Das Schwärzen des Tabaks wird übrigens bei Denen, die es betreiben, wie

das Wildern in den Tiroler und baierischen Bergen, zur Leidenschaft.

Jährlich kommen Fälle vor, dass nicht nur ganze aus zwanzig bis

dreissig Pferden bestehende Karavanen mit Tabak von der Finanzwache

abgefangen werden, sondern es entspinnt sich auch nur zu häufig

zwischen den Schwärzern und der Finanzwache ein Kampf, der nicht

selten Verwundungen, oft auch Verluste an Menschenleben auf einer

oder der anderen Seite zur Folge hat. Trägt sich das in Nord- oder

Mittel-Dalmatien zu, so kräht kein Hahn mehr darnach, wird aber ein

Eingeborner im Süden, in den Bocche di Cattaro, bei einer dieser

Expeditionen getödtet, dann tritt die Blutrache in ihr schauerliches

Recht und die Behörden wissen sich in solchem Falle nicht anders zu

helfen, als indem sie den Finanzwachmann, dem das Unglück passirt ist

einen Schwärzer todtzuschiessen, so schnell als möglich aus dem Bezirke

entfernen.

Da ich gerade von den Abenteuern der dalmatinischen Schwärzer spreche,

so mag es am Platze sein, des Endes zu gedenken, das die Kreuz- und

Querzüge meines Tabaklieferanten Duje Braidovich genommen.

Es war an einem bitter kalten Decemberabende des Jahres 186* und die

Bora brauste mit ihrer allesdurchdringenden, schneidenden Kraft durch

die schlechtverwahrten Fenster und die liederlich gezimmerten Thüren

der Wohnung, die ich in dem besten Hause des Marktfleckens Sign inne

hatte, als, diesmal ohne vorhergehendes Anklopfen, die Zimmerthüre

sich leise öffnete und das wettergebräunte Gesicht meines Freundes

Duje Braidovich sich zeigte. Duje Braidovich war augenscheinlich zu

einer seiner Expeditionen in's türkische Gebiet gerüstet, denn er hatte

seine Torba[25] auf dem Rücken und in seinem breiten Ledergürtel staken

Handjar und Pistolen. Er hatte etwas auf dem Herzen. Zuerst fragte

er mich höchst unnöthiger Weise, wie mir das Wetter gefiele, dann,

wie es meiner Familie gehe und schliesslich bat er mich ohne weiteren

Uebergang, ob ich ihm nicht einen Ducaten leihen wollte. In drei Tagen

werde er mir denselben zurückstellen. Er hätte ein Geschäft in Livno,

bei dem er ein hübsches Stück Geld verdienen könne und dazu fehlte ihm

gerade ein Ducaten.

[25] Eine Art Schnappsack, der, aus selbstgewirkter Schafwolle

bestehend, von den Morlaken auf dem Rücken getragen wird.

Ich hatte dem armen Teufel schon öfter derlei Gefälligkeiten erwiesen

und ihn immer höchst ehrlich und pünktlich befunden, daher ich auch

keinen Anstand nahm, ihm das Verlangte zu geben. Natürlich hütete ich

mich, ihn um den Zweck seiner Expedition zu befragen, machte aber doch

die Bemerkung, dass heute eine böse Nacht wäre und es schlimm sein

müsste, bei solcher Bora den Prolog, -- das Grenzgebirge zwischen

Dalmatien und Bosnien -- zu übersteigen.

Da fingen die Augen des armen Duje Braidovich sonderbar an zu

funkeln und zu rollen. »Für mich und für meine Reise ist das Wetter

gerade recht,« sagte er, indem er seine braune Jacke über die Brust

zusammenzog und mit einem raschen Wurfe den Mantel sich zurechtlegte,

»aber ich habe andere Sorgen. Der Zapis, den ich am Halse getragen,

seitdem ich mich erinnere, ist mir in Verlust gerathen und wenn ich

wüsste, dass es der (hier folgte ein schauerlicher Fluch) Finanzwächter

*...... wäre, der mir ihn stehlen liess, während ich gestern Mittags

vor der Kirchenthüre schlief, so hätte er wohl am längsten gelebt.

Mit dem Zapis fürchte ich Niemand, -- +ohne+ Zapis kann mich nur die

Muttergottes allein vor Unheil bewahren.«

Wer da weiss, in welch' hohem Ansehen ein Zapis (Amulet) bei der

dalmatinischen Landbevölkerung, besonders aber bei dem Morlaken steht,

der wird begreifen, dass all' mein Bemühen, den armen Teufel über den

Verlust seines Zapis zu trösten, umsonst war. Ich musste mich darauf

beschränken, meinem ganz verstört dreinsehenden Tabaklieferanten den

guten Rath zu geben, der bösen Bora wegen zu Hause zu bleiben und,

bis besseres Wetter käme, sich um einen neuen Zapis umzusehen. Aber

auch dieser Rath wollte nicht verfangen. Einen neuen Zapis wolle er

sich allerdings kaufen, meinte Duje Braidovich, aber heute müsse er

eben ohne Zapis fort, denn seine Kameraden erwarteten ihn in Kula

(einem bereits auf türkischem Gebiete liegenden einsamen Gehöfte) um

in Gesellschaft aus Livno »Ochsen« zu holen. Damit empfahl sich Duje

Braidovich in seiner höflich linkischen Weise und trollte davon.

Auf mich hatte die so deutlich zur Schau getragene Angst des sonst

lebensfrohen und gutmüthigen Burschen einen eigenthümlichen Eindruck

gemacht und ich verbrachte den grössten Theil der Nacht in unruhigen

Träumen, in welchen mit Zapis behangene Pferdegerippe, kämpfende

Morlaken und grosse Säcke mit Tabak ein wundervolles Chaos bildeten.

Als ich des Morgens erwachte und das Haus unter der andrängenden

Macht der Bora erzittern fühlte, die heulend vom Norden herbrauste,

da war mein erster Gedanke jener an Duje Braidovich, der jetzt eben

die unwirthlichen Felszacken des Prolog hinabsteigen musste. Die

Bora hielt noch den ganzen Tag und die nächstfolgende Nacht an. Dann

legte sie sich. Und als ich am zweiten Tage Morgens früh ausging

und auf den Bazar -- den Marktplatz -- kam, der sich am Südende des

Marktfleckens Sign befindet, da stand, eine seltene Erscheinung, ein

Wagen zur Abfahrt bereit. Dr. Z......, der einzige Arzt des Ortes, ging

frostgeschüttelt vor demselben auf und ab. Dann kam der Prätor mit

einem untergeordneten Beamten, -- gleich darauf der Finanzcommissär.

Wohin die Herren in aller Frühe fuhren? Am Fusse des Prolog, auf der

österreichischen Seite desselben, hatte in der vergangenen Nacht

die Patrouille der Finanzwache eine mit Tabak beladene Karavane

aufgegriffen. Die Treiber liessen ihre Pferde im Stiche und flohen. Nur

einer hatte sich zur Wehre setzen wollen, den hatte die Finanzwache

erschossen. Das war Duje Braidovich.

[Illustration]

[Illustration]

Don Martine von Karakaschitza.

Es ist mir völlig unbekannt, von welchen Grundsätzen die Herren

Bischöfe Dalmatiens sich bei der Auswahl, der Erziehung und Ordinirung

der jungen Geistlichkeit leiten lassen, oder ob ihnen überhaupt dabei

besondere Grundsätze vorschweben. Das ist sicher, dass der dalmatiner

niedere Clerus im Grossen und Ganzen sich nicht ganz vortheilheilhaft

vor jenem anderer Länder unterscheidet und selbst die italienische

Geistlichkeit an Unwissenheit bedeutend überragt.

In der Nähe der Stadt Almissa, wo die Cettina sich in's Meer ergiesst,

stand oder steht vielmehr heute noch eine eigenthümliche Anstalt für

heranwachsende Priester, die Brieko heisst. Dort lernte man seinerzeit

einfach Messe lesen. Wenn irgend ein Morlake oder sonst ein Bauer, auch

schon in vorgerückten Jahren, das Bedürfniss fühlte Priester zu werden,

so meldete er sich bei dem Bischof, der ihn nach Brieko steckte. Dort

wurde ihm durch drei, höchstens vier Jahre lesen, schreiben, rechnen

und -- Messe lesen gelehrt. Natürlich Alles in slavischer Sprache.

Dann wurde er ausgeweiht, erhielt eine Art Breve, das ihm gestattete,

die Messe in slavischer, mit glagolitischen Buchstaben geschriebener

Sprache zu lesen und kam sofort als Pfarrverweser in ein morlakisches

Dorf.

Heute ist Brieko kein theologisches Treibhaus mehr, sondern eine

Ablegestätte für verdorbene Gymnasiasten. Macht nämlich ein

Gymnasialschüler an irgend einem Gymnasium Dalmatiens derartige

Fortschritte, dass sein Aufsteigen in eine höhere Classe unmöglich

wird, und gibt er die Neigung kund, sich dem geistlichen Stande zu

widmen, so kommt er nach Brieko, wo er gut oder übel Einiges von dem

lernt, was er im Gymnasium nicht erlernen konnte; dann wird ihm am

bischöflichen Seminare in Zara von der Theologie so viel eingetrichtert

als eben in seinem Kopfe Platz hat und dann wird er ebenfalls Priester

und liest seine Messe in slavischer Sprache. Hin und wieder macht man

auch rühmenswerthe Ausnahmen.

So wurde vor einigen Jahren der Messner einer kleinen in Castel

Cambio bei Spalato befindlichen Capelle in Folge Protection seines

Patrons, des Conte C., zum Priester gemacht, ebenso erhielt kurze

Zeit darauf der Portier des bischöflichen Knabenseminars von Spalato

ohne viel Umstände die priesterliche Weihe. Der Unterschied zwischen

derlei Priestern und solchen, welche ihre ordentlichen theologischen

Studien in der Landeshauptstadt Zara absolvirt haben, ist der, dass

die Ersteren von der Regierung nur eine kleine jährliche Bezahlung

(ich glaube 80 fl.) und wenn sie dienstunfähig werden, +keine+ Pension

bekommen. Ihren Unterhalt beziehen sie von der Gemeinde, deren

Seelenheil ihnen anvertraut ist, in der Form von Schafen, wollenen

Strümpfen und Truthühnern, die ihnen zu Ostern, Weihnachten und

Pfingsten von jeder Familie gespendet werden. Die Strümpfe, Schafe

und Truthühner, die der Herr Pfarrer nicht selbst aufbrauchen kann,

verkauft er gelegentlich auf dem Markte irgend eines näher gelegenen

grösseren Ortes und lebt, da er auch ein Stück Feld und ein Haus

besitzt, ohne Sorgen und gewöhnlich umso zufriedener mit seinem Lose,

als er von der Welt nichts und von ihren verfeinerten Bedürfnissen

beinahe so viel als nichts kennen gelernt.

[Illustration: Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.]

Ein frischer sonniger Herbstnachmittag hatte mich aus meiner Behausung

herausgelockt in's Freie. Mit der Flinte auf der Schulter, um für den

längeren Spaziergang einen Vorwand zu haben, schlenderte ich auf der

von dem morlakischen Marktflecken Sign gegen Verlicca führenden Strasse

und bog dann rechts in einen der holprigen Feldwege ein, die ziemlich

steil aufsteigend die Abhänge der dinarischen Alpen und deren Ausläufer

mit der Landstrasse verbinden. Stein und Gerölle war der Weg, der

sich in einer schluchtartigen Vertiefung hinaufwand, Stein und Gerölle

bildeten die Aussicht, wenn hie und da die Ränder der Schlucht eine

solche gestatteten. Das einzige lebende Wesen um mich herum war mein

Hund, der anfangs lustig in dem Gestein herumschnupperte, dann aber,

als hätte er sich überzeugt, dass sein Suchen auf +diesem+ Boden

unmöglich Erfolg haben könne, mit gesenkten Ohren meinen Schritten

folgte.

Ich überlegte eben, ob ich nicht den Weg verlassen und querfeldein

gegen meine Behausung abschwenken sollte, als ich den Weg herauf

das mir wohlbekannte Getrappel eines Pferdes vernahm, das, von den

Stössen der eckigen Steigbügel angetrieben und von dem scharfen Gebiss

zurückgerissen, in jener eigentümlich tänzelnden und verzweifelten

Gangart herankam, die, ein Mittelding zwischen Schritt, Trab und Galop,

den unglücklichen dalmatiner Pferden eigenthümlich ist. Gleich darauf

erschien an der letzten Krümmung des Weges eine Gestalt, die ich der

blendenden Sonnenstrahlen wegen erst erkennen konnte, als sie mir näher

gekommen war und mich mit rauher und lustiger Stimme anrief: »Oho,

Gospodine, schön, dass Sie einmal kommen! Ein Glück, dass ich Sie

treffe, sonst wäre ich beim cume Mate[26] abgestiegen und Sie hätten

mich nicht zu Hause gefunden. Evalá[27] Gospodine! Wie geht's Ihnen?!«

[26] Gevatter Mathias.

[27] Ein türkischer, in der Morlakei üblicher Gruss.

Auf einem fuchsrothen, türkisch gezäumten, mit einem unmässig hohen

Sattel versehenen Rösslein, dessen Augen unter einem krausen Busch

zerzauster Haare hervorblitzten, während seine Mähnen wahrscheinlich

noch nie einen Kamm gesehen, sass eine kurze stämmige Gestalt. Die

hohen, plumpen, vorne mit einer Quaste versehenen Röhrenstiefel,

die hellblaue Halsbinde und der dreieckige Hut bezeichneten den

morlakischen Pfarrer. Ein dunkler Rock mit unmässig hohem Kragen und

fürchterlich engen Aermeln liess seine mächtigen Schösse bis an die

Steigbügeln flattern und von der ganzen Gestalt nichts erkennen als

ein paar knochige Fäuste und ein von tausend Runzeln durchzogenes

Gesicht, dessen kleine dunkle Augen von dichten stahlgrauen Augenbrauen

beschattet wurden. In der linken Hand hielt der Reiter die Zügel des

Pferdes und einen halblangen Tschibuk, in der rechten ruhte die kurze,

derbe Peitsche. Es war -- Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.

Ich erwiderte den freundlichen Gruss und erstattete auf sein Befragen

auch pflichtgemäss Bericht über das Befinden meiner Frau und meiner

Kinder, versicherte jedoch, dass es nicht meine Absicht gewesen wäre,

heute ihm einen Besuch zu machen, sondern dass ich mir dieses Vergnügen

für ein anderes Mal vorbehalte. Don Martine wollte aber davon nichts

wissen. In zehn Minuten wären wir bei seinem Hause, sagte er, und wenn

ich es wünsche, so liesse er mich Abends, der vielen Hunde wegen, die

manchmal böse wären, wenn sie eine »civil« gekleidete Person sähen,

durch den Messner bis auf die Strasse begleiten -- jetzt müsse ich aber

mit ihm kommen, seine Schinken und seinen Wein kosten -- er schnalzte

dabei mit der Zunge -- und einen fröhlichen Abend mit ihm zubringen.

Obwohl ich ganz genau wusste, welches Bewandtniss es mit den zehn

Minuten habe, da wir nach meiner Schätzung noch eine gute halbe Stunde

von der Behausung des Don Martine entfernt sein mussten, so willigte

ich nichtsdestoweniger ein, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, um

einmal das Leben und Treiben eines morlakischen Pfarrers mir in der

Nähe ansehen zu können. Don Martine trug mir an, hinter ihm als Zweiter

auf sein Pferdchen aufzusitzen, was ich aber dankbar ablehnte. Und so

klommen wir, er zu Pferde, ich zu Fuss, den steinigen Weg hinan, der

immer steiler wurde, je mehr wir uns dem Dorfe Karakaschitza näherten.

»Jetzt sagen Sie mir,« eröffnete ich das Gespräch, »woher Sie

eigentlich kommen; Sie sind ja über und über bestaubt. Wohl von

Spalato, he?«

»Richtig, Gospodine,« erwiderte er, »ich ritt gestern Mittags fort und

dachte schon früher heimzukehren, aber der verd... Pfarrer von Dizmo

lässt Niemanden ungeschoren vorüber; so musste ich denn mit ihm ein

Glas Wein trinken und komme jetzt seinetwegen erst Abends statt Mittags

nach Hause.«

Er schien wirklich böse über die Verzögerung zu sein, denn er gab

seinem Pferdchen einen Stoss mit beiden scharfen Bügeln, dass es

plötzlich einen Satz vorwärts machte, was bei der Beschaffenheit des

Bodens nicht eben ungefährlich war.

»Sachte, sachte, Don Martine! Das Glas Wein muss übrigens ziemlich tief

gewesen sein, wie? Auch ist meines Wissens der Wein in Dizmo nicht

schlecht, seitdem man ihn dort selbst baut.«

»Nein,« erwiderte mein Begleiter lebhaft, »der Wein aus Dizmo kann sich

mit jedem andern Wein in Dalmatien messen. Die Bauern werden reich,

seitdem sie angefangen haben, ihn zu bauen und dem Pfarrer geht es,

chwala bogu[28], auch nicht schlecht dabei. Sehr gute Leute in Dizmo,

prächtige Leute, viel besser als meine eigenen hier in Karakaschitza.

Ich bin dort fremd, denn wenn ich auch jede Seele von ihnen kenne,

meine Pfarrkinder sind es immerhin nicht, und doch, was glauben Sie,

bringt mir der Petar Serdarich, weil ich heute im Vorübergehen sein

Kind gesund gemacht habe? Zwei Barili[29] Wein und einen hübschen

Hammel. Ho ho! wenn Sie in der nächsten Woche mich besuchen wollen,

können Sie den Wein kosten und den Hammel sehen.«

[28] Gott sei Dank.

[29] Ein Mass, etwas grösser als ein Eimer.

»Das meine ich auch, Don Martine,« sagte ich lachend, »die Leute in

Dizmo sind wahre Engel, seitdem der Wald um das Dorf niedergehauen und

die Kerle nicht mehr vom Walde aus die Vorüberreisenden anfallen und

ausrauben können, wie sie es früher gethan. Jetzt haben sie statt des

Waldes dort eine Kaserne mit sechs tüchtigen Gendarmen und es wird

Niemand mehr ausgeplündert, der durch Dizmo kommt, -- was hat denn dem

Kinde des Petar Serdarich eigentlich gefehlt, das Sie im Vorübergehen

geheilt haben?«

Die Frage schien dem Don Martine nicht recht zu gefallen, denn er

räusperte sich und stiess einige Hm! Hm! aus, ehe er die rechte Antwort

finden konnte. »Wissen Sie,« sagte er endlich, »unsere Leute da sind

ärger als das liebe Vieh. Da hat der Petar Serdarich in der vergangenen

Woche seine Mutter begraben und, weil er ein reicher Mann ist, das

halbe Dorf zum Leichenschmaus eingeladen. Ein sehr schönes Essen, wie

mir mein Kamerad, der Pfarrer von Dizmo, erzählte. Wein, Branntwein

und Schöpsenfleisch so viel Einer wollte und dazu weisses Brod, wie

es die Herren in Spalato essen. Das dauerte drei Tage, denn der Petar

Serdarich ist ein reicher Mann. Seinem Buben aber, dem Mate, der jetzt

acht Jahre alt ist, dem steckten die Weiber so viel Wein, Braten und

Branntwein zu, dass sich der Bursche überessen hatte und dalag wie

ein halbkrepirtes Kalb. Wie mich nun der Petar Serdarich bei meinem

Kameraden, dem Pfarrer von Dizmo, anhalten sieht, läuft er auf mich zu

und sagt, ich möchte doch zu ihm kommen und über dem Kinde beten; der

Pfarrer von Dizmo (mein Kamerad) hätte es wohl schon gethan, aber es

hätte nichts geholfen. Nun, ich denke, schaden kann es nicht, reite

also hin zum Hause des Petar Serdarich, gebe ihm mein Pferd zu halten

und gehe hinein. Da liegt der Bube, hat ein elendes Fieber und um ihn

herum stehen eine Menge Weiber, die heulen und flennen, dass es eine

Schande ist. Ich, nicht faul, bete über ihm und gebe ihm einen Zapis,

dann kehre ich wieder zu meinem Kameraden, dem Pfarrer zurück, bleibe

ein paar Stunden bei ihm und wie ich wieder aufs Pferd steigen will,

um nach Hause zu reiten, kommt der Petar Serdarich und sagt mir, dass

es dem Buben besser gehe. Und die nächste Woche kommt er und bringt

mir meinen Wein und einen schönen zweijährigen Schöpsen.« Dabei gab er

seinem Pferdchen wieder einen Stoss mit den beiden Bügeln.

»Was mag denn dem Buben eigentlich geholfen haben?« fragte ich, »das

Beten oder der Zapis?«

»Ich glaube,« entgegnete Don Martine mit gar weiser Miene, »vor Allem

der Zapis. Beten ist gewiss auch gut, aber ich sage Ihnen ja, dass der

Pfarrer von Dizmo, mein Kamerad, schon über dem Buben gebetet hatte,

ohne dass es geholfen hätte. Darum gab ich ihm auch den Zapis. Ich

weiss schon, dass unsere gelehrten Herren Vorgesetzten und gar der

Bischof nichts von dem Zapis wissen wollen. Sie mögen vielleicht auch

Recht haben, und der Bischof ist ein gar braver und gescheidter Herr.

Aber manchmal ist er zu streng. Und so ein Herr isst und trinkt gut und

fährt in einem Wagen spazieren mit einem Kutscher und zwei Bedienten.

Was meinen Sie da, woher er wissen sollte, was uns Bauern gut thut?

Ich hatte mir gerade aus Spalato ein Buch Zapis geholt und zwei Pfund

Ricinusöl. Ich nehme immer Ricinusöl, wenn ich nicht wohl bin; manchmal

gebe ich davon auch Anderen. Auch dem Buben gab ich eine tüchtige

Dosis, aber nur so -- zur Vorsorge. Am besten hat ihm jedenfalls der

Zapis gethan.«

Was ein Zapis eigentlich sei, will ich hier erklären. »Zapis« heisst so

viel als »Etwas Geschriebenes«. In der Buchdruckerei eines gewissen G.

in Spalato werden als Accidenzarbeit (wie es die Buchdrucker nennen)

grosse Bogen Papier gedruckt und verkauft, welche durch Linien in

kleine Quadrate abgetheilt sind. In jedem Quadrat steht ein Gebet in

lateinischer, slavischer oder italienischer Sprache. Manchmal ist die

Sprache gemischt und das Gebet besteht dann aus einem Gallimathias von

italienischen, slavischen und lateinischen Phrasen. Die Gebete haben

die verschiedensten und oft sonderbarsten Anliegen zum Vorwurfe. Da

gibt es deren, die um Schutz vor Hagel und Blitz flehen, andere um

Genesung von den Blattern, wieder andere um Fruchtbarkeit der Kühe

oder -- Weiber, dann wieder eines um Heilung von der Rinderpest, kurz

alle Wünsche, die ein Morlake möglicher- und billigerweise an unsern

Herrgott haben kann, finden in diesen Gebeten ihren unverblümten

Ausdruck. Hat nun ein Morlake ein Anliegen an den Himmel, so geht

er entweder zum Pfarrer oder in das nächste Franciscanerkloster und

lässt sich einen derlei Zapis geben, der zuerst in seinem Beisein

geweiht, dann in Leinwand und Schafleder eingenäht und schliesslich

seinem Weibe, seiner Kuh, seinem Kinde oder dem Leithammel seiner

Herde, je nach Umständen, um den Hals gehängt wird. Dafür zahlt der

Morlake selten in Geld, -- gewöhnlich in Schafen, Wein, Truthühner oder

Getreide. Die Zapis der Pfarrer sind gut, jene der Franciscaner sind

aber besser. Darum kosten sie auch mehr. So stand vor einigen Jahren

ein Pater des Franciscanerklosters zu Sign in besonderem Rufe, dass

er über die »Würmer« grosse Gewalt habe; wenn daher ein Morlake fand,

oder zu finden glaubte, dass ihm Würmer oder Insecten auf seinem Felde

grossen Schaden anrichteten, so ging er sicher oft viele Stunden weit

in das Franciscanerkloster zu Sign zu dem frommen Wundermann, um sich

einen Wurmzapis abzuholen.

Wir hatten uns plaudernd dem Dorfe Karakaschitza genähert und bei einer

jähen Biegung des Weges lag plötzlich die roh gebaute unscheinbare

Kirche und neben ihr die Wohnung des Don Martine vor unseren Augen.

Vor dem kleinen ebenerdigen Hause, dessen Vorderseite von den Ranken

eines mächtigen Weinstockes ganz bedeckt war, tummelten sich Hühner,

Schweine, Truthühner und Enten ganz vergnüglich in dem freundlichen

Elemente einiger grosser Düngerhaufen und Pfützen, während eine Stute,

die mit ihrem Fohlen ganz frei neben dem Hause weidete, uns lustig

entgegenwieherte. Aus dem Hause kam auf den Ruf des Don Martine ein

Knecht und eine Magd, von denen der Erstere dem Don Martine beim

Absteigen behilflich war, während die Letztere verschiedene Päcke in

Empfang nahm, die Don Martine vom Sattel, wo sie aufgehangen waren,

loshakte oder aus seinen unergründlich tiefen Rocktaschen hervorzog.

Mein Begleiter schüttelte sich förmlich vor Vergnügen und

Behaglichkeit, als er sich in der gewohnten Umgebung seiner

Häuslichkeit sah, und trat nach einem prüfenden Blicke über die

geflügelten und ungeflügelten Insassen seines Hofes zur Thüre.

»Frisch Gospodine, jetzt sollen Sie ein Glas Wein kosten, wie ihn auch

der Monsignor Bischof nicht besser hat, und dazu einen Schinken, wie

ihn eben ein armer Pfarrer bieten kann. Antune! binde das Pferd an und

gib ihm nichts zu saufen, bis es sich abgekühlt, und Du, Ivanizza[30],

bringe Wein und die zwei neuen Gläser, die mir der Gevatter Stipe[31]

aus Spalato gebracht, und den aufgeschnittenen Schinken! Schnell! sonst

... Hereinspaziert. Gospodine; Gott sei Dank, wir sind zu Hause!«

[30] Johanna -- Hannchen.

[31] Stephan.

Wir traten in das Haus, dessen erstes grosses Gemach zugleich das

Schlaf- und Arbeitszimmer des Pfarrers zu sein schien. In einer Ecke

stand ein plumpes, aus weichem Holz gezimmertes Bett mit einem riesigen

Strohsacke und einigen unordentlich darüber geworfenen Decken. An der

Wand hingen mehrere grell gemalte Heiligenbilder und eine Ansicht

der Stadt Spalato von der Seeseite. Eine grosse vielfarbige Kiste

in der anderen Ecke, ein Tisch und vier Stühle bildeten die übrige

Einrichtung. Ueber dem Tische hingen zwei Jagdgewehre, eine alte

Pistole und ein Handjar.

Und auf dem Lehmboden des Zimmers hockte eine Gesellschaft, bestehend

aus zwei Knaben und einem Mädchen im Alter von beiläufig zehn bis zwölf

Jahren, alle drei nur mit je einem langen Hemde und einem rothwollenen

Leibgürtel bekleidet, um eine grosse Schüssel mit Gemüse. Neben ihnen

sass, aufmerksam auf seinen Antheil wartend, ein grosser, weisser Hund.

Die Kinder assen. Sie hielten ihren hölzernen Löffel mit +beiden+

Händen. Sie hatten keine Finger an denselben, -- ihre Hände waren

unförmliche Stumpfen. Der nackte Fuss des einen Knaben war ebenso

verstümmelt, ihm fehlten die Zehen.

»Um Gotteswillen, Don Martine, was ist denn das, wer sind denn diese

armen Kinder und wie wurden sie so grässlich verstümmelt?«

»Ah, Sie meinen ihre Finger und Zehen, Gospodine? Ja, das kommt bei uns

oft vor. Wissen Sie, da gehen die Eltern auf das Feld und lassen die

Kleinen zu Hause. Da geschieht es nun, dass die Schweine -- mit Respect

zu sagen -- aus dem Verschlag ausbrechen, weil unsere Bauern, diese

verd... Hunde, -- mit Respect zu sagen -- sie gewöhnlich in demselben

Raume halten, wo sie selbst wohnen -- und dann geschieht es bisweilen,

dass die Kinder von den Schweinen gefressen werden. Gewöhnlich fangen

die Bestien bei den Händen oder Füssen an; da schreien die Kinder und

werden manchmal gerettet, falls sie nämlich Jemand hört.«

Aus halbvergessenem Lande. Culturbilder aus Dalmatien · 第 6 / 12 段