od. _nuschich_ s. d. Näh. schon oben unter »aberwitzig«. _Giel_
bedeutet: Maul (Schnauze), Mund (Lippe), dann auch allgemeiner
(gleichsam als pars pro toto) Gesicht, Miene, Signalement (s. d. betr.
Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.). Andere _Zus._ bzw. _Verbdgn._ mit
_Giel_ sind noch _Grandichergiel_ = Großmaul (s. dazu schon oben S. 100,
Anm. 165), _Schmusichergiel_ = Plappermaul sowie _oberkünftiger Giel_
(d. h. eigtl. etwa »Obermaul«) = Gaumen (s. d. betr. Übereinstimmg. m.
d. Zig., vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 17). _Vielleicht_ dürften als
Ableitungen von _Giel_ auch das Zeitw. _giele(n)_ (-la) = (sich)
erbrechen, übergeben (auch als Subst. gebr.) u. das Adj. _gielerich_ =
übel (»zum Übergeben [Erbrechen] schlecht« [Spr.]) betrachtet werden.
_Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 342, 345
(_Giel_ = Maul, _gillen_ = erbrechen, speien); _Schwäb. Händlerspr._
4841 (_Gîl_ = Mund). Der _Etymologie_ nach gehört das (als rotw. schon
im _Lib. Vagat._ [54] bekannte) Wort zu dem bereits mhd. _giel_ = »Maul,
Rachen, Schlund« (s. _Lexer_, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 1011; vgl. auch
_Schmeller_, Bayer. W.-B. I, Sp. 892), bildet also »einen der nicht
häufigen Fälle der Erhaltung von _Archaismen_ im Rotwelsch« (so:
_Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 651; vgl. auch schon _Wagner_ bei
_Herrig_, S. 207 u. _Behaghel_ in d. Z. der Allg. Deutsch. Sprachver.
Jahrg. 1905, Sp. 158). Das Zeitw. _gil(l)en_ = erbrechen usw. hat
_Fischer_, a. a. O., Sp. 658 — freilich nur mit einen Fragezeichen —
zu dem hebr. _gilla_ = »enthüllen« in Beziehung gesetzt.]
[Fußnote 168: ([18] auf S. 63.103) Als eine _Zus._ mit _Bos_ = After
(Hinterer) könnte vielleicht aufgefaßt werden _Boslem_ = Exkremente (das
wäre dann eigtl. — da _Lehm_ auch im _Wittich_'schen Vokabular für
»Brot« vorkommt — soviel wie »Afterbrot«). Ebenso scheint ein gewisser
Zusammenhang vorzuliegen zwischen _Bos_ u. dem Zeitw. _bosen_ od.
_bosme_ = lecken, zu dem möglicherweise die Redensart _jann'_ _mei Bos_
= »leck mich (im A….)« (s. d. W.-B.) den Übergang gebildet hat. _Zu
vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 74
(_Bos_ = Podex [ganze Hinterseite]); _Schwäb. Händlerspr._ 485 (_Boß_ =
Podex; vgl. dazu noch in _Pfedelb._ [211]: _muff mei Boß_ = »l. m. i.
A.«). Die _Etymologie_ ist unsicher. _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp.
1303 hat das hebr. _bōš_ = »sich schämen« herangezogen, jedoch nur
mit einem Fragezeichen. Weniger gesucht erscheint es m. E., in _Bos_ zu
erblicken nur eine Abkürzung (nach Art der sog. Aphärese) von der
Zusammensetzg. _Schundbos_ u. ä. (wörtl. etwa »Kothaus«, zu _Schund_ =
Kot u. dgl. [s. oben S. 41, Anm. 139] u. _Bos_ = Haus, älterer rotw.
Form für _Bais_ u. ä., aus dem gleichbed. hebr. _bajit_ [vgl. Archiv,
Bd. 38, S. 221, Anm. 1]), die sich zu Anfang des 19. Jahrh. in einzelnen
Sammlungen der Gaunerspr. als Bezeichnung für den »Hinteren« findet (so
z. B. bei _Karmayer_ 150 [neben _Schandbus_ (138)]; vgl. _Pfister_ 1812
[303: _Schonnboos_] u. _v. Grolman_ 58 u. 63 u. T.-G. 101 [_Schonboos_
u. _Schandbus_ od. _-buß_]).]
albern s. aberwitzig [63.104]
alljährlich, _jedes Ja(h)ne_ (d. h. jedes Jahr)[170]
alltäglich, _jeden Schei_ (d. h. jeden Tag)[171]
[Fußnote 169: ([19] auf S. 63.104) S. Abort.]
[Fußnote 170: ([20] auf S. 63.104) Dieselbe Ausdrucksweise haben auch
die Zigeuner (s. _Liebich_, S. 139 u. 174: _hakko bersch_ [d. h. »jedes
Jahr«] = alljährlich). — _Jane_ od. _Jahne_ = Jahr findet sich auch
noch in den _Verbdgn._ _voriges Ja(h)ne_ = vorjährig u. _nobis dofs
Ja(h)ne_ (d. h. eigtl. »kein gutes Jahr«) = Mißjahr (s. d. betr. d.
Zigeunerspr.) u. in den Zus. _Ja(h)neschei_ = Jahrestag u. _Neuja(h)ne_
= Neujahr (Spr). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der
Gaunerspr._ 94 (_Jone_ = Jahr, daher _Jone Gschok_ = Jahrmarkt); _W.-B.
des Konst. Hans_ 257, 259 (_Jane_ = Jahr, _Jann_ = Jahre); _Pfulld.
J.-W.-B._ 341 (_Jane_ = Jahr). Die _Etymologie_ bleibt zweifelhaft.
_Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 74 hat hingewiesen teils auf _Jam_ =
Tag (in der Form _Jäm[m]chen_ = Jahr [s. dazu schon oben »Einleitg.«, S.
26, Anm. 70]), teils auf das hebr. _schānā_, jüd. _schōnō_ =
Jahr, das auch in die Gaunerspr. eingedrungen ist (s. z. B. schon
_Christensen_ 1814 [322: _Schone_], u. dann öfter bis zur Neuzeit [vgl.
A.-L. 603 u. _Groß_ 492 (_Schono_, _-num_), _Rabben_ 121 u. _Ostwald_
137 (_Schone_, _-num_)]). Jedoch erscheint es vielleicht am einfachsten,
auch hier (gleichwie möglicherweise ja bei _Jäm[m]chen_) nur eine
absichtliche Entstellung des Auslauts von »Jahr« anzunehmen.]
[Fußnote 171: ([21] auf S. 63.104) Auch diese Umschreibung ist bei den
Zigeunern gebräuchlich (s. _Liebich_, S. 139 u. 174: _hakko diwes_ [d.
h. »jeden Tag«] = alltäglich). — Das jenische _Schei_ (od. _Schein_) =
Tag (wofür früher _Jamm_ gebräuchlich gewesen [vgl. oben »Einltg.«, S.
26, Anm. 70]), hat noch verschiedene Nebenbedeutungen, so: Helle (auch
als Adj. gebr. = hell), Licht (Wachslicht, Kerze), Fackel (Wachsfackel),
Ampel, Lampe, Laterne u. endlich Fenster. Mehrere dieser Bedeutungen
begegnen auch in den _Zusammensetzungen_ mit dem Worte, so: a) = Tag
(nur _ans Ende_ gestellt) in: _Nilliche-_(_Ni[e]siche-_ od.
_Nuschiche-_)_schei_ = Fastnacht (vgl. oben S. 39, Anm. 132),
_Ja(h)neschei_ = Jahrestag (vgl. oben Anmerkg. 170), _Bäzemeschei_
(eigtl. »Eiertag«) = Karfreitag (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der
Zigeunerspr., vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 18), _Brandlengschei_ (eigtl.
»Kuchentag«) = Kirchweihe, _Flössleschei_ = Regentag, _Bossertschei_
(eigtl. »Fleischtag«) = Sonntag (vgl. schon oben S. 31, Anm. 119); b) =
_Licht_ (od. _Lampe_): [Griechisch: a]) _vorangestellt_: in
_Scheischure_ (eigtl. »Licht- [od. Lampen-] Ding«) = Docht u.
_Scheinpflanzer_ = Lichtzieher; [Griechisch: b]) _ans Ende_ gestellt: in
_Schuberleschein_ (d. h. »Gespensterlicht«) = Irrlicht (s. d. betr. die
Zigeunerspr.), _Leileschei(n)_ = Nachtlicht, dann aber auch Mond u.
Stern (vgl. dazu schon oben S. 37, Anm. 127); c) = _Fenster_: in
_Scheiglansert_ = Fensterglas. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):
_W.-B. des Konst. Hans_ 255, (_Sch¶ai¶springer_ = »Diebe, die bei Tag
stehlen«); übereinstimmend damit in der Bedeutg.: _Sch¶ein¶springer_ bei
_Schöll_ 269, 270 u. im _Pfulld. J.-W.-B._ 345 (vgl. hier [339] auch
noch _Prenzenschein_ = Feiertag, während _Schein_ — _ohne_ Zusatz —
[337] so viel wie »Auge« bedeutet); _Schwäb. Händlerspr._ 487 vbd. mit
479, 480, 483 (_Schein_ = Tag, Nebenbedtgn.: Auge, Fenster, Licht; vgl.
in _Pfedelb._ [214]: _Bichschein_ = Zahltag). In den übrigen rotw.
Quellen findet sich _Schein_ für »Tag« (abges. von der oben erwähnten
Zus.) m. Wiss. zuerst bei _Schintermicherl_ 1807 (288), für »Auge«
zuerst bei _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 (328), dagegen schon im
_Basl. Glossar v. 1733_ (201) für »Glas«. Aus den Krämerspr. vgl. noch:
_Pfälz. Händlerspr._ 438 (_Schainche_ = Auge, Fenster, Lampe), _Metzer
Jenisch_ 216 (_Scheinche_ = Augen), u. _Winterfeld_. _Hausierspr._ 441
(_Scheincher_ = Fenster). Der _Etymologie_ nach gehört das Wort wohl
zweifelsohne zu unserem gemeinsprachl. _Schein_ (in dem ursprünglichsten
Sinne von »ins Auge fallende Helle«, mhd. _schîn_, ahd. _scîn_ = »Glanz,
Helligkeit, Sichtbarkeit« usw. (s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 690/91);
vgl. auch A.-L. 597. Über das stammverwandte _Scheinling_ = Auge s. das
Näh. unter »Augapfel«.]
Almosen, _Dercherbich_ (d. h. »Bettelgeld)«[172] [63.105]
Amme, _Schwächerlemamere_ (d. h. »Brustmutter«)[173]
[Fußnote 172: ([22] auf S. 63.105) Dieselbe Umschreibung kennt auch die
Zigeunersprache; s. _Liebich_, S. 145 u. 174 (_mangamáskero lowo_, d. h.
eigtl. »Bettelgeld« = Almosen). — Betr. _Dercher-_ s. das Näh. unter
»abbetteln«. Das jenische _Bich_ = Geld (Geldstück, Kupfergeld), Münze,
dann auch Barschaft, Gehalt (Sold), Summe kommt in mancherlei
_Zusammensetzgn._ vor, so a) _am Anfang_ stehend: [Griechisch: a]) für
Personen: in _Bichsins_ = Bankier, aber auch Münzmeister, u.
_Bichschenegler_ = Münzarbeiter (auch wohl _Bichpflanzer_, argum.:
_Bichpflanzerskitt_ = Münzwerkstätte, vgl. auch noch die Umschreibg.
_nobis dufter Bichpflanzer_ [d. h. eigtl. »kein guter Geldmacher«] =
Falschmünzer); [Griechisch: b]) für Sachen: _Bichkitt_ = Bankhaus,
_Bichschure_ = Geldkasse od. -kasten, _Bichrande_ = Geldsack; b) _ans
Ende_ gesetzt: (außer in _Dercherbich_ noch) in _Stradebich_ =
Chausseegeld (Pflaster-, Wegegeld), _Schenagelsbich_ = (Arbeits-) Lohn,
_Duftbicht_ (eigtl. »Kirchengeld«) = Opfergeld, _Kritzlerbich_ =
Papiergeld. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): nur _Schwäb.
Händlerspr._ 481 (_Bich_, _Pich_ od. _Spich_ = Geld; dazu [in _Pfedelb._
(214): _Bichschein_ = Zahltag]); die _Pfälz. Händlerspr._ 438 hat die
Form _Pech_. Über sonstige Belege im Rotwelsch usw. (wo die Form _Pich_
od. _Picht_ — neben _Bicht_ — vorwiegt) sowie die (nicht sichere)
_Etymologie_ des Wortes s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 33, S. 279, 280
u. Anm. 1 u. 2 (im Anschluß an A.-L. 583 [unter »Pich«]). — _Fischer_,
Schwäb. W.-B. I, Sp. 1094 gibt keine Erklärung.]
[Fußnote 173: ([23] auf S. 63.105) Auch hiermit (wie schon in der
»Vorbemerkung« S. 18 erwähnt) sachlich übereinstimmend die Zigeunerspr.;
s. _Liebich_, S. 174 (_tschutschĭnéngĕri_ _dai_, d. h. »die
Brustmutter« = Amme; doch wird _dai_ dabei auch wohl weggelassen [s. S.
166, vgl. auch _Finck_, S. 93]). Das jenische Wort _Schwächerle_ = Brust
(bes. Weiberbrust), bei Tieren = Euter (daher _Horbogen-_, _Trabert-_,
_Groenikelsschwächerle_ = Kuh-, Pferdeeuter, Schweinezitzen), dann auch
= Herz, geht zurück auf das Zeitw. _schwächen_ = trinken (saufen,
zechen), aber auch = dursten (in der Wendg. _mich schwächert's_). Zu
_ersterer_ Bedtg.: _geschwächt_ = betrunken, berauscht, _halbgeschwächt_
= halbtrunken sowie die _Zus._: _ausschwächen_ = austrinken (aber
_schwäch' [a]uf_ = trink' aus), _beschwächen_ = betrinken, _ver-_ u.
_vorschwächen_ = ver-, vortrinken. Zu beachten ist, daß das
(_un_verkleinerte) Subst. _Schwächer_ nur so viel wie »Rausch,
Trunkenheit« (auch wohl »berauscht, betrunken«) bedeutet (vgl.
»Vorbemerkg.«, S. 13, Anm. 33). Weitere _Ableitungen_ (von _schwächen_)
sind dann noch: d. Adj. _schwächerich_ = durstig (Spr.), als Subst. =
Durst, u. d. Subst. _Schwäche_ = Tränke, Viehtränke (daher
_Trabertschwäche_ = Pferdetränke), _Schwächet_ = Getränk, _Schwächerei_
= Sauferei, Trank, Trinkgelage, Zeche. _Zusammensetzgn._ mit dem Stamm
_schwäch-_ (des Zeitworts _schwächen_) sind endlich: _Schwächglansert_,
_-nolle_, _-schottel_ = Trinkglas, -schale, -schüssel, alle drei aber
auch (allgemeiner) = Trinkgefäß. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):
_Dolm. der Gaunerspr._ 91 u. 100 (_schwächen_ = trinken, _Dobrisch
schwächen_ = Tabak rauchen; _es schwächet mich_ = es dürstet mich);
_W.-B. des Konst. Hans_ 255, 256, 258, 259 (_schwäche[n]_ = trinken, _z'
Schwächet steken_ = zu trinken geben, _Dow're schwäche_ = Tabak rauchen;
_es schwächert mi_ = es durstet mich); _Schöll_ 271 (_schwächen_ =
trinken, _Schwächer_ = Durst); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 343, 345
(_schwächen_ = trinken, saufen, aussaufen, _verschwächen_ = versaufen
[verdr.: erlaufen], _Schwäche_ od. _Schwächer_ = Rausch, _Schwächerei_ =
Trunkenheit); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 68, 76 (_schwächen_,
_ausschwächen_, _Schwäche_ = Trunk; _Schwäche¶m¶_ = Durst); _Schwäb.
Händlerspr._ 487 (_schwächen_, in _Pfedelb._ [208, 209, 212-14]:
_ausschwächen_, ferner _Schwäche_ = Trank, _Schwächem_ = Durst,
_Schwächere_ = Wirtshaus, _schwecherisch_ = durstig, _Schwächbruder_ =
Saufbruder, in _Lütz._ [215] _Schwächer_ = Rausch). Vgl. noch _Metzer
Jenisch_ 216, 217 (_schwäche_ = trinken, _beschwächt_ = betrunken). Zur
(nicht sicheren, aber vermutl. auf das Hebr. zurückzuführenden)
_Etymologie_ s. ausführl. _Groß'_ Archiv, Bd. 43, S. 42 ff. (unter
»Schwächer«); vgl. auch _Weber-Günther_, S. 169 (unter »Schwäche«). —
Das zweite (in der Zus. _Schwächerlemamere_ enthaltene) Wort, _Mamere_ =
Mutter, findet sich auch noch in der Verbindg. _Patres_ (d. h. Vater)
_und Mamere_ = Eltern (s. d. betr. d. Zigeunerspr., die ebenfalls kein
eigenes Wort für »Eltern« hat [vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 17, Anm.
44]) sowie in den folgenden _Zus._: a) _am Anfang_ stehend:
_Mamereglied_, das drei Bedeutgn. hat, nämlich [Griechisch: a]) Oheim
(als »Mutterbruder«), [Griechisch: b]) Tante (als »Mutterschwester«),
[Griechisch: g]) Neffe (v. mütterl. Seite her; vgl. zu [Griechisch: a]
u. [Griechisch: b] betr. die Überstimmg. mit d. Zigeun. Näh. unter
»Oheim« u. »Tante«), weiter _Mameregroenikel_ = Mutterschwein; b) ans
_Ende_ ges.: _Grandichemamere_ = Großmutter, _Kittmamere_ = Hausmutter,
_Schoflemamere_ (eigtl. »schlechte Mutter«) = Stiefmutter. _Zu vgl._
(aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Mam¶ai¶re_ =
Mutter), _Schöll_ 271 (_Ma¶mm¶ere_); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Mamere_);
_Schwäb. Händlerspr._ 484 (wie _Schöll_). Zur _Etymologie_: Nach
_Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1432 ist das (auch sonst noch im Rotw.
vorkommende) Wort — wie übrigens auch schon _Schöll_ 271 vermutet hat
— wohl ohne Bedenken herzuleiten vom französ. »_mamère_«. Eine
Heranziehung der Zigeunersprache ist daher nicht nötig, wie denn z. B.
auch die _Sulzer Zigeunerliste v. 1787_ (251) ausdrückl. das rotw.
_Mammere_ dem gleichb. zigeun. _Mamma_ (vgl. _Finck_, S. 71: _máma_)
gegenübergestellt hat.]
Ampel, _Schei_ (d. h. mehr das Licht in der Ampel als diese selbst)[174] [63.107]
Amsel, _Schallerfläderling_ (d. h. eigtl. nur Singvogel; vgl.
Kanarienvogel)[175]
Amtmann, _grandicher Sins_[176]
Amtsdiener, _Bu(t)z_[177]
[Fußnote 174: ([24] auf S. 63.107) Auch die Zigeunerspr. hat _denselben_
Ausdruck (_momĕlin_) für Licht (Fackel, Kerze) u. Ampel (Lampe,
Leuchter); s. _Liebich_, S. 147, 174, 196, 214, 218 u. 219. Im übrigen
s. über _Schei(n)_. Näh. schon oben unter »alltäglich«.]
[Fußnote 175: ([25] auf S. 63.107) S. unter »absingen« u. »Adler«.]
[Fußnote 176: ([26] auf S. 63.107) Auch die Zigeunersprache kennt (wie
schon in der »Vorbemerkung«, S. 17 erwähnt) diese Umschreibung (eigtl.
»großer Herr« für »Amtmann« u. dergl. (s. _Liebich_, S. 127 u. 174:
_bāro rai_; vgl. auch _Jühling_, S. 225 [= »Bezirksamtmann«]), desgl.
für die Bedeutgn. »Richter«, »Herrscher« u. »Oberherr« (s. d. Vork. im
W.-B.), während für die weiteren Bedeutgn. »Fürst« u. »Landesherr« bes.
Benennungen bestehen. Über _grandich Sins_ = König (fem. _grandich
Sinse_) — wobei _grandich_ als Superlativ zu betrachten — s. d. Näh.
noch unter »Bischof«; vgl. auch schon »Vorbemerkung«, S. 17, Anm. 42.
_Zusammensetzgn._ mit _Sins_ (od. Sens) = Herr (Edelmann, Gebieter [vgl.
fem. _Sinse_ od. _Sense_ = Herrin (Dame, Edeldame) u. d. Dimin. _Sinsle_
= Junker]) sind: a) _im Anfang_: _Sinsekitt_ = Herrenhaus,
Herrschaftshaus u. _Sinseschrende_ = Herrenzimmer, während in
_Sinsemoss_ = Herrin (Dame, Edeldame) und _Sinsemodel_ = Fräulein doch
wohl eher das fem. _Sinse_ steckt; b) _am Ende_ (beliebt bes. als
Berufsbezeichngn.): _Begersins_ = Arzt (Doktor), Wundarzt (u. dazu
_schofler Begersins_ = Quacksalber, vgl. auch oben S. 98, Anm. 157),
_Bich-_, _Kies-_, _Lobesins_ = Bankier (_Bichsins_ auch = Münzmeister),
_Fehtesins_ = Quartierherr (fem. _-sinse_ = Quartierfrau),
_Sturmkittsins_ = Ratsherr, _Dupfsins_ = Wundarzt, _Näpflingsins_ =
Zahnarzt. _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_
254, 259 (_Sinz_ = Herr, _Sinst_ = der regierende Herr); _Schöll_ 272
(_Sens_ = Herr); _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 340, 341 (_Sens_ = Herr,
_Obersens_ = Beamter, _Senserei_ = Herrschaft, Kanzlei); _Schwäb.
Händlerspr._ 482 (_Sens_ = Herr, in U. [213] = Amtsrichter [in
_Pfedelb._ (208) dafür: _Seetzer_] u. _Senserei_ = Amtsgericht). Über
weitere Belege im Rotw. seit d. 15. Jahrh. (woraus hier bes. erwähnt
sei, daß _grandiger Sims_ für »Amtmann« od. »Edelmann« schon bei _A.
Hempel_ 1687 [168] vorkommt) sowie über die nicht sichere) _Etymologie_
s. ausführl. _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 269ff (unter (»Sens«).]
[Fußnote 177: ([27] auf S. 63.107) _Bu(t)z_ bedeutet bes. auch noch
Büttel, Polizeidiener, Polizist. Eine _Verbindung_ damit ist _grandicher
Bu(t)z_ = Polizeiwachtmeister und (als nochmal. Steigerung) _grandich
Bu(t)z_ = Polizeidirektor (s. dazu das Näh. noch unter »Bischof«).
_Zusammensetzgn._ damit sind: a) _am Anfang_: _Bu(t)zekeiluf_ od. _-kib_
= Polizeihund; b) _am Ende_: _Dofes-_, _Kittle-_ oder _Lekbu(t)z_ =
Gefangenwärter. Eine _Ableitung_ ist: _Bu(t)zerei_ = Polizei (dazu
weiter die _Zus._ _Bu[t]zereikitt_ = Polizeiamt). _Zu vgl._ (aus dem
_verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_Butz_ = »Bettelvogt«);
_Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 63, 73 (_Buz_ = Polizei, _verdeckter Buz_
= Geheimpolizist): _Schwäb. Händlerspr._ 485 (_Butz_ od. _Betz_ [in
_Pfedelb._ (212): auch _Buz_] = Polizist; vgl. in _Lütz._ [215]:
_Grünlingsbutz_ = Waldhüter). Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 437 u.
_Metzer Jenisch_ 216 (_Buts_ bzw. _Butz_ = Polizist). Zur _Etymologie_
des (rein deutschen) Wortes sowie über seine sonstigen Belege im Rotw.
(in der Form _Putz_ schon seit d. Mitte des 18. Jahrh.) s. ausführl.
_Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 10ff u. zu vgl. dazu etwa noch _Fischer_,
Schwäb. W.-B. I, Sp. 1571 (unter »Butz«, Nr. 3, b).]
Ananas, _grandiche Jahresäftling_ od. _gr. Krachersäftling_ (d. h. »die [63.108]
große Waldtraube«, abzuleiten von _Säftling_ = Traube[178] und _Jahre_
oder _Kracher_ = Wald[179]). Mit _Jahre-_ od. _Krachersäftling_ werden
fast alle beerenartigen Früchte bezeichnet (vgl. Anm. 178 im Anf.).
[Fußnote 178: ([28] auf S. 63.108) S. auch unter »Weinbeere« u.
»Weintraube«. _Zus._ mit dem Worte sind (außer _Jahre-_ od.
_Krachersäftling_, das in gleicher Weise für Brombeere,
Erdbeere, Heidelbeere u. Himbeere gebräuchl. ist) noch das ähnl.
_Staubertsäftling_ = Mehlbeere (so daß _Säftling_ also bes. auch die
»Beere« bedeutet [vgl. _Wittichs_ Bemerkg. im Text], obwohl es dafür
[_ohne_ Zus.] im W.-B. — vielleicht bloß versehentlich — _nicht_
aufgeführt ist) sowie (am _Anf._ stehend) _Säftlingsore_ = Weinberg (s.
dazu betr. _Sore_ Näh. unter »Brücke«). _Zu vgl._ (aus dem _verw.
Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 100 (_Saftling_ = Trauben);
_Pfulld. J.-W.-B._ 343 (_Säftling_ = Rebe); _Schwäb. Gaun.- u.
Kundenspr._ 75 (_Säftling_ = Traube); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (ebenso;
vgl. im _Pfedelb._ [214]: _Säftlingjole_ = Wein). Der _Etymologie_ nach
gehört das Wort natürlich zu unserem gemeinspr. _Saft_; vgl. _Günther_,
Rotwelsch, S. 61.]
[Fußnote 179: ([29] auf S. 63.108) a) Mit _Jahre_ = Wald (Forst, Gehölz,
auch bes. Fichtenwald) sind (außer _Jahresäftling_) noch folgende _Zus._
gebildet worden: _Jahrekrächerle_ = Haselnuß, _Jahrestöber_ (d. h.
»Waldbaum« = Tanne; _Jahreschure_ (d. h. etwa »Waldding«) = Hirsch u.
_Jahrestierer_ (d. h. »Waldhuhn«) = Rebhuhn (s. d. betr. Übereinstimmg.
mit d. Zigeun.). Als _Verbindg._ erscheint _Jahre bosten_ (eigtl. nur
»[in den] Wald gehen« [vgl. oben S. 40, Anm. 137]) für das Zeitw.
»jagen«. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_
254 (_Jahre_ = Wald); _Schöll_ 271 (_Jaare_); _Pfulld. J.-W.-B._ 346
(_Jahre_; vgl. [339, 341]: _Jahrhegel_ = Förster, Jäger); _Schwäb.
Händlerspr._ 488 (_Jre_). Über weitere rotw. Belege sowie die
_Etymologie_ (vom hebr. _jaa'r_ = »Wald«) s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv,
Bd. 38, S. 251, Anm. 2; vgl. auch Bd. 42, S. 7 (unter »Jahrhegel«) sowie
noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 79 (unter »Jare«).
b) Mit _Kracher_ (das in _denselben_ Bedeutgn. wie _Jahre_ gebraucht
wird) sind im wes. auch die _gleichen Zusammensetzgn._ gebildet worden,
so außer _Krachersäftling_ noch _Kracherkrächerle_ (= Haselnuß),
_Kracherstöber_ (= Tanne) u. _Kracherschure_ (= Hirsch); dagegen ist
neben _Jahrestierer_ (= Rebhuhn) allerdings nur _Krachergachne_ als
Synon. angeführt. Auch _Kracher bosten_ hat den _gleichen_ Sinn wie
_Jahre bosten_. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld.
J.-W.-B._ 340, 346 (_Krach_ = Holz, Wald); _Schwäb. Gaun.- u.
Kundenspr._ 77 (_Kracher_ = Wald sowie die geogr. Bezeichg.
_Schwarzkracher_ = Schwarzwald); _Schwäb. Händlerspr._ 488 (_Kracher_ =
Wald). Über weitere rotw. Belege sowie zur _Etymologie_ (von unserem
gemeinspr. Zeitw. _krachen_) s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 46, S. 11
(u. Anm. 1) u. 12; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 181 (unter »Krachet«)
u. _Fischer_ Schwäb. W.-B. IV, Sp. 662 (unter »Krachert«).]
anbeten, _anbliblen_[180] [63.109]
anbetteln, _andalfen_, _anderchen_[181]
anbinden, _anschurele_[182]
anblasen, _anschurele_
anbrennen, _den Funk anpflanzen_ (d. h. das Feuer anmachen)[183]
[Fußnote 180: ([30] auf S. 63.109) Mit _blible(n)_ = beten, auch
predigen sind ferner noch zusammengesetzt: _nach-_ u. _vorblible(n)_ =
nach- u. vorbeten, sodann (mit dem Stamme _blibel-_ [des Zeitworts]) die
Substantive _Blibelulma_ = fromme Leute, auch »Stundenleute«, d. h.
Methodisten, _Blibelkaffer_, _-moss_, _-kitt_ = »Stundenmann, -frau,
-haus« (in gleichem Sinne) und _Blibelschlang_ (eigtl. »Betkette«) =
Rosenkranz (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.).
_Ableitungen_ sind: das Subst. _Bliblerei_ = Gebet u. das Adj.
_bliblich_ = gläubig, heilig (dazu die _Verbdg._ _bliblicher Schuberle_
= heiliger Geist). In dem _verw. Quellenkreise_ hat das Wort nur die
_schwäb. Händlerspr._ (in _Lütz._ [214]: _b'lipple[n]_ = beten). Zur
_Etymologie_ bietet einigen Aufschluß das veraltete schwäb.
_Blippenplapper_, eine »spöttische Ablautbildung« für »Plapperer« (nach
_Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1206).]
[Fußnote 181: ([31] auf S. 63.109) S. abbetteln.]
[Fußnote 182: ([32] auf S. 63.109) S. abbiegen.]