Ein Dutzend in rothe, goldgestickte Jacken und blaue Pumphosen

gekleidete Gestalten, von denen jede eine Kienfackel schwang, empfing

uns vor einem thurmähnlichen Gebäude, dessen unterstes Geschoss dem

Geruche nach einen Pferdestall zu enthalten schien, und geleitete uns

über eine hölzerne, von Aussen angebrachte Treppe in ein vollkommen

kreisrundes Gemach, das von einer in der Mitte desselben aufgehängten

Oellampe und von dem Feuer erleuchtet wurde, welches in einem offenen

Camine flackerte. Vor letzterem kniete ein martialisch aussehender

graubärtiger Türke, -- wie ich später erfuhr, ein ehemaliger türkischer

Gendarm, -- und kochte in einer grossen kupfernen Pfanne Kaffee. Rund

um die roh angeworfene Wand lief ein gegen dieselbe sanft aufsteigender

Bretterboden, der mit grossen Teppichen bedeckt war -- der Dienerschaft

Lagerstätte -- und zahlreiche, wirr durcheinandergeworfene Polster

dienten als Kopfkissen.

Die Diener -- ich zählte deren sechsundzwanzig -- nahmen mir und

ihrem Herrn die Reisekleider ab und präsentirten Jedem von uns einen

Tschibuk. Mahmud Firdus Beg nahm auf zwei übereinandergelegten

Polstern in der Mitte des Zimmers mit untergeschlagenen Beinen Platz

und lud mich mit höchst würdevoller Handbewegung ein, das Gleiche zu

thun. Hierauf credenzte uns der Graubart auf einer grossen silbernen

Untertasse zwei winzige Becher mit schwarzem Kaffee und bediente sodann

ebenso der Reihe nach sämmtliche Diener, welche, nachdem wir uns

gesetzt hatten, mit der grössten Ungenirtheit ihre Tschibuks zur Hand

nahmen und rauchten, als ob sie unter sich wären.

Während ich noch mit Interesse das Gemach, meine Umgebung und die

prächtigen Waffen musterte, die an der Wand hingen, überraschte mich

mein Freund und Gastwirth mit der sehr unangenehmen Bemerkung, dass

es bei ihnen nicht Sitte sei, des Abends etwas anderes als schwarzen

Kaffee zu nehmen, dass er jedoch hoffe, ich werde mir morgen das --

Mittagmahl desto besser schmecken lassen. Das war allerdings ein

sehr windiger Trost für meinen knurrenden Magen, aber ich konnte, um

nicht unhöflich zu erscheinen, nichts anderes thun, als mich in das

Unvermeidliche fügen und sofort mein Schlafgemach aufzusuchen. Mahmud

schritt voran, steckte vor der Thüre seine blossen Füsse wieder in die

gelben Pantoffel, die er draussen stehen gelassen und führte mich mit

ruhig feierlichem Wesen, als ob sich von Augenblick zu Augenblick ein

Prachtgemach meinen erstaunten Blicken darbieten sollte, über eine

zweite wacklige Treppe in einen Raum, der dem inneren Theil einer

Kuppel ähnlich sah und der, wenn er die eine oder andere lückenartige

Oeffnung gehabt hätte, für ein Taubenhaus hätte gehalten werden können.

So aber konnte ich ausser der Thüre, durch die wir eingetreten,

keine Oeffnung bemerken, als die fingerbreiten Risse in den Bretern,

aus denen dieses Denkmal neutürkischer Baukunst gezimmert war, und

durch welche der Regen hereinfliessen sollte, der mich windelweich

durchnässte. Und drum war ich ganz froh und glücklich, als mich des

anderen Tages der frühe Morgengruss meines Freundes Mahmud Firdus Beg

weckte.

Ich sprang auf und folgte der Einladung meines Gastwirthes, im Gelasse

der Diener den Morgenkaffee einzunehmen, der uns wieder von dem

graubärtigen Türken unter Zugabe des obligaten Tschibuks geboten wurde.

Mahmud sagte mir während des Frühstücks in gebrochenem Italienisch --

um von den Dienern nicht verstanden zu werden -- dass seine Frau ihm

aufgetragen, mir Grüsse an meine Frau aufzugeben, und dass sie der

Letzteren vielmals für das Zuckerwerk danke, welches ich ihr in einer

grossen Schachtel, die während unseres Rittes an dem Sattelknopfe des

Pferdes eines der Diener baumelte, mitgebracht hatte.

Unterdessen wieherten die Pferde, die unten vor der Stiege für uns

bereit standen, um einen Ritt durch die Besitzung meines Gastfreundes

zu machen.

Traurig und öde genug war das, was sich meinen Augen bot --

langgestreckte, stundenweit sich ausdehnende Gründe, die nicht

bearbeitet waren und die nicht werden besäet werden, bis eine andere

als die türkische Regierung über das Wohl und Weh jener jungfräulichen

Länder zu entscheiden haben wird -- prächtige Eichenwälder in

ungebrochenem Bestande, in denen hie und da die alten Baumriesen todt

und halbverfault auf dem Boden lagen, während aus ihrem ehrwürdigen

Leibe ganze Generationen jungen Nachwuchses hervorspriessen --

ungeschlachte, elende, halbnackte Bauern, beinahe durchwegs bosnische

Christen (wie ihr Anzug wies), deren Verkommenheit ihnen kaum erlaubt,

dort des Lebens dringendste Nothdurft einzuheimsen, wo der Natur

verschwenderisch ausgestreute Fülle sich ihren blöden Augen bietet --

elende Lehmhütten über die Ebene sparsam zerstreut, in deren jeder

eine ganze Familie mit ihrem Viehstande haust -- über das Ganze die

grauen Regenwolken eines trüben Octobertages, einförmig, schier endlos

ausgespannt über die weite Ebene und durch nichts unterbrochen, als

durch eine unzählbare Menge schwarzer Punkte, -- Falken, die, ruhig an

einer Stelle schwebend ihres Raubes harrten!

Und wie wir so dahinsprengten durch die düstere Landschaft, mein Wirth

auf seinem Rappen mit dem im Winde von seinen Schultern flatternden

dunkelrothen Mantel, ich mit trüben Gedanken die trostlose Wirthschaft

betrachtend und hinter uns ein kleiner affenartig aussehender Mohr auf

unmässig hohem Gaule, da schien es mir selbst beinahe, als ob wir nicht

von Fleisch und Blut wären, sondern als gespenstische Reiter in den

Wind hinein ritten über die unabsehbare, öde Ebene.

Was ich sonst noch im Heim Mahmud Firdus Beg's gesehen, wie wir

gegessen und was wir gesprochen, übergehe ich, um endlich zum

Schnupftuche zurückzukehren und zu berichten, was mit demselben

geschehen ist.

Nun, die Sache verhält sich viel einfacher als meine Leser vielleicht

nach so langer Einleitung voraussetzen mögen. Meine liebe Frau hat mir

acht Kinder geschenkt, unser Herrgott erhalte sie! Die beiden Aeltesten

sind Dalmatiner, haben aber bisher noch Keinem die Nase abgeschnitten;

die späteren sind anderwärts zur Welt gekommen -- Alle aber wurden mit

des Türken Schnupftuch zugedeckt, als man sie zur Taufe trug. Es war

auch das Beste, was man mit dem farbenschillernden Nichts thun konnte,

denn zum Nasenreinigen nach abendländischen Begriffen taugte es einmal

durchaus nicht. Anders freilich ist's bei einem Türken; der benützt die

Hand dort, wo wir ein Schnupftuch brauchen und reinigt sie dann an dem

seidengestickten Gewebe.

Als aber mein achtes Kind zur Taufe getragen war und eine holdselige

und wunderschöne Dame Pathenstelle bei demselben vertreten hatte, da

wickelte ich Mahmud Firdus Beg's Tuch fein säuberlich zusammen, ging

zur schönen Pathin und sprach: »Verehrte, gnädige Frau! Wenn in alten

Zeiten ein Raub- oder anderer Ritter nach langen Kreuz- und Querzügen,

nach so und so vielen Schlachten und Gefechten heimgekehrt war in seine

Burg, da pflegte er wohl Waffen und Rüstzeug zu nehmen und sie vor

irgend einem mehr oder weniger wunderthätigen Gnadenbilde aufzuhängen.

Ich bin kein Ritter und habe weder Waffen noch Rüstzeug -- aber nachdem

bereits mein achtes Kind mit diesem farbenbunten Gewebe auf seinem

ersten Gange zur Kirche verhüllt gewesen, erlaube ich mir, Ihnen Mahmud

Firdus Beg's Schnupftuch zu Füssen zu legen.«

Die holdselige und wunderschöne Dame erröthete ganz prachtvoll und

sagte mir, ich möge meine Frau recht herzlich grüssen. Ihr Lächeln

schwebt mir aber noch heute vor.

Ein Richter in Bosnien.

Es war mir nach und nach eine dunkle Idee aufgedämmert, als ob der

arabische Hengst, der mich in gleichmässigem, langgestrecktem Galop

durch das Thal von Livno trug, viel edler sei als ich selbst. Mein

Begleiter und neuerworbener türkischer Freund Mahmud Firdus Beg hatte

mir wenigstens die letzte halbe Stunde von nichts gesprochen, als von

dem Adel des Thieres unter mir, und Mesrour -- so hiess der edle Hengst

-- hatte jedesmal die Ohren gespitzt so oft er seinen Namen aussprechen

hörte. Mich nahm das, offen gesagt, nicht im mindesten Wunder,

weil es mir bekannt war, dass vorzugsweise in Pferdeställen derlei

genealogisches Selbstgefühl zum Ausdrucke kommt.

Der Octobertag war wunderbar schön. Die Gipfel des hohen, zu unserer

Rechten liegenden Berges Prolog, den ich Tags zuvor überschritten,

waren in leichte Nebelschleier gehüllt, die, ab und zu vom Winde

gehoben und verschoben, sich dann wieder an anderer Stelle über

die Hänge des Berges fein und duftig herabsenkten. Zwischen durch

schimmerte das kräftige Roth und Braun der im Herbstschmucke prangenden

Wälder und durch das struppige Unterholz durch, über das rauhe Gestein

herab sprangen und stürzten kleine Wildbäche, die sich dann in der

breiten grünen Thalsohle sammelten und sie gleich breiten Silberbändern

durchzogen. Dass sie dort tief genug und frisch genug waren, das

hatte ich am vorigen Abende erfahren, als ich, von Sign in Dalmatien

kommend und gegen die Behausung des Mahmud Firdus Beg reitend, eines

dieser Flüsschen zu Pferde passirte und mein Thier plötzlich anfing zu

schwimmen, so dass mir das Wasser bis unter die Arme reichte.

Zu unserer Linken begleitete uns eine andere Kette von Bergen --

ebenfalls Ausläufer der dinarischen Alpen -- die vom Gipfel bis weit

herab in die Ebene mit prachtvollen Wäldern bedeckt sind, und vor uns

dehnte sich das lange Thal, an dessen südlichem Ende Livno, das Ziel

meiner heutigen Reise, lag.

Mahmud Firdus Beg sagte mir, dass der grössere Theil jener Wälder, die

auf dem Berge aus Eichen und Buchen, am Fusse desselben aus Aepfel-,

Kastanien- und Zwetschken-Bäumen bestehen, sein Eigenthum sei. Auch

der Grund und Boden, auf dem wir dahinritten, sei sein Eigenthum. Aber

es trage nicht viel. Er hat wohl im Walde mehrere Brettermühlen durch

einen Croaten bauen lassen und füttere mit dem Ertrage der Obstbäume

grosse Heerden von Schweinen, doch bekäme er für Schweine sowohl als

Bretter sehr wenig Geld, denn in Bosnien kaufe sie Niemand, und bis

sie auf den Markt nach Sign oder Spalato kommen, haben die Kosten des

Transportes den Werth der Waare verzehrt. »Am besten bezahlen sich

noch die Schweine, denn diese kaufen zuweilen auch unsere Giauren --

wenn sie Geld haben,« fügte Mahmud Firdus Beg hinzu, indem er zugleich

feierlich ausspuckte, aber nicht nach der Seite, auf welcher ich ritt,

denn dazu war er zu höflich und dann war ich auch sein Gastfreund.

Vielleicht hatte ihn auch der Anblick der vier Rajahs -- bosnischen

Christen -- welche abseits unseres Weges um ein kleines Feuer sassen

und ganze Maiskolben an demselben brieten, zu dieser symbolischen

Gefühlsäusserung veranlasst. Die Leute standen auf, als wir uns ihnen

näherten, und grüssten demüthigst auf türkische Art, indem sie mit der

rechten Hand Brust, Mund und Stirne berührten. Mahmud Firdus Beg lachte

ihnen hämisch entgegen, liess aber den Gruss unerwidert.

Ich habe mich später erkundigt, woher Mahmud Firdus Beg zu seinem

Reichthum und zu dem Titel Beg, der ja eine Art Adelstitel ist, gelangt

sei. Für Beides hatte man in echt türkischer Anschauungsweise nur Eine

Erklärung: Der Vater des Mahmud Firdus Beg war einst Gouverneur von

Bosnien. Daher der Titel, daher der Reichthum. Er hatte die Rajahs

so lange geschunden und geplagt, bis sie in ihrer Verzweiflung sich

einmal empörten und ihn, wie schon einmal erwähnt, ermordeten. Da ging

der Titel Beg und der Reichthum auf seine beiden Söhne über und so

ward Mahmud Firdus zum Beg und kam in den Besitz all der prachtvollen

Wälder, die sich auf den Hängen der dinarischen Alpen zur Rechten und

Linken hinzogen. Der Boden, auf dem wir ritten, gehörte nicht weniger

dem Mahmud Firdus Beg. Hin und wieder war ein Stückchen desselben

roh bearbeitet und zeigten gelbe Stoppeln oder kleine aus den Wurzeln

getriebene verspätete Pflanzen, dass da Weizen oder Tabak gebaut und

eingeheimst worden war.

Es hat mit dem Bodenbau sein eigenes Bewandtniss in Bosnien. Der Grund

und Boden gehört niemals Jenem, der ihn bebaut. Die Begs -- gewöhnlich

Nachkommen der im siebzehnten Jahrhunderte zum Islam übergetretenen

slavischen Adelsgeschlechter -- haben den Boden durch einfache

Besitznahme, zuweilen auch durch Mord und Raub erworben. Zuweilen

ist das Besitzrecht auch der Preis für den seinerzeit erfolgten

Uebertritt zum Islam. Ein Kataster, ein Grundbuch, eine nachweisbare

oder ersichtliche Besitzgrenze gehören in den Ebenen und auf den

Bergen Bosniens zu den unbekannten Dingen. Der Bauer -- Grieche oder

Katholik, aber immer Slave -- dessen elende Hütte in einer der in den

Berg hineinlaufenden Mulden steht, hat Weib und Kind, aber nichts zu

essen. Darum spannt er, wenn das Frühjahr gekommen, seine Ochsen ein

und bearbeitet ein Stück Land. Das bestellt er mit Getreide oder Tabak

und nährt sich bis zur Ernte kümmerlich von halbwilden Früchten und in

der Asche gebratenen Maiskolben. Vielleicht hat er auch ein Paar Hammel

-- dann gehört er schon zu den Wohlhabenden. Kommt nun die Zeit der

Ernte, so steht es ganz in der Hand des Begs, ob er selbst oder der

Bauer dieselbe heimbringen soll. Vergleicht sich der Bauer mit dem Beg

-- leistet er von der Ernte dem Beg eine Abgabe, die dessen Ansprüchen

genügt, so kann er sich den Rest nach Hause schaffen und hat bei der

ausserordentlichen Fruchtbarkeit des beinahe jungfräulichen Bodens und

bei seiner unglaublichen Mässigkeit die nöthige Atzung bis zum nächsten

Jahre. Gelingt es ihm aber nicht, sich mit dem Beg zu vergleichen, so

erklärt dieser einfach, dass der Grund und Boden sein Eigenthum sei,

dass der verfluchte Giaur ohne jede Erlaubniss denselben bebaut habe

und lässt die Ernte durch seine Diener heimführen. Zuweilen kommen auch

noch andere Verhältnisse mit in's Spiel.

Die bosnischen Türken machen von ihrem Rechte zur Vielweiberei nicht

immer oder nur einen sehr mässigen Gebrauch. Sie sind eben der

Abstammung nach keine Moslems und finden schwer die nöthige echt

orientalische Gelassenheit, die dazu gehört, es mit mehr als +einem+

Weibe auszuhalten. Aber die Bauern, die Giaurs, haben oft hübsche

Weiber und erwachsene Töchter und -- der Beg ist der Herr! Da kommen

oft Meinungsverschiedenheiten vor und ich sollte heute noch eine

kleine Probe davon sehen.

Der österreichische Consular-Agent in Livno war, wie mir bekannt, nach

Mostar gereist und der Mudir, die höchste obrigkeitliche Person in

jener Stadt, hatte mir Tags zuvor durch einen Diener Mahmud Firdus Begs

seinen Gruss entbieten lassen und mich eingeladen, ihn zu besuchen.

Seit mehr als einer halben Stunde schon zeigte sich uns im Süden der

Ebene auf einem Hügel, der wie ein Vorgebirge in dieselbe hineinragte,

das alte zerfallene Castell, um welches herum die Stadt Livno liegt.

Wir mussten einen kleinen Umweg machen, weil gerade vor uns eine

zahlreiche Heerde von riesigen Büffeln weidete, durch welche zu reiten

sehr bedenklich gewesen wäre. Als wir in einem kleinen Halbkreise um

dieselben herum geritten waren, befanden wir uns auch am Fusse der

Anhöhe und unmittelbar vor den ersten erbärmlich gebauten Häusern

der Stadt. Mahmud Firdus Beg stemmte das Pfeifenrohr auf den rechten

Schenkel und stiess seinem Pferde die scharfen tellerartigen Bügel in

die Weichen. Ein Türke reitet nie anders in eine Stadt als im Galop.

Und so sprengten wir denn den mit runden Steinen gepflasterten Weg

im scharfen Galop bergan, dass die Funken stoben und das Pferd eines

unserer Diener elend auf Knie und Nase stürzte, während der Reiter über

den Kopf desselben ein paar Schritte weit bergauf flog.

Vor einem altertümlichen einstöckigen Gebäude machten wir Halt.

Dasselbe war aus Quadern gebaut, hatte im Erdgeschosse auf kurzen

starken Säulen ruhende Laubgänge und war offenbar nicht türkischen

Ursprungs. Es mochte wohl noch aus dem vierzehnten oder fünfzehnten

Jahrhundert stammen, als die Slaven Herren des Landes waren und

italienischer oder deutscher Kunstsinn auch auf ihre Bauten seinen

Einfluss übte. Dass es jetzt in türkischen Händen ist, dafür zeugten

die Rundbogenfenster des ersten Stockwerkes, die zur Hälfte mit roh

behauenen Steinen vermauert waren.

Wir übergaben die Pferde den Dienern und schritten die sehr schmutzige

Wendeltreppe hinan. Vor der Thüre entledigte sich Mahmud Firdus Beg

seiner gelben Reitstiefel, und schritt, ohne anzuklopfen, in das

Zimmer -- mir als einem fremden »Effendi« war es gestattet meine

Fussbekleidung zu behalten.

Ein grosses Gemach mit zwei Thüren und einem breiten Fenster. An der

einen Seite desselben ein hoher schwerer, aus irgend einem schönen

Holze ohne jede Kunstfertigkeit gezimmerter Glaskasten, in welchem

Pistolen, Gewehre, Handjare, dann mit Silber beschlagene Kopfgestelle

für Pferde hingen und der die eine Wand des Zimmers vollständig

einnahm. Längs der anderen drei Wände ein niederer, sanft gegen die

Mauer aufsteigender Bretterverschlag, ähnlich den sogenannten Pritschen

unserer Wachstuben, mit Teppichen belegt, auf demselben eine grosse

Menge von Pölstern: der Divan. Ueber dem Steinboden des Zimmers ein

sehr schöner Teppich. Von sonstigen Einrichtungsstücken keine Spur. Das

war das Amtszimmer des Mudirs von Livno.

Der Mudir selbst sass mit unterschlagenen Beinen gerade der Thüre

gegenüber auf dem Divan und hatte den Schlauch einer türkischen

Wasserpfeife -- des Nargilés -- in der Hand, mit dessen Mundstück

er nachlässig spielte. Rothe Pumphosen, ein rothes silberverziertes

Leibchen und über demselben eine grüne, mit Silberknöpfen verzierte

und mit Pelz ausgeschlagene Jacke bildeten seine Bekleidung. Auf dem

Kopfe trug er einen Fess ohne Turban, die Füsse waren nackt. Neben ihm

sass ein anderer -- ein »civilisirter« Türke. Er war mit schwarzen

Pantalons und einem schwarzen verschnürten Rock bekleidet, wie ihn die

Beamten in Konstantinopel zu tragen pflegen. Auch trug er lackirte

Schuhe und rauchte keinen Tschibuk, sondern eine Cigarrette. Das ist

die türkische Civilisation, wie sie im Buche steht. Beiläufig gesagt,

erfuhr ich später, dass der »civilisirte« Türke aus Konstantinopel

gekommen war, um die Steuercasse des Mudir zu scontriren und bei

dieser Gelegenheit einen Abgang von zweihunderttausend Piastern

gefunden habe. Ob der Mudir die Summe ersetzte oder nicht, ist mir

nicht bekannt geworden, nur erfuhr ich, dass er später in Folge dieser

kleinen Unregelmässigkeit nach Damascus versetzt wurde. Da ein Mudir

Ortsvorstand, Steuereinnehmer, Richter und politische Behörde -- alles

in Einer Person -- ist, so lässt sich die rücksichtsvolle Behandlung

eines so wichtigen Beamten wohl erklären.

Der Mudir und sein Gast grüssten uns höflich ohne aufzustehen, und

nachdem wir Beide Platz genommen, bot mir, als dem fremden »Effendi«,

der Mudir den Schlauch seines eigenen Nargilés an, während er sich

selbst einen Tschibuk geben liess. Da gerade eine gerichtliche

Verhandlung vorgenommen werden sollte, ersuchte mich der Mudir, ihm zu

erlauben, dass er dieselbe beendige, worauf er mir zu Diensten stehen,

oder -- wie er sich ausdrückte -- sich meiner Anwesenheit erfreuen

wolle. Darauf klatschte er in die Hände und zwei Diener traten

ein. Der eine derselben zog aus dem Gürtel ein kleines metallenes

Tintenzeug, das er stehend seinem Gebieter hinhielt, der Andere schob

einen sehr defect gekleideten alten Bauer vor sich her, der einen

durchlöcherten Fess in den Händen hielt, während von seinem von den

Schläfen bis zum Scheitel glattrasirten Kopf rückwärts ein dünner

Zopf herabbaumelte. Ein Mädchen im Alter von dreizehn oder vierzehn

Jahren folgte. Sie trug weite Pumphosen von blauer Leinwand, keine

Schuhe oder Strümpfe, und ein enges, vorne offenes gleichfalls blaues

Jäckchen. Zwei prachtvolle braune Zöpfe hingen ihr fettgetränkt

über den Schultern. Hände und Füsse waren roth vom Einflusse der

wechselnden Witterung und vielleicht der schweren Arbeit, aber ihr

feingeschnittenes Gesicht war das einer Juno und ihr Wuchs der einer

Hebe. Sie weinte.

Die Verhandlung spielte sich sehr glatt ab. Ein gewisser Hussein Beg

hatte dem Bauer den Tabak wegnehmen lassen, den derselbe geerntet und

zubereitet hatte. Dazu hatte er das Recht, denn der Tabak war auf

seinem, Hussein Beg's, Grund und Boden gewachsen. Vielleicht hätte

der Beg Erbarmen gehabt mit dem unglücklichen Bauer. Aber es war ein

kleiner Zwischenfall dazu getreten. Die Jele (Helene), die Tochter des

Bauers, hatte in der Nähe von Hussein Beg's Wohnhaus Schafe gehütet.

Und als Hussein Beg Abends nach Hause kam, gab er ihr beim Absitzen

die Zügel des Pferdes mit dem Auftrage, es in den Stall zu führen.

Als aber Jele im Stalle war, da kamen zwei Diener des Hussein Beg und

schleppten sie in dessen Haus. Des andern Morgens wurde sie entlassen

und weil sie einen Bündel von Maiskolben nicht annehmen wollte, die

ihr Hussein hatte verabfolgen lassen, so tractirten sie die Diener mit

Faustschlägen. Tags darauf liess Hussein Beg den Tabak aus des Bauers

Hütte wegschleppen, seinen, des Hussein Beg's, Tabak.

Das Alles kam umständlich und klar an den Tag. Hussein Beg war nicht

zur Verhandlung erschienen, weil er vor zwei Tagen eine Reise nach

Sarajevo unternommen hatte. Der Mudir befragte den Bauer und die Jele

und notirte Einiges in die Schreibtafel, die er in der linken Hand

hielt. Dann sprach er das Urtheil. Der Bauer musste wegen Usurpirung

fremden Bodens fünfzig Piaster (fünf Gulden) Strafe zahlen. Wenn er

sie nicht zahlen könne, so möge man ihm drei Hammel confisciren und

da er und die Jele anfingen zu weinen, so wurden sie beide zur Thüre

hinausgeworfen. Dann steckte der Mudir seine Schreibtafel wieder in den

Gürtel und die Diener brachten uns prächtig duftenden schwarzen Kaffee.

Es gibt viele Husseins, viele Bauern und sehr viel unbebautes Land in

Bosnien. Auch haben viele Bauern hübsche Töchter, aber kein Bauer hat

ein Feld, kein Bauer irgend ein Eigenthum. Wenn man darum von Unruhen

in Bosnien hört, so möge man doch den richtigen Massstab anlegen und

bedenken, dass Aehnliches, wie ich es jetzt erzählte, dort alle Tage

vorkommt. Die Folgerungen sind dann leicht.

Morlakischer Winter.

An ein Felsstück gelehnt, von rauhem, zackigem Gestein umgeben, sass

der Antune, das verkleinerte Bild eines herabgekommenen Morlaken, und

sein Bruder Ilia lag ruhig ausgestreckt zu seinen Füssen. Was den

Antune im Augenblicke am meisten ärgert, ist, dass die Thonpfeife, die

er zwischen den Zähnen hält, seit mehreren Tagen nicht gefüllt wurde.

Männern, wenn sie Morlaken sind, ziemt zu rauchen, und Antune zählt

bereits dreizehn Jahre. Ausserdem vertritt er gegenwärtig Vaterstelle

bei seinem noch nicht siebenjährigen Bruder Ilia und waltet als

Hausherr in dem einer Hütte ähnlichen Trümmerhaufen, der höchstens drei

Stunden von hier entfernt, an dem Südhange eines steinigen Hügels steht.

Hausherren und Familienväter haben ihre Sorgen, darum denkt Antune

emsig darüber nach, wie er es machen solle, um den Bruder Ilia mit dem

gleichen Kleiderschmuck zu versehen, den er selbst trägt. Denn der

Antune hat eine rothe Mütze und um dieselbe herum einen durchlöcherten

Lappen als Turban; Antune besitzt einen kleinen Zopf, der, durch

Bindfaden verlängert und mit kleinen Bleikugeln beschwert, ihm

rückwärts gar stattlich herabhängt. Antune ist mit blauen, zerrissenen,

türkischen Hosen und mit einer etwas zu klein gewordenen, aber grün und

roth benähten braunen Jacke bekleidet; um des Antune Leib prangt ein

schwerer Ledergürtel, in dem zwei mächtige Messer stecken. Antune hat

eine, wenn auch leere Pfeife zwischen den Zähnen und Ilia -- besitzt

nur ein langes weisses Hemd und eine rothwollene Leibbinde, sonst

nichts.

[Illustration: Antune und Ilia.]

Aus halbvergessenem Lande. Culturbilder aus Dalmatien · 第 8 / 12 段