_Zus._ _Bommerlingstöber_, _-kies_, _-brandling_, _-jo(h)le_ =
Apfelbaum, -kern, -kuchen, -wein sowie (ans _Ende_ gesetzt)
_Scheinlingbommerling_ = Augapfel. _Zu vgl._ (aus dem _verw.
Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 89 (_Bommerlen_ = Apfel); _W.-B.
des Konst. Hans_ 254 (_Bommerling_); _Schöll_ 271 (_Pommerling_);
_Pfulld. J.-W.-B._ 337 (ebenso, Bedtg.: = _Äpfel_; vgl.
_Pommerlingsteberling_ = Apfelbaum); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 66
(_Bommerling_, Nebenbdtg. [71]: _Kartoffel_); _Schwäb. Händlerspr._ 479,
484 (_Bommerling_ = Apfel, Obst); _dieselbe Form_ hat auch die _Pfälz.
Händlerspr._ 437 (für Apfel); vgl. noch _Metzer Jenisch_ 216
(_Bomeche_). Auch sonst im Rotw. seit Anf. des 18. Jahrh. bekannt. Zur
_Etymologie_ (vom französ. _pomme_) s. _Pott_ II, S. 36; A.-L. 585,
_Günther_, Rotwelsch, S. 38; _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1283.]
[Fußnote 212: ([62] auf S. 63.117) _Stöber_ = Baum (Dimin. _Stöberle_ =
Bäumchen) wird auch als Bezeichnung _einzelner_ Baumarten gebraucht, für
die keine besonderen jenischen Ausdrücke vorhanden sind (vgl. d. W.-B.
unter »Birke«), so für Birke, Buche, Eiche und Fichte. Dagegen sind für
andere Bäume (bzw. baumartige Gewächse) besondere _Zusammensetzgn._ mit
_Stöber_ gebildet worden, so (außer _Bommerlingstöber_) noch:
_Stielingstöber_ = Birnbaum, _Scharriselestöber_ = Kirschbaum,
_Staubertsäftlingstöber_ = Mehlbeerbaum, _Krächer(le)stöber_ = Nußbaum,
_Blaulingstöber_ = Pflaumenbaum, _Jahre-_ oder _Kracherstöber_ = Tanne
(vgl. oben S. 108, Anm. 179, lit. a u. b), _Kupferstöber_ (eigtl. etwa
»Grasbaum«) = Weidenbaum, _Jo(h)lestöber_ = Weinstock, _Blauhanzestöber_
= Zwetschgenbaum. Andere _Zus._ mit _Stöber_ (am _Anfang_ stehend) sind
noch: _Stöberspraus_ = Baumholz oder Stamm (s. d. betr. Übereinstimmg.
mit d. Zigeunerspr.), _Stöberschmaler_ = »Baumkatze«, d. h. Eichhörnchen
(s. betr. Übereinstimmg. m. d. Zigeunerspr. schon. »Vorbemerkung«, S. 18
sowie noch unter »Baumkatze«), _Stöbersschure_ oder _-sore_ = Obst. _Zu
vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schöll_ 271 (_Steber_ = Baum);
_Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_Stöberling_, vgl. [337] _Pommerlingsteberling_
= Apfelbaum); in der _schwäb. Händlerspr._ (479, 487) ist dagegen nur
_Stemmerling_ = Baum, Stock bekannt. Die _Etymologie_ des (auch sonst
noch im Rotw. [bes. in d. Form _Steber_] vorkommenden) Wortes ist
_unsicher_; vielleicht gehört es zu unserem »Stab« od. damit stammverw.
Ausdr. in andern Sprachen (vgl. bei _Weigand_, W.-B. II, Sp. 940 unter
»Stab«: lit. _stabarai_ = »trockene _Baum_äste«). _Miklosich_, Beitr.
III, S. 19 (unter »Steber«) hat zunächst _slaw._ Ursprung (vgl. neusl.
_steber_ = »Säule« u. bes. serb. _stabar_ = »Stamm«) vermutet.]
Apfelkern, _Bommerlingkies_[213] [63.118]
Apfelkuchen, _Bommerlingbrandling_[214]
[Fußnote 213: ([63] auf S. 63.118) _Kies_, eigentl. a) = Stein
(Gestein), bes. auch Kieselstein, dann auch b) = Kern, kommt in _beiden_
Bedeutgn. in zahlreichen _Verbindgn._ u. _Zusammensetzgn._ vor, so in
der Bdtg. unter a: in den _Verbdgn._ _dofer Kies_ = Diamant, Edelstein
u. _grandicher Kies_ = Felsen (s. dazu schon oben S. 100, Anm. 165) od.
Quaderstein sowie in den folgenden _Zus._: [Griechisch: a]) mit K.
_vorne_: _Kieslobe_ = Pflastergeld (eigtl. »Steingeld«) u. _Kiesguffer_
= Steinhauer, Steinmetz; [Griechisch: b]) mit K. _am Ende_: _Kittlekies_
= Backstein od. Dachziegel, _Funkkies_ = Feuerstein, _Begerkies_ =
Grab-, Leichenstein, _Flu(h)tekies_ (eigtl. »Wasserstein«) = Insel (vgl.
schon oben S. 36, Anm. 126); _Stradekies_ = Kilometer-, Meilenstein;
ferner in der Bedtg. unter b: (außer _Bommerlingkies_) noch:
_Stieling-_, _Scharrisele-_, _Kräckerle-_, _Blauling-_ u.
_Blauhanzekies_ = Birnen-, Kirschen-, Nuß-, Pflaumen- u. Zwetschgenkern.
— Eine _Ableitg._ von _Kies_ = Stein ist das Adj. _kiesich_ = steinig.
Zu trennen ist der Etymologie nach: _Kies_ = Geld, worüber das Näh.
unter »Bank«. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._
344 (_Kißel_ = Stein); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_Kûß_ od. _Kisel_ [in
_Lütz._ (215): _Khis_] = Stein; vgl. auch [484]: _Kîseler_ [in
_Pfedelb._ (218): _Kieseler_], _Kî(e)slerspink-_ od. _Kî(e)slerfisl_ =
Maurer). _Etymologie_: wohl jedenfalls zu unserem gemeinsprachl. »Kies«
bzw. »Kiesel« (mhd. _kis_, _kisel_); vgl. _Groß'_ Archiv, Bd. 43, S. 9
(unter »Kîseler«), auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 420 (unter
»Kis«, Nr. 4, c), 422 (unter »Kisel«, Nr. 3) u. 872 (unter »Kus«).]
[Fußnote 214: ([64] auf S. 63.118) _Brandling_ (-leng) = Kuchen
erscheint noch in d. folgenden _Zus._ a) am _Anfang_ stehend:
_Brandlingschei_ (= eigtl. »Kuchentag«) = Kirchweihe u.
_Brandlingweisleng_ (eigtl. »Kuchensonntag«) = Kirchweihsonntag; b) ans
_Ende_ gesetzt: (außer _Bommerlingbr._ noch): _Bäzemebrandling_ =
Eierkuchen, _Niesichescheibrandling_ = Fastnachtskuchen,
_Krachersäftlingbr._ = Heidelbeerkuchen, _Girall-_ od. _Räslingbr._ =
Käsekuchen, _Scharriselebr._ = Kirschkuchen, _Süßlingbr._ = Lebkuchen,
_Blauhanzebr._ = Zwetschenkuchen, _Sorebrandling_ = Zwiebelkuchen. _Zu
vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Brandling_
= Küchlein); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 73 (Form ebenso, Bedtg.:
Pfannkuchen); _Schwäb. Händlerspr._ 483 (Bedtg.: Kuchen, in _Pfedelb._
[212] = Pfannkuchen). Vielleicht ist auch statt _Bundling_ = Kuchen im
_Dolm. der Gaunerspr._ 35 zu lesen: _Brandling_. _Etymologie_: Das Wort,
das sonst im Rotwelsch, wenigstens in der Form _Brändling_ (od.
_Brendling_), für »Kaffee« (s. z. B. auch schon _Dolm. der Gaunerspr._
94 [_Brendling_]) oder »Schnaps« (vgl. A.-L. 526) u. dergl. m. (s. z. B.
schon _Körners_ _Zus. zur Rotw.-Gramm._ v. 1755 [209: _Brandling_ =
»Kofent«]) vorkommt, gehört wohl zu unserem Zeitw. _brennen_.]
Apfelwein, _Bommerlingjo(h)le_[215]; s. auch Most [63.119]
Appetit, _Bog(g)elo_[216], _Putl(t)ak_[217], _Ruf_[218]; s. auch Hunger
[Fußnote 215: ([65] auf S. 63.119) _Jo(h)le_ = Wein (Rebensaft) kommt
noch vor in der Verbdg. _gesicherter Jo(h)le_ = Glühwein, Punsch, und in
den folgenden _Zusammensetzgn._: _Jo(h)lesore_ = Weinfaß,
_Jo(h)leglansert_ = Weinglas od. -flasche, _Jo(h)lekitt_, _-spraus_,
_-schnall_, _-stöber_ = Weinhaus, -rebe, -suppe, -stock. _Zu vgl._ (aus
dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ (_G'finkelterjole_ =
Branntwein [vgl. dazu oben »Einltg.«, S. 28]); _Pfulld. J.-W.-B._ 346
(_Jole_ = Wein); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 77 (ebenso); _Schwäb.
Händlerspr._ 488 (_Jole_ od. _Jôli_ [in _Pfedelb._ (214): _Jole_ od.
_Säftlingsjole_] = Wein; vgl. 484]: _Stielingsjôle_ [eigtl.
»Birnenwein«] = Most); vgl. auch _Pleißlen der Killertaler_ 435 (_Jôle_
od. _gwanter Jôle_ = Wein) u. _Metzer Jenisch_ 217 (_Jole_ = Wein). Die
Form _Joli_ hat schon das _Basl. Glossar_ v. 1733 (202). Die
_Etymologie_ ist unsicher; nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 103/4
(unter »Jole«, Nr. 1) handelt es sich vielleicht um eine der zahlreichen
rotw. Verunstaltungen des hebr. _jajin_ = Wein (s. darüber Näh. bei
_Weber-Günther_, S. 156; vgl. auch A.-L. 550 u. _Günther_, Rotwelsch, S.
81).]
[Fußnote 216: ([66] auf S. 63.119) Zu _Bog(g)elo_ (od. Bogalo) = Hunger
(Appetit) vgl. noch die _Verbdg._ _grandich Bogelo_ = Heißhunger u. die
_Ableitung_ _bogelich_, das aber im W.-B. nur durch »gierig« od.
»knickerig« (nicht durch »hungrig«) wiedergegeben ist. _Zu vgl._ (aus
dem _verw. Quellenkr._) nur: _Schwäb. Händlerspr._ (_Lütz._ [215]:
_Boggelo_ = Hunger). _Etymologie_: aus der Zigeunerspr. (s. »Einleitg.«,
S. 29); vgl. A.-L. 526 (unter »Bock« [wo auch _bokelo_ (-kalo) =
hungrig, _Bokillo_ = Geiz u. _bockelig_ = geizig od. hungrig als
_gauner_sprachl. angeführt ist]) u. _Günther_, Rotwelsch, S. 31 vbd. mit
_Pott_ II, S. 396 (unter »Bokh«), _Liebich_, S. 129, 201, 206, 211
(_bōk_ = Hunger, Geiz, Habgier, _bōkĕlo_ [od. -ŏlo] =
hungrig, geizig, habgierig), _Miklosich_, Beitr. I/II, S. 20, 25 u.
Denkschriften, Bd. 26, S. 180/81 (unter »bokh«: bei den deutsch. Zig.:
_bōk_ = Hunger), _Jühling_, S. 220 (_Bok_ = Hunger), _Finck_, S. 52
(_bok_ = Hunger, Geiz u. _bok'elo_ = hungrig, geizig). Über d. Ursprung
aus dem Altind. s. _Pott_ u. _Miklosich_, a. a. O.]
[Fußnote 217: ([67] auf S. 63.119) Mit _Put(t)lak_ = Hunger (Appetit,
auch Gier) ist gebildet die _Verbdg._ _grandich P._ (= gr. Bogelo), also
= Heißhunger. _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._
340 (_Buttlak_ = Hunger); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 69
(_puttlachen_ = essen). — In der Form _Buttlack_ (nebst d. Adj.
_buttlakig_ = hungrig) tritt die Vokabel auch sonst im Rotw. des 19.
Jahrh. auf (vgl. z. B. _Pfister_ 1812 [296] u. bei _Christensen 1814_
[318]; _v. Grolman, Aktenmäß. Gesch._ 1813 [313] u. W.-B. 12 u. T.-G.
103; _Karmayer_ 24). _Etymologie_: Der erste Bestandteil des Wortes
gehört wohl ohne Zweifel zu _butten_ = essen (worüber das Näh. schon
oben S. 38, Anm. 130 unter »Abendessen«). Einige Schwierigkeiten macht
dagegen die Endung _-lak_. Vielleicht dürfte sie in Beziehung gesetzt
werden zu dem rotw. bezw. geheimspr. Adj. _la(c)k_ = schlecht, böse,
schlimm u. dgl. (s. z. B. aus dem _verw. Quellenkr._: _Dolm. der
Gaunerspr._ 100 [_lack_ = übel]; _Pfullend. J.-W.-B._ 337, 338, 344
[_lak_ = abgemattet, bös, schlimm]; _Schwäb. Händlerspr._ 480, 486
[_lack_ = dumm, schlecht (in _Pfedelb._ [209] auch bös, vgl.
ebds. _lacke Schix_ = Dirne)]; mit flekt. Endung [_laker_ =
liederlich,falsch], bei _Schöll_ 272, womit zu vgl. _locker_ = falsch,
schlecht bei _Pfister_ bei _Christensen 1814_ [325], zu welcher Form
dann wieder noch _lock_ = klein, schlecht, arm usw. in dem [freilich
nicht mehr verwandten] _Hennese Flick von Breyell_ [456] paßt). Danach
wäre dann _Put(t)lak_ od. _Buttla(c)k_ zu deuten etwa als Umschreibung
für »(mit dem) Essen (steht es) schlecht« oder als reine Negation »Essen
— nicht«. Fraglich bleibt übrigens auch noch die Herkunft des Adj.
_la(c)k_. Während z. B. _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 910 ff. das
zigeun. _láko_ = »leicht, gering« (_Finck_, S. 69) herangezogen hat, ist
darin vermutl. eher eine mundartl. Nebenform zu _lau_ = »nicht frisch,
matt, abgestanden, ohne Salz, ungewürzt« u. dgl. (vgl. _Schmeller_,
Bayer. W.-B. I, Sp. 1432; _Grimm_, D. W.-B. VI, Sp. 34 vbd. m. Sp.
285/86) zu erblicken (nach gefl. Mitteilungen von Dr. A. _Landau_).]
Äquilibrist (Seiltänzer), _Schnurrand_[219] [63.120]
Arbeit, _Schenagel_[220]
arbeiten, _sch(e)negle(n)_[220]
Arbeiter, _Schenegler_[220]
Arbeitshaus, _Schenagelskitt_[221]
[Fußnote 218: ([68] auf S. 63.120) _Ruf_ = Hunger (Appetit) ist m. Wiss.
in dem speziell _verw. Quellenkr. nicht_ bekannt, dagegen die Form
_Roof_ u. ähnl. (sowie d. Adj. _roofig_ = hungrig) _sonst_ hier u. da im
Rotw. usw. anzutreffen (vgl. z. B. _Christensen_ 1814 [318 u. 324]; _v.
Grolman_ 57 u. T.-G. 1 B.; _Karmayer_ G.-D. 215; _Thiele_ 297; A.-L. 592
u. _Groß_ 487 [hier _Roëw_, _Roow_ u. _Raiwon_]; _Rabben_ 112; _Ostwald_
123; in der _Pfälz. Händlerspr._ [438]: _Rôch_ od. _Rauch_). Zur
_Etymologie_ (vom hebr. _r 'b_ = »Hunger« s. A.-L. 592 u. 457 unter
»Roëw«).]
[Fußnote 219: ([69] auf S. 63.120) _Schnurran¶d¶_ od. (besser)
_Schnurran¶t¶_ hat auch noch die (etwas allgemeinere) Bedeutgn.
»Gaukler« od. »Komödiant« (Schauspieler). S. dazu die _Zus._ a) mit Sch.
_voran_: _Schnurrantekitt_ = Komödien-, Schauspielhaus,
_Schnurrantekritzler_ = Komödienzettel, Programm; b) mit Sch. _am Ende_:
_Randeschnurrant_ = Taschenspieler. In dem _verw. Quellenkr._ m. Wiss.
unbekannt, dagegen hat d. _Kundenspr._ II (423): _Schnurrant_ = Bettler.
Zur _Etymologie_ s. A.-L. IV, Sp. 293: »Nach dem mhd. snarrence ist
_Schnurrant_ der umherziehende Bettelmusikant, wahrscheinlich vom
schnarrenden Laute seiner Leier so genannt«. Es handelt sich (nach
_Grimm_, D. W.-B. IX, Sp. 1413) bei dem mundartlich, besonders auch in
_Schwaben_, verbreiteten Ausdruck (s. v. _Schmid_, Schwäb. W.-B., S.
475), der aber auch noch der Schriftsprache unserer klassischen
Literatur (z. B. bei _Goethe_) — für einen »Possenreißer« — geläufig
gewesen, um eine Ableitung von dem latinisierten Zeitwort _schnurrare_,
gleichbed. mit _schnurren_ (od. schnorren), d. h. eigtl. »(mit der
Schnurrpfeife [u. dgl.]) als Bettelmusikant umherziehen«, dann »betteln«
überhaupt (vgl. _Grimm_, a. a. O., Sp. 1420, Nr. 8), wofür es insbes.
bekanntl. auch im Rotwelsch usw. verbreitet erscheint (vgl. A.-L. 293 u.
602 sowie [aus dem _verw. Quellenkr._]: _Dolm. der Gaunerspr._ 90
[_schorren_ (sic) = betteln]; _W.-B. des Konst. Hans_ 255 [_Schnurrer_ =
Bettelleute]; _Schöll_ 273 [Form ebenso]; _Pfulld. J.-W.-B._ 336 bis 338
[_schnurren_ = (ab)betteln, _ausschnurren_ = ausbetteln, _Schnurrer_ =
Bettler]; _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 68 [_schnurren_ (gehen) =
betteln (gehen), _auf die Schnurre_ = auf den Bettel]); _Schwäb.
Händlerspr._ 479 [_schnurren_]). In _Wittichs_ W.-B. ist es aber _nicht_
angeführt.]
[Fußnote 220: ([70] auf S. 63.120) S. abschaffen.]
[Fußnote 221: ([71] auf S. 63.120) Betr. _Kitt_ s. Abort.]
Arbeitslohn, _Schenagelsbich_[222], vgl. Lohn [63.121]
arg, _lenk_[223], _schofel_[224]
[Fußnote 222: ([72] auf S. 63.121) Betr. _Bich_ s. Almosen.]
[Fußnote 223: ([73] auf S. 63.121) Das Adj. _lenk_ (mundartl. = _link_
[so bei _Wittich_ nur in d. Spr. u. vereinzelt in einer _Zus._] = arg
(Grundbed.: falsch) umfaßt (ähnlich wie sein Gegenstück _dof_ od.
_duft_) noch eine große Zahl mehr od. weniger ähnlicher Begriffe,
nämlich: bösartig, böse (vgl. dazu d. Komparat.: _lenker_ = böser),
böswillig, buhlerisch, eifersüchtig, elend, erzürnt, frech, garstig,
gefährlich, gehässig, gefühllos, gemütlos, gewalttätig, gottlos,
grausam, grimmig, grob, hartherzig, haßartig, heftig, nichtswürdig,
ruchlos, streng, tückisch, unverschämt, wüst; als Subst. gebr.: = Gefahr
od. Schmach. Dazu die _Verbdg._ _lenker Kritzler_ (eigtl. »böser Brief«)
= Steckbrief (s. d. betr. Analogie im Zigeuner., vgl. auch
»Vorbemerkung«, S. 18, Anm. 47) u. d. _Zus._ _Linkfi(e)sel_ = böser Mann
(Syn.: _lenker Kaffer_). _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Dolm.
der Gaunerspr._ 92, 97 (_link_ = falsch, _linke Fleppe_ = falscher Paß);
_Pfulld. J.-W.-B._ 339 (_link_ = falsch); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._
74 (_link_ = falsch, schlecht, _Linkmichel_ = falscher Mensch, _linker
Schenagel_ = nicht passende Arbeit); _Schwäb. Händlerspr._ 486 (_lenk_ =
schlecht [in _Pfedelb._ (209): auch = bös, falsch]; in _Degg._ [215]:
_Linkmichel_ = schlechter Kerl). Über sonstige rotw. Belege (seit d. 17.
Jahrh.) s. _Schütze_ 78; betr. _Linkmichel_ s. auch _Groß'_ Archiv, Bd.
51, S. 152, Anm. 2 u. Bd. 59, S. 266. Zur _Etymologie_ (Erweiterng. des
gemeinspr. _link_ als Gegensatz zu _recht_, nach der _Hand_ genommen
[_Weigand_, W.-B. II, Sp. 70]) s. _Pott_ II, S. 15, 16; A.-L. 567, vgl.
auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1254 (betr. lenk).]
[Fußnote 224: ([74] auf S. 63.121) Das Adj. _schofel_ (auch schoffel)
hat im wes. die gleichen Bedeutgn. wie _lenk_. Es fehlt nur unter
»gemütlos« u. »wüst« (wohl bloß versehentlich), während anderseits _nur_
_schofel_ (_nicht_ aber _lenk_) angeführt ist unter den Ausdrücken: arm,
entzwei, gemein, kümmerlich, lasterhaft, niederträchtig, schamlos,
schlecht (wofür _lenk_ gewiß nur versehentl. fortgelassen), traurig,
treulos, unanständig, verrucht; als _Subst._ gebraucht ist es = Gefahr,
Schmach (wie _Lenk_) u. außerd. noch = Not. Der Komparat. _schofler_ ist
durch »böser« wiedergegeben. Viel häufiger als mit _lenk_ sind mit
_schofel_ _Verbindgn._ od. _Zusammensetzgn._ für selbständige Begriffe
gebildet worden, nämlich: a) _Verbindgn._ _schofle Model_ =
Beischläferin, Dirne (Freudenmädchen, Hure [für letzteren Ausdr. Syn.
auch: _schofle Schüx_]), _schofle Moss_ = Ehebrecherin, Kebsweib (für
letzt. auch: _schofle Goi_), _schofler Kaffer_ (auch — _Benk_, —
_Fiesel_ od. — _Freier_) = Heuchler (alles [außer _sch. Benk_] auch
unter »Hurenkerl« angeführt; _sch. Benk_ [Benges] oder _Fiesel_ auch =
Krüppel); _schofler Begersins_ = Quacksalber, _schofler Kritzler_ (wie
_lenker Kr._ [s. oben Anm. 223] = Steckbrief; vgl. auch noch
die Redensart _schofle Falle (-la) pflanzen_ = »huren«; b)
_Zusammensetzungen_ (d. h. in _einem_ Wort geschr.): _Schoflelehm_ =
Schwarzbrot (vgl. als Gegenst. _Dofelehm_ = Weißbrot [oben S. 111, Anm.
188]), _Schoflergalm_ = Stiefkind, _Schoflemamere_ = Stiefmutter,
_Schoflerpatris_ = Stiefvater, _Schofelkitt_ = Zuchthaus. _Ableitungen_:
_Schofelei_ = Unglück (s. dazu _Schofeleifläderling_ = Rabe [vgl. oben
S. 100, Anm. 165]), _Schoflerei_ = Gericht, Amtsgericht (vgl. dazu
_grandige Schoflerei_ = Land- [Kreis-, Kriminal-] Gericht u.
_Schoflereisitzling_ = Richterstuhl, dagegen _Schoffeleischure_ =
Gerichtsvollzieher). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der
Gaunerspr._ 91, 92, 97, 99, 101 (_schofel_ = falsch, streng,
_Schofel-fleppe_ = falscher Paß, _schofel Marum_, _Lehm_ [od. Lechem] =
schwarzes Brot, _Schofel Kitt_ = Zuchthaus); _W.-B. des Konst. Hans_
256, 257, 259 (_schofel_ = bös, _schofler Kaffer_ = böser Mann,
_Schofelkitt_ = Zuchthaus); _Schöll_ 272, 273 (_schovel_ = schlimm,
_schovel Gasche_ = schlimme Leute); _Pfulld. J.-W.-B._ 344, 346
(_schofel_ = schlimm, _Schofelkitt_ = Zuchthaus); _Schwäb. Gaun.- u.
Kundenspr._ 74 (_schofel_ = schlecht); _Schwäb. Händlerspr._ 486
(ebenso, abweichend vom sonst. Sprachgebr. in _Lütz._ [214]:
_Schofel-Kitt_ = Abtritt [vgl. oben S. 44, Anm. 147]). _Etymologie_: Die
Vokabel, die etwa seit Mitte des 18. Jahrh. im Rotw. u. dann auch in
unserer Schriftsprache auftritt, ist jüdisch-deutscher Herkunft (von
»einem nicht gerade üblichen« _schōfēl_ (statt: _schāfāl_),
dem Partizip des hebr.-rabb. _schāfēl_ = »niedrig gemacht,
gedemütigt werden, sinken«). S. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 776 vbd. mit
A.-L. 603 u. 475, _Günther_, Rotwelsch, S. 94, _Stumme_, S. 19 u.
_Seiler_, Lehnwort IV, S. 495.]
Ärger, _Stumpf_[225] [63.122]
ärgerlich, _stumpfich_[225]; s. auch zornig
[Fußnote 225: ([75] auf S. 63.122) Zu _Stumpf_ (auch = Entrüstung,
Trotz, Zorn) gehören als _Ableitungen_: a) das Adj. _stumpfich_ oder
(seltener) _stämpfich_) = ärgerlich, empfindlich, entrüstet, ergrimmt,
erzürnt, gereizt, grimmig, trotzig, unwillig, verdrießlich, verstimmt,
wütend, zänkisch, zornig; b) das Zeitw. _stumpfen_ (stümpfen) oder
(häufiger) _stämpfen_ (_erstere_ Formen für: schmähen, lästern,
_letztere_ Form für: bedrohen, beleidigen, beschimpfen, drohen, fluchen,
schelten, schimpfen, zanken; dazu die _Zus._: _ausstämpfen_ =
ausschelten, -schimpfen, -zanken); c) die (zunächst auf das Zeitw.
_stämpfen_ zurückgehenden) Substantive: _Stämpfer_ = Schmäher, Zänker
und _Stämpferei_ = Wortwechsel, Zank, Zänkerei, Zwist. Zu dem
Stamme _stämpf-_ (des Zeitw. stämpfen) gehört auch die _Zus._
_Stämpffläderling_ (d. h. eigtl. der »schimpfende Vogel«) = Elster (s.
d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.). _Zu vgl._ (aus dem _verw.
Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 340, 343, 346 (_stumpf_ = bös
[345: = taub], _Stumpf_ = Haß, Zorn, _stimpfen_ = schelten, zanken);
_Schwäb. Händlerspr._ 485, 488 (_stumpf_ = zornig [in _Pfedelb._ (214)
als Subst. _Stumpf_ = Zorn], _stumpfen_ = schimpfen). Übrigens dürften
sich die Vokabeln bis ins 18. Jahrh. hinein verfolgen lassen. So findet
sich z. B. im _W.-B. von St. Georgen_ 1750 (219, 220) _stumpf_ =
unsicher, im _Schwäb. Falschmünzerprozeß_ von 1791/92 (261 ff.) mehrmals
_Stumpf_ oder _stumpf machen_ = »Lärmen« oder »Angst machen« (v. S. der
Gauner) sowie das Subst. _Stumpfmacher_ = »Lermen- (d. h. Lärm-)
Macher«; vgl. noch ebds. (263) sowie in der _Uracher Jauner- und
Betrügerliste_ 1792 (268): _anstimpfen_ od. _anstempfen_ (= anschmusen),
d. h. etwa Überreden eines leichtgläubigen Opfers v. S. der Betrüger.
Bei _Schintermicherl_ 1807 (288) — der auch _stumpf_ = »hart od. böse«
hat — bedeutet das Zeitw. _stimpfen_ = bellen (von Hunden).
_Etymologie_: Bei _Stumpf_ = Ärger, Zorn usw. liegt wohl nur eine
Substantivierung vom Adj. _stumpf_ vor, das u. a. in dem Sinne von
»böse« schon im Mhd. bekannt gewesen (s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 999)
und sich noch bis in die neuere Zeit hinein in der bayr.-österreich.
Mundart erhalten hat (vgl. bes. _Schmeller_, Bayer. W.-B. II, Sp. 761 m.
Hinweis auf _Castelli_ [Öster. W.-B., 1847], S. 239: _stumpf_ = böse,
verdrießlich). Für das Zeitw. _stumpfen_, _stämpfen_ vgl. noch bes.
_Schmeller_, a. a. O., Sp. 760 (_stimpfen_, _stümpfen_ = »sticheln,
[be]kritteln, schmähen«) u. Sp. 762 (_stumpfieren_ = »kritteln,
[be]spotten«); auch _v. Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 518 vbd. m. 515
(_stumpfieren_ = schimpfen, lächerlich machen, _stumpflerisch_ =
spöttisch, anzüglich).]
arm (ärmlich, armselig), _vermuft_[226], auch wohl _schofel_ (Spr.)[227] [63.123]
u. _dercherich_[228]
arme Leute, _Dercherulma_ (d. h. eigtl. »Bettelleute«)[229]
Armenhaus, _Dercherkitt_[230]
Armut, _Vermuft_[231]
Arrest, _Dofes_[232], _Kittle_[233], _Lek_[234]. Eigentlich soll mit
_Dofes_ das Gefängnis im e S., mit _Kittle_ der Arrest (Haft) und mit [63.124]
_Lek_ (od. _Schofelkitt_) das Zuchthaus bezeichnet werden.
[Fußnote 226: ([76] auf S. 63.123) S. Aas.]
[Fußnote 227: ([77] auf S. 63.123) S. arg.]
[Fußnote 228: ([78] auf S. 63.123) S. abbetteln.]
[Fußnote 229: ([79] auf S. 63.123) Über _Dercher-_ s. abbetteln. —
_Ulma_ (-me) = Leute kommt noch vor: a) in den _Zusammensetzungen_:
_Schniffer-_ od. _Schorerulma_ = Diebesbande, _Fehteulme_ =
Herbergsleute (Spr.), _Dächlespflanzerulma_ = Schirmflickerleute (Spr.),
_Steinhäuflesulme_ = Städter, _Blibelulma_ (-e) = fromme Leute,
»Stundenleute« (d. h. Methodisten); b) in den _Verbindgn._: _jenische
Ulma_ = »fahrende Leute« u. _grandich Ulma_ (d. h. »viele Leute«) =
Menge (s. d. betr. Übereinstimme, mit d. Zigeun.). Das Wort ist in dem
bes. _verw. Quellenkr._ m. Wiss. unbekannt u. auch sonst im Rotwelsch
(wenigstens in _gleicher Form u. Bedeutg._) selten; vgl. aber z. B.
schon _Lib. Vagat_ 55 (_Wyßulm_ = »einfaltig volck«), dann öfter
wiederholt, ferner _Münchner Deskription_ 1727 (192: _die platten Ulm_,
etwa im Sinne von »Gaunern« u. dergl.) u. _Schintermicherl_ 1807 (289:
_Ulm_ = Leute); dagegen hat _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 (327) die
Form _Ohlem_ (= Menge), die sich dem jüd. (hebr.) Stammworte mehr
annähert. Ihrer _Etymologie_ nach geht die Vokabel nämlich zurück auf
das hebr. _'ôlm_ = »Ewigkeit, Welt«, jüd. _ôlem_ od. _ulen_ = »Welt,
dann Leute, Menschenmenge« (wie französ. _monde_ = »Welt« u. »Leute«);
vgl. A.-L. 426 (unter »Olam«) u. _Wagner_ bei _Herrig_, S. 237.]
[Fußnote 230: ([80] auf S. 63.123) S. abbetteln u. Abort.]
[Fußnote 231: ([81] auf S. 63.123) S. Aas, vgl. »Vorbemerkung«, S. 15,
Anm. 36 (subst. Partiz.).]
[Fußnote 232: ([82] auf S. 63.123) _Dofes_ ist im W.-B. auch durch
»Gefängnis, Gewahrsam, Haft« u. »Kerker« wiedergegeben; dazu: _im Dofes_
= gefangen sowie die _Zusammensetzg._ _Dofesbu(t)z_ = Gefangenwärter.
_Ableitg._: das Zeitw. _ei'dofema_ = einkerkern (einsperren,
einstecken). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._
340 (_Doves_ = Gefängnis); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67 (_Doves_ =
Arrest, _Ratte-Doves_ = Dunkelarrest); _Schwäb. Händlerspr._ 479, 488
(_Dôfes_ [in _Pfedelb._ (214): _Doves_] = Arrest, Zuchthaus). Vgl. auch
_Pfälz. Händlerspr._ 437 (_Dôfes_ = Gefängnis). Über sonstige Belege im
Rotwelsch sowie die _Etymologie_ des Wortes (wohl vom hebr. _tfaf_ =
»ergreifen, gefangen nehmen«) s. _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 288 (mit
weiteren Angaben); vgl. auch noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp.
246/47, welcher meint, daß der Ausdruck »vielleicht volkstümlich an
_tōf_ (gut) ironisch angelehnt« sei.]