an das Gebiet von Spalato grenzt, heisst Botticelle, und Botticelle
heisst auch die Bucht, die sich dort in das Land eingeschnitten. In
der Bucht badet zur Sommerabendzeit die ganze elegante, bürgerliche
und gemeine Welt von Spalato -- oben auf dem Felsenrücken, unter den
üppigen Reben liegen die Leichen von Pestkranken verscharrt und --
dort ruhen auch die Schätze. Ja, wirkliche, ordentliche, klingende
Schätze in blankem Gold und Silber. Und wer's nicht glaubt, der gehe zu
nachtschlafender Zeit nach Botticelle, so um Neumond herum, wenn nur
das leise Rauschen des Meeres zu hören und einzelne Sterne durch die
feuchtheisse Atmosphäre herniederleuchten. Dann mag er die schlanken,
blauen Flammen spielen sehen zwischen den Reben und unter dem
dunkeln Schatten der Oelbäume, dann mag er es aufblitzen sehen in dem
thaufeuchten, warmen Dunkel, und dann -- ja, dann mag er es nochmals
behaupten, wenn er Lust und Muth dazu hat, dass in Botticelle keine
Schätze liegen.
Eines weiss man nicht: wie die Schätze nach Botticelle gekommen und
wer sie dort vergraben hat. Dafür aber herrscht über die Herkunft
der Pestleichen nicht der geringste Zweifel. Als im Jahre 1784
zum letztenmale die Pest durch türkische Caravanen nach Spalato
eingeschleppt wurde, da begrub man die an dieser Krankheit Verstorbenen
in einem grossen, in Stein gehauenen Schacht auf dem gemeinschaftlichen
Friedhofe San Stefano. Dort stehen heute noch zwei steinerne Kreuze
mit der Aufschrift: »Ob pestem Angelo Diedo Provisore 1784.« Die an
der Pest verstorbenen Türken aber verscharrte man ohne viel Ceremonie
gleich hinter der Stadt in Botticelle, weil erstens das Lazareth, wo
sie gestorben, in der Nähe lag oder vielmehr heute noch dort liegt,
und zweitens, weil man die ungetauften Türkenhunde nicht in geweihter
Erde und in dem geweihten Schachte begraben wollte. Und gerade dort,
über den verscharrten Leibern der pestkranken Türken, tanzen in dunkeln
Sommernächten die schlanken, blauen Flammen -- gerade dort liegen auch
die Schätze.
Alle Welt weiss es. Auch Herr Stipe Noncovich junior wusste es, und
wenn er, oft Düten drehend oder die Elle handhabend, in dem dumpfen wie
ein Ei gefüllten Laden seines Brodherrn und Oheims stand, dann waren
seine Gedanken draussen in Botticelle und irrten dort hin und her,
gleich den schlanken, blauen Flammen zur Sommernachtszeit.
Wer die Schätze heben könnte! Ach, welch' schöne Kleider wollte er
tragen, wie wollte er geschniegelt und gebügelt über die Marine
promeniren, bald mit der, bald mit jener Dame sprechen und dabei den
Galanten machen, dass es nur so eine Freude wäre. Und gerade solche mit
den allerlängsten Schleppen wollte er sich aussuchen, seinem verehrten
Oheim und Herrn zum Trotz, der die neumodischen Schleppen nicht
leiden konnte. Und dann hätte er sich vor das Café Troccoli gesetzt,
hätte sich Gefrornes geben lassen, den Hut -- einen schwarzglänzenden
Cylinder -- in den Nacken gerückt, und hätte sich eine Cigarrette um
die andere gedreht. Eine schwere goldene Uhrkette müsste er haben und
eine goldene Uhr, dann an jedem Finger mindestens Einen Ring, goldene
Hemdknöpfe, lackirte Stiefletten und die wunderbarsten dunkelblauen
Hosen müsste er tragen -- ganz wie der Conte Anastasio, der genau in
diesem Aufzuge jeden Abend vor dem Café Troccoli sass. Und während er
diese Luftschlösser baute und an all' die Herrlichkeiten dachte, musste
er im Kaufladen seines Oheims Düten drehen!
Es war einmal ein Schneider in Spalato, dem es ganz ausserordentlich
schlecht ging. Der Mann war der Verzweiflung nahe, denn er hatte
nichts zu beissen und zu Hause riefen die Kinder um Brod. Da ging
er hinaus nach Botticelle -- wollte er sich die Felsen herab in's
Meer stürzen -- wollte er seinen Kummer verträumen -- wer weiss es?
Als er sich aber dort auf die Erde setzte und in unbewusster Wuth
eine handvoll Erde und Steine aufraffte, um sie fortzuschleudern, da
blieb ihm ein hellblinkender Ducaten in der Hand. Und dann fand er an
derselben Stelle noch einen und wieder einen und so fort, bis er blanke
sechsunddreissig Ducaten mit den Händen aus der Erde gescharrt hatte.
Mehr fand er nicht, obwohl er mit einem Spaten versehen zum zweitenmal
an Ort und Stelle kam und den ganzen Fleck umwühlte. Und das ist kein
Märchen, denn der Mann lebt heute noch und hat seinen eigenen Laden, wo
er mit drei Burschen den ganzen lieben Tag lang rothe Mützen näht und
sie an die Morlaken um gutes Geld verkauft.
Was dem halbverzweifelten Schneider gelungen, das sollte ihm, Herrn
Stipe Noncovich junior, nicht möglich sein, -- ihm, der sich zu Höherem
geboren fühlte?
Eine goldene Uhrkette, ein blank gebügelter Cylinder und die blauen
Hosen des Conte Anastasio tanzten vor seinen Augen einen wilden Reigen
und das Blut stieg ihm wie siedend zum Kopfe.
Herr Noncovich senior aber hatte in diesem Augenblicke keine so üppigen
Träume wie sein hochaufstrebender Neffe und »Giovane«.
Es vergeht selten ein Jahr, in welchem zur heissen Sommerszeit, wenn
die Früchte, wenn Melonen und Gurken in reichem Ueberflusse reifen,
nicht die Cholera einen kleinen Umzug hält durch das langgestreckte
Küstenland Dalmatiens. Auch in diesem Jahre war sie gekommen und Herr
Noncovich senior war einer der Ersten, bei dem sie Einkehr gehalten.
Weil aber der Verkaufsladen nicht leer stehen durfte und vielleicht
auch aus anderen Gründen, war es nicht der Neffe und Giovane, der
seinen Herrn und Oheim pflegte, sondern ein guter Freund und
weitschichtiger Vetter des Letztern, der Signor Beppo.
Lange dauerte es nicht. Des Morgens hatte der alte Herr sich
niedergelegt, zwei Stunden darauf hatte man einen Franciskaner geholt,
der die Krankheit wegbeten sollte, Mittags kam der Arzt, um fünf Uhr
Nachmittags ging es dem Kranken besser (was die Folge des Wegbetens
war) und um zehn Uhr Abends war er eine Leiche.
Der Signor Beppo hielt aber mit rührender Sorgfalt bei dem Kranken
aus, hegte und pflegte ihn und als er todt war, bestellte er selbst
die Männer und Weiber zur Leichenwache und besorgte in eigener Person
Schnaps und Brod für dieselben. Auch warf er den Herrn Stipe Noncovich
junior eigenhändig zur Thüre hinaus, als derselbe zu später Nachtstunde
in das Trauerhaus kam. Des andern Morgen kam die Gerichtssperre und
es wurde Alles hübsch ordentlich aufgenommen, was der alte Herr
hinterlassen. Es fand sich aber nicht viel. Ausser den Möbeln und
werthlosen Kleidern fand sich eigentlich nichts. Kleider und Möbel
sowie das gefüllte Verkaufsgewölbe in der Calle Alberti gingen in die
Hände einer in Sebenico lebenden Schwester des Verstorbenen über. Der
Herr Beppo, der ihn so treulich in seiner letzten Krankheit gepflegt,
bekam nichts. Und Herr Stipe Noncovich junior bekam auch nichts.
Darum schimpfte Herr Beppo weidlich über die Undankbarkeit seines
verstorbenen Freundes und Herr Stipe Noncovich, der Lebende, lungerte
den ganzen Tag in den Strassen der Spalatiner Vorstadt Pozzobuon herum.
Auch Abends sah man ihn dort, auf einem Stein sitzend mit einem Stücke
Polenta in der einen und einem gebratenen Fisch in der andern Hand.
Warum in Pozzobuon? Vielleicht weil Pozzobuon in der Richtung gegen
Botticelle liegt, wo die Schätze vergraben? Oder weil in Pozzobuon Herr
Beppo wohnte, der Freund und Pfleger seines verstorbenen Oheims?
Das hat keine lebende Seele je erfahren.
Ja, wer ein schlankes blaues Flämmchen hätte sein können, wie sie zu
nachtschlafender Zeit über Botticelle tanzen, der hätte in der Vorstadt
Pozzobuon so gegen Mitternacht herum etwas sehen können. Da stand das
Haus des Herrn Beppo und hinter demselben dessen Garten, ein grosses
mit Paradiesäpfelstauden, Misthaufen, Granatbüschen und Zwiebelbeeten
bedecktes Stück Erde. Wer da ein blaues Flämmchen hätte sein können
und sich hinter den Granatbüschen verborgen hätte, der hätte in der
pechfinstern, feuchten, heissen Nacht Jemanden aus Herrn Beppo's Thür
treten gesehen, der auf der linken Schulter eine Kiste und in der
rechten Hand einen Spaten trug. Und der hätte sehen können, wie dieser
Jemand in der unmittelbaren Nähe zweier Misthaufen und eines prächtigen
alten Feigenbaumes eine Grube machte und darin die Kiste begrub und
dann wieder Alles hübsch zudeckte und Mist darüber streute und dann
wieder in das Haus ging. Der hätte auch sehen können, wie dann aus den
Granatbüschen heraus eine andere Gestalt hervorschlich, die auch einen
Spaten hatte, aber mit demselben gerade die entgegengesetzte Arbeit
verrichtete. Denn die Gestalt grub genau an derselben Stelle nach, wo
die Kiste verscharrt worden war. Dann nahm die Gestalt die Kiste wieder
heraus, deckte die Grube wieder fein säuberlich zu, hob die Kiste auf
die Achsel und trollte sich damit fort. Wohin?
Neuigkeiten sind in Spalato selten. Kommt einmal eine solche vor,
so wird sie darum desto begieriger von Alt und Jung aufgegriffen,
besprochen und herumgetragen. Und heute gab es etwas Neues. Herr Stipe
Noncovich junior war gestern Abends vor dem Café Troccoli gesehen
worden. Dort hatte er sich ein Gefrornes geben lassen und sehr viele
Cigarretten geraucht. Er hatte einen funkelnagelneuen Cylinder auf dem
Kopfe und trug denselben stark nach hinten gerückt, -- von allen seinen
dicken Fingern blitzten Ringe und um den Hals schlang sich eine schwere
goldene Kette. Gold -- nicht Talmi. Dazu hatte er ein spanisches Rohr
mit einem grossen goldenen Knopf und ein Paar prachtvolle dunkelblaue
Hosen. Er war in seinem Auftreten ein genaues Conterfei des Conte
Anastasio. Und als er sein Gefrornes zahlte, das zwölf Kreuzer kostete,
liess er eine Hundertgulden-Note wechseln, was dem »Giovane« des Café
Trocolli bald eine Ohnmacht zugezogen hätte, und zeigte eine prächtige
mit Banknoten gefüllte Brieftasche. Mit Einem Worte: Herr Stipe
Noncovich junior war ein reicher Herr geworden.
Er hatte Spalato vor vierzehn Tagen als Passagier dritter Classe eines
Lloyddampfers verlassen. Seine ganzen Habseligkeiten bestanden in einer
kleinen hölzernen Kiste, die mit Stricken zugeschnürt war. Und gestern
war er von Triest zurückgekehrt -- wenn nicht ein Adonis, so doch ein
zweiter Conte Anastasio.
Lange hat es ihn aber in Spalato nicht gelitten. Er war blasirt. Dann
wollten auch die Damen nichts von ihm wissen, wenn sie Abends mit den
langen Schleppen über die Marine fegten und er den Galanten bei ihnen
zu spielen versuchte, weil, wie sie sagten, er schliesslich doch nur
ein »Giovane di Bottega« sei. Darum schiffte er sich eines schönen
Morgens wieder auf einem Lloyddampfer ein und reiste fort. Heute hat
er sich in Buenos Ayres etablirt, wo er einen schwungvollen Handel
betreibt. Dorthin liess er sich auch seine Schwester nachkommen, die
früher ein armes Schneidermädchen war.
Möchtest Du auch Schätze finden, lieber Leser? Gehe hin nach Spalato
zur Sommerszeit, wenn die Granatäpfel glühen, die Traube dunkelt, die
köstliche Feige vom Baume winkt. Zur Nachtszeit, bei Neumond, wenn
die Nacht schwarz, heiss und feucht über Meer und Felsen hängt, dann
ersteige die Höhen von Botticelle, wo unter dunkeln Oelbäumen und
fruchtschweren Reben die Leiber der pestkranken ungetauften Türkenhunde
ruhen. Siehst Du dann schlanke blaue Flämmchen aufzüngeln und im Tacte
der Wogen tanzen, die tief unten den Fuss der jäh abstürzenden zackigen
Felsen schmeichelnd küssen, so merke Dir den Punkt ganz genau. Dort
liegen die Schätze.
[Illustration]
[Illustration]
Das Paternosterhaus.
Ein altes Zauberland ist dieses Dalmatien. Die Engel, welche die
berühmte Kirche von Loretto seinerzeit nach Italien transportirten,
hatten es nicht verschmäht auf ihrer luftigen Reise in Dalmatien
Halt zu machen und dort die Kirche, bei Tersate, auf einige Jahre
zu deponiren. Wer es je versucht hat, ein schweres Möbel oder eine
tüchtige Kiste auf den Schultern fortzutragen, wird den Engeln die Rast
von Herzen gönnen; auch glaube ich nicht, dass es auf der weiten Welt
einen Dienstmann oder Packträger gibt, der ihnen nicht sachverständig
beistimmte. Früher schon hatte der heilige Domnius -- recte Domnionus
und nicht zu verwechseln mit dem officiellen Schutzpatron der Stadt
Spalato, Dominius -- bis zu seinem seligen Ende und noch über
dasselbe hinaus die Zauberei in Dalmatien geübt. Bolandus erzählt die
Geschichte und Archidiaconus Thomas ist sein Gewährsmann. Besagter
Domnionus war Hofbeamter Maximinian's, des Mitregenten Diocletian's
und ein heimlicher Christ. Als solcher ermahnte er die christlichen
Märtyrer, die sich damals in Dalmatien befanden, bei ihrem Glauben
auszuharren; er selbst aber floh gegen Rom, als es bekannt wurde, dass
auch er den neuen Glauben bekenne. Auf der Claudischen Strasse, unweit
der Stadt Julia Chrysopolis und an dem Ufer des Flusses Sytirion,
holten ihn die Häscher Maximinian's ein, banden ihn mit Stricken und
enthaupteten ihn. Da hob er sein abgeschlagenes Haupt auf, ging mit
demselben festen Schrittes über den Fluss und legte es am anderen
Ufer nieder, wo er auch sammt seinem Haupte begraben worden ist. Den
Grund dieses sonderbaren Benehmens weiss weder Archidiaconus Thomas
noch Bolandus anzugeben, aber aus dem Ganzen geht hervor, dass nur
Maximinian's Häscher selbst das Geschehene weiter erzählt haben können,
welcher Umstand immerhin als höchst achtenswerthes Zeugniss für die
Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gelten mag.
Was während des Mittelalters in puncto Zauberei in Dalmatien geleistet
wurde, darüber ist nicht viel bekannt, da aus naheliegenden Gründen
sehr wenige geschriebene Chroniken aus jener Zeit existiren. Wer sich
aber die Mühe nehmen wollte, heute eine Hexen- oder Zauberchronik
über Dalmatien und speciell über die Morlakei zu schreiben, der würde
des krankmachenden Unsinns genug finden, um einen recht anständigen
Band damit zu füllen. Die Hebamme ist die erste Zauberin, die mit
ihren Künsten an das frisch in die Welt gesetzte Kind herantritt.
Sie vergisst nie, wenn sie zu einer Wöchnerin gerufen wird, eine
»Rose von Jericho« mitzubringen, ein Distelgewächs, welches sie in
ein Glas Wasser steckt bis dasselbe, das Wasser aufsaugend, die
früher zusammengeballten Wurzeln öffnet. Dann bekommt das Kind einen
»Zapis« um den Hals gehängt, den gedruckten oder geschriebenen in
Leinwandfetzen und Schafleder eingenähten Zaubersegen, den der Pfarrer
oder das nächste Franciscanerkloster liefern muss. Wächst das Kind
heran, so ist es die Mutter oder die Grossmutter, deren Hauptaugenmerk
darauf gerichtet ist, den Einfluss der Hexen und bösen Geister von
demselben abzuhalten. In den Klüften des wild zerrissenen Gebirges, auf
den Höhen der felsigen Berge, in Wald und Sumpf, in jeder Ecke einer
verfallenen Hütte und in jedem Wasser, das in eiligem Laufe dem Meere
zustürzt, stecken die leidigen Hexen. Die »Viscizza« wandelt als altes
Weib im Dorfe herum, macht die Kinder krank, behext die Kühe und treibt
ihren Unfug, bis sie nicht eine Tracht Schläge erhält oder durch ein
Geschenk begütigt wird. Die »Morina« quält die Menschen im Schlafe und
benimmt ihnen den Athem. Der »Macich« versteckt sich in den Häusern,
poliert in der Stille der Nacht, zerrt an den Kirchenglocken, singt,
lacht, weint und verschwindet dann, wenn er seinen Muthwillen gekühlt
hat, indem er sich in einen Ochsen, einen Esel, ein Maulthier oder in
ein anderes Vieh verwandelt. Die »Vukodlaci« schleichen bei finsterer
Nacht in den Dörfern herum, verführen die Weiber, bringen Krankheiten
über Menschen und Vieh und nehmen, wenn verfolgt, die Gestalt von
Verstorbenen an. Die »Vile« entführen Knaben und Mädchen, um sie an
ihren nächtlichen Reigen theilnehmen zu lassen. Sie verlieben sich auch
in Pferde, welche dann weder Sattel noch Reiter dulden, ausser -- man
hängt ihnen einen Zapis um den Hals. Oel im Hause verschütten, bedeutet
den baldigen Tod eines Familien-Mitgliedes; ein umgestossenes Salzfass
bringt Krankheit in die Familie; ein Hund, der vor dem Hause heult,
bedeutet Unglück.
Gegen Alles das, gegen Tod und Weiberverführung, gegen Viehseuche und
den bösen Blick der Hexen, gegen Krankheit und Ungemach aller Art, das
durch Zauberkünste heraufbeschworen wurde, gibt es zwei untrügliche
Mittel: den Zapis und -- den Zaubersegen des Priesters. Ja, der
eigentliche und rechte Anti-Zauberer ist der Pfarrer. Dieser muss
den Zapis schreiben, wenn er ihn gedruckt nicht vorräthig hält, muss
die Würmer und Raupen verfluchen, muss die Heuschrecken vertreiben,
Krankheiten bei Menschen und Vieh heilen und nöthigenfalls auch das
Wetter machen. Wie er das Alles anstellt, das ist seine Sache. In
neuester Zeit haben die Bischöfe angefangen den zaubernden Pfarrern
ein wenig auf die Finger zu sehen und wohl auch auf die Finger zu
klopfen, aber gerade nur so viel, als zur Erhaltung des bischöflichen
Decorums nothwendig ist. Mein Gott! Der Morlake ist nun einmal auf den
verdammten Zauber versessen und der Pfarrer will leben -- sieht der
Bischof aber nicht ein wenig durch die Finger, so holt der Teufel den
Zauber und des Pfarrers Lebensunterhalt dazu.
Willst Du, lieber Leser, einen solchen Zauberer in seiner Höhle
besuchen? Komm' mit mir!
Der altehrwürdige Palast des Römerkaisers Diocletian spiegelt sich
heute noch stumm und altersgrau in den blaugekräuselten Wellen des
schönen Hafens von Spalato. Die Quadermauern des Palastes stehen
heute, nach anderthalb Jahrtausenden, noch fest und stämmig, die
Granit- und Marmorsäulen ragen heute noch ungebrochen, und die kühnen
Wölbungen der gedeckten Gänge, die zu dem Atrium des alten jetzt als
Domkirche dienenden Jupitertempels führen, tragen auf ihren wuchtigen
Schultern heute noch die Häuser, welche, zwischen Marmorsäulen und
Quadermauern hineingebaut, die Stadt Spalato bilden. Rings um die Stadt
dehnen sich im weiten Halbkreise die Vorstädte, selbst wieder von
felsigen Meeresbuchten und üppigen Pflanzungen umzogen, in denen die
Traube zwischen Feigenbäumen reift und Oelbäume ihre fahlen ernsten
Schatten werfen. Weiter hinaus schliessen nackte, hochaufstrebende,
felszerklüftete Berge den Horizont und über dem Ganzen ruht der
tiefblaue Himmel, fluthet die feuchtwarme Meeresluft, zittern die
heissen, gelbleuchtenden Strahlen der dalmatinischen Sonne.
Durch die Porta Aurea, das goldene Thor des alten Palastes, hinaus
führt uns der Weg, vorbei vor den Ruinen der Festungsmauern, über
denen noch immer der venezianische Löwe mit halberhobenen Flügeln in
lächerlicher Faulheit thront. Die staubige Strasse dreht sich gegen
Nordost, immer von den Ruinen der Festungsmauern links und von den in
morlakischer Weise gebauten Häusern rechts begleitet. Jetzt treten
wir auf einen freieren Platz. Eine kleine Kirche und ein grosses
Kloster zeigen ihre nackten, ungeschlachten Mauern. Es ist das
Franciscanerkloster, aus dem so viele »Zapis« hinausflattern unter
die Vorstadtbewohner und in die Morlakei. Ein Brunnen steht da, von
wasserholenden Mägden umlagert, der einzige Brunnen in Spalato, dessen
süsses Wasser beinahe durch das ganze Jahr nicht versiegt. Darum heisst
der Brunnen Pozzobuon, das Kloster und die Kirche heissen Pozzobuon
und die ganze Vorstadt, durch welche wir schreiten, heisst Pozzobuon
-- zu Deutsch: Guter Brunnen. Auch die Franciscaner im Kloster heissen
»Frati di Pozzobuon« und die Zapis, die sie verkaufen, kennt man unter
dem Namen der Zapis von Pozzobuon. Alles Pozzobuon. Schräge hinüber
vom Kloster ist ein grosses in die Erde gegrabenes Bassin. Es ist mit
Quadern ausgemauert, die vor dreissig Jahren aus Salona hieher geführt
worden sind. Um das Bassin herum stehen altrömische Sarkophage, halb in
die Erde versenkt. Auch diese sind aus Salona.
In dem Bassin schwappt ein dicktrübes Brakwasser von einer Schicht
grüner Sumpfpflanzen überdeckt, das auf weit und breit die Luft mit
ekelhaftem Gestanke verpestet. Milliarden von Mücken schweben über
demselben. Aus dem Bassin wird das Sumpfwasser mit hölzernen Kübeln
in die halb vergrabenen Sarkophage geschöpft, um die Eseln, Pferde
und Schweine zu tränken, die zu diesem Behufe Abends herbeigetrieben
werden. In der Nacht zieht sich dann wieder die grüne Decke über den
Stellen zusammen, an denen die Kübel eingetaucht wurden, und des
Morgens gleicht die Wasserfläche wieder einem schmutziggrünen Anger.
Vorbei. Der Weg dreht sich abermals nach rechts, die in morlakischer
Weise gebauten Häuschen werden seltener, die Düngerhaufen und
Kohlgärten um dieselben häufiger und grösser. Links ein grosser
Anger, von der Garnison Spalatos »die Flegelwiese« benannt, weil er
als Exercirplatz dient -- die italienisch sprechenden Spalatiner
nennen ihn höflicher »il Campo Marzo«, das Marsfeld. Rechts beginnen
die Weingärten. Dunkelblaue, mächtiggrosse Trauben verhüllen in
ihrer strotzenden Fülle die wenigen halbvertrockneten Blätter der
Reben. Alte Feigenbäume senken ihre schwerbeladenen Aeste zu Boden.
Hochaufgeschossener Mais zeitigt seine dicken Kolben und spielt
mit seinen schöngeschnittenen Blättern in dem leisen Hauche des
Abendwindes. Granatapfelbäume säumen den staubigen Weg -- aus ihrem
saftigen Grün heraus leuchten die feurigrothen Früchte. Wo ein
Stückchen Erde sich zeigt, schiessen wilde Schlingpflanzen heraus
und ringeln sich Schlangen gleich um Wein und Feigen, Oelbäume und
Granatäpfel. Die Luft ist heiss und feucht. Da gedeiht Alles -- auch
Zauberer.
Durch das dunkle Grün der üppigen Cultur schimmern die schneeweissen
Mauern eines ebenerdigen Hauses. Die mit weissen Vorhängen versehenen
Fenster blinken rein und behäbig auf die Strasse. In die Mauern sind
Bruchstücke antiker Reliefs eingefügt, und altrömische Inschriften, im
Laufe vieler Jahrhunderte halb verwischt, sagen uns, dass »hier« die
vielgeliebte Gattin des Titus Sempronius oder sonst eines Patriciers
des alten Salona ruhe. Nebenan besagt eine Votivtafel, dass ein
glücklicher Bräutigam dieselbe der Venus victrix -- der siegreichen
Venus gewidmet. Warum? Unbekannt. An der Gartenthüre, durch die man in
das Haus gelangt, prangen schlanke Marmorsäulen, von denen die eine
nicht zur anderen passt, und vor uns öffnet sich die Thüre -- -- zu des
Zauberers Höhle.
Da steht er selbst. Ein dickes spanisches Rohr mit einem mächtigen
Messingknopf stemmt sich auf den Boden, als ob es da Wurzel fassen
sollte. Eine fleischige Faust mit wulstigen kurzen Fingern umklammert
das Rohr. Der lange und enge Aermel, in dem die Faust halb versteckt,
gehört zu einem dunklen, aus grobem Tuche gefertigten Rock, der weit
herabfallend ein Paar unmässig grosser Kanonenstiefel theilweise
verhüllt. Für die fette und breite Brust, die auch aus Salona zu
stammen und einem römischen Gladiator zu gehören scheint, ist der Rock
offenbar zu enge. Dafür stützt der hohe Kragen zwei kolossale, wie
aus Marmor gehauene Ohren sowie das doppelte Kinn und ein unmässig
breites Gesicht, dessen kleine Augen unter den buschigen Augenbrauen
mit listiger Schärfe hervorblitzen. Der halbgeöffnete Mund erinnert
an die Oeffnung eines Klingenbeutels. Auf dem Kopfe aber sitzt
ehrfurchtsgebietend das Abzeichen des dalmatinischen Pfarrers, der
schwarze, dreifach gestülpte Schäferhut. Das ist Don Malachia, der
Zauberer von Spalato, und das Haus -- +sein+ Haus -- vor dessen Eingang
er steht, ist das Paternosterhaus.