ein ordentliches Morlakenkind wird nicht der Mutterbrust entwöhnt, ehe
es sieben Jahre alt ist. Der Antune aber ist ein Mann, er hat aus der
fünf Fuss langen Flinte seines Vaters auf Hasen und Schnepfen schon
mehr Pulver verschossen, als Andere von seinem Alter gesehen; er hat
selbst und ganz allein schon einen Hammel geschlachtet; er wusste den
schweren Holzsattel auf das alte Pferd zu legen und war mehr als einmal
mit einem halben Dutzend Hühner am Sattel und einem Fluch auf der
Zunge, -- so oft nämlich der magere Gaul stolperte, -- auf den Markt
nach Sign geritten. Vor Allem ist er jetzt Hausherr und Familienvater.
Mit dem erhebenden Bewusstsein des Besitzes ist aber auch die Sorge
bei ihm eingezogen, denn gegenwärtig hat er nichts zu rauchen und sein
Bruder nichts zu trinken; die fünf Schuh lange Flinte, seinen Stolz,
haben die Gendarmen mitgenommen, und mit der Flinte den Vater und mit
dem Vater die Mutter.
Dass die amtliche Wiener-Zeitung eines schönen Tages unter den von
der Rinderpest heimgesuchten Bezirken auch jenen aufgeführt hatte,
in welchem die halbverfallene Hütte des Grgur Staricic steht, war
Letzterem ein Geheimniss geblieben, denn eine Zeitung und eine
Eisenbahn waren Dinge, deren Dasein er bis jetzt nicht einmal ahnte.
Ausserdem stand in gut gemessenem Umkreise von einer Stunde kein Haus
in der Nähe des seinigen und da konnte Grgur Staricic nicht viel
mit Nachbarn verkehren, die ihm die Neuigkeit von der Rinderpest
mitgetheilt hätten. Da war aber eines schönen Tages der Harambascha[43]
gekommen und hatte sich zu dem Feuer gesetzt, das mitten in der
Hütte am Boden flackerte. Der hatte ihm von Dem und Jenem erzählt,
wie nämlich die Zeiten so schlecht und die Polenta immer seltener
würde, wie aus dem nahen Bosnien herüber Räuber gekommen und eine
Caravane ausgeraubt hätten, die gegen Spalato gezogen, wie der Herr
Steuereinnehmer so viele Leute pfänden lasse, trotzdem im Bezirke seit
Monaten die Hungersnoth herrsche und schliesslich wie allenthalben eine
böse Krankheit das Vieh befalle und viele Bekannte um ihren ganzen
Viehstand gekommen seien. Darauf hatte der Grgur entgegnet, wie es ihm
auch nicht besser ginge, wie er vor vierzehn Tage seinen lahmen Gaul
und die letzten zwei Schafe verkauft habe und nichts mehr hätte als
die einzige Kuh. Bei diesen Worten hatte sein Weib, die Mande[44],
die bisher spinnend im Winkel gesessen, aufgeseufzt und die Bemerkung
hingeworfen, dass die Kuh seit zwei Tagen nicht mehr fressen wolle und
wohl krank sein müsse. Ja, -- krank, und unser Herrgott besser's.
[43] Ortsvorstand.
[44] Magdalena.
Grgur Staricic war aber ein guter Hausvater und hielt etwas auf Schick
und Sitte. Darum rief er seinem Weibe, das sich unterstanden hatte, in
Gegenwart von Männern zu sprechen, einen Fluch zu. Das hinderte jedoch
nicht, dass er und der Harambascha hinausgingen zu der kranken Kuh,
die hinter der Thür auf dem Boden lag. Und da hatte der Harambascha,
der, ein sehr gescheidter Mann, sogar ein Mittel wider Schlangenbiss
und Fieber wusste, gesagt, die Kuh hätte die Rinderpest und müsse
erschlagen und verscharrt werden. Darüber aber ergrimmte der Grgur und
schwor, er werde den Harambascha niederschiessen, wenn er ihn oder
seine Kuh noch einmal verunglimpfe.
Nun, der Harambascha fluchte auch nicht wenig und ging fort, indem er
seine Flinte über die Schulter warf und im Fortgehen dem Grgur einen
bösen Blick zusendete. Und Tags darauf kam eine ganze Cavalcade, ein
Beamter in Uniform, der Bezirksarzt und der Gerichtsdiener zu Pferde,
dann zwei Gendarmen zu Fuss. Die untersuchten die Kuh und fanden sie
erkrankt; der Grgur musste sie selbst schlachten und dann eine tiefe
Grube graben, wobei ihm Mande und der Antune getreulich, aber grollend
halfen. Da hinein wurde der Cadaver geworfen, Erde darüber gestampft
und der Grgur dafür verantwortlich gemacht, dass Niemand die verpestete
Grube öffne. Dann ging die Commission wie sie gekommen war.
Es war aber Weihnachten und Neujahr vor der Thür, die heilige Zeit,
die sich in Dalmatien nicht in dem hellen schneeschimmernden Kleide
zeigt, wie bei uns zu Hause. Wenn im Norden der Winter über die Flur
streicht und die Nebelflocken hinfegen über die kalte Erde, dann
schleicht oft ein zweiter falscher Frühling über die steingepanzerten
Dalmatiner Berge. Die Sonne steigt dann glanzvoll aus dem feinen
duftigblauen Nebel, den die Nacht über Berg und Thal gebreitet,
und giesst in verschwenderischer Pracht ihre funkelnden Lichter
über das gelbschimmernde Gestein. Wo den langen Sommer über die
brennend heissen, kaum je vom Regen genetzten Felsen in kahler Dürre
starrten, da locken jetzt die täglichen Niederschläge und die im Boden
haftende Wärme eine späte Vegetation hervor, das Trugbild eines rasch
vorübergleitenden Frühlings.
Für den Morlaken sind das prächtige Tage. Er kann sein Vieh auf die
zerklüfteten Bergabhänge treiben, wo es nach Monaten wieder frisches
Futter findet; er kann sich faul hinauslegen vor seine Hütte mit dem
Pfeifenstummel im Munde, während sein Weib, das beste Lastthier, das
er besitzt, verkümmertes Reisig einsammelt für den Winterbedarf; hin
und wieder gelingt es ihm auch, eine Gans, oder eine Ente oder sonst
einen Zugvogel zu erlegen, der über die steinerne Wildniss gegen den
Süden streicht, und Trinkwasser, das sein Weib den Sommer über aus
einer zwei Stunden weit entfernten Pfütze nach Hause schleppen musste,
das findet er und sein Vieh jetzt im Ueberfluss. In der Hütte stehen
auf einem hohen Verschlage, -- damit die genäschigen Ziegen nicht dazu
gelangen, -- ein Paar Säcke mit Moorhirse und Mais, sein Brod für den
Winter; mit dem Gelde, das er für einen Hammel erhalten, hat er die
Steuern gezahlt; einige Ziegen und Schafe, vielleicht auch ein Schwein,
theilen mit ihm das schützende Dach seiner Hütte und schützen ihn und
die Seinigen den Winter über vor Hunger.
Freilich stört dann die eisige Bora manchmal sein Stillleben, wenn sie
durch die nackten Gebirgsschluchten einherbraust und in wenigen Stunden
das trügerisch hervorgelockte Frühlingsbild verscheucht. Dann wickelt
der Morlake sich in seinen braunen Mantel und streckt sich, so lang er
ist, neben dem Feuer aus, das mitten in der Hütte brennt. Die Pfeife
im Munde überlässt er sich dann träumerischem Behagen und denkt an die
nahenden Weihnachten. Vielleicht gestattet er dann auch seinem Weibe,
wenn es von der Holzsuche oder mit dem gefüllten Wassereimer auf dem
Rücken halberstarrt in die Hütte tritt, sich neben ihm zum Feuer zu
hocken und die erstarrten Glieder zu wärmen -- +vielleicht+, denn das
Weib ist dem Morlaken ein tief unter ihm stehendes Geschöpf, dem es
+nie+ gestattet ist seinen Platz am Tische und nur selten das wärmende
Feuer mit ihm zu theilen.
Dieses Jahr hatte sich aber gar schlecht angelassen für die Morlaken
auf weit und breit in der Runde. Der Harambascha hatte Recht gehabt
und Grgur Staricic wusste es, ehe der Harambascha es ihm erzählte,
dass kein Mais und kein Moorhirse in den Hütten zu finden sei, dass die
Schafe und Ziegen schon vor Monaten auf den Markt wandern mussten, dass
ihm das Mehl für den Winter und das Saatkorn für das Frühjahr fehle,
und dass es ihm ganz verteufelt schlecht gehen werde. Und die Festtage
waren vor der Thüre! Festtage ohne Schafbraten, ohne Wein und ohne
Schnaps, die ihm doch sonst niemals gemangelt!
Kein Braten, kein Wein, kein Branntwein, kein Pulver mehr im Hause
und keinen Tabak im Beutel -- aber hundert Schritte hinter dem Hause
die frisch vergrabene Kuh. Grgur Staricic versteht es besser als der
Prätor, der Bezirksarzt und alle diese Herren miteinander. Darum
rief er der Mande und ging hin zur frisch gefüllten Grube. Die Mande
schleppte zwei Spaten herbei und dann gruben die Zwei, bis der Cadaver
wieder an's Tageslicht kam. Der wurde zerstückt in's Haus geschleppt.
Braten, guten frischen Braten, hätten sie jetzt in Hülle und Fülle --
wenn nicht gerade während der Arbeit wieder die leidigen Gendarmen
gekommen wären, die gar wohl ihre Leute kennen mochten.
Da war aber der Grgur Staricic wild aufgefahren und hatte sich mit
der Hacke zur Wehre gesetzt als die Gendarmen ihm seinen Festbraten
nehmen wollten; und als sie ihn überwunden, da feuerte die Mande aus
der Hütte auf die Gendarmen -- zum Glück, ohne sie zu treffen, denn die
Kugel durchlöcherte nur des Einen Mantel. Darum hatten die Gendarmen
den Grgur Staricic mit einem soliden Handeisen an die theure Mande
gefesselt, die Flinte mitgenommen und alle Drei, den Grgur, die Mande
und die Flinte dem nächsten Bezirksgerichte übergeben.
Das ist die Ursache, warum der Antune jetzt Hausherr und Familienvater
ist und der Ilia nichts zu trinken hat. Damit er und sein Bruder zu
essen hätten, bequemte er sich, die Schafe des Pfarrers, der nur
eine Stunde entfernt wohnte, zur Weide zu treiben. Da konnte der
Ilia bei ihm bleiben. Des Nachts schliefen sie im Schafstalle, des
Morgens bekamen sie Jeder ein grosses Stück Maisbrod mit auf den Weg
und Abends fehlte es auch nicht an einem Bissen. Und dabei konnte er
hin und wieder in seiner Hütte nachsehen. Es war zwar nichts da, das
fortgenommen werden konnte, aber das Bewusstsein der Verantwortlichkeit
machte sich doch geltend.
Weil das Wetter so schön und die Luft so lau, hatte er heute, am
Weihnachtsabende, seine Schafe weit hinausgetrieben über die steinige
Wüste. Dort sprosst junges Gras aus den Steinritzen, dort grünt noch
ein oder das andere Blatt an einsam stehenden verkrüppelten Bäumen und
Sträuchern, dort sitzt er auch sonst gerne mit dem Ilia, weil er den
ganzen Tag über keines Menschen ansichtig wird und nachbrüten kann über
das ihm unbekannte Schicksal des Vaters und der Mutter. Er denkt auch
gerne daran, wie er an den Gendarmen sich rächen könne, aber früher
müssen Vater, Mutter und Flinte wieder in der halbverfallenen Hütte
sein.
[Illustration: Die Hirtenknaben am Weihnachtsabend.]
Halt! Was war das? Ein dröhnendes Pfeifen tönt aus der Schlucht
die jene beiden Felsen trennt -- ein Rauschen folgt nach, als ob
Millionen von kleinen Steinchen gegen den Felsboden geworfen würden
-- die Schafe, die weit zerstreut ihre magere Atzung suchten, drängen
sich herbei gegen die schützende Felswand und ein eisigkalter Luftstrom
braust über den Felsboden hin durch die grün und roth ausgenähte Jacke
des Antune und durch das Hemd des Ilia.
Die Bora ist's, die Bora, wie man sie nur in Dalmatiens felsigen Bergen
kennt, wo sie plötzlich hereinbricht mit Riesenkraft und Donnergeheul,
wo sie Bäume entwurzelt, Felsstücke hinabrollt über die Berge, Hütten
wegfegt und das kletternde Vieh hinabstürzt in gähnende Gründe. Die
Bora ist's mit ihrem eisigen Hauch, der in wenigen Stunden die jungen
Triebe, die ein falscher Frühling hervorgelockt, farblos hinlegt auf
den Boden als wenn sie verbrannt wären und glitzernde Eiskrystalle über
Berg und Thal zaubert.
Jetzt nach Hause treiben? Nein -- das thut der Antune nicht -- denn er
ist ein Mann und weiss, dass ihm seine Schafe hinabgefegt würden über
den Berg wie die Strohhalme. Er weiss auch, dass er vor fünf Stunden
nicht nach Hause käme, während die Sonne in zwei Stunden bereits hinter
den Berg sinken müsse. Er thut Besseres: er wälzt Steine zusammen gegen
die Felswand, die ihm den Rücken wider die Bora schützt.
Ein Haus kann er flugs nicht bauen, aber eine kleine Cyklopenmauer
kann er aufführen von ungefügen Steinen und sich auf diese Weise gegen
zwei Seiten hin schützen. Das thut er auch mit festverbissenen Zähnen,
ohne ein Wort zu sprechen. Der Ilia hilft ihm weinend. Dann treiben
sie die Schafe näher zusammen und als die Sonne zu Rüste geht, setzen
sie sich hin, Antune an die Felswand gelehnt und den Ilia mit beiden
Armen umfangend. Früher hat er dem Ilia seine Jacke angezogen. Er und
Ilia haben zwei Schafe bei ihrem Vliess gepackt und enger an sich
herangezogen. Dann geht die Sonne unter. Dann brüllt die Bora und mit
ihr zieht Frost und der heilige Abend in das Land. Antune und Ilia
drückten sich enger zusammen.
Sie schlafen. Ob der Antune von der Rache träumte, die er an den
Gendarmen nehmen will? oder der siebenjährige Ilia von der Muttermilch,
die er so schmerzlich entbehrt? Das hat man nie erfahren.
Am Christtage fand man die Schafe noch immer zitternd zusammengedrängt
unter der Felswand, die Hirten aber schliefen für immer.
Die streitbaren Bocchesen.
Der heilige Tryphon ist ein grosser Heiliger, war aber auch ein
wehrhafter und tüchtiger Mann: er hat seinerzeit dem Teufel den Schwanz
ausgerissen.
Jedenfalls steht es fest, dass man die sonderbarsten Heiligen der Welt
in Dalmatien findet. Nicht in dem Sinne, in welchem man gewöhnlich
den Ausdruck »sonderbarer Heiliger« gebraucht, sondern weil es in
Dalmatien Heilige gibt, deren Namen kein Mensch kennt, der nicht
die neununddreissig Quartbände der Bolandisten durchgelesen, oder
Dalmatien seine Heimat nennt. Ein in ganz Dalmatien hochverehrter
Heiliger ist der heilige Dojmo: ausser Dalmatien unbekannt -- der
Specialschutzheilige der Stadt und des Gebietes Cattaro ist der heilige
Tryphon -- nicht einmal in ganz Dalmatien, geschweige denn über
dasselbe hinaus bekannt.
Wenn man die lange eintönige Kette hoher, grösstentheils schroff
aufsteigender und unbewaldeter Berge vorüberfährt, welche das unter
dem Namen Bocca di Cattaro bekannte Gewirr von Buchten, Meerengen und
Canälen zu beiden Seiten begleiten, so findet das Auge gleichwohl
schöne, grünschimmernde Ruhepunkte. An beiden Ufern schwingen sich
in den kleinen Raum, der zwischen dem Fusse der mächtigen Berge und
dem Meeresufer frei geblieben, anmuthige Ortschaften mit netten
weissglänzenden Gebäuden; dazwischen sind Gärtchen zerstreut, rings
herum ein Anflug von Grün auf dem Bergesabhang oder gar eine schöne
üppige Vegetation, wie bei Castelnuovo. Die Häuser stehen meistens
hart am Meere, deren Eigenthümer sind Schiffscapitäne, die gar oft mit
dem eigenen Schiffe bis vor ihr Hausthor fahren und, von weiter Fahrt
heimkehrend, nur einen Sprung vom Verdecke auf das Land zu machen
brauchen, um Weib und Kinder zu umarmen.
In dem gegen Süden laufenden eigentlichen Canal von Cattaro ist das
am östlichen Ufer liegende Dobrota der letzte Ort, der den erwähnten
anmuthigen Eindruck macht. Dann erweitert sich der Canal zu einer
Bucht, die keine weitere Ausfahrt bietet. Die Berge werden höher und
schroffer, sie fallen so jäh ab, dass man jeden Augenblick fürchten
möchte, einer der mächtigen Felsblöcke werde herabkollern und im
Niedersturze ein Häuschen begraben, das am Meeresufer steht, oder ein
im Canal hinauffahrendes Schiff zerschmettern. Die Farbe des Gesteins
wird schwarzgrau, tiefe Schatten breiten sich über die Bucht, in
welcher des Winters erst zwei Stunden vor Mittag die Sonne aufgeht;
riesige Felskuppen spiegeln sich in der dunklen Fluth -- es sind die
Spitzen der berühmten schwarzen Berge -- montenegrinisches Gebiet.
Am Ende dieser unheimlich düstern Bucht liegt eine kleine Masse von
dunklen alterthümlichen Häusern, von alten Festungsmauern umgeben, von
einem auf vorspringender Kuppe des Felsens erbauten Fort überragt -- es
ist Cattaro.
Düster wie das Meer und die dasselbe umrahmenden Berge ist die
Stadt -- düster die alten aus Quadern erbauten Häuser -- düster
die alterthümlichen, vielfach von Erdbeben beschädigten Kirchen --
düster die Menschen, die hier wohnen. Und so mag es denn auch nicht
Wunder nehmen, wenn sich die Cattareser einen so düstern Heiligen zum
Schutzpatron erkoren haben, wie es der heilige Tryphon ist, den in
der ganzen übrigen Welt Niemand kennt, und der dem Teufel den Schwanz
ausgerissen hat.
In der uralten Domkirche, die um das Jahr 900 erbaut wurde, und deren
ganze mächtige Wölbung auf vier Granit- und Marmorsäulen ruht, zeigt
ein ober dem Hochaltar angebrachtes Marmorfries die Thaten des Kirchen-
und Schutzpatrons. Der heilige Tryphon war nach der Legende ein Mensch,
der, zu Kampsade bei Apamea in Phrygien geboren, schon seit seiner
frühesten Jugend sich mit Teufelaustreiben beschäftigte und diese
Beschäftigung auch nicht aufgab, bis er unter dem Kaiser Philippus
von dem Präfecten Aquilinus gemartert und schliesslich geköpft wurde.
In der Schatzkammer der Domkirche sind sehr schöne Marmorsculpturen,
welche des Heiligen Martern darstellen; der erwähnte Fries ober dem
Hochaltar aber zeigt die Wunder des Heiligen, die er an verschiedenen
Besessenen durch Austreibung böser Geister geübt hat -- schliesslich
flieht ein entsetzlich aussehender Teufel mit Fledermausflügeln und
Krallen, während Tryphon ihm eben den Schweif ausreisst.
Ein so tapferer Mann konnte und musste den kriegerischen Bocchesen als
der richtige Heilige erscheinen. Als daher die Venezianer im Jahre 809
seinen Körper nach Cattaro brachten, war das Volk hocherfreut darüber,
erbaute ihm zu Ehren die Kirche und begab sich unter sein Protectorat.
Was aber die pfiffigen Venezianer als Gegenleistung dafür verlangten,
dass sie den heiligen Körper von Nicäa auf einem eigenen Schiffe hieher
geführt, das weiss man heute nicht mehr -- wenigstens konnte ich es
ebensowenig in Erfahrung bringen als den Grund, aus welchem hier
Jedermann mit einem kleinen Arsenal von Waffen im Gürtel herumgeht.
Nicht weniger wehrhaft als die Männer scheinen die Boccheser Frauen zu
sein.
An dem Canale von Cattaro, kaum eine halbe Stunde von dieser Stadt
entfernt, liegt Dobrota, ein grosser, hübscher Ort, grösser und viel
schöner als Cattaro selbst. Jedes Gebäude dieses Orts bildet für sich
eine kleine Festung, ist von den Nachbarhäusern durch einen Garten
und tüchtige mit Schiessscharten versehenen Mauern abgesondert. Die
Eingänge zu diesen Häusern sind gewölbt, die Thüren von massivem Holz
und mit Eisen beschlagen. Neben jeder Hausthüre sind wieder zwei
Schiessscharten und unter jedem Fenster sind durch die Mauer zwei
Löcher von beiläufig zwei Zoll im Durchmesser gebohrt. Ich konnte
lange nicht mit mir in's Reine kommen, welchen Zweck diese ungefähr
einen Fuss ober dem Fussboden des Zimmers angebrachten und schräg
nach abwärts durch die Mauer laufenden dünnen Canäle haben sollten.
Da brachte mir ein günstiges Geschick angenehme Gesellschaft und die
gewünschte Erklärung. Beides zugleich.
Wo die Natur so arm und die Umgebung so wild ist, da kann auch der
Charakter der Bewohner nicht anders als düster sein. Das ist auch in
der Bocca di Cattaro der Fall. Die heitere Beweglichkeit, die hellen
Farben in der Kleidung, das laute, lärmende, öffentliche Leben, Dinge,
die allerwärts den Süden so schön und seine Bewohner so anmuthig
erscheinen lassen, sie fehlen in der Bocca gänzlich. Der richtige
Bocchese ist entweder zur See oder er hat sich auf seinen Seereisen ein
Stück Geld erworben und heimgebracht; dann geht er in dunkler, halb
städtischer, halb slavisch nationaler Kleidung, mit dem langen Tschibuk
in der Hand, gemessenen Schrittes durch die Strassen, sitzt mit seinen
Genossen plaudernd in irgend einem der kleinen Kaffeehäuser oder späht
auf der Marina unter den ankernden Küstenfahrern herum, ob sich nicht
in irgend einer Weise ein vortheilhaftes Geschäft, irgend ein Handel
machen lasse. Sein Weib und seine Tochter aber, die bleiben unter allen
Umständen zu Hause, -- es wäre eine Schande, wenn sie sich auf der
Strasse sehen und von fremden Männern ansehen liessen, eine Schande für
den Herrn des Hauses, für die Weiber, für die Familie. Man ist hier an
der Grenze des Orients.
Zwischen dem Bewohner der Stadt und dem sogenannten Bauer gibt es in
dieser Beziehung wenig oder keinen Unterschied. Beide tragen dieselbe
finstere Würde zur Schau, wenn sie sich auf der Gasse zeigen, -- beide
halten die Arbeit für unvereinbar mit der Würde eines freigebornen
Mannes. »Die Arbeit ist für die Sclaven«, das ist ihr Losungswort.
Leider gibt es in der Bocca di Cattaro keine Sclaven mehr und so bleibt
die Arbeit eben liegen. Es geht auch ohne dem.
Ich hatte in Cattaro die Bekanntschaft eines jungen Schiffscapitäns
gemacht. Der Mann war, so jung er schien, weit herumgekommen in
der Welt und hatte vieles von der trockenen und rauhen Aussenseite
abgeschliffen, die seinen Landsleuten sonst in so hohem Grade eigen
ist. Ja, -- selbst über gewisse Vorurtheile vermochte er sich
hinauszusetzen, denn er sprach mir von seiner Schwester, einem jungen
Mädchen, das nach dem Tode der Aeltern im Hause die Wirthschaft führte.
Er sprach von ihr ohne früher um Entschuldigung zu bitten, als ob er
von einem unreinen oder ekelhaften Gegenstande gesprochen hätte, und
lud mich sogar ein ihn in seinem Hauswesen zu besuchen. Er wohne in
Dobrota, eine halbe Stunde von hier entfernt, und wenn ich wolle, sei
er bereit mich hinauszuführen. Ich willigte ein.
Die Sonne warf eben ihre letzten Strahlen wie flüssiges Gold über
die Kuppen der hohen Berge und der breite Canal kleidete sich in
schwarzblaue Tinten. Kleine Fischerboote fuhren bei kaum merkbarem
Winde hin über die dunkle Fläche und eine tiefe Frühlingsabendstille
senkte sich über die schwarzen Berge und die tiefdunkle See.
Diese feierliche Stille wurde kaum unterbrochen, als wir nach kurzem
Gange nach Dobrota kamen. Dobrota ist nur von Schiffscapitänen
bevölkert. Folge davon ist, dass man in ganz Dobrota kaum eines
erwachsenen Mannes ansichtig wird. Früher erlernten die Dobrotaner die
Führung eines Schiffes nur practisch und konnten selten schreiben und
lesen. Seitdem der Staat aber die Ausstellung eines Capitän-Patents
von dem Erfolge einer theoretischen und practischen Prüfung abhängig
macht, besuchen sämmtliche Jungen die nautische Schule, lernen etwas
Tüchtiges und gehen dann auf die See. Natürlich sind sie immer auf
kleinen Reisen begriffen, schicken Briefe aus New-York, Marseille,
London, St. Francisco, Hongkong und Gott weiss woher sonst noch, aber
nach Dobrota kommen sie alle zwei oder drei Jahre einmal auf wenige
Tage.
Früher traf es sich hin und wieder, dass aus den schwarzen Bergen
herab eine kleine nächtliche Expedition unternommen wurde, um von
den Familien der abwesenden Schiffscapitäne ein wenig von all' den
schönen Sachen, den glänzenden Goldstücken und dem hübschen Geschmeide
zu holen, das die in der Welt herumfahrenden Hausväter heimgesendet
oder gelegentlich mitgebracht hatten. In den Häusern waren nur Weiber
und Kinder, höchstens noch ein Knecht. Wenn nun verdächtiges Gesindel
den Eingang des Nachts erzwingen wollte, so wurden lange Gewehre mit
erweiterter Mündung durch die unter den Fenstern angebrachten Canäle
gesteckt, von welchen ich früher erzählte, und ohne zu zielen einfach
abgefeuert. Denn die Canäle sind so gebohrt, dass immer einer die
Eingangspforte des von Mauerwerk aufgeführten, von der Gasse gegen das
Haus führenden Ganges bestreicht, der andere die Hausthüre selbst.
Wir kamen an das Haus meines Freundes. Ein Knecht öffnete uns
nachdem wir an der Pforte geläutet, und wir schritten einen langen
zwischen zwei hohen Mauern im Zikzak laufenden Gang entlang gegen
das eigentliche Wohngebäude. Der Gang erinnerte einigermassen an
den gedeckten Weg einer Festung und mochte auch ungefähr dieselbe
Bestimmung haben. An der Thüre des Hauses abermaliges Läuten, darauf
eilende Schritte von Innen, -- die Thüre öffnete sich und vor uns stand
die Schwester meines Freundes.
Ein schönes, schlankes Mädchen mit prachtvollen dunkeln Augen und
reichem schwarzen Haare, stand sie in einfachem schwarzen Kleide unter
der Thüre und wurde nicht im mindesten verlegen, als ihr Bruder uns
einander vorstellte. Ja, sie bot mir die Hand mit der einfachen und
unbewussten Eleganz einer Weltdame und übernahm es augenblicklich mir
Garten und Haus zu zeigen, während der Bruder einige alte Prachtwaffen
herbeiholte, von denen er mir früher schon gesprochen hatte.