gefälliger Schönheit den andern Mädchen Lesinas nachgestanden wäre.
Sie hatte lesen und schreiben gelernt, hatte selbst ein paar Bücher
von Anfang bis zu Ende durchgelesen, die ihr der Zufall in die Hände
gespielt, und verstand es merkwürdig gut sich gefällig zu kleiden.
Auch einen Brief vermochte sie ziemlich gut zu schreiben, -- wenn
auch nicht schön, so doch verständlich. Weil aber im Hause die Mutter
und zwei ältere Schwestern walteten, so wurde sie dort nicht viel in
Anspruch genommen. Und weil sie bereits volle vierzehn Jahre zählte,
so hatte es auch mit dem Unterricht schon lange ein Ende gehabt. Darum
war sie mehr oder weniger Herrin ihrer Zeit, und wenn nicht gerade ein
seltener Regen über die Insel niederging oder der kurze Winter mit
seinen Borastürmen über Dalmatien hinbrauste, konnte sie ruhig und
halbe Tage lang weit draussen auf einem steinigen Vorgebirge unter dem
dichten Schatten eines alten Johannisbrotbaumes sitzen -- vor sich die
plätschernden Wellen des Meeres, die nackten Klippen und auf denselben
eine einzelne riesige Agave. Dort verfertigte sie feine, traumhaft
schöne Spitzen aus den Fasern der Agave.
Sie nahm aber die Agavenblätter, deren sie bedurfte, niemals von jener
riesigen Pflanze, die einsam auf der Klippe vor ihr in die Luft ragte.
Wozu auch? Agaven finden sich auf der ganzen Insel Lesina mehr als
übergenug. Und gerade die eine riesige Agave auf der nackten Klippe war
ihr heilig. Warum? Das wusste sie nicht. Dalmatinerinnen sind nicht
oder höchstens ausnahmsweise sentimental.
Die Leute nennen diese Pflanze Aloë, die Gelehrten sagen, es sei die
Agave americana. Wahrscheinlich haben die Gelehrten Recht. Wie sie aus
Amerika nach Dalmatien, wie sie vom Festlande auf die Insel Lesina
gekommen, ist ein Geheimniss. Die Gelehrten sagen, dass es eine Zeit
gegeben, zu welcher die Insel Lesina gar keine Insel war, sondern mit
dem Festlande zusammenhing. Damit glauben die Gelehrten das Geheimniss
theilweise gelöst zu haben, und wahrscheinlich haben sie auch diesmal
Recht. Die Pierina wusste zwar nichts von den Annahmen der Gelehrten,
aber sie wusste, dass sie als ganz kleines Kind schon auf diesem Platze
unter dem Johannisbrotbaume so gerne gesessen, und dass sie damals
schon davon gehört habe, wie die Agave fünfzig Jahre brauche, um zu
blühen und wenn sie geblüht habe -- sterbe. Das wollte sie sehen. In
ihrem einfältigen, kindlichen Kopfe kam es ihr manchmal vor, als ob sie
selbst eine Agave oder mit der Agave auf der einsamen, nackten Klippe
Eins wäre. Das war aber nur so eine Einbildung, sie selbst glaubte es
nicht ernstlich.
Fünfzig Jahre und vierzehn! Das reimt sich wohl schlecht zusammen, aber
die prächtige Agave -- +ihre+ Agave -- war schon ein mächtiges Gewächs,
als Pierina noch ein kleines Kind gewesen. Darum hofft sie noch immer
darauf, gerade diese Agave blühen und -- sterben zu sehen. Es war aber
nicht Bosheit, sondern nur Neugierde.
Im verflossenen Jahre, als sie anfing verständiger zu werden und es in
ihrem eigenen kleinen Köpfchen so ganz sonderbar zu rumoren und summen
begann, als ob sie jetzt erst erwacht wäre und die ersten zwölf Jahre
ihres Lebens im Traum zugebracht hätte, -- da weinte sie an einem
wunderschönen Frühlingsabend bei dem Gedanken, dass die arme Agave nun
werde bald sterben müssen. Wenn man aber kaum vierzehn Jahre zählt, so
tröstet man sich über derlei Dinge leicht und Pierina lächelte bereits
wieder, als ihr die letzte Thräne in das Spitzengewebe fiel, an dem sie
eben arbeitete.
Es geht aber mit dem Leben einer Pflanze kaum anders als mit dem
Menschenleben: man weiss nicht recht, wann es beginnt und man bemerkt
selten sein wirkliches Ende. In eine kleine kaum sichtbare Spalte der
nackten Klippe hat der Zufall das Pflänzchen eingenistet. Drei oder
vier lanzenförmige Blättchen zeigten sich an ihrem Rande, mit weichen
biegsamen Stacheln eingefasst. Im nächsten Jahre haben sich ein paar
neue Blätter dazu gefunden, im abernächsten Jahre wieder. Es bildet
sich in der Mitte ein grösserer, schlank verlaufender, an der Spitze
mit einem grossen Dorn bewehrter Zapfen, und von diesem lösen sich dann
alljährlich ein oder zwei Blätter ab. Diese werden immer grösser und
stärker, die Dornen, mit denen sie bewehrt sind, immer härter, und nach
vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahren prangt das Gewächs in einer
Fülle von mächtigen, saftstrotzenden, am Rande mit furchtbaren Stacheln
bewehrten Blättern, die in schöngeschwungener Beugung den schlanken
Zapfen umfassen, von dem sie sich eines um das andere losgelöst und den
sie jetzt mit ihren starken Dornen beschützen.
In diesem Jahre hoffte Pierina ihren Lieblingswunsch erfüllt zu
sehen. Es entwickelte sich in der prachtvollen Pflanze vor ihr ein
eigenthümlich geheimnissvolles Leben. Der mächtige Zapfen mit dem
furchtbaren Dorn schwoll an und weitete sich mehr, als es sonst
geschehen war. Er strebte und drängte heraus aus seiner Blätterhülle --
und eines Tages war diese gesprengt und es kam der grüne, starke Schaft
des Blüthenstieles zum Vorschein.
Schade! Gerade zur Zeit, als diese geheimnissvolle Wandlung sich mit
der Agave vollzog, wurde die Aufmerksamkeit Pierina's von derselben
abgelenkt. Es war ein fremder junger Mann nach Lesina gekommen, der
dem Vater Pierina's empfohlen war. Der strich durch viele Stunden des
Tages über Klippen und Gestein und brachte Pflanzen mit nach Hause. Die
trocknete er zwischen Blättern von Papier. Dann schrieb er auch viel.
Aber es blieb ihm immerhin Zeit genug, die vierzehnjährige Pierina auf
ihrem einsamen Liebesplätzchen zu besuchen. Da sprach er mit ihr vom
Meer und von den Pflanzen und wie die Natur so wunderschön und doch
wieder so geheimnissvoll sei, gerade so wie die unergründlichen Augen
Pierina's.
Vielleicht hat er auch von Liebe mit ihr gesprochen, das ist aber
niemals bekannt geworden. Von ihnen Beiden hat Keines etwas davon einer
andern Menschenseele erzählt und der einzige Zeuge ihrer Gespräche war
eine Agaveblüthe.
Die Agave hatte gehalten, was sie versprochen und was Pierina seit
ihren Kinderjahren erwartet und erhofft. Ein mächtiger Stamm, über
dreissig Fuss hoch, war aus dem trotzigen Blattbüschel in der kurzen
Zeit von zwei Monaten herausgeschossen, hatte Zweige nach allen
Richtungen hinausgesendet und diese Zweige waren über und über mit
zarten in gelb und weiss prangenden Blüthen bedeckt. Und wenn die
jungen Leute dort beisammen sassen, da trug der kühlende Seewind den
berauschenden Duft der Blüthen gerade hin zu dem jungen Paar.
Blumenduft ist gefährlich, er berauscht so leicht.
Und doch dachte Pierina jetzt weniger an die Agave als je. In
ihrem Innern schien auch eine Blüthe aufgegangen zu sein, obwohl
sie beiweitem nicht das Alter der Agave hatte. Bei Mädchen geht es
schneller und Pierina zählte noch nicht fünfzehn. Und als der Herbst
gekommen, da fielen die Blüthen der Agave langsam ab. Der Wind trug sie
in die Wellen. Auch der junge Mann -- Lorenzo hiess er -- schnürte sein
Bündel und zog wieder fort über das Meer, auf dem er gekommen. Er hatte
ihr zum Abschied gesagt, dass sie ein gutes und liebes Mädchen sei, nur
schade, dass sie eben in Lesina aufwachsen musste, wo Frauen so gar
nichts von den Sitten der grossen Welt -- seiner Welt! -- lernen und
wissen.
Pierina hatte beim Abschied nicht geweint. Sie sass jetzt wie früher
auf ihrem Lieblingsplätzchen unter dem Johannisbrotbaume, vor sich
die nackte Klippe mit der mächtigen Agave und weiter draussen das
unendliche Meer. Jetzt kam es ihr wieder so vor wie in frühern Jahren,
als ob sie Eins mit der Agave vor sich wäre. Denn auch sie blühte
nicht mehr. Ihre Wangen wurden täglich blässer und ihre flammenden
Augen täglich grösser. Das Ende der Agave hat sie aber nicht mehr mit
ansehen können, denn als der Winter mit seinen ersten Borastürmen über
Dalmatien hinraste, da war die Pierina gestorben.
Auch die Agave starb im nächsten Jahre -- ihre mächtigen Blätter
wurden welk und fielen zu Boden. Und auf einem derselben fanden sich
einige Zeilen eingeritzt -- dieselben, die zu Anfang dieser Erzählung
wiedergegeben sind. Sie lauten zu deutsch:
»Lieber Renzo! Ich wollte Dir schon seit langer Zeit schreiben, aber
ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst. Du musst wissen, dass ich
Dir zu sagen habe, wie sehr ich Dich liebe. Ich kann nichts mehr thun,
als Dir tausend glühende Küsse senden. Lebe wohl, Renzo, auf immer lebe
wohl. Auch für +meine+ Abreise hat die Stunde geschlagen. Deine Dich
liebende Pierina.«
»Am Weihnachtsabende des Jahres 1874.«
Das Omblathal bei Ragusa.
Ein ruhig sonnenheller Tag liegt über den Bergen, schimmert über die
im Frühlingsschmucke prangende Küste, zittert über das weite Meer. Auf
der schönen Strasse, die von Ragusa nordwärts gegen den eigentlichen
Hafen, gegen Gravosa, führt, haben sich die zu beiden Seiten derselben
gepflanzten jungen Bäumchen mit zarten Blättern geschmückt, am Fusse
der gegen die Küste sanft zu verlaufenden Berge stehen die Gärten im
Frühlingsblüthenschmuck, hohe Palmen bewegen ihre fächerartigen Zweige
im Westwind, trotzige Aloën recken ihre fleischigen dornbewehrten
Blätter, Rosen und wildwachsende Levkoyen blühen dazwischen, die Berge
im Hintergrunde deckt der Oelbaum. Draussen aber im Hafen wiegt sich
die Möve.
Es ist nicht der traute, weissgraue Vogel, der, den Matrosen heilig,
in langsamen Fluge über das Meer streicht, seine Nahrung suchend und
in den Wellen findend, sondern Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve«, der
in Gravosa vor Anker liegt. Die schlanken kühnen Formen werden von den
Wellen sanft geküsst, die mächtigen Masten ragen gegen den Himmel,
die Raen und das Tauwerk heben sich fein und zart vom durchsichtigen
Blau des Horizontes ab. Auf der Brücke steht der Wachoffizier, mit
der schwarzgelben Feldbinde umgürtet und dem Fernrohr in der Hand.
Waffen führt er keine, obwohl er im Dienste ist. Eine Schildwache mit
gezogenem breiten Pallasch geht langsam auf und ab. Auf dem Vorderdecke
steht eine kleine Gruppe von Matrosen, untersetzte kräftige Gestalten,
in ihren kleidsamen blauen Jacken mit dem weit ausgeschlagenen
Hemdkragen; sie sprechen leise zusammen.
An Bord eines Kriegsschiffes, und zwar eines österreichischen
Kriegsschiffes, geschieht Alles leise. Ein kurzer Commandoruf, ein
schrilles Pfeifen, vielleicht einmal ein Hornsignal, das ist Alles.
Sonst thut Jeder seine Pflicht, wagt sein Leben, übt, lernt, arbeitet
hoch im Takelwerk, auf dem Verdeck, unten im Schiffsraume, stirbt,
wenn es nothwendig ist, aber er schweigt. »Muss Sieg von Lissa
heissen!« so lautet der lakonische Befehl, mit welchem Tegetthoff
das tausendstimmige Brüllen der Kanonen entfesselte und das grosse
markerschütternde Drama einleitete. Nur fünf Worte. Und -- es hiess
wirklich Sieg von Lissa!
An der Steuerbordseite der »Möve«, gegen das Land zu, durch den
Schiffskörper verborgen, schaukelte das feingeschnittene schöne
Gigg des Commandanten. Sechs Gasten sassen drinnen, auf ihre Riemen
gestützt. Sie warteten des Commandanten und seiner Gäste, welche noch
unten in der Cajüte bei einem Glase Sherry weilten. Heute, wo diese
Zeilen gedruckt zu lesen, heute trennt mich bereits lange wieder
Land und Meer von den lieben alten Freunden, von dem Commandanten
Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve« und dessen zweitem Gaste, einem
unserer tüchtigsten Flotten-Officiere. Und so sei es mir gestattet,
ihnen hier einen freundlichen Gruss zu entbieten und ihnen Beiden die
schönen Stunden in's Gedächtniss zu rufen, die wir vor Zeiten mitsammen
zugebracht, die schönen Stunden, die wir zuletzt in der traulichen
Commandanten-Cajüte der »Möve« zusammen verlebt und den reizenden
Ausflug, den wir unternommen in das Thal der Ombla bei Ragusa. Und es
sei mir auch gestattet, hier der österreichischen Marine-Officiere
überhaupt zu gedenken -- es ist mir ein Herzensbedürfniss -- ihres
freundlichen Entgegenkommens, ihrer anspruchlosen, liebenswürdigen,
herzgewinnenden Bescheidenheit, ihrer still betriebenen Studien, ihres
umfangreichen Wissens, ihrer Weltkenntniss und ihres wackern, durch
und durch ehrenhaften Wesens. Alle Provinzen des weiten Kaiserstaates
sind in dem Officiercorps der österreichischen Marine vertreten, alle
Sprachen des polyglotten Oesterreich werden unter ihnen gesprochen,
aber dort verschwindet jede nationale Färbung und ich habe mich niemals
so sehr als Oesterreicher gefühlt als an Bord eines österreichischen
Kriegsschiffes, unter dem Schatten der vom hohen Maste flatternden
österreichischen Flagge!
Wir klommen von der Cajüte an Deck und bestiegen sodann das schaukelnde
Gigg. Die Fallreep-Pfiffe schrillten -- die Ehrenbezeugung für den das
Schiff verlassenden Commandanten -- am Bug des Giggs flatterte das
Wimpel, am Achter die Flagge. »Stosst ab! Vorwärts!« und unter den
tactmässigen Schlägen von sechs Rudern flog das leichte Boot in kühner
Schwenkung um den Körper der »Möve« herum, hinauf gegen die Mündung der
Ombla.
Wenn man, vom Norden kommend, durch den Canale di Calamotta in den
Hafen von Gravosa einfährt, so treten gegen Osten, gerade gegenüber
der Halbinsel Lapad, die Berge, die bis dahin in ununterbrochener
Reihenfolge die Küste begleiten, klaffend auseinander und bieten die
Aussicht frei auf ein reizendes Thal. In der Mitte desselben strömt
ein breiter Fluss von süssem, kristallhellem Wasser, tief genug, um
selbst grösseren Schiffen Einlauf zu gewähren, in das Meer. Es ist die
Ombla. Etwa eine Viertelstunde von der Mündung des Flusses aufwärts
hat derselbe durch angeschwemmte Steine und Erdreich eine flache
Insel gebildet, die, mit Binsen und Röhricht überwachsen, ein schönes
gleichmässiges grünes Dreieck bildet, dessen eine Spitze gegen das Meer
gekehrt ist. Zu beiden Seiten des Flusses steigen die Ufer rascher
gegen die bewaldeten Berge, mit prachtvoller fremdartiger, südlicher
Vegetation bedeckt. Wieder stehen da Palme und Lorbeer, Myrthe und
Aloë, hochstämmiger Rosmarin, Oel- und Feigenbaum und die schlanke,
dunkle Cypresse.
In der blühenden Wildniss sind längs der Ufer kleine Gruppen von
bewohnten Häusern und einzelne Ruinen zerstreut. Von den letzteren
stehen gewöhnlich die Mauern der oft zweistöckigen Villen gänzlich
unversehrt, die Fensteröffnungen sind mit schön gearbeiteten Simsen
versehen, aber das Dach fehlt, die Häuser sind ausgebrannt und
mitten im Hausraume, wo einst das traute Heim glücklicher Menschen
war und vielleicht fröhliche Kinder sich tummelten, wuchert jetzt
Lorbeer und Rebe. Es waren die Russen im Vereine mit Montenegrinern
und Herzegowinern, welche im Jahre 1806, als der französische
General Lauriston die Stadt besetzt hielt, Ragusa angriffen und im
ganzen Umkreise der Stadt alles verwüsteten, niederbrannten und
zerstörten. Die Einwohner flüchteten damals; als aber die Russen mit
ihren Verbündeten abgezogen waren, da war die Bevölkerung durch die
Zerstörung ihres Besitzstandes zu arm geworden, um ihre Häuser wieder
aufzubauen, und so ist heute noch ganz Ragusa mit Ruinen zerstörter
Villen umgeben.
Besonders eine dieser Villen -- sie ist am linken Ufer der Ombla
gelegen -- ist bemerkenswerth. Wir legten an der prächtigen, drei
Klafter breiten Treppe an, die bis an den Wasserspiegel führt. Ein
grosses, weitgedehntes Gebäude lag vor uns in mittelalterlicher
Bauart. Schöne Säulen aus Marmor und Sandstein tragen die Bogen einer
riesigen, gegen den Fluss offenen Halle. An den Wänden der letzteren
prangen Fresken in wunderschönen, lebhaften Farben, als ob sie gestern
erst vollendet worden wären. Sie stellen einzelne Scenen aus der
Aeneide dar. Schon auf der Stiege hatten wir den süssen, betäubenden
Geruch von Lorbeerblättern verspürt und sahen jetzt die grosse Halle
mindestens zwei Fuss hoch mit trockenen Lorbeerblättern bedeckt.
Mehrere Männer in der kleidsamen halbtürkischen Tracht der Bauern
aus der Umgebung von Ragusa waren damit beschäftigt die trockenen
Blätter in grosse Säcke zu füllen. Unter dem Thore stand ein Esel und
schnupperte mit der Nase unter den vielen Lorbeerblättern, die noch
nicht zum Kranz gewunden waren, und die auch diese Bestimmung offenbar
nicht erwarten.
Lorbeerblätter in Säcken und ein Esel dabei! Pah -- ist doch Alles
nichtig in dieser Welt -- selbst Lorbeern!
Auf dem einen Felde der Wand war eine schöne Dido dargestellt mit
Aeneas zu ihren Füssen. Die Bauern machten uns auf das Bild aufmerksam
und sagten uns, es sei eine Muttergottes mit dem heiligen Antonius von
Padua; wer sie aber gemalt habe, wem das Haus gehöre mit dem schönen
Parke, der sich in Serpentinen hinter dem Hause bergan zieht, das
wussten sie nicht. Sie wussten nur, dass ein sehr reicher Herr der
Eigenthümer des Hauses gewesen, dass die Russen und Montenegriner
dasselbe zerstörten, dass der Park ober dem Hause jetzt gänzlich
verwildert sei und dass das ganze Besitzthum jetzt kaum etwas abwerfe,
als ein wenig Oliven und die Lorbeerblätter, die wir sahen. Dafür aber
führten sie uns über eine halsbrecherische Holzstiege in das zweite
Stockwerk und zeigten uns da eine merkwürdige sechseckige Badestube
ganz ohne Fenster und mit einer so niederen Thür, dass man -- wörtlich
genommen -- auf allen Vieren hineinkriechen muss.
[Illustration: Mädchen aus Sette Castelli.]
Wir stöberten und krochen noch lange in dem alten Hause und in der
blühenden Wildniss herum, von der es umgeben war, ohne von den Leuten
eine weitere Auskunft über den Eigenthümer des Hauses erhalten zu
können. Der Eigenthümer sei ein reicher Herr, -- hiess es -- und lebe
nicht in Ragusa, das Haus sei verpachtet, und dessen Räume dienen jetzt
nur zum Trocknen der Lorbeerblätter. Der Esel dort und noch einige
Eseln tragen die Lorbeerblätter sackweise nach Ragusa und von dort aus
werden sie weiter verschifft, -- nach Triest.
Das musste uns genügen, wesshalb wir unser Gigg wieder bestiegen und
stromaufwärts gegen die Quellen der Ombla fuhren.
Wenn man auf der Bergfahrt die Hälfte des nur eine halbe Stunde langen
Flusses hinter sich hat, so verschliesst ein ungeheuerer Felsen,
von welchem her die Ombla zu Thal fliesst, die Aussieht. Man fragt
sich vergebens, aus welcher Schlucht denn das Becken der Ombla sich
hervorwinden könne; es ist eben Alles von zackigen Felsen, die einen
weiten Halbkreis bilden, eingeschlossen und nur aus der weissen Farbe
des Flusses erkennt man, dass seine Wasser hier irgendwo mit Gewalt
herausbrechen oder durch eine plötzlich verengte Schlucht gezwängt
werden.
Es scheint, dass Beides der Fall ist. Man sagt nämlich -- und ich
weiss nicht, ob irgend Jemand sich darüber Gewissheit verschafft
habe -- dass der bosnische Fluss Trebinschizza, welcher nicht weit
von der österreichisch-türkischen Grenze sich in einen Steinschlund
verliert, an der Sohle des Omblathales wieder zu Tage trete. Wie dem
auch sei, so viel ist gewiss, dass es einen überraschenden Anblick
gewährt, die schäumenden und tosenden Wassermassen aus tausend Ritzen
und Sprüngen des nackten Felsen in gewaltiger Wucht mit schneeweissem
Gischt herauskochen zu sehen, zu sehen, wie sie unmittelbar darauf
in wilder Eile über die Räder der dort befindlichen Mühle stürzen
um dann beruhigt und geklärt im majestätischen Laufe sich dem Meere
entgegenzurollen.
Bei der Rückfahrt besuchten wir ein einsam am rechten Ufer der Ombla
liegendes Franciscanerkloster. Wir mussten lange an der Thüre klopfen,
bis uns ein steinalter Laienbruder öffnete, dessen übermässige
Magerkeit die Vorstellung Lügen strafte, die man sich gewöhnlich von
dem behäbigen Aussehen der in frommem Nichtsthun dahinlebenden Mönche
macht. Er zeigte uns bereitwilligst das ganze uralte Klostergebäude,
das, wie aus einer alten Inschrift ersichtlich, durch das Erdbeben
des Jahres 1666 halb zerstört worden war. In dem riesigen, von einem
prächtigen Säulengang umgebenen Hofe lagen und standen einzelne
Capitäle und abgebrochene Säulenschafte, das Gras wucherte aus
den Fugen der Steinplatten und ein in der Ecke stehender riesiger
Lorbeerbaum verdeckte drei oder vier der vergitterten Fenster. Wir
waren noch mit dem Lesen einiger alter auf Grabmälern angebrachter
Inschriften beschäftigt, als ein zweiter Klosterbruder herabkam. Es war
der Pater Guardian; er und der magere Laienbruder bildeten zusammen
die ganze »Besatzung« des ausgedehnten Klosters.
Der Pater Guardian war sehr dick und roch unangenehm nach Wein und
frischen Zwiebeln. Er führte uns zuerst in ein riesiges Refectorium
und dann in die ärmliche Kirche. Wenn man die winzige Kirche mit
ihren wenigen Betstühlen und den engen Gängen zwischen denselben
mit dem grossartig angelegten Refectorium verglich, so mochte man
sich wohl die Frage stellen, wie denn die Mönche, welche ehedem das
Refectorium füllten, doch in der Kirche Platz finden konnten. Ich
wagte sogar eine derartige Frage an unseren dicken Guardian, der mir
aber salbungsvoll erwiderte, dass im Refectorium nicht nur gegessen,
sondern auch gebetet wird. Damit war ich geschlagen. Im Refectorium
waren weitlaufende altersschwarze Tische aufgestellt, an denen
mindestens hundertfünfzig Personen Platz nehmen konnten. Dort speiste
der dicke Prior und der magere Laienbruder allein -- »wenn sie etwas
hatten« -- sagte der alte Herr. Der Laienbruder hielt sich demüthig im
Hintergrunde.
In einer Ecke des Refectoriums war eine Art Fenster in der Mauer
angebracht, das in eine dunkle Küche führt. Um das Fenster herum
stand der wohl zu beherzigende Spruch: aequa divisio non conturbat
fratres[45]. Ob die »divisio« auch heutzutage noch so gleichmässig sei,
wollte uns schier zweifelhaft scheinen, wenn wir den dicken Guardian
und den mageren Laienbruder ansahen. Der Guardian machte uns hierauf
auf ein rohes alfresco-Gemälde aufmerksam, das sich ebenfalls an der
Wand befand. Es stellt einen dicken Fisch vor, der bestrebt ist, einen
vor ihm befindlichen mageren Fisch zu verschlingen. Wir glaubten
anfangs eine allegorische Anspielung auf den dicken Guardian und den
mageren Laienbruder zu sehen, wurden aber bald eines Bessern belehrt.
[45] Eine gleichmässige Vertheilung stört die Einigkeit der Brüder
nicht.
»Es ist eigentlich ein Wunder,« sagte der Guardian, »wenn es auch
Manche nicht glauben wollen. Es war im Jahre 1589 -- sehen Sie,
da steht es drunter geschrieben, 1589 addi 12 Novembre -- als ein
Klosterbruder ausging, um Almosen zu sammeln. Es war aber ein
schlechtes Jahr gewesen und die Leute hatten selbst nichts -- so ging
also der Bruder mit seinem leeren Esel traurig dahin am Ufer der Ombla.
Da hörte er plötzlich ein Geräusch -- -- ein kleiner Fisch sprang an
das Land -- ein anderer grosser Fisch, der den kleinen fressen wollte,
ihm nach. Und der Bruder fing alle beide, so dass alle Brüder zu essen
hatten, denn der grosse Fisch war ein Thunfisch und wog achtzig Pfund.
Darum sind beide hier aufgemalt. Jetzt sind wir nur unser Zwei im
Kloster und brauchten kein so grosses Wunder -- aber ein kleines Wunder
thäte uns gut, denn wir haben wohl Wein und Oel für Beide, aber sonst
gar wenig zu essen.«
Einer meiner Begleiter warf die Bemerkung hin, es wäre ein in der
Welt ziemlich häufig vorkommender Fall, dass die kleinen Fische von
den grossen gefressen werden, aber diese Betrachtung schien dem
dicken Guardian zu subtil und er wiederholte nur den Wunsch, dass der
liebe Gott recht bald ein Wunder zu Gunsten des Klosters und seiner
»Besatzung« wirken möge.
Der magere Laienbruder seufzte.
Wir baten den Guardian, ein kleines Scherflein für die Bedürfnisse des
Klosters von uns anzunehmen und empfahlen uns. Eine Minute darauf flog
unser Gigg stromabwärts dem Meere zu, auf dem die schöne »Möve« im
Abendsonnenschein sich wiegte.
Ein Fischzug bei Lesina.