Sie wird sich da immer sehr schwerfällig, plump und abgeschmackt
gebärden. Und ebensowenig hat die Ethik mit den zierlichen Sächelchen
zu schaffen. Beileibe auch nicht das berühmte „Gemüt“. Empfindsamkeit
in seinem Achtzehnten-Jahrhundert-Sinn schon viel eher. Es führt eine
vielfach verschnörkelte Linie vom Pretieusentum über die Empfindsamkeit
zum Chik. Der Chik aber ist nicht wie ein Stück Skulptur aus einer
Barockdeckenmalerei „täuschend“ hervorgezerrt (sehr handgreiflich
„gezerrt“), sondern eine Arabeske +im Material des gesellschaftlichen
Anstandes+, einer Welt der „andern“ Dimensionen, ebensowenig an der
Ethik wie die Ethik am Dienst-Reglement zu messen. (Die Gerade und die
Kugel -- zwei „Welten“.)
* * * * *
Unverkennbar ist die Gleichmäßigkeit der Temperatur im
gesellschaftlichen Verkehr der mehr als „Wohlgeborenen“ nicht eine
„Geschmacks“frage der leeren „Zeichen“, sondern ein musikalisches
Aufeinandergestimmtsein. Ein fremdes Element muß dem Musikalischen
sofort auffallen. Stufenweise Fortgeschrittene behalten immer etwas
beamtenhaft Rangsklassenhaftes, dessen „ärarischer“ Geruch unaustilgbar
scheint.
* * * * *
Gibt es wohl etwas Geschmackloseres als ein Festmahl, veranstaltet von
Frauen zu Ehren eines Sexualethikers?
* * * * *
Das „arrogante Gesicht“ vor Portiers und Kammerdienern. Man weiß
darum, lächelt, höhnt sogar darüber, spielt aber doch immer wieder die
mediokre Komödie. Und die Leute brauchen das. Das „liebe Gesicht“ des
jungen unter ältern Kollegen. Die charmante Bereitwilligkeit. Alles
Humbug natürlich, aber sowohl erzieherisch als wirksam ... Das gerührte
Gesicht, das ergriffene Gesicht, das nachdenkliche, das blasierte, das
unbefangene, naive Gesicht (dieses übrigens äußerst wohlfeil), das
dämonische, das faszinierende Gesicht.
* * * * *
„Er ist ein Schwein.“ Schlagende, totschlagende Kürze. Ein Spruch,
gegen den es keine Einrede mehr gibt. Wenn einmal jemand irgend
wen vor andern so gekennzeichnet hat, dann ist kein Beschönigen
mehr möglich, kein Abmildern, geschweige denn ein Zurücknehmen. Das
„Schwein“ deckt ihn ein für alle Male zu. Den Unglückseligen, der uns
einmal irgendwo als „Schwein“ vorgestellt worden ist -- in absentia
natürlich --, kann jedermann als „Schwein“ weitergeben.
Wer ist ein „Schwein“? Besser: wie +wird+ man ein „Schwein“? Nicht
der Zotenjäger ist gemeint, nicht aus Studentenbierkneipen stammt das
Wort, das wie ein Peitschenhieb über einer moralischen Physiognomie
sitzt, diese „soziale“ Bezeichnung hat hochgebornen Ursprung und
verliert sofort an Gewicht, wenn sie außerhalb ihrer Sphäre angewendet
wird. Es gibt Leute, die einfach niemals „Schweine“ werden +können+.
Das verächtliche Wort will unter Gentlemen besagen: Der und der ist
gänzlich „unmöglich“.
Es ist mancher längst ein „Schwein“, ohne es zu wissen, wenn er’s auch
-- ahnt. Aber erst der erfüllt den Begriff „voll und ganz“, wie die
Festredner mit Vereinsabzeichen sagen, der genau weiß, daß er durch
diese Handlung, jene Unterlassung ein „Schwein“ geworden ist. Manchmal
versucht er es noch, sich wieder an die Oberfläche zu bringen. Es
geschieht zitternd. Der Anblick eines einzigen Menschen, bei dem er
„Wissen“ voraussetzt, macht seine Kräfte schwinden. Endlich gibt er es
auf, flieht in die böhmischen Wälder der Vogelfreien, außerhalb der
Gesellschaft, fristet unter Masseusen und Revolverblattreportern ein
gasflammenübergossenes scheues Dasein, wird etwa, wenn er noch Ehrgeiz
besitzt, eine -- Nachtkaffeegröße. Aber sein Herz ist gebrochen.
Oder er avanciert zum Lumpen, wird frech, selbstbewußt-schamlos. Und
vielleicht kommt er noch als „Idealist“ wieder ans Tageslicht und
eifert gegen Klassenvorrechte.
* * * * *
Warum schlagen mich die Kohlenträger nicht tot, denen ich auf der
Treppe begegne, wenn ich in Lackschuhen mit der Zigarette um halb elf
in mein Bureau im Auswärtigen Amt spaziere? Ich könnte es ihnen nicht
verdenken. Vorher aber würde ich mich doch wahrscheinlich noch zu
rechtfertigen versuchen: Meine sehr geehrten Herren Totschläger, wir
haben nämlich wirklich so späte Bureaustunden im auswärtigen Amt.
* * * * *
Die sozialen Differenzen äußern sich vorzüglich in manuellen
Verrichtungen, die der eine Teil ebenso +selbstverständlich+ von
dem andern beansprucht, wie dieser sie ihm ohne Bedenken leistet.
Die Utopisten einer Sozialisierung der Gesellschaft meinen diese
Differenzen -- die das Unbewußte in der Organisation der menschlichen
Verbände ausmachen -- dadurch auszugleichen, daß jeder jeweils sein
eigener Herr und Diener zugleich, wenn auch nicht gleichzeitig zu sein
hätte. Es soll also alles bewußt, alles Fundament Oberfläche werden.
Als ob ein Bau ohne +verdeckte+ Basis möglich wäre.
* * * * *
Kriege haben nur zwischen Rassen Sinn. Kriege zwischen „Begriffen“
sind sinnlos. Verständlich sind auch Sprachen- und Religionskämpfe,
aber auch sie sind nicht so tief organisch begründet wie Rassenkämpfe,
Rassenverfolgungen, Rassenkriege.
_VOM ARISTOKRATISCHEN_
Was ist das +Aristokratische+? Eine gewisse Leichtigkeit einerseits,
eine gewisse Gewichtigkeit anderseits. Nicht mehr. Äußerlich wohl auch
ein sozusagen charakteristisches Gepräge, ein unverkennbarer Habitus.
(Aristokratische Maler: Van Dyck, Lawrence.)
Das Aristokratische an einer Frau ist eine schamhafte Freiheit.
Grobsinnige Beurteiler wollen es auf gewisse exzentrische Manieren
reduziert wissen, die jede Kokotte aufbringt. Man verwechselt da wieder
einmal die Frechheit mit der Freiheit. Auch nicht wie man ißt, geht,
sitzt, reitet, spricht, sich kleidet usw., nicht eine Summe, sondern
das in sich selbst geschlossene runde Ganze ist das Wesentliche.
„Aristokratie des Geistes“ sei hier energisch beiseite geschoben.
Dieses von „Opponenten“ aufgebrachte liebliche Schlagwort verbreitet
einen ranzigen Vernunftgeruch. Liberalismus und Doktrinarismus
überhaupt haben in diesem Gebiet der Musik aber auch gar nichts zu
schaffen. Das Aristokratische ist eine Tonart, kein Programm.
Aristokraten sind komisch, wenn sie sich ernsthaft geben, und können
vor dem Ehrfurchteinflößenden eine frivole Auflehnung gegen das wider
Willen Imponierende sich nicht versagen. Sie haben eine Anzahl niemals
einer Überprüfung unterzogener Vorurteile, denen gegenüber sie von
Zeit zu Zeit eine feierliche rituelle, geradezu hieratische Haltung
einnehmen, worauf sie allsogleich, ohne jeden Übergang, in ihren
natürlichen leichtfertigen Lebensrhythmus sich zurückfallen lassen.
Dieser Rhythmus, in dem sich ihre wohlgebildeten Erscheinungen so
fabelhaft zu Hause fühlen, ist das unbeschreiblich Schöne an ihnen. Es
ist sicherlich Kultur. Aber man darf, unwiderstehlich angezogen von
dieser erlauchten Taktmäßigkeit, nicht übersehen, daß die Kultur der
Aristokraten keinerlei geistige Errungenschaften, kaum dumpfe seelische
Werte enthält. Ihre Erziehung ist bei aller dem Bürger fremden Freiheit
im Lebensstil eine sogar mit Worten (aus Mangel) haushälterische
Schablone. Ihre Kinder verlieren die andachteinflößende reine
Kindlichkeit früher als die Kinder mancher in Traditionen anmutiger
Wohlhabenheit aufgewachsener Bürgerfamilien. Sie sind allzubald dem
kindlich unbefangenen Leben und Erleben entfremdet, indem der im Blut
sitzende Achtung einflößende Stil der Erwachsenen sie bei der schönen
freien großzügigen Familiengemeinschaft, so wie sie nur zu beobachten
anfangen, ohne auf Widerstände zu treffen, überzeugt.
Die jungen Leute sind alle frühreif, sie spielen immer ihre kommenden
Jahre: wenn sie fünfzehn sind, das achtzehnte, wenn sie achtzehn sind,
das zweiundzwanzigste, mit 23 Jahren den Mann von dreißig. Die Mädchen
sind dagegen weit über ihre Jahre hinaus jung oder vielmehr kindisch,
da ihr Geist nicht geweckt, sondern systematisch im Halbschlaf erhalten
wird. Bei den Jünglingen besorgen die sexuell vor der Zeit erfahrenen,
nur um weniges älteren Standesgenossen und das timide Benehmen der
Hofmeister, als abschreckendes Beispiel, die geistige Erziehung. Die
Wissenschaften sind von vornherein ein Deridendum, gut genug für
Kandidaten, die nichts Besseres zur Verfügung haben. Die Mädchen
werden von einem prädestinierten Gouvernantengeschlecht in einem
verhalten kichernden Respekt auf Distanz erzogen. Sie gedeihen alle zu
mütterlichen Frauen, die Jünglinge selten zu väterlichen Männern. Ein
gebildeter Standesgenosse ist ein mit scheuer Hochachtung betrachteter
Fremder von Distinktion. Halbwegs tiefer gehende Bildung -- die immer
noch oberflächlich genug bleibt -- äußert sich zunächst immer in einem
äußerst wohlfeilen Demokratismus, der vom geborenen Plebejer mit
bedientenhafter Verehrung vor dieser leutseligen Herablassung quittiert
wird.
Wenn aber ein Aristokrat echte Seelenbildung genossen und einem
gesunden Ingenium einverleibt hat, ist seine geistig-moralische
Erscheinung ein kaum übertreffliches Ganze. Die angeborene ergibt
mit der erworbenen Freiheit ein wunderbares, ununterscheidbares
Durchdrungensein. Und die vom leeren Formalismus der standesgemäßen
Bigotterie entbürdete Christgläubigkeit, das dem (vom schalen
Liberalismus unrettbar verderbten) Bürgerlichen nahezu unzugängliche
große Religiöse an einer solchen harmonischen Bildung ist ein unbedingt
Verehrungswürdiges. Wahre „verfassungsmäßige“ Freiheit kann einem
bürgerlichen Staat nur ein bedeutender aristokratischer Staatsmann
gewähren. Den Schwindel der falschen Freiheit, die verdummende Dogmatik
des Zeitenliberalismus durchschaut nur ein großzügiger Aristokrat. Das
Ritterliche im Soldatenhandwerk kann nur ein Aristokrat erweisen --
unwiderleglich wie alles Natürliche.
Das monarchistische Prinzip kann nur der die Lehnspflicht, die
Lehnstreue im Blut tragende Aristokrat aus Überzeugung stützen. Ein dem
väterlichen Boden nicht entfremdeter, aus dem geistigen Erleben nicht
ausgeschalteter, national und religiös gesinnter Adel ist neben einer
schollen- und sprachentreuen Bauernschaft noch immer das Wesenhafte
eines festgefügten Staatswesens.
_ANDREAS VON BALTHESSERS UNRÜHMLICHES ENDE_
_ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE BARONIN DELLA SERRA._
„Ich habe gestern mit dem kleinen Wartenberg gefrühstückt. Sie wissen,
Baronin, daß er Sie sehr verehrt. Er hat mich gebeten, bei Ihnen für
ihn ein günstiges Wort einzulegen. Ich entledige mich der heikeln
Aufgabe auf diese sicherlich bequemste Weise. Wenn Sie gegen seine
Verehrung nichts einzuwenden wissen, wird das der Sache nicht geschadet
haben. Ich küsse Ihre Hände.
A. B.“
_DIE BARONIN DELLA SERRA AN ANDR. V. BALTHESSER._
„Lieber Herr v. B.! Ihr originelles Briefchen werde ich dem kleinen
Wartenberg zeigen. Das soll Ihre Strafe sein. Wenn Sie heute um 6 Uhr
bei uns essen wollen, können Sie das Nähere von ihm selbst erfahren.
Nina della Serra.“
_ANDR. V. B. AN DIE BARONIN DELLA SERRA._
„Gnädigste Baronin, Ihrem Befehle nachzukommen, wird mir ein besondres
Vergnügen sein. Ein Diner bei Ihnen muß mir mein Leben wert sein.
A. B.“
+Zwei Wochen später.+
_GRAF SERGES WARTENBERG AN ANDR. V. BALTHESSER._
„Ich habe die peinliche Aufgabe, mein lieber Andreas, Dich im Namen
einer Dame, die wir beide kennen, zu bitten, Deine Besuche in ihrem
Hause einzustellen. Sie hatte geglaubt, daß es genügen würde, wenn sie
sich dreimal verleugnen ließe. Nichts für ungut.
Dein ergebener Serges W.“
_ANDR. V. B. AN DEN GRAFEN SERGES WARTENBERG._
„Ich nehme nach einiger Überlegung davon Abstand, Deinen freundlichen
Brief dem Baron Eugen della Serra einzuschicken, der meines Erachtens
dazu legitimierter gewesen wäre als der -- Unlegitimierte.
A. B.“
ZEITUNGSNOTIZ.
„In der Reitschule des ....-Instituts hat gestern ein Duell zwischen
zwei Herrn der Gesellschaft stattgefunden, das leider einen tragischen
Abschluß fand. Herr A. v. B. hat im dritten Gang eine Kugel mitten in
die Brust erhalten.“
Im gleichen Verlage erschienen von
Richard Schaukal:
Kapellmeister Kreisler. Dreizehn Vigilien
aus einem Künstlerdasein 1906
Giorgione oder Gespräche über die Kunst 1906
Literatur. Drei Gespräche 1906
Meine Gärten. Einsame Verse 1897
Vorabend. Ein Akt in Versen 1902
Von Tod zu Tod und andre kleine Geschichten 1902
Das Buch der Tage und Träume 1902
Pierrot und Colombine oder das Lied von
der Ehe 1902
+In Vorbereitung+: Goltz, Buch der Kindheit.
Neuausgabe 1907
Schlemihle. Drei Novellen.
Bei andern Verlegern:
Heinebreviarium 1897
Intérieurs aus dem Leben der Zwanzigjährigen 1901
Mimi Lynx. Eine Novelle 1904
Ausgewählte Gedichte 1904
E. T. A. Hoffmann 1904
Wilhelm Busch 1904
Großmutter. Ein Buch von Tod und Leben 1906
Verlaine-Heredia. Nachdichtungen 1906
Eros-Thanatos. Novellen 1906
Die Mietwohnung 1907
Folgende früher erschienene Bücher sind im Buchhandel nicht mehr
vorhanden:
Gedichte 1893
Rückkehr. Ein Akt 1894
Verse (1892-1896) 1896
Tristia. Neue Gedichte 1898
Tage und Träume 1899
Sehnsucht. Neue Verse 1900
Einer, der seine Frau besucht, und andre
Szenen 1902
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.