[Fußnote 167: ([17] auf S. 63.103) Über die Adj. _ni(e)sich_, _nillich_

od. _nuschich_ s. d. Näh. schon oben unter »aberwitzig«. _Giel_

bedeutet: Maul (Schnauze), Mund (Lippe), dann auch allgemeiner

(gleichsam als pars pro toto) Gesicht, Miene, Signalement (s. d. betr.

Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.). Andere _Zus._ bzw. _Verbdgn._ mit

_Giel_ sind noch _Grandichergiel_ = Großmaul (s. dazu schon oben S. 100,

Anm. 165), _Schmusichergiel_ = Plappermaul sowie _oberkünftiger Giel_

(d. h. eigtl. etwa »Obermaul«) = Gaumen (s. d. betr. Übereinstimmg. m.

d. Zig., vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 17). _Vielleicht_ dürften als

Ableitungen von _Giel_ auch das Zeitw. _giele(n)_ (-la) = (sich)

erbrechen, übergeben (auch als Subst. gebr.) u. das Adj. _gielerich_ =

übel (»zum Übergeben [Erbrechen] schlecht« [Spr.]) betrachtet werden.

_Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 342, 345

(_Giel_ = Maul, _gillen_ = erbrechen, speien); _Schwäb. Händlerspr._

4841 (_Gîl_ = Mund). Der _Etymologie_ nach gehört das (als rotw. schon

im _Lib. Vagat._ [54] bekannte) Wort zu dem bereits mhd. _giel_ = »Maul,

Rachen, Schlund« (s. _Lexer_, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 1011; vgl. auch

_Schmeller_, Bayer. W.-B. I, Sp. 892), bildet also »einen der nicht

häufigen Fälle der Erhaltung von _Archaismen_ im Rotwelsch« (so:

_Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 651; vgl. auch schon _Wagner_ bei

_Herrig_, S. 207 u. _Behaghel_ in d. Z. der Allg. Deutsch. Sprachver.

Jahrg. 1905, Sp. 158). Das Zeitw. _gil(l)en_ = erbrechen usw. hat

_Fischer_, a. a. O., Sp. 658 — freilich nur mit einen Fragezeichen —

zu dem hebr. _gilla_ = »enthüllen« in Beziehung gesetzt.]

[Fußnote 168: ([18] auf S. 63.103) Als eine _Zus._ mit _Bos_ = After

(Hinterer) könnte vielleicht aufgefaßt werden _Boslem_ = Exkremente (das

wäre dann eigtl. — da _Lehm_ auch im _Wittich_'schen Vokabular für

»Brot« vorkommt — soviel wie »Afterbrot«). Ebenso scheint ein gewisser

Zusammenhang vorzuliegen zwischen _Bos_ u. dem Zeitw. _bosen_ od.

_bosme_ = lecken, zu dem möglicherweise die Redensart _jann'_ _mei Bos_

= »leck mich (im A….)« (s. d. W.-B.) den Übergang gebildet hat. _Zu

vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 74

(_Bos_ = Podex [ganze Hinterseite]); _Schwäb. Händlerspr._ 485 (_Boß_ =

Podex; vgl. dazu noch in _Pfedelb._ [211]: _muff mei Boß_ = »l. m. i.

A.«). Die _Etymologie_ ist unsicher. _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp.

1303 hat das hebr. _bōš_ = »sich schämen« herangezogen, jedoch nur

mit einem Fragezeichen. Weniger gesucht erscheint es m. E., in _Bos_ zu

erblicken nur eine Abkürzung (nach Art der sog. Aphärese) von der

Zusammensetzg. _Schundbos_ u. ä. (wörtl. etwa »Kothaus«, zu _Schund_ =

Kot u. dgl. [s. oben S. 41, Anm. 139] u. _Bos_ = Haus, älterer rotw.

Form für _Bais_ u. ä., aus dem gleichbed. hebr. _bajit_ [vgl. Archiv,

Bd. 38, S. 221, Anm. 1]), die sich zu Anfang des 19. Jahrh. in einzelnen

Sammlungen der Gaunerspr. als Bezeichnung für den »Hinteren« findet (so

z. B. bei _Karmayer_ 150 [neben _Schandbus_ (138)]; vgl. _Pfister_ 1812

[303: _Schonnboos_] u. _v. Grolman_ 58 u. 63 u. T.-G. 101 [_Schonboos_

u. _Schandbus_ od. _-buß_]).]

albern s. aberwitzig [63.104]

alljährlich, _jedes Ja(h)ne_ (d. h. jedes Jahr)[170]

alltäglich, _jeden Schei_ (d. h. jeden Tag)[171]

[Fußnote 169: ([19] auf S. 63.104) S. Abort.]

[Fußnote 170: ([20] auf S. 63.104) Dieselbe Ausdrucksweise haben auch

die Zigeuner (s. _Liebich_, S. 139 u. 174: _hakko bersch_ [d. h. »jedes

Jahr«] = alljährlich). — _Jane_ od. _Jahne_ = Jahr findet sich auch

noch in den _Verbdgn._ _voriges Ja(h)ne_ = vorjährig u. _nobis dofs

Ja(h)ne_ (d. h. eigtl. »kein gutes Jahr«) = Mißjahr (s. d. betr. d.

Zigeunerspr.) u. in den Zus. _Ja(h)neschei_ = Jahrestag u. _Neuja(h)ne_

= Neujahr (Spr). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der

Gaunerspr._ 94 (_Jone_ = Jahr, daher _Jone Gschok_ = Jahrmarkt); _W.-B.

des Konst. Hans_ 257, 259 (_Jane_ = Jahr, _Jann_ = Jahre); _Pfulld.

J.-W.-B._ 341 (_Jane_ = Jahr). Die _Etymologie_ bleibt zweifelhaft.

_Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 74 hat hingewiesen teils auf _Jam_ =

Tag (in der Form _Jäm[m]chen_ = Jahr [s. dazu schon oben »Einleitg.«, S.

26, Anm. 70]), teils auf das hebr. _schānā_, jüd. _schōnō_ =

Jahr, das auch in die Gaunerspr. eingedrungen ist (s. z. B. schon

_Christensen_ 1814 [322: _Schone_], u. dann öfter bis zur Neuzeit [vgl.

A.-L. 603 u. _Groß_ 492 (_Schono_, _-num_), _Rabben_ 121 u. _Ostwald_

137 (_Schone_, _-num_)]). Jedoch erscheint es vielleicht am einfachsten,

auch hier (gleichwie möglicherweise ja bei _Jäm[m]chen_) nur eine

absichtliche Entstellung des Auslauts von »Jahr« anzunehmen.]

[Fußnote 171: ([21] auf S. 63.104) Auch diese Umschreibung ist bei den

Zigeunern gebräuchlich (s. _Liebich_, S. 139 u. 174: _hakko diwes_ [d.

h. »jeden Tag«] = alltäglich). — Das jenische _Schei_ (od. _Schein_) =

Tag (wofür früher _Jamm_ gebräuchlich gewesen [vgl. oben »Einltg.«, S.

26, Anm. 70]), hat noch verschiedene Nebenbedeutungen, so: Helle (auch

als Adj. gebr. = hell), Licht (Wachslicht, Kerze), Fackel (Wachsfackel),

Ampel, Lampe, Laterne u. endlich Fenster. Mehrere dieser Bedeutungen

begegnen auch in den _Zusammensetzungen_ mit dem Worte, so: a) = Tag

(nur _ans Ende_ gestellt) in: _Nilliche-_(_Ni[e]siche-_ od.

_Nuschiche-_)_schei_ = Fastnacht (vgl. oben S. 39, Anm. 132),

_Ja(h)neschei_ = Jahrestag (vgl. oben Anmerkg. 170), _Bäzemeschei_

(eigtl. »Eiertag«) = Karfreitag (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der

Zigeunerspr., vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 18), _Brandlengschei_ (eigtl.

»Kuchentag«) = Kirchweihe, _Flössleschei_ = Regentag, _Bossertschei_

(eigtl. »Fleischtag«) = Sonntag (vgl. schon oben S. 31, Anm. 119); b) =

_Licht_ (od. _Lampe_): [Griechisch: a]) _vorangestellt_: in

_Scheischure_ (eigtl. »Licht- [od. Lampen-] Ding«) = Docht u.

_Scheinpflanzer_ = Lichtzieher; [Griechisch: b]) _ans Ende_ gestellt: in

_Schuberleschein_ (d. h. »Gespensterlicht«) = Irrlicht (s. d. betr. die

Zigeunerspr.), _Leileschei(n)_ = Nachtlicht, dann aber auch Mond u.

Stern (vgl. dazu schon oben S. 37, Anm. 127); c) = _Fenster_: in

_Scheiglansert_ = Fensterglas. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):

_W.-B. des Konst. Hans_ 255, (_Sch¶ai¶springer_ = »Diebe, die bei Tag

stehlen«); übereinstimmend damit in der Bedeutg.: _Sch¶ein¶springer_ bei

_Schöll_ 269, 270 u. im _Pfulld. J.-W.-B._ 345 (vgl. hier [339] auch

noch _Prenzenschein_ = Feiertag, während _Schein_ — _ohne_ Zusatz —

[337] so viel wie »Auge« bedeutet); _Schwäb. Händlerspr._ 487 vbd. mit

479, 480, 483 (_Schein_ = Tag, Nebenbedtgn.: Auge, Fenster, Licht; vgl.

in _Pfedelb._ [214]: _Bichschein_ = Zahltag). In den übrigen rotw.

Quellen findet sich _Schein_ für »Tag« (abges. von der oben erwähnten

Zus.) m. Wiss. zuerst bei _Schintermicherl_ 1807 (288), für »Auge«

zuerst bei _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 (328), dagegen schon im

_Basl. Glossar v. 1733_ (201) für »Glas«. Aus den Krämerspr. vgl. noch:

_Pfälz. Händlerspr._ 438 (_Schainche_ = Auge, Fenster, Lampe), _Metzer

Jenisch_ 216 (_Scheinche_ = Augen), u. _Winterfeld_. _Hausierspr._ 441

(_Scheincher_ = Fenster). Der _Etymologie_ nach gehört das Wort wohl

zweifelsohne zu unserem gemeinsprachl. _Schein_ (in dem ursprünglichsten

Sinne von »ins Auge fallende Helle«, mhd. _schîn_, ahd. _scîn_ = »Glanz,

Helligkeit, Sichtbarkeit« usw. (s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 690/91);

vgl. auch A.-L. 597. Über das stammverwandte _Scheinling_ = Auge s. das

Näh. unter »Augapfel«.]

Almosen, _Dercherbich_ (d. h. »Bettelgeld)«[172] [63.105]

Amme, _Schwächerlemamere_ (d. h. »Brustmutter«)[173]

[Fußnote 172: ([22] auf S. 63.105) Dieselbe Umschreibung kennt auch die

Zigeunersprache; s. _Liebich_, S. 145 u. 174 (_mangamáskero lowo_, d. h.

eigtl. »Bettelgeld« = Almosen). — Betr. _Dercher-_ s. das Näh. unter

»abbetteln«. Das jenische _Bich_ = Geld (Geldstück, Kupfergeld), Münze,

dann auch Barschaft, Gehalt (Sold), Summe kommt in mancherlei

_Zusammensetzgn._ vor, so a) _am Anfang_ stehend: [Griechisch: a]) für

Personen: in _Bichsins_ = Bankier, aber auch Münzmeister, u.

_Bichschenegler_ = Münzarbeiter (auch wohl _Bichpflanzer_, argum.:

_Bichpflanzerskitt_ = Münzwerkstätte, vgl. auch noch die Umschreibg.

_nobis dufter Bichpflanzer_ [d. h. eigtl. »kein guter Geldmacher«] =

Falschmünzer); [Griechisch: b]) für Sachen: _Bichkitt_ = Bankhaus,

_Bichschure_ = Geldkasse od. -kasten, _Bichrande_ = Geldsack; b) _ans

Ende_ gesetzt: (außer in _Dercherbich_ noch) in _Stradebich_ =

Chausseegeld (Pflaster-, Wegegeld), _Schenagelsbich_ = (Arbeits-) Lohn,

_Duftbicht_ (eigtl. »Kirchengeld«) = Opfergeld, _Kritzlerbich_ =

Papiergeld. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): nur _Schwäb.

Händlerspr._ 481 (_Bich_, _Pich_ od. _Spich_ = Geld; dazu [in _Pfedelb._

(214): _Bichschein_ = Zahltag]); die _Pfälz. Händlerspr._ 438 hat die

Form _Pech_. Über sonstige Belege im Rotwelsch usw. (wo die Form _Pich_

od. _Picht_ — neben _Bicht_ — vorwiegt) sowie die (nicht sichere)

_Etymologie_ des Wortes s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 33, S. 279, 280

u. Anm. 1 u. 2 (im Anschluß an A.-L. 583 [unter »Pich«]). — _Fischer_,

Schwäb. W.-B. I, Sp. 1094 gibt keine Erklärung.]

[Fußnote 173: ([23] auf S. 63.105) Auch hiermit (wie schon in der

»Vorbemerkung« S. 18 erwähnt) sachlich übereinstimmend die Zigeunerspr.;

s. _Liebich_, S. 174 (_tschutschĭnéngĕri_ _dai_, d. h. »die

Brustmutter« = Amme; doch wird _dai_ dabei auch wohl weggelassen [s. S.

166, vgl. auch _Finck_, S. 93]). Das jenische Wort _Schwächerle_ = Brust

(bes. Weiberbrust), bei Tieren = Euter (daher _Horbogen-_, _Trabert-_,

_Groenikelsschwächerle_ = Kuh-, Pferdeeuter, Schweinezitzen), dann auch

= Herz, geht zurück auf das Zeitw. _schwächen_ = trinken (saufen,

zechen), aber auch = dursten (in der Wendg. _mich schwächert's_). Zu

_ersterer_ Bedtg.: _geschwächt_ = betrunken, berauscht, _halbgeschwächt_

= halbtrunken sowie die _Zus._: _ausschwächen_ = austrinken (aber

_schwäch' [a]uf_ = trink' aus), _beschwächen_ = betrinken, _ver-_ u.

_vorschwächen_ = ver-, vortrinken. Zu beachten ist, daß das

(_un_verkleinerte) Subst. _Schwächer_ nur so viel wie »Rausch,

Trunkenheit« (auch wohl »berauscht, betrunken«) bedeutet (vgl.

»Vorbemerkg.«, S. 13, Anm. 33). Weitere _Ableitungen_ (von _schwächen_)

sind dann noch: d. Adj. _schwächerich_ = durstig (Spr.), als Subst. =

Durst, u. d. Subst. _Schwäche_ = Tränke, Viehtränke (daher

_Trabertschwäche_ = Pferdetränke), _Schwächet_ = Getränk, _Schwächerei_

= Sauferei, Trank, Trinkgelage, Zeche. _Zusammensetzgn._ mit dem Stamm

_schwäch-_ (des Zeitworts _schwächen_) sind endlich: _Schwächglansert_,

_-nolle_, _-schottel_ = Trinkglas, -schale, -schüssel, alle drei aber

auch (allgemeiner) = Trinkgefäß. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):

_Dolm. der Gaunerspr._ 91 u. 100 (_schwächen_ = trinken, _Dobrisch

schwächen_ = Tabak rauchen; _es schwächet mich_ = es dürstet mich);

_W.-B. des Konst. Hans_ 255, 256, 258, 259 (_schwäche[n]_ = trinken, _z'

Schwächet steken_ = zu trinken geben, _Dow're schwäche_ = Tabak rauchen;

_es schwächert mi_ = es durstet mich); _Schöll_ 271 (_schwächen_ =

trinken, _Schwächer_ = Durst); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 343, 345

(_schwächen_ = trinken, saufen, aussaufen, _verschwächen_ = versaufen

[verdr.: erlaufen], _Schwäche_ od. _Schwächer_ = Rausch, _Schwächerei_ =

Trunkenheit); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 68, 76 (_schwächen_,

_ausschwächen_, _Schwäche_ = Trunk; _Schwäche¶m¶_ = Durst); _Schwäb.

Händlerspr._ 487 (_schwächen_, in _Pfedelb._ [208, 209, 212-14]:

_ausschwächen_, ferner _Schwäche_ = Trank, _Schwächem_ = Durst,

_Schwächere_ = Wirtshaus, _schwecherisch_ = durstig, _Schwächbruder_ =

Saufbruder, in _Lütz._ [215] _Schwächer_ = Rausch). Vgl. noch _Metzer

Jenisch_ 216, 217 (_schwäche_ = trinken, _beschwächt_ = betrunken). Zur

(nicht sicheren, aber vermutl. auf das Hebr. zurückzuführenden)

_Etymologie_ s. ausführl. _Groß'_ Archiv, Bd. 43, S. 42 ff. (unter

»Schwächer«); vgl. auch _Weber-Günther_, S. 169 (unter »Schwäche«). —

Das zweite (in der Zus. _Schwächerlemamere_ enthaltene) Wort, _Mamere_ =

Mutter, findet sich auch noch in der Verbindg. _Patres_ (d. h. Vater)

_und Mamere_ = Eltern (s. d. betr. d. Zigeunerspr., die ebenfalls kein

eigenes Wort für »Eltern« hat [vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 17, Anm.

44]) sowie in den folgenden _Zus._: a) _am Anfang_ stehend:

_Mamereglied_, das drei Bedeutgn. hat, nämlich [Griechisch: a]) Oheim

(als »Mutterbruder«), [Griechisch: b]) Tante (als »Mutterschwester«),

[Griechisch: g]) Neffe (v. mütterl. Seite her; vgl. zu [Griechisch: a]

u. [Griechisch: b] betr. die Überstimmg. mit d. Zigeun. Näh. unter

»Oheim« u. »Tante«), weiter _Mameregroenikel_ = Mutterschwein; b) ans

_Ende_ ges.: _Grandichemamere_ = Großmutter, _Kittmamere_ = Hausmutter,

_Schoflemamere_ (eigtl. »schlechte Mutter«) = Stiefmutter. _Zu vgl._

(aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Mam¶ai¶re_ =

Mutter), _Schöll_ 271 (_Ma¶mm¶ere_); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Mamere_);

_Schwäb. Händlerspr._ 484 (wie _Schöll_). Zur _Etymologie_: Nach

_Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1432 ist das (auch sonst noch im Rotw.

vorkommende) Wort — wie übrigens auch schon _Schöll_ 271 vermutet hat

— wohl ohne Bedenken herzuleiten vom französ. »_mamère_«. Eine

Heranziehung der Zigeunersprache ist daher nicht nötig, wie denn z. B.

auch die _Sulzer Zigeunerliste v. 1787_ (251) ausdrückl. das rotw.

_Mammere_ dem gleichb. zigeun. _Mamma_ (vgl. _Finck_, S. 71: _máma_)

gegenübergestellt hat.]

Ampel, _Schei_ (d. h. mehr das Licht in der Ampel als diese selbst)[174] [63.107]

Amsel, _Schallerfläderling_ (d. h. eigtl. nur Singvogel; vgl.

Kanarienvogel)[175]

Amtmann, _grandicher Sins_[176]

Amtsdiener, _Bu(t)z_[177]

[Fußnote 174: ([24] auf S. 63.107) Auch die Zigeunerspr. hat _denselben_

Ausdruck (_momĕlin_) für Licht (Fackel, Kerze) u. Ampel (Lampe,

Leuchter); s. _Liebich_, S. 147, 174, 196, 214, 218 u. 219. Im übrigen

s. über _Schei(n)_. Näh. schon oben unter »alltäglich«.]

[Fußnote 175: ([25] auf S. 63.107) S. unter »absingen« u. »Adler«.]

[Fußnote 176: ([26] auf S. 63.107) Auch die Zigeunersprache kennt (wie

schon in der »Vorbemerkung«, S. 17 erwähnt) diese Umschreibung (eigtl.

»großer Herr« für »Amtmann« u. dergl. (s. _Liebich_, S. 127 u. 174:

_bāro rai_; vgl. auch _Jühling_, S. 225 [= »Bezirksamtmann«]), desgl.

für die Bedeutgn. »Richter«, »Herrscher« u. »Oberherr« (s. d. Vork. im

W.-B.), während für die weiteren Bedeutgn. »Fürst« u. »Landesherr« bes.

Benennungen bestehen. Über _grandich Sins_ = König (fem. _grandich

Sinse_) — wobei _grandich_ als Superlativ zu betrachten — s. d. Näh.

noch unter »Bischof«; vgl. auch schon »Vorbemerkung«, S. 17, Anm. 42.

_Zusammensetzgn._ mit _Sins_ (od. Sens) = Herr (Edelmann, Gebieter [vgl.

fem. _Sinse_ od. _Sense_ = Herrin (Dame, Edeldame) u. d. Dimin. _Sinsle_

= Junker]) sind: a) _im Anfang_: _Sinsekitt_ = Herrenhaus,

Herrschaftshaus u. _Sinseschrende_ = Herrenzimmer, während in

_Sinsemoss_ = Herrin (Dame, Edeldame) und _Sinsemodel_ = Fräulein doch

wohl eher das fem. _Sinse_ steckt; b) _am Ende_ (beliebt bes. als

Berufsbezeichngn.): _Begersins_ = Arzt (Doktor), Wundarzt (u. dazu

_schofler Begersins_ = Quacksalber, vgl. auch oben S. 98, Anm. 157),

_Bich-_, _Kies-_, _Lobesins_ = Bankier (_Bichsins_ auch = Münzmeister),

_Fehtesins_ = Quartierherr (fem. _-sinse_ = Quartierfrau),

_Sturmkittsins_ = Ratsherr, _Dupfsins_ = Wundarzt, _Näpflingsins_ =

Zahnarzt. _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_

254, 259 (_Sinz_ = Herr, _Sinst_ = der regierende Herr); _Schöll_ 272

(_Sens_ = Herr); _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 340, 341 (_Sens_ = Herr,

_Obersens_ = Beamter, _Senserei_ = Herrschaft, Kanzlei); _Schwäb.

Händlerspr._ 482 (_Sens_ = Herr, in U. [213] = Amtsrichter [in

_Pfedelb._ (208) dafür: _Seetzer_] u. _Senserei_ = Amtsgericht). Über

weitere Belege im Rotw. seit d. 15. Jahrh. (woraus hier bes. erwähnt

sei, daß _grandiger Sims_ für »Amtmann« od. »Edelmann« schon bei _A.

Hempel_ 1687 [168] vorkommt) sowie über die nicht sichere) _Etymologie_

s. ausführl. _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 269ff (unter (»Sens«).]

[Fußnote 177: ([27] auf S. 63.107) _Bu(t)z_ bedeutet bes. auch noch

Büttel, Polizeidiener, Polizist. Eine _Verbindung_ damit ist _grandicher

Bu(t)z_ = Polizeiwachtmeister und (als nochmal. Steigerung) _grandich

Bu(t)z_ = Polizeidirektor (s. dazu das Näh. noch unter »Bischof«).

_Zusammensetzgn._ damit sind: a) _am Anfang_: _Bu(t)zekeiluf_ od. _-kib_

= Polizeihund; b) _am Ende_: _Dofes-_, _Kittle-_ oder _Lekbu(t)z_ =

Gefangenwärter. Eine _Ableitung_ ist: _Bu(t)zerei_ = Polizei (dazu

weiter die _Zus._ _Bu[t]zereikitt_ = Polizeiamt). _Zu vgl._ (aus dem

_verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_Butz_ = »Bettelvogt«);

_Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 63, 73 (_Buz_ = Polizei, _verdeckter Buz_

= Geheimpolizist): _Schwäb. Händlerspr._ 485 (_Butz_ od. _Betz_ [in

_Pfedelb._ (212): auch _Buz_] = Polizist; vgl. in _Lütz._ [215]:

_Grünlingsbutz_ = Waldhüter). Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 437 u.

_Metzer Jenisch_ 216 (_Buts_ bzw. _Butz_ = Polizist). Zur _Etymologie_

des (rein deutschen) Wortes sowie über seine sonstigen Belege im Rotw.

(in der Form _Putz_ schon seit d. Mitte des 18. Jahrh.) s. ausführl.

_Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 10ff u. zu vgl. dazu etwa noch _Fischer_,

Schwäb. W.-B. I, Sp. 1571 (unter »Butz«, Nr. 3, b).]

Ananas, _grandiche Jahresäftling_ od. _gr. Krachersäftling_ (d. h. »die [63.108]

große Waldtraube«, abzuleiten von _Säftling_ = Traube[178] und _Jahre_

oder _Kracher_ = Wald[179]). Mit _Jahre-_ od. _Krachersäftling_ werden

fast alle beerenartigen Früchte bezeichnet (vgl. Anm. 178 im Anf.).

[Fußnote 178: ([28] auf S. 63.108) S. auch unter »Weinbeere« u.

»Weintraube«. _Zus._ mit dem Worte sind (außer _Jahre-_ od.

_Krachersäftling_, das in gleicher Weise für Brombeere,

Erdbeere, Heidelbeere u. Himbeere gebräuchl. ist) noch das ähnl.

_Staubertsäftling_ = Mehlbeere (so daß _Säftling_ also bes. auch die

»Beere« bedeutet [vgl. _Wittichs_ Bemerkg. im Text], obwohl es dafür

[_ohne_ Zus.] im W.-B. — vielleicht bloß versehentlich — _nicht_

aufgeführt ist) sowie (am _Anf._ stehend) _Säftlingsore_ = Weinberg (s.

dazu betr. _Sore_ Näh. unter »Brücke«). _Zu vgl._ (aus dem _verw.

Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 100 (_Saftling_ = Trauben);

_Pfulld. J.-W.-B._ 343 (_Säftling_ = Rebe); _Schwäb. Gaun.- u.

Kundenspr._ 75 (_Säftling_ = Traube); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (ebenso;

vgl. im _Pfedelb._ [214]: _Säftlingjole_ = Wein). Der _Etymologie_ nach

gehört das Wort natürlich zu unserem gemeinspr. _Saft_; vgl. _Günther_,

Rotwelsch, S. 61.]

[Fußnote 179: ([29] auf S. 63.108) a) Mit _Jahre_ = Wald (Forst, Gehölz,

auch bes. Fichtenwald) sind (außer _Jahresäftling_) noch folgende _Zus._

gebildet worden: _Jahrekrächerle_ = Haselnuß, _Jahrestöber_ (d. h.

»Waldbaum« = Tanne; _Jahreschure_ (d. h. etwa »Waldding«) = Hirsch u.

_Jahrestierer_ (d. h. »Waldhuhn«) = Rebhuhn (s. d. betr. Übereinstimmg.

mit d. Zigeun.). Als _Verbindg._ erscheint _Jahre bosten_ (eigtl. nur

»[in den] Wald gehen« [vgl. oben S. 40, Anm. 137]) für das Zeitw.

»jagen«. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_

254 (_Jahre_ = Wald); _Schöll_ 271 (_Jaare_); _Pfulld. J.-W.-B._ 346

(_Jahre_; vgl. [339, 341]: _Jahrhegel_ = Förster, Jäger); _Schwäb.

Händlerspr._ 488 (_Jre_). Über weitere rotw. Belege sowie die

_Etymologie_ (vom hebr. _jaa'r_ = »Wald«) s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv,

Bd. 38, S. 251, Anm. 2; vgl. auch Bd. 42, S. 7 (unter »Jahrhegel«) sowie

noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 79 (unter »Jare«).

b) Mit _Kracher_ (das in _denselben_ Bedeutgn. wie _Jahre_ gebraucht

wird) sind im wes. auch die _gleichen Zusammensetzgn._ gebildet worden,

so außer _Krachersäftling_ noch _Kracherkrächerle_ (= Haselnuß),

_Kracherstöber_ (= Tanne) u. _Kracherschure_ (= Hirsch); dagegen ist

neben _Jahrestierer_ (= Rebhuhn) allerdings nur _Krachergachne_ als

Synon. angeführt. Auch _Kracher bosten_ hat den _gleichen_ Sinn wie

_Jahre bosten_. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld.

J.-W.-B._ 340, 346 (_Krach_ = Holz, Wald); _Schwäb. Gaun.- u.

Kundenspr._ 77 (_Kracher_ = Wald sowie die geogr. Bezeichg.

_Schwarzkracher_ = Schwarzwald); _Schwäb. Händlerspr._ 488 (_Kracher_ =

Wald). Über weitere rotw. Belege sowie zur _Etymologie_ (von unserem

gemeinspr. Zeitw. _krachen_) s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 46, S. 11

(u. Anm. 1) u. 12; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 181 (unter »Krachet«)

u. _Fischer_ Schwäb. W.-B. IV, Sp. 662 (unter »Krachert«).]

anbeten, _anbliblen_[180] [63.109]

anbetteln, _andalfen_, _anderchen_[181]

anbinden, _anschurele_[182]

anblasen, _anschurele_

anbrennen, _den Funk anpflanzen_ (d. h. das Feuer anmachen)[183]

[Fußnote 180: ([30] auf S. 63.109) Mit _blible(n)_ = beten, auch

predigen sind ferner noch zusammengesetzt: _nach-_ u. _vorblible(n)_ =

nach- u. vorbeten, sodann (mit dem Stamme _blibel-_ [des Zeitworts]) die

Substantive _Blibelulma_ = fromme Leute, auch »Stundenleute«, d. h.

Methodisten, _Blibelkaffer_, _-moss_, _-kitt_ = »Stundenmann, -frau,

-haus« (in gleichem Sinne) und _Blibelschlang_ (eigtl. »Betkette«) =

Rosenkranz (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.).

_Ableitungen_ sind: das Subst. _Bliblerei_ = Gebet u. das Adj.

_bliblich_ = gläubig, heilig (dazu die _Verbdg._ _bliblicher Schuberle_

= heiliger Geist). In dem _verw. Quellenkreise_ hat das Wort nur die

_schwäb. Händlerspr._ (in _Lütz._ [214]: _b'lipple[n]_ = beten). Zur

_Etymologie_ bietet einigen Aufschluß das veraltete schwäb.

_Blippenplapper_, eine »spöttische Ablautbildung« für »Plapperer« (nach

_Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1206).]

[Fußnote 181: ([31] auf S. 63.109) S. abbetteln.]

[Fußnote 182: ([32] auf S. 63.109) S. abbiegen.]

Die jenische Sprache · 第 7 / 36 段