Ruinen hinein die Stadt Spalato gebaut ist, bildeten die vielfach
sich kreuzenden von mächtigen Mauern eingefassten Gänge einen kleinen
Platz, der in das östliche Thor des Palastes mündete. Unmittelbar neben
dem heute noch bestehenden Thore, da, wo seinerzeit vermuthlich ein
Wach- oder Vertheidigungsthurm gestanden haben mag, befindet sich eine
kleine schwerfällig und offenbar in gar keinem Style gebaute Kirche,
welche »alla buona morte« (zum guten Tod) heisst. Die einfache, ja
ärmliche Ausschmückung der Kirche von Innen entspricht der mehr als
ungekünstelten Aussenseite und hauptsächlich sind es nur ganz arme
Leute, die in derselben dem Gottesdienste beiwohnen.
Sonntags und Donnerstags wird in derselben die Schulmesse für das
Obergymnasium abgehalten und wenn die Schüler in der Kirche vollzählig
versammelt sind, schliesst der Pedell ohne Weiteres die Thüre mit einem
mächtigen Riegel. An der Längenseite der Kirche ist von Aussen eine
kleine Marmortafel in der Mauer eingefügt, welche die Umrisse eines
stark verwischten Todtenkopfes zeigt, den die meisten Vorübergehenden
in Erfüllung eines mir völlig unbekannten religiösen Bedürfnisses mit
der Hand betasten. Ob sich die Leute unter dem marmornen Todtenkopf
etwas Heiliges vorstellen, habe ich niemals ergründen können. Dort in
der Kirche »alla buona morte« beginnt das unheimliche Schattenspiel,
das alljährlich am Charfreitage durch die Gassen und Plätze der Stadt
Spalato seinen mystischen Gaukel treibt.
Die vierzigtägigen Fasten werden in ganz Dalmatien und vorzüglich in
Spalato mit absonderlicher Strenge gehalten. Bischöfliche Dispensen,
wie sie in andern nördlicher gelegenen Ländern eine regelmässige
Ausnahme bilden, kommen dort nicht vor. Die Kirche gebietet Fasten und
es wird einfach gefastet. Einer deutschen Hausfrau würden allerdings
die Haare und womöglich auch der Chignon zu Berge stehen, wenn sie
einmal in die Lage käme durch vierzig Tage dreimal wöchentlich mit
den wenigen Dingen ein Mittagmahl herstellen zu müssen, die durch das
Fastengebot nicht verpönt sind. Mittwochs, Freitags und Samstags darf
nicht nur kein Fleisch gegessen werden, sondern Butter, Schmalz, Milch
und Eier sind ebenfalls verpönt. Die Leute kochen Fische und bereiten
alles mit Oel, so dass ich, als ich einmal gezwungenermassen eine
derartige Fastenzeit in Spalato durchgemacht hatte, am Ende derselben
das Gefühl hatte, als brauchte ich nur ein Endchen Baumwolldocht in den
Mund zu nehmen und anzuzünden, um ein Paar Tage lang einer Oellampe
gleich zu brennen. Die Domkirche bietet während dieser Zeit zweimal
wöchentlich den jungen Leuten beiderlei Geschlechts die erwünschte
Gelegenheit sich ziemlich ungestört sehen und sprechen zu können, --
sind doch die Fastpredigten, die immer Abends in der zweifelhaften
Dämmerung der hohen Kirche abgehalten werden, so sehr als gewöhnliches
Stelldichein bekannt, dass man einmal den Schülern der höheren Classen
des Gymnasiums es verbieten musste dieselben zu besuchen. Aus demselben
Grunde heisst dort auch die vierzigtägige Fasten im Volksmunde, »il
carnevaletto delle donne« -- der kleine Frauenfasching. Wenn aber
diese Zeit zu Ende geht und die Charwoche herannaht, dann beginnt ein
eigenthümliches Drängen und Werben unter der Classe der Handwerker und
Bauern, dessen Gegenstand der Pfarrer ist, -- der Pfarrer der Kirche
»alla buona morte.«
Des Abends kann man da dunkle Gestalten verstohlen und heimlich in das
Haus schlüpfen sehen, das der Herr Pfarrer bewohnt. Dann kann man aus
dessen Zimmer zuerst die leise wispernden Stimmen eines Zwiegespräches
hören, das allmälig in ein Brüllen ausartet, denn ein rechter
Dalmatiner kann nicht sprechen -- nur schreien. Die dunkle Gestalt
bittet um etwas, der Pfarrer will es verweigern, -- wiederholtes
inständiges Bitten -- zögerndes Nachgeben des Pfarrers -- endlich sind
sie handelseinig, -- leise und geräuschlos wie sie gekommen, aber
offenbar zufriedener und mit leichterem elastischen Tritt verschwindet
die dunkle Gestalt, sorgfältig ihr Gesicht vor einer anderen
verbergend, die vielleicht vor der Thüre in derselben Angelegenheit
harrt.
Des folgendes Tages marschiren, -- nicht zusammen, sondern jeder für
sich, blos von seinem Treiber begleitet, -- verschiedene Esel vor der
Wohnung des Herrn Pfarrers auf und verschiedene variciaki[24] mit
Weizen werden abgeladen. Das Getreide gehört aber nicht dem Herrn
Pfarrer, sondern der Kirche »alla buona morte.« Auch von der besseren
Gesellschaft kann man eines Abends einen, aber nur einen! Herrn zum
Pfarrer schleichen sehen, der dann mit verlegenem Gesichte und fromm
verdrehten Augen eine kurze Botschaft dem Pfarrer mitzutheilen hat
und wieder fortschleicht. Und nicht nur der Pfarrer, sondern auch der
Küster von der Kirche »alla buona morte« beginnen ein absonderlich
wichtiges und verschwiegenes Gesicht zur Schau zu tragen und mancher
arme Teufel, der vor Jahren auch zur Dämmerstunde hinaufgeschlichen ist
in die Wohnung des Pfarrers, sieht die Beiden an und fühlt ein Schauern
über den Rücken laufen wie ein abgestrafter Russe beim Anblick der
Knute.
[24] Ein wollener Sack, der ein bestimmtes Getreidemass enthält.
Charfreitag ist herangekommen und ein Gefühl festlicher Trauer hat sich
der Bewohner Spalatos bemächtigt. Allenthalben werden schwarze Tücher,
manchmal nach Umständen auch nur schwarze Fetzen hervorgesucht, welche
bestimmt sind des Abends zu den Fenstern des Hauses herausgehängt zu
werden, vor welchen die Procession vorüberziehen wird. Oellämpchen
werden geputzt, schwarze Kleider aus den Schränken geholt, die Weiber
putzen sich mit Schleiern und schwarzen Bändern, die Männer ziehen
himmelschreiende Fracks an's Tageslicht und wer sich weder an der
Procession zu betheiligen gedenkt, noch so glücklich ist ein Haus zu
bewohnen, an welchem die Procession vorüber ziehen muss, der trachtet
bei Bekannten ein Plätzchen an einem Fenster zu erlangen. Denn Spalato
ist stolz auf seine Charfreitags-Procession, und »nur in Rom sieht
man etwas Aehnliches« versichert jeder Spalatiner mit vaterländischem
Stolze.
Es schlägt sieben Uhr, -- früher darf die Procession nicht beginnen,
denn die Tageshelle würde ihr einen guten Theil des Schauerlichen
benehmen, das ihren grössten Reiz ausmacht. Vor allen Fenstern hängen
die schwarzen Lappen, über allen Lappen brennen dämmerige Oellämpchen
und hinter allen dämmerigen Oellämpchen stehen dichtgedrängte
schwarzgekleidete Gestalten. Aus den weitgeöffneten Pforten der
uralten Domkirche, -- des alten Jupitertempels, -- an der egyptischen
Sphinx vorüber, die mit ihren blinden granitenen Augen herausstarrt
auf das ungewohnte Getreibe, über die breiten Stufen herab bewegt
sich der Zug. Voran die Waisenkinder, die man hier wie überall als
eine Merkwürdigkeit zu betrachten scheint, die als abschreckendes
Beispiel bei keinem öffentlichen Aufzuge fehlen darf, -- dann die
Männer und Weiber des Versorgungshauses, die in ihrem krüppelhaften
Siechthum an und für sich abschreckend genug sind, -- dann eine
Schaar zehn- und zwölfjähriger Bursche, die Eleven des bischöflichen
Seminars, welche als Priester maskirt mit ihren schwarzen Talaren,
weissen Chorhemden, lilafarbenen Kragen und ebensolchen dreieckigen
Baretten Diminutiv-Cardinälen ähnlich sehen, -- dann die verschiedenen
Leichenvereine und Betbruderschaften in langen, blauen und weissen
Kitteln, -- alles mit Fackeln in den Händen. Dann kommen die
»Herren«, dann Handwerker im Sonntagsstaate, Bewohner der Vorstädte
im National-Costüme, Alle mit riesigen Wachskerzen in den Händen und
neben jeder Wachskerze ein zerlumpter, barfüssiger Bursche, der in der
hohlen Hand die herabfallenden Wachstropfen auffängt, -- hinter den
Männern die Frauen und Mädchen in schwarzen Kleidern, das Gesicht mit
schwarzen Schleiern verhüllt. Und dann? Ja, -- jetzt kommt das, worauf
die Spalatiner stolz sind.
+Ein lebendes Kreuz+ kommt, -- ein zweites, -- ein drittes, -- ein
viertes, fünftes, sechstes. Ein Mann schreitet einher, in einem
langen schwarzen Kittel gehüllt. Den Kopf und das Gesicht verdeckt
eine schwarze Kapuze, in der zwei kleine Oeffnungen für die Augen
gelassen sind. Die Füsse sind nackt und wenn die Erscheinung zwischen
dem Beschauer und einer Wachskerze durchgeht, so kann man durch den
dünnen schwarzen Stoff hindurch auch die nackten Glieder des Mannes
sehen. In dem einen Aermel hinein, hinter dem Rücken vorbei und bei
dem andern Aermel heraus, steckt ein tüchtiger Stock, so dass der
Unglückliche einem lebenden Kreuze gleich mit wagrecht ausgestreckten
Armen gehen muss. Und die Procession dauert länger als eine Stunde!
Und so wie er, so sind seine Kameraden nackt in ihren schwarzen Kittel
mit ausgestreckten Armen und alle bestreben sich den schwankenden Gang
eines zum Tode Erschöpften nachzuahmen und torkeln rechts und links,
die Kreuz und die Quer, bis ihre Erschöpfung keine gekünstelte mehr ist
und sie zuletzt wirklich zusammen zu sinken drohen. -- -- --
Das sind die dunkeln Gestalten, die zum Pfarrer der Kirche »alla buona
morte« hineinschlüpften, um mit ihm zu verhandeln und gegen Erlag
einiger variciaki Weizen die Erlaubniss zu bekommen, am Charfreitage
als »Kreuz« die Procession zu begleiten. Hinter diesen tänzelnden und
schwankenden Jammergestalten folgt aber noch eine Andere. Schwarz vom
Kopf bis zu den nackten Füssen, tief gebeugt unter der Last eines
grossen hölzernen Kreuzes, das, um sein Gewicht zu erhöhen, +hohl und
mit Sand ausgefüllt ist+, schwankt eine Gestalt vor dem nachfolgenden
Thronhimmel einher. Das Gesicht ist verhüllt, -- Niemand kennt ihn,
als der Pfarrer der Kirche »alla buona morte« und sein Küster. Sechs
stämmige Bauern mit Windlichtern begleiten ihn und sehen mit peinlicher
Aufmerksamkeit darauf, dass das untere Ende des Kreuzes, das er über
der linken Schulter trägt, den Boden nicht berühre. Geschieht es
dennoch, +so gilt es nicht+! Was? Die Busse! Denn der geheimnissvolle
Mann, der das grosse, über einen Centner schwere Kreuz trägt, +ist
der grösste Sünder, der dem Dompfarrer im Laufe des letzten Jahres
gelegentlich des Beichthörens vorgekommen+.
In Spalato erzählt man allgemein, der Conte C. habe vor einigen Jahren
das grosse Kreuz getragen!
[Illustration]
Hippolytos und Phaedra.
Nördlich von Spalato und von demselben eine gute Stunde entfernt, dehnt
sich ein mächtiger natürlicher Hafen, der beste, grösste und schönste
im ganzen adriatischen Meere. Gegen Südwesten begrenzt ihn die Insel
Solta, auf allen anderen Seiten umsäumt ihn das Festland von Dalmatien
mit den bizarren Formen seiner Küste, und wenn der Südwind seine Wellen
kräuselnd aufdämmt, so hängen wohl klare Tropfen von Meerwasser an
den dunkeln Olivenbäumen und den traubenbedeckten Reben, die sich bis
unmittelbar an die Grenze der kühlen Fluth hinabziehen. Die auf den
glühenden Kalkfelsen schütter gelagerte Erde, die prächtige Seeluft,
der tiefblaue Himmel und die strahlende Sonne erzeugen in ihrem
Zusammenwirken eben keine schlechten Producte auf diesem gottgesegneten
Stückchen Erde. Der feurigste Wein, die süssesten Feigen, das beste
Oel, weite Felder voll prächtiger Melonen, das schönste Gemüse in
Hülle und Fülle -- das sind die Erzeugnisse des reizenden Geländes,
das, von den schroffaufstarrenden nackten Bergen des Mossor gegen
die Bora geschützt, in ruhigathmender Schönheit zu den Füssen des
Beschauers ruht. Es ist dies die Bucht und das Gestade der »Sette
Castelli«, so genannt von sieben alterthümlichen Burgen, die früher
längs der Küste zu deren Vertheidigung erbaut waren und jetzt eben
so viele Mittelpuncte von freundlichen Dörfern bilden. Und wie um in
die Schönheit der Landschaft keinen Misston zu bringen, bilden auch
die Bewohner dieser Sette Castelli den schönsten Menschenschlag, der
in Dalmatien zu finden. Ernstdreinschauende, hohe und kräftige Männer,
dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen Zöpfen
hegen und pflegen dort den dankbaren Boden.
Dass die Menschen in den Sette Castelli so auffallend schön gerathen,
das hängt freilich weniger von dem reichen Erträgnisse ihrer Felder
und Gärten ab, sondern von einem anderen Umstande: die Race ist dort
gekreuzt. Als nämlich im ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die
Franzosen Dalmatien besetzten, hielt es der Marschall Marmont für
nothwendig eine das ganze Land durchziehende Strasse zu bauen, welche
es möglich machte zwischen dem Süden und Norden Dalmatiens Verbindungen
zu unterhalten, ohne zur See von feindlichen Kreuzern belästigt zu
werden. Die Strasse wurde ausgeführt, besteht heute noch und heisst
noch immer im Volksmunde »Strada Marmont«. Ueberhaupt möge hier die
Bemerkung ihren Platz finden, dass die Franzosen in der kurzen Zeit,
während welcher das »illirische Königreich« bestand, für Dalmatien
beinahe mehr thaten, als Oesterreich bis vor wenigen Jahren zu thun
unterliess. Das Resultat dieser Gleichung zu suchen, sei Anderen
überlassen. Erzählt man doch in Dalmatien hierüber eine bezeichnende
Aeusserung des Kaisers Franz, der in den zwanziger Jahren das Land
bereiste.
»Wer hat dieses Gebäude erbaut?« fragte der Kaiser.
»Die Franzosen, Majestät«, hiess es.
»Und wer hat diesen Garten angelegt?«
»Die Franzosen, Majestät.«
»Und die Strasse?«
»Die Franzosen, Majestät.«
»Und diese Seidenspinnerei?«
»Die Franzosen, Majestät.«
»So?« sagte der Kaiser, in seiner bekannten glatten Manier, »mir
scheint, hier haben Alles die Franzosen gemacht, da ist es schade, dass
sie nicht ein paar Jahre länger hier geblieben sind.«
Um also nun wieder auf die Strada Marmont und die veredelte Race
der Sette Castelli zu kommen, so liess Marschall Marmont gerade das
Stück Strasse, das sich von Traù längs der Küste der Sette Castelli
bis gegen Spalato zieht, durch die Mannschaft des 72. französischen
Infanterie-Regiments bauen. Die Soldaten arbeiteten des Tags, schliefen
des Nachts bei den Bauern -- und die Folge war eine schöne Strasse und
ein prächtiger Menschenschlag -- -- -- ernstblickende hohe und kräftige
Männer, dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen
Zöpfen.
Zwischen dem Gestade der Sette Castelli und der Stadt Spalato, eine
halbe Stunde von Ersterem und eine Stunde von der Letzteren entfernt,
liegen die Ruinen der einst mächtigen und blühenden Römerstadt Salona,
die, theilweise von der durch zwölfhundert Jahre angesammelten
Humusschicht befreit, heute noch ihre Bäder und Tempel, ihren Circus
und ihr Forum in trübseliger säulenkränzter Schönheit dem Beschauer
weisen. Grimmige Mauern umziehen im weiten Halbkreise das Ganze und
erstrecken sich epheubewachsen bis an das Meer, auf welchem einst
die Bewohner vor den herandrängenden Barbaren flüchteten. Ausserhalb
dieser Ruinen liegt das Dorf Salona, durchwegs aus Säulenstücken und
Steintrümmern des alten Salona erbaut. Marmorne Reliefs, römische
und griechische Inschriften findet man da beinahe an jedem Hause --
oft verkehrt eingemauert -- und umgestürzte Marmorsarkophage dienen
den Bauern als Steintische vor ihren Häusern. Aus einer Höhle des
Mossor-Gebirges, kaum eine Stunde weit von dem Dorfe Salona, entspringt
der Fluss Jadro, der seine krystallhellen und eiskalten Fluthen in
ungestümer Eile dem Meere zujagt, nachdem er im Dorfe Salona eine
Anzahl Mühlen getrieben. Wiesen, die ihr saftiges Grün durch das ganze
Jahr behalten, schlanke Pappeln, mächtige Buchen und rebenumrankte
Maulbeerbäume säumen seine Ufer ein und zwischen dem dunkeln Laube
schimmern die weissen Dächer der Mühlen hinaus in die Ferne.
Unter einer dalmatischen Mühle möge man sich nur ja nicht das mächtige
Getriebe von Räderwerk und Hebeln vorstellen, aus denen in civilisirten
Ländern eine Mühle zu bestehen pflegt. Die Dalmatiner sind eben ein
genügsames Volk und ihre Mühlen stehen womöglich noch ein wenig weiter
zurück in der Cultur als die Eingebornen selbst. Das Getreide oder der
Mais wird dort auf einem Esel in die Mühle geschleppt, schlecht und
recht gemahlen und auf demselben Esel wieder nach Hause befördert. Eine
Absonderung des Mehles von der Kleie kommt da nicht vor, das muss Jeder
zu Hause selbst vornehmen, wenn er es nicht vorzieht die Kleie mit dem
Mehl zu verzehren. Der Müller bekommt einen Theil des Getreides als
Mahllohn, dort »minella« genannt, betrügt dabei so viel als möglich und
so sind beide Theile zufrieden. -- -- --
Ein Ereigniss gehört in Spalato nicht zu den häufig vorkommenden
Dingen, desto grösser aber ist die allgemeine Erregtheit, wenn je
einmal das tägliche Einerlei durch irgend Etwas eine angenehme
Abwechslung erfährt. In Salona hatte man einen Fund gemacht. Ein Bauer
hatte ausserhalb der mächtigen Umfassungsmauern von Salona die Wurzeln
eines alten Weinstockes ausgraben wollen und war dabei auf etwas Hartes
gestossen. Er grub weiter und fand einen Marmor, der aber zu gross und
zu schwer war, als dass er ihn hätte herausheben können. Bei weiterem
Nachsuchen zeigte es sich, dass es der Deckel eines Sarkophages war,
und dass ein stämmiger Oelbaum, der gerade über demselben seine
immergrünen Zweige mit den Reben des abgestorbenen Weinstockes
verflochten hatte, die weitere Bloslegung des Sarkophages hinderte. Da
schüttete der Bauer die Grube wieder zu, um seinem Oelbaume nicht zu
schaden und der Sarkophag hätte ruhig ein weiteres Jahrtausend ruhen
können, wenn nicht der Bauer zufällig einen Process gehabt hätte und
in die Gelegenheit gekommen wäre mit einem Advocaten in Spalato zu
verkehren.
Wie Bauern schon sind, die niemals einen Gegenstand besprechen können,
ohne bei dieser Gelegenheit von Allem und Jedem, von ihrem Vieh und
Acker, vom Hause und vom Urgrossvater zu schwatzen, so kam auch dieser
auf den Deckel zu sprechen, den er unter dem Oelbaume bemerkt hatte.
Der Advocat veranlasste ihn, abermals den Deckel und ein Stückchen des
darunter liegenden Sarkophages bloszulegen und kaufte dann Deckel und
Sarkophag um fünfzig Gulden. Weil aber beide viel zu massig waren, um
so leicht gehoben werden zu können, so blieben sie bis auf Weiteres an
ihrem Fundorte, halb von Erde bedeckt unter den Wurzeln des Baumes.
Einige Jahre darauf -- es war im Jahre 1871 -- war der Professor
des Obergymnasiums in Spalato, Glavinic, ein lieber Freund, den bei
dieser Gelegenheit herzlich zu grüssen mir gestattet sei, Custos des
in Spalato bestehenden Museums für Alterthümer. Als nun der Professor
für Archäologie an der Wiener Universität, Herr Contze, auf einer
Ferienreise in Spalato eintraf, führte ihn Professor Glavinic unter
Anderm auch zu dem erwähnten Oelbaume bei Salona. Professor Contze
sah nur den wuchtigen Deckel und den Kopf einer der Figuren, die
an der Vorderseite des Sarkophages in erhabener Arbeit ausgeführt
sind, und erklärte auf den ersten Blick den Letzteren für den Kopf
einer Phaedra. Bei seiner Rückkunft nach Wien veranlasste derselbe,
dass die Regierung den Sarkophag ankaufte; derselbe wurde durch
Artilleriemannschaft mit Hilfe von Hebzeugen gehoben, auf einen starken
Karren gepackt und in das Museum nach Spalato überführt. Dort steht er
jetzt noch und wer von meinen Lesern einmal das freundliche Spalato
besuchen will, kann ihn dort sehen.
Es ist des alten Euripides berühmte Tragödie Hippolytos und
Phaedra, die auf der Vorderseite des aus einem Stücke parischen
Marmors gehauenen riesigen Sarkophages dargestellt ist. Zur Linken
des Beschauers ruht Phaedra von dem durch Zeltwände angedeuteten
Frauengemache, während ihre Mägde beschäftigt sind, sie ihres
königlichen Schmuckes, des Diadems zu entkleiden. Zur Rechten sitzt
Theseus, der beleidigte Vater, im ernsten Gespräche mit seinen
Freunden, von denen einer bemüht zu sein scheint, den schrecklichen
Verdacht zu zerstreuen, den er dem unschuldigen blühenden Sohn
gegenüber Raum gegeben. In der Mitte steht Hippolytos, völlig nackt,
mit dem Speer in der Faust, zur Jagd gerüstet, in ätherischer Schönheit
-- zu seiner Seite das Ross, von den Göttern zum Werkzeuge seines
Unterganges bestimmt, indem es ihn über die Klippen zu Tode schleifen
sollte. In der einen Hand hält Hippolytos die Rolle, den Befehl des
erzürnten Königs und Vaters, der ihn in die Verbannung schickt.
Ein Cupido zu den Füssen Phaedra's und die alte Amme zur Seite des
Hippolytos, die nach Ammenart als Kupplerin gedient, vervollständigen
die Gruppe. Als der Sarkophag, von sechs Ochsen gezogen und mit grünem
Reisig geschmückt, seinen Einzug in Spalato hielt, da war Alles auf
den Beinen, um ihn anzustaunen und man konnte da aus der Menge des
umstehenden Volkes die sonderbarsten Erklärungen über die figurenreiche
Gruppe hören, die an seiner Vorderseite prangt.
Aber eine ganz eigenthümliche Anschauung sollte sich über den antiken
Fund und seine Bedeutung noch im Volke verbreiten. Zur selben Zeit, als
man in den Räumen des +alten+ Salona den Sarkophag hob und ihn nach
Spalato überführte, starb in dem +Dorfe+ Salona ein Müller. Weib und
Kinder blieben natürlich im Besitze der Mühle und nichts hätte Anlass
gegeben des Müllers Tod mit der Hebung des Sarkophages in Verbindung
zu bringen, wenn nicht unmittelbar in der Nähe der Mühle eine neu
auftretende oder erst jetzt bemerkte Erscheinung die Aufmerksamkeit der
Leute erregt hätte.
Der Graben, in welchem das Wasser des Flusses Jadro der erwähnten
Mühle zugeleitet wird, verengt sich plötzlich unmittelbar vor der
Mühle und stürzt durch drei jäh abfallende Rinnen auf die Mühlräder.
In einer dieser Rinnen zeigte sich nun von Zeit zu Zeit, nämlich in
Zwischenräumen von einigen Minuten ein silberheller Streifen, der am
Boden der hölzernen Rinne sich fortbewegend eine entfernte Aehnlichkeit
mit einer Schlange hatte, die gegen den Strom des Wassers schwamm. Dann
verschwand die Erscheinung, um nach Kurzem sich wieder zu zeigen. Nun
ist es ein Erfahrungssatz, dass die Leute, je weniger Geist sie haben,
destomehr das Bedürfniss fühlen, sich mit Geistern zu beschäftigen,
daher denn auch binnen wenigen Tagen ganz Spalato, oder wenigstens ein
guter Theil desselben, sowie sämmtliche Bauern in der Runde von dem
»Geiste des Müllers« sprachen, der sich bei der Mühlenschleusse zeige.
Auch +warum+ der Geist sich zeige, war bald kein Geheimniss mehr, --
mir wurde es durch eine »Contessa« enthüllt.