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AUS HALBVERGESSENEM LANDE.
Culturbilder aus Dalmatien
von
THEODOR SCHIFF.
Mit Zeichnungen von K. Klíč und K. Žádnik.
[Illustration]
Wien, 1875.
Verlag von Klíč & Spitzer.
(Alle Rechte vorbehalten.)
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Ein abgeschnittener Kopf. 7
Arme Seelen als Schiffsrheder. 15
Die Pestgräber von Botticelle. 25
Das Paternosterhaus. 34
Jacuve Ciciola und seine Liebe. 41
Wandelnde Kreuze. 48
Hippolytos und Phaedra. 57
Der Frau Mare Kargotic Gesang. 64
Türkischer Tabak. 70
Don Martine von Karakaschitza. 77
Ein Gerichtstag in der Morlakei. 87
Ein türkisches Schnupftuch. 95
Ein Richter in Bosnien. 103
Morlakischer Winter. 110
Die streitbaren Bocchesen. 118
Der Gouverneur von Scoglio Stipansko. 125
Wie die Agave zum Blühen kam. 135
Das Omblathal bei Ragusa. 141
Ein Fischzug bei Lesina. 149
Das Gigg des Kaisers. 155
Ein schmaler Streifen Landes, lang gestreckt und dünn bevölkert, liegt
Dalmatien fernab vom emsigen Verkehre der Völker, eingeschlossen
zwischen dem massigen Gebirgsgrat der türkischen Grenze und den
ruhelosen Wogen des Meeres.
Die Söhne des alten Hellas hatten einst seine Inseln bevölkert -- und
die heitere Sitte ihres Vaterlandes war mit ihnen eingezogen in die
neue Erde. Die stolze Roma hatte ihren wuchtigen Arm ausgestreckt
über die lachende Küste -- und wie mit einem Zauberschlage wuchsen
blühende, reich bevölkerte Städte, wuchsen riesige Paläste hervor,
und schöne Tempel in heiterem Säulenschmucke spiegelten sich in den
Fluthen der Adria. Barbarenhorden brachen in das Land, Schrecken, Tod
und Verderben in ihrem -- Gefolge und zugleich mit ihnen hielt das
Christenthum seinen stillen Einzug, siegreich in seiner holden Demuth,
freiheitkündend in seiner sanften göttlichen Lehre. Das finstere,
gewaltthätige Ritterthum entvölkerte mit seinen Kreuzzügen Europa --
und Richard Löwenherz fand in Ragusa eine Freistatt. Der erste Napoleon
hatte das Land mit seinen Geierkrallen erfasst, und in den kurzen
Jahren seines Besitzes hoben sich der Handel und die Industrie des
Landes zu nie geahnter Blüthe.
Und heute?
Die erlauchte Krämer-Republik Venedig hat Dalmatiens Forste ausgerodet,
-- türkische Barbarei in demselben ihre blutigen Zeichen gelassen,
-- das reichbegabte und dabei so arme Volk verkümmert jetzt in
seiner Einsamkeit und das Gespenst des Hungers hält alljährlich
seinen Umzug durch die schauerlich nackten Felsengebirge. Heute hat
sich die Weltgeschichte abgewendet von dem schönen armen Lande, das
in unthätiger Ruhe langsam dahinsiecht, -- heute spricht man von
Dalmatien wie von einer sagenhaften Erde, und von seinem Volke wie von
verklungenen Geschlechtern.
Darum habe ich es versucht, den Schleier zu lüften, der über Dalmatien
liegt und über seinen Bewohnern. Ich habe nichts erdichtet und nichts
erfunden, sondern einfach erzählt, was ich im Laufe langer Jahre dort
gesehen, und die Erinnerungen niedergeschrieben, die mir geblieben sind
aus dem Vaterlande meiner Kinder -- aus dem halbvergessenen Lande.
+Wien+ im September 1875.
Theodor Schiff.
[Illustration]
AUS HALBVERGESSENEM LANDE.
[Illustration: Die alte Zanetta.]
[Illustration]
Ein abgeschnittener Kopf.
Die alte Zanetta sass auf ihrem uralten Lehnstuhl und liess sich's
wohl geschehen. An einem spiessartigen Stück Holz, das sie durch das
Band der breiten grossblumigen Schürze gesteckt hatte, war der Flachs
befestigt, den sie mit den knöchernen Fingern ihrer linken Hand langsam
herabzupfte, und in der rechten Hand liess sie das länglichrunde Holz
»il fuso« kreisen, um das sich das gesponnene Garn wickelte. Auf ihrem
Kopfe lagen zwei grosse Krautblätter und über denselben ein viereckig
gefaltetes schneeweisses Tuch. Signora Zanetta behauptet seit dreissig
Jahren täglich, dass sie +heute+ Kopfschmerzen habe, und dass sie nur
frische Krautblätter durch vierundzwanzig Stunden auf den Kopf zu
legen brauche, um den Kopfschmerz für immer zu vertreiben. Und darum
trägt sie seit dreissig Jahren Krautblätter auf dem Kopf und darüber
das viereckig gefaltete weisse Tuch, was zusammen den Eindruck eines
bösartigen Turbans exotischer Herkunft hervorbringt. Ein von tausend
Runzeln durchfurchtes Gesicht, dessen Mund noch eine untadelhafte Reihe
blendend weisser Zähne zeigte, ein verblichenes, aber höchst sauber
gehaltenes Kleid, an den zusammengeschrumpften Füssen reine weisse
Strümpfe und ein paar türkische Schuhe von dickem rothen Leder, sass
die Signora Zanetta auf ihrem Lehnstuhl und um sie schwirrten die
Schwärme von Fliegen, wie sie die dreissig Grad Hitze eines Julitages
in Spalato zu erzeugen vermögen.
Ein grosses Gemach mit niedriger Decke -- an den Wänden rohe
Alfresco-Malereien, sämmtlich Theile der Seeküste darstellend, an
welcher Herren und Damen in altväterischer Tracht lustwandeln, während
in der Ferne der ruhig glänzende Spiegel des Meeres sich endlos
erstreckt, -- in der Mitte des Zimmers ein ungeheurer Tisch aus
dunklem Holze, -- an den beiden Längsseiten des Zimmers zwei kleine,
schwerfällige, mit Flügelthüren versehene Kasten, auf denen mindestens
ein Dutzend blankpolirter messingener Oellampen stand, -- über dem
einen Kasten ein schauerlich gemaltes, den Kaiser Franz als Jüngling
vorstellendes Bild, dem gegenüber ein stark zerfressener Kupferstich
mit der Darstellung des bethlehemitischen Kindermordes hing, -- eine
alte Wanduhr in einem bis an die Decke reichenden Kasten, -- so sah das
Gemach aus, in welchem Signora Zanetta sass, spann und es sich wohl
geschehen liess.
In Spalato ist Alles alt. Die Häuser, das Pflaster, die Familien, die
Kirchen, die Sprache, -- Alles ist uralt. Die Domkirche wurde zu Ende
des dritten Jahrhunderts von dem alten Christenverfolger Diocletian
dem Jupiter erbaut, -- die Sphinx vor derselben ist eine Kleinigkeit
älter und entstammt der achtzehnten Dynastie der Pharaonen, -- und das
am Meeresstrande befindliche Franziskaner-Kloster macht einen förmlich
modernen Eindruck, weil es erst im Jahre 1212 vom heiligen Franz
von Assisi gegründet wurde, -- ja, auf dem beliebtesten Spazierwege
Spalatos konnte man noch zu Ende der Sechziger-Jahre halb städtisch,
halb »national« gekleidete Bürger mit einem rückwärts herabbaumelnden
Zopfe sich ergehen sehen. Das Italienisch, das in allen Bürgerfamilien
gesprochen wird, ist genau dasselbe, das man in Venedig vor hundert
Jahren hörte und in Goldoni's Lustspielen noch heute lesen kann. Eine
Familie, die ihren sogenannten Adel erst von hundert oder zweihundert
Jahren herwärts datirt, wird so ziemlich als neugeadelt angesehen,
und ich kenne selbst in Spalato eine Familie, deren Mitglieder allen
Ernstes behaupten, dass ihre in +Salona+ ansässigen Vorfahren bereits
römische Patrizier gewesen seien. Salona wurde aber im Jahre 639
nach Christi Geburt zerstört, und das mag der Grund sein, warum das
betreffende Adelsdiplom nicht aufgefunden werden konnte.
Es ist überhaupt ein merkwürdiges Volk, das der Dalmatiner und
besonders der Spalatiner Adelsgeschlechter. In den engen Gassen der
Stadt, in den verstecktesten und übelriechendsten Winkeln derselben
sitzen sie in ihren Häusern, denkend der vergangenen Herrlichkeit,
als noch der »Conte« nicht viel weniger als ein Souverain und der
arme Morlake nicht viel mehr als ein Sklave war, und es für jede
Ungerechtigkeit, die der »Conte« beging, höchstens eine Geldstrafe
gab, für das Vergehen des armen Bauern aber nur das Ermessen und die
Willkür seines Herrn massgebend war. Sie haben nichts gelernt und
nichts vergessen, diese Conti, und so gut österreichisch sie auch im
Allgemeinen sein mögen, so denken sie doch noch immer an das verrottete
Pascha-Regiment der in ihrem Fett erstickten Republik von Venedig. Ja,
-- sowie man heute noch allenthalben auf den Mauern und öffentlichen
Gebäuden der dalmatinischen Städte den Löwen des San Marco über
seine vergangene Herrlichkeit in steinerner Faulheit trauern sieht,
so würden sämmtliche »Conti« nicht im mindesten sich wundern, wenn
eines schönen Tages wieder einmal so ein Provveditore der Republik
auf einem altartigen Segelschiffe angefahren käme, um die verrottete
Zopfwirthschaft von neuem zu beginnen.
So wie es unter depossedirten Fürsten üblich sein mag -- ich stelle es
mir wenigstens so vor, -- sich gegenseitig mit »Majestät« anzusprechen,
so hört man die Spalatiner alten Familien einander den Titel »Conte«
geben, ohne dass weder der eine noch der andere Theil das mindeste
Anrecht auf diese Bezeichnung hätte. Das »gemeine« Volk thut dann das
Gleiche in seinem Umgange mit den »Conti«, und so wird in Spalato, da
man dort nach altvenetianischer Weise die Leute bei ihrem Taufnamen
ruft, nur von einem Conte Mome[1], Conte Zane[2], Conte Toni, von einer
Contessa Mare[3], Contessa Lele[4] und Contessa Bare[5] gesprochen.
[1] Hieronymus.
[2] Giovanni.
[3] Maria.
[4] Helene.
[5] Barbara.
In dem Hause eines solchen Conte war es, wo ich der alten Zanetta
gegenüber sass, die spinnend und kopfnickend mir ihre Erinnerungen
erzählte. Da war sie als dreizehnjähriges Kind in die Familie
gekommen, in der sie jetzt als dreiundachtzigjährige Greisin das
Gnadenbrod ass. Ihren Herrn, den Conte Anastasio, der vor einem Jahre
als siebzigjähriger Greis gestorben, hatte sie damals auf den Armen
getragen, -- dessen Mutter, die Contessa Nene[6], war damals eben
erst seit zwei Jahren verheiratet gewesen und trotz ihrer Jugend eine
gar strenge Frau. »Ja, ja, damals hatten die Diener noch Respect vor
dem Herrn und der Frau, und wenn sie pfeifen hörten (denn in jener
Zeit gebrauchte man noch keine Glocken in den Zimmern), da stürzten
sie Alle holterpolter in's Zimmer, -- nicht wie jetzt, wo die Magd
hereinschleicht, als ob sie der Frau damit eine Gnade erwiese.«
[6] Anna.
»Damals,« so erzählte Zanetta, während sich ihre bleichen runzlichten
Wangen in Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit rötheten, »damals
konnte der Herr noch den Diener strafen, ohne dass irgend ein Prätor
oder sonst ein Beamter sich unberufenerweise hineinmischte. Wenn das
heute geschehen wäre, dass man der seligen Lustrissima[7] ihr ganzes
Silbergeschirr stahl, wie es bald vor siebzig Jahren geschehen, wer
weiss, ob nicht der Joso[8], der Lump, noch frei ausgegangen wäre, aber
so hat er es bitter genug büssen müssen, -- unser Herrgott habe seine
Seele gnädig.« -- Und Signora Zanetta faltete die Hände und schien ein
Gebet für den »Joso« zu murmeln, so dass ich sie, so lange sie in ihrer
Andacht versunken war, nicht unterbrechen wollte.
[7] Altvenetianischer Ausdruck, ungefähr so viel als »gnädige Frau«.
[8] Josef.
»Und wie war denn die Geschichte, Signora Zanetta, mit dem Joso und dem
Silbergeschirr und der Lustrissima?«
»So, wissen Sie +das+ nicht? Hier weiss es Jedermann. Das heisst,
Jene, die es gewusst haben, sind eigentlich meistentheils todt, ich
aber erinnere mich noch gar gut daran. Damals war ich ein junges
Ding und eben erst von der Insel Brazza herübergekommen, weil mich
die selige Lustrissima als Magd wollte. Ich bin auch seit jener Zeit
nicht mehr aus dem Dienste der Familie ......* getreten, und so hat
auch mein Herr, der Conte Nico[9], als er vor dreissig Jahren starb,
es ausdrücklich im Testamente hinterlassen: La Signora Zanetta resta
calzata e vestita in casa ......*, monda e netta[10]. Auch arbeite
ich, was ich will, und seit zehn Jahren putze ich nur mehr alle Morgen
die Oellampen, denn das jetzige Volk von Mägden ist zu faul und zu
schmutzig zu einem solchen Geschäft. Also richtig, dass ich auf den
Joso komme, der war damals Knecht beim Conte Nico und wohnte draussen
in dem Hause von Lovrett, eine Viertelstunde vor der Stadt auf dem Wege
gegen Paludi. Dort hatte er die Felder zu bearbeiten, die auf weit und
breit um das Haus herum dem Conte Nico gehörten. Sie gehören auch jetzt
noch der Familie ......*«
[9] Nicolaus.
[10] Frau Zanetta bleibt beschuht und gekleidet, rein und sauber im
Hause ......*
»Also, die Lustrissima lag in ihrem ersten Kindbett mit dem kleinen
Conte Anastasio, den Sie ja selbst noch gekannt haben und der erst im
vorigen Jahre gestorben, und weil es schon gegen zwölf Uhr Mittags war,
um welche Zeit gewöhnlich die anderen Frauen zur Lustrissima zu Besuche
kamen, so hatte ich den kleinen Conte Anastasio, der eingeschlafen war,
in seine schöne Wiege gelegt und putzte ein wenig den Staub von den
Möbeln des ersten vor dem Schlafzimmer der Lustrissima befindlichen
Zimmers. Da ruft die Lustrissima und sagt: »Zanetta, mir kommt vor,
als ob ich einen Geruch von Zwiebel verspürte, -- war gewiss der Joso
draussen im anderen Zimmer?« Der Joso, müssen Sie wissen, ass sehr
gerne frische Zwiebel und roch auch gewöhnlich danach. Sag' ich, nein,
Lustrissima, der Joso ist noch nicht zum Essen gekommen und in der
Küche draussen wird ihm die Minestra kalt. Sagt die Lustrissima: »Ich
weiss nicht, aber die ganze verflossene Nacht träumte mir von Melonen,
die mir der Joso brachte, das bedeutet einen Diebstahl. Nimm hier die
Schlüssel und sieh in der schwarzen Truhe nach, die draussen steht,
ob alles Silberzeug da ist.« Sage ich: Ja, Lustrissima! nehme den
Schlüssel und will die Truhe aufsperren, da fehlt aber etwas im Schloss
und ich kann nicht damit zu Stande kommen. Unterdessen kommt der Conte
Nico nach Hause, der lässt den Schlosser holen, und wie der Deckel
endlich aufspringt, ist die Kiste leer. Ja, -- von Melonen träumen
bedeutet immer Diebe im Hause.«
»Der Conte Nico -- Gott hab' ihn selig! -- läuft selbst gleich zum
Municipium und es werden alle Rondari[11] avisirt und die Truhen von
uns Dienstleuten wurden alle durchsucht, aber es fand sich nichts und
die Rondari konnten auch keinem Diebe auf die Spur kommen. Da liess
der Conte Nico alle Dienstleute in's Zimmer kommen und wir mussten
niederknien und er machte alle Fenster auf. Einer nach dem Andern
mussten wir bei offenem Fenster schwören, dass wir es nicht gethan
hätten, -- und schliesslich sprach Niemand mehr davon.«
[11] Eine Art Stadtwache.
»Die Lustrissima aber hatte sich das schöne Silberzeug zu Herzen
genommen, wurde schwer krank und lag durch drei Monate im Bette, obwohl
man ihr nach und nach mindestens hundertundfünfzig Blutegel setzte und
der alte Doctor R., der Grossvater des jetzigen Doctor R., ihr viele
Male zu Ader liess. Wie es ihr schon besser geht, -- aber noch sehr
schwach war sie, -- kommen eines Morgens unsere beiden Knechte, die im
Hause wohnen, vom Feld herein und mit ihnen drei Rondari. Die tragen
etwas in einer Torba[12] und wollen mit der Lustrissima sprechen. Der
Conte Nico war schon zeitlich Früh nach Castelli geritten und weil
die Lustrissima noch so schwach war, so hatte ich gerade ein schönes
Stückchen Schöpsenfleisch für sie gebraten, das ich ihr mit einem Glase
Vugava[13] hineintragen wollte. Wie die Rondari und die Knechte aber
hören, dass der Conte Nico nicht zu Hause sei, liessen sie sich schon
gar nicht mehr halten und sagten, wenn ich sie nicht hineinführe zur
Lustrissima, so würden sie ohne mich zu ihr in's Zimmer gehen; sie
hätten etwas, das die Lustrissima zum Lachen bringen würde, und das
thäte ihr gewiss besser als alle Medicinen und Blutegel des Doctors.«
[12] Schnappsack von Schafwolle.
[13] Ein süsser Wein, der ausschliesslich auf der Insel Brazza wächst.
»Die Lustrissima hatte uns sprechen gehört und rief mir zu, dass ich
die Leute nur hineinführen möchte zu ihr. Wie nun die Knechte in's
Zimmer treten, bemerke ich, dass der Eine, der Ive,[14] den Griff
seines Handjars und auch seine Hände ganz mit Blut beschmutzt hatte,
aber ich erschrak nicht, weil ich glaubte, er hätte vielleicht einen
Hammel geschlachtet oder sonst etwas. Da traten die Fünfe hin vor das
Bett der Lustrissima, und der Ive, der immer gut sprechen konnte, sagt
zu ihr: »Gospoja,[15] willst Du wissen, wo Dein Silberzeug ist?« Sagt
die Lustrissima: »Freilich möchte ich's gerne wissen, aber ich fürchte,
das ist schon lange in der Türkei.« Sagt der Ive: »Schau, Gospoja,
kennst Du das?« und zog unter der Jacke die grosse silberne Spuckschale
hervor, die noch heute drüben beim anderen Silberzeug steht. Dann
griffen die Anderen in ihre Jacken und Gürtel, und nach und nach lag
das ganze gestohlene Silberzeug auf dem Bette der Lustrissima zu ihren
Füssen.«
[14] Johann.
[15] Frau oder Herrin.
[Illustration]
»Wie das aber Alles ausgebreitet lag, sagt der Ive: »Weisst Du noch,
Gospoja, wie wir alle haben bei offenem Fenster schwören müssen? Ich
habe damals gar gut gesehen, wer blass geworden ist, als der Conte
Nico die Fenster aufmachte. Darum habe ich seit der Zeit dem Joso
aufgepasst, und jede Nacht ging ich um Lovrett herum seit dieser Zeit,
bis ich einmal ein Licht sah unter den Feigenbäumen vor dem Hause. Da
wusste ich, dass ein Schatz in der Erde sein musste, denn das Licht
verschwand, sobald ich näher kam. Und als ich heute Nacht wieder um
Lovrett herumschlich, da sah ich den Joso mit der Schaufel aus dem
Hause treten und gegen die Feigenbäume gehen. Da rief ich schnell
meinen Kameraden und auch die drei Rondari, die wir begegneten, und
als wir nach Lovrett kamen, da hatte gerade der Joso das ganze Silber
ausgegraben und wollte es in's Haus tragen. Wir aber fielen über ihn
her und nahmen es ihm weg. Hier hast Du Dein Silber, Gospoja, und da
ist noch etwas.« Und wie der Ive das gesagt hatte, griff er in die
Torba und zog den Kopf des Joso hervor, den sie ihm abgeschnitten
hatten -- --«
»Die Lustrissima erschrak zwar, aber sie war eine gar tapfere Frau,
-- ganz wie ein Mann. Darum beruhigte sie sich bald, liess den Kopf
hinaustragen und befahl mir, den Leuten Wein und Brod zu geben, bis der
Conte Nico käme. Der war anfangs böse darüber, weil damals schon die
Beamten anfingen, sich in Alles hineinzumischen und solche Dinge nicht
leiden wollten. Aber er sprach mit den Herren auf dem Municipium, die
hatten auch viel zu viel Respect vor der Familie ......*, als dass sie
etwas gethan hätten. Und so fragte Niemand mehr danach, der Joso bekam
eine schöne Leiche, und das Silberzeug kam auf seinen alten Platz in
die schwarze Truhe. Aber für den Joso wird seit dieser Zeit alle Jahre
an seinem Sterbetage, als sie ihm den Kopf abschnitten, eine heilige
Messe gelesen.«
»Und wann ist die Lustrissima gestorben?« fragte ich.
»Schon vor zwölf Jahren,« sagte Signora Zanetta, indem sie die Spindel
zur Erde gleiten liess, andächtig die Hände faltete und für die
Lustrissima zu beten schien.
Die Signora Zanetta erzählte mir diese Geschichte genau an dem Tage,
als die Schlacht bei Sedan geschlagen wurde, und lebt noch zur Stunde,
in der ich dieses schreibe.
[Illustration]
Arme Seelen als Schiffsrheder.
Was die Dalmatiner von uns Deutschen sagen und wie sie von uns denken,
das lässt sich nicht in wenigen Worten wiedergeben, hauptsächlich
schon aus dem Grunde nicht, weil unter dem Worte »Dalmatiner«
zwei ganz verschiedene Nationalitäten zu verstehen sind, die
einander in der Sprache gar nicht gleichen, während ihre Sitten nur
Weniges mit einander gemein haben. In den Küstenstädten Nord- und
Mittel-Dalmatiens, in Zara, Sebenico, Spalato, Almissa und Makarska
ist die sogenannte bessere Classe, zu welcher sämmtliche »Conti«,
die besser gestellte Mittelclasse und verhältnissmässig nur wenige
Gewerbetreibende gehören, grösstentheils italienischer Herkunft; man
spricht in der Familie italienisch mit venetianischem Dialekt und hat
venetianische Sitten und Gebräuche mit einer merkwürdigen Zähigkeit
bis auf den heutigen Tag festgehalten. Im Inneren des Landes hingegen,
sowie in den südlicher gelegenen Städten Ragusa, Cattaro, Castelnuovo,
dann auf den Inseln, herrschen slavische Sprache, Sitten, Gebräuche
und Familien-Namen vor. Die Bewohner des inneren Gebirgslandes sind
ausschliesslich Slaven.
Im Allgemeinen wird das Cultur-Element durch den italienisch
sprechenden Theil der Bevölkerung vertreten, während sich die
Dalmatiner Slaven -- mit alleiniger Ausnahme der Bevölkerung von
Ragusa -- noch in einem wenig beneidenswerthen Urzustande befinden.
Ich weiss zwar nicht, ob ich es als eine für uns Deutsche beschämende
Thatsache erklären soll, aber es steht fest, dass die Dalmatiner
Slaven von dem Daheim der Deutschen kaum mehr wissen als vielleicht
die Unterthanen Seiner Majestät des Schah's von Persien. Allenfalls
hört man von einem Morlaken hin und wieder Bec (Wien) erwähnen, wobei
übrigens die Frage nicht selten ist, welche Sprache denn in »Bec«
gesprochen werde. Darüber hinaus gehen aber die ethnografischen und
geografischen Begriffe eines Dalmatiner Bauers wohl selten.
Anders verhält es sich mit den »gebildeten«, italienisch sprechenden
Dalmatinern. Diese haben noch von ihren Vorfahren oder Zwingherren, den
alten Venetianern, die ganze Verachtung für die deutschen Barbaren und
vielleicht von den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie
übernommen, die sie auch je nach den Abstufungen ihrer bessern oder
minder guten Erziehung ziemlich unverhüllt zur Schau tragen. Deutsche
Beamte sind in Dalmatien sehr selten, die Chefs der Landes-Regierung
sind und waren seit vielen Jahren der Militärgrenze oder sonst dem
croatischen Stamme entnommen, die Officiere der in Dalmatien liegenden
Truppen schliessen sich von dem Verkehr mit den Familien ab oder werden
vielmehr zu demselben gar nicht zugelassen: da ist es natürlich, dass
man mit dem Ausdrucke »Deutsch« nur einen sehr unbestimmten Begriff
verbindet, und es ist mir mehr als einmal vorgekommen, dass in einer
der abendlichen »Conversazioni« von einem »Deutschen aus Ungarn« oder
einer »Deutschen aus Böhmen« die Rede war, worunter man ungarisch oder
czechisch sprechende Leute verstand.
Aber nicht nur Barbaren sind wir Deutsche für die echten Dalmatiner,
sondern auch Ketzer. -- Ketzer ohne alle Ausnahme. Daher erklärt
sich auch das mit einem guten Theil Misstrauen gemischte und etwas
zugeknöpfte Benehmen, mit welchem der Deutsche in Dalmatien von dem
Eingebornen italienischer Nationalität empfangen und im Umgange
behandelt wird.
Man hat viel von den verrotteten, abergläubischen Ansichten der
Tiroler gesprochen und als Entschuldigungs- oder Erklärungsgrund den
Wall himmelanstürmender Berge angeführt, der Tirol bis vor Kurzem
von dem Verkehre mit der Aussenwelt so ziemlich abgeschlossen hielt.
Bei den Dalmatinern mag eine ähnliche Ursache die ähnliche Wirkung
hervorgebracht haben. Dalmatien liegt eben ausser dem Wege des
Völkerverkehrs und die befruchtenden Ideen der Neuzeit haben dort kaum
einen schwachen Widerhall gefunden in seinen Bergen, in den dumpfen
Häusern seiner alterthümlichen Städte und an seinen einsamen Küsten.
Wer in Spalato während der Sommer-Monate Luft schnappen will, der
muss zeitlich aufstehen. Das ist nicht figürlich zu nehmen, sondern
wörtlich. Die Tage sind glühend, die Nächte heiss, -- aber in den
Morgenstunden, allenfalls von vier bis sechs Uhr, da liegt ein
prächtiger satter Schatten über der breiten Marine, dem schönen
Spaziergange, der sich zwischen den dem Hafen zugewendeten Häusern
der Stadt Spalato und dem Meeresufer hinzieht. Das Meer dehnt sich
still und glänzend aus bis zu den noch im Schatten liegenden Inseln
Brazza und Solta, die Barken am Ufer heben und senken sich in feierlich
rhythmischer Bewegung, der feine blaugraue Duft, den man nur am
Seegestade findet, mengt sich am weiten Horizont mit den violetten und
hellrothen Farben des Himmels, schöne Möven tauchen abwechselnd in
die rosige Himmelsgluth und den silberglänzenden Spiegel des Meeres.
Weit draussen kommen vielleicht ein Paar Fischerboote heran mit
braunrothen lateinischen Segeln, und dann blitzt plötzlich der erste
Morgensonnenstrahl über Segel, Inseln, Möven und Meeresspiegel. Dann
kriechen wohl einzelne Matrosen aus den Lucken ihrer Fahrzeuge, in
denen sie geschlafen, und machen ihre Morgen-Toilette im Meerwasser;
Weiber mit grossen Körben auf dem Kopfe bringen Milch und Gemüse zu
Markte, im nahen Franziskaner-Kloster läutet es zur Frühmesse, -- aber
der echte Spalatiner, besonders wenn er ein Conte ist, schläft noch,
-- lässt sich von den Mücken stechen, deren es in den engen Gassen und
Häusern Millionen gibt, und schwitzt seine Morgenträume.
Der alte Conte Lole[16] war zwar ein echter Spalatiner, aber heute
wich er ab von der Sitte seiner Väter und war schon um fünf Uhr
auf der Marine. Er schien auf etwas oder auf Jemanden zu warten,
denn er pflanzte sich, so lang er war, mitten hin vor das kleine
Sanitätsgebäude und musterte, die Hand als Schutz gegen die eben
aufgehende Sonne über die Augen haltend, die am Ufer verankerten
Barken. Meinen Gruss erwiderte er als jenen eines alten Bekannten
ziemlich flüchtig, freute sich aber doch, wie er sagte, mich so früh
auf und wohl zu sehen. »Der Ante Placibat,« hub er an, immer noch mit
der Hand über den Augen, »der Ante Placibat ist ein Faulpelz, -- ich
sehe weder ihn noch die Colombina. Und doch sollte er schon heute Früh
von der Brazza gekommen sein, um gleich wieder nach Zara abzufahren.
Ich bin nur seinetwegen am diese Stunde aufgestanden, um ihm Einiges
mitzugeben für meinen Bruder, den Conte Duje[17]. Auch weiss er recht
gut, dass der Don Beppo eigens seinetwegen heute schon um sechs Uhr
in unserer Capelle Messe liest für eine glückliche Fahrt. Ich möchte
Nichts sagen, wenn ihm die Messe nichts gelten würde, aber heute sind
gerade zwei von den Knechten auf dem Felde, da ist nur die Magd und der
eine Knecht bei der Messe und so kann der Kerl als Dritter zu einer
giltigen heiligen Messe kommen, weil ich ihn für einen meiner Diener
ausgeben kann. Er verdient's aber nicht, der ......!«
[16] Lorenzo.
[17] Abkürzung für Doimo, den Namen des Schutzheiligen von Dalmatien.
Mir war die ganze Geschichte einigermassen unverständlich. Wer ist Ante
Placibat und wer die Colombina? Was ist das für eine Messe, die nur
für drei Dienstboten gilt, und wem gegenüber will Conte Lole den Ante
Placibat, der doch sein Knecht nicht zu sein scheint, für einen solchen
ausgeben?
Ich erbat mir von Conte Lole eine diesbezügliche Erklärung, aber
in demselben Augenblicke kam ein Mann auf uns zu, der offenbar der
ersehnte Ante Placibat sein musste, denn er grüsste schon von Weitem
und Conte Lole rief ihm in halb scherzhaftem, halb ärgerlichem
Tone einige Flüche in illirischer Sprache zu. Der Mann trug ein
Paar weite Beinkleider von Segeltuch, die mit einer rothen Schärpe
um die Hüften befestigt waren, eine braune, vorne offene Jacke
und einen breiträndigen Strohhut. Sein Anzug und die hellgrauen
zusammengekniffenen Augen zeigten deutlich den Seemann. Der Conte Lole,
sagte er, möge sich nur nicht ereifern. Die Colombina (und dabei wies
er mit dem Daumen über die rechte Schulter) sei bereits um drei Uhr
Früh angekommen und vollkommen klar zur Abreise. Wenn der Conte Lole
ein wenig weiter gegen das Zollamt gehen wolle, so könne er sie hinter
dem grossen Trabakel[18] des Padron Ivicich liegen sehen. Auch habe er
bereits einen Matrosen mit dem Mozzo[19] in das Haus des Conte Lole
gesendet, um mitzunehmen, was mitzunehmen wäre. Und wenn der Conte
Lole und ich es erlauben, so lade er uns ein, unterdessen, bis die
Leute zurückkämen, mit ihm einen schwarzen Kaffee zu trinken, der im
Kaffeehause Troccoli ganz vorzüglich wäre. Und dabei machte er eine
tiefe Verbeugung vor uns Beiden. Aber der Conte Lole wollte von allen
dem nichts wissen, sondern trieb den Ante Placibat an, dass er jetzt
gleich mit ihm nach Hause und zur Messe käme. Auch mir, sagte er, könne
es nicht schaden, und wenn ich ihn begleiten wolle, so erweise ich ihm
eine Ehre, obwohl die Messe für mich nicht giltig sei, denn ich wäre
+ein Fremder+.
[18] Ein grosses Küstenfahrzeug.
[19] Schiffsjunge.
Dass die »Colombina« eine Küstenbarke und Ante Placibat deren
Commandant (oder um in der Schiffersprache zu sprechen) ihr Padron war,
das hatte ich jetzt glücklich erfahren, aber welches Bewandtniss es mit
der »giltigen« Messe habe, die für mich +nicht+ galt, blieb mir immer
noch ein Geheimniss, das mir der Ergründung werth schien. Ich nahm
deshalb die Einladung des Conte an und begleitete ihn durch die noch
wenig belebten Gassen der Stadt, während Ante Placibat sich respectvoll
immer einen halben Schritt hinter uns hielt.
Spalato ist nicht gross und um es in gerader Linie nach irgend
einer Richtung zu durchmessen, benöthigt man kaum mehr als zehn
Minuten. Beiläufig so lange brauchten wir auch, um zu dem Hause des
Conte zu gelangen, das, wie er mir unterwegs erzählte, bereits seit
zweihundert Jahren seiner Familie gehörte. Der Zugang zu demselben
war nicht vielverheissend, da wir uns durch ein Gewirr der engsten
und finstersten Gässchen durchwinden mussten, bis wir endlich durch
einen mächtigen, wahrscheinlich noch von dem Palaste Diocletian's
herstammenden Schwibbogen tretend, uns der Behausung des Conte
gegenüber befanden.
Ein alterthümliches, roh in Stein gehauenes und mit grellen Farben
überklextes Wappen prangte über dem hohen, aber schmalen Thore. Die
weite, beinahe vollkommen finstere Vorhalle, die uns nun empfing,
entsandte einen eigenthümlich muffigen, mit mephitischen Dünsten
gemischten Duft, was auch der Conte zu bemerken schien, denn er
murmelte, während wir die Stiege hinaufschritten, etwas über die
Nachlässigkeit eines gewissen Sime[20], der des Abends das Thor nicht
rechtzeitig schliesse und dadurch die Schuld trage, dass sich die ganze
Nachbarschaft des Hauseinganges wie eines Anstandsortes bediene. Im
ersten Stocke angekommen, traten wir in eine Vorhalle, von der zwei
Thüren, wie es schien, in die Wohnzimmer und eine kleinere dritte in
die Capelle führte. Der Conte öffnete die Thüre.
[20] Simeon.
Eine merkwürdigere Capelle und eine sonderbarere Versammlung von
Andächtigen ist mir wohl niemals vorgekommen. Vor Allem trat uns
eine grosse, magere, streng und sauber aussehende Dame in einfachem
Hauskleide entgegen, welche durch die nichts weniger als artige
Strafpredigt, die sie wegen zu langem Ausbleiben an den Conte richtete,
sich als die Contessa kundgab. Als sie meiner ansichtig wurde,
verstummte sie, ohne übrigens im Geringsten verlegen zu werden, und
erwiderte meinen Gruss ziemlich gemessen, indem sie mir zugleich den
Eintritt freigab. Der Thür gegenüber, die in ein schmales, beiläufig
vier Klafter langes Gemach führte, stand ein Altar auf rohen, aus
Sandstein gemeisselten Säulen. Ober demselben prangte ein aus Holz
geschnitzter Heiliger und über demselben ein vergoldetes Osterlamm.
Zwei Reihen schmaler Betschemel, die kaum für je zwei Personen Platz
boten, liessen einen Gang frei bis zum Altare. Uralte Heiligenbilder,
alte Sträusse von künstlichen Blumen und einige Kupferstiche hingen an
den Wänden. Auf den Kniebänken der Betstühle sassen vier junge Damen
mit glänzenden Augen, höchst derouter Toilette und ungekämmten, aber
prachtvoll langen, dunkelschimmernden Haaren; sie kehrten dem Altar den
Rücken und schienen sich in zwanglosem Geplauder zu unterhalten. Das
waren die jungen Contessen. Ein beiläufig achtzehnjähriger Bursche,
der junge Conte, lehnte an der Thüre und sprach mit einem sehr behäbig
aussehenden kugelrunden geistlichen Herrn; ein Morlake und eine
städtisch gekleidete höchst schlumpig aussehende Magd standen in der
einen Ecke. Das war die Versammlung, welche den Conte Lole und mit ihm
den Anfang der Messe erwartete.
Bei unserem Eintritte kam etwas Leben in die Versammlung. Der
geistliche Herr legte mit Hilfe des Hausherrn die Messgewänder an, die
jungen Damen trachteten die Mängel ihrer Morgen-Toilette so gut und so
schnell als möglich zu verdecken, männiglich setzte sich in andächtige
Positur und die Messe ward ohne weitere Störung gelesen, nur dass die
Contessa hin und wieder giftige Blicke auf Conte Lole schoss und etwas
brummte, was eben kein Gebet sein mochte.
Als die Messe beendet und der Segen gegeben war, wurde der behäbige
geistliche Herr in die Wohnung der Familie escortirt, um dort seinen
Morgenkaffee einzunehmen. Ich aber verabschiedete mich von der
gestrengen alten Contessa, sowie den derouten jungen Contessen und gab
in Gesellschaft des Conte Lole dem Ante Placibat das Geleite gegen die
Marine.
Ich weiss nicht, ob der Conte mir es an der Miene ablas, dass ich gerne
eine Erklärung über die geheimnissvolle Giltigkeit und Ungiltigkeit
der Messe im Hause ......* gehört hätte, oder ob er nur zeigen wollte,
welch' uralter Familie er angehöre, die noch solchen alten Brauch zu
hegen und zu pflegen das Recht habe, kurz, er erzählte mir Folgendes:
Vor beiläufig zweihundert Jahren wurde der Theil des Hauses, in welchem
die Kapelle steht, durch einen Ahnherrn der Familie ......* erbaut.
Irgend ein Papst wurde durch irgend einen der Bischöfe von Spalato
gebeten, der Familie ......* das Recht zu geben, in ihrer Hauscapelle
Messe lesen zu lassen. Da die Familie ......* wohlhabend und im
Stande war, für den hochadeligen Luxus einer eigenen Hauscapelle auch
tüchtig zu zahlen, so erfolgte die erbetene Erlaubniss. Unter dem
Dachboden in irgend einer Kiste musste auch noch das päpstliche Breve
aufbewahrt sein. Der Conte hatte es nie gelesen, wohl aber sein Vater,
der vor dreissig Jahren gestorben, und ihm einmal sagte, das Breve
sei lateinisch. Und weil die Familie ......* seit jeher sich durch
Frömmigkeit ausgezeichnet habe, so habe die Capelle auch ganz besondere
Privilegien. Jeden Tag dürfe in derselben Messe gelesen werden, auch
gelte die Messe für alle Familien-Mitglieder, auch für Diejenigen, die
nur in die Familie geheiratet hatten, und ausserdem für drei männliche
oder weibliche Dienstboten, aber nicht ...
Das war mir doch zu stark. Da stand ich trotz aller Erklärung wieder
vor dem ungelösten Räthsel, das ich doch ergründen wollte.
»Entschuldigen Sie, Conte Lole, wie verstehen Sie das von dem Gelten
der Messe?«
Der Conte streifte mich mit einem misstrauischen Seitenblick, als ob er
nicht recht im Klaren sei, ob ich denn nicht doch ein Ketzer und daher
der nöthigen Vorbildung zum Verständniss seiner Erklärung bar sei.
»Gelten heisst gelten,« sagte er tiefsinnig, »wenn Sie zum Beispiel
Sonntags in meiner Capelle die Messe hören, so haben sie keine Messe
gehört, wenn aber ich oder ein Mitglied meiner Familie in derselben
die Messe hören, dann haben wir sie gehört. Das Gleiche gilt für drei
meiner Dienstleute.«
»Wenn aber vier von Ihren Dienstleuten der Messe beiwohnen, für welchen
von den Vieren gilt dann die Messe nicht, Conte Lole?«
Der Conte dachte einen Augenblick nach und entschied dann rasch: »Für
den Letztgekommenen. -- Sehen Sie, Herr ......, ich weiss recht gut,
obwohl ich niemals aus Dalmatien hinausgekommen bin, dass man in der
Welt jetzt nicht mehr viel hält auf solche Dinge, aber in unserer
Familie, die von sehr altem Adel ist, war man auch immer fromm. Darum
hat man uns auch Privilegien gegeben von Rom, wenn wir darum baten, und
nicht genug, auch einen Cardinal haben wir schon in der Familie gehabt
und auch ein Wunder.« Und der Conte blickte in offenbar gehobenem
aristokratischem Selbstbewusstsein bei der Erinnerung an das Wunder
um sich, als erwartete er rings um sich plötzlich eine ganze Legion
adeliger Wappenschilde der Familie ......* auftauchen zu sehen.
»Das Wunder ist wohl schon sehr alt?« wagte ich zu fragen.
»Nein, es geschah vor fünfzig Jahren. Mein jüngerer Bruder Conte
Zandume[21] war mit einem kürzeren Fuss geboren und hinkte. So lange
er klein war, wurde das weniger beachtet; die Aerzte sagten, es gäbe
kein Mittel dagegen und seine Pesterna[22], die eine Morlakin aus
Imoschi war, zog ihn nur alle Abend tüchtig bei dem kürzeren Fuss,
dass er schrie, aber das half nichts. So war er zwanzig Jahre alt
geworden. Da verlobte ich ihn zu einer Wallfahrt in die Capelle des
San Dojmo bei Duimovaz. Es war am 7. Mai, dem Tage des San Dojmo, und
wir hatten uns etwas verspätet. Darum war es schon tüchtig heiss, als
wir in die Gegend von Duimovaz kamen und auf dem ganzen Wege hindurch
predigte ich in einemfort dem Zandume, er solle nur festen Glauben
hegen, dann werde Alles gut werden. Fede[23], Zandume, fede! rief ich
immer, aber der Zandume war schon müde, weil er hinkte, und sagte
nur: »Ja, Lole!« Endlich kamen wir zur Capelle selbst. Viele Kerzen
brannten drinnen und vor denselben lag eine Menge Morlaken, Weiber wie
Männer und sonst ordinäres Volk auf den Knien. Ich schob sie aber zur
Seite, packte meinen Bruder beim Arm, schob ihn voraus und rief in der
höchsten Aufregung »Fede, Zandume! fede, fede, Zandume, fede!« (-- Hier
folgte noch ein Fluch, der sich nicht in's Deutsche, wohl aber in das
Ungarische übertragen lässt --) -- -- -- »Da war das Wunder geschehen.«
[21] Johann Doimo.
[22] Kindsmädchen.
[23] Glaube oder Vertrauen.
»Konnte er jetzt gerade gehen?« fragte ich.
»Nein,« sagte der Conte, »aber er fühlte sich besser, so lange er
lebte, und sprach davon bis zu seinem Tode. Vor zwei Jahren ist er
gestorben.«
Unterdessen waren wir auf die Marine gekommen, von welcher der breite
Schatten gewichen war, da die Sonnenstrahlen sich jetzt kräftig und
heiss über dieselbe legten. Das Meer wippte in zitternder Bewegung vor
einer stetigen Landbrise und die »Colombina« tanzte mit den anderen
Barken gar lustig vor unseren Augen. Der Ante Placibat war auf einem
als Landungsbrücke dienenden Brette an Bord gegangen und hantirte mit
den Kisten, Fässern und Ballen herum, die auf dem Verdeck lagen, und
der Mozzo hockte bei einem kleinen am Bug des Schiffes angemachten
Kohlenfeuer um Kaffee zu kochen.
Conte Lole schien doch das Bedürfniss zu fühlen, den etwas
zweifelhaften Eindruck, welchen die Erzählung von dem Wunder auf
mich gemacht, durch die Aufzählung irgend einer positiven Thatsache
abzuschwächen, denn er fragte plötzlich: »Wissen Sie, wem die
»Colombina« eigentlich gehört?«
»Vermuthlich Ihnen, Conte Lole?«
»Nein,« antwortete der Conte stolz, »sie gehört den armen Seelen.
Mein Grossvater hat sie bauen lassen. Früher war sie grösser und ist
auch bis Triest gefahren, jetzt aber fährt sie nur bis Zara. Von dem,
was sie einbringt, wird vorerst die Mannschaft gezahlt, dann werden
die Reparaturen besorgt und was übrig bleibt wird zu Seelenmessen für
die Verstorbenen unserer Familie verwendet. Davon wird der Don Beppo
bezahlt, der eben in der Capelle Messe las. Die Reparaturen fressen
am meisten und von der ursprünglichen »Colombina« ist kein Spahn mehr
da. Aber sie wird immer gut gehalten und frisch aufgezimmert, hat auch
immer ausserordentliches Glück gehabt. Weil die armen Seelen eigentlich
ihre Eigenthümer sind, brauche ich sie auch nicht zu assecuriren.
Schon oft war sie in der grössten Gefahr, -- jedes andere Schiff wäre
zu Grunde gegangen aber die »Colombina« -- -- halt! Da fährt sie ab.
Glückliche Reise, Ante! Grüsse mir die Freunde in Zara!!«
Während die Brise sich sanft in die Segel legte, tanzte die »Colombina«
lustig hinaus über die glitzernde Fläche. Beim Steuerruder stand aber
Ante Placibat und schwenkte seinen Strohhut.
Glückliche Reise, »Colombina,« glückliche Reise, Ante Placibat!!
[Illustration]
[Illustration]
Die Pestgräber von Botticelle.
Hätte Herr Stipe Noncovich sein Dasein in irgend einer Stadt irgend
eines anderen Landes ausser Dalmatien hingebracht, so würde er
jedenfalls auf den Titel eines Commis Anspruch erhoben haben. Da er
aber in Spalato sich des Lebens freute, so hiess er einfach »Giovane«.
Giovane ist Alles. Ein Schneidergeselle, ein Advocatenschreiber, ein
Schusterlehrjunge, ein Marqueur in einem Kaffeehause, und nicht minder
jene jungen Männer, die man im gemeinen Leben deutscher Nation unter
den Sammelnamen Ladenjünglinge zu bezeichnen pflegt -- sie Alle heissen
in ganz Italien und in allen Küstenstädten des italienischsprechenden
Dalmatiens »Giovane«, zu deutsch »junger Mann«. Wie alt ein derartiger
junger Mann sei, thut nicht das Mindeste zur Sache, denn nicht etwa das
jugendliche Alter des Betreffenden soll mit diesem Ausdrucke bezeichnet
werden, sondern das Abhängigkeits-Verhältniss, in welchem er zu seinem
Herrn steht. Und Herr Stipe Noncovich war ein »Giovane«, er verkaufte
Leinwand, Bänder, Schnüre, Vogelleim, abgelegenes Tuch, Schiesspulver,
Zucker, Kaffee, fertige Stiefel, Branntwein und noch tausend andere
Dinge in dem Laden seines verehrten Oheims und gestrengen Herrn.
Wenn man von der Piazza Signori -- dem Herrenplatze -- der
freundlichen Stadt Spalato in der Richtung gegen den diocletianischen
Jupiter-Tempel geht, so stösst man an der Ecke des Platzes auf ein
höchst sonderbares Erzeugniss mittelalterlicher Bildhauerkunst. Es
sind zwei Bischöfe in vollem Ornate, welche, die Mitra auf dem Kopfe
und die respectiven rechten Hände wie zum Segen erhoben, in Sandstein
roh ausgemeisselt und in die Quadern des Eckhauses eingefügt sind.
Der eine dieser Bischöfe ist in mehr als Lebensgrösse dargestellt --
der andere reicht dem ersten kaum bis zum Knie. Die nackten Füsse des
grossen und die von schwerfälligem Faltenwurfe überdeckten Knie des
kleinen Bischofs sind gleichmässig abgeschliffen und gewöhnlich mit
einer Schmutzkruste überzogen. Das hat seinen guten Grund. Der Morlake
sowie der Bewohner der Vorstädte Spalatos sieht in jeder alten Statue
ohneweiters einen Heiligen. Hat die Statue gar eine Bischofsmütze
auf dem Kopfe, so muss es schon ein ganz ausserordentlicher Heiliger
sein. Darum sind auch die beiden sandsteinernen Bischöfe heilig und
kein Morlake und kein Vorstadtbewohner versäumt es, im Vorübergehen
hinaufzulangen, die Füsse des grossen und die Knie des kleinen Bischofs
mit den Fingern anzurühren und dann seine Finger zu küssen. Daher die
Kruste. Manchesmal regnet es aber, und dann wird die Schmutzkruste vom
Regen abgewaschen.
Fragt man einen zur gebildeten Classe zählenden Spalatiner um die
Bedeutung dieser beiden Bischofsbilder, so erhält man allerdings eine
Auskunft, die einigen Zweifel an der Heiligkeit der beiden Originale
zu erwecken geeignet ist. Es soll nämlich einmal im vierzehnten
oder fünfzehnten Jahrhundert der Bischof von Spalato mit dem
Bischofe von Traú ein kleines Zerwürfniss gehabt haben, was zu einem
Particularkriege zwischen den beiden Städten Spalato und Traú führte.
Bei der Schlacht oder bei dem Gefechte, welches sich die Bewohner
der beiden Städte lieferten, wurden die Unterthanen des Bischofs
von Traú mit blutigen Köpfen heimgeschickt, worauf dann die beiden
geistlichen Herren, wie billig, Frieden machten. Zum Andenken aber an
den erfochtenen Sieg und zum Zeichen, wie mächtig er selbst gegenüber
seinem Widersacher sei, liess der Bischof von Spalato den grossen und
den kleinen Bischof in Sandstein aushauen. Der grosse Bischof war er
selbst, -- jener winzig kleine der überwundene Bischof von Traú. Heute
sind sie Beide heilig und die Morlaken küssen ihnen -- da sie zu hoch
stehen -- symbolisch die Füsse, wie man anderwärts Leute, die man nicht
»hat«, in effigie hängt.
An derselben Ecke, an welcher die beiden sandsteinernen Bischöfe mit
der periodischen Schmutzkruste an den Füssen prangen, mündet auch eine
zweite enge Gasse: die Calle Alberti.
»Calle« heisst in der Venezianer Mundart, die in allen Küstenstädten
Dalmatiens gesprochen wird, eine enge Gasse, und Alberti ist der Name
einer geachteten Spalatiner Familie, die einmal in dieser Gasse ein
Haus besessen hat. Das erwähnte Haus gehört zwar heute einem Schneider,
aber die Gasse ist desswegen nicht breiter geworden, und wann zur Zeit
der Weinlese die mit bocksledernen Schläuchen beladenen Esel den edlen
Traubensaft durch die Calle Alberti schleppen, so müssen die Kaufleute
ihre Waaren, die sie anlockend vor ihren Kaufläden ausgehängt haben,
hübsch hereinnehmen, wenn dieselben nicht beschmutzt oder gar von einem
Esel mitgenommen werden sollen. Denn die Calle Alberti ist der grosse
Bazar von Spalato, in dessen Verkaufsgewölben Alles zu haben ist, was
nur Herz oder Sinn der männlichen und weiblichen Spalatiner erfreuen
mag.
Und dort, in der Calle Alberti, nicht zu weit von dem ungleichen
sandsteinernen Bischofspaar, hatte Herr Stipe Noncovich senior seinen
Laden, und in demselben lebte, wirkte und verkaufte Herr Stipe
Noncovich junior, zugleich Neffe seines Herrn und »Giovane« seines
Oheims.
Zu wenig Geld oder auch kein Geld haben kommt wie anderwärts auch in
Spalato vor, und bei Herrn Stipe Noncovich junior war dieser Umstand
beinahe chronisch geworden. Denn Herr Stipe Noncovich senior fühlte
sich doppelt verpflichtet, eine Abwechslung in dieser Beziehung nicht
herbeizuführen. Als Dienstgeber seines Neffen lag es nämlich in seinem
eigenen Interesse, dessen Lohn so karg als möglich zu halten, und als
Oheim seines Giovane fühlte er sich verpflichtet, darüber zu wachen,
dass der Letztere durch das lockende Bewusstsein einer vollen Börse
nicht auf Abwege verleitet werde. Darum hatte Herr Stipe Noncovich
junior kein Geld. Darum musste er seinen brennenden Wunsch unerfüllt
lassen, es den anderen jungen Leuten gleichzuthun, Abends vor dem Café
Troccoli seine Cigarrette zu rauchen oder fein geputzt und geschniegelt
bei den Damen den Galan zu spielen, wenn sie im Mondenschein auf der
wunderschönen Marine sich ergingen und riesige Staubwolken mit ihren
langen Schleppen aufwirbelten. Spalatiner Damen sind nämlich in den
Moden durchaus nicht oder höchstens um ein paar Jahre zurück, und eine
Schleppe zu tragen gehört dort zum guten Ton. Je länger die Schleppe,
desto besser der Ton.
Richtig -- ich wollte eigentlich erzählen, wie Herr Stipe Noncovich
junior zu Gelde gekommen, ja sogar ein reicher Mann geworden ist.
Ganz genau weiss ich es freilich selbst nicht -- was ich aber darüber
erfahren konnte, das soll hier nicht verschwiegen werden.
An der Ostküste des Gebietes von Spalato ragen die starren
Uferfelsen sägenartig gezackt in die spielenden Meereswogen hinaus.
Thurmhoch, senkrecht abfallend und trotzig gleich Ruinen einer
mittelalterlichen Burg fühlen sie den leisen Kuss der Wellen nicht,
die ihren Fuss umspielen und werden von der wildanstürmenden Brandung
nicht erschüttert, wenn der Scirocco gebrochene Wellenberge an sie
heranwirft. Sie haben die Griechen in ihren Schiffen landen gesehen
und die welterobernden Römer, sie standen so wie heute, als das
Christenthum lautlos und siegesfreudig zugleich seinen Einzug hielt
in das uralte Dalmaticum; der stiernackige Imperator Diocletian ist
auf ihrem breiten Rücken einhergeschritten und die barbarischen Rufe
der Avaren hallten aus ihren Klüften wieder. Schöne, lauschige, kleine
Buchten hat das Meer in ihren Riesenkörper hineingewaschen, hat den
feinsten Sand, so weich wie Sammt, spielend hineingetragen und winkt
dort mit silberklaren, leise scherzenden Wellen zu köstlichem Bade. Der
Rücken dieser Felsen, der sanft gegen die Stadt Spalato niedergleitet,
ist mit einer dünnen Humusschichte bedeckt, die Einsenkungen sind mit
Erde ausgefüllt und darüber wirft der Oelbaum seine schwermüthigen
Schatten, grünt der Feigenbaum, senkt sich die Rebe unter der schweren
Last der dunkeln saftstrotzenden Trauben.