[Fußnote 134: ([18] auf S. 63.39) Das Zeitw. _ruadle(n)_ (-la, ruedle) =

fahren ist auch noch enthalten in den _Zus._ _aus-_, _darüber-_, _ein-_,

_heraus-_, _nach-_, _um-_ u. _wegruadle(n)_. Es gehört zu dem Subst.

_Ruadel_ (od. _Ruedel_) = Wagen, bes. Fahrzeug auf dem Lande, Karren.

_Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ 488

(_Rudel_ = Wagen). Das in älteren rotw. Quellen vorkommende Zeitw.

_rodeln_ (s. z. B. auch _W.-B. des Konst. Hans_ 259 u. _Schöll_ 272)

dürfte wegen seiner Bedeutung (»führen, mit sich führen«) nicht ohne

weiteres zum Vergleiche herangezogen werden, jedenfalls dagegen aber

_gradeln_ od. _radeln_ = fahren, das z. B. _Schintermicherl_ 1807 (288)

u. _Karmayer_ 63 u. 129 haben. Denn seiner _Etymologie_ nach ist das

Zeitw. _ruadle(n)_ wohl nur aufzufassen als eine dialektische Färbung

von »radeln« (s. dazu _Günther_, Rotw., S. 98, 99, Anm. 118), ebenso wie

_Ruadel_ (_Ruedel_) eine solche von »Radel«, Dim. von »Rad«,

sein dürfte. Über das Symn. _Rädling_ (-leng) s. Näh. unter

»Eisenbahnwagen«.]

abfahren, _abruadlen_[134] [63.40]

abfallen (abwerfen), _abbohlen_[135]

abgeben, _abdogen_ (gib's ab = _dog's ab_)[136]

abgehen (abspringen), _abbosten_[137], _abpfichen_[138]

[Fußnote 135: ([19] auf S. 63.40) Das Zeitw. _bohle(n)_ (-la) = fallen,

werfen (Spr.) kommt noch vor in den _Zus._ _ab-_, _auf-_, _einbohlen_ (=

einstürzen), _hin-_, _nach-_, _nieder-_, _umbohlen_. _Zu vergl._ (aus d.

_verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ (in _Pfedelb._ [209, 210]:

_bohlen_ = fallen, _nausbolen_ = hinauswerfen). Für »werfen« ist

_bohlen_ auch in rotw. Quellen des 19. Jahrh. bekannt (s. z. B.

_Pfister_ bei _Christensen_ 1814 [317]; _v. Grolman_ 10 u. T.-G. 133;

_Karmayer_ G.-D. 192). _Etymologie_: Nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. I,

Sp. 1271 handelt es sich um ein schwäbisches Wort mit der Grundbedeutung

»rollen, im Bogen werfen«, ahd. _bolôn_, mhd. _boln_ = »rollen, werfen,

schleudern« (_Lexer_, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 324), das _transit._ u.

_intransit._ gebraucht wird, so daß daraus auch die Bedeutg. »fallen«

entstehen konnte. Über das stammverwandte _Bolle_ = Kartoffeln s. unter

»Bratkartoffeln«.]

[Fußnote 136: ([20] auf S. 63.40) Das einfache _dogen_ (-ga), auch

_doken_, kommt vor in dem Sinne von: a) geben (hergeben); b) beschenken;

c) schlagen (hauen, fechten). Zu der Bedeutg. unter a) gehören (außer

_abdogen_ [s. auch unter »abliefern«]) die _Zus._ _aus-_, _heraus-_ u.

_vordogen_ = aus-, herausgeben und vorschießen (leihen), zu der unter

c): _zudogen_ = zuschlagen sowie das Subst. _Dokschure_ (eigtl.

»Hauding«) = Hacke (s. d. betr. die Übereinstimmung mit der

Zigeunerspr.). Als _Ableitg._ ist wohl anzusehen _Doge_ = Schläge (falls

nicht etwa = _Doge[n]_ als subst. Zeitwort). In dem bes. _verw.

Quellenkreise_ ist das Wort m. Wiss. unbekannt, dagegen kommt es sonst

vereinzelt vor im Rotw. des 19. Jahrh. (s. z. B. _v. Grolman_, _Akt.

Gesch._ 1813 [312: _Koberment gedockt_ = Schläge gegeben] u. W.-B. 16 u.

T.-G. 95 u. 118 [_docken_ = geben, schenken]; _Christensen_ 1814 [320,

331: _tocken_ = geben, _die Vehm tocken_ = die Hand geben]; _Karmayer_

30 [_docken_ = reichen, geben) sowie in d. _Krämerspr._ (s. _Eifl.

Hausierspr._ (491: _geduckt_ = gegeben). Die _Etymologie_ bleibt unklar.

Auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 241 (unter »docke[n]«) gibt keine

Erklärung.]

[Fußnote 137: ([21] auf S. 63.40) Das Zeitw. _bosten_ (wofür früher

_holchen_ gebräuchl. [s. oben »Einltg.«, S. 26]) = gehen, fliehen,

folgen, kommen, laufen, spazieren (gehen) kommt noch vor in den _Zus._:

_aufbosten_ = auflaufen, _ausbosten_ = ausgehen, auslaufen,

_darüberbosten_ = darübergehen, _ei'bosten_ = einlaufen, _herabbosten_ =

herabgehen, -laufen, _hinausbosten_ = hinausgehen, _nachbosten_ =

nachfolgen, _umher-_, _unterbosten_ = umher-, untergehen, _verbosten_ =

verlaufen, _wegbosten_ = weglaufen, _zurückbosten_ = zurücklaufen;

ferner in den _Verbindungen_: _schiebes bosten_ = davongehen, sich

entfernen, entspringen, entweichen, fliehen, fortgehen (früher dafür

_malochen_ [s. »Einltg.«, S. 27]), _schenzieren bosten_ = hausieren

gehen, _Jahre bosten_ = jagen (eigtl. [in den] Wald gehen [um zu

jagen]), _begerisch bosten_ = lahm gehen, _ins Sauft bosten_ (eigtl.

»ins Bett gehen«) = niederkommen, _grandiche Rande bosten_ (eigt. »[mit

einem] dicken Bauch gehen«) = schwanger gehen, endl. noch in der längern

Umschreibung _Flu(h)te bostet mer herab_ = ich schwitze (s. darüber

schon oben S. 36, Anm. 126 vbd. m. S. 17, Anm. 44). Eine _Ableitg._ ist

das Subst. _Boster_ = Läufer. _Zu vergl._ (aus d. _verw. Quellenkr._):

_Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 340, 342 (_posten_ = gehen, _boschen_ =

laufen, _auspostet_ = ausgelaufen, _durchbosten_ = durchlaufen,

_verposten_ = entfliehen); _Schwäb. Händlerspr._ 481 (_pō̆schten_

[in _Pfedelb._ (210): _boschten_] = gehen, _pl[^æ]te poschten_ [in

_Pfedelb._ (209): _boschten_] = fortgehen, durchgehen, in _Pfedelb._

[208/9]: _naus-_ u. _abboschten_ = auslaufen u. durch- od. fortgehen).

— Die Form _boschen_ (bôschen) = gehen hat auch schon _v. Grolman_,

_Akt. Gesch._ 1813 (312) u. W.-B. 11 u. T.-G. 96, das Subst. _Boster_

findet sich in der Zus. _Leili-Boster_ = Nachtdieb bei _Pfister_ bei

_Christensen_ 1814 (325). _Etymologie_: Nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. I,

Sp. 1318 bedeutet _poste(n)_ (bošte) im Schwäb. »herumlaufen, kleine

Aufträge besorgen« u. ä., eigentl. soviel wie »Postgänge machen«, so daß

es also zu unserem Lehnwort _Post_ (aus dem ital. _posta_, mlat. _posta_

= »[Post-] Standort«, aus _posita_, zu lat. _ponere_ [s. _Weigand_,

W.-B. II, Sp. 456, vbd. m. _Seiler_, Lehnwort III, S. 186) gehört.

Näheres (auch über andere südd. Mundarten) s. ebds. vbd. mit _Grimm_, D.

W.-B. II, Sp. 267 (unter »besten«) u. VII, Sp. 2025 (unter »posten«, Nr.

1)]

abgerahmte Milch, _abgeschunde Gleis_[139] [63.41]

abgeschlossen s. abschließen

[Fußnote 138: ([22] auf S. 63.41) Das Zeitw. _pfiche(n)_ = gehen, folgen

findet sich noch in den _Zus._ _auspfichen_ = ausbrechen, _herabpfichen_

= herabgehen, _hinauspfichen_ = hinausgehen sowie in den _Verbindgn._

_schiebes pfichen_ = davongehen, fortgehen (entrinnen) und _schenzieren

pfichen_ = hausieren gehen. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):

_Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 340 (_pfichen_ = gehen [ausgehen,

entfliehen, herumziehen]); _Schwäb. Händlerspr._ 481 (u. _Lütz._ [214]

_pfiche[n]_ = gehen, _pficht_ = er ist fort). Die _Etymologie_ des

Wortes (das bei _Fischer_, Schwäb. W.-B. nicht angeführt ist) bleibt

zweifelhaft. Nur unsichere Hypothesen bei A.-L. IV, 245/46.]

[Fußnote 139: ([23] auf S. 63.41) a) Das in dieser Verbindung enthaltene

Wort _Gleis_ = Milch kommt auch noch in folgenden Zus. vor: [Griechisch:

a]) am _Anfang_ stehend: in _Gleisnolle_ = Melkfaß (oder Milchtopf,

-napf), _Gleisschottel_ = Melkgefäß (eigtl. Milchschüssel),

_Gleiskechelte_ = Milchbrötchen (Spr.), _Gleisglansert_ = Milchglas,

_Gleisschnall_ = Milchsuppe und _Gleisschund_ (eigtl. »Milchdreck«) =

Rahm oder Sahne (dem das obige _abgeschunde Gleis_ entspricht!;

[Griechisch: b]) _am Ende_ stehend: _Schmunkgleis_ = Buttermilch. _Zu

vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._) _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Glais_);

_Pfullend. J.-W.-B._ (_Gleis_; _Gleiskittle_ = Milchhaus,

_Gleispolifska_ oder _-schnalla_ = Milchsuppe); _Schwäb. Händlerspr._

484 (_Gleiß_); s. auch _Metzer Jenisch_ 216 (_Gleiss_). Zur _Etymologie_

des Wortes (höchstwahrscheinlich von unserem deutsch, _gleißen_, d. h.

glänzen) sowie über weitere Belege im Rotw. usw. s. Näh. _Groß'_ Archiv,

Bd. 33, S. 256, Anm. 2 verbd. mit Bd. 42, S. 49 (unter »Gleißer«); vgl.

auch _Weber-Günther_, S. 177/78 (unter »Klais«) und _Fischer_, Schwäb.

W.-B. III, Sp. 689. — b) Zu _abgeschunde_, das ein Zeitw. _abschunden_

voraussetzt, vgl. das ähnliche _einschunden_ = einsalben, einschmieren,

während das einfache _schunden_ im W.-B. durch »austreten (schwer«), d.

h. cacare, wiedergegeben ist. Es ist (gleich dem Adj. _schundich_

[schondich (Spr.)] = beschmutzt, dreckig, kotig, schmierig, schmutzig,

trübe, unflätig, unreinlich, unsauber) _abgeleitet_ von dem Hauptw.

_Schund_ od. _Schond_ = Dreck, Kot, Schmutz, Unflat, Unrat, auch

spezieller noch Asche, Dünger (Mist), Exkremente, Lehm. Dazu die

_Verbindg._ _näpfiger Schund_ = Kalk (worüber das Näh. schon oben S. 17)

sowie mannigfache _Zusammensetzgn._, so: a) mit Sch. _am Anfang_:

_Schundkitt_ = Abort, _Schundschottel_ = Aschenbecher, _Schundbolle_ =

Kartoffeln (eigtl. etwa »Dreckknollen«), _Schundfurschet_ = Mistgabel,

_Schundfläderling_ = Mistkäfer (eigtl. »Mistvogel«), _Schundsitzling_ =

Nachtstuhl; b) mit Sch. _am Ende_: _Gleisschund_ = Rahm, Sahne (s. oben

lit. a), _Flu(h)teschund_ (eigtl. »Wasserdreck«) = Schlamm,

_Leilescheischund_ = Sternschnuppe (worüber Näh. schon oben S. 37, Anm.

127). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 89,

92, 93, 97 (_Schund_ = Exkremente, _Schund-Kitte_ = Abtritt,

_Schompolle_ [dial. statt: Schundbolle] = »Grundbirnen«, d. h.

Kartoffeln; _schunden_ = Notdurft verrichten; vgl. [90]: _beschunden_ =

betrügen [also ähnl. wie unser »bescheißen« gebr.; vgl. _Weigand_, W.-B.

I, Sp. 213]); _Pfulld. J.-W.-B._ 339, 341, 344 (_Schund_ = Dreck, Kot,

Schutt; vgl. auch [342] _Schunplotzer_ = Maurer); _Schwäb. Händlerspr._

479, 480, 482, 484, 486 (_Schund_ = Dreck, Schmutz, aber auch = Acker,

Feld; _schundig_ = dreckig, schmutzig, _Schumbolle_ = Kartoffeln,

_Schundplutzer_ oder _Schunplotzer_ [in _Degg._ (215): _Schundblozer_] =

Maurer, in U. [214]: _schunde[n]_ = cacare, _beschunden_ [in _Lütz._

(214): _b'schunderle(n)_] = betrügen). S. auch noch _Metzer Jenisch_ 216

(_schunde_ = cacare und _Schund-Bais_ = Abtritt). Zur _Etymologie_ (vom

deutsch. Stammwort »schinden«, daher Grundbedg. von Schund eigtl.

»Abfall beim Schinden«) sowie über weitere rotw. Belege s. d. Näh. in

_Groß'_ Archiv, Bd. 47, S. 139.]

abkaufen, _abbaschen_[140], _abbikeren_[141], _abgremen_[142], [63.42]

_abkemere_[143]

[Fußnote 140: ([24] auf S. 63.42) Das Stammwort ist _basche(n)_ =

kaufen; vgl. _einbaschen_ (Spr.), _verbaschen_. _Ableitungen_ davon sind

die Subst. _Bascher_ = Käufer, _Verbascher_ = Handelsbursche,

_Verbaschere_ = Handelsfrau. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):

_Pfulld. J.-W.-B._ 337, 341 (_baschen_ = kaufen, _verbaschen_ =

ausbieten); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_verpassen_ oder _verpschen_ =

verkaufen). S. auch _Metzer Jenisch_ 217 (_verpasse_ = verkaufen). Zur

_Etymologie_ sowie über weitere Belege im Rotw. (schon 1687: _verpassen_

= verkaufen) s. _Groß'_ Archiv, Bd. 43, S. 62 u. Anm. 1. Der dort (im

Anschluß an _Schmeller_, _Paul_, _Kluge_ u. a.) vertretenen Ansicht, die

das Wort _paschen_ (= schmuggeln usw.) vom französ. _passer_ oder ital.

_passare_ (= »[die Landesgrenze] überschreiten«) herleitet (dafür auch

z. B. _Seiler_, Lehnwort III, S. 101 u. Anm. 2), steht noch eine andere

gegenüber, die _hebräischen_ Ursprung annimmt; s. darüber Näh. bei H.

_Klenz_, W.-B. nach der neuen deutsch. Rechtschreibung, Leipzig 1904, S.

173, Sp. 3 und _Weigand_, W.-B. II, Sp. 379. _Fischer_, Schwäb. W.-B.

II, Sp. 1261 (unter »verpaschen« u. »verpassen«, Nr. 4) hat keine

Erklärung gegeben.]

ablesen, _abschurele_[144] [63.43]

abliefern, _abdogen_[145]

abmähen, _abschurele_[144]

abnagen, _abnäpfen_[146]

Abort, _Fu(h)lkitt_[147], _Schmelzkitt_[148], _Schundkitt_[149]

[Fußnote 141: ([25] auf S. 63.43) Stammwort: _bikeren_ = kaufen;

_Ableitung_: das Subst. _Bikerer_ = Käufer. In den _verw. Quellen_

unbekannt, ebenso m. Wiss. auch sonst im Rotw. Auch über die

_Etymologie_ läßt sich nichts Gewisses sagen; ein Zusammengang mit d.

Adj. _bikerich_ (s. oben S. 37, Anm. 129) dürfte kaum anzunehmen sein.]

[Fußnote 142: ([26] auf S. 63.43) Mit dem Zeitw. _greme(n)_ = kaufen

(erkaufen) sind noch gebildet die _Zus._: _ausgremen_ = auskaufen und

_vergremen_ = handeln. Dazu die _Ableitungen_: _Gremer_ = Käufer

(_Zus._: _Trabertgremer_ = Pferdehändler), _Vergremer_ = Handelsbursche,

_Vergremere_ = Handelsmädchen (_Zus._: _Vergremerskaffer_ = Handelsmann,

fem. aber _Vergremmoss_ [= Handelsfrau]). _Zu vgl._ (aus d. _verw.

Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_vergrimmen_ = verkaufen; in

_Lütz._ [215]: _kremen_ = kaufen). Die _Etymologie_ ist unsicher. Auch

_Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1200 (unter »verkräme[n]«) und Sp. 1202

(unter »verkrümme[n]« Nr. 2) gibt keinen näheren Aufschluß darüber.]

[Fußnote 143: ([27] auf S. 63.43) Stammwort: _kemere_ = kaufen; vgl.

_verkemere_ = verkaufen, handeln. _Ableitungen_: _Kemerer_ = Käufer,

Krämer (_Zus._: a) mit K. _vorne_: _Kemererskitt_ = Kauf- oder

Krämerladen; b) mit K. _hinten_: _Trabertkemerer_ = Pferdehändler,

_Groenikelkemerer_ = Schweinehändler), _Verkemerer_ = Verkäufer,

Handelsmann, fem. _Verkemere_ = Handelsfrau (_Zus._ damit:

_Verkemerers-Benk_ oder _-Fiesel_ = Handwerksbursche und

_Verkemeresmodel_ [sic] = Handelsmädchen [aber _Verkemerskaffer_ =

Handelsmann]). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld.

J.-W.-B._ 337, 341 (_kimmern_ = kaufen, _verkimmern_ = anbieten).

Häufigere Belege im sonstigen Rotwelsch seit dem _Lib. Vagat_ (54, 55).

S. Näh. darüber sowie über die (nicht ganz sichere) _Etymologie_ in

_Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 58 (u. Anm. 1), 59 (unter »Kümmerer«). Nur

Hypothesen bei _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 832, nach welchen d.

Ausdr. »kaum zu beurteilen« ist. — Während _verkümmeln_ = verkaufen (s.

_Schwäb. Händlerspr._ in _Pfedelb._ [215]) wohl bloß eine Weiterbildung

von _verkümmern_ ist (s. auch _Fischer_, a. a. O., Sp. 123), sind dem

Stamme nach davon zu sondern die Zeitw. _kündigen_ = kaufen (s. z. B.

ähnl. schon: _Dolm. der Gaunerspr._ 94 [_künnigen_]) und _verkündigen_ =

verkaufen (s. z. B. auch _Schwäb. Gauner- u. Kundenspr._ 77). Näh.

hierüber im Archiv, a. a. O., S. 58, 59, Anm. 1; vgl. auch _Fischer_, a.

a. O., Sp. 1204 vbd. mit Sp 1189 (unter »verkenne[n]«).]

[Fußnote 144: ([28] auf S. 63.43) S. abbiegen.]

[Fußnote 145: ([29] auf S. 63.43) S. abgeben.]

[Fußnote 146: ([30] auf S. 63.43) S. abbeißen.]

[Fußnote 147: ([31] auf S. 63.44) _Fu(h)lkitt_ bedeutet (ebenso wie

_Schundkitt_) wörtl etwa »Kothaus«, zu _Kitt_ = Haus u. _Fu(h)l_ =

Dreck, Kot (Exkremente), Mist. Weitere _Zusammensetzgn._ damit sind

noch: a) mit _F. vorne_: _Fu(h)lnolle_ = Nachthafen; b) mit _F. hinten_:

_Flu(h)tefu(h)l_ = Schlamm. _Ableitungen_ davon sind: das Subst.

_Fu(h)lete_ = »Abweichung« (Diarrhöe) u. das Zeitw. _fu(h)la_ =

»austreten (schwer)«, d. h. cacare. _Zu vergl._ (aus dem _verw.

Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ (_Lütz._ [214]: _fīle[n]_ =

cacare, _Fīl-kitt_ = Abtritt, _Fīl-nolle_ = Nachttopf). Zur

_Etymologie_ (vom zigeun. _fīl_ = Kot, Dünger u. dgl. [vgl. Einleitg.

S. 29]), s. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Spalte 1821 (unter

»fīle[n]«) vbd. mit _Pott_ II, S. 391/92, _Liebich_, S. 135, 190,

216, _Miklosich_, Beiträge I/II, S. 10 u. Denkschriften, Bd. 26, S.

238/239 (unter »khul«) u. _Finck_, S. 58. Bei _Jühling_, S. 220 (unter

»Chen«) ist auch _fuhlen_ (od fuhla) = »schwer austreten« als zigeun.

angeführt. — _Kitt_ bedeutet Haus (Landhaus), ferner: Gebäude, Obdach,

Wohnung, auch Käfig od. Stall (für Tiere). Das Dimin. _Kittle_ ist

angeführt für: Gartenhaus sowie für Arrest, Gefängnis, Haft oder Kerker;

dazu: _im Kittle_ = gefangen. Verbindungen mit _Kitt_ sind: _grandiche

Kitt_ (d. h. »großes Haus«) = Hof u. _dofe Kitt_ (d. h. »schönes Haus« =

Schloß (vgl. »Vorbemerkung«, S. 19, Anm. 49.) Sehr zahlreich sind die

_Zusammensetzungen_, so a) mit _Kitt voran_: _Kittkaffer_ = Hausherr,

_Kittpatris_ = Hausvater, _Kittmoss_ = Hausfrau, _Kittmamere_ =

Hausmutter, _Kittschenegler_ (fem. _-ere_) = Hausknecht (-magd),

_Kittkenluf_ od. _-kib_ = Haushund, _Kittglitschin_ = Hausschlüssel; b)

mit _Kitt hinten_ (außer den obigen drei Synon. für Abort) noch:

_Schenagelskitt_ = Arbeitshaus, _Dercherkitt_ = Armenhaus, _Bich-_ oder

_Lobekitt_ = Bank (d. h. Bankhaus; dazu: _grandiche Lobekitt_ = »Münze«,

d. h Münzwerkstätte, Syn.: _Bichpflanzerskitt_), _Ruechekitt_ =

Bauernhaus, _Zschorkitt_ = Diebesherberge, _Schlumerkitt_ = Herberge,

_Sinsekitt_ = Herren-(od. Herrschafts-)haus, _Finkelkitt_ = Hexenhaus,

_Nille-_, _Ni(e)se-_ od. _Nuschekitt_ od. _Hegelkitt_ = Irrenhaus,

Narrenhaus (vgl. auch »Tollhaus«), _Kemererskitt_ = Kauf- od.

Krämerladen, _Nikel-_ od. _Schnurrantekitt_ = Komödien- od.

Schauspielhaus (Theater), _Begerkitt_ = Krankenhaus (Siechenhaus,

Spital) od. Leichenhaus (vgl. _grandich Begerkitt_ = Hospital,

_Lanenger-Begerkitt_ [eigtl. »Soldaten-Krankenhaus«] = Lazarett),

_Bommer-_ od. _Keifkitt_ = Leihhaus, _Kaflerkitt_ = Metzgerhaus (vgl.

_grandiche Kaflerkitt_ = Schlachthaus), _Gallach-_ oder _Kolbekitt_ =

Pfarrhaus (vgl. _grandich Kolbekitt_ = Kloster [s. d. betr.

Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.], _Buzereikitt_ = Polizeiamt,

_Sturmkitt_ = Rathaus (s. Näh. unter dies. Wort), _Klasskitt_ =

Schießhaus, _Plauderkitt_ = Schule (auch: Lehrerhaus), _Blibelkitt_ =

»Stundenhaus« (d. h. »Versammlungshaus der Methodisten«), _Patriskitt_ =

Vaterhaus, _Leilekitt_ = Wachthaus (wörtl. »Nachthaus«), _Pfladerkitt_ =

Waschhaus, _Johlekitt_ = Weinhaus, _Schofelkitt_ = Zuchthaus. Während in

allen diesen Fällen _Kitt_ mehr oder weniger die Bedeutg. von »Haus« im

gewöhnl. Sinne des Wortes hat, erscheint es etwas spezieller gebraucht

in den Ausdrücken _Gachne-_, _Stenzel-_ od. _Stiererkitt_ = Hühnerhaus,

_Keiluf-_ od. _Kibekitt_, Hundehütte, _Fläderlingskitt_ = Vogelbauer u.

_Luberkitt_ = Uhrgehäuse. Mit dem Dimin. _Kittle_ sind gebildet: a) im

Sinne von »kleines Haus, Häuschen«: [Griechisch: a]) _am Anfang_:

_Kittlekies_ = Backstein od. Dachziegel; [Griechisch: b]) _am Ende_:

_Ruchekittle_ = Bauernhäuschen(Spr.), _Begerkittle_ (d.

h.»Totenhäuschen«) = Sarg (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun.,

vgl. schon »Vorbmrkg.«, S. 18); b) im Sinne von »Gefängnis« u. dergl.:

_Kittlebuz_ = Gefangenwärter. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):

_Dolm. der Gaunerspr._ 89-93, 97, 98, 101 (_Kitt_ = Haus u. _kittlen_ =

schlafen; ferner schon mehrere _Zus._ mit _Kitt_ [Kitte], näml.:

_Sefle-_ od. _Schund-Kitte_ = Abtritt, _Prinzen Kitt_ = Amtshaus,

_Ruochen Kitt_ = Bauernhaus, _Kocheme-Kitt_ = Diebesherberge,

_Sturmkitt_ = Rathaus u. _Baiskitt_ = Wirtshaus; mit _engerer_ Bedeutg.

von K. noch: _Flotschen-Kitt_ = Fischkasten); _W.-B. des Konst. Hans_

253-255, 257, 258 (_Zus._: _Ruoche-Kitt_ = Bauernhaus, _T'schorr-Kitt_ =

Diebesherberge, _Gallacha-Kitt_ = Pfarrhaus, _Sturm-Kitt_ = Rathaus,

_Baiserkitt_ = Wirtshaus, _Schofelkitt_ = Zuchthaus); _Schöll_ 272, 274

(_die Kitteren_ = die Häuser u. _Kitts_ = Herbergen [der »Stappler«]);

_Pfulld. J.-W.-B._ 337, 338, 340, 342, 343, 345, 346 (_Kitt_ =

Aufenhaltsort, Haus [Bauernhaus]; _Zus._: a) _mit Kitt_: _Bäkerischkitt_

od. _Bollerskitt_ = Krankenhaus, _Kollachekitt_ = Pfarrhaus,

_Rauschkitt_ = Strohhaus, _Baiserkitt_ = Wirtshaus, _Schofelkitt_ =

Zuchthaus; b) _mit Kit[t]le_: _Schmelzkittle_ = Abtritt, _Gleiskittle_ =

Milchhaus); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 69 (_Kittchen_ = Arrest,

Gefängnis, _Kittchenbos_ = Arrestaufseher); _Schwäb. Händlerspr._ 479,

482, 488 (_Kitt_ = Haus, Arrest, _Kittle_ = Arrest, _Drîfekitt_ = Arrest

od. Zuchthaus, in U. [213]: _Schmelzkitt_ [in _Pfedelb._ (213):

_Schmelzkittle_] = Abtritt u. _Derches-_ od. _Mangkitt_ = Bettelhaus; in

_Lütz._ [214]: _Fīl-Kitt_ od. _Schofel-Kitt_ = Abtritt [hier

letzteres also in _anderem_ Sinne gebraucht als sonst üblich!]). S. noch

_Pfälz. Händlerspr._ 438 u. _Metzer Jenisch_ 216 (_Kittche_ = Gefängnis

bezw. Arrest). Die _Etymologie_ des Wortes (das schon im Rotwelsch des

17. Jahrh. auftritt [vgl. _Schütze_, S. 74, unter »Kittchen«]) ist noch

_nicht_ sicher festgestellt (vgl. _Stumme_, S. 19 sowie _Fischer_,

Schwäb. W.-B. IV, Sp. 426), jedoch erscheint es wohl immer noch besser,

_deutschen_ Ursprung zu vermuten (s. Näh. darüber bei _Günther_,

Rotwelsch, S. 51 vbd. mit _O. Weise_ in d. Zeitschr. des Allgem.

Deutsch. Sprachvereins, Jahrg. XVI [1901], Sp. 328; vgl. auch

_Weber-Günther_, S. 177, unter »Kittche«) als (wie neuerdings z. B.

wieder _Seiler_, Lehnwort IV, S. 491 u. Anm. 1 in Übereinstimmg. mit

A.-L. 558 befürwortet hat) es herzuleiten von dem jüdischen _kissê_ =

»Sitz, Sessel«, dessen _Form_ und engere _Bedeutung_ dagegen Bedenken

erregen müssen.]

[Fußnote 148: ([32] auf S. 63.45) Der Ausdr. _Schmelzkitt_ gehört zu dem

Stamme _schmelz-_ des Zeitworts _schmelza_ = »austreten (schwer)«, d. h.

cacare. Eine ähnl. _Zus._ damit ist auch _Schmelznolle_ = Nachthafen.

_Ableitungen_ davon sind: die Subst. _Schmelzer_ = After, Hinterer u.

_Schmelzede_ = »Abweichung« (d. h. Diarrhöe). _Nicht_ zu _Schmelzer_ im

_obigen_ Sinne zu stellen, sondern unmittelbar von dem Zeitw.

_schmelzen_ abzuleiten ist die _Zus._ _Buxenschmelzer_ = Feigling, die

wörtlich dem gleichbed. südd. »Hosenscheißer« (vgl. dazu _Groß'_ Archiv,

Bd. 56, S. 183) entspricht. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._):

_Dolm. der Gaunerspr._ 37 (_schmelzen_ = Notdurft verrichten); _Pfulld.

J.-W.-B._ 337 (_Schmelzkitle_ od. _Schmelzköhrle_ = Abtritt); _Schwäb.

Gaun.- u. Kundenspr._ 66, 68, 74 _schmelzen_ = cacare, _Schmelzer_ =

Podex, _Schmelzgusch_ = Abtritt [vgl. betr. _-gusch_, wohl zu franz.

_coucher_: _Fischer_, _Schwäb. W.-B._ III, Sp. 936)); _Schwäb.

Händlerspr._ 479, 480, 485 (hat ebenfalls _schmelzen_, _Schmelzer_ u.

_Schmelzgusch_ [od. _-kanti_, in U. (213): _Schmelzkitt_, in _Pfedelb._

(208): _Schmelzkittle_] in gleichem Sinne). Die _Etymologie_ des Wortes

ist zwar nicht ganz sicher, doch dürfte es kaum zu gewagt sein, darin

nur eine Begriffsverengerung zu erblicken von unserem gemeinsprachl.

_schmelzen_ = »flüssig werdend zergehen« od. vielmehr von dessen

_transit._ Bedeutg. »schmelzen _machen_, in Fluß bringen«. S. Näh. bei

_Weigand_, W.-B. II, Sp. 747. (bes. (für die Bedeutg. im _Jenischen_) zu

beachten dort: altnord. _melta_ = »verdauen«); vgl. ferner bei _Grimm_,

D. W.-B. IX, Sp. 1025 (unter »schmelzen«, Nr. IV): ndl. _smelten_ -

»stercus liquidum egerere«.]

abpflücken, _abschurele_[144] [63.44]

abputzen, _abschurele_

abreißen, _abschurele_

abschaffen, _abschenegeln_[150]

[Fußnote 149: ([33] auf S. 63.46) S. (betr. _Schund_) das Näh. schon

unter »abgerahmte Milch«.]

Die jenische Sprache · 第 5 / 36 段