und Schiesscanälen versehenen Zimmer durchschritten, erzählte mir
meine schöne Führerin, wie ihre Grossmutter, die erst im vorigen Jahre
beinahe achtzig Jahre alt gestorben, als deren Kinder noch klein waren
und sie mit zwei Mägden und einem Knechte die ganze Besatzung des
Hauses bildete, einmal dasselbe vor Nachtszeit gegen einen von mehr als
dreissig Räubern unternommenen Ueberfall vertheidigte. Das Mädchen wies
mir die Schiessscharten, durch welche die Grossmutter gefeuert hatte
und schleppte ein unsinnig langes Trombon herbei, um mir zu zeigen, wie
dasselbe, mit mehreren Kugeln oder gehacktem Blei geladen und einfach
durch den Schusscanal gesteckt, unfehlbar Jeden treffen musste, der
durch das Thor eindringen wollte. Als sie mir das Alles erzählte,
blitzten ihre wunderschönen Augen und sie redete sich in eine förmliche
Begeisterung hinein, während ihre hübschen Finger fieberhaft mit dem
alten Steinschlosse des Trombons spielten. Jedenfalls scheint die
Enkelin der Grossmutter nachgerathen zu sein -- wehe dem Räuber, der es
einmal wagen sollte, diese Festung zu stürmen -- ich glaube, das alte
Trombon thäte heute noch seine Schuldigkeit.
Das Mädchen wurde gar leutselig und gesprächig, als sie und ihr älterer
Bruder, der sich von überstandener Krankheit in der Heimat erholte,
mich durch den Garten des Hauses führte. Sie war -- wie sie mir
erzählte -- nur viermal in ihrem Leben in Cattaro gewesen, ausserdem
hatte sie noch nie Dobrota verlassen. Das elegante schwarze Kleid, das
sie trug, hat sie selbst verfertigt. Sie hält sich ein Modejournal.
Früher war sie national gekleidet, aber seitdem Vater und Mutter todt
sind, kleidet sie sich »europäisch«, wie sie bezeichnend und lächelnd
sagte. Sie ist Braut. Ihr Bräutigam ist natürlich Schiffscapitän und
weilt gegenwärtig in Genua. Das Schiff, das er commandirt, ist +ihr+
Eigenthum und sie bringt es ihm als Morgengabe mit. Sobald Schiff
und Bräutigam zurückkehren, giebt's Hochzeit und dann macht sie mit
ihrem Schiff und ihrem Gemal eine Hochzeitsreise nach New-York, wohin
das Schiff Ladung bekommen. +Er+, der Bräutigam, hat auf +ihrem+
Schiff bereits eine extra schöne Cajüte bauen und einrichten lassen,
sämmtliche Möbel sind von dem Holze eines Birnbaumes in Buenos Ayres,
das so feine Adern hat »wie ein Christenmensch« und sich anfühlt wie
Sammt. Mit demselben Holze ist auch die Cajüte getäfelt und die Schöne
freute sich unsinnig auf Cajüte, Bräutigam, Schiff und Reise.
Als wir später wieder in das Haus hinaufgingen und sie der Magd die
Tasse mit schwarzem Kaffee abnahm, um dem Bruder und mir denselben
zu credenzen, war sie nicht zu bewegen, selbst auch Kaffee zu nehmen
oder sich auch nur an den Tisch zu setzen. Es schicke sich nicht,
meinte sie, dass ein Frauenzimmer und gar ein Mädchen in Gesellschaft
von Männern esse oder trinke, und der Bruder bestätigte ruhig diese
Ansicht. Zum Abschiede gab sie mir aber ohne jede Ziererei wieder die
Hand und wünschte mir eine recht glückliche Reise. Die meinige werde
wohl kürzer sein, sagte sie lächelnd, als die ihrige. In vier Wochen
dürfte sie bereits verheiratet sein und dann geht's zu Schiffe. Zurück
kehrt sie erst, wenn sie das erste Kind bekommen. Das sagte sie,
ohne im mindesten zu erröthen und dabei blickten ihre prachtvollen,
schwarzen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke hinaus, als ob sie
über das Meer sehen könnten bis nach New-York und in die Zukunft bis
zur Ankunft des ersten Kindes.
Der Gouverneur von Scoglio Stipansko.
Der Patron Zuanin Dedich drehte unser lateinisches Segel etwas mehr
gegen den frischen Ostwind und that einen Ruck am Steuerruder. Folge
davon war, dass sich unsere Barke auf die Seite legte, dass ferner
beide Damen laut aufschrien und dass ich ein Glas Wein zur Hälfte
verschüttete, welches ich eben gefüllt in der Hand hielt.
»Keine Furcht!« sagte Patron Zuanin ruhig, »ich halte etwas vom Winde
ab, weil die Barke am besten »mezza nave« fährt und da hinten ein
Wetter heraufkommt. Je eher wir nach Stipansko kommen, desto besser.
Wenn's gut geht, bleiben wir über Nacht dort. Ich habe mir's ohnehin
gedacht -- aber mit Weibern ist nicht zu reden, wenn sie sich einmal
etwas in den Kopf gesetzt haben. Sie wissen ja!«
Mit seiner Hand, welche die Grösse eines massigen Tellers hatte,
veranschaulichte uns dabei Patron Zuanin, dass »mezza nave« eine
schiefe Stellung des Schiffes bedeute, wobei der Wind und die klemmende
Kraft des Steuerruders unter einem spitzen Winkel sich kreuzen.
Die despectirliche Aeusserung bezüglich der Damen fühlte er sich
durchaus nicht bewogen, zu entschuldigen. Nachdem er seinen
Orakelspruch zum Besten gegeben, sass er wieder unbeweglich auf seinem
Kranz von Stricken, hielt das Steuerruder umfasst und blickte mit
seinen hellgrauen Seemannsaugen unverwandt auf die Felsen, die aus den
sanftbewegten Wellen vom Sonnenschein übergossen vor uns auftauchten.
Wenn wir auf einer Felsen-Insel übernachten mussten, so war Niemand
daran Schuld als der selige Joachim Heinrich Campe mit seinem Robinson
Crusoe. Die beiden im Boote befindlichen Damen -- die Frau meines
Freundes und meine eigene -- hatten sich urplötzlich an Robinson's
Felsen-Insel erinnert, als sie nach Spalato gekommen, und hingen
so lange und so fest an dem Wunsche, einmal auch ein wirkliches
Riff-Eiland zu sehen und zu betreten, bis die Partie zu Stande kam,
die uns nach Scoglio Stipansko führte.
Scoglio heisst Riff- oder Felsen-Insel. Längs der dalmatinischen Küste
liegt eine grosse Menge dieser öden Eilande, vom Meer umflossen, vom
Sturm gepeitscht, im Sonnenbrande glühend, nackt oder von spärlichem
Pflanzenwuchs bedeckt, zerklüftet und zerrissen, einsam und unbewohnt.
Zur Sommerszeit, wenn die sengende Hitze auf den grösseren Inseln und
auf dem Festlande Alles ausgetrocknet und verbrannt hat, findet sich
wohl einer und der andere der armen Bauern von Lesina, Lissa, Solta
oder Zirona, der ein paar Stücke Vieh in einer Barke auf den Scoglio
übersetzt, eine Art Hütte aufschlägt und bis zu Winters Anfang dort
haust. Ein- oder zweimal des Monats fährt er dann nach Hause zur
nächstgelegenen bewohnten Insel, bringt Ziegen- oder Schafkäse zum
Verkaufe mit, den er bereitet hat, und holt sich das Nothwendigste zum
Leben. Dann bleibt er wieder wochenlang allein auf dem Scoglio.
In der Nähe von Zara, im Canale della Morlacca, gibt es grössere
Scogli, welche Bäume und Rebenpflanzungen, sowie Hütten aufweisen und
das ganze Jahr bewohnt sind. Im Westen der südlichen grossen Inseln
aber, bei den Inseln Lesina, Lissa, Curzola, Zirona, Solta, da findet
man nur kleinere Scogli zerstreut, meistens weit hinausgeschoben in das
adriatische Meer, so arm und nackt, dass sie oft nicht einmal einen
Eigenthümer haben; Niemand begehrt sie.
Weil aber der Scoglio Stipansko im Stande ist, einige Stücke Vieh
durch einige Wochen zu ernähren, so hat er auch einen Eigenthümer, die
Familie Stipanovich in Oliveto auf der Insel Solta. Und der Scoglio
Stipansko war das Ziel unserer Reise, die wir von Spalato aus auf der
Barke »Le sorelle allegre«, Patron Zuanin Dedich, unternommen.
Das Gewitter, das vom Osten herankam, hatte angefangen sich fühlbar zu
machen. Noch hatten wir hellen glänzenden Sonnenschein, aber das Meer
wurde immer unruhiger, die Wogen hoben und senkten unsere kleine Barke,
die keck »mezza nave« dahinglitt und der Ostwind, der unser Segel
vollauf schwellte, war feucht und frisch von dem über die grosse Insel
Brazza niedergehenden Regen.
»Werden wir hier anlegen können, Patron Zuanin?« fragte ich, als die
Felsen des Scoglio Stipansko steil und beinahe unmittelbar vor uns aus
den weissen Kämmen der Wogen aufstiegen.
»Hier nicht, Herr,« lautete die Antwort. »Hier gibt's keinen Schutz und
keinen Ankergrund. Und wenn das Wetter so fortmacht, so geht mir hier
über Nacht die Barke in Trümmer. Mit dem Zurückfahren ist's aber für
heute entschieden nichts, denn +dieser+ Wind hält an«. Dabei drehte
Patron Zuanin das Steuer und wir flogen, um die felsige Küste des
Scoglio herum, dessen Westende zu.
Die Felsenabhänge wurden immer niederer, je mehr wir der Nordwestspitze
des Scoglio uns näherten, und als wir dieselbe nach zehn Minuten in
scharfer Wendung umschifft hatten, befanden wir uns unter dem todten
Winde in einer kleinen sandigen Bucht, in welcher einzelne Felstrümmer
zerstreut aus dem Wasser hervorsahen. Patron Zuanin schlang das Ende
eines Seiles um eines dieser Felstrümmer, die Barke lag still und das
Segel schlug in schlappen Falten an die Stange.
Der Kiel unserer Barke knirschte bereits im Sande und wir waren
wenigstens noch fünfundzwanzig Schritte vom Ufer entfernt. Es blieb uns
also nichts übrig, als uns unserer Fussbekleidung zu entledigen, die
Beinkleider hinaufzuschürzen und -- Jeder von uns mit seiner Frau in
den Armen -- das Trockene zu gewinnen.
Wir möchten nur geradeaus gehen, hatte Patron Zuanin gesagt, bis wir
das »Haus« des Joso vor uns hätten. Er, Zuanin, werde unterdessen den
Proviant an's Land schaffen, die mitgenommenen Decken und auch das
Segel, das wir vielleicht des Nachts brauchen könnten.
Vom Ufer aus bedeckte noch auf wenige Schritte trockener Meeressand den
Felsboden, wie ihn die hochgehende Fluth oder ein tüchtiger Weststurm
heraufgeworfen hatte; dann aber sahen wir nichts vor uns, als eine
Art felsiger Mulde, ohne jede Spur eines Pflanzenwuchses, ohne Spur
eines lebenden Wesens. Die zerbröckelten scharfen Steine schnitten
uns in die Füsse und wir konnten nur langsam vorwärts kommen auf
unserer Suche nach dem »Hause« des Joso. Mächtige Steinblöcke hatten
sich von den mauerartigen Uferfelsen der Insel losgerissen, waren in
das Innere der Insel gekollert und hemmten von Zeit zu Zeit unseren
Weg. Wir stiegen bergan. Die hohen Felsen schoben sich näher zusammen
und zeigten in ihren Rissen und Sprüngen einen spärlichen Graswuchs.
Dazwischen ragten die stacheligen Blätter von Aloëstauden, und als uns
ein leises Geräusch aufblicken machte, sahen wir zwei Ziegen, die, in
kühnen Sätzen gleich Gemsen von Stein zur Spitze springend, vor uns
flohen. Noch einige Minuten dauerte unser beschwerlicher Weg. Dann
kamen wir auf eine Art Plateau, aus dessen steinigem Boden gleichwohl
dünner Graswuchs sprosste. Zwei magere Kühe und etwa ein Dutzend
Schafe weideten da, die bei unserem Anblicke gleich den beiden Ziegen
Reissaus nahmen. Zur linker Hand -- gegen Norden -- erhob sich eine
Felswand. Ein herabgestürzter Riesenblock lag da, an den Hang gelehnt.
Wir mussten an demselben vorüber und kaum hatten wir ihn erreicht, so
stand urplötzlich, wie aus dem Felsen selbst herausgesprungen, eine
menschliche Gestalt vor uns -- -- es war der Gouverneur von Scoglio
Stipansko.
Rohe Sandalen an den Füssen, blaue Beinkleider, die an den Hüften mit
einer rothwollenen Schärpe befestigt waren, und ein +weisses+ Hemd
sowie ein Strohhut waren seine Bekleidung. Ein wettergebräuntes Gesicht
mit einem Paar hellgrauer, finsterblickender und fernsehender Augen,
das von tausend feinen Runzeln gefurcht war, blickte uns trotzig und
ruhig an. Seine linke Hand hielt das Rohr einer langen Flinte umspannt.
Der Felsen hinter ihm zeigte eine tiefe Kluft, eine Art Höhle. Ueber
den Eingang derselben und den oberen Theil des Felsenblockes, der
sich an die Wand lehnt, waren knorrige Baumäste und einige alte Ruder
geschichtet. Darüber lag Reisig mit trockenem Laub, dann eine Lage
getrockneter Seealgen. Auf dem Ganzen ruhten schwere Steine. Thür war
keine vorhanden. Das war die Residenz. Und der Mann, der, auf die alte,
lange Flinte gestützt, vor deren Eingang stand, war Joso Grancic, der
Gouverneur von Scoglio Stipansko.
Nur Gouverneur? Nein, mehr als das, einziger unumschränkter Gebieter
über Alles, was da lebt und webt auf dem Scoglio -- nicht ausser,
aber über dem Gesetze -- nur gebietend, aber Niemandem gehorchend: so
waltete Joso Grancic vom Mai bis October jeden Jahres auf dem Scoglio,
fernab vom Getriebe der Menschen -- nur zwei Stunden von der nächsten
dalmatinischen Insel entfernt und doch so einsam, als wäre er auf einem
Korallenriffe der Südsee.
Ob er immer so allein gewesen? Nein, wir hörten es später, wer ihm
Gesellschaft geleistet. Wir hörten auch, warum er jetzt allein war.
Sein Tschibuk trug die Schuld, nicht er.
Der Abend war herangebrochen und der Sturm kam vom Osten her über die
Wogen geflogen, so dass sie sich mit weissem Gischte krönten und wild
anbrausten an die Felsen. Die zwei mageren Kühe, die Schafe und die
Ziegen hatten sich unter die überhängenden Felswände geflüchtet vor dem
strömenden Regen.
Wir hatten unser mitgebrachtes Nachtmal eingenommen. In der Höhle
hatten wir aus dem Segel und einigen Decken ein Nachtlager für die
beiden Frauen bereitet, auf welchem sie, ermüdet von der frischen
Seeluft, süss und ruhig schliefen. Wir Männer sassen unter dem
Vordache der Hütte zwischen dem Felsenblocke und der Steinwand um ein
kleines Feuer aus Kohlen und trockenem Ginster im Kreise. Wir hatten
köstlichen Wein aus Solta und den wunderbarsten Tabak, der nur je über
die bosnisch-dalmatinische Grenze geschwärzt wurde. Und da wir gut
genachtmalt hatten, so ging uns nichts ab zum traulichen Gespräche am
gastlichen Feuer. So mögen die Flüchtlinge aus Troja, so der kluge
Ulysses mit seinen Gefährten am Feuer gesessen sein, des Tages Müh' und
der fremden Umgebung Eigenart besprechend. Nur fehlte jenen der Tabak.
Jose Grancic war gastfreundlich wie alle Dalmatiner. Er hatte uns zu
Ehren ein Lamm schlachten wollen, was wir aber nicht zugaben. Und
so hatte er wenigstens frischen Käse und Milch und Polenta zu dem
gemeinschaftlichen Nachtmal beigesteuert und sass jetzt, langsam seinen
Wein schlürfend und den Tschibuk in der Linken, mit unterschlagenen
Beinen bei uns am Feuer.
Anfangs war Jose Grancic einsilbig und trocken. Er sprach so selten
mit Menschen, da musste er das Reden schier verlernt haben. Dann aber
löste ihm der feurige Soltaner Wein die Zunge und er erzählte uns wie
es gekommen, dass er jetzt allein sei auf dem Scoglio Stipansko und wie
er's früher nicht gewesen.
Ganz im Anfang war er allerdings auch allein. Denn er war noch nicht
fünfzehn Jahr alt, als ihn sein Vater zu Beginn des Frühlings mit dem
Vieh nach dem Scoglio sendete, wo er den Sommer über blieb. Die Höhle
hatte er vor vierzig Jahren auszumeisseln begonnen und auch das Vordach
vor derselben war sein Werk. Auch die kleinen Cisternen hatte er in den
felsigen Grund gegraben, die ihm und seinem Vieh Wasser lieferten.
[Illustration: Joso Grancic, der Gouverneur von Scoglio Stipansko.]
Drüben auf der Ostseite hatte er so manchen Spalt des Gesteins langsam
und mühselig urbar gemacht. Die Erde hatte er mit den Händen aus den
Felsritzen gescharrt und auf seinem Rücken zusammengetragen. Darum ist
es +sein+ Kohl und +sein+ Gemüse, das er jetzt baut. Auch eine Rebe,
eine einzige, war ihm gelungen, zu ziehen. Diese hat ihre Wurzeln in
den Stein getrieben und ist im Verlauf der Jahre ein mächtiger Baum
geworden, der eine ganze Felswand überdacht. Darum ist es +seine+
Rebe. Früher waren Vipern auf dem Scoglio in schwerer Menge. Eine hat
ihn einmal in den Fuss gebissen. Er hat sich aber die Wunde mit einem
glühenden Eisennagel ausgebrannt und ist genesen. Heute ist dieses
Gezücht auf dem Scoglio nicht mehr zu finden. Er hat es ausgerottet. In
vierzig Jahren!
Vor beiläufig dreissig Jahren -- er weiss es nicht ganz genau -- hatte
Jose Grancic geheiratet. Die Luce (Lucia) war ein ganz armes Bauernkind
aus Milna auf der Insel Brazza. Der Vater des Jose hat aber einmal dem
Vater der Luce das Leben gerettet, als der Letztere in seinem Boote auf
dem Canale dei Castelli umschlug und dem Ertrinken nahe war. Damals
hatten die beiden vereinbart, dass ihre Kinder sich einmal heiraten
sollten. Das geschah. Die Luce war sehr schön und unter den Burschen
von Milna waren viele, die sie gerne zur Frau genommen hätten. Da war
auch der Andre Lovric, der sie zur Frau begehrte. Weil die Väter es
aber so abgemacht hatten, so heiratete der Jose die Luce.
Schlimm genug, denn sie hatten Beide Nichts. Aber der Jose war doch
zufrieden, denn die Luce war sehr schön, er konnte sie mit sich nehmen,
wenn er, wie alljährlich, den Scoglio Stipansko mit seinem Vieh bezog,
und sie konnte ihm die gröbere Arbeit abnehmen. Denn wozu sonst hat man
eine Frau?
Von da ab fuhren der Jose und die Luce abwechselnd mit dem fertigen
Käse nach Solta. Denn es gibt keine Frau auf den dalmatinischen Inseln,
die im Nothfalle nicht ein Segel zu stellen und das Steuerruder zu
führen wüsste.
Nun war aber wieder einmal der Jose gefahren. Nicht nach Solta, sondern
diesmal viel weiter, nach Spalato. Er musste dort bei Gericht als Zeuge
erscheinen wegen eines Messerstiches, den zur Winterszeit ein Matrose
in Solta einem Bauer in Jose's Gegenwart versetzt hatte.
In Spalato wurde er aufgehalten. »Bis Morgen« -- hiess es bei Gericht.
Dann noch einmal »bis Morgen.« Und dazu hatte er in Spalato den Andre
Lovric gesehen, der die Luce hatte heiraten wollen! Aber nur am ersten
Tage sah er ihn, dann nicht wieder.
Endlich war er fertig. Er konnte nach Hause fahren. Er kaufte der Luce
ein Paar hübsche messingene Knöpfe für ihr Jäckchen und überdies eine
Flasche Branntwein. Dann bestieg er sein Boot und fuhr wohlgemuth gegen
Scoglio Stipansko.
Der Wind war günstig und in fünf Stunden konnte er zu Hause sein bei
der Luce. Da kam aber ein Wetter wie heute; der Sturm überfiel ihn
zwischen Brazza und Solta und er musste froh sein, noch mit heiler
Haut auf Solta landen zu können. Des andern Morgens fuhr er wieder ab,
hungrig und müde, denn er hatte nichts als ein Stück kalter Polenta und
die Flasche Branntwein. Und als er gegen Scoglio Stipansko herankam,
wer fuhr da in einem Boote, kaum zweihundert Klafter entfernt, an ihm
vorüber? War es nicht der Andre Lovric, der die Luce hatte heiraten
wollen? Und kam der nicht geradewegs von Scoglio Stipansko -- -- --?
Jose hat auf den Andre nicht geschossen, weil es zu weit war und keine
Kugel auf zweihundert Klafter trägt. Er ist nach Hause gekommen und
hat die Luce gefragt, ob der Andre da gewesen. Die Luce ist zuerst
glühend roth, dann leichenblass geworden. Er hat ihr nichts gethan.
Er hat sie nicht angerührt. Denn er fürchtete, sie zu tödten, und er
brauchte ein Weib. Aber aus der Hütte hat er sie gejagt und von dem
Augenblicke an musste sie im Freien schlafen -- bei jedem Wetter -- wie
das Vieh. Auch hat er sie gar nicht mehr geschont und hat sie ganz als
Lastthier benützt. War sie nicht sein Weib?
Einmal aber, als schon der Spätherbst herangekommen war, zog ein
furchtbares Gewitter herauf, welches das Meer in den Tiefen aufwühlte
und die brüllenden Wogen gegen die Felsen warf. Es war Nacht geworden
und das Vieh hatte sich, zitternd vor Kälte und Nässe, an die Felswände
gedrängt. Auch die Luce. Der Jose sass in seiner Hütte bei einem
kleinen Feuer und brütete vor sich hin. Da fiel ihm ein, dass er droben
auf dem Felsen, der so jäh gegen Süden in's Meer abfällt, seinen
Tschibuk habe liegen gelassen. Ohne Tschibuk konnte er aber nicht
rauchen. Und so rief er hinaus in die finstere Nacht, in den brüllenden
Sturm und den strömenden Regen nach der Luce. Diese kam, gehorsam wie
immer, zitternd vor Kälte und durchnässt vom Regen. Und er befahl
ihr, von der Felsenspitze, die sie gut kannte, ihm seinen Tschibuk zu
bringen.
[Illustration: Luce und Joso Grancic.]
Gehorsam war die Luce, das ist wahr, aber diesmal wurde sie blass wie
der Tod als sie den Befehl vernahm, und schlug ein Kreuz, ehe sie
ging.
Sie ist nicht mehr wiedergekommen und auch der Tschibuk blieb verloren,
sie muss ihn gefunden haben und mit demselben hinabgestürzt sein in's
Meer.
Damals hat Jose zehn Tage lang nicht rauchen können, bis er wieder mit
Käse nach Solta fuhr und sich dort einen neuen Tschibuk kaufte.
Und seit jener Zeit ist er allein auf dem Scoglio Stipansko,
unumschränkter Herr und Gebieter über Alles, was dort lebt und webt.
Unser Feuer war ausgebrannt und durch die zerrissenen sturmgepeitschten
Wolken warf der Mond sein bleiches Licht auf das Vordach der Hütte
und auf das harte wettergebräunte Gesicht des Gouverneurs von Scoglio
Stipansko.
Wie die Agave zum Blühen kam.
»Caro Renzo! Ti volevo da molto tempo scrivere, ma credo, che non mi
ami più. Sai, che ho a dirti, che t'amo molto. Non so più che mandarti
mille baci arditi. Addio, Renzo, per sempre addio! L'ora s'affretta pel
partir mio. Tua affettissima Pierina.
Vigilia del Natale del 1874.«
Das Italienisch, in welchem dieser Brief geschrieben, ist weder
classisch noch elegant. Auch hätte es seine Schwierigkeiten gehabt, das
Schreiben der Post zur Beförderung zu übergeben, denn die obigen Zeilen
waren auf dem Blatte einer Agave eingeritzt, das, beinahe einen Fuss
breit und gegen vier Fuss lang, in einem prangenden Wust von ähnlichen
Blättern halb verborgen, auf einer steinigen Uferklippe der Insel
Lesina in die erbarmungslos heisse Luft hineinragte. Die Blätter waren
aber alle trotz ihres fleischigen Baues und der kräftigen Stacheln, mit
denen sie bewehrt waren, schlapp und welk. Warum? Weil die Agave, zu
welcher sie gehörten, im vorigen Jahre geblüht hatte.
Und wenn eine Agave geblüht hat, dann stirbt sie.
Die Pierina war nichts weniger als eine Morlakin. Auch keine Bäuerin.
An den Küsten Dalmatiens und auf den grösseren zu Dalmatien gehörigen
Inseln findet man allenthalben Städte, die, wenn auch jetzt verwahrlost
und zerfallen, doch noch in ihrem Aeussern das Bild der einstigen
Bedeutung bieten, die sie unter den früheren Besitzern des Landes
gehabt. So die Stadt Lesina. Ein prächtiges Rathhaus, in venezianischem
Style erbaut, öffnet seine weiten Säle den Sitzungen des jetzigen
Gemeinderathes. Eine wunderschöne Loggia blickt arcadengeschmückt
hinaus über den freundlichen Hafen und das unendliche Meer. Heute nennt
man die Loggia Curhaus. Es sind aber keine Curgäste darinnen, sondern
nur hin und wieder ein ehrsamer Bewohner der Stadt Lesina, der seinen
wohlfeilen schwarzen Kaffee dort nimmt. Ein Winterhafen, bestehend in
einem riesigen, gewölbten, ebenerdigen Saale, in welchen die Galeeren
der Venezianer zur Winterszeit einfuhren um dort vor Wind und Wetter
und Piraten gesichert zu sein, ist heute gegen das Meer abgedämmt und
auf seinem steinernen Estrich werden Sardellen in Fässer verpackt. Von
den prächtigen Marmorpalästen, welche die eigentliche Stadt bildend
einst den venezianischen Patrizierfamilien gehörten, stehen kaum mehr
die äussern Mauern. Drinnen in dem kahlen Raume hat Mutter Natur sich's
bequem gemacht, -- dort wuchern jetzt Feige, Lorbeer und Rebe, und
durch das Gitter der arabeskengeschmückten Rundbogenfenster blickt
vielleicht eine Ziege heraus, neugierig die Aussenwelt betrachtend und
gemächlich wiederkäuend.
Und wie die Häuser, so die Menschen. Die aufgezwungene Zopf-Cultur
der Republik Venedig hat mit dem Falle der letzteren auch ihre
Lebensfähigkeit verloren. Der äussere Schliff ist geblieben,
die venezianische Sprache, die höflichen Umgangsformen. Aber in
Wirklichkeit sind die Menschen wieder zur Natur zurückgekehrt. Die
Männer trocknen Feigen, fischen Sardellen und pflegen ihre Weingärten
so gut sie es vermögen. Und die Weiber wissen sich hübsch zu verbeugen,
kleiden sich städtisch, haben flammende venezianische Augen und können
meistens etwas schreiben und lesen. Sonst schaffen sie im Hause und
verfertigen hin und wieder reizende Netzarbeiten aus den Fasern der
Agave. Sie leben -- Männer und Weiber -- ausserordentlich mässig und
begnügen sich mit Allem. +Alles+ will hier so viel heissen als: sehr
wenig.