dessen, was ich unter einem „unästhetischen Menschen“ verstehe.
Die Entrüsteten denken natürlich zuerst an das Nasenbohren
und Kopfhautkratzen, als welches sie sich doch schon seit dem
Gymnasium abgewöhnt hätten; sie denken, wenn sie auf weitere
Fortschritte in der Schule des Benehmens stolz sind, an das
Ausspucken und Mit-dem-Messeressen. Aber das sind die allergröbsten
„Handgreiflichkeiten“. Sich über derlei aufhalten, hieße Spucknäpfe
in Bureaulokalitäten tragen. Ich meine ganz andre Dinge. Ich habe es,
als ich in jüngern Jahren nicht umhin konnte, manchmal „Picknicks“ der
sogenannten gebildeten Stände aufzusuchen, z. B. stets im höchsten
Grade unästhetisch gefunden, wenn ein junges Mädchen bei der Quadrille
mir von Maeterlinck zu sprechen anhub. Es ist mir tausendmal lieber,
wenn ein junges Mädchen zu ihrem Tänzer sagt: „Finden Sie nicht, daß
es heute sehr heiß ist?“ Auf mein Wort, mir ist das tausendmal lieber.
Aber das Mädchen, das mit mir, in dem sie den Dichter sah (ich hasse
alle Leute, die „in mir den Dichter sehen“), bei der Quadrille von
Maeterlinck zu sprechen anhub und sich wunder was darauf einzubilden
imstande war, hat dem nächsten Herrn doch gesagt: „Finden Sie nicht,
daß es heute sehr heiß ist?“ Diese Tochter der gebildeten Stände
+richtet nämlich ihr Benehmen ein+. Ein Mensch von Benehmen aber
richtet niemals sein Benehmen ein. Er +hat+ ein Benehmen, und das geht
von ihm aus wie der Heugeruch vom Stallburschen.
Der unästhetische Mensch ist entweder befangen oder ungeniert. Beides
ist gleich peinlich. Der Befangene ist immer um einen halben Takt
voraus oder zurück; er stört jede Situation und bittet beständig um
Entschuldigung, flüstert hinter der hohlen Hand und behandelt Bediente
mit Ehrerbietung, wofür ihn diese natürlich gebührendermaßen verachten.
Der Ungenierte ist von aufreizender Kordialität. Er drückt alten Damen
die Hand, nimmt mit vorgespreizter Handfläche „das Wort aus dem Mund“,
tritt aufgeräumt zu Spieltischen alter Herrn, denen er in den Nacken
hustet, wendet sich mit unpassender Vertraulichkeit an den servierenden
Bedienten. Niemals wird ihm in seiner Gottähnlichkeit bange, er hat
keinerlei Menschenfurcht: ihm kann nichts geschehen, man müßte ihn denn
niederschießen.
Eine der schrecklichsten Sorten unästhetischer Menschen sind die
noch in der Entwicklung begriffenen „Elegants“. Sie haben Bewegungen
des Rückgrats, die verstimmend auf die Magennerven wirken. Ihre
abgezirkelte „Nonchalance“ könnte unter Umständen humoristisch wirken,
wenn sie nicht mit Ernst quittiert werden müßte! Die Art, wie sie Bein
über Bein schlagen, während sie den Zucker in der Tasse schwarzen
Kaffees umrühren, ist geeignet, den umgänglichsten Menschen zu ihrem
Todfeind zu machen. Sie spielen immer den Überlegenen, und eine ihrer
reizendsten Kombinationen ist die arrogante Verlegenheit, mit der sie
angebliche Indiskretionen vorbringen, um die sie niemand ersucht hat.
Das Ekelhafteste auf der Welt aber ist der „Schöngeist“ in seinen
verschiedenen Spielarten, als da wären: die leicht chokierte ältliche
Dame aus geachteter Beamtenfamilie, der im Cönakel „gefeierte“
Schriftsteller, der den Weltmann spielt und auf Schritt und Tritt
Nüancen fallen läßt wie Knallerbsen, endlich der „Unberechenbare“,
der durch eigenartige Auffassungen der solidesten Lebensverhältnisse
zu verblüffen bestrebt ist, z. B. plötzlich das Recht auf Blutschande
verteidigt und mit schamlosen Geständnissen nicht geizt.
Es gibt Menschen, die regelmäßig ins Kaffeehaus gehen. Sie können ja
nichts dafür, daß es ihnen angenehm ist. Solche Menschen meide ich „von
vornherein“. Es ist unmöglich, daß ein Mensch, der täglich durch einige
Stunden im Kaffeehause sitzt, ein wünschenswerter Verkehr wäre. Das
setzt eine Unempfindlichkeit gegen eine ganze Reihe höherer Taktfragen
voraus, die für mich zu den Unerläßlichkeiten gehören.
Es gibt Menschen, die auf sogenannten städtischen Promenaden auf und
ab ziehen. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Das sind Leute,
die gegen Staub, Gestank und Lärm, die größten Plagen der heutigen
Menschheit, unempfindlich sind.
Es gibt Leute, die jede Première sehen müssen. Solche Menschen meide
ich von vornherein. Kritiker, die durch den Besuch der Theater ihren
Beruf ausüben, sind auf das tiefste zu bedauern, jene „Amateurs“
aber sind verächtlich, da sie Sinne wie Taue und einen Geschmack wie
Feuerländer haben müssen.
_ÜBER VERNÜNFTIGE, SNOBS UND BEFLISSENE_
Es gibt „vernünftige“ Menschen, die sich an Wagners „Texten“ stoßen.
Sie behaupten, die Musik zu schätzen, den Text aber zu verabscheuen.
Sie „weisen das nach“. Es gibt Schwärmer, die behaupten, daß die Bühne
den Zweck habe, Illusionen zu erzeugen. Diesen Kerzlweiberstandpunkt
hat der Prunk der sogenannten szenischen Darbietungen verschuldet.
Ich kenne „Vertreter geistiger Interessen“, die Shakespeare mit
Wildenbruch, Hölderlin mit Hamerling, Maupassant mit Tovote, Terborch
mit Grützner, Ibsen mit Sudermann verwechseln. Da ist nichts zu
machen. Solchen Leuten geht man am besten behutsam aus dem Wege,
und wenn man ihnen nicht ausweichen kann, stellt man sich grinsend
schwerhörig. Es sind dieselben Menschen, die von „unsympathischen
Charakteren“ bei Dostojewski sprechen oder E. T. A. Hoffmann
einen Gespenstergeschichtenerzähler nennen. Das ist eine Gruppe
von „Kunstfreunden“. Sie zählt nach Millionen. Wenn sie zufällig
„akademische Bildung genossen“ haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß
sie eine Deutsche Literaturgeschichte „verfassen“.
Eine zweite Gruppe hat immer die Meinung des Nächststehenden. Es gibt
Menschen, die ihre Meinung mit dem Abonnement ihrer Zeitungen ändern,
ja, mit dem Wechsel der Feuilletonredakteure. Das sind die Leute des
„neuen Stils“, die, wenn sie bei Mitteln sind, alle 10-12 Jahre ihre
Hauseinrichtung von Grund aus ändern, und wenn der letzte Band Ebers an
die heranwachsende Nichte verschenkt ist, mit dem ersten Band -- Ruskin
beginnen. Sie führen Goya und -- Sascha Schneider im Munde, tragen
heute hochgeschlossene und morgen tief ausgeschnittene Westen, je nach
dem, was der Schneider ihnen als die letzte Mode empfiehlt, und geben
ungebeten die neuesten Verhaltungsmaßregeln. Sie sind immer bereit, mit
fliegenden Fahnen überzugehen. Wenn sie „Dichter“ sind, schreiben sie
heute à la Maeterlinck und morgen à la D’Annunzio. Sie wissen nie, wer
sie im Grunde sind. Sie könnten sich über Nacht gestohlen werden. Ihre
Vertreter in der Generation der heute fünfundzwanzigjährigen sind durch
die Bank „moderne Lyriker“.
_ANTIBARBARUS_
_(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS
PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL
GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN
TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND
ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)_
Auf die Gefahr hin, wieder einmal intra et extra montes mit
Kopfschütteln, bedenklichem sowohl als wohlwollend-mißbilligendem,
zu den Unverbesserlichen gezählt zu werden, die sich, während sie
doch „Wichtigeres“ zu tun hätten, die Finger an heißen Platten
und platten Hitzigkeiten zu versengen allzu lüstern scheinen, muß
ich auf die Schafwollverwogenheiten des aus seiner Pseudonymität
weiter nicht zu lüftenden „Montanus“ erwidern, wies der Geist mir
eingibt. Ich habe das trutzige Stückchen vom frisch-froh-freien
Lodengermanen auf der Heimreise von St. Moritz gelesen, zufällig
gerade diesen abgegriffenen Fehdefäustling von einem Zeitungsjungen
zur Fahrt-Verkürzung und Rückkehrtrübsalströstung erwerben müssen.
Nunmehr, da ich in Gletschergedanken und Firnenträumen seufzend
wieder städtisches Pflaster trete -- die nach bescheidenen Begriffen
„boshafte“ Anspielung sei etwaigen Duplikanten gratis dahingegeben --
und nachgerade etliche Zeit verstrichen ist, als innerhalb welcher
Herrn „Montanus“ zu entgegnen andern Bewohnern dieses Teils der leider
zeitunglesenden Welt freigestanden hätte, drängt’s mich, in einer
unbeschäftigten halben Stunde mit der Abermeinung aufzuwarten. Noch
steht mir der Geruch in der Nase -- idealiter heißt das --, der die
Lektüre begleitete. Keineswegs, wie man füglich, doch aber voreilig
annehmen könnte, war’s der mit brav aufsaugender, konservierender
Wolle unzertrennlich verbundene männiglich bekannte, sondern Veltliner
Geruch, beizendes Weinparfüm nämlich und dieser zähe Odeur, ein in zwei
Wechselhemden heimtückisch aus zerbrochener Flasche eingeflossener,
Hemden, die ich in der Handtasche aus Bahnfahrtreinlichkeitsgründen
für 26 Stunden (außer dem frischen auf dem lesenden Leibe) bereit
hielt: ein also freventlich umkleidsamer Antibarbarus bin ich,
hört es, Silvani! Zunächst nun die „oben beregte“ Frage der
„Wichtigkeit“. Ich kann nicht einsehen -- ein typisches Merkmal des
Unverbesserlichen --, daß es minder „wichtig“ sein sollte, über
Fragen der „äußern“, der ästhetischen Kultur zu diskutieren denn
über reimtechnische etwa oder Fragen der Bühnenpraxis oder solche der
hochnotpeinlichen Politik von Fragmentfraktiönchen. Und Menschen,
die es partout nicht begreifen wollen, beziehungsweise als unwürdig
verschreien, wenn ein Dichter, nach ihrer Meinung also ein Mensch
mit einem unverrückbaren „Poetenstandpunkt“, sich „ernstlich“ um
andre Dinge bekümmert als um sogenannte „dichterische“, vermag ich
nur als betrübliche Scheuklappenstelzbeine zu bedauern. Für mich,
Andreas von Balthesser, dekadenten Autor der „Androgyne“, ist ein
„Dichter“ ein Mensch mit dichterischer Begabung, im übrigen aber
ein Mitmensch, Weltbürger und Zeitkind mit mehr oder weniger großem
Welthirn und mehr oder weniger hellen Zeitaugen. Sein „Vorzug“ vor
„Nichtdichtern“ liegt, wenn überhaupt vorhanden, im größern Reichtum
an Persönlichkeit, nützliche Mitglieder der Gesellschaft sattsam
aufregender Eigentümlichkeit, in der Fülle seiner unausschöpfbaren
Wesenhaftigkeit, in der kompliziertern Kontur. Ein beliebiger Bedichter
beliebiger Dichtbarkeiten scheint mir um dieser seiner unfreiwilligen
Merkwürdigkeit willen noch lange nichts Wunderbares. Dagegen sind mir,
seitdem ich das zweifelhafte Vergnügen habe, bewußter Nebenmensch
Nächster zu sein, Kultur, Stil, vollendete Form, blutvolle Rasse,
alles Ganze, Echte, Runde als herrliche, leider nur allzu spärlich
ausgestreute Besitztümer erschienen.
Dies also wäre die Einleitung. Und nun in medias res, wie minder
beherzte Schreiber sich anzufeuern pflegen. „Montanus“ schmäht mit
der -- Ausschließlichkeit des unverkennbaren Spreeatheners alle
Bergfahrer, die in ihrem Koffer die ihnen unumgänglich dünkenden
Abendtoiletteutensilien mitführen. Ihm gilt nur der als ein der
großen Natur, die auch er alljährlich per Rundreisebillett mit seiner
Gegenwart beehrt, würdiger Reisender, der sie, die nackende Natur
nämlich, mit Vermeidung alles ekeln „städtischen“ Rüstzeugs aufsucht.
Das Ideal -- wozu die Betonung? -- des Alpenwanderers ist sonach der
weidlich bekannte Loden- und Schafwolldeutsche, der um keinen Preis
„angesichts“ von Gletschern und Spitzen in weißer gesteifter Wäsche
und gebügelten Beinkleidern sich zu Tische setzen mag. Dies ist nun
freilich wieder einmal Geschmacksache. Keineswegs jedoch ist das stolz
verkündete Programm der verschwitzten Freizügigkeit ein Dokument von
Deutschlands größerer Reise- und Tourentüchtigkeit. Ich, Andreas
von Balthesser, der Dandy, stelle des unentwegten Lodenapostels
entrüstunglodernder Beteuerung die zwischen zwei Zigarettendampfstößen
dem Gehege meiner blankgeputzten Zähne entlassene, nicht minder von
sich selbst überzeugte Behauptung entgegen, daß die trefflichsten,
ausdauerndsten und erfolgreichsten Hochtouristen sich unter dem von
Montanus und Stilgenossen verschrienen Lackschuhpöbel finden, der
es aus Kultur der Gepflogenheit für geschmackvoller hält, an der
Abendtafel eines komfortabeln Hotels nicht in verstaubten Kniestrümpfen
und durchnäßter Joppe Platz zu nehmen. Montanus aus -- Athen stellt
die Sache fast so dar, als wäre das Mitführen eines Frack- oder
Smoking-Anzuges körperlichen Leistungen nicht nur mechanisch-physisch,
sondern geradezu moralisch hinderlich, als wäre es ein Zeichen
verächtlicher Städterei, in die Berge den Teil der Garderobe
mitzubringen, den man -- auf Bergen nicht anzulegen pflegt.
So hingeklebt äfft die Karikatur ihren leider sehr befriedigten
Bildner. Es handelt sich gar nicht darum, ob jemand mit Lackschuhen
Gletscher betritt oder im Tennisanzug Felsen erklimmt. Wer solche
Unverträglichkeiten zusammenstellt, um sie dann hohnlachend
niederzukartätschen, kämpft lärmend gegen Windmühlen vor einem
Publikum von Blindgebornen. Es handelt sich auch nicht darum, ob
jemand aus Gründen des Geldbeutels lieber einfache Herbergen aufsucht
als Engadin-Palasthotelbauten. Das sind Fragen nicht der Kultur und
Sitte, sondern der finanziellen Verhältnisse oder der persönlichen
Vorlieben. Wenn man aber, wie es der Berg- und Talgermane tut, sich
breit aufpflanzt und den Nationen des der Tageszeitung lauschenden
Erdballs mit Donnerstimme den Wilden als den bessern Menschen
verkündet, dann darf der durchaus Andersgläubige immerhin der Frage auf
den geschwollenen Leib rücken und, seinerseits alle Modifikationen
ablehnend, sich absolut versteifen.
Und dieses meint der rettungslos Versteifte -- den Dank begehrt er
nicht --: Notlage entschuldigt, rechtfertigt aber kaum. Wenn ein
Tourist, der -- sei’s nun „aus Prinzip“ oder aus Bedürfnislosigkeit
-- ohne Gepäck reist, bergmäßig angetan in einen lichterhellen
Table-d’hôte-Saal gerät, wird man den Versprengten nicht abweisen
dürfen. Sicherlich hat auch er das „Recht“, in verschwitzter Wäsche
und bestaubten Kleidern gleich den gereinigten Genossen sein Mahl
zu genießen, das er ebenso wie sie bezahlt. Unfug aber wäre es,
Terrorismus vor allem gegenüber wehrlosen Nachbarn, wollte die
Phalanx der wilden Männer durch die brutale Mehrzahl die löbliche
Sitte sprengen, der sich gerne fügt, wer auch +Gehorchen+ zu den
Kulturerrungenschaften des „Gebildeten“ zählt. Die abendliche
Speisetracht unter Menschen von Geschmack ist nicht der Lodenrock,
sondern eben der abendliche Gesellschaftsanzug. Dies zu bestreiten, ist
kein Heldentum, sondern Eigensinn. Wer, wenn er von drei Uhr morgens
bis zum späten Nachmittag gewandert und geklettert ist, nicht das
Bedürfnis fühlt, Wäsche und Kleidung zu wechseln, ist um den Mangel
dieses Bedürfnisses wahrlich nicht zu beneiden. Wer aber, wenn er’s
empfindet und ihm nachgibt, geflissentlich andre Kleidungsstücke
anlegt, als im weltbürgerlichen Europa die erprobte diskrete
Gepflogenheit verlangt, mag sich Revolutionär dünken, darf sich aber
nicht wundern, wenn ihn der andre Teil der Welt -- der diesseits aller
Hinterwäldler und Hinterweltler -- stillschweigend oder halblaut als
einen -- sagen wir artig-neutral Outsider nimmt und also traitiert. Es
ist keine Kunst, sich gegen Regeln irgend eines Milieus aufzulehnen.
Aber es ist mehr als „Kunst“, es ist +Gnade+, sich unbefangen,
+selbstverständlich+ in einem erlauchten Milieu zu bewegen. Und wenn
der deutsche, zumal norddeutsche Reisende leider noch immer dafür
bekannt ist, daß er gegen die Gesetze des gesellschaftlichen Taktes und
der konventionellen äußern Kultur (Ästhetik) unangenehm zu verstoßen
pflegt, so scheint mir, Andreas von Balthesser, Autor der „Androgyne“,
dies nicht eben ein Moment, das trotzig-selbstbewußt zu betonen,
das vielmehr in bescheidener Erziehungsarbeit mit allem Aufwand an
deutschem Fleiß und deutscher Energie allmählich endlich -- schon aus
„Humanität“ -- zu +beseitigen+ wäre.
_HERR VON BALTHESSER PHANTASIERT ÜBER DAS THEMA „DIE DAME“_
Eine Dame ist eine virtuelle Vollkommenheit, die Mängel nicht
ausschließt. Man kann eine Dame sein und muß keine Rasse haben. Man
kann eine Dame und rührend oder unverzeihlich dumm sein. Man kann eine
Dame sein und sich sogar -- schlecht kleiden. Jedenfalls kann man eine
Dame sein ohne die Spur von Eleganz, ohne die Spur von Geist. Man kann
tugendhaft wie ein englischer Gouvernantenroman und nichtsdestoweniger
eine Dame sein. Man kann Bücher schreiben und doch eine Dame bleiben,
man kann Kinder haben, sogar viele Kinder, und eine Dame sein. Es
gehört nicht Geld dazu, und Millionen müssen die Gnade nicht erdrücken.
Man darf kokett, sogar sehr kokett sein und kann doch eine unantastbare
Dame bleiben.
An eine Dame kann niemand heran. Eine Dame wird sich nichts „vergeben“.
Eine Dame wird über ihr Benehmen nie im Zweifel sein. Sie wird aber
nichts affektieren, was ihre Wesenheit zu umschreiben dienen könnte.
Eine Dame darf Launen und Passionen verraten. Sie mag versteckt, sogar
borniert, bigott, adelstolz, hochmütig, frei und großzügig, leutselig,
liebenswürdig, zuvorkommend, mürrisch, schlagfertig, jähzornig,
sentimental, melancholisch, unterhaltungssüchtig, ehrgeizig, kindisch
sein. Sie kann eine Königin der Mode, sogar eine Zierpuppe, eine
Pretieuse, eine Zimperliche (prüde) sein. Sie hat aber keinen Hang
zum Snobismus oder -- läßt ihn sich niemals anmerken. Sie mag hassen,
verachten und spotten, sie wird aber nicht maulen, raunzen, greinen,
tratschen und klatschen.
Sie gestattet Schmeicheleien, aber sie glaubt nicht daran. Sie ist
nicht laut, aber auch nicht schüchtern. Sie ist nicht grell, aber
auch nicht farblos. Sie muß nicht platt und banal, sie kann glatt,
schwierig, sie darf sogar ein unauflösliches Rätsel sein. Sie muß nicht
das Wort führen, wird es sich aber nicht nehmen lassen. Sie wird nicht
„lauschen“, aber beileibe keine Rede halten. Sie wird sich nicht in
Szene setzen, sich jedoch niemals übersehen lassen, nie dominieren
wollen und doch leise den Ton stimmen. In ihrer Nähe wird man nicht
immer Ehrfurcht empfinden, gewiß aber nicht Unverschämtheit betätigen.
Man muß sie nicht vergöttern, wird sie aber niemals überhören. Sie
wird nicht diktieren, und man wird sich ihr doch fügen. Sie braucht
nicht verführerisch, nicht anmutig zu sein, aber sie kann nicht
geringgeschätzt werden. Eine Dame respektiert man. Eine Dame kann
erwärmen und -- abkühlen. Denn eine Dame hat +Takt und immer wieder
Takt+. Dame kann man nicht +werden+.
Eine junge Dame aus bürgerlichster Familie heiratet einen
Vollblutaristokraten und „wird“ Aristokratin --: sie ist es längst
+gewesen+. Aber hätte sie einen Schnittwarenhändler geheiratet, wäre es
nicht aus ihr „herausgekommen“.
Die „Dame“ ist nicht an eine Kaste gebunden. Aber nicht in allen
Schichten ist ihr Nährboden; unterhalb einer gewissen Sphäre ist der
Begriff nicht anwendbar, bleibt die Erscheinung unerkannt. Es ist
theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß eine Ehefrau,
die ihrem Gatten, dem Papierhändler, hinter der Budel hilft oder ihm
die Bücher führt, alle Eigenschaften einer Dame besitze, dennoch
bleiben sie sozusagen unfruchtbar.
Eine Dame kann sehr gut einen Omnibus benützen, wenn sie nicht in
der Lage ist, einen Fiaker zu bezahlen, sie kann in der Küche selbst
das Essen zubereiten, das sie ihren Gästen selbst vorzusetzen den
anmutigen Stolz besitzt, sie kann eine Gewinn erzielende Tätigkeit
entwickeln, Stunden geben, Handarbeiten anfertigen, aber -- Kunden
bedienen kann sie nicht. Es gibt Damen, die Ammen sind, große Damen
sogar (der Säugling ist freilich ein Prinz des Herrscherhauses), es
gibt Damen, die den Dienst von Kammerfrauen versehen und sich eine Ehre
daraus machen (der Geschmack daran ist Erziehungssache), aber keine
Dame wird an einem Schauturnen sich beteiligen oder öffentlich einer
sozialethischen Doktrin huldigen, während es hinwiederum vorkommen
soll, daß sich unter Schauspielerinnen Damen finden (der Geschmack
daran ist -- Talentsache).
Die Dame muß durchaus nicht amüsant, braucht aber auch nicht
langweilig zu sein. Sie wird den Anspruch nicht verlieren, wenn sie
von Vergangenheiten umflüstert und wechselnden Gegenwarten geneigt
ist. Dieser Punkt ist freilich einigermaßen heikel. Aber nicht die
Brille eines Obmanns des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit wird man
aufsetzen dürfen, um hier klar zu sehen, sondern es gilt, Ohren zu
spitzen, die das Gras über Begebenheiten wachsen zu hören begabt sind.
Es gibt eine tönerne Schale des Begriffs „Dame“, die tausend Risse, und
nicht nur feine Haarrisse, sondern recht derbe Sprünge aufweisen kann,
ohne zu zerscherben. Man wird innerhalb eines Gesellschaftskreises
aus tausend Gründen der Eitelkeit, Rücksicht, Klugheit die Augen mit
Gewalt verschließen Tatsachen gegenüber, die der Mund nicht nur nicht
in Abrede zu stellen versucht, sondern sogar ganz behaglich wiederholt.
Und es gibt „Damen“, die, zum gesellschaftlichen Tod verurteilt, ein
hohes Alter der äußern Reputation erreichen. Es gibt „Damen“, über die
man sich nicht genug entrüsten kann und denen man doch nicht ernsthaft
auf den leichten Fuß zu treten wagt oder imstande ist. Die moralische
Heuchelei verträgt sich mit fader Prüderie ebensogut wie mit der
(angesagten) Inkognito-Debauche. Auch ist der Ehebruch zum Beispiel,
wenn er selbst in Permanenz erklärt ist, nach der strengen Auffassung
maßgebender Kreise noch lange nicht so verdammenswert als die
eklatante Mißheirat, und der Gatte, der eine „unmögliche“ Frau in die
Gesellschaft bringen wollte, die -- Maitressen duldet, würde bald in
Zweifel ausschließender Deutlichkeit an die Naivetät seines ungehörigen
Vorgehens sich erinnert finden.
Die Dame des Hauses ist die Seele des von ihr geladenen Kreises.
Sie weiß Harmonie hervorzuzaubern aus ungefügen Elementen, weiß
sie zu erhalten. Nichts ist bezeichnender für ein Haus als seine
Geselligkeit. Nicht so sehr die Personen, die man heranzieht oder
die sich einfinden, als ihre Stimmung. Das ist, so wenig man auch
dem Hausherrn seine Rolle verkürzen mag, den ihm gebührenden Einfluß
mindern will, Sache der Dame. Daß der Stil ihres Hauswesens sie
ausdrückt, ist selbstverständlich. Die Dame des Hauses lebt in ihrer
Tischordnung, ihrem Gerät, der Verteilung der Lichteffekte. Aber die
Dame belebt nicht nur stumme Mittel, sie dirigiert lebendige. Niemals
wird eine Dame ein Stocken des allgemeinen Gesprächs oder eine Stauung
in der Zirkulation der Mitglieder ihres Kreises dulden. Niemals werden
Längen eintreten, niemals wird ein unpassendes Presto-staccato die
Leistungsfähigkeit ihres Orchesters vor der Zeit schwächen dürfen.
Sie wird sie vielmehr zu beleben trachten, wird eine Art von Rausch
in Permanenz erhalten, der beschwingt, aber ja nicht lastende
Ernüchterung zurückläßt. Gesellschaften, denen man mit Gewissensbissen
nachhängt, sind schlecht geleitet gewesen. Es ist Sache der Dame, die
ihr zur Verfügung gestellten Talente nicht abzubrauchen. Sie muß zu
gruppieren, nicht nur Situationen, sondern auch Skalen der Beziehungen
zu schaffen wissen. Und darum muß sie zuerst unbedingt ihrer selbst
sicher sein. Worin besteht die Sicherheit des Benehmens, das die Dame
auszeichnet? Es sind nur Züge anzudeuten, die man nicht etwa summieren
darf. Summen sind immer brutal. Sicherheit ist nicht mit Ungeniertheit
zu verwechseln. Man kann geniert sein durch einen Lümmel, der sich
im Eisenbahncoupé Rock und Schuhe auszieht, durch einen Roßknecht,
der im Freien badet, durch einen Trunkenen (es muß nicht gerade ein
Trunkener sein), der an der Hauswand sein Wasser abschlägt, durch eine
Chansonette, die sich in gewagten Entblößungen gefällt. Es ist außer
Frage, daß solche „Gêne“ hier nicht gemeint ist. Das Befangensein, das
durch gesellschaftliche Situationen hervorgerufen wird, denen man sich
nicht gewachsen fühlt, aus Mangel an gesellschaftlicher Bildung, ist
der Makel, der die Kleinbürgerin von der Dame unterscheidet.
(Das große Kapitel der schlechten Manieren überschlagen wir.)
Aber nicht nur die Befangenheit, auch, ja noch mehr fast die --
Unbefangenheit ist hier von Übel.
Die Leute, die es „reizend“ finden, wenn ein Negerfürst die Mundschale
austrinkt, halten solche „Unbefangenheit“ mit Recht bei übertünchten
Europäern für anstößig.