Wie er Pfarrer und Zauberer geworden? Das ist bald erzählt. In die

Schule ist er +nicht+ gegangen. Er hat seine Lehrzeit bei einem

morlakischen Landpfarrer durchgemacht, der ihn in die Geheimnisse des

Schreibens und Lesens eingeweiht und, als er das konnte, ihm auch

das Messelesen beigebracht. Dann hatte er die Weihen erhalten und

war Priester geworden. Und da er jetzt slavisch schreiben und lesen,

nebstbei auch die Messe celebriren konnte -- da er die Tonsur auf

dem Kopfe und über derselben den dreifach gestülpten Hut trug, so

war der morlakische Pfarrer fertig und er ward irgendwo im Gebirge

installirt, auf Stunden im Umkreise allein mit der ihm anvertrauten

Heerde. So ist er Pfarrer geworden. Was aber das Zaubern betrifft, so

hat er es eigentlich von Niemanden gelernt. In dieser Beziehung ist

er Autodidakt. Das Gebahren mit den »Zapis« hat er allerdings seinen

Amtsbrüdern abgelauscht. Diese -- die Zapis -- kann man in Spalato

bogenweise gedruckt kaufen und er brauchte nur eine Papierscheere, um

die einzelnen Zapis abzulösen und sie den Morlaken als unfehlbares

Mittel gegen alles mögliche und unmögliche Ungemach zu verkaufen.

Das gab ihm die Sauce zum Braten. Um aber den Braten selbst sich zu

verschaffen, dazu erfand er sich einen eigenen Sport. Sehr einfach. Nur

das Vaterunser.

Ja -- das fromme schlichte Gebet, das seit anderthalb Jahrtausenden

in schwerer Trübsal, in Noth und Bedrängniss von Millionen und

Millionen hinaufgesendet wird zum Schöpfer des Himmels und der Erde --

das Gebet, das die Mutter dem Kinde lehrt, wenn es kaum zu stammeln

beginnt -- das Gebet, das in dem ernsten und feierlichen Momente, in

welchem der Geist des Vaters, der Mutter, sich losringt von diesem

Erdenungemach, schluchzend von der knienden Kinderschaar als letzter

Gruss dem Scheidenden mitgegeben wird -- das Gebet, das die Herzen

rührt und erschüttert seit jener fernen Zeit, in welcher der schöne

Christenglauben seinen stillen, siegreichen Einzug gehalten in die Welt

-- das Vaterunser -- ist der Sport des Don Malachia.

Er selber glaubt nicht daran. Hätte die Bitte, »sondern erlöse uns von

dem Uebel« je Wirkung gehabt, so wäre Don Malachia nicht mehr möglich.

So aber erfreut er sich des prächtigsten vierschrötigen Wohlseins

und betreibt seinen Sport wie früher. Um zehn Kreuzer betet er ein

Vaterunser. Das wirkt oder soll doch wirken. Was immer der Morlake

wünschen mag, Gutes für sich, Schlimmes für den Nachbar, Regen, Wind,

Trockenheit, Genesung von Krankheiten, Vermehrung seines Viehstandes,

Fruchtbarkeit seines Weibes -- für Alles das betet Don Malachia ein

Vaterunser um zehn Kreuzer.

Früher hatte er, was die Fruchtbarkeit der Weiber anbelangt, ein

anderes Zaubermittel in Anwendung gebracht, und zwar mit dem besten

Erfolge. Die Morlaken zahlten auch dafür. Aber der Bischof, dem man

sehr viel davon zu erzählen wusste, wollte dessen Anwendung nicht

mehr leiden, umsoweniger, als durch eine merkwürdige Verkettung von

Umständen Don Malachia statt des erhofften Geldes oder der Victualien

von den Morlaken manchmal für seine Zaubermittel Prügel erhalten hatte.

Auch erschiessen wollten sie ihn zuweilen. Darunter aber leidet die

Standesehre und desswegen wurde er seines Postens als Pfarrer entsetzt

und privatisirte fortan in Spalato. Jetzt betreibt er nur mehr den

Vaterunser-Sport. Wie viel Vaterunser ein normal organisirter Mensch im

Laufe eines Tages herunterzusagen vermag, ist bis heute wohl noch nicht

berechnet worden. Es müssen aber viele sein, denn mit den Vaterunsern,

oder, besser gesagt, mit der Bezahlung von zehn Kreuzern für jedes

Vaterunser unterhält Don Malachia sich selbst in seiner vierschrötigen

Wohlbeleibtheit, seine ziemlich zahlreiche Familie und -- mit diesem

Gelde hat er sich das hübsche Häuschen erbaut, das so weiss und

freundlich durch die blühende Wildniss schimmert. Das Volk kennt die

erzählten Umstände ganz genau, lässt aber immer wieder seine Vaterunser

um zehn Kreuzer per Stück durch Don Malachia beten. Der Bischof weiss

es auch, aber Vaterunserbeten ist nichts Unrechtes -- und so lässt sich

wenig dagegen einwenden. Im Volksmund aber heisst das Haus: »Kuća od

Otčenašah« -- das Paternosterhaus.

»Sondern erlöse uns von dem Uebel! Amen.«

[Illustration]

Jacuve Ciciola und seine Liebe.

Jacuve heisst Jacob -- Ciciola ist ein Spitzname und heisst gar nichts,

-- welches Wesen aber so glücklich war, die Liebe des Jacuve Ciciola zu

erringen, das will ich lieber erst am Ende dieser meiner armen Zeilen

erzählen, weil es immer gut ist, sich für alle Fälle zu decken und

dafür zu sorgen, dass dergleichen Dinge auch bis zu Ende gelesen werden.

Vielleicht war ich nicht ganz exact, als ich dem Namen meines Helden

eine negative Bedeutung zusprach. »Ciciare« ist ein Wort, das zwar

meines Wissens in keinem Wörterbuche zu finden ist, dafür aber im

Dialekte der untersten Venezianer-Volksclassen »saugen« bedeutet, ganz

entsprechend dem wunderbar schönen Wiener Ausdrucke »zuzeln«. Gibt

man aber die Richtigkeit dieser etymologischen Abstammung zu, so ist

auch damit die logische Berechtigung anerkannt, meinen Helden eben

Ciciola und nicht anders zu nennen, denn der Herr, der diesen äusserst

romantisch klingenden Namen trägt, hat die ebenso angenehme als

nützliche Gewohnheit, zwei oder drei junge Zwiebelpflanzen von der Art,

die man in Italien und Dalmatien Scalogna, in deutschen Landen aber

Schalotte nennt, in der Hand zu halten und mit sichtbarem Behagen daran

zu saugen.

[Illustration: Jacuve Ciciola.]

Ausser den eben erwähnten hat Jacuve Ciciola keine besonders luxuriösen

Gewohnheiten. Ein Paar alte Schuhe, +keine+ Strümpfe, blaue,

zerrissene türkische Pumphosen, ein Hemd und ein langer brauner

Mantel, der an den Lenden durch einen Strick zusammengefasst ist,

bilden seine Bekleidung; auf dem kraushaarigen, dicken Kopfe trägt er

eine rothe morlakische Mütze, und in einem Loche, das er in die linke

Brustseite des Mantels eigens gerissen, steckt ein kurzer Tschibuk. Er

schläft, wo er kann, er isst, was man ihm schenkt, und trinkt Wasser,

wann und wo er es findet.

Mit dem Wasser hapert's manchesmal im Sommer; denn Spalato, die Vater-

und Residenzstadt Jacuve Ciciola's, besass wohl vor dreizehnhundert

Jahren eine prachtvolle aus Quadern gebaute Wasserleitung, welche das

frische Quellwasser eine Stunde weit aus Salona nach Spalato führte,

aber diese liegt heutzutage in Trümmern. Heute hat man in Spalato nur

Regenwasser aus Cisternen; versiegt dieses aber im Hochsommer, was

beinahe jedes Jahr der Fall ist, dann müssen die Spalatiner wieder zu

dem frischen Quellwasser in Salona greifen, nur läuft dasselbe heute

nicht mehr von selbst nach Spalato, sondern es wird in Fässern dahin

getragen -- auf Eseln.

Man kann nicht sagen, dass Spalato von der Natur stiefmütterlich

behandelt sei. Im Sommer hat man dort zu essen und im Winter -- wenn

es regnet -- zu trinken. Unangenehm bleibt es aber, dass, je nach der

Jahreszeit, die gleichzeitige Befriedigung beider Bedürfnisse mit

Schwierigkeiten verbunden ist, wenigstens für die arme Classe, und

Jacuve Ciciola gehört nicht zu den Reichen.

Nur drei Stunden von Spalato entfernt liegt der District Poglizza, noch

unter der Herrschaft der Venezianer ein reiches blühendes Stück Landes,

das feines Obst und Tabak in solcher Menge und solcher Güte erzeugte,

dass die Poglizzaner ein berittenes Corps von dreihundert Reitern

auf eigene Kosten ausrüsten und erhalten konnten, wenn die erlauchte

Republik Krieg führte. Und die erlauchte Republik führte ziemlich oft

Krieg. Heute dürfen die Poglizzaner keinen Tabak mehr bauen, darum

können sie auch keinen verkaufen und darum sind sie auch mit ihrer

Obstcultur, mit Respect zu sagen, auf den Hund gekommen. Weil aber in

den Ritzen und Schluchten des glühenden gelben Gesteins, aus welchem

der Boden der Poglizza besteht, wohl Tabak und Obst, aber kein Getreide

gedeiht, so haben sie in der Poglizza überhaupt nichts oder beinahe

nichts zu essen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht aus Maisbrod und

wildwachsenden Kräutern, die sie mit etwas Essig geniessbar machen. War

das vergangene Jahr ein schlechtes -- und das Jahr kommt, Gott sei's

geklagt, oft vor -- so mischen sie das Mehl mit gestampfter Baumrinde

und backen Brod daraus. Gegen Ende des Winters, wenn das Mehl alle

geworden und nur mehr die Baumrinde übrig geblieben, dann ziehen sie

einzeln und zu Haufen nach Spalato und betteln. Gelbe pergamentartige

Gesichter, schlotternde Gestalten, in Fetzen gehüllt, auf dem Kopfe

ein rothes Käppchen und an den Füssen Sandalen aus ungegärbtem Leder,

den Bettelstab in der Hand, so schwanken sie in der Winterkälte durch

Spalatos Strassen und strecken die zitternden Hände aus mit dem

stereotypen »bog vam da« -- »Gott vergelt's!«

+Viel+ besser ist eben Jacuve Ciciola auch nicht d'ran, aber er erspart

wenigstens den weiten Weg von der Poglizza bis nach Spalato. Und

dann bat er auch seine gewissen und regelmässigen Einkünfte, die ihn

immerhin vor allzu grossem Elende bewahren. Da stehen zum Beispiel

hinter dem Platze, der den volltönenden Titel »Herrenplatz« -- Piazza

Signori -- führt, gewisse alte, halbzerfallene Häuser. In Spalato ist

eben Alles alt und die meisten Häuser zeigen eine bedenkliche Neigung,

ihr ehrwürdiges Alter durch eine gewisse Hinfälligkeit zu manifestiren.

Um eine bestimmte Stunde werden da aus bestimmten Fenstern die

Ueberreste der Mahlzeit, die allerdings gewöhnlichen Menschen nicht

mehr recht geniessbar erscheinen wollen, einfach auf die Strasse

geworfen. Das weiss der Jacuve Ciciola und findet sich regelmässig ein,

um das in Empfang zu nehmen, was er als eine ihm mit Recht gebührende

Abgabe betrachtet. Hunde, die ihm die Beute streitig machen wollen,

verjagt er. Auch kennen ihn dieselben schon und sehen nur aus gehöriger

Entfernung mit lüsternen Augen zu, wie der Jacuve Ciciola speist.

Offenbar thun sie es in der Erwartung, dass er doch vielleicht etwas

übrig lassen könnte, aber diese Erwartung wird oft getäuscht, denn

Jacuve Ciciola hat die Kinnbacken eines Esels und das weisse funkelnde

Gebiss eines Raubthieres. Den Appetit hat er von beiden. Und so muss

ein Bein schon +sehr+ hart sein, wenn Jacuve Ciciola es nicht sollte

zermalmen können. Zudem ist Jacuve Ciciola von riesiger Stärke und wäre

im Stande, den Hund ohneweiters zu zerreissen, der es wagen würde, mit

ihm anzubinden. Das wissen die Hunde.

Das Bedürfniss, Kaffee zu trinken, hat Jacuve Ciciola ebenfalls nicht,

und ich bezweifle, dass er überhaupt je diesen Trank verkostet,

hingegen ist er ein grosser Freund des Tabaks und weiss sich ihn auch

billig zu verschaffen. Wenn er gespeist hat, sind auch so ziemlich

alle anderen Leute mit dem Mittagmahle fertig und vor dem auf der

Piazza Signori befindlichen Kaffeehause Troccoli sitzen die Officiere

der Garnison, die in Spalato ihren Standort hat. Dorthin schleicht

Jacuve Ciciola und glotzt so lange die Officiere an, bis sie ihm ein

paar Finger voll Tabak oder ein Stückchen Cigarre gereicht. Dann zieht

er den kurzen Tschibuk, der wie ein toll gewordener Orden auf seiner

linken Brust prangt, aus dem Loche, in dem er gesteckt, und fängt

an zu rauchen. Wohin er jetzt geht? Natürlich zum Meere, und zwar

gerade an jenen Punkt des Quais, der zum Landungsplatze der anlegenden

Dampfer bestimmt ist. Dort sitzt er stundenlang, mit den Füssen über

die Quaimauer hinabbaumelnd und mit den Wellen sprechend, die unter

ihm an das Gestein klatschen. Ist der Tabak zu Ende, so zieht er aus

irgend einer verborgenen Tasche seines braunen Mantels einige Zwiebel

hervor und saugt daran, bis der Abend gekommen -- darum heisst er eben

Ciciola. Ueberkommt ihn dann der Schlaf, so zieht er sich aus der

grossartigen Einsamkeit seines Observatoriums zurück und geht zu Bette.

Zu Bette. -- Längs des Hafens von Spalato zieht sich eine schöne,

breite Strasse, die gegen Westen durch die Gebäude des Zollamtes

und der Finanzdirection, im Osten durch einen Complex neu erbauter

Häuser begrenzt wird, in deren Rücken der Monte Margliano sich im

Meere spiegelt. Diese Häuser, welche der Arkaden wegen, mit denen sie

versehen sind, den Namen »procuratie nuove« führen, beherbergen unter

Andern ein Gasthaus, dessen Küche sich im Souterrain befindet. Auf dem

Boden der Vorhalle ist ein horizontales Eisengitter angebracht, durch

welches die heissen Dünste der Küche hinausströmen. Dieses Gitter ist

Jacuve Ciciola's Winterbett. Dort schläft er. Trotz seiner sonstigen

Gutmüthigkeit gibt er es aber nicht zu, dass einer der armen, vor Kälte

zitternden Morlaken, die des Bettelns wegen aus der Poglizza nach

Spalato gekommen, sein Lager theile. Es würden deren zu Viele kommen

und dann hätte er selbst nicht mehr Platz. Darum verjagt er sie, sobald

sie sich blicken lassen.

Im Sommer, da ist es anders und weit besser für Jacuve Ciciola und

die bettelnden Morlaken aus der Poglizza. Vor Allem hungern von den

Letzteren nicht mehr so Viele. Denn zu Ende des Winters oder im

Frühjahre, wenn sie absolut nichts mehr zu essen haben und in Spalato

auch nichts mehr erbetteln können, da hält gewöhnlich der Hungertyphus

seinen glorreichen Einzug in den District Poglizza, und wer den einmal

gehabt, der hungert selten mehr. Dann wächst auch in den Schluchten

und Klüften allerhand Kraut, das sie als Speise benützen, und

schliesslich finden sie doch eine oder die andere Arbeit, so dass die

Uebriggebliebenen dem Hunger und der Baumrinde des nächsten Winters mit

ruhigerem Gemüthe entgegensehen können.

Jacuve Ciciola ist dann in seinem Element. Mit dem Sommer kommt

allerhand Obst und Gemüse auf den Markt und er waltet dann seines

selbstgewählten Amtes als eine Art Aasgeier. Angefaulte Rüben,

weggeworfene Melonenschalen und dergleichen Dinge bilden dann eine

angenehme und nahrhafte Zukost zu dem Futter, das man ihm aus

dem Fenster zuschüttet. Er schläft nicht mehr auf dem Gitter der

Wirthshausküche, von wo mit der wohlthuenden Wärme ihm auch der

sättigende Geruch der Speisen zuströmte -- jetzt gehört Spalato ihm,

und keinen Winkel des alten Kaiserpalastes gibt es, wo er nicht, wenn

es ihm beliebt, sein Nachtquartier aufschlagen könnte. Die Siesta aber,

die hält er jetzt täglich versunken in dem Anblick -- seiner Liebe. Ja.

Da wäre ich glücklich bei dem zarten Gegenstand angekommen, den ich

gleich Anfangs erwähnt, und bin bereit, mein Wort zu lösen.

Als der alte Kaiser und Christenverfolger Diocletian sich den

prachtvollen marmorstrotzenden Palast erbaute, in dessen Mauern hinein

später die Häuser der Stadt Spalato genistet wurden, da liess er es

sich wohl kaum träumen, dass gerade die ihm so verhasste Secte der

Christen durch ihren Religionscultus den prachtvollen Jupitertempel

erhalten werde, der das Atrium seines Palastes schmückte. Während

allenthalben die Prachtbauten der alten römischen Kaiser nur in mehr

oder weniger gut erhaltenen Bruchstücken noch Zeugniss geben von

dem Kunstsinne ihres Erbauers, steht heute noch der Jupitertempel

Diocletian's in seiner vollen ehrfurchtgebietenden Schönheit, er heisst

heute die Domkirche, und das Atrium ist zur »piazza del duomo« geworden.

Seit fünfzehn Jahrhunderten ragen die mächtigen Säulen aus egyptischem

Granit und tragen den weissmarmornen Sims und die schön gewölbte

Kuppel, die seinerzeit auf Diocletian herabgesehen, als er dem

»Vater der Götter und Menschen« sein Opfer darbrachte. Seit fünfzehn

Jahrhunderten prangen noch immer unversehrt die in weissem Marmor

ausgeführten Jagdscenen, die, als Fries um die Kuppel laufend, die

keusche Göttin zeigen, wie sie mit der Lanze in der Hand und von

dem Trosse der leichtgeschürzten Gespielinnen gefolgt, hinter dem

erschreckten Wilde einherstürmt. Und am Fusse der breiten Treppe, die

von dem Atrium zum Tempel führt, liegt heute noch auf steinernem Sockel

wie vor fünfzehn Jahrhunderten die mächtige aus egyptischem Granit

gehauene Sphinx, den schönen Leib in prächtigen Formen hingegossen, mit

dem schönen Frauenantlitz und den geheimnissvoll starrenden Augen. Was

im Laufe der fünfzehn Jahrhunderte an ihr vorübergeglitten, das scheint

in diesem stummen Antlitz und in den unergründlichen Augen verborgen

zu ruhen, bis sie es vielleicht einmal später kommenden Geschlechtern

erzählt. Für jetzt aber spricht sie nicht und ihre Hände -- schöne

menschliche Hände -- ruhen fest gekreuzt unter dem strebenden Busen.

Vielleicht erzählt sie dann einmal, nach abermals fünfzehnhundert

Jahren, auch von dem Elende, das sie gesehen, und von den schlotternden

bettelnden Morlaken, die Brod aus Baumrinde assen!

Ob Jacuve Ciciola sich wohl etwas Aehnliches denken mag, wenn er

auf dem gegenüberliegenden Sockel sich in den Schatten legt, den

Leib gestreckt wie die Sphinx und die Augen fest auf das schöne

zweitausendjährige Bild gerichtet? Das ist +sein+ Geheimniss. Das

aber ist sicher, dass er stundenlang auf den Quadern liegen kann, um

die Sphinx anzustarren, während er an seiner Scalogna saugt, und dass

manchmal etwas wie Rührung aus seinen Glotzaugen blitzt, wenn er sie

anblickt -- denn die Sphinx ist Jacuve Ciciola's Liebe.

[Illustration]

[Illustration]

Wandelnde Kreuze.

Seitdem es den österreichischen Nachbarn der schwarzen Berge

eingefallen war im trauten Vereine mit den Montenegrinern einen kleinen

Feldzug gegen Oesterreich zu eröffnen, in dessen Verlaufe gleichwohl

mehr Nasen abgeschnitten wurden als in sämmtlich anderen vom Beginne

des dreissigjährigen Krieges bis jetzt gelieferten Schlachten, hat

man sich daran gewöhnt Dalmatien als ein Land zu betrachten, das ein

Fremder, ohne für seine Nase das Aergste befürchten zu müssen, nicht

leicht betreten könne. Morlake, Dalmatiner und Nasenabschneider,

das sind für die Meisten ganz homogene Begriffe geworden, und wenn

es je einmal Mode gewesen wäre, Vergnügungsreisen nach Dalmatien

zu machen: nach dem Aufstande in der Bocca di Cattaro hätte gewiss

Niemand mehr daran gedacht, aus einem anderen Grunde als der zwingenden

Nothwendigkeit wegen dorthin zu reisen.

Zum Glücke für Dalmatiner und Dalmatinerinnen sind derlei Vorstellungen

nicht nur im Allgemeinen grundfalsch, sondern auch in puncto Geographie

vollkommen unrichtig, denn man vergisst gewöhnlich darauf Bedacht

zu nehmen, dass Dalmatien zwar ein sehr schmales, aber auch sehr

langgedehntes Stück Landes ist, und dass es von der Bocca di Cattaro

bis zur Landeshauptstadt Zara ebenso weit oder mit Berücksichtigung

der mangelhaften Communications-Mittel noch weiter sei, als

beispielsweise von Triest nach Wien. Darum wird der Fremde, der zum

ersten Male Dalmatiens Küsten im nördlichen oder mittleren Theile

desselben, vielleicht bei Spalato betritt, erstaunt sein, einen ganz

anderen Schlag von Menschen und andere Sitten zu finden, als seine von

dem Anhören nasenabschneiderischer Geschichten erhitzte Phantasie ihm

vorgespiegelt hat, -- des Ausserordentlichen und von den Sitten anderer

Völker Abweichenden findet er immerhin zur Genüge.

Als seinerzeit venezianische Bürger um des Erwerbes willen in das

damals rein slavische Land Dalmatien übersiedelten oder von der

Republik als Beamte dorthin gesendet wurden, da entsprach es ganz der

Regierungspolitik dieses gleich einer zusammenbröckelnden Ruine aus

dem Mittelalter in die Neuzeit hineinragenden Staates, die eigenen

Angehörigen als Feudalherren über die Einwohner der durch Krieg und

Schacher erworbenen Provinzen zu setzen. Gewohnt, zu Hause unter dem

stetigen aber schweren Drucke zu seufzen, den eine ausschliesslich in

den Händen weniger bevorzugter Patricierfamilien ruhende Regierung

auf sie ausübte, fanden es diese Leute um desto angenehmer, wenn sie

plötzlich in die Lage kamen nun ihrerseits die kleinen Tyrannen zu

spielen; sie traten mit desto mehr Genuss, je lebhafter sie sich an die

erhaltenen Tritte noch erinnerten. Die Verhältnisse, die sie in dem arg

vernachlässigten Lande vorfanden, waren auch ganz darnach angethan ihre

kleinlichen Herrschergelüste eher anzufachen, als denselben hemmend

entgegenzutreten.

Um das Land in aussichtsloser Abhängigkeit zu erhalten, hatte die

erlauchte Republik nicht nur den materiellen Wohlstand desselben

unterdrückt, die Wälder systematisch ausgerodet, die Anlegung von

Strassen geradezu verhindert und die Schiffahrt möglichst erschwert,

sondern sich auch bemüht die Bevölkerung auf der tiefsten Stufe der

Rohheit und Unwissenheit zu erhalten. Letzteres war eben so leicht als

mit geringen Kosten verbunden: man errichtete eben nirgends Schulen.

Wollte einmal ein Dalmatiner ausnahmsweise seinem Sohne eine bessere

Erziehung angedeihen lassen, so war er genöthigt, ihn nach Venedig oder

Padua zu senden, -- nicht genug, selbst dort unterschied man zwischen

Dalmatiner und anderen Studenten und hütete sich wohl, den Ersteren zu

viele Kenntnisse beizubringen. Das mag barok und übertrieben klingen,

ist aber nichtsdestoweniger wörtlich wahr.

Noch vor dreissig Jahren lebten in Spalato zwei »Dalmatiner Advocaten.«

Was ein »Dalmatiner Advocat« ist? Ich will es erklären. Die erlauchte

Republik gestattete es den Dalmatinern, an der Universität Padua ohne

vorhergängige Studien eine Prüfung abzulegen, welche denselben das

Recht, den Doctortitel zu führen und die Advocatie auszuüben verlieh.

Wohlgemerkt! nicht in Venedig oder einer der venetianischen Städte,

sondern +nur in Dalmatien+ durften dieselben Advocaten sein. Die für

diese Prüfung zu erlegende Taxe bestand in einer kleinen Geldsumme

und +dreissig Schinken+. Natürlich war die Prüfung Nebensache, die

Geldsumme aber und die dreissig Schinken Hauptsache, daher sich der

Gebrauch ergeben konnte, dass Einzelne mehrmals und immer unter anderen

Namen ihr Doctorexamen in Padua ablegen konnten. Einer der beiden oben

erwähnten »Dalmatiner Advocaten«, dessen Sohn heute noch in einer Stadt

Dalmatiens die Advocatur ausübt, machte diese Prüfung +fünf Mal+ immer

mit der Börse in der einen und den dreissig Schinken in der andern

Hand, und vier Personen ausser ihm, die sich nie aus ihrer Geburtsstadt

entfernt hatten, erhielten auf Grund dieser Prüfungen, des Geldes und

der hundertzwanzig Schinken die Erlaubniss, als Sachverwalter vor den

Schranken +dalmatinischer+ Gerichte aufzutreten.

[Illustration: Bäuerin aus Macarsca.]

Italien und speciell die »erlauchte« Republik Venedig befanden

sich, als letztere in dem Trubel der politischen Ereignisse ihr

wohlverdientes Ende erreichte, mitten in der schönsten Blüthe

der Zopfzeit und die Cultur der Zopfzeit war es, welche von den

venetianischen Ansiedlern nach Dalmatien getragen wurde. Die

Südslaven waren damals und sind auch heute noch lange nicht bei der

Zopfzeit angelangt und so ergab sich aus dem Gemische der beiden

Nationalitäten eine merkwürdige Verquickung der Sitten und der Cultur,

die bis zum heutigen Tage besteht und voraussichtlich noch durch

lange Jahre ihren Einfluss zeigen wird. Slavischer Aberglaube und

romanische Ueberschwenglichkeit, italienische Selbstüberhebung und

der südslavische Charakterzug, sich dem Unvermeidlichen mit stummer

Ergebenheit zu beugen, reichten sich da die Hände. Darum wird ein

Italiener, der heute die Küstenstädte Nord- und Mitteldalmatiens

besucht, vorwiegend slavische Städte zu finden glauben, während ein

Slave, wenn er aufrichtig sein will, in Zara, Sebenico, Spalato,

Macarsca und Almissa italienische Sitten und Gebräuche ebenso bestimmt

finden, als in dem breitgedehnten Dialecte ihrer Bewohner die

venetianische Volkssprache wiedererkennen wird.

Eine Eigenschaft haben beide Nationalitäten mit einander gemein: die

Sucht zu glänzen. Der Italiener, dem die tausendjährige Cultur seiner

Voreltern in den Gliedern steckt, thut es, indem er sich womöglich

einen Orden verschafft, ihn so viel als thunlich heraushängt und

sich vor aller Welt als »Cavaliere« ansprechen lässt, -- der Slave,

und zwar besonders der Südslave, indem er in seiner Nationaltracht

die schreiensten Farben nebeneinander zur Schau trägt, die ihm

zugänglich sind. Darum findet man auch kaum in einem Lande eine

solch' ausgesprochene Sucht bei jeder sich ergebenden Gelegenheit den

möglichsten, meistens sehr abgeschmackten und verschossenen Prunk zu

entwickeln, der sich bis zum fratzenhaften steigert, wenn der Anlass

dazu ein religiöser war.

Aus halbvergessenem Lande. Culturbilder aus Dalmatien · 第 3 / 12 段