[Fußnote 120: ([4] auf S. 63.33) Das Zeitw. _näpfen_ bedeutet: beißen,

kauen, nagen (daher _abnäpfen_ auch = abnagen), auch jucken. Weitere

_Zusammensetzgn._ damit sind (außer _abnäpfen_) noch _ausnäpfen_ =

ausbeißen und _wegnäpfen_ = wegnagen, _Ableitungen_ davon: das Adj.

_näpfich_ (_-ig_) = bissig (beißend), krätzig, räudig (vgl. die

_Verbdg._ _näpfiger Schund_ [eigtl. »beißender Dreck«] = Kalk [s. d.

betr. Übereinstmg. mit d. Zigeun.; vgl. auch »Vorbemerkg.« S. 17]) u.

das Subst. _Näpfling_ = Zahn, Gebiß (vgl. die Zus. _Ober-_ und

_Vordernäpfling_ = Ober- und Vorderzahn sowie _Näpflingsins_ = Zahnarzt

u. _Näpflingbossert_ = Zahnfleisch). _Zu vgl._ (aus dem _verw.

Quellenkreise_): nur _Schwäb. Händlerspr._ 479 (_näpfen_ = beißen, in

_Pfedelb._ [209] = coire, in _Lütz._ [215]: _Näpfling_ = Zahn). Die

_Etymologie_ bleibt unklar. Auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV., Sp. 1941

hat _näpfen_ = beißen nicht bestimmt erklärt. Über die Bedeutg. _coire_

s. ebds. vbd. mit Sp. 1914 unter »naffze(n)« u. »Naffke« (wozu zu vgl.

_Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 233).]

[Fußnote 121: ([5] auf S. 63.33) Das Zeitw. _dalfen_ bedeutet: betteln

(begehren, fordern). Weitere _Zus._ damit: _andalfen_ = anbetteln;

_Ableitungen_ davon: _Dalfer_ = Bettler u. _Dalferei_ = Bettelei. _Zu

vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 90 (_talfnen_

= betteln); _Schöll_ 273 (_Talfer_ od. _Talcher_ = Bettler); _Pfulld.

J.-W.-B._ 336, 337, 338, 340 (_dalven_ = abbetteln, _dalfen_ = betteln,

_ausdalfen_ = ausbetteln, _Dalver_ = Armer, _Dalfer_ [Dalcher] =

Bettler, _Talfkunde_ = Handwerksbursche); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._

67, 68 (_dalfen_ = betteln, _Kaff abdalfen_ = Dorf abbetteln,

_Dalfianus_ = Bettler); _Schwäb. Händlerspr._ 480 (_dalfen_ = betteln).

Zur _Etymologie_ (wohl vom hebr. _dal_ = »arm«) sowie über sonstige

Belege im Rotw. s. die Angaben in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 9 (unter

»Talfkunde«) vbd. mit Bd. 33, S. 241/42, Anm. 1. Nach _Fischer_, Schwäb.

W.-B. II, Sp. 39 ist der Ursprung des Wortes »unklar«.]

abbiegen, _abschurele_[123] [63.34]

abbinden, _abschurele_

[Fußnote 122: ([6] auf S. 63.34) Das Zeitw. _derchen_ erscheint im wes.

als Synon. zu _dalfen_ (Bedeutg. also bes.: betteln, ferner begehren,

bitten (daher _abderche_ auch = abbitten), [er]flehen, fordern,

verlangen); vgl. dazu die _Verbindg._ _derchter Lehm_ = Bettelbrot

(wörtl. »gebetteltes Brot«). Weitere _Zusammensetzungen_: _anderchen_ =

anbetteln, auch wohl _bederchen_ = bedanken, danken. _Ableitungen_: die

Subst. _Dercher_ = Bettler (fem.: -ere) u. _Dercherei_ = Bettelei (auch

Gesuch) u. das Adj. _dercherich_ = dürftig (ärmlich, bettelhaft),

verarmt, das auch als Subst. gebraucht wird (_Dercherich_ = Mangel,

Not). Beliebt sind allerlei _Zus._ mit _Dercher_, so: _Dercherbich_

(eigtl. = Bettelgeld, dann) = Almosen (s. d. betr. Übereinstimmung mit

d. Zigeun.), _Dercherulma_ = arme Leute (Bettelleute), _Dercherkritzler_

= Bettelbrief, _Dercherfiesel_, _-kaffer_, _-model_, _-moss_ =

Bettelbube, -mann, -mädchen, -frau, _Dercherrande_, _-stenz_ =

Bettelsack, -stab. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der

Gaunerspr._ 90, 93 (_därgen_ = betteln, _Daerge-stozem_ =

Handwerksbursche); (_Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_türchen_); _Schwäb.

Händlerspr._ 479 (_derchen_, in _Pfedelb._ [213] auch: _Dercherkitt_ =

Bettelhaus). Die _Etymologie_ ist unsicher (vielleicht zu hebr. _dereq_,

jüd. _derech_ = »Straße, Weg«, jedoch ev. mit Einfluß deutscher Wörter);

s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 284/5 u. Anm. 2 u. 3 (unter

»Derfen-Schin«); vgl. auch _Fischer_, Schwäb. W. B. II, Sp. 74 u. 159

(unter »därgen« und »derchen«).]

[Fußnote 123: ([7] auf S. 63.34) Das Zeitw. _schurele_ findet sich nur

vereinzelt ohne weiteren Zusatz gebraucht, nämlich für »begatten« oder

»erzeugen« (wozu der Gebrauch des Hauptw. _Schure_ für »männliches

Glied« paßt), dagegen versieht es in _Zusammensetzgn._ die Funktion

einer Art von Aushilfszeitw. (vgl. _Wittichs_ »Einleitung«, S. 24 und

meine »Vorbemerkung«, S. 16, Anm. 40). So bedeutet z. B. _abschurele_

(außer »abbiegen«) noch: abbinden, ablesen, abmähen, abpflücken,

abputzen, abreißen, abschirren, abschneiden, absondern, abwischen und

abziehen; ferner _anschurele_: anbinden, anblasen, anfangen, anhalten,

anschneiden; _aufschurele_: aufbewahren, aufbrechen, aufdecken,

aufheben, aufladen, auflesen, aufmachen, aufsuchen; _ausschurele_:

ausbürsten, ausfragen, ausrechnen; _einschurele_: einblasen, einbrechen,

einfangen, einfüllen, eingeben, einschneiden, einschnüren, einschütten,

einspannen. Zur _Etymologie_: Das Zeitw. ist offenbar eine (aus den

sonstigen Geheimsprachen mir nicht bekannte) Ableitung des Hauptworts

_Schure_, über dessen Gebrauch als Aushilfswort für die verschiedensten

Begriffe, für die es im Jenischen an besonderen Bezeichnungen fehlt,

schon in meiner »Vorbemerkung« (S. 16) und in _Wittichs_ »Einleitung«

(S. 24) kurz die Rede gewesen. Hier folgt nun eine genaue Aufzählung der

einzelnen Fälle. _Schure_ im allgem. = »Ding« (ursprüngl. wohl [wie

_Sore_] = »Ware«, obwohl es im Vokabular unter diesem Worte fehlt) kommt

vor: a) für sich _allein_ (ohne Zusatz), zunächst: [Griechisch: a]) für

mancherlei _Sachen_ (unbelebte Dinge), nämlich: Acker, Angel, Bindfaden,

Brecheisen, Brei, Bremse, Brücke, Buch, Bürste, Decke, Deckel, Deichsel,

Dorn, Dose, Draht, Eimer, Eis, Eisen, Faden, Fahne, Falle, Gitarre,

Gürtel, Puppe (Docke); vgl. das Dimin. _Schurele_ = Brett; ferner bes.

noch [Griechisch: b]) für gewisse _Pflanzen_ (Gemüse usw.), so: Binsen,

Blume, Bohne, Gurke; [Griechisch: g]) für den _abstrakten Begriff_

»Eid«; [Griechisch: d]) für _menschl. Körperteile_: Achsel, männliches

Glied; [Griechisch: e]) für _Tiere_: Affe, Bock, Bremse (? [s. d.]),

Dohle; vgl. das Dimin. _Schurele_ = Eidechse; b) in _Zusammensetzungen_:

[Griechisch: a]) für _Sachen_ (im w. S.): _Sauftschure_ = Bettuch

(»Bett[über]züge«), _Feberschure_ = Bleistift, _Lehmschure_ =

Brotschrank, _Rutscherschure_ = Bürsten, Kehrbesen, _Schmunk-Schure_ =

Butterfaß (Schmalzfaß), _Scheischure_ = Docht, _Bich-_, _Kies-_ oder

_Lobeschure_ = Geldkasse oder -kästen, _Begerschure_ = Gottesacker

(Kirchhof), Grab, Gruft, _Straubertsschure_ = Haarnadel, -öl oder Kamm,

_Dokschure_ = Hacke, _Niklengschure_ = Harfe, Harmonika, _Nikelschure_ =

Klarinette (_Nikleschure_ = Leierkasten), _Stöberschure_ = Obst,

_Toberichschure_ = (Tabaks-)Pfeife, Zigarre, _Streiflingschure_ =

Strumpfband; [Griechisch: b]) für einen mehr _abstrakt._ Begriff, näml.

_Randeschure_ = Bauchgrimmen (Bauchweh); vgl. auch die Verbindung

_grandiche Schure_ = Reichtum, Überfluß, Vermögen (vgl. auch

»vermögend«); [Griechisch: g]) für ein _Tier_: _Jahre-_ oder

_Kracherschure_= Hirsch; [Griechisch: d]) für _Personen_ (Berufe):

_Schoffeleischure_ = Gerichtsvollzieher (Spr.), _Groenikelschure_ = Sau-

(Schweine-)Hirt, _Jerusalemsfreundschure_ = Schafhirt, Schäfer. _Zu

vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): nur _Schwäb. Händlerspr._ 480, 481

(_Schure_ = Ding, Gegenstand, nur in _Wolfach_ [484] auch = Mund, in

_Lütz._ [215] = Ware). Die gaunersprachl. Quellen, bes. der _älteren_

Zeit, haben dafür meist die Form _Sore_ (s. darüber Näh. unter

»Brücke«). Über sonstige Formen sowie über die _Etymologie_ des Wortes

(vom hebr. _sĕchôr_ = »Handelsverkehr«) s. Näh. in _Groß'_ Archiv,

Bd. 38, S. 241 u. Anm. 1 u. S. 242 (unter »Sorar«).]

abbitten, _abderche_[124] [63.35]

abbrennen, _abfunken_[125]

[Fußnote 124: ([8] auf S. 63.35) S. abbetteln.]

[Fußnote 125: ([9] auf S. 63.35) Das Zeitw. _funken_ bedeutet brennen

(vgl. _funkt_ = brennend, d. h. eigtl. »[es] brennt«), heizen, zünden;

vgl. die _Verbindg._ _g'funktes Gib_ = Malz (eigtl. »gebranntes

Getreide«, in Übereinstimmung mit der Zigeunerspr. [vgl. schon

»Vorbemerkung«, S. 17 sowie unter »Malz«]). Weitere _Zus._ sind:

_anfunken_ = anzünden (vgl. dazu _a'gefunkter Spraus_ = Kohle),

_ausfunken_ = ausbrennen, verlöschen, _einfunken_ = einbrennen,

einheizen, _niederfunken_ = niederbrennen, _verfunken_ = verbrennen,

versengen. Das Verbum gehört zu dem Stamme _Funk_ = Feuer (Brand,

Flamme, Glut); vgl. die _Verbindgn._ und _Zusammensetzgn._: _Funk

anpflanzen_ und _auspflanzen_ = anbrennen und (aus)löschen, _grandicher

Funk_ = Feuersbrunst (s. d. betr. d. Übereinstimmung mit der

Zigeunerspr.; vgl. auch schon »Vorbemerkung«, S. 17); _Funkkies_ =

Feuerstein, _Funkspreisle_ = Zündhölzer. _Ableitungen_: das Subst.

_Funker_ = Köhler, Kohlenbrenner (aber das Dimin. _Funkerle_ =

Zündhölzer) und das Adj. _funkich_ = feurig. _Zu vgl._ (aus dem _verw.

Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 90, 100 (_funken_ = brandmarken,

_gefunkt werden_ = gebrandmarkt werden, _verfunkt werden_ = verbrannt

werden); _Schöll_ 274 (_Funkbruder_ = Brandbettler); _Pfulld. J.-W.-B._

336, 337, 339, 345 (_Funk_ = Feuer, _funken_ = brennen, feuern, _ab-_,

_verfunken_ = ab-, verbrennen); _Schwäb. Gauner- und Kundenspr._ 68

(_funken_ = brennen; _Funkerer_ = Brandstifter); _Schwäb. Händlerspr._

480, 483, 488 (_Funk_ [in _Pfedelb._ (209, 211): [_Funkert_] = Feuer,

Licht, _Funker_ [in _Pfedelb._ (214): _Funkert_] oder _Funkerle_ =

Zündholz; in _Degg._ [215]: _Funkspraus_ = Zigarre; in _Pfedelb._ 208,

213]: _funken_ = brennen, _abfunken_ = abbrennen, _anfunke[l]n_ =

anbrennen [dieses auch in _Lütz._ (214)], _verfunken_ = verbrennen).

Vgl. noch _Pfälz. Händlerspr._ 437 (_Funkert_ = Feuerzeug); _Metzer

Jenisch_ 216, 217 (_Funkert_ = Feuer, _funke_ = kochen, sieden). Zur

_Etymologie_ der Vokabeln (die sämtl. _deutsch._ Ursprungs sind) s. das

Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 48 unter »Funker«; vgl. auch

_Weber-Günther_, S. 187 (unter »Funkert«), sowie _Fischer_, Schwäb.

W.-B. II, Sp. 1832 (unter »Funk« Nr. 3) und Sp. 1833 (unter »Funker«).]

abbrühen (»abschäumen«), _abflu(h)ten_[126] [63.36]

Abend, _Leile_[127], _Ratte_[128]

[Fußnote 126: ([10] auf S. 63.36) Diese Bezeichnung setzt ein Zeitw.

_flu(h)ten_ voraus, das aber (für sich _allein_) in _Wittichs_ Vokabular

nicht vorkommt. Das Stammwort ist das Subst. _Flu(h)te_ (masc. gen.),

hier im Sinne von »Brühe« (s. d.), sonst bes. = Wasser (Bach, Bad, Fluß,

Flut, Gewässer, Quelle, See, Strom, Teich), das auch als Adj. (= naß)

gebraucht wird. Es erscheint beliebt in Verbindungen, wie _biberischer

Flu(h)te_ (_Biberischerflute_) = Eiswasser (eigtl. »eisiges Wasser«),

_bostender Flu(h)te_ = laufendes Wasser (und dazu die Redensart:

_Flu[h]te bostet mer herab_ = ich schwitze (eigtl. »das Wasser läuft mir

herab«, in Übereinstimmung mit der Zigeunerspr. [vgl. das Näh. unter

»schwitzen«]) und _grandich Flu(h)te_ (eigtl. »großes [oder größtes]

Wasser«) = Meer (vgl. »Vorbemerkung«, S. 19, Anm. 49), namentlich aber

in _Zusammensetzgn._, wie a) _am Anfang_ stehend: _Flu(h)tesore_ =

Brücke (s. d.), aber auch Wasserfaß, _Flu(h)tekies_ (eigentl.

»Wasserstein«) = Insel (s. d. betr. Analogie im Zigeunerischen),

_Flu(h)tefläderling_ (eigtl. »Wasservogel«) = Bachstelze,

_Flu(h)tekupfer_ = Meergras oder Schilf, _Flu(h)tegroenikel_ =

Meerschweinchen, _Flu(h)tefu(h)l_ oder _-schund_ = Schlamm,

_Flu(h)tekib_ = Seehund, _Flu(h)tegachne_ oder _-stierer_ = Wasserhuhn,

_Flu(h)tenolle_ = Wasserkrug, _Flu(h)terolle_ = Wassermühle; b) _ans

Ende_ gesetzt: _Scheinlingflu(h)te_ = Augenwasser, _Flösselflu(h)te_ =

Harn (Urin), aber auch Regenwasser, _Pfladerflu(h)te_ = Waschwasser,

_Süßlingflu(h)te_ = Zuckerwasser; über _Biberischerflu(h)te_ (in einem

Wort geschr.) s. schon oben unter a. Eine weitere _Ableitung_ von

_Flu(h)te_ (außer _abflu[h]ten_) ist das Adj. _flu(h)tich_ = feucht,

wässerig, auch als Subst. (_Flu(h)tich_ gebr. = Nässe. — _Zu vgl._ (aus

dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 254 (_Flude_ = Wasser);

_Pfulld. J.-W.-B._ 337, 342, 346 (ebenso, Bedeutg. auch: Bach; _grandig

Flotte_ = Meer); _Schwäb. Händlerspr._ 482, 488 (_Flude_ oder _Flute_,

auch _Flôte_ = Wasser, _Fludi_ = Kaffee [in _Pfedelb._ (210) dafür

_Schwarzflude_ od. _-floße_]; in _Lütz._ [215]: _flude[n]_ = regnen).

Der _Etymologie_ nach gehört das (auch sonst im Rotwelsch bekannte) Wort

(vgl. z. B. schon _Basl. Gloss._ 1733 [202: _Flodi_]) wohl zweifelsohne

zu unserem deutschen »Flut«. Vgl. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1597

vb. mit _Weigand_, W-B. I, Sp. 564/65.]

Abendbrot (Abendtisch) s. Abendessen [63.37]

Abendessen, _Leilebiken_[129], _z'Leilebutten_[130], _Rattekahla_[131]

[Fußnote 127: ([11] auf S. 63.37) _Leile_ hat die Grundbedeutg. »Nacht«,

kommt aber auch spezieller für Mitternacht, sowie ferner (außer für

Abend) noch für Dämmerung oder Finsternis vor, sodann als Adj. gebraucht

für dunkel oder finster. Auch sind damit ziemlich viele

_Zusammensetzgn._ gebildet (und zwar sämtl. so, daß das Wort am

_Anfange_ steht), nämlich: _Leilebiken_ = Abendessen (während Nachtessen

durch _Leilebikus_ u. _-achilerei_ wiedergegeben), _Leileschenagel_ =

Nachtarbeit, _Leileschei(n)_ = Nachtlicht, _Leilesitzling_ = Nachtstuhl,

_Leilekaffer_ = Nachtwächter, _Leilekitt_ = Wachthaus, _Leileschrende_ =

Wachtstube; bes. interessant sind noch die Umschreibungen

_Leilefläderling_ = (eigtl. »Nachtvogel«) = Eule (s. d. betr.

Übereinstimmg. mit d. Zigeun.; vgl. auch »Vorbemrkg.«, S. 18),

_Leileschei(n)_ (eigtl. »Nachtlicht« [s. oben]) = Mond (s. d. betr.

Analogie im Zigeun.; vgl. auch »Vorbemerkg.«, S. 18, Anm. 47) oder auch

Stern (daher _Leilescheischund_ [eigtl. »Nachtlichtschmutz«] =

Sternschnuppe). Zu _vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der

Gaunerspr._ 96 (_Leile_ = Nacht); _W.-B. des Konst. Hans_ 258 (_z' leili

schefte_ = »logieren«, _heute leile_ = heut' Nacht); _Schöll_ 271

(_Leile_); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Beily_ [vedr. für _Leily_]);

_Schwäb. Händlerspr._ 484 (_Laile_ od. [in _Pfedelb._ (211) _Leile_).

Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 438 (_Laile_). Zur _Etymologie_ (vom

hebr. _lail[h]_ = »Nacht«) s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 229

(unter »Leilest«); vgl. auch noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp.

1148/49.]

[Fußnote 128: ([12] auf S. 63.37) _Ratte_, für dieselben Bedeutungen wie

_Leile_ (also z. B. auch als Adj. für »dunkel«) gebraucht, kommt in

_Zusammensetzgn._ seltener vor, doch findet sich _Rattekahla_ =

Abendessen, _Rattebutterei_ = Nachtessen u. die Umschreibg.

_Rattefläderling_ = Eule (s. Anm. 127). _Zu vergl._ (aus d. _verw.

Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Ratte_ = Nacht); _W.-B. des

Konst. Hans_ 255, 256, 257, 258 (_Ratiginger_ = Nachtdiebe, _Ratte_ =

Nacht, _zwei Rattene_ = zwei Nächte); _Schöll_ 272 (_Ratte_); _Pfulld.

J.-W.-B._ 342 (ebenso); _Schwäb. Gaun.-u. Kundenspr._ 73 (desgl.);

_Schwäb. Händlerspr._ 480 (_ratt[e]_ = dunkel, in _Pfedelb._ [214] auch

_Ratte_ = Nacht. in U. [214]: _Rattebutte[n]_ = Nachtessen). Zur

_Etymologie_ (vom gleichbed. zigeun. _rat_ oder [in Deutschl.] _ratt_,

schon altind. _ratri_) s. die Angaben in _Groß'_ Archiv, Bd. 47, S. 212,

Anm. 1, u. dazu noch _Finck_, S. 82.]

[Fußnote 129: ([13] auf S. 63.37) Das (hier substantivisch gebrauchte)

Zeitw. _biken_ bedeutet: essen (kauen, schmausen, verzehren); vgl. dazu:

_grandich bikt_ = satt (eigtl. »viel gegessen«). Weitere

_Zusammensetzgn._: _ab-_, _auf-_, _ausbiken_ = ab-, auf-, ausessen.

_Ableitungen_: die Substantive _Bikerei_ = Essen (Frühstück, Gastmahl,

Gericht, Mahlzeit, [das] Speisen) oder (in latinis. Form) _Bikus_ =

Essen (Gastmahl, Gericht, Kost, Mahlzeit, Schmaus, Speise), beide

(namentl. aber das letztere) auch in _Zus._ beliebt; vgl.

_Schimmerlingsbikerei_ od. _Flößlingbikus_ = Fischessen,

_Strohbuzerbikus_ = Gansessen, _Langohrbikus_ = Hasenessen,

_Stupfelbikus_ = Igelessen, _Rondlingbikus_ = Wurstessen; ferner:

_Groenereibikus_ = Hochzeitsschmaus, _Begerbikerei_ od. _-bikus_ =

Leichenschmaus, _Leilebikus_ = Nachtessen (vgl. oben Anmerkung 127].

Vermutlich dürfen zu _biken_ aber auch noch in Beziehung gesetzt werden

das Zeitw. _bikern_ = hungern (_mich bikert['s]_ = mich hungert [wofür

_früher_ _mich kohlert_ gebräuchlich gewesen; s. _Wittichs_ »Einltg.«,

S. 21]) sowie das Adj. _bikerich_ = gierig, hungrig, dann auch =

habgierig, geizig. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der

Gaunerspr._ 92 u. 94 (_bicken_ = essen u. _Bicker_ = Hunger); _Schwäb.

Gaun.- u. Kundenspr._ 69, 74 (_bicken_ = essen, _Bikus_ = Kost,

_Bickerle_ = Sparsamer [der nichts gibt]); _Schwäb. Händlerspr._ 480,

482 (_bicken_ = essen, _Bickerei_ od. _Bickus_ = Essen [in _Pfedelb._

(211): _Pickus_ = Kost]; _bikerisch_ = hungrig [in _Pfedelb._ (210)]:

_bikerischer Klob_ = Geizhals). Zur _Etymologie_ des (auch sonst im

Rotwelsch sowie in den verw. Geheimspr. [z. B. bei den _Pfälz. Händlern_

(437)] verbreiteten) Wortes (wohl jedenfalls vom deutsch. Zeitw.

_picken_, älter _bicken_ [so schon mhd. neben _becken_], d. h. eigtl.

[zunächst von Tieren gebr.] »mit der Schnabelspitze zufahrend stoßen

oder aufnehmen« [_Weigand_, W.-B. II, Sp. 425]) s. Näh. bei

_Weber-Günther_, S. 184 (unter »picken«); vgl. auch A.-L. IV, 69 u.

524/25 vbd. m. _Wagner_ bei _Herrig_, S. 227 u. _Fischer_, Schwäb. W.-B.

I, Sp. 1096 (unter »picken«). Die Latinisierung _Pickus_ hat m. Wiss.

zuerst _Zimmermann_ 1847 (373, 383) verzeichnet.]

[Fußnote 130: ([14] auf S. 63.38) Das Zeitw. _butten_ wird in

_denselben_ Bedeutungen gebraucht wie _biken_ (daher z. B. auch

_grandich buttet_ = satt sowie die _Zus._ _ab-_, _auf-_, _ausbutten_).

Desgl. entspricht die _Ableitg._ _Butterei_ im wes. den

Substantivierungen _Bikerei_ u. _Bikus_, während es in _Zusammensetzgn._

seltener vorkommt (vgl. aber _Matschebutterei_ = Fischessen u.

_Rattebutterei_ = Nachtessen (s. oben S. 37, Anm. 128). Über das

stammverwandte _Pu(t)lak_ = Hunger s. das Nähere unter »Appetit«. _Zu

vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 92

(_butten_ = essen); _W.-B. des Konst. Hans_ 258 (ebenso; vgl. [255]

_Buttschnurr_ = »Steigbettler«); _Pfulld. J.-W.-B._ 337 (_butten_ =

essen, schlucken, _abbutten_ = abfressen); _Schwäb. Händlerspr._ 480

(_butten_ = essen, _Butterei_ = [das] Essen, in U. [214]:

_Rattebutte[n]_ = Nachtessen); s. auch _Pleißlen der Killertaler_ (nach

_Kapff_ [212]: _butten_ = essen) u. _Metzer Jenisch_ 216 (_butte_). Zur

_Etymologie_: Nach A.-L. 528 vbd. m. _Wagner_ bei _Herrig_ 226 ist

_butten_ wohl eine Nebenform zu ndd. _biten_ = »beißen« (vgl. schon

_Ndd. Lib. Vagat_ [75]: _botten_, wie noch jetzt im _Hennese Flick_ von

_Breyell_ [457]). Vgl. auch _Günther_, Rotwelsch, S. 52 sowie (über die

Verbreitg. des Ausdr. in den südd. Mundarten) _Fischer_, Schwäb. W.-B.

I, Sp. 1564, Nr. 2, der indessen über die Etymologie schweigt.]

[Fußnote 131: ([15] auf S. 63.38) Auch das (hierin substantivierte)

Zeitw. _kahla_ (seltener -le) bedeutet »essen, verzehren«; dazu die

_Zus._ _ab-_, _auf-_, _auskahla_. — Mit der _Ableitg._ _Kahlerei_ (im

wes. gleichbed. mit _Bikerei_ u. _Butterei_) sind gebildet worden die

_Zus._ _Flotschekahlerei_ = Fischessen u. _Groenereikahlerei_ =

Hochzeitsschmaus. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der

Gaunerspr._ 92 (_kahlen_ = essen); _W.-B. des Konst. Hans_ 259 (_z'

kahlet_ = zu essen); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 340 (_kahlen_ =

abessen, abfressen, _kohlen_ = essen, _z' viel kahlen_ = überfressen);

_Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 69 (_kahlen_); _Schwäb. Händlerspr._ (U.

[214] u. _Lütz_ [214]: _khäle[n]_). Zur _Etymologie_ (aus der

_Zigeunerspr._ [vgl. oben »Einleitg.«, S. 30]) s. _Fischer_, Schwäb.

W.-B. IV, Sp. 576 (unter »k¶o¶le[n]«) u. Sp. 165 (unter »k¶a¶le[n]«)

(der übrigens auch »eine Mischung« mit dem gleichbed., aus d. _Hebr._

stammenden _achlen_ für möglich hält) vbd. mit _Liebich_, S. 130, 195 u.

241 (_chāwa_ = ich esse, speise), _Miklosich_, Beiträge I/II, S. 22

(unter »khād«) u. Denkschriften, Bd. 26, S. 217/18 (unter »cha«: bei

d. _deutsch._ Zig. _chāva_ altind. _khād_), _Jühling_ 220 (_Chalo_

= Fresser, _Chaben_ = Essen, aber _chala_ = es beißt [anders oben

»Einltg.«, S. 30), _Finck_, S. 67 (Wurzel: _xā-_).]

aberwitzig, _nillich_, auch _ni(e)sich_, _nu(a)schich_[132] [63.38]

abessen, _abbiken_, _abbutten_, _abkahla_[133]

[Fußnote 132: ([16] auf S. 63.39) Diese Ausdrücke werden wohl alle drei

(am häufigsten aber die beiden ersten) als miteinander _gleich_bedeutend

gebraucht, und zwar (außer in der obigen. Bedtg. noch) für: albern,

blöde (= blödsinnig), dämlich, dumm, geisteskrank, irrsinnig, läppisch,

närrisch, schwachsinnig, töricht, unklug, unsinnig, unvernünftig,

unverständig, wahnsinnig. _Zusammensetzungen_ damit sind:

_Nillicheschei_ od. _Ni(e)sicheschei_ (d. h. eigtl. »närrischer [oder

Narren-] Tag«) = Fastnacht (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der

Zigeunerspr.) und _Nillichegiel_, _Ni(e)siche-_ und _Nuschichegiel_ (d.

h. eigtl. »närrisches Maul, Gesicht«) = Fastnachtsmaske, dann einerseits

noch spezieller = »Affengesicht« (s. d.) als Bezeichnung einer

besonderen Art von Fastnachtsmasken, andererseits allgemeiner = Larve

oder Maske überhaupt. Die genannten Adjektive sind _Ableitgn._ von den

Hauptw. _Nille_, _Ni(e)se_, _Nusche_ = Dummkopf (dummer Mensch), Geck,

Narr, Tor, Tropf (dazu die _Zus._: _Nille-_ od. _Ni[e]sekitt_ =

Irrenhaus [Narren-, Tollhaus] u. _Nille-_ od. _Ni[e]seki[e]bes_ =

Tollkopf). Eine weitere (substant.) _Ableitg._ von _Nille_, _Ni(e)se_,

_Nusche_ ist endlich _Nillerei_, _Ni(e)serei_ od. (seltener) _Nuscherei_

= Blödigkeit (d. h. Blödsinn), Dummheit, Kinderei, Irrsinn, Wahnsinn.

_Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96

(_Nille_ = Narr); _ebenso_: _Schöll_ 271 u. _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (hier

[339] ferner das Adj. _nilli_ = einfältig). Zur _Etymologie_: Nach

_Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 2082 (unter »Nülle« I) ist _Nülle_ (od.

_Nille_) = Narr, Dummkopf usw. identisch mit _Nolle_ = dicker Mensch,

Einfältiger, das wohl zu _Knoll(en)_, schwäb. auch _G'noll_, _Noll_ =

»rundlicher harter Körper«, »zusammenhängende runde Masse« (schon mhd.

_knolle_ = »Erdscholle, Klumpen« _und_ »grober, plumper Mensch«; vgl.

ahd. _hnol_ = »Erhöhung«, angels. _cnoll_ = »Bergspitze«, engl. _knoll_

= »Hügel«) gehört; s. _Fischer_, a. a. O., Sp. 2055 (unter »Nolle«, Nr.

3) vbd. mit Sp. 541 (unter »Knoll[e(n)]«, bes. Nr. 3c) u. _Weigand_,

W.-B. II, Sp. 1080 (unter »Knollen«). Schon A.-L. 578 hat _Nille_ =

»Narr, Geck, Spaßmacher« und »penis« gleichfalls auf »Knolle«

zurückgeführt. Auch bei der letzteren Bedeutung, die (neben der

selteneren von »vulva«) auch sonst volkstümlich ist (s. _Müller_ in d.

»Anthropophyteia«, Bd. VIII, S. 4 u. 10, u. _Günther_, ebds. Bd. IX, S.

31, Anm. 2 vbd. mit _Grimm_, D. W.-B. VII, Sp. 980), handelt es sich

wohl um dasselbe Wort, denn _Grimm,_ a. a. O. leitet es zwar zunächst

von dem Zeitw. _nollen_ (od. _nullen_) = »futuere« her, stellt dieses

aber zum mhd. _nol_ = »mons Veneris« (s. Näh. a. a. O., Sp. 879 unter

»nollen«). Überhaupt werden die Begriffe »Dummkopf« u. »penis« öfter ja

durch denselben Ausdruck wiedergegeben (vgl. z. B. _Schmeller_, Bayer.

W.-B. II, Sp. 642 betr. d. Wort »Schwanz«). — Die Bezeichnung _Niese_ =

Dummkopf hat _Fischer_, a. a. O., IV, Sp. 2044 vbd. mit Sp. 2050 zu

_Nise_ als Kurzform des Eigennamens _Dionysius_ — freilich nur mit

einem Fragezeichen — in Verbindung gebracht. Über _Nusche_ wage ich

keine Vermutung aufzustellen.]

[Fußnote 133: ([17] auf S. 63.39) S. Abendessen.]

Die jenische Sprache · 第 4 / 36 段