Eine Frau, die nur Herrn bei sich sieht, ist keine Dame. (Sie mag eine

+gewesen+ sein.) Eine Frau, die nur Frauenbesuch empfängt, muß aber

darum noch keine Dame sein. Im Gegenteil: dies ist sogar ein (immerhin

grobes) Zeichen für den Mangel der den Begriff konstituierenden

Eigenschaften. Frauen, die miteinander „verkehren“, während die Männer

einander nur im Kaffeehause oder „Geschäft“ begegnen, sind keine Damen.

Solcher „Stil“ schließt die Neigungen einer Dame von vornherein aus.

Man kann sehr zurückgezogen leben und sogar eine +große+ Dame sein

(obwohl dies einigermaßen schwer ist, jedenfalls muß man, um den

Titel mit Fug behaupten zu dürfen, eine Zeitlang wenigstens -- nicht

zurückgezogen gelebt haben).

Die „große“ Dame ist vor allem Aristokratin. Zu ihrer „Größe“ gehört

nicht nur ein großer Titel, sondern auch eine lang nachflutende

Schleppe von Ahnen. Sie ist in glänzenden Geldverhältnissen, und sie

weiß sie großartig zu nutzen. Man irrt, wenn man in der Gattin eines

hohen Funktionärs mit historischem Namen bereits eine große Dame

zu erblicken wähnt. Nicht die Stellung, nicht der Name, nicht der

Reichtum, sondern alles zusammen ergibt die große Dame -- und dies

erst dann, wenn sie in ihrer Persönlichkeit +die Musik dazu+ hat. Man

„wird“ ebensowenig eine große Dame, wie man ein Grandseigneur „wird“.

Aber es ist sehr gut denkbar, daß man eine große Dame „gewesen ist“

und aufgehört hat, es zu sein. Da man weder Persönlichkeit noch Namen

aufgeben kann, wäre der Schluß naheliegend, die Verwandlung bloß auf

das materielle Moment zu beziehen; und sicherlich, wenn eine große Dame

ihr Geld einbüßt, ihre Besitzungen verkauft, ihre Juwelen verpfändet,

ihre Pferde losschlägt, ihre Lakaien entläßt, ist sie bereits

depossediert. Aber doch liegt es nicht in diesen aufzählbaren Fakten,

sondern in ihrer „Melodie“. Man kann nicht sagen, diese und jene

Verengerung des gewohnten Rahmens sei die Grenze, hinter der sich die

Züge der Erscheinung plötzlich verwandeln. Sonst wäre es ja denkbar,

daß jemand sein ganzes Leben -- sich an die Grenzbalken lehnte. Und es

ist +nicht+ denkbar, denn eine solche angelehnte große Dame ist nur für

Kurzsichtige noch „groß“.

Wer sich unter einer „großen“ Dame die sogenannte majestätische

Erscheinung vorstellt, wird höflich ersucht, seinen Portiersstandpunkt

nicht zur Diskussion beisteuern zu wollen.

_EINIGES AUS ANDREAS VON BALTHESSERS LEIDER NICHT GESAMMELTEN

SINNSPRÜCHEN UND GLOSSEN_

Ich nenne mich, wenn das große Wort erlaubt ist, -- für große Worte

sollte man immer um Verzeihung bitten und dazu lächeln -- „stolz“ einen

Dilettanten. Nur der Dilettant ist der Freie. Alles, was Uniform trägt

(ich meine die unsichtbare; die sichtbare ist -- eine Sichtbarkeit,

eine Äußerlichkeit, im Grunde genommen eine Bequemlichkeit, oft sogar,

was freilich so verallgemeinert als Ironie wirkt, -- ein Zeichen der

Freiheit), alles, was Uniform trägt, ist irgendwie eingeschworen. Über

Eingeschworene und Eingeborene hat der Reisende das Übergewicht der

Leichtigkeit. Eingeborene bleiben zurück.

* * * * *

Zu den Aufdringlichsten gehört ein Mensch, der sich rechtfertigt.

* * * * *

Das Geheimnis der guten Beziehungen ist das Vermögen, sich außer allem

Bezug zu erhalten.

* * * * *

Der große Meßmer hat ein halbes Jahr lang ohne Worte gedacht. Die

meisten Menschen behelfen sich ein Leben lang mit Worten ohne Gedanken.

* * * * *

Das Gesetz der Welt ist das Gleichgewicht. Im Körperlichen, Moralischen

und Geistigen rührt alles Unbehagen von seinem Verluste her. Tragisch

heißen Menschen, die ihn eintreten fühlen und vergeblich dagegen

ankämpfen. Moralisch ist jedes Streben, es wieder zu gewinnen. Die

japanischen Akrobaten erlösen die Seele des moralischen Zuschauers

auf Augenblicke von ihrem Leiden. Auch die beseligende Wirkung der

vollkommenen Schönheit beruht auf jenem Gesetze.

* * * * *

Es gibt Leute, die so selten wahre Affekte haben, daß sie ihre seltnen

erst posieren müssen, um daran glauben zu können.

* * * * *

Verträglichkeit ist ein Zeichen der Gleichgültigkeit.

* * * * *

Gegensätze soll man nicht auszugleichen trachten, sondern produktiv

gestalten.

* * * * *

Ein einheitlicher Mensch sein, heißt Gegensätze in sich zu erhalten

wissen.

* * * * *

Viele Menschen lernt man auch in jahrelangem Verkehr nicht kennen, weil

sie sich immer „geben“, niemals „sind“.

* * * * *

Der vornehme Mensch empfängt ohne Bedenklichkeit.

* * * * *

Geben kann man lernen, nehmen muß man können.

* * * * *

Rasse ist ein andres Wort für Gleichgewicht.

* * * * *

Man sieht den Menschen, wenn man ruhiger geworden ist, sich

geistig-seelisch „gesetzt“ hat, gar so leicht hinter ihre Masken,

und wenn man überdies nicht mehr jung genug ist, sich hinterdrein

darüber zu ärgern, daß man immer wieder versucht gewesen war, sich

täuschen zu lassen, wird eine Art von stillem Ekel das Ergebnis dieser

unwillkürlichen Erfahrung abgeben. Auch ich habe, gesteh ich’s nur,

einst geschwärmt für andre Menschen, andre Meinungen, für neue, noch

nicht erhörte Dinge. Das war die Zeit der geistigen Pubertät, --

die bei manchen Menschen niemals endet. Bei mir hat sich der Staub

aufwirbelnde Frühlingssturm sehr bald, vielleicht zu bald gelegt. Die

ironischen Mundwinkel sagen „zu bald“. Zwei, drei grobe Enttäuschungen

-- für mich grob, für robuster Fabrizierte wären sie vielleicht gar

nicht in Betracht gekommen -- haben genügt, mich zu ernüchtern.

Enttäuschungen hinterlassen einen starken Schweißgeruch. (Wer beschämt

wird, fühlt den Schweiß am ganzen Körper hervorbrechen.) Man schreitet

schnell hindurch in reinere Atmosphären. Heute täusche ich mich so

leicht nicht mehr. Auch bin ich mir meiner eigenen Schwächen und

Unwahrheiten -- jeder Mensch hat deren nur allzuviele; die wenigsten

gestehen sie sich ein (andern sie einzugestehen, ist ganz und gar

unnötig) -- allzusehr bewußt, als daß mir die der andern entgehen

könnten: sie gleichen einander alle ja auffallend. Anderseits gibt es

Irrtümer, die man lieb hat, lieb behält. Man weiß, es sind Irrtümer,

man hat sie auch längst von sich abgetan, aber man sieht sie noch immer

gern -- an andern.

* * * * *

Takt ist unhörbare Harmonie.

* * * * *

Takt ist richtige Empfindung, Regel erstarrte Übung.

* * * * *

Geist ist wenig, Tiefe ist alles.

* * * * *

Jede große Tiefe hat eine spiegelnde Oberfläche.

* * * * *

Erziehen ist eine Aufgabe für Musiker. Der Erzieher soll der Dirigent

der Seele sein. Unmusikalische Menschen taugen nicht zu Erziehern.

Bildung kann man einem Kaffer vermitteln, erziehen heißt Vorhandenes

entwickeln.

* * * * *

Rasse ist Erziehung in Permanenz.

* * * * *

Es gibt viele „Wahrheiten“, die den Umgang mit der Vernunft als einen

zu schlechten Verkehr ablehnen.

* * * * *

Wenn man sich über die Dummheit der andern nicht aufregt, sondern dazu

lächelt, nennen sie einen herzlos.

* * * * *

Diplomat sein, heißt den andern nicht zum Bewußtsein kommen lassen, daß

man sie getäuscht habe. Die meisten Diplomaten glauben ein Übriges

getan zu haben, wenn sie „beobachten“ und über Beobachtungen berichten.

Dann wäre, theoretisch gesprochen, eine Tarnkappe das unentbehrlichste

Requisit des Diplomaten. Nach demselben Trugschluß könnte die

vervollkommnete Photographie in Farben den -- Maler ersetzen.

* * * * *

Man erzählt von einem erschrecklich raffinierten Kirchenfürsten,

der dem Besucher im vollen Sonnenlicht seinen Platz angewiesen

habe, während er selbst im Schatten verblieben sei, um unbeobachtet

beobachten zu können. Ich vermag leider nur zu konstatieren, daß der

schlaue Kirchenfürst keine Manieren besessen haben muß. Sicherlich

hätte ich in dieser Situation meinen Fauteuil vom blendenden Licht

gelassen abgerückt.

* * * * *

Etwas, was die „Gebildeten“ in ihrem gefrornen Dünkel nicht ahnen, ist

die unsichtbare Gemeinschaft der Gläubigen an den heiligen Geist und

ihre Hierarchie (Stufen und Grade der Nähe).

* * * * *

Wer kein Gehör hat, wird unfehlbar von Freiheit und Gleichheit

deklamieren, sobald er sich zu Menschen einer höhern Tonart verirrt hat.

* * * * *

Auf dem Glatteis der schönen Sitte muß alle Prinzipienflegelei Arme und

Beine brechen.

* * * * *

Wer sich bewegen kann, ist nicht verpflichtet, Meinungen zu widerlegen.

* * * * *

Meinungen sind ein Auskunftsmittel für Leute ohne Gehör.

* * * * *

Es gibt Leute, die sich dafür entschuldigen, daß sie auf der Welt sind.

Und immer wieder findet man es wirklich -- unverzeihlich.

* * * * *

Wer nicht fühlen kann, muß hören, was andre sagen.

* * * * *

Wer sprechen gelernt hat, glaubt schon reden zu können.

* * * * *

Man kann ein durchaus ehrlicher Mensch sein und doch ganz unmaßgeblich.

Man kann Staubfäden zu klassifizieren imstande sein und braucht

deshalb doch kein Gesicht zu haben.

* * * * *

Fülle des Herzens, der Goethesche „Mittelpunkt“ („Glüh’ entgegen...“).

Die „Grenze“ zwischen der Albernheit des Enthusiasmus und seiner

hinreißenden flammenden Schönheit ist keine Linie, sondern ein halber,

ein Achtel-Ton.

* * * * *

Es sind nicht gerade die Verständigsten, die alles „verstehen“ wollen.

* * * * *

Das kollernde Bleistück der Bürgerlichkeit läßt einen der eigenen

Genialität vertrauen.

* * * * *

Constantin Somoffs Theaterzettel für das kaiserlich russische

Hoftheater: russisches Rokoko, das entzückendste. Puschkins Novellen.

Sein eleganter Tod. Und die plumpe Komödie der „modernen“ Konstitution.

Druckerschwärze, Petroleumlampen, Schnaps, staubige Röhrenstiefel über

Fußlappen.

* * * * *

Die geniale „Idee“ der katholischen Kirche. Ihre erlauchten

Symbole. Die göttliche Gnade und ihre geadelten Träger. Dagegen

Pastorenliberalismus, Kompromißlerschweifklemmerei.

* * * * *

Choderlos de Laclos, Fragonard, Boucher, Miniaturporträts, Lawrence,

Beardsley -- reimt das auf fraternité, égalité usw.? Sumpfgegend der

modernen „Kultur“. Hügelzüge von Abfall und Scherben. Garküchengeruch.

Und „unentwegte“ Dickhäuter in numerierten Tümpeln watend.

* * * * *

Ein glücklicher Bräutigam ist dem „Nächsten“ ebenso langweilig wie

ein verzweifelter Witwer. -- Zwischen zwei „Nächsten“ dehnt sich die

unabsehbare Fremde.

* * * * *

Takt ist im Grund nur ein andres Wort für -- Herz.

* * * * *

Gutmütigkeit ist nicht mit Herz zu verwechseln.

* * * * *

Es kann einer das Herz „auf dem rechten Fleck“, aber eben nur dort,

nicht -- überall haben.

* * * * *

Gourmandise ist ein Zeichen von feinen Sinnen. Der Gourmand ist nichts

weniger als ein Schlemmer. Er ist der „Eßkünstler“. Ich kenne Leute,

die in ihrem langen Fresserleben noch niemals den Genuß des Essens

empfunden haben.

* * * * *

Es gibt Menschen, die sich selbst verhöhnen, um ganz zu bleiben oder

vielmehr um sich selbst ein Ganzes vorzustellen.

* * * * *

Bornierte Menschen soll man nicht widerlegen wollen. Widerspruch ist

immerhin ein Zeichen von Anerkennung.

* * * * *

Man erkennt den Philister daran, daß er niemals um Gründe verlegen ist

und immer Zwecke fordert. Der Dilettant ist der unbegründet Zwecklose.

* * * * *

Das (unausgesprochene) Ideal des „modernen“ Menschen ist seine

„Steigerung“ zur Maschine. Man teilt die nützlichen Mitglieder der

Gesellschaft -- in Funktionäre ein.

* * * * *

Es klingt heute schon wie ein Märchen, daß es Völker, Kulturen gegeben

habe, die Organismen vorstellten.

* * * * *

Symptomatisch für die Kultur der Gegenwart ist die Vervollkommnung der

Surrogate.

* * * * *

Wenige Menschen wüßten sich anders denn durch ein Legitimationspapier

zu legitimieren.

* * * * *

Visitenkarten sind oft das Einzige, was von einem Menschen „aussagt“.

* * * * *

Nimm dem Menschen die Pose (wie man, als Vorsehung auf den Wolken

thronend, dem Ahnungslosen zum Beispiel -- ein Lieblingsgedanke des

unter dem Geschwätz der Nachbarn Leidenden -- einen bestimmten Vorrat

an Worten abgezählt zumessen könnte: plötzlich ginge ihm, wenn er

nicht haushälterisch mit seinem Besitz umgegangen wäre, das letzte

Wort aus: er schnappte wie ein Fisch und klapperte im Leeren wie die

Schatten Homers), nimm dem Menschen die Pose: er wird verwelken,

verkümmern, eingehen, absterben. Was ist Alexander, der Asien Tribut

auferlegt, gegen einen Bureauchef, der seinen Hilfsarbeitern den Urlaub

mit der großen Papierschere beschneidet! Ratsch! Zwei Tage ringeln

sich im Staube. Diesem Machtbewußtsein gegenüber kann nur -- der Riese

Prokrustes standhalten oder sonst etwas Mythisches.

Das erste Gesetz der Sozietät lautet: Du mußt dir in irgend einer

Hinsicht wichtig dünken!

* * * * *

Es gibt Leute, die sich geehrt fühlen, wenn man sie verkennt, in

schmeichelhafter Weise verwechselt.

* * * * *

Es gibt Leute, die gern „leutselig“ danken. Sie danken oft, ehe sie

gegrüßt werden.

* * * * *

Die Menschen sind so leicht zufrieden gestellt. Sie müssen nur wissen,

+was einer ist+, z. B. er ist ein Staatsanwalt, ein Millionär, ein

Dramatiker. Das genügt.

Und ist es denn im allgemeinen anders? Begnügen sich die Menschen

nicht überhaupt mit Benennungen? Sind die Worte, mit denen wir uns

„verständigen“, nicht auch nur „Benennungen“ „abgekürztes Verfahren“?

* * * * *

Der Wahnsinn des „Fortschritts“ zertrampelt die nährenden Wurzeln der

Vergangenheiten.

* * * * *

Unter „Fortschritt“ verstehen die meisten -- unbewußt -- die

Unfähigkeit, Wurzel zu fassen.

* * * * *

Das Vorhandensein unwürdiger Repräsentanten erweist die Lebensfähigkeit

einer Organisation.

* * * * *

Man hört heute immer wieder von Festversammlungen. Und doch kennt diese

Zeit nur -- angesagte.

* * * * *

Nicht alle, die Bücher schreiben, haben Bücher -- gelesen.

* * * * *

Wer ein Buch gemacht hat, meint, über -- Menschen urteilen zu können.

* * * * *

Der Kabarettist, der seine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse vorn

Podium herab vorträgt, fühlt sich mir überlegen, der ich ihm, Sekt

trinkend, zuhöre (oder mit meinem Nachbar plaudere). Mein Nachbar fühlt

sich dem Kabarettisten überlegen, der seine ernsthaften dichterischen

Erzeugnisse vom Podium herab vorträgt, während er, der Nachbar, Sekt

trinkt und ihm zuhört (oder mit mir plaudert). Ich fühle mich meinem

Nachbar überlegen, weil er sich dem Kabarettisten überlegen fühlt, und

fühle mich dem Kabarettisten überlegen, weil er sich mir und meinem

Nachbar überlegen fühlt... Eine Frage: Würde ich mich als Kabarettist

einem überlegen fühlen, der mir, Sekt trinkend, zuhörte, während ich

meine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse usw.?

* * * * *

Kostümierte Affekte sind Snobismen der Seele.

* * * * *

Der unrettbare Kleinstädter als „Weltmann“: es gibt kaum etwas

Kläglicheres. Aber immer wieder finden sich Leute, denen auch er

imponiert. Und Literaten schreiben auf Grund solcher Eindrücke „Bilder

aus der Gesellschaft“.

* * * * *

Der Bauchredner, der seine Puppen auf den Knieen hält und mit peinlich

wirkender Gewaltsamkeit den Verblüffer spielt -- für Unteroffiziere

und Kindermädchen: ein Bild für manchen großen Mann unter den heutigen

Literaten.

* * * * *

Es gibt eine Übergangsperiode im Leben, die man mit dem Wort altklug

nicht übel bezeichnet. Ein großer Teil unsrer Literaten kommt über

dieses kindische Stadium niemals hinaus.

* * * * *

Nur +der+ Leser und Hörer heißt mir ein mit Urteil begabter, der

keinerlei Doktrinarismus, auch nicht dem -- revolutionären huldigt.

* * * * *

Wir leiden heute an Autoren, die mehr können, als sie -- sind.

* * * * *

Es ist ein großer Mangel der deutschen Literatur, daß ihr das

Weltmännische abgeht.

Der deutsche Schriftsteller „übt den schriftstellerischen Beruf aus“.

* * * * *

Unsre bessere Literatur riecht nach ungelüfteten Stuben, die

schlechtere nach dem Kaffeehaus.

* * * * *

Unter literarischen Snobs muß man den Dandy hervorkehren. Das ist die

einzige Rettung gegen die üble Ausdünstung dieses Milieus. Man macht

sich gleichsam durch eine Schlangenhaut unempfindlich.

* * * * *

Nur der heißt mir ein Redender, ein Schreibender, der jedem Wort neues

Leben einflößt, +sein+ Leben.

* * * * *

Schreiben ist Unterwerfung des Wortes. Die größten Schöpfungen sind

die, deren Dasein das Wort überhaupt vergessen macht, Schöpfungen gegen

das Wort.

* * * * *

Die meisten Schriftsteller schreiben im Taglohn des Wortes, eines

Chefs, den sie niemals zu Gesicht bekommen.

* * * * *

Stil im Schreiben (wie Geschmack im Leben) ist nur Vorläufigkeit, nicht

Erfüllung. Größe bedarf keines Erkennungszeichens.

* * * * *

Er ist wahrhaftig schrecklich, dieser gute Ton, der es einem verbietet,

das jeweils einzig richtige Wort anzuwenden. Bin ich wirklich

verpflichtet, bis ans Grab die Komödie der Höflichkeit mitzumachen?

Wie unerhört ist die Anmaßung eines Herrn X-Y, der „auch“ Bücher

schreibt (hätt’ ich es doch nie getan!), einen Menschen, der wahrlich

nichts dafür kann, um deswillen als „Gleichgesinnten“ zu begrüßen. Sie

halten’s für Pose, diese Armseligen, wenn ich verlauten lasse, daß mich

Hundeausstellungen weitaus mehr interessierten als die „Anschauungen“

des „gleich“- oder andersgesinnten Herrn Y-Z über Ibsen oder Meunier.

* * * * *

Schlechte Manieren werden nur Leuten verziehen, die sie nicht nötig

hätten.

* * * * *

Wer „fürstliche“ Trinkgelder gibt, bekundet ein ängstliches Bewußtsein

mangelnder Selbstachtung.

* * * * *

Es gibt ernsthafte Männer, die ihre „geistigen Interessen“ nicht mit

ihrer Frau teilen, wohl aber -- mit dem „Stammtisch“.

* * * * *

Es gibt naive Gemüter, die von Zeit zu Zeit ausspucken und sich immer

wieder dafür entschuldigen, -- daß sie keine Manieren haben.

* * * * *

Damen soll man nur dann voll anschauen, wenn sie lächeln. Dann

verlangen sie es.

* * * * *

Ich empfinde es immer als Anmaßung, wenn ein Jemand zu mir „auf

Wiedersehen“ sagt. Es ist ein Wunsch, der mit der Gegenseitigkeit

rechnet.

* * * * *

Der Gesellschaftston legt den Zwang auf, zwanglos zu erscheinen. Wer

das Bewußtsein der Tatsache verloren hat, daß dieser Zwanglosigkeit

Zwang zum Grunde liegt, heißt ein Gesellschaftsmensch.

* * * * *

Eine Frau, die weiße Wollstrümpfe und dazu -- Zugstiefeletten trägt,

sollte man um einen Fuß kürzer machen dürfen.

* * * * *

Germania in Zwirnhandschuhen und Konfektions-„Nouveautés“: ein

Vorwurf für einen naturalistischen Bildner. Nicht zu vergessen die

höchst praktischen, „der Touristin unentbehrlichen“ mechanischen

Klapp-Rockschürzer.

* * * * *

Wenn einer eine Reise tut, glaubt er davon erzählen zu dürfen!

* * * * *

Zu rechter Zeit aufhören, heißt genußfähig sein. Armer Teufel, der

ein bezahltes Gericht, eine halbgeleerte Flasche Sekt nicht -- stehen

lassen kann, ohne Reue zu empfinden.

* * * * *

Fortschritt, Kulturkampf, Freimaurertum, Emanzipation der Frau usw.:

armselige Selbstgefälligkeit taubstummer „Weltbürger“, die sich nur

durch eine konventionelle Gebärdensprache miteinander „verständigen“

können.

* * * * *

„Von vornherein“ miteinander per Du sind bei uns in Österreich die

Aristokraten und -- anderseits -- die Fiakerkutscher, „Wasserer“,

Taglöhner. Oben und unten die -- Selbstverständlichen. Die

Mittelklasse: Professoren, Beamte, Kaufleute sind auf konventionellem

Fuß miteinander. Sie haben einander immer nur etwas zu +sagen+,

können nie auf +freiem+ Fuß miteinander verkehren wie die

Aristokraten und -- die Fiakerkutscher.

* * * * *

Die geschmackvolle Geselligkeit als unbewußte Äußerung

kulturgesättigter Organisationen ist heutzutage fast gänzlich

ausgestorben. Es gibt einen traditionellen Stil der großen Welt,

der eine gewisse natürliche Grazie hat, aber leeres Arabeskenspiel

bleibt, wenn er nicht mit Unsittlichkeit gewürzt ist. Es gibt

ferner einen Kompromißstil der verschiedenen Zwischenreiche, der

sogenannten „zweiten Gesellschaften“, in denen man sich relativ am

besten unterhält, weil viel „Abwechslung geboten“ und -- meist recht

gut gegessen wird. In diesen Kreisen findet man auch hin und wieder

versprengt einen harmlosen Menschen, dem diese mühsamen Lustbarkeiten

wirklich noch ein Vergnügen zu bereiten imstande sind.

Die große Welt hat ihre eigenen Gesetze, hinter denen der Mensch

verschwindet. Aber wenn diese Bande einigermaßen nachlassen -- in der

intimen Häuslichkeit --, weiß ich überhaupt nichts, das reizender wäre.

Hier herrscht Freiheit, Maß, Sicherheit, Ruhe. Die bürgerlichen Kreise

sind sehr mannigfacher Art, aber fast durchaus unerfreulich. Entweder

wird ein Stil kopiert, oder es ist ein Stil im Begriffe, verlustig zu

gehen.

Die größte gesellschaftliche Roheit herrscht in den Kreisen der

„ausübenden“ Künstler aller Art; vor allem mangelt das, was jeder

höhern Geselligkeit den anmutigsten Reiz verleiht: Achtung vor dem

Alter und den Kindern und Ritterlichkeit und Dezenz gegen die Frau.

* * * * *

Die Prüderie der hohen Gesellschaftskreise, die Heuchelei ist, kann

man sehr leicht parieren: man vermeide Verstöße. Meist klagt der über

Prüderie, der es an Takt ermangeln läßt.

* * * * *

Ein Blick in den Zuschauerraum eines modernen Varietétheaters, der

dann zur Bühne gleitet, wo Neger brüllend Cake-walk tanzen oder ein

bunt gekleideter Radfahrer, auf einer elektrisch bewegten Drehscheibe

gegen die Drehrichtung tretend, seine Lunge vor biertrinkenden

Handlungsreisenden aufbraucht, sollte den Schwärmern für die Kultur

des konstitutionellen Europa Erleuchtung zu verleihen imstande sein

über die unrettbare Barbarei dieser ordinärsten aller „geschichtlichen

Epochen“.

* * * * *

Es ist ein großer Unterschied zwischen schäbiger Eleganz und eleganter

Schäbigkeit. Diese ist ein rührendes, Hochachtung einflößendes Zeichen

des Widerstandes der Rasse gegen das herbe Schicksal, jene der

unwiderlegliche Beweis abenteuerlicher Gemeinheit.

* * * * *

Der gesellschaftliche Snob ist ein Held von großer Bravour. Er erleidet

täglich Demütigungen seiner Eitelkeit, die bis aufs Blut gehen. Aber

er verschmerzt sie immer wieder und erklimmt auf Händen und Füßen die

nächste Etappe.

* * * * *

Es gibt Menschen, die ihre unerbetenen Einladungen so lange

zurückweisen lassen, bis man neugierig wird, den Träger einer derart

jedes erlaubte Maß übersteigenden Schamlosigkeit zwischen seinen vier

Wänden kennen zu lernen: dann ist ihr Zweck erreicht.

* * * * *

Wenn sich junge Leute aus guter Familie in einem Hause, wo sie zu

Gast sind, ungezogen benehmen, ist immer das Haus daran schuld. Der

besterzogene Mensch, gar ein junger, wird übermütig, wenn er sieht,

daß er sich alles erlauben darf, und versucht aus Trotz gegen diese

hündische Observanz immer von neuem, ob er in seiner Unart nicht noch

weiter gehen könne. Es sollte zu denken geben, daß in den Häusern der

Snobs und Parvenus gerade die jungen Leute sich am ungezogensten geben,

die in ihren Kreisen auf das sorgfältigste den Anstand wahren.

* * * * *

Der typische Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts -- des Jahrhunderts

der Lüge -- ist der geadelte „Bürger“. Die Söhne spielen bereits die

Aristokraten, und den Enkeln glaubt man es -- aus Bequemlichkeit.

* * * * *

Man kann die Menschen nach ihrem sichtbaren Wesen, dem, was ihren

natürlichen Stil ausmacht, in zwei Klassen scheiden: die einen und

die andern. Die einen sind die von der Natur begünstigten, die andern

die nichtbegünstigten. Es ist nur ein Glück, daß die Nichtbegünstigten

es nicht merken. (Im Grunde gefällt sich eigentlich jeder Mensch,

täuscht sich jeder gern über sich selbst, wenn er auch Momente der

Selbstbesinnung und Selbstverachtung hat.)

Das „Geistige“ freilich ist ein ganz andrer Einteilungsgrund und

scheidet die Menschen in ganz andre Lager.

* * * * *

Wenn man Fragen des gesellschaftlichen Anstands ernsthaft traitiert,

rumoren „Freigeister“ gleich über Engherzigkeit. Als ob solche

Nadelköpfchen mit der Schlosserzange anzufassen wären! Wer wird sich

mit diesen Nichtigkeiten abgeben, deklamiert ein „Großzügiger“....

„Abgeben“? Mit nichten. Sobald derlei Niaiserien mit Gewicht behandelt

werden, sind sie auch schon erdrückt. Man kann sie nicht in Paragraphen

„erschöpfen“, kann keine Normalien für Anstand herausgeben. Alle

solchen Wegweiser und Handbüchlein sind von niederschmetternder

Lächerlichkeit.

Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten · 第 4 / 5 段