»Darum findet man bei uns in allen Dörfern Leute ohne Finger und

ohne Zehen. Die Drei, die Sie da sehen, Gospodine, gehören drei ganz

miserablen Familien an, die ihnen nichts zu essen geben, vielweniger

auf sie Acht geben konnten. Darum nahm ich sie zu mir, wie sie noch

ganz klein waren, sonst hätte sie vielleicht später das Schwein ganz

aufgefressen. Ha, ha, ha! Sind aber gute Geschöpfe und helfen im Hause,

wo sie können. Da, der Aelteste, dem habe ich lesen gelernt, und er

liest Ihnen, dass es eine Pracht ist. Ivanizza, faules Thier! kommt der

Wein oder nicht?« -- -- --

Don Martine starb im darauffolgenden Jahre an den Blattern. Man hatte

ihn zu dem Blatternkranken eines fremden Dorfes geholt, dem er einen

Zapis umhängte. Bei dieser Gelegenheit bekam er selbst die Krankheit.

Es war aber kein zweiter Don Martine da, der ihm einen wirksamen Zapis

hätte geben können, und seinen eigenen Zapis wollte er nicht benützen

-- ganz wie es gewisse Aerzte mit ihren eigenen Recepten thun.

Ein roher, unwissender und abergläubischer Mensch ist er gewesen,

der Don Martine, und vielleicht auch ein Betrüger, denn Niemand hat

je erfahren können, ob er selbst an die Wirksamkeit seiner Zapis

glaubte oder nicht. Aber es wäre doch möglich, dass er mit seinem

gutmüthigen Lächeln jetzt zufrieden von dort oben heruntersähe auf

sein altes Pfarrhaus mit den Enten, Hühnern, Pferden und Schweinen,

die in den Pfützen sich gütlich thun. Und dann sind im morlakischen

Dorfe Karakaschitza drei arme Wesen mit fingerlosen Händen und

Klumpfüssen, drei Wesen, die er gekleidet, gespeist und erzogen hat

in seiner bäuerisch rohen Weise. Und sechs Hände ohne Finger heben

sich allabendlich zum Himmel, und drei verstümmelte unglückliche Wesen

rufen heute noch schluchzend: »Wärest Du, ach! wärest Du doch bei uns

geblieben; ach! könntest Du doch wieder kommen, Don Martine, -- wir

sind so sehr, so gränzenlos elend. Wir haben Hunger!«

[Illustration]

Ein Gerichtstag in der Morlakei.

Wenn ein Maler darauf ausginge zu zeigen, welch' unermessliche Menge

von Farbentönen sein Pinsel hervorzubringen im Stande sei, und dabei

mit ungeregelter Fantasie gerade die schreiendsten Gegensätze an

Farben nebeneinander auf die Leinwand klecksen wollte: er könnte

kaum ein krauseres Bild zu Stande bringen, als es der Platz vor dem

Bezirksgerichte in Sign an einem Gerichtstage aufweist. Männer, Weiber,

Kinder, Pferde, Truthühner, Esel, Schafe, alles lagert da kraus

durcheinander auf dem kleinen Platze, von dem zwei Stufen in die Räume

des Bezirksgerichtes führen. Unter dem Thore steht der Gerichtsdiener

mit einem Stocke in der Hand und wehrt vorläufig den Eingang, denn die

»udienza« (Gerichtsverhandlung) beginnt nicht vor neun Uhr.

Drei Marksteine waren in dem Dorfe Vucenovich von der Stelle gerückt

worden. In Folge dessen hatte sich zwischen den Eigenthümern der beiden

Aecker, wovon der eine angab übervortheilt worden zu sein, während

der andere jede Uebervortheilung ableugnete, ein Streit entsponnen,

dessen Schlichtung um so schwieriger wurde, als eigentlich weder der

eine Acker dem einen, noch der andere dem zweiten Streitführenden

gehörte. Beide Aecker waren noch vor wenigen Jahren unfruchtbarer

öder Steinboden und gehörten dem Staate. Beide streitende Parteien

hatten mit Mühe und Schweiss jeder für sich ein Stück fremden Bodens

fruchtbar gemacht, indem sie allmälig die Felstrümmer aushackten

und, da sie dieselben auf einen Ort zusammentrugen, eine Art moderne

Cyklopenmauer herstellten. Und als sie weiter arbeiteten, geriethen sie

endlich mit der Haue und dann mit den Köpfen aneinander. Dann setzten

sie die Marksteine. Diese waren verrückt worden. Und weil weder der

Harambascha[32], noch der Pfarrer die Sache zu schlichten vermochten,

sondern gerade im Gegentheile ein Paar Pistolenschüsse oder Hiebe mit

dem Handjar ordentlich in der Luft lagen, so bequemten sie sich dazu,

ihren Streit vor Gericht auszutragen.

[32] Ortsvorsteher.

Heute ist in Dalmatien sowie anderwärts im Bereiche des

österreichischen Staates die Trennung der politischen von der

Gerichtsverwaltung durchgeführt; zur Zeit, in welcher unsere

Gerichtsscene spielt, das ist im Anfange der sechziger Jahre, war aber

der Prätor zugleich Richter und politischer Chef eines Bezirkes. In

+Sign+ war der Amtssitz eines solchen Prätors. Den Anschauungen der

Morlaken entsprach diese Einrichtung viel mehr und besser, als die

jetzt strenge gesonderte Wirksamkeit des Bezirksrichters von jener

des politischen Chefs oder Bezirkshauptmannes. Bestehen doch heute

noch in der angrenzenden türkischen Provinz Bosnien noch ganz ähnliche

Verhältnisse, wo sogar der politische Chef eines Bezirkes, der Richter

und auch der Steuereinnehmer in der Person des Muhdir's vereinigt

sind. Nun fühlt sich zwar der Morlake keineswegs als Türke, aber er

beobachtet türkische Sitten und Einführungen mit einer ehrerbietigen

zur Nachahmung geneigten Aufmerksamkeit, weil ihm dieselben materiell

und moralisch viel näher liegen, als die einen gewissen Grad von Cultur

voraussetzenden gesetzlichen Zustände eines civilisirten Staates.

Ob damals, -- noch vor wenigen Jahren -- der Prätor mehr Pascha oder

mehr Patriarch sein wollte, das hing rein von seinen individuellen

Neigungen oder oft von seiner augenblicklichen Gemüthsstimmung ab.

Einer Verantwortlichkeit konnte sich derselbe um so leichter entziehen,

als er in seiner Eigenschaft als Richter von dem Landesgerichte,

in jener eines politischen Bezirkschefs aber von der vorgesetzten

politischen Behörde abhing. Darum war der Prätor ein gar gefürchteter

Herr, dessen Machtspruch von den Morlaken mit derselben Ehrerbietung

aufgenommen wurde, wie jener seines internationalen Amtsbruders, des

nach dem Koran richtenden Muhdir's, von den benachbarten Türken.

Man darf sich unter einem morlakischen Gebirgsdorfe nicht die

Vorstellung machen, die man im Allgemeinen mit dem Begriffe Dorf

verbindet. Ein kleines ebenerdiges Haus ist an der Südseite irgend

eines Hügels aus mächtigen halbbehauenen Quadern aufgeführt. Das mit

Stroh oder rohen Schieferplatten gedeckte Dach zeigt in der Mitte eine

grosse Oeffnung durch welche der Rauch entweicht und bei Regengüssen

das Wasser eindringt. Den Boden dieses Hauses bildet die nackte Erde.

Ein mit seinen vier Füssen in den Boden gerammter Tisch, zwei Bänke und

eine in grellen Farben bemalte Truhe bilden die Einrichtungsstücke.

Längs der einen Wand liegt Stroh aufgeschüttet, das manchmal mit einem

groben Linnen bedeckt ist. Das ist das Bett. Ein Brett, ähnlich den

Schlagbäumen in den Pferdeställen trennt das Lager der männlichen von

jenem der weiblichen Familienmitglieder. Die gegenüberliegende Seite

der Hütte dient als Stall für Pferde, Schafe und Kühe. In der Mitte ist

auf einer Steinunterlage der Feuerherd angebracht, über dem an schwerer

Kette ein mächtiger Kessel schwebt. Lange Flinten, silberbeschlagene

Pistolen und krumme Handjars hängen an den Wänden. Vor dem Hause stehen

gewöhnlich ein Paar Nussbäume oder Buchen. Zur Seite desselben ist

der aus Steinen erbaute Schweinstall. Das ist ein Haus des Dorfes.

Vielleicht steht auf Büchsenschussweite ein zweites, drittes oder

viertes. Vielleicht aber ist es eine gute halbe Stunde bis zum nächsten

Hause, das mit peinlicher Genauigkeit dem erstbeschriebenen gleicht.

Zwölf oder fünfzehn solche Häuser bilden ein Dorf. Ein solches Dorf ist

Vucenovich.

[Illustration: Morlakische Familie auf dem Wege zur Prätur in Sign.]

Der Harambascha und der Pfarrer hatten einen heissen Nachmittag

gehabt. Der Pfarrer hatte sein türkisches Pferdchen gesattelt und sein

rothes Regendach hervorgeholt, um die beiden streitenden Parteien, die

jeder in einer anderen Richtung eine Stunde vom Pfarrhause entfernt

wohnten, womöglich zu einem Vergleiche zu bewegen. Mit ihm war der

Harambascha gegangen, mit einem Arsenal voll Waffen im Gürtel und einer

unmässig langen Flinte auf der Achsel. In beiden Häusern hatte man sie

mit jener aufmerksamen Zuvorkommenheit empfangen, die zwei solchen

Standespersonen gebührt. Hüben und drüben hatte der Domachin[33] sie

eingeladen auf der Steinbank vor dem Hause Platz zu nehmen und der

Domachizza[34] aufgetragen, Kaffee zu bereiten. Hüben und drüben hatten

die Zwei mit dem Domachin lange und ernste Gespräche gehalten, die von

Seite des Harambascha und des Domachin mit unterschiedlichen Flüchen

gewürzt wurden, aber hüben und drüben hatten sie nichts erreicht. »Der

Gospodine[35] Prätor soll entscheiden,« hiess es immer wieder, und

was er bestimmen würde, solle geschehen. So konnten die Beiden nichts

thun, als die Vereinbarung treffen, dass die eine Partei um drei, die

andere um vier Uhr Früh vom Hause aufbreche, sonst möchte es noch

Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar geben, wenn sie auf der

Strasse zusammenkämen. Das wurde zugesagt. Und so geschah es. -- -- --

[33] Hausherr.

[34] Hausfrau.

[35] Herr.

Mit dem ersten Morgengrauen bewegt sich aus dem kleinen Hause heraus

die Caravane. Voran der Domachin in seinem schönsten Gewande. Er hat

das rothe silbergestickte Leibchen an und über die Achsel die braune

Jacke von grober Schafwolle, deren Ecken vorn mit grünem Tuch besetzt

und mit rothen Troddeln verziert sind. Um seine niedere rothe Mütze ist

ein schmieriger vielfarbiger Turban gewunden. Ein langer Zopf baumelt

ihm rückwärts herab, den die Domachizza gestern noch mit frischer

Butter tüchtig gesalbt hat, -- am Ende desselben sind schwarze Schnüre

eingeflochten, die kleine Bleikugeln tragen. Weite, weisse Hemdärmel

flattern um seine nervigen behaarten Arme. In den Fächern des breiten

ledernen Gürtels stecken ein Paar silberbeschlagene Pistolen und ein

krummgebogener Handjar nebst einem kurzen, scharfen Messer. Blaue

türkische Beinkleider und Sandalen von rohem Leder vervollständigen

seinen Anzug. Seinen Mantel hat er über den plumpen Holzsattel des

kleinen Pferdes geworfen, die Fersen in zwei Schlingen gesteckt, die

vom Sattel herabhängen und ihm als Steigbügel dienen. Ueber die rechte

Schulter ragt die lange mit Steinschloss versehene Flinte, in der

linken Hand hält er den unvermeidlichen Tschibuk. Zu beiden Seiten des

Sattels baumelt je ein Paar fest an den Füssen zusammengeschnürter

Hühner und an dem Schwanze des Pferdes ist an einem Stricke ein Schaf

angehängt, das meckernd und widerwillig hinterherläuft. Hinter dem

Schafe wandelt die Domachizza. Ein bis an die halben Waden reichendes

auf der Brust offenes Hemd, ein eben solcher leinwandener Unterrock

und ein langes Kleid von weissem, selbst gewebtem Schafwollstoffe,

das, da es vorne ganz offen ist, eine entfernte Aehnlichkeit mit einem

riesigen Frack hat, ist ihre Bekleidung. Auf dem Kopfe trägt sie ein

rundes Gefäss von dünnem Holze, das einer Schachtel ohne Deckel und

Boden gleicht, über dasselbe ist ein weisses Tuch unter dem Kinn

zusammengebunden. Am linken Arme hängt ihr ein Körbchen mit Eiern, in

dem bunten Gürtel, der sich um ihre Hüfte schlingt, steckt ein langes

in einen Dreizack auslaufendes Holz, das ihr als Rocken dient und einen

Busch Schafwolle trägt. In der rechten Hand hält sie ein mit einer

kleinen Scheibe versehenes rundes Holz, das sie mit den Fingern in

drehende Bewegung setzt. So spinnt sie während des ganzen Marsches. Mit

ihr laufen zwei Kinder von acht bis zwölf Jahren. Man weiss nicht, ob

es Knaben oder Mädchen sind, denn ihre Bekleidung besteht gleichmässig

aus einem langen Hemde, einem rothen Gürtel und einem gleichfalls

rothen Käppchen. So ziehen sie fünf Stunden weit zu Gericht, nach Sign,

zuerst im Morgengrauen, dann in der sengenden Sonnenhitze, ohne je Halt

zu machen, ohne ein Wort zu sprechen, der Mann zu Pferd und rauchend,

das Weib hinter ihm ausschreitend und spinnend. So sind die Familien

mit Kind und Kegel herangezogen von allen Seiten zum Gerichtstage und

so haben sie sich zusammengefunden vor der Prätur in Sign. -- -- --

Es schlägt neun Uhr und der Gerichtsdiener schiebt sich etwas beiseite,

um die Leute einzulassen. Flinte, Pistolen, Handjar und Messer werden

jedem Einzelnen abgenommen und aufbewahrt, dann treten sie in das weite

Vorgemach des Gerichtshauses. Die Männer wickeln sich langsam den

Turban vom Kopfe, um beim Eintritte in das Zimmer auch die rothe Kappe

abnehmen zu können, -- die Weiber, die allenfalls vorgeladen sind,

nehmen das Körbchen mit den Eiern mit sich. Die Männer rauchen, die

Weiber spinnen.

Die Thüre des Zimmers öffnet sich und der Gerichtsdiener ruft in die

Versammlung: »Mate Vucenovich!«

Zwei baumstarke Morlaken, wahre Hünengestalten, erheben sich

gleichzeitig von der um das Zimmer laufenden Bank und antworten:

»Evo!«[36]

[36] Hier!

Der Gerichtsdiener wirft einen Blick auf das Blatt Papier, das er in

den Händen hält, und ruft abermals, indem er sich deutlicher erklärt:

»Mate Vucenovich, Sohn des Ilia!«[37]

[37] Elias.

Abermals antworten ihm die +beiden+ kräftigen Stimmen: »Evo!«

Das ist dem Gerichtsdiener wohl schon häufig vorgekommen. +Sämmtliche+

Einwohner des Dorfes Vucenovich heissen nämlich Vucenovich, +beide+

Vorgeladenen heissen Mate[38] und beider Väter hiessen Ilia. Es ist

ein verwickelter Fall, aber der Mann weiss sich zu helfen. »Mate

Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante!« erschallt der an die Bibel

mahnende Ruf, -- und dies Mal ist es nur Einer, der ihm antwortet.

[38] Mathias.

Der Prätor hat einen Uniformrock auf dem Leibe und eine schwarze

Sammetmütze auf dem Kopfe. Er ist zufälligerweise nicht Pascha, sondern

Patriarch. Darum empfängt er den Kläger mit einem derben Schlag auf die

Schulter und fragt ihn, wie sich die Ernte angelassen. Mate Vucenovich,

Sohn des Ilia, Sohnes des Ante fühlt sich überaus geehrt durch solchen

Empfang und hegt überdies die Meinung, dass ein Prätor, der ihn so

vertraulich empfängt, ihm unmöglich Unrecht geben kann. Darum steckt

er seinen Tschibuk verkehrt zwischen Haut und Hemde in den Rücken, so

dass die Pfeife gleich einem Wahrzeichen über seinem halbrasirten Kopf

hinaussieht und fängt an den Casus zu erklären. Der Prätor lässt ihn

ruhig aussprechen und gibt ihm immer Recht. Und da er fertig ist, wird

wieder die Thüre geöffnet und dies Mal der »Mate Vucenovich, Sohn des

Ilia, Sohnes des Pave«[39] gerufen.

[39] Paul.

Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, wird bei seinem

demüthigen Eintreten ganz wie sein Widersacher von dem Prätor

empfangen. Ganz wie dem Ersteren nickt ihm der Prätor seine Zustimmung

bei jedem Absatze der langen Rede zu, und ganz wie jener möchte Mate

Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, darauf schwören, dass

Gospodine Prätor, der so freundlich mit ihm ist, ihm unmöglich Unrecht

geben könne. Soweit verläuft alles hübsch ruhig und friedlich. Als aber

jetzt der erste Mate dem zweiten Mate antworten will, erheben Beide

ihre mächtigen Stimmen, dass die Fenster klirren, und wer an derlei

Scenen nicht gewöhnt wäre, wie es der Prätor ist, der würde kaum

glauben, dass es ohne Mord und Todtschlag abgehen könne. Das käme

vielleicht auch vor, aber Pistolen und Handjars und Messer ruhen beim

Gerichtsdiener!

Jeder Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, behauptet unter grässlichen

Flüchen, dass er die Gerechtigkeit seiner Sache feierlich beschwören

könne. Jeder von ihnen lässt Drohworte ertönen, zwischen denen man

ordentlich die Pistolen knallen hört und den Handjar blitzen sieht.

Da legt sich der Prätor in's Mittel. »Wem hat das Feld gehört, ehe Ihr

es zu bearbeiten anfingt?«

Beide verstummen.

»Ich glaube, Ihr lasst die Marksteine stehen, wo sie sind,« sagt der

Prätor, »und wenn Ihr nicht in Ruhe und Frieden nach Hause geht, so

werden wir im Steueramte fragen, wem eigentlich das Feld gehört. Seid

Ihr's zufrieden?«

Die Köpfe der beiden Mate hängen zu Boden, ihre Zöpfe richten sich auf.

»Brate,«[40] sagt Mate Vucenovich des Ilia und des Ante zum Mate

Vucenovich des Ilia und Pave, willst Du Frieden machen? Ich gebe ein

Lamm und Du gibst den Wein, willst Du?«

[40] Bruder.

»Brate, Du hast Recht,« antwortet der Enkel des Pave und sie

umarmen und küssen sich und möchten auch dem Prätor in ihrer

Freudenbegeisterung dasselbe thun, der sich aber hinter den Tisch

zurückzieht.

»Falavi, Falavi, Gospodine Pretur,«[41] tönt es von Beiden und unter

linkischen Bücklingen entfernen sich die versöhnten Widersacher aus der

Gerichtsstube. -- -- --

[41] Danke, danke, Herr Prätor.

Es kommt aber ein Nachspiel. Die beiden Weiber der beiden Mate drängen

sich über die Stiege hinauf. Sie halten Jede ein Körbchen Eier in der

Hand und Jede von ihnen zieht ein meckerndes Schaf an einem Stricke

nach sich. Das wollen sie dem Prätor für sein Urtheil schenken und

deswegen haben sie beides mitgebracht. Sie drängen sich auch richtig

in's Gerichtszimmer, aus welchem sie jedoch der Prätor hinauswerfen

lässt, die Weiber, die Schafe und die Eier.

Die Marksteine bleiben aber wo sie sind und morgen ist grosses Gastmahl

in Vucenovich, gegeben von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des

Ante und von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave.

Ein türkisches Schnupftuch.

Ehrsame Frauen, sowie nicht minder Jungfrauen, bei denen die

Sittsamkeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird, mögen ohne alle

Scheu diese bescheidenen Zeilen zu Ende lesen, sie werden, wenn auch

ein türkisches Schnupftuch den Gegenstand derselben bildet, keineswegs

darin jener verfänglichen Ceremonie oder gar der Folgen dieser

letzteren Erwähnung finden, die einem althergebrachten, darum aber

nichtsdestoweniger unwahren Gerüchten zufolge zwischen Sr. Majestät

dem Sultan und seiner jeweiligen Auserwählten stattfindet und deren

an und für sich höchst unschuldige Einleitung in dem Zuwerfen eines

Schnupftuches besteht.

Ich sehe es noch vor mir, ein langes und schmales Stück durchsichtigen

Gewebes, den Rand mit sonderbar krausen, tausendfach verschlungenen

Arabesken bedeckt, die eine kunstgeübte Frauenhand in Seide darauf

gestickt! Gold- und Silberfäden schlängeln sich, als ob sie verfolgt

würden, in sichtbarer Hast durch das farbenglühende Labyrinth, um

nach langer Suche ihren glitzernden Lauf wieder da aufzunehmen,

wo sie ihn eigentlich enden sollten. Und was mich durch das feine

Gewebe anblickt, sind viele, viele unschuldige Kinderaugen, die,

überrascht und erschreckt vom ersten Anblicke der Aussenwelt, es noch

nicht ahnen können, dass die wirren, von dem gleissenden Silberfaden

durchschlungenen Windungen der krausen Arabesken ein Bild ihres eigenen

zukünftigen Erdenwallens seien.

Wie ich das Schnupftuch erhalten und was daraus geworden, das will ich

klar und bündig erzählen.

Von einem langen und beschwerlichen Ritte ermüdet, hatte ich die ganze

Nacht so fest geschlafen, dass weder der empfindliche Frost, noch

die dicken Regentropfen, die durch die Risse meines Schlafgemachs

eindrangen, mich hatten erwecken können. Was Kälte und Nässe nicht

vermocht hatten, das bewirkte aber die kräftige Stimme meines Wirthes

vor der Thüre des Gemaches mit ihrem »Dobro dan, gospodine«![42]

Die Thüre öffnete sich und vor mir stand, mir die Hand nach

abendländischer Weise zum Grusse bietend, eine hohe, etwas vorwärts

gebeugte Gestalt, von deren Schulter ein langer dunkelrother Mantel

in malerischen Falten bis zur Erde floss. Auf dem von der Stirne bis

zum Scheitel rasirten Kopfe sass der Fez, der rückwärts eine Fülle

blonden Haares herausgleiten liess; dunkle, von scharfgezeichneten

Augenbrauen beschattete Augen, ein kleiner Schnurrbart in dem offenbar

nicht mehr als fünfundzwanzigjährigen Gesichte, eine reich mit Gold

gestickte blaue Jacke, ein paar Pistolen und ein langes Messer in dem

buntseidenen Gürtel, weitfaltige rothe Beinkleider und die nackten

Füsse in gelbledernen Pantoffeln -- das war mein Hauswirth und Freund

+Mahmud Firdus Beg+.

[42] »Guten Tag, Herr!«

[Illustration: Ritt durch die Waldungen von Mahmud Firdus Beg.]

Mein Aufenthalt in +Sign+ hatte mir die Gelegenheit verschafft,

Mahmud Firdus Beg's Bekanntschaft zu machen. Einmal einen lebendigen

türkischen Pascha zu sehen, war immer meine Jugendsehnsucht gewesen.

Nun war mein Freund Mahmud zwar kein Pascha, wohl aber der Sohn eines

solchen, eines Paschas, der in den Vierziger-Jahren als Gouverneur

von Bosnien bei einer kleinen Revolution ermordet worden war. Der

alte Firdus mochte gut und echt türkisch gewirthschaftet haben, denn

er hinterliess seinem Sohne Mahmud ein Besitzthum, gross genug, um

mit seinem Erträgnisse besser leben und mehr Aufwand machen zu können

als irgend ein anderer bosnischer Grundbesitzer. Mahmud Firdus Beg

suchte aus seinem ausgedehnten Besitze so viel herauszuschlagen als

nur immer möglich; er lieferte Baumrinde, Harz und Eicheln aus seinen

Wäldern, Getreide von seinen Feldern und Häute nach Spalato an irgend

einen pfiffigen Griechen, der natürlich das Menschenmöglichste that,

ihn zu übervortheilen; er hielt sich ein Heer von faullenzenden, in

Roth und Gold gekleideten, bis an die Zähne bewaffneten Dienern,

einen prächtigen Marstall, -- hatte aber nur +eine+ Frau in seinem

Harem, denn Mahmud Firdus Beg war ein aufgeklärter Türke, oder wollte

wenigstens für einen solchen gelten; darum richtete er sich nach dem

Grundsatze: »Je weniger Weiber, desto mehr Aufklärung« -- und machte

jährlich eine Reise -- mindestens bis Triest. Einmal war er sogar in

Wien, »u becu«, wie er mir slavisch erzählte, aber dort gefiel es ihm

nicht.

Wenn man vom Schicksale dazu auserlesen ist, in einem Orte wie Sign,

dem nordöstlich von Spalato und nahe an der türkischen Grenze gelegenen

Vororte der eigentlichen Morlakei, zu leben, so ist man eben nicht

wählerisch in seinem Umgange. Und so war Mahmud Firdus Beg mein Freund

geworden und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mich jedesmal zu

besuchen, so oft er bei seinen häufigen Reisen nach oder von Spalato

Sign passirte. Bei dieser Einkehr hatte ich ihn auch meiner Frau

vorgestellt und so kam es, dass er vorläufig unser Gast war und durch

sein mit nahezu kindischer Urwüchsigkeit vorgebrachtes Geplauder uns

über die Eintönigkeit so mancher Abendstunde hinweghalf.

Einmal überraschte er uns, indem er gegen alle türkische Sitte uns

Grüsse von seiner Frau und die Ankündigung überbrachte, dass dieselbe

seit Wochen mit dem Sticken eines Schnupftuches für meine Ehegesponsin

beschäftigt sei. Zugleich lud er mich ein, ihn selbst einmal zu

besuchen, oder vielmehr die Reise in seiner Gesellschaft zu machen und

das erwähnte Schnupftuch abzuholen. Seine Frau, meinte er, könnte ich

allerdings nicht sehen, weil die türkischen Sitten das nicht zugäben;

selbst das Haus, in welchem er mit seiner Frau wohne, dürfte ich nicht

betreten, dafür aber würde er mir das Gebäude zeigen, das er für seine

Dienerschaft errichtet, den Stall, seine Aecker und, wenn ich wollte,

auch seine Wälder.

Mich hatte es schon lange verlangt, einen Blick in die bosnische

Wildniss zu werfen, und so nahm ich die Einladung nicht ungern an.

Am darauffolgenden Tage waren wir kurz nach Mittag aufgebrochen, hatten

über das Gebirge Prolog, über welches damals, in den Sechsziger-Jahren,

noch keine Strasse führte, bergauf, bergab, durch zerrissenes

Felsengeklüfte einen halsbrechenden Ritt gemacht, waren bei Einbruch

der Nacht in der weiten, wasserdurchzogenen Ebene von Livno angekommen,

rasteten in einem türkischen »Han«, in welchem wir nichts als schwarzen

Kaffee und Feuer für unsere Tschibuks fanden, wurden in pechfinsterer

Nacht von den Wolfshunden einer Schafheerde angegriffen, von denen

Mahmud ohneweiters einen niederschoss, und kamen endlich bei dem einsam

liegenden Besitzthum meines Freundes an, als ich, von der Kälte der

Octobernacht und dem fein herabrieselnden Regen halb erstarrt, mich

kaum noch auf meinem Pferde halten konnte und schon sämmtliche Türken,

gestickte Schnupftücher und bosnische Ebenen in das Land verwünscht

hatte, wo der Pfeffer wächst.

Aus halbvergessenem Lande. Culturbilder aus Dalmatien · 第 7 / 12 段