Christenthums in Dalmatien so ziemlich zusammen falle, davon haben
Alle in jenen Gegenden eine, wenn auch nur sehr unbestimmte Ahnung.
Die Meisten jedoch, -- und dazu gehören nicht nur sämmtliche Bauern,
sondern auch das weitverbreitete Geschlecht der Vettern und Frau Basen
in Spalato, -- zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass sämmtliche
Särge, deren man bei Salona eine grosse Menge unter der angeschütteten
Erde fand und noch findet, +die Särge von Heiligen seien+. Nun war der
Zusammenhang zwischen dem verstorbenen Müller, dem marmornen Sarkophage
und der glänzenden Erscheinung im Mühlbache bald hergestellt. Die arme
Seele des Müllers fand keine Ruhe und musste so lange als Schlange im
Mühlbach Allotria treiben, bis der Sarg des »Heiligen«, der bei Salona
gehoben, wieder an seine alte Stelle zurückgebracht sei. Die Müllerin
war stolz auf den Zulauf, den ihre Mühle von den Neugierigen erfuhr,
stolz auf den offenbar regen Zusammenhang zwischen ihrem verstorbenen
Manne und dem unbekannten Heiligen. Die Einwohner des Dorfes Salona
waren nicht minder stolz auf die mittelbar ihnen selbst wiederfahrene
Ehre, dass so ein uralter Heiliger sich um ihren jüngstverschiedenen
Mitbürger und Landsmann in so augenfälliger Weise kümmere und wer weiss
ob nicht eine Massendeputation der guten Salonitaner die Rückverführung
des Sarkophages an seine alte Stelle in mehr oder weniger turbulenter
Weise verlangt hätte, wenn nicht -- das Wunder eines schönen Tages
aufgehört hätte. Der Müllerbursche schlug ein neues Brett an Stelle
eines schadhaft gewordenen in das Rinnsal des Mühlbaches und von diesem
Augenblicke an war der Geist des Müllers verschwunden.
Ich selbst war seinerzeit eigens von Spalato nach Salona gepilgert,
um das Wunder mitanzusehen und erlaubte mir gegenüber einem jungen
Spalatiner Aristokraten, der mich begleitete, die schüchterne
Bemerkung, dass die »silberne Schlange« wahrscheinlich aus Luft
bestehe, die, von dem rasch strömenden Wasser mitgerissen, die
Reflexerscheinung bildete. Mein Begleiter zuckte aber die Achseln und
erklärte mit höchst verächtlicher Miene und offenbar im Bewusstsein
seiner besseren Einsicht gegenüber einem »deutschen Barbaren«, dass er
die Erscheinung für eine »+Quecksilberquelle+« halte. Dabei liess ich
ihn.
Der Sarkophag aber mit dem beleidigten Theseus, der lüsternen Phaedra
und dem schönen armen Hippolytos, er ruht nun in dem langen Saale des
Museums von Spalato, -- zu seinen Füssen steht eine schöne Statue
der siegreichen Venus, welche dem Amor lächelnd den gefüllten Köcher
reicht. Oft und oft standen wir, mein Freund Glavinic und ich, in
Anschauung der Kunstwerke einer längstentschwundenen Zeit versunken vor
den schönen, marmornen, lebensgrossen Gebilden, aber wir konnten uns
nie zu der Ansicht eines Spassvogels bekehren, der in unserem Bunde
der Dritte, uns immer versichern wollte, die siegreiche marmorne Venus
steige des Nachts regelmässig von ihrem Piedestale herab, um mit dem
armen Hippolytos einen schauderhaften Cancan zu tanzen.
Der Frau Mare Kargotic Gesang.
Allerseelen war vor der Thür.
Kein Nebel, keine Bora, kein langweiliger Regen. Der feine braune
Duft, der sich des Nachts über die Insel gelegt und über die
unendliche glatte Fläche des Meeres, der hebt sich beim ersten
Morgenlüftchen und streicht wie ein loser Schleier hin über das
Wasser. Die lateinischen Segel der Fischerboote tauchen dann langsam
auf unter dem fliehenden Schleier, dann treten die Bergspitzen der
herumliegenden kleineren Inseln und des Festlandes hervor, dann zeigt
sich vielleicht ein hochgethürmtes, schneeweisses Gewölk, das langsam
und stetig vorüberzieht -- die mächtigen Segel eines in der Morgenkühle
herankommenden Schiffes -- dann glüht es auf über der Spitze des Berges
Biokovo, der von der Festlandsküste nackt und jäh abstürzt gegen das
Meer, als ob er beständig im Begriffe wäre, ein Seebad zu nehmen
-- dann schiessen breite Feuergarben über Inseln, Schiffe und die
tiefgrüne ruhig athmende Fläche des Meeres, die Sonne tritt siegreich
hervor und wie hingezaubert erscheint urplötzlich die langgestreckte
Insel Brazza, umspielt von den fluthenden Wellen. Ihre weissglänzenden
Kalkberge ragen hoch und strenge zum wolkenlosen Himmel, ihre Abhänge
sind von sanftgrauen Oelbäumen begrenzt und dann steht Rebe an Rebe eng
und dicht, nur von niederen Feigenbäumen unterbrochen bis herab zum
Meere, bis in die Bucht, an deren felsigem Strande die weissgetünchten
Häuser des Dorfes San Giovanni im Morgensonnenscheine funkeln.
Allerseelen war vor der Thür.
Der prächtigste Herbstmorgen lagerte über Land und Meer. In dem kleinen
einstöckigen Häuschen, dessen weinumrankte Fenster hinausblicken
über die glänzende Fläche bis auf die Festlandsküste, von der das
freundliche Spalato herüberwinkt, schafft und waltet Frau Mare
Kargotic. Wer es nicht sieht, der mag es hören. Ganz San Giovanni
hört es, denn San Giovanni ist nicht gross und Frau Mare hat eine gar
kräftige Stimme. Mitunter flucht sie auch, aber nur selten. Natürlich
-- ihr Gebieter und Ehegemal (er ist Gebieter, wenn er +nicht+ zu Hause
ist) fährt in der weiten Welt herum auf seiner hübschen Brigg »San
Cristoforo« und lässt sich, wenn es gut geht, einmal im Jahre zu Hause
sehen.
Während der Capitano Luka Kargotic draussen gegen schwere Stürme
ankämpft, oder in trostloser Windstille irgendwo tagelang auf einem
Flecke liegt, oder in irgend einem Tausende von Meilen entfernten Hafen
auf Rückfracht wartet, muss Frau Mare des Hauses Regiment mit kräftiger
Hand führen, sich ärgern und plagen. Und da raunt ihr freilich
manchmal ein böser Dämon in's Ohr, dass vielleicht der Herr Luka gar
irgendwo in einer Hafenstadt, die er angelaufen, sich gut, +sehr+ gut
unterhalte. Dann -- -- nun, die Kinder und die Dienstleute wissen davon
zu erzählen, was sie dann thut und was sie dann spricht. Das sind die
Momente, in welchen sie -- aber nur +sehr+ selten! flucht, -- sonst ist
sie die beste Frau der Welt.
Auch eine hübsche Frau ist sie, trotz ihrer etwas stark entwickelten
Formen, trotz ihrer zweiunddreissig Jahre und trotz der feinen
Seemannsrunzeln, die sich -- der liebe Herrgott weiss, woher das
kommt -- um ihre Augenwinkel herum zeigen, als ob sie selbst ein
Schiffskapitän wäre. Wirklich und wahrhaftig hübsch, besonders wenn sie
im Feiertagskleide ist, wie heute.
In dem kleinen Hafen draussen schaukelt sich eine ganz anständige
Barke, bereits zur Hälfte angefüllt mit dem Gottessegen, den Frau Mare
in diesem Jahre eingeheimst. Wein, Oel und getrocknete Feigen bilden
die Fracht, und die Barke muss bis Mittags fix und fertig sein, um
nach Spalato abzufahren, wo alle diese guten Sachen auf den Dampfer
übergeladen werden zur Ueberfuhr nach Triest. Der älteste Knabe, der
auch Luka heisst wie sein Vater und bereits zwölf Jahre zählt, hat in
der Schule lesen und schreiben gelernt -- was Frau Mare leider nicht
von sich sagen kann -- und notirt mit gravitätischer Miene jedes Fass,
das hinabgerollt wird zur Barke. Seine sieben jüngeren Geschwister
sitzen in sehr defecter Morgentoilette mit ihrer Bonne, einer jungen
Morlakin, im Hofraume und verzehren ihr Frühstück: getrocknete
Feigen und Brod. Die Knechte schaffen und poltern mit den Fässern
und Kisten in rüstiger Emsigkeit und zwei Mägde scheuern im Hause,
denn Allerheiligen fällt heuer auf einen Montag. Darum gibt es zwei
Feiertage hintereinander und Frau Mare hält etwas darauf, dass dann
Alles im Hause hübsch rein und nett sei.
Dass Frau Mare heute in aller Gottesfrüh schon im Festtagsgewande ist,
damit hat es aber sein eigenes Bewandtniss. Es wird nämlich heute in
der Pfarrkirche vor dem Altar des San Nicoló eine Extramesse gelesen,
die sie bezahlt hat. Natürlich hat sie für eine solche besondere
Auslage auch ihre besonderen Gründe. Einestheils gehen eben die Feigen,
das Oel und der Wein nach Triest, für welche sie die möglichst besten
Preise erzielen will. Dafür gibt es kein besseres Mittel als eine
Messe. Es handelt sich aber nur um einen möglichst hohen Preis, nicht
auch um die Sicherheit der Beförderung, da der Lloyd seine Frachten
selbst assecurirt. Frau Mare ist eben practisch und belästigt unsern
Herrgott nicht mit Dingen, die auch der Triester Lloyd besorgen kann.
Für heute hat sie jedoch noch ein besonderes Anliegen, so wichtig und
so geheim, dass es vorderhand ein Geheimniss zwischen ihr und unserm
Herrgott bleiben muss. Darum hat sie auch dem Pfarrer, als sie die
Messe bezahlte, gesagt, selbe sei für den guten Verkauf des Weines, der
Feigen und des Oeles, ferner »für ihre besondere Intention« zu lesen,
was der Pfarrer auch zusagte.
Seit Jahren vollzog sich das eheliche und Familienleben der Familie
Kargotic in beinahe unwandelbarer Regelmässigkeit. Frau Mare
regierte im Hause und der Capitano Luka befuhr das Meer. Jedes Jahr
kam der Capitano auf zwei oder drei Wochen nach Hause, bei welcher
Gelegenheit er immer allerhand Schönes und Werthvolles mitbrachte.
Goldene Ohrgehänge, silberne Leibgürtel, schöne Kleider von schwerer
Seide, feine Leinwand, kunstvolle Spitzen, ein Kind, ein paar hübsche
Ringe, feine Venezianer Goldketten -- das waren so seine gewöhnlichen
Angebinde. Das heisst, das Kind brachte er eigentlich nicht mit, aber
merkwürdigerweise fügte es sich immer, dass nach einer ganz bestimmten
Reihe von Monaten, die seit seiner Anwesenheit verflossen, ein Kind
sich wie von selbst einstellte. Störche gibt es in Dalmatien nicht,
-- dort holt die Hebamme die Kinder vom Berge herab und zahlt sie mit
einem Gulden per Stück.
Die Kostbarkeiten hielt Frau Mare in einer schweren geschnitzten Truhe
unter Schloss und Riegel, die Kinder -- es waren ihrer nach und
nach acht geworden -- wuchsen tapfer und fröhlich heran, das Beste,
was sie unter so bewandten Umständen thun konnten. Zwischen einem
Besuche des Capitano Luka und dem andern liefen auch wohl Briefe von
ihm ein, aus Odessa, aus Queenstown, aus Marseille und Kronstadt oder
aus sonst einem Hafen. Kinder waren niemals in den Briefen, wohl aber
feine schöne in- und ausländische Banknoten oder kleine Röllchen mit
glänzenden Goldstücken. Die wanderten dann in die Truhe zu den anderen
Kostbarkeiten.
Diesmal aber waren schon anderthalb Jahre verflossen, dass der Capitano
Luka sich nicht zu Hause hatte sehen lassen. Er war allerdings etwas
weit gefahren. Sein letzter Brief trug den Poststempel San Francisco
in Californien. Auch war demselben eine ansehnliche Anweisung auf den
Banquier Porlitz in Spalato beigelegen, die derselbe mit gewichtigen
Goldstücken honorirte. Aber Frau Mare war nicht ruhig. Seeleute sind
gar manchen Gefahren ausgesetzt, nicht nur auf dem tückischen Meere,
sondern auch in den Hafenstädten, die sie anlaufen. Da gibt es lockere
Gesellschaft und kecke Weiber -- Frau Mare fühlte sich versucht, ein
wenig zu fluchen, aber sie besann sich eines Besseren und bezahlte dem
Pfarrer eine Messe vor dem Altare des San Nicoló »auf +ihre+ Intention«
und -- da es schon in Einem ging -- für den guten Verkauf der heurigen
Fechsung. Darum war sie heute, am Werktage, schon in aller Gottesfrüh
in festtäglichem Staate, mit dem schwarzen Seidenrock und dem
blauseidenen offenen Jäckchen über dem rothen Mieder, mit dem silbernen
Gürtel um die Hüfte, mit zwölf silbernen Zitternadeln in den dunkeln
Zöpfen und +drei+ schweren goldenen Ohrgehängen an jedem Ohr.
Der heilige Nicoló -- er ist der Schutzpatron der Seefahrer -- der
heilige Nicoló in der Pfarrkirche von San Giovanni ist immer im
Festtagsgewande. Er ist über und über mit silbernen Armen, Händen,
Füssen, ausserdem mit einigen goldenen Münzen behangen und sieht aus
wie ein hoher Staatswürdenträger am Frohnleichnamstage. Der kleine
Altar, über welchem der San Nicoló prangt, ist heute vollständig
mit Kerzen besteckt und der Herr Pfarrer feiert auch die Messe vor
demselben mit einer ganz besonderen Inbrunst. Und jedesmal, wenn er
sich zu einem Dominus vobiscum umdreht, fallen seine Augen mit einem
so wehmüthigen Ausdruck auf die an den Stufen des Altars knieende,
im Sonntagsstaate prangende Frau Mare, dass ihr ganz sonderbar um's
Herz wird und sie sich beinahe schämt, als ob der Herr Pfarrer ihre
»Intention« hätte errathen können.
Als aber die Messe zu Ende, der Herr Pfarrer seinen Segen gegeben
und in die Sacristei verschwunden war, als Frau Mare noch immer vor
dem Altare kniete, in der Ungewissheit, ob sie in der Kirche beten
oder zu Hause ein wenig -- nur ganz wenig! -- fluchen solle, da kommt
der blondhaarige baarfüssige Junge, der dem Herrn Pfarrer ministrirt
hatte und sagt, der Herr Pfarrer lasse die Frau Mare bitten, in die
Sacristei zu kommen. Und wie sie hineintritt, da sieht sie durch den
Weihrauchnebel den Herrn Pfarrer stehen, der ein Papier in der Hand
hält und sie wieder so sonderbar ansieht als wie beim Dominus vobiscum.
Dann winkt er ihr näher zu treten und bietet ihr einen Stuhl. Dann
spricht er etwas -- sie kann durch den dicken Weihrauchnebel nicht
recht verstehen, was er sagt -- er spricht etwas von Gottvertrauen und
Fassung und dergleichen Dingen. Die Frau Mare möge nicht erschrecken
und tapfer sein, wie sie es immer gewesen. Denn der Capitano Luka
käme nicht mehr heim. Er hat ein schönes Seemannsende gefunden, ein
echtes, schönes Seemannsende. Der »San Cristoforo« war an der Küste
von Californien bei Nacht und Nebel an einen Dampfer angefahren und
untergegangen. Die Matrosen hatten sich gerettet und der Steuermann
dem Herrn Pfarrer geschrieben. Da, -- der Herr Pfarrer klopfte mit
der verkehrten Hand auf das Papier, -- da steht Alles zu lesen. Der
Patron Luka hätte sich auch retten können, aber er verlor seine Zeit
damit, dass er den kleinen Schiffsjungen beim Kragen packte und in
das Rettungsboot warf, das schon vom sinkenden Schiff abstiess. Er
war immer eigensinnig gewesen, der arme Patron Luka, und wenn er sich
einmal etwas in den Kopf gesetzt, so -- -- nun, die Frau Mare wisse das
ja selbst am besten. Nun also, -- dann war das Schiff untergegangen und
er mit dem Schiffe. Vielleicht hat er an seinen ältesten Buben gedacht,
als er mit dem kleinen Schiffsjungen seine Zeit verlor. Aber die Frau
Mare solle Gottvertrauen und Fassung haben und sich ihren Kindern
erhalten. Die Frau Mare möge -- -- --
Die Frau Mare hat sich kurzweg umgedreht, ist festen Schrittes aus
der Sacristei, aus der Kirche und nach Hause gegangen. Dort hat
sie der Magd, die einen Kübel mit Oel im Hofe verschüttet, eine
Ohrfeige gegeben. Oel verschütten bedeutet Unglück. Dann war sie im
Feiertagsgewande, wie sie war, hinaufgestiegen in die Stube, wo die
schwere Truhe mit den Kostbarkeiten steht und ein Hausaltar mit dem
schöngeschnitzten Modell der Brigg »San Cristoforo« vor demselben. Dort
hat sie sich in einen Winkel gekauert und hat angefangen zu singen.
Denn eine Dalmatinerin weint nie um einen Todten -- sie singt um ihn.
Was Frau Mare Kargotic sang?
Aus der oberen Stube klang es herab in langgezogenen schwermüthigen
Tönen und die Kinder mit ihrer morlakischen Bonne drängten sich
schauernd und erschreckt zusammen unter dem offenen Fenster:
»Luka, Luka! Du kommst nicht wieder. Da bin ich, da sind Deine acht
Kinder -- unten stehen Deine Feigen, Dein Oel und Dein Wein -- der
ganze reiche Gottessegen -- und Du kommst nicht wieder! Wer hat es so
wie Du verstanden, das Steuer zu führen, wenn der Wind einher brauste
und die Wellen über den »San Cristoforo« schlugen? Wer verstand es wie
Du, sein Hab und Gut zu wahren und für die Frau zu sorgen und die armen
Kinder? Ein Eimerfass hubst Du allein mit Deinen starken Armen; wo die
Kräfte der Matrosen nicht ausreichten, da genügte Deine kräftige Hand
ganz allein -- ganz allein. Und jetzt liegst Du am Meeresgrund und die
Wellen spielen mit Deinem Haar und Du kommst nicht wieder! Luka, Luka!
ich habe Dich schwer beleidigt! Ich glaubte etwas Unrechtes von Dir
und liess heute erst eine Messe auf meine Intention lesen. O wüsstest
Du, was meine Intention war! Verzeih', mein Luka, und bete dort oben
für mich und für unsere Kinder. Wie Du das letztemal weggingst, waren
es sieben und heute sind ihrer acht! O Luka, Luka! Weisst Du noch,
wie Du mich einstmals in Deinen starken Armen aufgehoben, als ich zu
Tode krank daniederlag? Ach möchtest Du mir, möchtest Du uns allen
entgegenkommen, wenn wir einmal einziehen sollen in's ewige Leben und
uns auf Deinen Armen, o Luka, auf Deinen kräftigen Armen hineintragen
in die Pforten des Paradieses!«
So singt Frau Mare Kargotic in ihrer Stube und unten schaffen die
Knechte mit Kisten und Fässern. Denn um zwölf Uhr muss die Barke fix
und fertig geladen sein und Allerseelen ist vor der Thür, Allerseelen,
wo Wein und Feigen und Oel am besten verkauft werden.
Dafür war die Messe bezahlt, aber es ist immer besser auch selbst
vorzusorgen. Und Punct zwölf Uhr stösst die Barke ab von San Giovanni
und ein frischer Wind treibt sie fort über die sonnenfunkelnde Fläche
des Meeres.
Droben im Stübchen singt Frau Mare Kargotic.
[Illustration]
Türkischer Tabak.
Eine schwere Hand, oder wahrscheinlicher eine schwere Faust klopfte an
meine Zimmerthüre, denn der dumpfe Schlag, der sie erzittern machte,
konnte nicht leicht von einem menschlichen Knöchel geführt worden sein.
»Herein!«
Die Thüre öffnete sich langsam und herein schob sich Duje Braidovich.
Erinnere Dich gefälligst, theuerer Leser, dass man das »ch« oder »c«
am Ende dalmatinischer Namen wie »tsch« ausspreche, und lies den Namen
Duje Braidovich noch einmal mit gehöriger Berücksichtigung des diesem
Herrn eigenthümlichen Nationalgefühles. So. Jetzt will ich versuchen,
diese interessante Persönlichkeit etwas näher zu schildern.
Duje Braidovich ist, was seinen Stand betrifft, eigentlich Nichts -- in
seinen freien Stunden beschäftigt er sich jedoch mit Tabakschwärzen.
Duje Braidovich kann Tage und Wochen lang mit einem halblangen Tschibuk
im Munde auf dem Platze des Marktfleckens Sign, seines Geburtsortes,
herumlungern, Tage und Wochen lang sich von Polenta nähren und pures
Wasser dazu trinken, Tage und Wochen lang mit der gemüthlichsten
Ungenirtheit von der Welt jeden Vorübergehenden, der seiner Tracht
nach nicht Morlake ist, um »zwei Kreuzer auf Tabak« ansprechen; ja
ich habe ihn sogar im Verdacht, dass er zuweilen mehr als einen Tag
lang gar nichts isst und sich höchstens des Nachts an den halbreifen
Getreideähren und den Krautköpfen der umliegenden Felder schadlos hält.
Dafür kommen aber dann wieder Tage, in denen Duje Braidovich seiner
Unthätigkeit völlig entsagt. Dann kann man ihn mit seinen, allen
Morlaken eigenthümlichen langen Schritten in dieses und jenes Haus
eintreten sehen, wo er eifrige Gespräche mit seinen Bekannten hält
und beim Heraustreten eine Hand voll silberner Zehnkreuzerstücke, in
Dalmatien »Banovizze« genannt, in einen schmierigen bocksledernen
Beutel steckt. Er nimmt auf diese Weise seinen Credit in Anspruch
und sammelt Capital zu einem grösseren Unternehmen. Duje Braidovich
ist dann immer in einem Zustande angenehmer Aufregung, sehr vergnügt
und offenbar grosser Entwürfe voll. Zugleich scheint dann in ihm
eine geheimnissvolle und schwer zu erklärende Sympathie für die k.
k. Finanzwache sich fühlbar zu machen, denn er geht dann des Tages
unzählige Male vor deren Kaserne vorbei, wirft immer schielende Blicke
in das halbgeöffnete Thor und sitzt in der Abenddämmerung vor dem
Hausthore des gegenüberstehenden Hauses, wo er abwechselnd mit einer
ziemlich schmierigen morlakischen Magd und einem schönen schneeweissen
Hühnerhunde spricht, welcher dort ebenfalls seinen gewöhnlichen
Standort hat und auf den hübschen Namen Colombo hört.
Dabei lässt er aber die gegenüberliegende Finanzwachkaserne oder
deren Inwohner nicht aus den Augen, und wenn er auch nicht gerade in
sämmtliche Grünröcke vom Commissär bis zum letzten Wachmann hinab
verliebt ist, so muss er wenigstens ein grosses Interesse daran haben,
deren Treiben zu beobachten.
Eines Tages, oder vielleicht zur Nachtzeit, bricht ein Trupp
Finanzwache auf, um an irgend welchem Grenzpuncte irgend welche
Schwärzerkaravane abzufangen. Dann macht sich aber auch Duje Braidovich
auf die Füsse, -- mit dem Unterschiede, dass er consequenter Weise jede
Reisegesellschaft zu fliehen scheint. Schwenkt die Finanzwache nach
rechts, so geht er links, -- zieht jene gegen Süden, so biegt er nach
Norden ein. Nach Westen geht er nie, denn da käme er an die Küste;
er hat aber an der Küste vorderhand nichts zu thun, sondern seine
Geschäfte rufen ihn auf das nahe türkische Gebiet, nach Bosnien. Sodann
lässt sich Duje Braidovich zwei, vielleicht drei Tage lang weder in
dem Marktflecken Sign, noch in dessen Weichbilde sehen, bis er eines
schönen Tages plötzlich wieder auftaucht, etwas mehr gebräunt als
gewöhnlich, seine Sandalen (Opanche) stark abgelaufen, seine sonstige
Toilette in sehr deroutem Zustande, aber sonst offenbar in gehobenem
Selbstbewusstsein.
Duje Braidovich lungert jetzt nicht mehr müssig herum auf dem
Platze, auch verlangt er nicht mehr »zwei Kreuzer auf Tabak« von den
Vorübergehenden, ebensowenig als er sich halbreifer Getreidekörner
und grüner Kohlstrunke als Palliativmittel gegen ungelegenen Appetit
bedient. Duje Braidovich zwinkert jetzt allen seinen Bekannten (und er
kennt sämmtliche Bewohner Signs, sowie jene eines guten Theiles der
Umgebung auf fünf Meilen in der Runde) mit gar pfiffigem Augenblinzeln
zu, und fischt aus allen Theilen seines halb-türkischen Anzuges kleine
blaue Papierchen mit Tabakproben heraus, die er ihnen halbverstohlen
zusteckt. Hierauf verschwindet er ab und zu auf eine Viertelstunde und
geht dann frei und mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache vorbei,
anscheinend nichts als seinen Tschibuk in der Hand, in das und in
jenes Haus. Und ist die Thüre hinter ihm zugeklinkt, so übergibt er,
wie ein Taschenspieler seine Sträusschen, dem harrenden »Bekannten«
einen aus blauem Papier gefertigten, mit Schnüren aus Ziegenhaaren
zusammengenähten Sack, der eine Oka (zwei und ein Viertel Pfund)
türkischen Tabak enthält.
Wo er ihn hatte, als er mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache
vorbeistolzirte? Wahrscheinlich in den sackähnlichen Falten, welche
seine türkischen Hosen rückwärts bilden und die bei jedem Schritte
gegen seine Beine schlenkern. Der »Bekannte« denkt aber nach Weise des
alten Römerkaisers »non olet« und zählt für die Oka Tabak zwei Gulden
in klingenden »Banovizzen« in Duje Braidovich' schwielige Hand. Und
wenn ganz Sign und Umgegend mit türkischem Tabak versehen sind, dann
versinkt Duje Braidovich wieder in seine frühere Apathie, lungert
wieder auf dem Platze herum, zehrt wieder von seinem Fette und verlangt
wieder »zwei Kreuzer auf Tabak«, bis eines schönen Tages wieder einmal
sein geheimnissvolles Interesse für die Finanzwache, die schmierige
morlakische Magd und den schönen schneeweissen Colombo erwacht und er
von Neuem seinen Argonautenzug unternimmt in das nahe Bosnien.
Das ist Duje Braidovich, der im Anfang der Sechziger-Jahre in dem zwei
Stunden von der türkischen Grenze entfernten Marktflecken Sign an meine
Zimmerthür klopfte.
»Herein!«
Duje Braidovich ist ein Mensch, der auf einen gewissen Grad von
Wohlerzogenheit Anspruch macht, darum steckte er vorderhand nur seinen
mit einem rothen Käppchen bedeckten Kopf in's Zimmer, spuckte auf den
Boden und fragte in seinem stark mit Slavisch versetzten Italienisch,
ob es ihm erlaubt sei, hereinzutreten. Auf meine bejahende Antwort
schob er sich allmälig vorwärts, schloss behutsam die Thüre und zog
aus dem oben erwähnten, an dem rückwärtigen Theile seiner Hosen
befindlichen tragbaren Magazine eine Oka feinen türkischen Tabak
hervor. Der Handel war bald geschlossen. Ich nahm den Tabak, er seine
zwanzig Banovizze und extra ein kleines Trinkgeld, weil der Tabak
»sopraffino« -- vom Allerfeinsten -- war. Dann nahm er seinen in
die Ecke gestellten Tschibuk wieder zur Hand und verschwand, wie er
gekommen.
Es gibt wohl kein Kronland der österreichischen Monarchie, in welchem
geschwärzter Tabak mit solcher Unbefangenheit öffentlich verraucht
wird, als in Dalmatien. Das Schwärzen des Tabaks ist allerdings
verboten wie anderwärts, aber der Besitz des einmal glücklich über
die Grenze gebrachten Krautes wird von Niemandem mehr angefochten.
In Zara, der Landeshauptstadt, ist man wohl etwas vorsichtiger und
zeigt wenigstens auf der Gasse oder in den Kaffeehäusern nicht gerne
einen mit türkischem Tabak gefüllten Beutel, aber je weiter man nach
Süden kommt, desto leichter ist es, sich mit dem verpönten Kraut zu
versorgen, ohne in eine mit dem kaiserlichen Adler versehene Bude zu
treten, und desto unbekümmerter wird auf der Gasse, in allen Kaffee-
und Wirthshäusern der geschwärzte Tabak geraucht. Ja, im Gebirge, wie
zum Beispiele in Sign und an den südlicher gelegenen Küstenorten,
in Sebenico, Spalato, Macarsca, Ragusa, Cattaro, gehört ein rother,
goldgestickter und mit Tabak angefüllter Beutel, der an den Flanken
seines Besitzers baumelt, recht eigentlich zur Nationaltracht.