schon im Druck seiner Hand, im Blick seines Auges spürte.

Zwischen Holzamers ersten Gedichten und dem späteren Band, »Carnesie

Colonna«, lagen die zart getönten dramatischen »Spiele«, die aber mit

ihrer Weichheit und ihrem hohen Stimmungsgehalt eher seiner Lyrik

zugezählt werden müssen als dem einzigen Drama (»Um die Zukunft«), das

wiederum viel mehr auf seine wuchtige Epik, etwa die im »Heiligen

Sebastian«, hinweist. Aber wenn man den Lyriker Holzamer einschätzen

will, so muß man auf die zart rhythmische Musik des Leides und Glücks in

den Phantasien »Carnesie Colonna« hinhören. Und klingt mancher Ton darin

auch noch als Verheißung, so wird die Lyrik des durch Kampf und Schmerz

gereiften Dichters, die der Nachlaß enthält, Erfüllung sein.

Sein Drama, das in die Pariser Zeit fällt, war ein erster Wurf, hatte

als solcher aber seine große Tragweite und bewies jedenfalls, daß

Holzamer auch auf diesem Gebiet ungewöhnlich starke Möglichkeiten bot.

Daß es von keinem besondern Glück begünstigt war, lag am »Theater«, das

außer Kunst ja auch eine gewisse Routine fordert. Ob er ihm nach dieser

Richtung noch Konzessionen gemacht hätte, wer weiß!

So wenig aber, wie man den Dramatiker Holzamer übersehen darf, so wenig

darf man auch an dem Essayisten vorübergehen. Sein selbständiges Urteil

hatte Wert und Gewicht, nicht nur in der Literatur, sondern in der Kunst

überhaupt. Unkenntnis und Vorurteil haben seinem dreijährigen Aufenthalt

in Frankreich Unfruchtbarkeit nachgesagt; aber schon allein die

Essaysammlung »Im Wandern und Werden«, eine Monographie über Conrad

Ferdinand Meyer, der später eine solche über Heine folgte, könnten das

Gegenteil beweisen, außer ihnen Dutzende von Aufsätzen und Kritiken in

führenden Blättern. Holzamer war in seiner kritischen Tätigkeit kein

Fanatiker irgendeiner Richtung; aber auch hier verleugneten sich nie

seine unbestechliche Ehrlichkeit und sein hoher künstlerischer Ernst.

Von den sechs Novellen des vorliegenden Bändchens zeigen uns »Cellist

Behnke«, »Hochsommerglück« und »Der böse Wunsch« des Dichters starkes

Talent im ersten Wachsen, während »Der Held« und »Sein letztes Hochamt«

die deutlichen Merkmale einer kräftigen Entwicklung an sich tragen. »Die

Freite« endlich darf als eine reife Frucht aus der letzten Zeit seines

Schaffens hingenommen werden.

Am 28. März dieses Jahres hätte Holzamer erst die Vierzig erreicht, und

nun jährt sich am 28. August schon zum drittenmal sein Todestag. Ein

Frühgereifter, aber kein Vollendeter.

*Köln*, im April 1910.

Richard Wenz.

Der Held.

Der Ochsenwirt zu Schafbach hatte ein Preiskegeln ausgeschrieben.

»Erster Preis: eine goldene Uhr, zweiter Preis: ein Regulator, dritter

Preis: ein Revolver.«

Er hatte damit die ganze Gegend in Aufruhr gebracht. So hohe Preise, das

war ja unerhört! Allerdings war auch der Einsatz ziemlich hoch. Aber das

war ja natürlich.

Der Ochsenwirt lachte sich ins Fäustchen. Er hatte es gut gemacht

diesmal. Die ganze Woche war sein Lokal jeden Abend gestopft voll. Jeder

wollte die Preise sehen. Es war ja nicht zu glauben, so hohe Preise! Und

erst am Sonntag! Da war's ein Geschäft! Von Latzenbach kamen sie, von

Werden, von Bellenbach, von Sundsbach, ja von Hatzbach, ganz drüben

hinterm Gebirge, und von Weilau und Buchenau, ganz drunten im Tal, fünf,

sechs Stunden Wegs.

Er hatte es dem Sternwirt zum Ärger getan. Darüber konnte der nicht. Es

war für die Pfingstmusik, die der ihm abgespannt hatte.

»Dem hewwe mer emol -- ha, ha, ha! -- E Schoppe noch, Hannes? -- un Sie

auch noch an, Herr Nochber? -- Na -- un sein Se de Sunndag aach debei?

-- Die schön guldenig Uhr! -- Do gucke Se nor emol! -- -- -- Prost!

bekumm's Ihne!«

Es war erst Mittwoch heut, aber der Ochsenwirt animierte schon tüchtig.

Er war ein Geschäftsmann. »Wann mer Wert is, muß mer Wert sein!« war

sein Wort. Und darin lag ihm alle Klugheit und Geschicklichkeit, alle

List und Verschmitztheit als Recht und Sinn des Lebens.

Eins war dumm, daß ihm jetzt grad -- es war am Donnerstagnachmittag --

seine »Alte« ins Kindbett kommen mußte. -- Wer, Deiwel, sollte die

Arbeit all schaffen am Sonntag! Da hieß es Beine machen -- unter

Umständen auch Fäuste. Vor allen Dingen aber: Hand zu und Augen auf!

Aber der Peter Knoll war ein Geschäftsmann. »Wann mer Wert is, muß mer

Wert sein!«

Er ließ ausschellen und ins »Kreisblättchen« setzen, daß das Kegeln auf

den Sonntag darauf verschoben sei -- »auf Wunsch vieler Kegler aus

Schafbach und Umgegend« -- und daß die Preise im großen Saal »zum

Ochsen« ausgestellt blieben.

Das gab Ärger. Das vermehrte aber auch die Hitze. Jeder war jetzt

ungeduldig. Der Ochsenwirt wußte das, er verstand sein Geschäft. Er

kannte aber auch seine Leute. Jeder hatte ja in Gedanken schon die

goldene Uhr in der Tasche -- oder den Regulator an der Wand -- oder

wenigstens knallte er schon mit dem Revolver.

Der Ochsenwirt hatte so noch einmal am Sonntag ein vollbesetztes Lokal

und das Haus »voll Disput«, wobei er tapfer ausschenken konnte. Er hatte

»seinen Schnitt« bereits gemacht. »Ja, das Geschäft muß man verstehen!«

Er hatte beinahe die Preise schon wieder verdient. Denn wieder waren sie

gekommen, von Latzenbach und Werden, von Bellenbach und Sundsbach, ja

von Hatzbach, von Weilau und Buchenau sogar. Es war ja »was Unerhörtes«,

kaum zu glauben. So hohe Preise!

Man hatte »das Kreisblättchen« dreimal durchstudiert und jedem Schellen

genau zugehört, ob es nicht wieder eine Verschiebung gegeben habe.

Keiner hatte was davon gelesen, ausgeschellt war's auch nicht worden.

Das Preiskegeln fand also statt. »Sonntagnachmittag von drei Uhr ab.«

Schon am Sonntagmorgen ging's beim Ochsenwirt hoch her. »Ich wett' en

Humpe« -- »ich e Fäßche« -- »der krickt die Uhr -- der krickt se!«

»Halt die Meiler!« sagte der Schusteranton. »De Hannphilipp von Garnbach

hot noch all die Preiskegele rundherum gewunne, der krickt aach die Uhr

diesmol -- do will ich eich mein Kopp verwette. Un ich were den

Regulator krieje, daß er meiner Fraa als die Stunne schlägt, wann ich

owends hocke bleib« -- fügte er hinzu. Es war noch kein rechter Witz,

wie sie der Schusteranton sonst machte, aber er hatte auch noch nichts

»unnerm Dach«.

Schlag drei Uhr warf dann Peter Knoll eine Kugel in die Vollen. Damit

eröffnete er das Preiskegeln. Und dann begann die Reihe. Auf jeden

Einsatz drei Kugeln, die erste in die Vollen. Der Polizeidiener und der

Lehrer führten die Liste. Die waren unparteiisch.

Anfangs ging's still her. Nur bei einem guten Wurf ein kurzes Hallo.

Dann ruhig die Reihe weiter. Der Lehrer rief die Namen und bestimmte die

Kugeln, der Polizeidiener rief die Würfe.

Gegen vier Uhr kamen die Burschen aus Buchenau. Sie kamen alle auf

einmal, während sich die Gäste aus den anderen Ortschaften vereinzelt,

zu zweien oder dreien, eingefunden hatten.

Bei den Buchenauern war der »Jean«. Der genoß ein ganz besonderes

Ansehen. Der Jean wurde in der Gegend nur mit seinem Vornamen genannt.

Höchstens hieß er auch noch »der Herr Ober«. Er war nicht in der Gegend

geboren, er war ein Rheinhesse. Er war mit dem Grafen »herüber«

gekommen, als dieser vom Militär kam. Er war sein Bursche gewesen -- bei

der Artillerie hatten sie gedient -- und der Jean hatte dem Grafen

gefallen. Und der Jean war auch gerne mit ihm gegangen. Während des

Manövers hatte er mal im Odenwald gelegen, und da hatte es ihm gefallen:

der Wald, die Berge! Seit zwei Jahren etwa war er nun der Oberknecht auf

dem Gute des Grafen. So hatte er sich in die Höhe geschafft.

Und er war auch ganz der Kerl dazu. Schöner war keiner weit und breit.

Und keiner stolzer.

Und gut war er. Er sorgte für seine Knechte; was sie ihm klagten,

vertrat er beim Grafen. Und er forderte auch nicht zu viel von ihnen,

keine Arbeit, die er nicht selbst tat. Er tat allen voraus.

Er hatte die schönsten Pferde. Die Schimmel hatte er sich genommen. Und

wie sauber waren sie immer, wie glänzten sie. Er tat alles selbst, er

ließ sich nichts tun, so leicht er das gekonnt hätte. -- Der Jean hielt

sich stramm. Man mußte ihn fahren sehen, um ihn zu bewundern. Er stand

immer auf seinem Wagen. Und man mußte den Jean gehen sehen, um zu

wissen, daß er ein »anderer« war. Er hatte nicht den schweren, tappenden

Gang der Gebirgler, er schritt rasch, gerade, kerzengerade mit gehobener

Brust. Er stieß nie an, er stolperte nie. In seinem Tritt war Tempo.

Aber auch Kraft und noch mehr Selbstbewußtsein lag darin.

Der Gutsverwalter, in seinem besten Staat, sah neben dem Jean wie ein

gewöhnlicher Knecht aus. Der Jean hätte der Graf selbst sein können. Er

hatte Augen, die förmlich glühten, die alles festhielten, die alles

lenkten. Wenn er über den Hof schritt, entging ihm nichts, wenn er über

die Straße ging, war's, als ginge er allein. Er war kein Diener und kein

Ducker. Der Jean war ein Herr.

Er war Knecht, aber wem fiel das ein! Niemand dachte daran. Er war's am

Gesindetisch -- und da saß er oben! -- sonst war er's nie. Er war der

»Ober«. Unser »Ober« sagten die Knechte und die Mägde -- »der Gutsober«

hieß er in Buchenau.

Die Mägde waren sämtlich in ihn verschossen, die Mädchen von Buchenau

träumten von ihm. Er hätte sie billig wie Wecken haben können, die armen

wie die reichen. Er wollte keine. Er hatte keiner Magd noch einen

verlangenden Blick zugeworfen, wie er sie auch schon gesehen hatte. Und

nichts hatte bei ihm verfangen, wie's auch manche schon angelegt hatte.

Kein Mädchen von Buchenau konnte sich seiner Gunst rühmen, er sah jede

so stolz und unbefangen mit seinen scharfen Augen an, als seien sie alle

gleich schön oder gleich häßlich. Alle waren sie ihm gleichgültig.

Man sagte darum, er habe einen Schatz »überm Rhein«, dem sei er treu.

Außerdem -- man mußte den Jean noch am Sonntag sehen, wenn er im

Wirtshaus war. Da war er vornehm. Da rüpelte er nicht, da schrie er

nicht. Er saß vor seinem Bier und hörte zu, gerade als gehöre er nicht

zu den Leuten, als sei er nur zufällig unter sie geraten und suche auf

gute Art mit ihnen auszukommen. Als sei er andere Gesellschaft gewöhnt.

Und wirklich, der Schullehrer setzte sich zu ihm, der Bahnassistent und

der Postassistent, der Gutsverwalter und der Gemeindeschreiber. Er war

ihnen der »Ober«, und man brauchte sich nicht zu schämen mit ihm. Er

sprach, was er verstand, und was er nicht verstand, redete er nicht.

Hatte er sich aber eine Meinung gebildet, vertrat er sie mit Wärme. So

jüngst, als die Hübnerslies mit ihrem Kind in den Grafenteich gegangen

war. Alle verurteilten sie -- wegen des Kindes und wegen des

Selbstmordes. Der Jean allein tat's nicht. Er sprach für sie -- er

entschuldigte nicht, er erklärte nur. »Leid ist mir für die arme Lies,

was soll ich sie verdammen! Das Kind -- ich kann's schon verstehen, wie

das Mädel vertraute und fiel. Sie hat den Franz wohl gern gehabt, und

das kann was heißen bei einem jungen, feurigen Ding -- und daß sie, wie

alles so ausging und zu Ende ging, verzweifelte -- ich kann's schon

verstehen. Da sind die Menschen alle so gut und haben nie einen Fehler

gemacht und werfen darauf, als ob sie dazu bestellt seien. Aber helfen,

helfen! -- gibt's nicht. Die Menschen haben da immer Mitschuld, und ein

gut Teil, gerade die ›guten‹, die das Maul so voll nehmen und die

›strengen‹, die so harte Augen, so verächtliche Blicke haben. Weh tun --

wer nicht weiß, was weh tun heißt, der soll da nicht richten, das ist

meine Meinung,« schloß er. Und er war sogar ein wenig hitzig dabei

geworden, ganz gegen seine Art.

Und als der Schullehrer und der Gemeindeschreiber abends noch ein Stück

zusammen gingen auf dem gleichen Heimweg, da meinte der Lehrer: »Was der

›Herr Ober‹ da gesagt hat -- es ging an mich. Das steht nicht im

Katechismus -- das kommt aus dem Herzen. Der muß schon was erlebt haben,

der ›Herr Ober‹. Mir ist das heut abend eingefallen, so was kann man nur

erleben. Der trägt was in sich herum, kommt's mir jetzt vor. Aber ich

hab' Respekt. Ich hab' Respekt.«

* * * * *

Manche sagten, der Jean sei selbst ein Grafensohn. Andere aber

behaupteten -- und das waren ein paar, die mit ihm beim Militär waren --

er sei das uneheliche Kind einer Schauspielerin. Man erzählte sich das

im ganzen Dorf. Aber es schadete dem Jean nicht. Er war einer von den

Menschen, die man nicht nach Stellung, nach Herkunft und Anhang

beurteilt, die man als sie selbst nimmt und nach dem Werte schätzt, der

in ihrem Benehmen, ihrem Tun, ihren Leistungen, ihrer Art, eben in ihrer

Persönlichkeit in die Erscheinung tritt. Darin war er ein Glücklicher.

Was aber seine Herkunft anbetrifft, so war er wirklich der Sohn einer

Schauspielerin, in wilder Ehe geboren, als seine Mutter die »Direktrice«

einer Schmiere war. Und er hatte ein Schicksal, er hatte »was erlebt«.

Als Kind hatte er schon auf der Bühne gestanden. Als Kind schon hatte er

gehungert, hatte er stehlen müssen, und oft war gerade er's gewesen, den

man geschickt benutzt hatte, die vielen Gläubiger, die's an jedem Orte

rasch gab, wo ihr Karren hielt, hinters Licht zu führen.

Und welches Leben hatte gerade er gehabt bei dem Vater, dem »Direktor«.

Manchmal fielen ihm die hübschen Titel ein, die ihm der Vater beigelegt

hatte. Dann knirschte er. Aber weinen hätt' er mögen, wenn er an all die

Gemeinheiten und Liederlichkeiten dachte, die er hatte ansehen müssen.

Wozu hatte die Not nur seine Mutter oft gezwungen! Er schämte sich heute

noch. Eine Blutwelle stieg ihm jedesmal heiß ins Gesicht.

Da hatte er Verachtung und -- Verzeihung gelernt. Denn er hatte sie in

Verzweiflung gesehen, wildfeindlich gegen sich selbst, erstickend vor

Ekel -- vor Haß und Scham. Da hatte er das Mitleid gelernt.

Früh war er reif geworden. Das Schicksal hatte ihn in die Lehre

genommen. Es hatte ihm die Jugend vergiftet, denn es hatte seinen

Kinderaugen das Leben gezeigt, in seiner Härte und seinem Schmutz, in

seinen Abgründen, Lockungen und Falschheiten.

Da ward er in sich selbst zurückgeschreckt. Er fühlte sich als Gegner

zum Leben, zu all seinen Reizen und Genüssen.

Sein Wille ward so geweckt. Dem Leben einen besseren Wert! schrie's in

ihm.

Er hielt sich allein. Er war ernst. Er ward froh im Freien, befreit und

gesund in der Natur draußen, wenn er im Grase lag, wenn er die Straße

hinwanderte, wenn er die Vögel singen hörte, die Blumen blühen sah und

die Bäume Früchte tragen. Den Bauer liebte er, der den Acker bestellte,

und er hätte einen Tag lang zusehen können, wie sein Pflug durch den

Boden schnitt.

So hatte ihn sein Schicksal geformt.

Gering war er, aber so jung er noch war, er hatte sich nicht herabziehen

lassen. Er hatte einen Stolz in sich und eine starke Sicherheit. Und das

wußte er: Klagen und Sehnen konnten ihm nicht helfen, es galt eine Tat.

Er war siebzehn geworden und eines Tages wußte er, was er tun mußte.

Eine ekelhafte Szene zu Hause hatte ihn zum Entschluß gebracht. Ganz

plötzlich war's ihm eingefallen: er wollte ein Bauer werden. Morgen

wollte seine Gesellschaft weiterziehen. Am Abend ging er. Ohne Abschied,

gleichsam ein Wankendwerden fürchtend. Und er fand auch eine Stelle und

blieb, bis er »einrücken« mußte.

So war er frei geworden. Er arbeitete mit Pflug und Hacke, unermüdlich,

und atmete auf. Er befreite sich. Manchmal zerrte es ja in ihm, so

gering zu sein und unbeachtet. Aber er sprach sich Mut und Hoffnung zu.

Geduld und Ausdauer, sagte er sich. Er würde schon »hinauf« kommen.

Langsam in sich -- und dann auch vor den Menschen.

Und er hatte ja auch ein wenig Glück dabei. Wenigstens war's ein Glück

zu nennen, daß er an den Grafen gekommen war.

* * * * *

Der Jean war also mit den Buchenauer Burschen zur Kegelbahn nach

Schafbach gekommen. Er war unterwegs zu ihnen gestoßen.

In der Kegelbahn war's nun schon laut. Und heiß, sehr heiß. Die Luft

dick vom Tabaksqualm.

Der Jean wünschte, lieber nicht hierher gegangen zu sein. Wenn er noch

mal draußen wäre, ginge er vorbei. Da er aber nun mal drin war --

immerzu.

Er begrüßte den Lehrer, den er kannte.

Dann suchte er sich einen Platz abseits, von wo aus er gut sehen konnte.

Er wollte nur zusehen.

Der Ochsenwirt brachte ihm ein Glas Bier.

»Nicht mitkegeln, Herr ›Ober‹?«

»Will mal sehen, später mal einen Wurf, warum nicht!«

Ein paar am Tisch hörten das.

»Dann kriegt der Herr ›Ober‹ die Uhr, dann adje Partie!«

Der Jean sagte aber nichts darauf, er sah still zu.

Weitere Gäste kamen, einzeln, zu zweien und dreien -- meist aus den

umliegenden Ortschaften. Die Schafheimer waren schon ziemlich vollzählig

da.

Es war besetzt in der Kegelbahn. Nun kamen noch die Weilauer und gleich

nach ihnen die Hatzbacher. Sie hatten die weitesten Wege und wurden

darum allgemein begrüßt.

Jetzt hieß es zusammenrücken. Und man tat's auch. Nur da und dort war

mal einer, der schimpfte.

»Der Knoll soll for Disch und Stiehl sorje, so e Drickerei!«

An Jeans Tisch saßen ein paar Hatzbacher. Einer erzählte, die Italiener

aus Hatzbach, die da beim Bahnbau beschäftigt waren, kämen noch.

»Gibt's aach noch Krawall heit,« sagte einer.

Ja, und sie hätten auch noch die Tremplers Anna bei sich. Die hätt' sich

dem einen an den Hals geworfen, am Sonntag vor acht Tagen, auf der

Tanzmusik hätt' sich's gemacht. Ein »schöner Kerl« sei der Italiener ja.

Aber es sei doch schad für die Anna. Sie habe auch schon ihr Teil

Schläge daheim gekriegt. Aber sie lasse scheint's nicht los.

Sie habe doch ein paar tausend Mark Vermögen und sei von guten Leuten.

Und sei auch immer so still und ordentlich gewesen. Und auf einmal ganz

vernarrt.

Man mußt's ja sagen, schön sei der Italiener, der schönste und »feinste«

von denen. Aber 's gäb doch auch noch »schöne Kerl« im »eigene Ort«.

Und dann wisse man auch, wie's da gehe. Erst alles Lieb's und Gut's.

Dann mal so ein Suff -- und dann sei's geschehen. Bis dann's Kind da

sei, sei der Kerl längst verduftet -- oder käm's mal zur Heirat, dann

Hunger und Schläge.

Da wär's doch schad um die Tremplers Anna. Und dann hätt' man ja immer

's Totenhemd bei den Kerlen an. Beim geringsten 's Messer.

Der Jean hörte nur mit halbem Ohr.

Er kannte das ja all geradesogut. Und bei der Hübnerslies war's ja

geradeso gewesen. Die Mädels nehmen ja aber nicht Vernunft an.

Da waren die Italiener schon. Sechs, acht Mann.

Sogleich gab's ein Lärmen, daß das Kegeln einen Augenblick aussetzen

mußte. Die Italiener forderten einen Tisch für sich.

Der Ochsenwirt sprang. Man mußte den rauflustigen Burschen rasch den

Willen tun. Er hätte ihnen schon lieber gleich auf den Rücken gesehen.

Das waren immer böse Gäste, und erst wenn sie betrunken waren! Und das

waren sie bald. Sie tranken ja das Bier wie Wasser. Und das starke

Rauchen und Lärmen dazu -- da stieg's rasch ins Hirn.

Nun hatten sie ihren Tisch.

Die Anna saß mitten unter ihnen. Es wurde ihr doch bald ein bißchen

genierlich, dies Lärmen der Italiener, dies Welschen, das sie ja nicht

verstand. Erst war ihr das so merkwürdig vorgekommen, und sie lachte

dazu. Bald war's ihr aber doch keine Unterhaltung mehr. Das Fremde hatte

sie gereizt, die Gesten, die redenden Augen, das hatte ihr gefallen.

Auch die gewandtere Art der Italiener. Wie wurde ihr nur das Glas

hingehalten zum Prosit! #Cara mia!# wie lag ihr das im Ohr!

Bald hatte das alles aber den ersten lockenden Reiz verloren. Sie

staunte nicht mehr, es war ihr bekannt, fast gewohnt. Fremd freilich

blieb es ihr, so eine halbwehe Komik lag ihr darin. Heute wenigstens. Es

war ihr unbehaglich. Vielleicht weil sie das einzige Mädchen auf der

Bahn war.

Doch da wollte sie sich drüber wegsetzen.

Aber ewig dieses Italienisch um sie herum. Sie war ordentlich froh, wenn

sie deutsch radebrechten. Sie hatte das neulich bei der Tanzmusik gar

nicht so bemerkt, gar nicht gefühlt. Da war die Musik, da waren die

anderen Mädchen.

»Ein schöner Italiener!« hatten die gesagt.

Und sie hatte er zum Tanz geholt. Darauf war sie stolz. Sie hatte ja

auch bei der Tanzmusik bei ihm und den anderen Italienern gesessen. Aber

das war ihr ganz anders vorgekommen. Dies Lärmen, dies Fluchen und

Spucken, es war ihr heute rein zum Ekel.

Sie betrachtete sich ihre Freunde. Die braunen, hartknochigen Gesichter

unter den großen Hüten, die schwarzen Augen. Sie hätte sich fürchten

mögen. Selbst ihr Lächeln war bös, kam ihr verzerrt vor.

Ein paar Geschichten fielen ihr ein. Sie schauderte heimlich. Sie mußte

an die Hübnerslies denken, die mit ihrem Kinde in den Grafenteich

gegangen war. Und der Italiener war fort über alle Berge.

Und an den Rothekarl mußte sie denken, wie er tot dalag am dritten

Kirchweihtag. Wegen einer Kleinigkeit hatten sie ihn erstochen. Und

keiner hätte sagen können, wer's getan hatte.

Die Anna mußte an ihren Heimweg denken. Nein, nicht für alles, sie ginge

allein mit denen nicht nach Hause -- am Abend, die fünf Stunden Weg.

Und wie die wieder heut tranken! Auch der Fiori. Sie mußte immer mit ihm

trinken.

O, wenn sie nur heraus könnte! Fortlaufen möchte sie. Beständig mußte

sie an den Abend denken, an den Heimweg. Und die Hübnerslies fiel ihr

ein, und der Rothekarl. O, sie hatte Angst! Eine Angst hatte sie! --

Sie betrachtete den Fiori. Er war ja schön. Diese dunklen, leuchtenden

Augen! Die roten Lippen und das schwarze Schnurrbärtchen darüber.

Aber sie hatte Angst.

Ein bißchen Furcht hatte sie ja immer gehabt, wenn sie sich abends

hinterm Garten trafen. Aber so noch nicht wie heute.

Hätte sie ihr Vater nicht gleich geschlagen -- sie hätt' ja nicht den

Kopf aufgesetzt. Aber so --

Doch jetzt wußte sie's, sie mochte doch den Fiori nicht.

Sie malte sich ihr zukünftiges Leben mit ihm aus. Er verdiente ja viel,

er verbrauchte aber auch viel. Dies starke Trinken! Und den ganzen Tag

sie allein, ein paar Kinder zu besorgen, und dann in der Mittagshitze

hinaus auf den Arbeitsplatz, den Essenkorb in der Hand. Und immer die

Angst um ihn bei der gefährlichen Arbeit! Wie oft geschah ein Unglück

bei den Sprengarbeiten! --

O, dann wär' sie auch bald so alt und abgerackert wie die anderen

Italienerweiber! Und schließlich ging's wo anders hin! Gott weiß wohin!

Unter ganz, ganz fremde Leute! Lauter fremde Menschen! Weinen könnt' sie

ihr gut Teil, das Lachen wär' ihr was Seltenes! Und die armen Würmchen,

die Kinder! --

Noch nie hatte sie seither ans Heiraten gedacht, so ernstlich wenigstens

noch nie.

Ach, wie war's ihr jetzt so furchtbar!

Da stieß der Fiori schon wieder an ihr Glas.

Sie war ganz verzweifelt. Sie wollte nicht mehr trinken.

Da stieg ihm eine Zornglut zu Kopfe, er stieß sein Glas hin, er zischte

einen Fluch, und er kollerte einen langen italienischen Satz heraus, daß

ihn die anderen beruhigten. Sie beruhigten ihn, sie merkte es an ihren

Gebärden; denn sie verstand ja ihre Sprache nicht.

Aber ganz außer sich war sie. Wenn sie nur eine Hilfe finden könnte!

Aber wen, aber wie!

»Du lieber Herrgott!«

Sie nahm ihr Glas und trank.

Sie sah sich um, als ob sie eine Hilfe finden könnte. Über alle Tische

ging ihr Blick, in jedes Auge. Er fiel auch auf den Jean. Der hatte

schon die ganze Zeit beobachtend zu ihr herübergesehen.

Er musterte sie. Er musterte sie mit tiefer Befriedigung und stillem

Wohlgefühl. Ein Weib! Es war sofort ein unbewußtes Einssein, ein

Verlangen, ein Besitz. Es war wie ein Erwachen über den Jean gekommen,

wie eine Verklärung lag's in ihm.

Und so wuchs alles in ihm, wie er diese Anna der Italiener betrachtete.

Es wuchs still, wie eine heimliche Glut. Es machte ihm nicht heiß, es

machte ihm nur wohl. Es nahm ihm nicht die Herrschaft über sich und

peitschte ihm nicht die Sinne.

Diese Anna war schön. Sie hatte volles, blondes Haar, große blaue Augen.

Ihr runder Kopf saß auf einem schlanken Hals, der aus einer weißen

Krause wie feines Elfenbein leuchtete. Ihre Wangen waren rot, aber zart

wie das Rot des Pfirsichs. Sie waren sauber und appetitlich zum

Anbeißen.

Der Jean sah nach der Bewegung ihrer Hände. Auf ihre Anmut legte er

Wert. Er hatte sich schon oft dabei ertappt, daß er das bei allen

Menschen tat. Leute mit ungeschickten Händen, mit Steifheit und

Ungeschick in ihren Handbewegungen, konnten ihn abstoßen. Das hatte er

wohl noch vom Theater her in sich.

Ohne weiteres Gezier mit den Fingern hatte sie ihr Glas genommen. Die

Hand hatte sich hübsch gerundet, das Gelenk leicht gebogen. Er lächelte.

Sie hatte nicht gerade eine kleine Hand, aber groß war sie auch nicht.

Und daß sie nicht plump und täppisch war, war ihm jetzt alles.

Die Anna saß da wie eine beleidigte Prinzessin, wie ein ängstliches

Kind.

Und wie jetzt ihre Blicke umgingen!

Jean erkannte sofort: die schämte sich.

Und alles war in ihr gespannt. Es wirkte direkt auf ihn, auch in ihm

trieb etwas zu einer Spannung. Er sah scharf zu ihr hin. Wie sie sich

vor dem Italiener hütete, förmlich vor ihm verbarg.

Sie hatte Angst -- das wußte er mit einem Male.

Sie war voller Unruhe, aber sie verhielt sich ruhig. Sie wußte, daß sie

ein gewagtes Spiel spielte.

Voller Harmlosigkeit deutete sie dem Italiener dies und das in der

Kegelbahn, wohin ihre Augen gegangen waren. Er sah hin -- ihr Auge ging

darüber weg. Fast mit einer Rührung fühlte der Jean: die fleht zu den

Menschen fromm und stumm.

Er sah ihr lange zu.

Und nun dachte er: sie ist doch raffiniert.

Doch wie er sie nun weiter sah, hilflos, flehend, da schalt er sich. Sie

war doch herzlich, arm und bittend wie ein Kind. Keiner verstand ihren

Blick. Blitzschnell ging er weiter.

Eine Verzweiflung lag nun schon darin. Er wurde heißer und heißer. Er

war fast irr. Sie würde es nicht mehr aushalten können, sie würde sich

ihm verraten. Und sie wäre verloren -- er würde sie niederstechen.

Da sah sie zu Jean.

Sie sah seinen Blick. Sie zuckte. Einen Moment.

Sie flehte, flehte, flehte. Ganz Kind. Einen Moment.

Sie wußte schon, daß sie verstanden und erhört sei.

Sie atmete auf. Ihre Brust hob sich. Ein Weiches trat in ihren Blick,

legte sich über ihre Züge.

Die Spannung in ihr wollte sich lösen, sie fühlte es, und man sah es

deutlich.

Da ging's wieder wie ein Schreck über ihr Antlitz, fuhr in ihr Auge. Sie

raffte sich auf.

Sie warb, warb, warb. Einen Moment. Einen heißen, tiefen Moment. Der

Jean rührte sich nicht. Aber sie verstand sein Auge.

In diesem Augenblick war sie nur noch Weib. Sie strich sich ein

Stirnlöckchen von der Stirne hoch und glitt mit der Hand über die Augen.

Sie lockte. Aber es war nicht gewöhnlich, es war ein unendliches Glück

darin. Und sie mußte die Augen schließen, sie mußte sie schließen. Sie

war wie im Taumel.

Ein Lächeln spielte um ihren Mund.

Der Italiener stieß sie an.

»Prost!« sagte sie. -- Er tat einen tiefen Zug.

Aber in seinen Augen flackerte es.

Er verfolgte jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer Blicke. Er lag auf der

Lauer wie ein Luchs. In dem Jean war die Glut zur Flamme geworden. Sie

schlug nun auf und wuchs hoch in ihm.

Und er selbst wuchs dabei. Er fühlte seine Kräfte, und er fühlte sich

ihr Meister.

Er hatte sich vorhin gefragt: wie bring ich dies Mädchen aus dieser

Gesellschaft? Er fragte sich's nicht mehr. Er sagte sich: dies Mädchen

muß aus dieser Gesellschaft heraus.

Er hatte sich einen Augenblick geängstigt: kann dies Mädchen in dieser

Gesellschaft rein geblieben sein? Es fiel ihm ein -- sie war ja zu kurz

darin, sie mußte rein sein -- sie war rein.

Er sah noch ihren flehenden Kinderblick, ihr ängstliches Werben. Immer

sah er diese Augen, diese Wimpern, die weit aufschlugen, die sich scheu

senkten und schlossen, während die Hand von der Stirne herunter über die

Augen glitt.

Und plötzlich wußte er's: sie mußte sein werden.

»Sie muß mein werden!« rief's in ihm. »Ich will sie erringen!«

Er stand auf -- er ging wie im Traume.

Er kam sich viel größer vor als alle, viel stärker, viel wichtiger. Die

anderen sah er nicht, er war nur ganz von sich erfüllt. Aber ganz in ihr

und nur in ihr. Als ginge er eine weite Straße hin, war's ihm, in ein

weites Land, ihr entgegen. Und aller Widerstand war ihm ein Spiel,

spielend überwand er ihn -- und sie sah ihm zu. Lächelnd, winkend.

So ging er wie im Traume. Weit war ihm die Welt geworden, und doch nur

eine enge Bühne für seine Taten. Vornehm, stolz–gerüstet, ein glänzender

Ritter -- seine Jugend grüßte ihn. Das Beste seiner Jugend -- in seinem

schönsten Lebensmomente.

Er zahlte seinen Einsatz.

»Der Jean wirft! Hurra!«

Er würde gewinnen, er wußte es. Siegen! Es war die größte Tat, die er

jetzt vollbringen konnte.

Er stellte sich in die Reihe, er wartete geduldig. Er sah gar nicht, was

die anderen warfen. Das war ihm gleichgültig.

Es rief seinen Namen. Er trat vor -- wieder wie im Traume. Er nahm eine

Kugel. Er prüfte nicht erst. Die erste beste nahm er und schob sie

hinaus.

»Hurra! Alle neune!«

Sie lagen alle.

»Alle neune, richtig!« rief der Polizeidiener.

»Zweite Kugel, Herr ›Ober‹!« rief der Lehrer.

Jean schob die zweite.

»Runde! -- Bravo, bravo!«

»Der hot Glick! Dunnerwetter! Der hot die Uhr!«

»Runde, richtig!« rief der Polizeidiener.

»Dritte Kugel, Herr ›Ober‹ -- auf den König!« rief der Lehrer.

»E fein Spritzkigelche jetzt,« sagte einer wohlmeinend zum Jean und

klopfte ihm auf die Schulter, »do kimmt kaner driwwer.«

Der Jean schob die dritte. Er zielte jetzt doch ein wenig.

Zweimal zagte er. Dann beim drittenmal flog die Kugel. Fein mitten

setzte sie auf. Drei Schritte lief er mit. »Der liegt!« sagte er und

drehte sich um.

In der halben Bahn tat die Kugel den ersten Sprung, gleich darauf noch

einen, beim dritten »spritzte« sie über den liegenden Bauer, und der

König lag.

»König!«

»König, richtig!« rief der Polizeidiener.

»Neun, Runde, König --«

Der Lehrer zählte dann die Würfe zusammen, aber der Lärm, das Hallo war

so groß geworden, daß man's nicht mehr verstehen konnte.

Jean schritt auf seinen Platz zu. Stolz, hoch in die Brust geworfen. Die

Buchenauer brachten ihm ein Hoch aus. Er schwenkte ihnen den Hut zu.

»Danke!« rief er. Dabei sah er die Anna an. Mit einem großen

verschlingenden Blick.

»Einen Humpen! Einen Humpen Wein!«

Die Anna strahlte. Ihr Blick hing an dem seinen, so tief, so innig, so

eins.

Das Fremdartige, was ihr an dem starken und schönen Italiener so sehr

gefallen hatte, das wurde jetzt ganz in Schatten gestellt von der Kraft

und Schönheit der eigenen Stammesart.

Heiß entbrannt war ihr Herz. Doppelt heiß in dieser Stunde, da er sie

aus ihrer Bedrängnis befreien, aus der Gefahr, in die sie sich begeben,

erlösen wollte. Sie war sein! Sie fühlte: der konnte sie fordern, er

würde es tun. Ihr Blick gab ihm alle Rechte auf sie.

Sie zitterte. Nicht aus Angst -- in glücklicher Erregtheit. Den

Italiener fürchtete sie jetzt nicht mehr. Der war ihr gleichgültig.

Sie vertraute voll auf den Jean. Wie es werden sollte, was werden

sollte, wußte sie ja nicht, konnte sie nicht ausdenken. Am liebsten wäre

sie ihm in die Arme gestürzt, hätte ihn geküßt, nur geküßt, geküßt!

Aber sie tat nichts. Sie wartete auf ihn. Er würde alles schon machen,

dieser starke, stolze, umjubelte Mann.

Der Italiener knirschte. Er sprach erregt mit seinen Kameraden. Er hatte

erkannt, daß hier einer um sein Mädchen warb -- daß er ihm den Rang

ablaufen würde. Ja, daß er schon gewonnen hatte.

Die Italiener tranken rasch leer.

»Auf!« zischte er, »#amante mia#; Anna!« flötete er nach. -- Sie

gehorchte.

Da kam der Jean mit dem Humpen auf sie zu.

Flamme ging zu Flamme.

»Auf deine Gesundheit, Mädchen!«

»Prost! -- Bravo!« schrie's rings. Man hatte jetzt den Jean verstanden.

»Prost!«

Hinten rollte dumpf eine Kugel in die Vollen.

Anna schlug die Augen nieder.

Der Jean tat einen tiefen Zug. Dann reichte er den Humpen dem Mädchen.

Der Italiener hatte die Anna schon am Arm.

»Die bleibt hier!« sprach der Jean, als ob er ihr Herr, ihr Vater sei.

Sie stand schon an seiner Seite und atmete tief auf.

Die Italiener waren doch verblüfft. Einen Augenblick waren sie

sprachlos. Dann brachen sie in Fluchen aus.

Die Anna schmiegte sich eng an den Jean. Der legte seinen Arm um ihren

Nacken.

»Wer will nun noch was?«

Und groß stand er da.

»Bravo!« rief's.

Eben kam der Humpen mit dem Rest zurück.

Der Jean leerte ihn. Wie er trank, flog ihm ein Messer an den Augen

vorbei.

»Ha, ha!« sagte er. »Jetzt gilt's! Aber offen und ehrlich, Kraft gegen

Kraft. Ein Schuft, der sich sein Mädchen nehmen läßt. Nun wer gewinnt!«

Rasch hatte er die Anna hinter sich auf einen sicheren Platz gesetzt.

Nun stand er zum Kampfe bereit.

»Hier stehe ich -- allons!« sagte er.

Ein Italiener war schon gepackt worden. Der habe das Messer geworfen.

Der Polizeidiener war dazwischengesprungen -- er war machtlos. Von allen

Seiten sausten die Hiebe. Stöcke, Gläser, Fäuste. Alles ging schon

drunter und drüber.

»Ehrlich!« rief der Jean, »Kraft gegen Kraft, nicht das Messer! Ein

feiger Schuft, wer sticht!«

Vor ihm rangen sie, in einem solchen Durcheinander, daß Freund oder

Feind schwer zu unterscheiden war. Nun sprang der Jean hinein. Wer von

ihm gepackt wurde, fiel, den Freund befreite er, half ihm, den

Verletzten riß er heraus. Keine Waffe hatte er, seine Faust, sein

starker Arm genügten ihm.

Der verschmähte Liebhaber kämpfte wütend. Er suchte an den Jean

heranzukommen.

Und auch dem Jean war's recht.

Jetzt hatte er freie Bahn.

»Ach Gott!« schrie die Anna.

Sie wußte, jetzt ging's auf Leben und Tod.

Der Italiener fiel den Jean an. Der war aber gefaßt. Kragen, Rock,

Weste, Hemd wurden ihm nur aufgerissen.

Nun kämpfte er mit freier Brust.

Er packte den Gegner an den Armen. Wie Eisenringe legte er seine Finger

um des Feindes Muskeln. Er drückte ihm die Arme in die Seiten. Der

Italiener keuchte.

Anfangs leistete er Widerstand. Auf einmal ward er geringer. Aber der

Jean war vorsichtig. Die Kraft des Gegners konnte ja noch nicht

erschöpft sein.

Plötzlich schnellte er denn auch auf, den Jean, den er siegesgewiß

wähnte, zu werfen.

Aber der hatte ihn schon an der Kehle gepackt und zusammengerissen, daß

er sich überschlug.

»Hurra!« schrie's. »Der Jean hot gewunne!«

Der Italiener bäumte sich auf. Der Jean hielt ihm die Arme bei. Auch

jetzt fürchtete er eine List.

Der Italiener warf sich auf die Seite. Er suchte nach seiner

Messertasche.

»Freundchen, Messer nicht!« sagte der Jean.

»Steh doch einer dem Herrn ›Ober‹ bei!« rief's.

»Wenn der Kerl sein Messer erwischt!«

»Nicht helfen, keiner helfen -- Kraft gegen Kraft! So will ich

gewinnen!« rief der Jean halb außer Atem dagegen. Und mit aller Kraft

suchte er dem Gegner den Kopf auf den Boden zu zwingen.

»Er hot gesiegt -- gewunne! hoch der Herr ›Ober‹!« rief's schon.

Da gellte ein Schrei. Er gellte furchtbar durch Mark und Bein. Ein

Menschenschrei -- und doch kaum zu glauben, daß er aus einer

Menschenkehle kommen könnte.

»Ah -- hui--u--u--io!«

Das schnitt, das riß, das pfiff, das röchelte. Das ging durch eine ganze

Tonleiter, durch alle Vokale. Entsetzen machte alle starr.

Der Streit war aus.

Der Jean war rücklings hingeschlagen.

»Schu--u--ffft!« stöhnte er.

Einer der Italiener hatte ihm hinterrücks das Messer ins Herz gestoßen.

Er stöhnte noch einmal -- noch einmal warf er sich auf. Er schnellte

hoch.

Schwer und dumpf fiel er nieder.

Dann lag er still, die Arme weit auseinander, Blut vorm Munde.

Die Italiener waren fort. In der Bestürzung hatte sich keiner nach ihnen

umgesehen, selbst der Polizeidiener nicht. Unbemerkt hatten sie sich

davongemacht.

Welcher hatte gestochen? Der Fiori nicht.

Man stand um den Toten.

Einer bückte sich nieder und legte dem Jean das Ohr auf die freie Brust.

»Er ist tot!« sagte er.

Die Anna saß auf ihrem Platz und weinte.

Sie konnte nichts denken, nichts begreifen.

Der Jean war tot.

Da lag er -- nie wieder würde er aufstehen. Tot, tot!

* * * * *

Sein letztes Hochamt.

Man darf das jetzt von ihm erzählen, wenn er selbst es auch nie getan

hätte. Er ist ja nun schon beinahe zwei Jahrzehnte tot. Und er war immer

so schweigsam gewesen und sprach gar nie von sich. Es lag so in seiner

Natur. Und es war auch wohl ein gut Teil Angewöhnung. Er war nie so

recht verstanden worden, nie in seiner engsten Umgebung, und auch in

seiner weiteren nur selten. Bei seinen Freunden höchstens hat er sich

tiefer ausgesprochen. Aber das waren selbst wieder so stille Leute, und

sie sind ja nun auch alle tot.

Es war in den Jahren der Reaktion nach der Volkserhebung 1848–1849. Der

einzelne war durchaus unsicher geworden, die Gegensätze der Parteien

waren heftig und wuchsen immer mehr. Die Wühlarbeit machte stets größere

Fortschritte, und ihre Erfolge, die anfangs noch heimlich waren, traten

offen zutage.

Besonders wer ein Amt hatte, mußte sich hüten. Nichts unbedacht sagen,

nicht immer ehrlich seine Meinung sagen. Nicht mal eine Meinung haben

wollen. Das war im Amt so verderblich und war so unvereinbar mit dem

Amt, wie das Aufklären und Agitieren am Wirtstisch. Oder gar im

vertrauten Kreise, denn überall hockten die Heuchler und Horcher, und

brühwarm und gehörig vergröbert kam alles ins Pfarrhaus. Denn der

Pfarrer war der Hüter des zahmen und unterwürfigen Geistes, der Hüter

der Meinungslosigkeit und der Verdammer der Freiheit. Und die Falschen

und Ohrenbläser, die Locker und Lügner waren ihm gute Werkzeuge.

Eine Meinung haben und ein Mann sein -- ja oft einen »Kopf« haben und

nicht dumm sein, das hieß frei sein, hieß anrüchig, ja direkt gefährlich

sein.

Da red' ich von meinem Heimatdorfe. Es war der Schullehrer Andreas

Krafft, der der Stein des Anstoßes geworden war. Es wäre schwer zu sagen

gewesen, warum.

Es lag vielleicht im Krafft. Ich stelle mir ihn vor, wie er über die

Straße ging. Ein Schullehrer vom alten Schlage. Auf den ersten Blick ein

Schullehrer. Aber mehr als das, auf den ersten Blick zu sehen: eine

Persönlichkeit. Einer, der mehr hatte vom Leben als sein armes Amt.

Einer, der ein Leben gelebt hatte, dem das Leben einen Inhalt gegeben

hatte, und der seinen Idealismus, den alten guten, hohen, heiligen

Idealismus, durch sein Leben trug. Er leuchtete auf seiner Stirn, er

glühte in seinen Augen. Und mag er uns öde und töricht geworden sein --

wo er uns heute noch so ganz eins mit dem ganzen Menschen begegnet,

ziehen wir den Hut ab.

Der Krafft war nach oben nicht genehm. Er war gewissermaßen schon

prädestiniert dazu. Es lag so in seiner ganzen Art. Sie machte nicht

warm, sie machte vielleicht scheu, machte einem unbehaglich. Es war so

etwas Starkes, Abwehrendes in ihm, es wurde oft etwas Herausforderndes,

Herrschendes. Man sah's auf den ersten Blick, man hörte es beim ersten

Wort. Vielleicht ein starkes geistiges Übergewicht. Vielleicht war's

etwas Äußeres nur: der Blick, die Stirn, die Schädellinie -- vielleicht

der graue Hambacher Bart, das lange Haar -- vielleicht die Art zu gehen

oder zu sitzen, ja nicht zum wenigsten die Art zuzuhören, stille zu

sein.

Ja, das war's vielleicht beim Krafft, wie still er war. Und wie ernst

immer. Er ging durchs Feld, immer in den gleichmäßigen breiten Schritten

-- »guten Tag, Herr Lehrer!« rief's, er dankte und schritt weiter. Und

wenn er in den Gesangverein kam -- und war der lauteste Lärm im Saale,

und ging die Tür auf und der Krafft trat ein, war's mäuschenstill. Und

alle sahen nach ihm, und alle hingen an seinem Blick, und es war mehr

als Furcht, es war ein hoher Respekt. Etwas Vornehmes trug er an sich,

trug er überall hin, so einfach er war. Keiner kam ihm zu nahe, selbst

wenn er scherzte. Und keiner wagte sich so recht aus sich heraus, wenn

der Krafft dabei war. Jede Bemerkung wurde zweimal bedacht, eh' sie

gemacht wurde. Und doch -- wer den Krafft respektierte, und es waren die

Besten meines Dorfes, der hing ihm auch an.

Der Held und andere Novellen · 第 1 / 6 段